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Flitter und Schein

Hedwig Dransfeld: Flitter und Schein - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorHedwig Dransfeld
titleFlitter und Schein
publisherVerlag und Druck von J. P. Bachem
printrunDritte Auflage
yearo.J.
illustratorW. Roegge jun.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131207
projectid5a484b41
wgs9110
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6

Ein Herbst, ein Winter, ein Frühling ist vergangen, und dem Hause des Kaufherrn Thyssen haben diese drei Jahreszeiten nur eitel Glück, nur rauschende Vergnügungen gebracht. Sein Geschäft erweitert sich fast jeden Tag, so daß er vergangenen Herbst zwei neue Dampfer einstellen mußte, und auch in seiner Familie erlebte er nur freudige Dinge. Frau Erna hat in diesem Winter die langersehnte und vielumneidete Stelle eines führenden Geistes in der Gesellschaft errungen, sogar die Zeitungen berichteten über ihre Feste. Ihre Menüs, ihre Wagen, Toiletten, ihre Einrichtung, ihre Reisen, ja selbst ihre Wohltätigkeit und ihr Kirchengehen sind tonangebend für ihren Kreis; kein höheres Lob weiß man zu spenden, als: »Beinahe so, wie es Frau Thyssen macht!«

Der Stammhalter hat ein Bändchen Gedichte herausgegeben, dessen Druckkosten er selber tragen mußte, und einige liebenswürdige Redakteure taten ihm den Gefallen, für eine Viertelstunde ihre ehrliche Überzeugung zu knebeln und ihn »einen Dichter von Gottes Gnaden« zu nennen. Daß er in der Parade-Bibliothek all seiner Bekannten prangt, ist selbstverständlich; und so hat auch er fürs erste den Gipfel seiner Wünsche erreicht.

Annemarie und Frida sind seit kurzem verlobt. Sehr nette Partien, liebenswürdige junge Männer, gleiches Vermögen, gleiche Lebensanschauungen! Das muß klappen. Sie spielen die Braut genau nach der Schablone und sind im übrigen noch anspruchsvoller als früher, vielleicht, weil man sie in der letzten Zeit auf den Festen, die man ihnen zu Ehren veranstaltete, geradezu vergöttert hat; und so kommen sie ernstlich auf den Gedanken, ihre Verlobung sei der erste weltgeschichtliche Akt des laufenden Jahres, wie man überhaupt ihr Dasein als die größte Wohltat für das menschliche Geschlecht betrachten dürfe.

Ohm Peter trägt durch ellenlange Brandreden noch immer sein Redliches dazu bei, daß die Welt nicht aus den Fugen geht, und verschont mit seinem Spotte keinen, nicht einmal die gewichtige Herrin des Hauses; diese Kühnheit des alternden Sonderlings zieht oft gefährliche Scharmützel nach sich, da Frau Erna ihm an Streitsucht wenig nachgibt. – Schlecht, sehr schlecht entwickeln sich auch die jüngsten Thyssens. Frau Erna hält ihnen einen Hauslehrer und eine Erzieherin und glaubt nun das Recht zu haben, sich den ganzen Tag nicht um sie zu kümmern. Besonders eine Klage mag sie nicht hören; sie begnügt sich, die jungen Herrschaften aus dem Salon zu verbannen, wenn sie es irgendwie zu bunt treiben. Vor jedem größeren Feste bittet sie flehentlich um die Gewogenheit, sich gütigst ordentlich betragen zu wollen, und die kleinen Diplomaten verkaufen ihr Bravsein recht teuer. Kürzlich hat Ruth sogar schlankweg einen Pony gefordert für das Versprechen, bei einem besonders feinen Diner niemals ungefragt sprechen zu wollen und sich dann auch aller Schimpfwörter zu enthalten, und Heinrich tritt nur noch in Verhandlungen ein, wenn zum wenigsten ein neues Segelboot, ein Automobil oder dergleichen in Aussicht steht. Sie haben es sich wohl gemerkt, daß bei ihren Eltern Unarten viel ergiebiger sind, als selbst das liebenswürdigste und korrekteste Betragen.

Mit einer Art von schwärmerischer Verehrung hängen sie am Onkel Freiherr, dem einzigen, der diesen verwöhnten Kindern des Reichtums zu imponieren verstand. Sie durften tun und lassen, was sie wollten, sie hatten alles, was ihr Herz verlangte; die ganze Welt bückte sich vor ihnen. Aber es war, als ob eine innere Ahnung diesen tatkräftigen Naturkindern gesagt hätte, daß ein solch wildes Aufwachsen, diese regellose Erziehung, diese unbeschränkte Freiheit nicht zu ihrem eigenen Glücke sei; und nun sehnten sie sich halb krank nach der starken Hand, die allein sie zügeln konnte. Ihr höchster Wunsch bestand darin, bald einmal den Pachthof des Onkels besuchen zu dürfen und dort nach Herzenslust Gras zu mähen und Kühe zu hüten; aber gerade dieser Wunsch wurde von der vornehmen Mutter nicht erfüllt, und deshalb versuchten sie, durch die gräßlichsten Unarten ihren Willen zu erzwingen. Frau Erna sollte froh sein, sie einmal ganz aus Hamburg verbannen zu dürfen.

»Der war einer!« pflegte Ruth mit glänzenden Augen zu sagen. »Nicht mucksen durfte man bei ihm, und dabei war er doch so gut! Und klug war er auch. Ich glaube beinahe, ich bekäme noch Spaß am Lernen, wenn er mir zuweilen etwas erklären könnte. Weißt du noch, Heinrich, wie er dir den Kopf gewaschen hat, als du einmal einen ganzen Tag lang faulenztest und dann dem Hauslehrer eine freche Antwort gabst? Herrje, ich habe ordentlich für dich gezittert. Der fragte keinen Pfifferling danach, daß wir die Gören vom reichen Thyssen sind. Hinter unserem Rücken hat er uns nie Rabenbraten und ekelhafte Subjekte geschimpft und dann nachher gekatzbuckelt wie die anderen.« Dann folgte gewöhnlich ein Tränenerguß und die leidenschaftliche Erklärung: »Du, Heinrich, jetzt wissen wir bald keine Schlechtigkeiten mehr und werden deshalb wohl nie von hier fortkommen.«

Aber Heinrich beruhigte sie mit großartiger Gebärde. »Laß mich nur machen. Ich denke mir noch etwas aus, worüber ihnen die Haare zu Berge stehen.« Und Ruth trocknete ihre Tränen und sah hoffnungsfreudig in die Zukunft.

So schwebten die Jüngsten beständig als drohendes Verhängnis über dem Frieden des Hauses Thyssen. Alles fürchtete sie. Am meisten bekümmerte es Frau Erna, daß sie so wenig gesellschaftliche Talente zeigten. Bei ihren schönsten Festen machten sie gräßlich gelangweilte Gesichter und nannten alles einen »faulen Zauber«, die geistvollste Konversation war ihnen nur ein ödes Gequatsche, sie kniffen ihren Windhund in die Flanken, während eine gefeierte Primadonna von der Berliner Hofoper schmelzende Arien sang, so daß das gequälte Vieh heulend und quiekend einfiel, sie nannten einen weltberühmten Dichter und Gelehrten, den sich Frau Erna mit vieler Mühe für eine Soiree geangelt hatte, öffentlich einen alten Trantopf. Ja, es waren wirklich wilde Triebe am wohlgezogenen Thyssen-Stamm.

Und Alexa, das Edelkind des Brechtenhofes? Sie hatte viele und größere Reisen gemacht und den Becher der gesellschaftlichen Vergnügungen bis zur Neige gekostet. Ihrer Tante und ihren Cousinen war sie freilich nicht näher getreten, zuweilen vermutete sie sogar, daß ihre Anwesenheit denselben eine Last sei; aber sie respektierten den Willen des Hausherrn und fanden sich ausgezeichnet in das Unabänderliche. Deshalb konnte Alexa nicht über schlechte Behandlung klagen; sie war und blieb der höflich behandelte Gast, der alle Vergünstigungen genießt, nur sich nicht zu Hause fühlen darf. Jeden Monat lief von ihrem Vater eine beträchtliche Geldsumme für ihre Toiletten und ihre sonstigen Ausgaben ein, und sie wunderte sich fast, daß der Pachthof soviel abwarf; sie ahnte ja nicht, daß der Freiherr selbst die Arbeiten eines Knechtes übernahm, daß er Tag und Nacht schaffte und rechnete, um ihr ein angemessenes Taschengeld zu verschaffen.

