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Flitter und Schein

Hedwig Dransfeld: Flitter und Schein - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorHedwig Dransfeld
titleFlitter und Schein
publisherVerlag und Druck von J. P. Bachem
printrunDritte Auflage
yearo.J.
illustratorW. Roegge jun.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131207
projectid5a484b41
wgs9110
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4

Alexa hat wunderbar geträumt von der Möwe, die durch die schwarze Mauer des Rauches auf und nieder schoß und auf einmal mit einem kühnen Schwung in die Rosenglut der Abendsonne tauchte, daß ihr Gefieder hell aufschimmerte. Da wird sie durch Luciens muntere Stimme geweckt.

»Eine Überraschung, Kleine! Aber vorher mußt du mir sagen, wie es mit deinem Kopfschmerz steht.«

Alexa richtet sich auf und streicht mit der Hand über die Stirn; sie ist frei von Schmerzen, ja es blüht dahinter etwas wie ein schüchterner Zukunftstraum und ein schüchternes Zukunftshoffen. Und ein Abglanz davon schimmert in den sonst so müden Augen.

»Bravo!« lobt Lucie, »ein anderes Aussehen hast du wenigstens. Nun will ich dich auch nicht länger auf die Folter spannen.« Und sie legt einen dicken Brief in ihre Hand.

»An das gnädige Fräulein Alexa bei Petroleum-Kaufmann Thyssen in Hamburg.« So steht auf dem Kuvert in steifer, ungelenker Schrift, die anscheinend von einer Frauenhand herrührt.

»Ein Hoch der deutschen Reichspost, die dem gnädigen Fräulein bis in unser nordisches Seebad nachgepürscht ist,« lacht Lucie.

»Von der Pächtersfrau auf Brechtenhof.« Alexa reißt aufgeregt den Umschlag auf, aus welchem ein mit einer fremden Marke versehener Brief und ein loses Blatt auf die seidene Steppdecke ihres Bettes fällt.

Die schwachen, durchsichtigen Hände zittern, mit verhaltenem Atem liest sie die wenigen Zeilen aus der Heimat.

»Gnädige Baroneß!

Der Brief ist gerade angekommen, und ich schicke ihn sofort nach Hamburg. Er ist von Amerika, sagt mein Mann; und es wird wohl nur Gutes darin stehen. Uns geht es gut. Wir wollen die Pacht nicht erneuern, sondern in eine Stadt ziehen; denn wir haben jetzt zum Leben genug. Herr Neumann ist damit einverstanden und will sich einen neuen Pächter suchen. Auf dem Brechtenhof ist eine Seuche unter den Schweinen ausgebrochen, aber Herr Neumann hat einen neumodischen Doktor kommen lassen. Der hat sie wieder kuriert. Jetzt sind alle gesund, auch Herr Neumann. Es grüßt

Frau Herbeck.«

Alexa läßt das Briefblatt zu Boden fallen; sie hat sich natürlich gefreut über diesen Gruß aus der Heimat, aber wie kann sie sich für die Schweine des Brechtenhofs und Herrn Neumann interessieren, wenn sie einen Brief aus Amerika in der Hand hält. Aus Amerika, aus Amerika! Sie kann ihn noch nicht öffnen, ihre Hände falten sich, aus ihrer Brust kommt ein jubelnder Aufschrei. »Er lebt! O Gott, ich danke dir, ich danke dir.«

Heiße Tränen verdunkeln ihren Blick, so daß die Schriftzüge der Adresse vor demselben in tollem Reigen auf- und niederschwanken. Endlich gehorcht ihr die zitternde Hand, das Kuvert ist geöffnet, eine stille Andacht kommt über sie, während sie die ersehnten Zeilen liest. Aus jedem Worte spricht Vaterliebe und Vatersorge.