Ob sie glücklich war? Sie hätte es sein können, wenn ihr Charakter demjenigen von Frida und Annemarie ähnlich gewesen wäre; aber ihr Vater hatte ihr Gemüt aufgerüttelt bis in seine tiefsten Tiefen und die Mauer ihrer feudalen Grundsätze die erste Bresche gelegt. Sie war nicht mehr wie früher, mit hellen Augen schritt sie durchs Leben, und die glitzernde Oberfläche verdeckte ihr nicht mehr die Krebsschäden der Gesellschaft. In ihren Kreisen wurde sie gefeiert, nicht nur als die Baronesse von Brechten-Bredau, sondern auch als die Nichte des reichen Thyssen, der jedenfalls eine sonnige Zukunft lachte; aber zufrieden war sie nicht, die Vergnügungen allein konnten ihr strebendes Herz nicht ausfüllen. Sie wurde tätig und arbeitsam, beaufsichtigte die Dienerschaft, nahm ihrer Tante manche Sorgen des Haushaltes ab und war der erste Gehülfe ihres Onkels in seiner Privatkorrespondenz. Das Vertrauen, welches man allgemein in ihre sichere Ruhe, ihre Gewissenhaftigkeit setzte, machte ihr Freude. – Nein, zu den Lilien des Feldes gehörte sie nicht. Aber hundertmal kam ihr der Gedanke: Hat nicht dein Vater die ersten Ansprüche auf deine Tätigkeit, deine Liebe, deine Sorge? – O, wenn doch nur in seinen Briefen ein einziges Wort von Sehnsucht spräche! Es erging ihr wie manchen schwachen Menschen. Sie mögen nicht die Folgen eines kräftigen Entschlusses auf sich nehmen, und deshalb betteln sie den Himmel an, durch ein Ereignis – sei es gut oder böse – sie auf den Weg zu stoßen, den sie wandeln sollen. Hätte ihr Vater sie gerufen, sie würde keinen Augenblick mehr gezögert haben, das Haus ihres Onkels zu verlassen, obgleich auch sie noch nicht über die Lockungen der großen Welt erhaben war. Eine Anstrengung hätte es gekostet, ganz gewiß, ihre vielversprechende Zukunft und alle ihre Grundsätze auf dem einsamen Pachthof zu vergraben; jedoch sie würde siegreich bleiben in der Liebe zu ihrem Vater! Allein er rief nicht, seine Briefe waren herzlich und liebevoll, aber das Wort, nach dem sie durstete, fand sie nicht. Ein Brechten-Bredau mußte ohne fremde Hülfe auf den Weg der Pflicht zurückkehren können.

Sie sitzt auf der Veranda der Villa Thyssen und läßt den Blick träumerisch über die Blütenpracht des Gartens schweifen. Vor einem Jahre klopfte sie hier an als Bettlerin, und wie viele Ereignisse drängten sich in die kurze Zeit von damals bis heute! Ihre Hand, die noch immer den Siegelring des Großvaters trägt, umschließt krampfhaft einen Brief mit den großen, festen, ach, so geliebten Schriftzügen. Wie geschäftsmäßig, beinahe kühl seine Mitteilungen sind! Und doch ist es ihr, als ahne sie die Angst, die Hoffnung, die bange Sehnsucht, die zwischen den Zeilen zittert.

Frau Erna geht vorüber. »Du vergissest doch nicht, um sechs Uhr zur Bahn zu fahren, um Lucie abzuholen? Großer Gott, die meisten unserer Verwandten machen uns Schande, bringen uns in den Mund der Leute. Es ist unverzeihlich.«

Alexa fährt auf, unzufrieden darüber, daß sie über ihrem eigenen Kummer die Ankunft der Cousine vergessen konnte und das große Leid, welches dieselbe betroffen hat. Wie niedergebeugt, wie mutlos mußte das sonst so stolze Mädchen sein! Alexa nimmt sich vor, alles aufzuwenden, um sie zu trösten. Ihr Vater, ein Bankier, hat nämlich im Laufe des Winters Bankrott gemacht, und es ist für die Familie nur sehr wenig übrig geblieben, sie hat ihre Rolle in der Gesellschaft ausgespielt.

Sie ruft Ruth und fordert sie auf, mit ihr zur Bahn zu fahren; Lucie muß sich nach ihrer Meinung unangenehm berührt finden, wenn sie sieht, daß jetzt in ihrem Unglück kein einziger der Familie Thyssen es der Mühe wert hält, ihr eine Aufmerksamkeit zu erweisen.

Ruth ist sofort bereit. Im ganzen sind die Jüngsten ziemlich rücksichtsvoll gegen Alexa, weil sie die Tochter des geliebten Onkel Freiherrn ist, obgleich sie das Benehmen derselben nicht begreifen können. Sie lebt in dem schrecklichen Hamburg und hat doch einen Pachthof mit den schönsten Kühen und Gänsen; ihr Vater ist das Ideal eines Onkels und eines guten Menschen überhaupt, und keiner verwehrt ihr, noch heute hinzureisen. Wie kann man in einem solchen Falle an Bällen und Soireen, an Opern und Symphonie-Konzerten Gefallen finden? – Das geht wirklich über Ruths Horizont hinaus.

Der Zug von Bremen ist gerade eingelaufen, und Alexa ist nicht wenig erstaunt, als eine hell gekleidete Mädchengestalt sich durch das Gedränge windet und eine fröhliche Stimme ihr »Guten Abend« bietet.

»Da seid ihr ja. Fast glaubte ich, allein nach der Villa Thyssen fahren zu müssen. Brav von euch, daß ihr mich abholt.« Und mit lustigem Lachen umarmt sie die Cousinen.

Alexa traut ihren Augen kaum. Ist dieses junge, so froh und sicher dreinschauende Mädchen denn wirklich Lucie, von der Tante Erna sagt, daß sie arm – bettelarm geworden sei? Wie fest ihr Gang ist, mit welcher Ruhe sie durch die Säle und Fluren schreitet, dann und wann einem Bekannten freundlich zunickend! Es muß ein Geheimnis dahinter stecken, und Alexa ist neugierig, wie es sich aufklären wird.

Auf der Fahrt sprechen sie wenig, aber nachher, als sie zusammen in einer Laube sitzen, wird Lucie mitteilsamer. »Ich sehe, ihr seid alle überrascht, daß ich unser Unglück so offenbar auf die leichte Schulter nehme. Unglück? – Wenn ich nicht an meinen armen Vater dächte, möchte ich es fast einen Glücksfall nennen. Und weißt du, Alexa, wem ich diese verdrehte Ansicht verdanke?«

Alexa schüttelt verwirrt den Kopf. »Siehst du, dein eigener Vater ist es, der mich komischen Kauz auf dem Gewissen hat. Seit jenem Tage, da er mit solch flammender Beredsamkeit von den Salonpuppen sprach, hat es in mir genagt und gepocht, und immer breiter machte sich in meiner Seele die Scham über mein nutz- und tatloses Dasein. Ja, die glühende Scham, Alexa. Oft stand ich am Fenster und sah die Fabrikarbeiterinnen vorbeihasten und hörte das Hämmern und Dröhnen der Eisenwerke; dann war es mir, als müßte ich laut aufschreien und etwas ganz Unerhörtes tun, um meinem Leben Inhalt und meinem Herzen Frieden zu verschaffen. Aber ich war ja die Tochter des reichen Bankiers, der alle Freuden dieser Erde winkten; nach wenigen Stunden hatten sie mich regelmäßig wieder eingelullt, unerbittlich in ihren Traumring gezogen. Ich wäre geblieben, wozu ich erzogen wurde, eine von jenen seelenlosen Lilien des Feldes, wenn nicht der Krach, das Unglück mich aufgerüttelt hätte.«

»Aber dein Vater?« wirft Alexa leise ein.

»Mein armer Vater, du hast recht, ihn traf es am schwersten. Aber er ist mit Ehren vom Schauplatz abgetreten, das Letzte haben wir geopfert, um unsere Gläubiger zu befriedigen. Und mich hat er gewonnen durch das Unglück, eine Tochter, die den Kampf um das Dasein aufnehmen will durch ehrliche Arbeit. Von jenem Augenblick an, da mein Vater mir die Trauernachricht brachte, wurde es hell in meinem Geiste, meine Muskeln strafften sich, es war mir, als sei ich plötzlich aus einem tiefen, narkotischen Schlafe erwacht. Ich hätte lachen und singen mögen, wenn mich nicht die Rücksicht auf meine Familie zurückgehalten hätte. Auf einmal fühlte ich, wie stark ich war.«

»Und wie gedenkst du jetzt deine Zukunft zu gestalten?«

»Du weißt doch, daß ich von hier aus mit einem Dampfer nach London fahre, um einen Kursus in der englischen Sprache mitzumachen. Von da geht es nach Göttingen zur Universität. Das Lehrerinnen-Examen habe ich bereits gemacht, eine der vielen Spielereien, welche ich mir nach meiner Schulzeit erlaubte. Aber ein wohllöbliches Ministerium hat auf dieses Examen noch ein anderes gesetzt, zu welchem man sich nur in den geheiligten Hallen der Alma mater vorbereiten kann. Und da ich beabsichtige, das Lehrfach zu meinem Lebensberuf zu machen, möchte ich vorher diese höchste und schwierigste Staffel erklimmen, ehe ich mich in der Praxis zu betätigen wage. Eine Stelle an einer höheren Mädchenschule des Rheinlandes ist mir schon halb und halb zugesagt. Ich werde also die Ehre haben, nach Verlauf von zwei oder drei Jahren ex cathedra meine Worte an die lauschende Welt zu richten und mich in jedem Briefe gehorsamst zu unterzeichnen: Lucie Thyssen, wissenschaftlich geprüfte Oberlehrerin. Das heißt, wenn alles gut geht. Übrigens freue ich mich närrisch darauf, nächstens einer Bande von jungen Mädchen allerlei Weisheit eintrichtern zu dürfen. Ich sage dir, Alexa, sie sollen bei mir mehr lernen, alles was die Mode erfordert. – Und das schöne Geld erst, das ich für meine Mühe nach Hause bringe!«