»Wie verlassen wirst du dich in diesen langen Monaten gefühlt haben,« schreibt er, »aber eine sonderbare Verkettung der Umstände hat bewirkt, daß ich deinen Brief erst jetzt empfing. Ich war genötigt, im Interesse unserer Firma eine Reise nach Texas und Kalifornien zu machen. Vorher schrieb ich dem Großvater und teilte ihm die Adresse mit, unter welcher er mir seine Briefe an ein Bankhaus in New Orleans senden sollte; zugleich fragte ich an, ob es nicht besser wäre, wenn ich zu eurem Schutz und eurer Stütze nach Europa heimkehrte, denn schon damals lag es wie eine böse Ahnung auf meiner Seele. Seine Antwort lautete wie immer: Ihr beiden befändet euch wohl, und ich solle mich in meinen Geschäften nicht stören lassen. So bin ich denn abgereist. Dein Brief, mein armes, liebes Kind, kam an meine alte Adresse in New York und ist dort liegen geblieben bis zu meiner Heimkehr. Und nun mußte sich diese zum Unglück auch noch um ein Bedeutendes verzögern; denn in Los Angeles hat mich das gelbe Fieber viele Monate lang an das Krankenbett gefesselt, so daß der Tod mehr als einmal drohend an meinem Lager stand. Da habe ich oft meines einzigen Kindes in Europa gedacht und doch nicht gewagt, es durch eine traurige Nachricht zu erschrecken; ich ahnte ja nicht, daß auch du zur selben Zeit einsam und unglücklich warst und deshalb auf den Schutz deines Vaters doppelt angewiesen. Aber noch kann alles wieder gut werden.«

Und nun plaudert er von seinen Zukunftsplänen. Er habe in der letzten Zeit Glück gehabt, sogar ein kleines Vermögen erworben; aber obgleich sich seine Stellung stetig verbessere und er selbst in dem freien Amerika eine neue Heimat gefunden, habe er doch keinen Augenblick gezögert, alle seine Verbindungen zu lösen und auf einem der nächsten Dampfer einen Platz zu belegen, um nach Europa heimzukehren. Denn er könne und wolle sein einziges Kind nicht in fremden Boden verpflanzen. Nun folgen allerlei dunkle Andeutungen: vielleicht sei die alte Heimat dennoch nicht ganz verloren, vielleicht sei es ihnen trotz aller Schicksalsschläge noch vergönnt, auf dem unfruchtbaren und doch so heißgeliebten Boden zum zweitenmal ihr Heim aufzuschlagen. Alexa solle ihr Leid verbannen und vertrauensvoll der Zukunft entgegensehen; denn wenn ihn nicht alles täusche, so werde sich dieselbe für Vater und Kind noch glücklich gestalten.

Zwei-, dreimal überliest sie die rätselhaften Sätze, dann kommt es über ihren arbeitenden Geist wie ein wonniges Dämmern. Bis zum Halse herauf schlägt ihr unruhiges Herz, und einen Augenblick sinkt sie kraftlos in die Kissen. »Er kehrt zurück, er kauft den Brechtenhof, das alte, herrliche, jetzt so geschmähte Geschlecht wird von neuem Knospen treiben. O Großvater, wenn du es doch noch erlebt hättest! Hilf mir, o mein Gott, das die Überfülle des Glückes mich nicht tötet.«

Sie ruft Lucie, um ihr die glückliche Wendung ihres Schicksals mitzuteilen, und wird ordentlich aufgebracht, als dieselbe in die Verwirklichung solch kühner Hoffnungen Zweifel setzt.

»Den Brechtenhof zurückkaufen? Es steht ja keine Silbe davon in deinem Brief.«

»Meinst du, ein Brechten-Bredau kehrte als Bettler in die Heimat zurück? Und wenn mein Vater sich wiederum auf der märkischen Sandflur ansiedeln will, so geschieht es nur, um die Devise unseres Geschlechtes von neuem zu Ehren zu bringen. Der Brechtenhof, auf den wir ein hundertjähriges Recht haben, muß wieder uns gehören; Gott selbst hat es so gefügt. Allstund' auf eigenem Grund!« Schwärmerisch führt sie den Siegelring des Großvaters an ihre Lippen.

Lucie hat das dunkle Gefühl, als ob sie ihre Cousine vor einer Enttäuschung bewahren müsse. »Aber, meine liebe Alexa ...« beginnt sie stockend; da fällt die andere ein in plötzlichem Erschrecken:

»Oder meinst du, Herr Neumann würde sich nicht bereit finden, den Brechtenhof wieder herauszugeben? Ich sage dir, er muß ... und er wird es tun, wenn nur ein einziger Funke Ehrgefühl in ihm ist. Er kann hundert andere Güter haben, das Erbe der Brechten-Bredau gebührt meinem Vater.« In nervöser Aufregung zerknittert sie das Briefblatt, ihr Atem geht kurz und stoßweise, die Angst um das Schloß ihrer Väter, das sie wieder so sicher in ihrem Besitze glaubte, treibt ihr das Blut zum Herzen und läßt die eben so frischen Wangen und Lippen jäh erbleichen. Noch ein paar Atemzüge, aus der tiefsten Tiefe der Brust hervorgeholt, und in leidenschaftlichem Aufschluchzen sinkt sie in die Kissen zurück.

Lucie steht ratlos vor ihr. Soll sie helfen, Hoffnungen zu bauen, die vielleicht niemals verwirklicht werden? Aber schließlich mögen ja die Verhältnisse so liegen, wie Alexa es vermutet, und die Enttäuschung bleibt wirklich aus. Ihr Vater schreibt, daß er ein kleines Vermögen erworben habe. Was heißt »ein kleines Vermögen« im Lande der Milliardäre? Mit deutschem Maßstab ist es nicht zu messen. Aber unbegreiflich kommt es ihr vor, daß er, wenn er sich in guten Verhältnissen befand, nicht eher etwas für den Brechtenhof tat, ja ihn sogar zum öffentlichen Verkauf kommen ließ. Die Zeit muß diese Rätsel aufklären.

Mit sanften Worten versucht sie die Weinende zu trösten, und es gelingt ihr auffallend schnell. »Die Möwe, die Möwe!« lacht Alexa noch unter Tränen.

»Weißt du, Lucie, durch pechschwarzen Rauch ging zuerst ihr Flug, aber dann schoß sie mitten in das rote Sonnenlicht hinein ... O Großvater, er ist doch kein wilder Trieb, er wird den Glanz der Brechten-Bredau wiederherstellen!«

Sie fühlt sich so wohl und munter, wie fast noch nie in ihrem jungen Leben, und rasch vollendet sie ihre Toilette. Einen Augenblick schwankt sie zwischen ihrem ärmlichen Trauerkleidchen und dem hübschen Gewand, das Lucie so eben stillschweigend auf einen der Stühle legte. Sehr rasch und ohne viele Gewissensbisse entscheidet sie sich für das letztere. Warum auch nicht? Sie ist ja wieder die Erbtochter der Brechten-Bredau, und ihr Vater wird mit dem Onkel alles ordnen, wenn er aus Amerika zurückgekehrt sein wird. Sie nimmt kein Almosen mehr, nur eine Art Anleihe für kurze Zeit.

Ein sogenanntes Schneiderkleid, sehr einfach, aber zugleich sehr vornehm, mit abgesteppten Säumen, anliegendem Jäckchen und hohem Sturmkragen; es trägt die Firma der ersten Damenkonfektion Hamburgs gewissermaßen an der Stirn. Und Alexa, die bisher nur ihre Dorfschneider gewohnt war, kann sich nicht genug über den eleganten Faltenwurf und die flotte und doch gediegene Machart wundern. Sie tritt vor den Spiegel und staunt ihr eigenes Persönchen ungläubig an, denn nicht mehr die Bonne von gestern, sondern eine wirklich vornehme Dame sieht ihr daraus entgegen. Ein Gefühl der Geistesfreiheit und Erlösung kommt über sie, aber auch zugleich ein gelindes Erschrecken, daß sie imstande ist, mit einem neuen Fähnchen auch neuen Lebensmut anzuziehen. Der verarmte Edelmann hatte sie in einer gewissen Verachtung solcher Äußerlichkeiten erzogen – und nun, wie erbärmlich! Aber sie konnte es nicht wieder ablegen, dieses Kleid, das ihre Gleichberechtigung unter den Hamburger Millionären endlich dokumentieren sollte. Und konnte sie etwas dazu, wenn die sogenannte Gesellschaft den Wert eines Menschen nach der Geschicklichkeit seines Schneiders taxiert? –

Jetzt mußte sie noch die Defregger-Zöpfe in jenen griechisch-chinesischen Knoten verwandeln, den man hier bei allen Damen sieht, und ihr natürlich gelocktes Haar zottelig um das Gesicht aufbauschen. Es ist eine schwere Arbeit, aber sie gelingt. Und nun sieht sie wirklich aus, als habe man sie gerade aus einer Pariser Modellschachtel herausgeschält.