»Will denn Onkel Franz Prosper nichts für dich tun?«

»Selbstverständlich, er hat ja so viel Familiensinn. Ich habe ihm aber ins Gesicht gelacht, in aller Ehrfurcht natürlich. So dumm bin ich doch nicht, um mich gleich wieder ins Joch zu begeben, nachdem ich eben mit knapper Not freigekommen bin. Danach wollte er mir ein paar Tausendmarkscheine aufdrängen, für meine Ausbildung, wie er sagte. Ich habe natürlich meinen schönsten Knix gemacht und erwidert: »Borgen macht Sorgen, und ich möchte lieber recht vergnügt und sorglos durchs Leben gehen«.«

»Aber wie kannst du ...?« meint Alexa stockend.

»Sprich es nur aus, das schreckliche Wort. Wie kannst du die Universität beziehen, wenn du arm bist wie eine Kirchenmaus? Ja, siehst du, jetzt werde ich dir haarklein beweisen, wie oft im menschlichen Leben aus einem bösen Kern ein ganz netter, brauchbarer Stamm erwächst. Meine zahlreichen Basen, Onkels und Vettern hatten die schlechte Angewohnheit, mich von meinen Backfischjahren an mit Schmucksachen zu überschütten, wie weiland Frau Holle die Gold-Marie. Kein Weihnachtsfest, kein Geburtstag ohne diesen goldenen Regen. Ich habe mich oft weidlich geärgert, daß man glaubt, die einzige Hoffnung und Sehnsucht eines Mädchenherzens seien dergleichen Firlefanzereien; und nachher – o Satire des Lebens – habe ich mein Schmuckkasterl gesegnet, wie ein Vater sein wohlgeratenes Kind. Es hat mir nämlich fünftausend Mark eingebracht, und mit diesen kann ich in den nächsten Jahren leben wie eine Fürstin.«

Alexa sitzt sinnend neben ihr, in Gedanken ihr eigenes Schicksal mit demjenigen Luciens vergleichend; und errötend muß sie sich gestehen, daß sie von beiden nicht die Größere gewesen ist. Bewunderung erfüllt sie, und sie will derselben durch ein schwaches Wort des Lobes Ausdruck geben. Da legt die andere plötzlich den Kopf auf ihre Schulter, und unter Tränen flüstert sie:

»Mein Vater, mein armer Vater! So schwer hat ihn der Schlag getroffen, daß er krank und müde davon geworden ist. Und die Mutter, die ihn trösten könnte, längst im Grabe! Er weilt augenblicklich bei meiner Schwester, jener, die zuweilen den Pegasus tummelt, wie unser Vetter Franz Prosper. Sie ist gut und wird den Vater nach besten Kräften erheitern und pflegen. Aber ihr Mann ist ein ganz anderer Schlag als unser Vater, sie haben sich nie verstehen können. Es ist schwer für ihn. »Mut, Mut, Väterchen!« habe ich ihm hundertmal gesagt. »Nur zwei oder drei Jahre noch, dann bin ich so weit, daß ich dein und mein Brot verdienen kann. Du kommst zu mir, und wir leben zusammen wie die Götter.« O, Alexa, wenn die schreckliche Studienzeit doch erst vorbei wäre!«

An diesem Abend ist Alexa im Familienzimmer so wortkarg wie selten; immer stehen vor ihrem Auge zwei junge Mädchen, von denen das eine ringt und schafft, um sich selbst und den Vater zu ernähren, das andere in Hochmut und eitler Weltliebe das Gnadenbrot in fremdem Hause ißt, anstatt dorthin zu gehen, wohin es gehört. Sie soll nicht einmal für den Vater arbeiten wie Lucie, sondern nur sein Trost, seine Freude, seine Stütze sein, ihm, der so lange sein einziges Kind entbehren mußte. Trotz allem hat sie ihn verschmäht. Es kommt ihr vor, als ob es für ein solches Verbrechen hienieden keine Verzeihung gäbe.

Die halbe Nacht sitzt sie mit brennenden Augen vor ihrem Tische, die Feder in der zitternden Hand. Hinter ihrer heißen Stirn drängen und fluten die Gedanken, aber so arm scheint ihr die Sprache, um alles auszudrücken, was sie empfindet. Der laue Juniwind führt Wogen von Blütenduft ins Zimmer, draußen im Grase zirpt ein Heimchen, eine Motte stößt mit scharfem Flügelschlag gegen die rosige Kuppel des elektrischen Lichtes. Und Alexa schreibt; alles, was an Liebe und kindlicher Dankbarkeit in ihrem Herzen wohnt, will sie in dieser Nacht auf das wappengeschmückte Papier bannen. »So sage mir doch, Vater,« bittet sie, »daß ich dir fehle zu deinem Glück, daß du meine Heimkehr ersehnst; ich warte ja auf deinen Ruf, um alles hinter mir zu lassen und in deine Arme zu fliehen.«

Von dieser Nacht an ist sie in beständiger fieberhafter Erregung, die sich noch steigert, wenn der Diener die Familienbriefe in den Salon bringt. Aber Tag um Tag wartet sie umsonst auf den Ruf des Vaters; freiwillig und gänzlich unbeeinflußt soll das Edelkind von Brechten-Bredau heimkehren auf das Gut seiner Väter.

*

»Wie geht es doch dem gräflichen Ehepaar Staniewsky?« fragt Lucie eines Tages, da die ganze Familie in einem der Salons sitzt, dessen Türen auf die Veranda hinausführen.

Über Ohm Peters Gesicht fliegt ein Grinsen, er bereitet sich auf einen recht spöttischen Bericht vor mit dem Wohlbehagen eines Feinschmeckers, der sich hinter einer mit raffiniertem Luxus ausgestatteten Tafel niederläßt. »Ja, das sind nun so polnische Grafen! Die haben ihre Güter auf dem Mond oder sonst irgendwo im Weltenraume; auf der lieben Mutter Erde kann wenigstens der beste Feldstecher sie nicht ausfindig machen. Wovon sie denn leben, willst du wissen? Von der Güte des himmlischen Vaters und braver. vertrauensseliger Menschen. Zum Mittagessen lassen sie sich einladen, zum Abendessen laden sie sich selber ein. Ihre Toiletten, übrigens stets schick und elegant, nehmen sie auf Pump, die Wohnungsmiete bleiben sie schuldig. Mein Liebchen, was willst du noch mehr? Im übrigen recht scharmante Menschen, die ihren lieben Nächsten rupfen, wo sie können, an keinem ein gutes Haar lassen und auf ihren polnischen Adelsbrief mit der neunzinkigen Krone stolz sind wie weiland Nabuchodonosor, der schließlich Gras fressen mußte wie ein Ochs. Wer weiß, was ihnen selber noch einmal passiert, dem Herrn Grafen und seiner wunderschönen gnädigen Frau, ja!!« Ohm Peter sieht sich triumphierend im Kreise um.

»So also steht es mit ihnen,« meint Lucie sinnend. »Und sie verkehren noch immer in eurem Hause?«

»Was willst du,« erwidert Frau Erna, »etwas Positives kann man ihnen nicht nachsagen. Zwar die Geschichte von den Gütern in der Weichselniederung war ein Humbug, der Graf hatte bereits alles verpraßt und verschwendet. Lieber Himmel, man kennt ja die Jugend von heutzutage. Und wenn er noch der reiche Staniewsky gewesen wäre, so würde er sich schwerlich mit einer Laska eingelassen haben. Aber man kann ihnen doch nicht sofort die Tür weisen. Zwar weiß niemand, wovon sie leben, Schulden haben sie auch; aber beide sind amüsante Gesellschafter, von altem Adel ... voila tout. Zur rechten Zeit kann man sich schon zurückziehen «

»Dann wirst du es bald tun müssen, wenn du noch zur rechten Zeit kommen willst,« höhnt Ohm Peter. »Alle Anzeichen sprechen für den nahen Kladderadatsch.«

»Der Herr Graf und die Frau Gräfin Staniewsky,« meldet der Diener, und Frau Erna macht in ihrer königlichen Weise ein bejahendes Zeichen.