Ihre Erscheinung erregt im Familienzimmer Aufsehen, so hübsch und lebhaft sieht sie aus, so tadellos sicher sind ihre Bewegungen. Sie fühlt sich wieder ganz als Baroneß, nicht mehr als arme, abhängige Verwandte, und deshalb ist sie wohl zuvorkommend, aber durchaus nicht verschüchtert und befangen. Mit ihrem natürlichen Anstand verbindet sie die von ihrem Großvater ihr peinlich anerzogene Etikette, so daß sie der Familie des Kaufmanns gegenüber, die sich in freieren Formen bewegt, fast wie eine Prinzessin von Geblüt erscheint.

Der Kaufherr ist wirklich erfreut, daß das einzige Kind seiner Schwester eine solch ansehnliche junge Dame ist, und seine Begrüßung ist deshalb herzlich und väterlich. Die beiden Schwestern brummen über die »Anmaßung« der Bettelprinzeß, Ruth, deren Sachkenntnis noch nicht durch die Furcht des »Ausgestochenwerdens« getrübt ist, gesteht sich innerlich, daß die neue Cousine doch in etwa ihrem Idealbild einer Baroneß entspricht, und Heinrich nennt sie kurzweg »ein zimperliches Frauenzimmer«. So verschieden sind die Urteile, die über den Fremdling gefällt werden.

Aber am erstauntesten ist Lucie. Sie hat diese Alexa in ihrer ganzen Niedrigkeit, ihrem ganzen Elend gesehen, und nun diese körperliche und seelische Veränderung, hervorgebracht durch ein neues Kleid und die Hoffnung auf ein wenig Mammon! Ihrem beweglichen Geiste geht eine Ahnung auf von den mancherlei Erbärmlichkeiten des gesellschaftlichen Lebens, und verächtlich kräuseln sich ihre Lippen. »Flitter!« sagt sie langsam vor sich hin. »Ich glaube, die Not des Lebens muß diese gnädige Baroneß noch ganz anders anfassen, um aus der unreifen und verbildeten Hülle den rechten Kern herauszuschälen.« Und als Annemarie liebenswürdig fragt, welche Toilette sie beim heutigen Abendkonzert zu tragen gedenke, erwidert sie schroff: »Einen Sack zieh' ich an, wenn du gütigst erlaubst. Und das Abendkonzert mögt ihr immerhin allein genießen. Diese anspruchslosen Menschen, die sich in einen dumpfen Saal einpökeln lassen und dort geduldig der schlechtesten Blechmusik lauschen, während zwanzig Schritte weiter das Meer seine ewigen Symphonien rauscht!«

Annemarie wendet sich achselzuckend ab. Sie kann wirklich spaßhaft sein – und unberechenbar, diese kluge Lucie Thyssen, deren Witz und Geist die Gesellschaft rühmt. –

Mit einem Schlage ist Alexa aus einem unbedeutenden jungen Mädchen die Heldin des Tages geworden, das ganze Seebad redet von ihr.

»Der bewußte ›reiche Onkel‹ aus Amerika, der in allen halbwegs anständigen Romanen und Dramen herumspukt, hat sich bei uns in einen ›reichen Vater‹ verwandelt,« pflegt Ohm Peter spöttisch zu sagen. »Aber einerlei, Abwechselung versüßt das Leben, und Ohm und Vater ist mir ganz egal, wenn sie nur Moos haben. Das ist aber in unserem Falle durchaus nicht bombensicher.«

Die klatschsüchtige Seebad-Gesellschaft läßt sich jedoch von dieser Zweifelsucht des alten Sonderlings nicht anstecken. Wie der von einer Alpenspitze losgebröckelte Stein während des Fallens langsam und stetig sich vergrößert in weicher Schneemasse, bis er zur stürmenden Lawine wird, die Forsten und Dörfern Untergang droht, so wächst auch häufig ein unschuldiges Gerücht unter phantasiebegabten und müßigen Menschen. Unsere Salons, die Zusammenkunftsorte konversationslüsterner Herren und Damen, sind für den rollenden Stein der Rede ein vorzügliches Schneefeld; jeder fühlt sich gewissermaßen verpflichtet, dem winzigen Kern der Wahrheit ein Mäntelchen umzuhängen, das in der Werkstatt der eigenen Phantasie geschneidert ist.