» Lupus in fabula!« Ohm Peter springt auf und wendet sich zur Tür. »Ich kann mir nicht helfen, aber die Herrschaften wirken schlecht auf mein Podagra ein. Und Ohrensausen, Schwindel und Alpdrücken bereiten sie mir auch. Ich empfehle mich.«

Der flüchtige Blick findet das gräfliche Ehepaar kaum verändert; aber bei näherem Zuschauen merkt Lucie, daß sie sich in jener Übergangszeit befinden, da die Eleganz anfängt, schäbig zu werden. Das etwas laute, dreiste Benehmen, die Sprechweise, die stark vom Berliner Akzent durchsetzt ist, die unruhig glühenden Augen und die etwas verfallenen Gesichter passen dazu vortrefflich. Das Leben muß sie in diesem Jahr scharf mitgenommen haben.

Die durch Leiden geläuterte Lucie begrüßt die Gräfin freundlicher, als sie es sonst getan haben würde. Sie ist nicht mehr so schön als früher, obgleich sie noch in jeder Gesellschaft Aufsehen erregt; daß der Schmelz ihrer Farben im Schwinden begriffen ist, kann durch allerlei künstliche Mittel nur unvollkommen verdeckt werden, und um die vollen Lippen zittert eine tief eingegrabene Linie, die von Bitterkeit und ätzendem Spott spricht. Aber sie bewegt sich noch genau so wie in den Tagen ihres Glanzes, und auch die erste Tugend ihres Herrn Gemahls scheint noch immer eine edle Dreistigkeit, ein aufdringlich zur Schau getragener Hochmut zu sein.

Noch ein paar andere Besuche erscheinen, die Gesellschaft belebt sich; die einen haben sich auf die japanischen Bambusstühlchen der Veranda niedergelassen, andere sitzen im Salon und blättern in den Prachtwerken, die auf dem mit Perlmutter eingelegten Paradetisch liegen; die Jugend vergnügt sich im Garten mit Ball- und Reifenspiel. Die Besuche bei den Thyssens sind immer recht zwanglos; Frau Erna bindet ihre Gäste für gewöhnlich durchaus nicht an eine Richtschnur des Vergnügens, sie mögen kommen und gehen und sich unterhalten ganz nach Belieben. Auch die Dienerschaft ist auf diese Freiheit der Gäste eingeschult.

Alexa sitzt indessen im Privatzimmer ihres Onkels, prüft allerlei eingelaufene Rechnungen und zählt die Beträge zusammen. Frau Erna ist mit der Aussteuer für ihre Töchter beschäftigt, und es ist auch der Wille ihres Gemahls, daß dabei nicht geknausert wird. Einen großen Pack Forderungen der ersten Geschäfte Hamburgs hat sie soeben zur Erledigung gesandt, und Alexa hilft wie gewöhnlich ihrem Onkel, die Beträge zusammenzustellen.

Flüchtig gleitet ihr Blick über die genau angeführten Posten: Leinen, Stickereien, Toiletten, Silberzeug, Teppiche, Schmucksachen, Porzellan- und Kristallwaren; der niedliche Silberstift trägt die Summen in das Haushaltungsbuch ein mit kurzem Vermerk und der Angabe des Datums. Dann addiert sie.

»21 450 Mark, Onkel,« unterbricht ihre jugendliche Stimme die geheiligte Ruhe des Privatkabinetts.

»Ich runde die Summe auf 25 000 Mark ab, da Erna für unser Abschiedsfest in den nächsten Tagen einige größere Summen in der Hand haben möchte. Hundert lästige Scherereien lassen sich oft ersparen, wenn man sofort bezahlt. Du hast wohl die Güte, ihr alles zu überbringen.«

Er hat aus dem Geldschrank eine Kassette geholt, die aus schwerem Eichenholz kunstvoll geschnitzt ist und die Aufschrift trägt: Privatkasse. Auf dem Deckel befindet sich eine dramatisch bewegte Gruppe: der Geiz, welcher mit verzerrten Gesichtszügen seine Geldsäcke gegen den Tod verteidigt. Ein leises Lächeln fliegt um die Lippen des Kaufherrn, wie es immer geschieht, wenn sein Blick auf diese Künstlersatire fällt. Er weiß selbst nicht, welche Macht sie über ihn hat, und daß es ihm unmöglich ist, ein Almosen zu verweigern, eine Bitte nicht zu erfüllen, wenn er sich den langen, dünnen Spinnenfingern des Geizhalses und der drohenden Sense von Freund Hein gegenübersieht.

Gleichgültig schiebt er mit dem Mittelfinger einen Schein nach dem anderen aus dem geöffneten Kasten auf den Tisch. »Fünfundzwanzig!« Der Deckel klappt wieder zu, mit leisem Knirschen bewegt der Schlüssel das kunstvoll gearbeitete Schloß.

Wie sie so hübsch da auf dem Tische liegen, die neuen braunen Scheine, fast wie eine Reihe von Soldaten in Flankenstellung! Sie bilden ein kleines Vermögen und sind doch so leicht, daß ein Windhauch sie entführt, ein paar Wassertropfen sie vernichten. Seltsamer Reichtum, der so rasch und so spurlos verschwinden kann! – Alexa schlägt die Scheine in ein weißes Papier, daß sie mit einem dünnen Faden umwindet und mit dem Petschaft ihres Onkels versiegelt. »21 450 Mark für Rechnungen, der Rest für das Abschiedsfest,« sagt sie noch einmal; und ihrem Onkel freundlich zunickend, verläßt sie das Zimmer.

Nur noch wenige Tage sind es bis zu dem Feste, auf welchem Annemarie und Frieda von der Hamburger Gesellschaft Abschied nehmen sollen. Der Kaufherr hat nämlich beschlossen, die Doppelhochzeit auf seinem Waldschloß in Thüringen zu feiern, und schon in der nächsten Woche wird die ganze Familie dorthin abreisen. Im Hochsommer findet die Vermählung statt; gleich darauf treten beide Paare ihre Südlandsfahrt an, um erst mitten in der Wintersaison wieder in der Gesellschaft zu erscheinen. Deshalb wollen die Freunde des gastfreien Hauses Thyssen ihnen einen glänzenden Abschied bereiten.

In dem an die Veranda stoßenden Salon findet Alexa ihre Tante, der sie ihr Banknoten-Päckchen übergibt und ihre Bestellung ausrichtet.

»25 000 Mark?« fragt Frau Erna höchst gleichmütig. »Er hätte das Geld ruhig auf 30 000 abrunden können, denn ich werde nicht viel dahinter zurückbleiben. Lieber Himmel, die Leute fordern ja geradezu sündhaft, wenn sie hören, daß die reichen Thyssens die Auftraggeber sind.« Sie wirft das Päckchen achtlos in ein mit chinesischen Farben bemaltes Ebenholzschränkchen, das mit einigen Porzellanfiguren, einem Zigarrenständer, einem Kartenteller und anderen Kleinigkeiten angefüllt ist. »Bis sogleich. Ich muß mich zuerst nach der Gesellschaft umsehen.«

Alexa ist hinter sie getreten und weist auf den Rand der Schranktüre. »Es ist kein Verschluß daran,« warnt sie.

Frau Erna zuckt hochmütig die Achseln. Sie ist eine vornehme Dame und muß deshalb wenigstens äußerlich sehr gleichgültig in Geldsachen sein; so lange alles glatt abgeht, wird sie diese Gleichgültigkeit auch bewahren, aber unerbittlich ihr Recht verfechten, wenn jemand das Mein und Dein verwechseln wollte. »Ah bah, du tust ja, als ob wir von einer Diebesbande umgeben wären. Und schließlich, wer wird in diesem Schränkchen auch nur einen Pfennig Geld vermuten?« Flüchtig blickt sie sich im Salon um, der zu ihrer Befriedigung leer ist.

Weder sie noch Alexa sehen die Figur, die in einer Palmengruppe an der Verandatür lehnt und unter den langen, dunkeln Augenbrauen hervor glühende Blicke nach den beiden Frauen schießt. Als Frau Erna aus die Veranda hinaustritt, duckt sich die Gestalt tiefer in die breiten Wedel hinein; dann reckt sie sich langsam wieder empor, horcht angestrengt, späht, duckt sich zum zweiten Male zurück. Der Hall von Frau Ernas leichten Tritten ist verhallt, – die jüngsten Thyssens erheben irgendwo im Garten ein Indianergeschrei; sie haben einen Igel gefunden, und die ganze Gesellschaft setzt sich in Bewegung, um das Naturwunder zu besichtigen. Die Gestalt hinter der Palmengruppe benutzt den unbewachten Augenblick, wie ein Schatten löst sie sich aus dem grünen Dämmerdunkel und verschwindet im Salon ...

*

Die eleganten Herren und Damen, die im zoologischen Garten achtlos an den seltsamsten Tierformen der tropischen Welt vorübergehen, können sich scheinbar an dem stacheligen Vierfüßler nicht satt sehen. Schon seit zehn Minuten umkreisen sie ihn, von allen Seiten wird ein Gutachten abgegeben, als ob jeder von ihnen ein verkappter Professor der Naturwissenschaften sei. Das ist doch einmal etwas anderes als all die wunderbaren Dinge, die man sich nach schwerem Eintrittsgeld auf Befehl der Göttin Mode betrachtet!