So wächst auch in wenigen Tagen das »kleine Vermögen« des letzten Brechten-Bredau zum ungemessenen Reichtum, und selbst die romantischen Abenteuer, in denen es erworben sein soll, fliegen von Mund zu Mund. Wer die Mär weiter erzählt, legt jedesmal großmütig einige Hunderttausend hinzu. Man erwartet gespannt das Erscheinen des neuen Sternes, dessen Haupt die doppelte Strahlenkrone der vornehmen Geburt und eines fabelhaften Reichtums umgibt. Die Thyssens haben doch ein geradezu unverschämtes Glück. Nicht nur sind sie selbst steinreich und dürfen überall die erste Violine spielen, sondern es schneit ihnen auch gänzlich unverdienterweise solch eine kleine, interessante Cousine ins Haus, die eine Baroneß und eine Erbin zugleich ist. Die ganze Welt spricht von ihnen. Wirklich unverschämt.

Alexa merkt es deutlich, daß sie ein Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit geworden ist, und diese kleinen Triumphe berauschen ihr Herz; sie bezieht das Interesse der gesamten Badegesellschaft weniger aus ihre Person, als auf den alten, hochberühmten Namen, den sie zu tragen die Ehre hat. Ihre Gedanken kehren immer wieder auf den Brechtenhof zurück mit seiner Ahnengruft und seiner stolzen Devise; und die Hoffnung, bald als vollberechtigte Herrin und Besitzerin die Heimat wieder begrüßen zu dürfen, schwellt ihr stolzes Herz und gibt ihrem Geiste Mut und Spannkraft. Die kindliche Liebe, die Freude aus das Wiedersehen mit ihrem Vater hat kaum noch Platz in ihrer Seele. Sie weiß, er war ein schöner Mann; und jetzt hofft sie von ihm, daß er, der Hochgeborene, wie ein Fürst zwischen diese Hamburger und Berliner Krämer treten und auch äußerlich seinem Namen Ehre machen wird. Er hat freilich um das tägliche Brot gearbeitet, ein unerhörter Fall in der Geschichte der Brechten-Bredau, wie der Großvater stets erklärte. Aber er sühnt, indem er den Glanz seines Geschlechtes wieder herstellt; und der Staub des alltäglichen Lebens kann unmöglich das je ne sais quoi der vornehmen Geburt in ihm verwischt haben.

Er soll seine Tochter seiner würdig finden. Mit großem Eifer geht sie bei der »Gesellschaft« in die Schule und bildet sich nach ihrem Gefallen; und auch von dem Wert und der Macht des Geldes bekommt sie allmählich ihre eigenen Begriffe.

*

Ein wunderlichter Sommernachmittag auf der leichtbewegten See! Heinrich Thyssen hat eine kleine Gesellschaft in sein Segelboot geladen, der er gerade sein schauderhaftes Pech vorträgt. Allgemein weiß man, daß er seinem Zukunftsschiff den schönen Namen »Seehund« beilegen will, und nun hat er beim Nachschlagen in den Schiffsregistern entdeckt, daß wenigstens ein Dutzend Dampfer diese seine Idee gestohlen haben und nun selbst als Seehunde aus dem Ozean herumvagabundieren. Ob ihm niemand sagen kann, was es mit dem Paragraphen vom Schutz des geistigen Eigentums auf sich hat, und ob der Staatsanwalt ihm zu seinem Rechte verhelfen könne?

»Papperlapapp, Staatsanwalt!« meint seine Schwester Ruth freundschaftlich. »Such' dir lieber einen anderen Namen.«

Die ganze Gesellschaft hilft, nachdem Heinrich die Direktive gegeben hat, daß für ihn nur ein recht wüstes nordisches Getier in Betracht komme.

Walfisch, Delphin, Eisbär, Walroß, Seelöwe, Eidergans, Sturmvogel, Blaufuchs ...

»Seekuh!« jauchzt Ruth, in der festen Überzeugung, den Vogel abgeschossen zu haben.