Annemarie liegt sehr hübsch und graziös auf einer Gartenbank und hebt einmal die Lorgnette, ein anderes Mal den Fächer, um ein kräftiges Gähnen zu verbergen. Da kommt der Geist der Flegelei über Ruth; sie flüstert ihrem Bruder Heinrich etwas zu, und dieser ergreift mit zwei Fingern den Igel an einem seiner Stacheln, schwenkt ihn und schleudert ihn dann in hübschem Schwunge seiner Schwester Annemarie genau in den Schoß.

»Bravo!« kräht Ruth, dann schlagen sich beide Musterkinder seitwärts in die Büsche.

Noch niemals ist Annemarie so formlos von ihrem Lager emporgesprungen wie in diesem Augenblick, noch niemals hat sie ihre Kleider so derbe geschüttelt, allen Regeln der Etikette zum Trotz. Aber das geängstigte Tier hat sich mit seinem spitzen Schnäuzchen in den lichtblauen Stoff festgebissen und hängt nun daran, wie eine mächtige Kastanie. Annemarie würde zweifellos in Ohnmacht gefallen sein, wenn nicht Graf Staniewsky, der gerade aus einem Seitenweg hervorstürzte, sie in ritterlicher Weise von ihrem unangenehmen Besucher befreit hätte.

Er ist wieder einmal der Held des Tages; Frau Erna dankt ihm in überschwenglicher Weise, während sie gleichzeitig ihrem Jüngsten eine Tracht Prügel verheißt. – Tracht Prügel? – Sie beißt sich auf die Lippen, nachdem das schrecklich gewöhnliche Wort denselben entflohen ist. Wie kann sie sich nur so weit vergessen? Die Rangen der Hafenarbeiter werden mit Prügel großgezogen, selbstverständlich, – ein Millionärskind dagegen erhält höchstens einen Verweis, wenn es auch frech ist wie ein kleiner Teufel.

Graf Staniewsky muß durch den Vorfall in gute Laune gekommen sein, denn er übertrifft sich selber in geistreicher Plauderei, seine Augen brennen in fast verzehrendem Feuer; aber seltsam, so nervös haben seine Hände, die er bei der Rede stets lebhaft zu bewegen pflegt, noch nie gezittert. »Wir werden für die nächste Zeit Abschied nehmen müssen, gnädige Frau,« – ein heimlich drohender Blick fliegt zu seiner Gattin hinüber, die erstaunt aufblickt, – »denn auch wir denken zu verreisen. Der Entschluß ist ziemlich plötzlich gekommen. Wohin wir gehen? – Über Nacht kommt Rat, heute wissen wir es noch nicht. Nach Norwegen, Ostende, an die Riviera ... Globe-trotter wie wir sind in der halben Welt daheim.«

»Aber an unserem kleinen Feste werden Sie doch noch teilnehmen?«

»Schwerlich, gnädige Frau, so hart es uns auch sein wird. Unsere Reisedispositionen sind nämlich schon getroffen ...« Er redet noch allerlei verworrenes Zeug und verabschiedet sich dann sehr eilig, zum großen Ärger seiner Frau Gemahlin, die ihm anscheinend nur ungern folgt.

Ohm Peter ist bei den letzten Worten des Grafen in die Gesellschaft getreten. Nun steht er da wie ein rechter Protz mit vorgeschobener Unterlippe und zwinkernden Äuglein. »Da schau' mal einer an! Solch ein polnischer Graf! Nach Norwegen will er, gerade als ob er Majestät selber wäre. Ob eine seiner Tanten ihm den Gefallen getan hat, das Zeitliche zu segnen, oder ob ihm sonst ein Gaunerstreich gelungen ist? Denn Moos hat er wieder, so wahr ich Peter Thyssen bin, leider nur Wohlgeboren. Bin aber zufrieden damit. Ja!«

*

Als Alexa sich an diesem Abend in ihr Zimmer zurückziehen will, wird sie noch einmal durch einen Diener gestört. – Die gnädige Frau lasse die Baroneß in den Verandasaal bitten. Etwas erstaunt folgt sie der Weisung.

Die beiden Franz Prosper, Frau Erna, sowie Annemarie und Frieda umstehen das chinesische Schränkchen, dessen Tür weit geöffnet ist. Frau Erna wendet sich schroff nach der Eintretenden um. »Du warst Zeugin, – alleinige Zeugin, – als ich das von meinem Manne mir übersandte Banknotenpäckchen hier hineinlegte. Jetzt ist es spurlos verschwunden. Weißt du etwas über den Verbleib des Geldes?«

Fünf Augenpaare richten sich auf sie mit jenem unbestimmt fragenden Ausdruck, der in solchen Fällen allein schon eine Beleidigung ist. »Das Geld ist fort, – du allein wußtest, wo es lag, – nun rede, wo es geblieben ist.« Eine Blutwelle überflutet Alexas Antlitz, aber sie knickt nicht zusammen unter den forschenden Blicken, sie richtet sich hoch und stolz auf. Verteidigen kann sie sich nicht, denn niemand hat sie ja mit Worten beschuldigt; und wie sie Onkel Franz Prosper kennt, wird es auch niemand zu tun wagen, aber auch diesen schweigenden Verdacht muß sie zu entkräften suchen. »Ich weiß nichts,« erklärt sie einfach.

»Das ist zum wenigsten – sonderbar.« Frau Erna scheint die Gelegenheit benutzen zu wollen, um der ungeliebten Nichte vor allen ihren Familiengliedern eine verdiente Kränkung zuzufügen. Hart wie Stahl glänzt ihr Auge, aber auch Alexas Gesicht nimmt jetzt einen eisigen Ausdruck an. Also auch der Lüge will man sie zeihen, sie, die noch nie ein unwahres Wort ausgesprochen hat? Das Blut der Brechten-Bredau regt sich in ihr. Sie ist so nahe mit dem Kaufherrn verwandt, daß ihre Ehre auch die Ehre der Thyssens ist, sie hat jetzt ein ganzes Jahr mit der Familie gelebt, und schon viel größere Summen sind durch ihre Hände gegangen; und sobald nur der Schein eines Verdachtes auf sie fällt, ist alles vergessen. Ihre Lippen kräuseln sich verächtlich.

Aber noch ehe sie ein Wort reden kann, hat der Kaufherr sich zu ihr gewendet; sekundenlang zitterte es über sein Gesicht, wie der Blitz einer plötzlichen Erkenntnis, und jetzt erklärt er mit seiner festen Kommandostimme, die jeden Widerspruch im Keime erstickt: »Ah, ich erinnere mich, wo das Geld geblieben ist. Ich werde euch morgen das weitere darüber mitteilen, für heute wollen wir die Kleinigkeit ruhen lassen. Es tut mir leid, Alexa, daß wir dich noch bemüht haben, du warst gewiß schon im Begriff, dich schlafen zu legen. Nun, dann gute Nacht, mein Liebling! Und morgen zwischen zwölf und ein bist du wieder mein Gehülfe, nicht wahr?« Er küßte sie väterlich auf die Stirn, wobei er die schlanke Gestalt in seinen Armen zittern fühlt. Das arme Ding! Er wird sie nächstens nachdrücklicher in Schutz nehmen müssen, wenn seine etwas unberechenbare Gattin gegen sie auftritt. Das Kind seiner einzigen Schwester in seinem Hause als Diebin gebrandmarkt! Das fehlte noch. –

Am anderen Morgen betritt Alexa mit bleichem, aber entschlossenem Gesicht das Privatzimmer ihres Onkels. »Ich wollte dir mitteilen, daß ich in den nächsten Tagen zu meinem Vater heimkehren möchte.«

Franz Prosper blickt von seinen Briefen auf, anscheinend sehr unangenehm berührt. »Hat dieser plötzliche Entschluß etwas mit dem gestrigen Vorfall zu tun?«

»Ja und nein. Ich würde auch ohne denselben abgereist sein, aber er ist der Grund, daß ich bald – heute noch gehen möchte.«

Er sieht sie ernst an. »Ist dir jemand durch ein einziges Wort zu nahe getreten?«

»Nein, aber ein entehrender Verdacht hat auf mir geruht. Er würde mich beleidigt haben, selbst wenn ich nur den Bruchteil einer Sekunde darunter zu leiden gehabt hätte. Aber gestehe, er lastet auch jetzt noch auf mir ...« Sie bricht in Tränen aus.