Heinrich zieht sofort sein Notizbuch und setzt die Depesche auf, mit welcher er nächstens die gesamte zivilisierte Welt überraschen will. »Heute passierte die Seekuh den Nordpol.« »Seehund« wäre freilich netter gewesen, aber auch eine Seekuh war doch gewissermaßen ein ganz honettes Wesen und wohl würdig, ihren Namen durch die größte Entdeckung aller Zeiten geheiligt zu sehen. Er neigt den Kopf zurück, als ob er im voraus Entdeckerfreuden koste; da stört ihn ein ungemütliches Rucken, ein messerscharfes Schleifen und Scharren aus seinen Träumen auf. Das Segelboot ist dein Strande zu nahe gekommen und festgefahren, seine Breitseite legt sich quer vor die Brandungswellen, der Vordersteven bohrt sich mit achtungswerter Konsequenz in den weichen Sand ein. Ein paar Stöße mit der Ruderstange sind nicht imstande, das eigensinnige Boot flott zu machen.

Heinrich erhebt sich und macht der Gesellschaft eine tiefe Verbeugung. »Meine verehrten Damen und Herren, ich habe die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß dieser vergnügliche Ausflug allem Anschein nach einen nassen Ausgang nimmt. Urteilen Sie selbst. Sollen wir in dem Boot bleiben, bis die Mut uns wieder flott macht, oder sollen wir bis zum Strande die heilige Meerflut durchwaten? Es sind höchstens drei Katzensprünge, jeder zwei Meter weit gerechnet,« fügt er, gegen Frau von Laska gewendet, tröstend hinzu.

Diese ist dem Weinen nahe, und mit wirklicher Jammermiene betrachtet sie ihr Strandkostüm von blau und weiß gestreifter Seide, das irgend ein Pariser Modekünstler ihr für schweres Geld gebaut hat. »Die Rangen, die niederträchtigen Rangen,« zischelt sie Alexa ins Ohr. »Und die Schwestern solch' wohlerzogene, süße Geschöpfe! Ich hätte den Jungen längst geohrfeigt, wenn er nicht zu den reichen Thyssens gehörte.«

»Sie sind doch nicht ungnädig, meine Gnädige,« fragt Heinrich, der trotz seiner vierzehn Jahre schon ziemlich genau weiß, wie er mit der Damenwelt umzugehen hat.

Frau von Laska lächelt sauersüß. »Durchaus nicht, Herr Thyssen. Solch ein kleines Unglück kann ja selbst dem besten Nautiker passieren.«

»Sehr verbunden!« grinst der Range höhnisch.

Die Damen gelangen leichter an den Strand, als sie erwarteten, denn ein derber Schiffer hat seine Hülfe angeboten; aber trotzdem trägt Frau von Laskas Kleid deutliche Erinnerungszeichen an den nassen Ausflug an sich. Sie kann sich darüber ganz und gar nicht beruhigen, ihr Jammer hat etwas Komisches. »Mein schönstes Strandkostüm! Und gestern versicherte mir noch die berühmte Schauspielerin Lefranc, die wegen ihres Geschmacks Weltruf hat, daß es mir zum Entzücken stände. Sie selbst gäbe ein halbes Jahr ihres Lebens darum, wenn sie ein ähnliches Kleid besäße.«

Lucie, die den Rest der Klagen mit anhörte, hält sich in beinahe unartiger Weise beide Ohren zu. »Lieber Himmel, eine nasse Kante ist doch noch kein Beinbruch, und Ihre Seligkeit hängt hoffentlich auch nicht von einem blau und weiß gestreiften Lappen ab.«

»Was hat eine Dame der Welt anderes, als ihre Schönheit, ihr gutes Aussehen, vorausgesetzt natürlich, daß die Natur gnädig mit ihr verfahren ist? Denn eine »Unbegnadigte« wird selbst die schönste Toilette nicht zu Ehren bringen.« Sie kann sehr giftig werden, die bildschöne Frau von Laska.

»Auch ein Standpunkt!« meint Lucie achselzuckend und strebt dem Zelte zu, unter welchem sich ihre Gesellschaft niedergelassen hat.