Er erhebt sich und legt die Hand auf ihre Schulter. »Ich sollte eigentlich noch nicht davon sprechen, aber ich tue es doch, um dir voll und ganz mein Vertrauen zu beweisen. Der Dieb ist bereits gefunden, so gut wie überführt ...«

»Und wer ist es?«

»Der Graf Staniewsky.«

Der letzte Blutstropfen weicht aus ihrem Gesichte, diese Auskunft trifft sie so schwer, als ob man mit dürren Worten sie selber beschuldigt hätte. »Unmöglich. Onkel. Er ist von Adel, der Sproß eines alten, hochberühmten Geschlechtes ...«

»Dazu ein Spieler und Verschwender, der sein ganzes Erbe vergeudet hat.«

»Das rechtfertigt noch nicht den furchtbaren Verdacht.«

»Nein, aber ich habe noch andere Beweisgründe. Es ist dir gewiß nicht verschwiegen geblieben, in welchem Rufe er steht; dazu kommt sein Benehmen in der gestrigen Gesellschaft, das zum wenigsten auffallen mußte. Er war eine Zeitlang abwesend, dann der plötzliche Reiseentschluß ... Ohm Peter hat mich darauf aufmerksam gemacht. Kurz entschlossen ließ ich heute einen Kommissar der Geheimpolizei kommen, um ihm den Fall vorzulegen; von ihm erfuhr ich, daß Graf Staniewsky schon seit einigen Wochen polizeilich überwacht wird. Betrügereien in Wien und Berlin, sogar ein großer Bankdiebstahl in Warschau ... du begreifst. Er hat auch schon über ein Jahr im Gefängnis gesessen, und jetzt steht seine Verhaftung bevor. Man vermutet einen Fluchtversuch. Der Kommissar ist übrigens felsenfest davon überzeugt, daß der gestrige Diebstahl auch auf seine Rechnung kommt.«

»Und seine Frau?«

»Nach dem Dafürhalten des Kommissars weiß sie noch nichts von den Treibereien ihres gräflichen Gemahls.«

Alexa steht wie betäubt. Also das war der Graf Staniewsky, den sie ebenso wie ihren Großvater für das Ideal eines Aristokraten gehalten hat, um derentwillen sie den eigenen Vater fast verachtete. Dieser arbeitete um sein tägliches Brot im Schweiße seines Angesichtes, jener lebte in Saus und Braus und machte betrügerische Schulden. Und doch war sie so blind gewesen, den Grafen Staniewsky für einen besseren Vertreter seines Namens und Geschlechtes zu halten als den Freiherrn von Brechten-Bredau. – Jener Abend auf der »Cobra« fällt ihr ein, da er so großherzig davon sprach, welch ein Ende nur möglich sei für ein glorreiches, aber dem Untergang geweihtes Geschlecht. Eine ehrliche Kugel auf dem Felde der Ehre! Dieses Wort war es ja gewesen, das sie zu ungunsten ihres eigenen Vaters beeinflußt hatte. Und nun war er, der es gesprochen, doch nur ein Lügner, der sich und andere betrog, ein ehrloser Dieb, dessen Ende wahrscheinlich das Zuchthaus war. Aber nein, es konnte nicht sein. So tief konnte ein Mensch, auf den eine Reihe erlauchter Ahnen herabschaute, nicht fallen. Mit fast flammender Beredsamkeit verteidigte sie den verbrecherischen Edelmann; sie ahnt selbst, daß es einen letzten Verzweiflungskampf gilt für ihre Grundsätze, daß sie in Staniewsky ihr eigenes Benehmen dem Vater gegenüber verteidigt.

Der Kaufherr ist nicht gewillt, sich mit ihr in einen Streit über Grundsätze einzulassen. Eine abwehrende Handbewegung, ein kühles »Wir werden ja sehen« läßt sie verstummen.

»Und nun gibst du deinen törichten Entschluß auf, Hals über Kopf mein Haus zu verlassen?« fragt er. Es wäre ihm wirklich unangenehm gewesen, wenn diese Geschichte die Nichte vertrieben hätte; schließlich wird sie zwar doch zu ihrem Vater zurückkehren, aber dann soll es in Frieden geschehen, nicht wie damals Karoline Thyssen ihr Elternhaus verlassen hat.

Sie antwortet nicht sofort, wieder einmal dreht sie krampfhaft den Siegelring des Großvaters an ihrer Linken.

»Oder fürchtest du dich, den moralischen Bankerott deines bewunderten Grafen mitansehen zu müssen?« fragt er spottend.

Er hat sie an ihrer empfindlichen Stelle getroffen. Nein, nun muß sie offen zeigen, daß sie nichts fürchtet für den Sprößling eines alten Geschlechtes, daß der Adel seiner Gesinnungen für sie so sicher ist, wie der Adel seines Namens. Die Gestalt ihres geliebten Vaters tritt zurück vor dieser Aufgabe. »Ich bleibe,« erklärt sie fest. –

Den ganzen Tag verbringt sie mit Lucie, die am anderen Morgen abreisen will, aber sie ist so zerstreut und unruhig, daß die Cousine ihr Benehmen sich nicht erklären kann. Hundertmal gerät ihr Glaube an den Grafen ins Schwanken, und sofort ist dann die Versuchung da, ihn vor dem drohenden Verhängnis zu warnen; aber das wäre ein Vertrauensbruch, und hundertmal arbeitet sie sich zurück, bis sie die felsenfeste Gewißheit hat, daß ein Staniewsky niemals ein ehrloser Verbrecher sein kann.

In der Villa Thyssen sind alle Hände beschäftigt, denn das Abschiedsfest der beiden bräutlichen Schwestern soll am Abend von Luciens Reisetag gefeiert werden. Frau Erna hat ihre Nichte aufgefordert, des Festes wegen noch einige Tage zuzusetzen, aber diese wollte sich nicht halten lassen; sie hatte ihren Platz auf dem Dampfer bereits belegt, und zudem verlangte sie danach, ihr neues Leben der Arbeit zu beginnen.

Der Dampfer fährt in den Morgenstunden, und auf den Wunsch des Kaufherrn begleiten sämtliche weibliche Glieder der Familie Thyssen die Scheidende bis zur Landungsbrücke von Sankt Pauli. Nur Ruth muß zu Hause bleiben.

Alexa ist ruhiger als gestern, aber das bleiche Gesicht und die tiefliegenden Augen machen einen erschreckend krankhaften Eindruck. Selbst Frau Erna erkundigt sich nach ihrem Befinden. Sie lächelt schwermütig und erklärt, daß sie sich vollkommen wohl fühle, nur habe sie eine schlechte Nacht gehabt. Frau Erna ordnet eine kurze Mittagsruhe an; Annemarie empfiehlt den Migränestift oder ein kaltes Bad. Als ob das die Angst von ihr nähme, die seit gestern mit Zentnerschwere auf ihr lastet! Ihren Geist beschattet ein dunkles Ahnen, als ob sie heute etwas Grauenvolles, Unerwartetes erleben würde; und so sehr steht sie unter dem Bann des drohenden Verhängnisses, daß ihr Gefühl für die Außenwelt erstirbt, daß sie gewissermaßen kraftlos in sich zusammensinkt.

Von der geräumigen Landungsbrücke führt eine schmale, mit einem Geländer versehene Rampe auf das prächtige Schiff, das auf der unbewegten Flut des Hafens ruht, wie ein Haus auf felsigem Fundamente. Es herrscht ein gewaltiger Trubel hinüber und herüber. Die Passagiere wandern noch mit ihren Begleitern auf der Landungsbrücke umher, schreiende Paketträger und Hoteldiener mischen sich zwischen sie, am Eingang stehen zwei Polizisten in unerschütterlicher Ruhe wie Wachsfiguren. Auch Lucie begibt sich noch nicht auf das Schiff, sondern bleibt plaudernd bei ihren Damen stehen. Einem der Stewards, die in ihren blauen Röcken mit den goldenen Litzen und Knöpfen und den niedrigen Kappen geschäftig vorbeihuschen, hat sie ihr Handgepäck übergeben mit der Bitte, es in die Kajüte zu tragen.

Das Schiff liegt so nahe an der Landungsbrücke, daß nur ein kleiner Zwischenraum frei bleibt. Alexa beugt sich über das Geländer und sieht einen Augenblick in die gähnende Tiefe. An der einen Seite befindet sich die Quaimauer, an der anderen die Schiffswand, und dazwischen liegt es trüb und dumpfig, als ob man in einen der märkischen Ziehbrunnen hinabschaute. Drüben glitzern die Wellchen der Elbe, ihr weißer Widerschein liegt blendend über dem Hafen; hier unten ist keine Bewegung, kein Glanz, nur furchtbar stiller, toter Hafenschlamm. Alexa fährt zurück, als habe sie dort unten ein schreckliches Gesicht geschaut; an einen Leichnam muß sie denken, da sie dieses eingeschlafene Wasser sieht, und zugleich an die tückischen Sümpfe ihrer Heimat, die kein Opfer herausgeben.

Graf Staniewsky geht mit raschen Schritten vorüber auf die Rampe zu, die zum Schiffe führt. Er hat die Schultern eingezogen, den Kopf gesenkt und den Hut tief in die Stirn gedrückt; daher mochte es kommen, daß er die Damen nicht gesehen hat, obwohl Frau Erna ihn gerade einer liebenswürdigen Anrede würdigen wollte.

Vor der Rampe treten drei elegante Herren auf ihn zu, lüften ihre Hüte und sprechen einige Augenblicke dringend auf ihn ein. Die Damen können sein Gesicht nicht sehen, doch scheint es ihnen, als ob er von der Begegnung nicht gerade angenehm überrascht sei. Das Geflüster dauert fort. Auf einmal geschieht etwas Unerhörtes, gänzlich Unerwartetes. Graf Staniewsky wendet sich, als ob er nach dem Ausgang zurückkehren wolle. Doch sobald er sieht, daß in die beiden uniformierten Wachsfiguren daselbst Leben kommt, neigt er sich mit einer halben Wendung seines Körpers zurück, ergreift das Geländer der Landungsbrücke und schwingt sich hinüber, bevor eine rettende Hand nach ihm greifen konnte. Der Körper verschwindet im grünen Dämmerlicht, ein klatschender Fall verkündet, daß der stille, tote Hafenschlamm den Sprößling des alten, herrlichen Dynastengeschlechtes aufgenommen hat. Dann ist alles still.

»Also das war es, das war es!« Alexa fällt nicht in Ohnmacht wie einige andere Damen, sie steht hoch aufrecht, und doch sollte man glauben, daß das Bewußtsein aus ihrem Körper geflohen sei; so geisterbleich ist ihr Gesicht, so tot und starr blicken ihre Augen.

»Laß uns fortgehen, Tante,« bittet Lucie. »Sie beginnen schon mit den Rettungsarbeiten. Der Anblick wird für dich und die anderen schrecklich sein, wenn sie ihn gleich herausschaffen.«

Aber wir leben in einer sonderbaren Zeit. Obgleich unsere Humanität so weit gediehen ist, daß jede Tierquälerei polizeilich bestraft wird, daß manche empfindsame Dame keine Mücke mehr töten kann, – für den Nervenkitzel einer fürchterlichen Tat sind die meisten zu haben. Ein Ereignis, das mit stillem, düsterem Grauen in die flache Alltäglichkeit des Lebens hinübergreift, ist für manche Gemüter wie ein geistiger Festschmaus. Man ist dabei gewesen, man hat das Gräßliche mit eigenen Augen gesehen, man kann endlose Berichte darüber spinnen und die Zuhörer die Schauer jener Stunde geistigerweise miterleben lassen. Das sind Vorteile, die man nicht unterschätzen darf.

Annemarie und Frida, die zarten bräutlichen Schwestern, wollen die Landungsbrücke nicht verlassen. Das sei man doch der armen, armen Laska schuldig, meinen sie, daß man das Ergebnis der Rettungsarbeiten abwarte. Es ist natürlich ein Vorwand, denn die Laska werden sie von heute an nicht mehr kennen; sie wollen nur verbergen, daß die Begierde in ihnen zittert, das stille tote Gesicht des Selbstmörders aus dem Hafenschlamm auftauchen zu sehen. Was ist die schönste Gegend der Erde gegen einen solchen Anblick? Und dieser Selbstmörder ist nicht wie gewöhnlich ein Trunkenbold mit aufgedunsenen Backen und starrem, vertiertem Blick, sondern eine gesellschaftliche Größe, ein angenehmer Schwerenöter, den man gestern noch lachen und plaudern hörte.

Auf der Landungsbrücke entsteht ein tolles Durcheinander, nachdem die erste sekundenlange Erstarrung gewichen ist. Der Kapitän des Dampfers wird kurz verständigt; er läßt die Rampe einziehen, mit sanften, wellenartigen Bewegungen neigt sich das Schiff rückwärts und gleitet tiefer in den Hafen hinein. Das Unglück ist signalisiert worden, und nun wimmelt der Hafen von Rettungsbooten; die Mannschaften wirbeln mit langen Stangen den grünlichen Schlamm auf, zwei oder drei haben das Oberkleid abgeworfen, um zu tauchen. Die Wasserfläche ist in fieberhafter Bewegung. Und auf den Schiffen und Landungsbrücken drängen sich die Menschen und verfolgen mit vor Erwartung glänzenden Augen die Rettungsversuche. Der eine klärt den anderen über die Person des Selbstmörders auf.

»Wer?«

»Der Graf Staniewsky.«

»Tausend, von den Staniewskys in Russisch-Polen?«

»Derselbe.«

»Diesen Winter hat er in Hamburg eine Rolle gespielt.«

»Er war vollständig pleite; sollte gerade vom Kommissar der Geheimpolizei verhaftet werden.«

»Ja, Betrügereien und Banksdiebstahl, schließlich auch eine Geschichte bei den Thyssens. 25 000 Mark, wenn ich nicht irre.«

»Da hatte er freilich nicht mehr viel vom Leben zu hoffen.«

»Armer Kerl!«

»Und das arme Weib! Es soll nichts von seinen Betrügereien wissen.«

»Da, da – sie haben ihn.« Ein hundertstimmiger Schrei, ein Dutzend ausgestreckte Arme! Die Rettungsarbeiten werden eingestellt, aus dem Gewimmel löst sich ein Boot und rudert langsam auf die Landungsbrücke zu; zwei Matrosen heben etwas Schlaffes, Triefendes heraus und wenden sich damit auf Befehl eines Polizisten einem Packschuppen zu. Annemarie und Frida haben Glück, denn der traurige Zug kommt dicht an ihnen vorbei; und auch Alexa, die bisher wie ein Automat ihren Verwandten folgte, muß – innerlich gezwungen – einen Blick auf den Toten werfen.

Ja, ein Toter ist er. Die beiden Matrosen schleppen ihn ziemlich rücksichtslos, das Haupt hängt hinten herab; und die vormals so schön gelockten, jetzt schlaffen, triefenden Haare schleifen fast auf dem Boden, ebenso eine der feinen Aristokratenhände, an der noch ein kostbarer Brillant funkelt. Ergreifend wirkt der Gegensatz: ein nichtiger, schillernder Tand an dem leicht gekrümmten Finger eines Toten. Das Gesicht hat den blauweißen Farbenton unseres Gartenmohns, Augen und Lippen sind schreckhaft geöffnet, als sei in der letzten Sekunde etwas Grauenvolles, Übermenschliches vor sie hingetreten.

Die Männer sind mit ihrer Last verschwunden, nur eine breite Wasserspur zeigt auf der Landungsbrücke den Weg, den sie genommen haben; aber schon beginnt die Sommersonne, sie aufzusaugen mit heißem Atem. »So ist auch der Graf Staniewsky durchs Leben geschritten,« muß Alexa denken. »Noch eine kurze Zeit läßt sich seine Spur verfolgen in der Brandung des Daseins, dann schlagen die Wellen darüber zusammen, und nichts ist geblieben als die Schuld.« Ein krampfhaftes Zittern läuft durch ihren Körper.

Lucie weint bitterlich, und ihre Tante fordert sie auf, nicht heute nach diesem schrecklichen Ereignis die Reise in die Fremde anzutreten. »Nein, nein,« wehrt sich das junge Mädchen, »es soll mir vielmehr ein Sporn und eine Warnung sein. Er war auch einer von denen, die aus dem Glanze der Vergangenheit allein das Recht für die Gegenwart herleiten, er lebte wie ein Herr, müßig und verschwenderisch, weil alle Staniewskys so gelebt hatten. Und nun endete er im Hafenschlamm von Sankt Pauli. Ich will mein Schicksal besser verstehen.«

»Ich will mein Schicksal besser verstehen,« wiederholt auch Alexa, ohne etwas dabei denken zu können.

Bei Tisch ist das Ereignis des Morgens der Hauptgegenstand des Gespräches, Annemarie und Frida werden sogar lebhaft beim Erzählen; sie haben alles bis in die feinsten Feinheiten genossen, wie ein Trauerspiel, das gerade in der Mode ist. Gleich darauf aber sprechen sie von dem Feste und ihren Kostümen, schimpfen auf die Schneiderinnen und erörtern mit philosophischer Gründlichkeit, ob sich für eine Braut an ihrem Abschiedsfeste Blumen besser als Brillanten eignen. Sie entscheiden sich für Blumen.

»Der Kommissar ist bereits bei mir gewesen,« erzählt der Kaufherr. »Das Päckchen mit den fünfundzwanzig Tausendmarkscheinen hat man in der Brieftasche des Selbstmörders gefunden, – noch genau so, wie du es geschlossen und gesiegelt hattest, Alexa. Trotz allem muß ich das traurige Ende des Schwindlers bedauern, denn zu den Verbrechern von Beruf gehört er nicht; sonst hätte er sich nicht so sicher fühlen können.«

»Was ist es denn mit seinen Verbrechen in Warschau und Wien?« fragt seine Gemahlin.

»Wechselfälschungen, Bankdiebstahl. Es hat der Polizei Zeit und Mühe genug gekostet, auf seine Spur zu kommen und die Beweise zu sammeln, denn einige der Betrogenen wollten aus falscher Großmut vertuschen. Und zur selben Zeit spielte er in unseren Kreisen eine Rolle! Wir sind recht leichtgläubig gewesen.«

»Die arme Laska!« bedauert Franz Prosper junior.