Alexa ist am Strande stehen geblieben und schaut nun sinnend über die grünliche Meerflut mit den unruhigen Schaumkronen. Eine Närrin, diese Frau von Laska, welche das eigene Ich auf den Götzenaltar erhoben hat und nun anbetend vor demselben im Staube liegt; und nicht einmal ihr besseres geistiges Ich, sondern jenes grob materielle, das sie ihr »gutes Aussehen« nennt! Ihr Heiligtum sind die schönen Farben ihres Gesichtes und ihre zahlreichen Kostüme, ihr schlanker Wuchs und der gute Schnitt ihrer Kleidung. »Eine solche Liebhaberei ist eines vernunftbegabten Menschen unwürdig,« urteilt Alexa scharf, während ihr Blick auf dem Horizont haftet; einmal muß das Schiff doch auftauchen, das ihren Vater, den Edelmann, den Herrlichsten unter allen, an das Gestade des Halligbades bringt. Sie hat Frau Herbeck geschrieben und einen Brief an ihren Vater beigelegt, weil sie glaubt, daß er sich zuerst nach dem Brechtenhof wenden wird.

Als sie das Zelt betritt, ist sie sofort der Gegenstand lebhafter Huldigung. »Sie haben wieder einmal eine entzückende Figur gemacht drunten am einsamen Meeresstrande.« schmeichelt man ziemlich aufdringlich. »Das Seefräulein, nach dem heimkehrenden Vater voll Sehnsucht ausschauend! Thyssen, Sie als einziger Pegasusreiter unter uns, dürften sich diesen großartigen Vorwurf nicht entgehen lassen. Für ein episches und mindestens sechs lyrische Gedichte reicht er ohne Zweifel aus.«

»Ja, Herr Thyssen, solch ein süßtrauriges, sehnsuchtsschweres Mignonliedchen muß Ihr Genius heute noch schaffen,« bittet man, und Frau von Laska trällert aufmunternd:

»Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
Was hat man dir, du armes Kind, getan?«

Franz Prosper junior errötet leicht, wie es sich in solchen Fällen für einen wohlerzogenen Dichter ziemt, und zieht dann sein Notizbuch, dessen achtunggebietender Umfang und seiner, lichtgrüner Ledereinband mit schwergoldener Pressung verraten, daß es zu etwas anderem als den laufenden Aufzeichnungen gebraucht wird. Er redet von einem Sujet, das ihn schon lange beschäftigt habe, von einer liebenswürdigen Bitte, der nur ein Barbar widerstehen könne, und beginnt schließlich in theatralischem Ton eine »Sehnsucht« vorzutragen. Da sein Blick fest aus den Blättern des lichtgrünen Büchleins haftet, merkt er nicht, welch' lange Gesichter seine Zuhörer ob der raschen Erfüllung ihrer »liebenswürdigen Bitte« schneiden.

Franz Prosper betrachtet die Beschäftigung mit der Poesie ungefähr wie einen Sport; und da jeder, der gesunde Gliedmaßen besitzt, nach Herzenslust segeln und radeln kann, sieht er nicht ein, warum ein Mensch mit normalen Geisteskräften nicht zur Erholung und Abwechselung dichten solle. Seine Bekannten haben gegen diese private Ansicht nichts einzuwenden; daß aber der Sohn und Erbe der Firma Thyssen sie bei jeder Gelegenheit als Versuchstiere benutzt, um die Wirkung seiner lyrischen Ergüsse an ihnen zu erproben, finden sie schon weniger angenehm.

Es ist ein furchtbar einfältiges Machwerk, eine Sammlung von Gemeinplätzen, dem ersten besten Goldschnittbändchen entliehen; und die Gesellschaft ist wirklich nicht dumm genug, um auf dieses Poem hereinzufallen. Aber rechtzeitig erinnert sie sich, daß der Verfasser zu den reichen Thyssens gehört und deshalb kaum Anspruch auf unbestechliche Kritik hat; die Lippen öffnen sich und formen wie auf Kommando das große, einstimmige Urteil: »Wundervoll!«

Frau von Laska beugt sich zu ihrer Nachbarin. »Schuster, bleib' bei deinem Leisten, und Kaufmann, bleib' bei deinen Kontorbüchern! Das Gedicht riecht nach Petroleum. Pfui!« Und sie rümpft die Nase, als ob sie verurteilt sei, zum wenigsten in einer Petroleumtonne ein Bad zu nehmen.

Ohm Peter hat die eine Hälfte dieser Rede verstanden und die andere sich hinzu gedacht. Er ist im allgemeinen der Frauenwelt und im besonderen dieser eitlen, eingebildeten, wenn auch wunderschönen Frau von Laska nicht grün, und er läßt keine Gelegenheit vorüber gehen, der Welt seine Gefühle kundzugeben.