»Willst du nicht einmal nach ihr sehen, Erna?« fragt der Kaufherr. »Sie ist wahrscheinlich unschuldig an dem Treiben ihres Gatten, wie mir der Kommissar versicherte. Und schließlich haben wir doch so lange mit ihr verkehrt – freundschaftlich beinahe.«

Frau Ernas Züge werden wieder einmal steinhart. »Sind wir dadurch noch nicht genug kompromittiert? Sollen wir gewissermaßen hinter unserer Schande herlaufen? Nein, mag sie ihr Schicksal allein tragen, wir kennen sie nicht mehr. Sie hat es übrigens auch verdient, das kokette, ehrvergessene Weib.«

Es ist das obligate hartherzige Urteil, das die Kinder dieser Welt über einen vom Unglück Verfolgten zu fällen pflegen, und in der Familie des Kaufherrn macht es kaum Eindruck. Nur Alexa wird dadurch aus ihrem Stumpfsinn und ihrer Versunkenheit aufgerüttelt. Vergnügungssüchtig und grausam, hohl und oberflächlich! Das Leben dieser Herren und Damen der großen Welt wird in ihren Augen auf einmal grell beleuchtet. Wer weiß, ob sie vor dem ewigen Richterstuhl besser bestehen werden als Staniewsky, der Fälscher und Betrüger, dem die Verhältnisse nur nicht gestattet hatten, so zu leben wie sie.

Daß sie nicht sofort an die Laska gedacht hatte! Ihr war, als ob die edle, kernfeste Gestalt ihres Vaters vor ihr stände: »Einem Unglücklichen zu helfen, kann niemals wider unsere Ehre sein, mag er es nun verdient haben oder nicht.« Sofort nach dem Essen kleidet sie sich an, um zur Wohnung der Gräfin Staniewsky zu fahren und ihr alle Hülfe zu leisten, deren ihre schwachen Kräfte fähig sind.

Einem schrecklichen Bilde steht sie gegenüber. Die kleine Wohnung ist einfach, ärmlich beinahe; man merkt, daß manche Stücke der ursprünglich eleganten Einrichtung in das Versatzamt wandern mußten. Und auf einem Bette liegt die Gräfin, starr, mit geschlossenen Augen, die linke Hälfte des Gesichtes krampfhaft verzerrt und verzogen. Kein Schönheitsmittel verdeckt heute den fahlgelben Farbenton der Züge, den die breiten Schatten unter den Augen noch krankhafter erscheinen lassen. Schönheit und Eleganz sind verschwunden, nur das grinsende Elend des Lebens blieb übrig.

»Gehirnschlag, linksseitige Lähmung, wahrscheinlich auch der Verstand verwirrt,« berichtet die Schwester, die am Lager Wache hält. »Die Nachricht vom Tod ihres Mannes kam zu plötzlich. Er hat sie heimlich verlassen wollen, und sie hatte kaum einen Pfennig Geld in Händen. Das hat sie niedergeworfen.«

»Und was nun?« fragt Alexa ratlos.

»Sie wird zuerst hier bleiben, auf die Gnade der Nachbarn angewiesen, denn im Städtischen Krankenhause nehmen sie niemand ohne Bezahlung auf. Freilich droht der Wirt, sie vor die Tür zu setzen, weil sie schon seit Monaten die Miete schuldig ist. Aber vielleicht läßt er sich noch hinhalten. In der ersten Zeit werden der Armenarzt und ich täglich nach ihr sehen. – Dann, wenn es sich herausstellt, daß sie unheilbar ist, wird sie auf städtische Kosten im Armen- oder Siechenhaus unterhalten.«

Alexa schaudert; war es denn möglich, in kurzer Frist so tief, so furchtbar tief zu fallen? »Und meinen Sie, daß ihr hier eine ordentliche Pflege zuteil wird?«

Die Schwester lächelt. »Eine ordentliche Pflege? Auf keinen Fall. Aber was wollen wir machen? Wir Schwestern stehen solchen Fällen in der Großstadt oft gegenüber. Als letzter Ausweg bleibt da immer das Armenhaus.«

Alexa hat während der letzten Worte einen Entschluß gefaßt. »Welche Anzahlung verlangt das Krankenhaus, wenn es die Leidende aufnimmt?« fragt sie.

Die Schwester ist ziemlich erstaunt, daß das Gespräch diese Wendung nimmt, nennt aber dann eine beträchtliche Summe, das Pflegegeld für einen Monat. Sonderbar, es beträgt gerade so viel wie das Taschengeld, das Alexa monatlich von ihrem Vater erhält, und wie ein Wink des Himmels erscheint ihr dieser Zufall. Zum Danke gegen Gott, denkt sie, der mich warnte, indem er eine andere zerschmetterte, und laut fügt sie hinzu: »Ich verpflichte mich, jeden Monat diese Summe für die Kranke zu zahlen, vorausgesetzt, daß wir sie sofort hinüberschaffen dürfen. Ich bin die Baronesse von Brechten-Bredau, zurzeit beim Kaufherrn Franz Prosper Thyssen in Harvestehude.« Die Schwester erbietet sich, selbst zu gehen und einen Krankenwagen zu holen, damit die Leidende bald zur Ruhe komme; und Alexa verspricht so lange an ihrem Lager zu wachen, bis sie zurückkehrt.

Es ist eine trübe halbe Stunde am Bette der gelähmten Frau, die selten ein Lebenszeichen von sich gibt; nur einmal hat sie versucht, die Augen zu öffnen, wobei es schrecklich anzusehen war, daß nur das rechte Lid krampfhaft zuckte, während das linke steif und geschlossen blieb. Auch die Lippen haben einige Male irgend ein Wort formen wollen, aber sie brachten es nur zu einem unverständlichen Lallen. Alexa beugt sich über die früher so schöne Frau und redet ihr liebevoll zu, wobei verhaltenes Schluchzen in ihrer Stimme zittert. Sie weile bei Freunden, und man werde für ihr Wohlergehen Sorge tragen; aber kein Zug der Freude und Erleichterung auf dem armen, verzerrten Gesicht kündet ihr an, daß sie verstanden worden ist.

Noch einmal überdenkt sie die Verpflichtung, die sie übernommen hat; ihr Vater wird damit zufrieden sein, denn sie selber braucht von heute an ja kein Taschengeld mehr, weil sie mit dem nächsten Zuge in ihre Heimat zurückkehrt. Pariser Toiletten auf einem märkischen Pachthof! Sie lächelt wehmütig. Wie wird ihr Vater sie aufnehmen, wenn Sie endlich in seine Arme flieht, so tief verwundet, und doch geheilt – geschlagen, und doch eine Siegerin! Heiße Tränen tropfen auf ihre Hand und den Siegelring des Großvaters und glänzen wie Tau auf den schillernden Türkisen. Lange betrachtet sie ihn, den silbernen Schlüssel in blauem Felde und die stolze Devise; dann – am Krankenbette der unglücklichen Gräfin Staniewsky – zieht sie ihn langsam vom Finger, um ihn nie wieder zu tragen. Und bebend vor innerer Erregung faltet sie die Hände zu einem leisen, inbrünstigen Gebet: »Sieh' gnädig herab, o Gott, auf alle jene, die ein Opfer ihrer Verblendung werden – und breite deine starke Rechte aus über die Verirrte, die du zurückgerissen hast vom Abgrund des Verderbens. Ja, ich will meine Irrtümer begraben und deinen Willen tun in deiner Kraft und deiner Liebe.«

Sie begleitet die Gräfin zum Krankenhause, überzeugt sich davon, daß man sie in ein helles, freundliches Zimmer bettet, erledigt mit dem Direktor alle Formalitäten – und kehrt endlich in die Villa Thyssen zurück, da die kurze, laue Sommernacht sich schon auf die Erde herabsenkt. Rauschende Weisen empfangen sie, das Festgewoge erfüllt die Salons und den Garten, so daß sie kaum ungesehen in das Haus schlüpfen kann. Auf der Veranda im Lichte von hundert buntschillernden Lampions stehen die beiden Bräute in einfachen Kleidern von weißer, rieselnder Seide, phantastisch gezackte blauweiße Chrysanthemen im blonden Haar. So mädchenzart und lilienhaft sehen sie aus, so holdselig und verschämt zugleich heben sich die jungen Gesichter von dem dunklen Hintergrunde. Und dieses glückliche Lächeln, das wie ein Hauch die schwellenden Lippen umspielt. Das gräßliche Totenantlitz im Hafenschlamm von Sankt Pauli hat ihre schöne Ruhe nicht verwirrt, wie es selbst einem Engel vom Himmel nicht möglich sein würde, sie aus dem Traume ihrer Vergnügen aufzuschrecken. Sie gehören eben zu jenen Reichen, von denen der Herr sagt, daß es schwer für sie sei, in das Himmelreich einzugehen.

Alexa übergibt dem Diener noch einige Zeilen für ihren Onkel, worin sie ihm mitteilt, daß sie ihren Plan geändert habe und morgen mit dem Frühzuge nach Hause zurückkehren werde. Dann sinkt sie todmüde in die Kissen und verfällt fast augenblicklich in einen ruhigen, bleiernen Schlaf.

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