»Ich bin ganz Ihrer Meinung, gnädige Frau,« ruft er dröhnend, und in seinen kleinen Augen funkelt die helle Schadenfreude auf. »Es ist ewig schade um jeden Tropfen Tinte, den mein Neffe für seine Dichterei vergießt. Ja, wenn es noch Zahlen im Hauptbuche wären. Aber so, pfui!«

Die Gesellschaft ist starr, Franz Prospers verkannter Genius hüllt sich in eisige Ruhe. Alles betrachtet Frau von Laska.

Diese hat ihre Fassung dem »giftigen Reptil« gegenüber, wie sie in Gedanken Ohm Peter nennt, rasch wiedergefunden, und leichthin erwidert sie: »Sie irren, Ohm Peter, meine Meinung ist anders. Ich finde Herrn Thyssen sehr talentiert und sein heutiges Opus einfach wundervoll.«

»Dann hat Ihnen sein Gedicht wohl nicht nach Petroleum gerochen, sondern nach den bewußten blauen Lappen, über welche der Verfasser in Menge verfügen soll?«

»Sie sind – sonderbar, Herr Thyssen,« stößt die andere wutbebend hervor.

»Gewiß, das bin ich immer gewesen. In unserer schablonenhaften Welt wirkt ein wenig Sonderbarkeit übrigens ganz erfrischend, etwa wie ein kaltes Sturzbad, nicht wahr, meine Gnädige? Und zum wenigsten pflegt ein Sonderling nicht vor dem goldenen Kalbe zu kriechen, wie ... wie gewisse Leute.«

»Haben Sie etwa mich im Auge bei diesen Ausführungen?« Frau von Laska scheint einzusehen, daß man diesem Grobian keinen Ärger, sondern nur hochtrabende Ruhe zeigen darf.

»Sie? Gott bewahre mich vor der Vermessenheit. Ich denke nur so: Wenn jetzt ein lüderlicher Straßenbengel Ihnen einen Eimer Wasser über den Kopf stülpte, so würden Sie ihn nach Herzenslust durchwalken, und zwar mit vollstem Recht, meine Gnädige, mit vollstem Recht. Wenn aber mein Neffe Heinrich sich flegelhafter Weise dasselbe Kunststück erlaubte, so würden Sie höchstens finden, daß das süße Baby recht originelle Ideen habe. Ja!«

Frau von Laska sucht ihr Heil in der Flucht. Sie erhebt sich mit einer Miene, als ob sie sagen wolle: »Es ist am besten, Narren bei ihrer Ansicht zu lassen.« Dann ergreift sie Alexas Arm, ihr zugleich zuflüsternd: »Er soll aus Hinterpommern stammen und in seiner Jugend selbst die Pferde gestriegelt haben. Das klebt an bis ins graue Alter, und wenn er jetzt hundertmal im Palast der reichen Thyssens wohnt.«

Alexa wird von der schönen Frau in der letzten Zeit auffallend bevorzugt, und die ganze Badegesellschaft steckt die Köpfe zusammen über dieses Symptom. Die Konsulin hat schon vor längerer Zeit ihren Gemahl verloren; die Umstände seines Todes waren etwas dunkel, gerade so wie ihr ganzes Vorleben, und die Hamburger Kaufherren würden sich wohl bedenken, ehe sie dieses fremdländische Gewächs daheim in ihren Salons empfingen. In einem Bade war man natürlich in dieser Hinsicht freier. Sie ist nicht reich, man tuschelt sich sogar zu, daß der Lieferant ihrer Pariser Toiletten ihr schon vor längerer Zeit den Kredit gekündigt habe. Es war deshalb nicht zu verwundern, daß sie gern bereit schien, ihren Namen mit einem anderen zu vertauschen, falls eine genügende Rente dazu in Aussicht stand. Der wilde Amerikaner, den Alexa erwartete, war wie eigens dazu geschaffen, alle ihre Wünsche und Hoffnungen zu erfüllen. Er war viele Jahre lang im wilden Westen gewesen, also nicht unterrichtet von ihrer Vergangenheit, er war der Sproß einer vornehmen Familie und reich ... steinreich. Das Experiment mußte gelingen, vorausgesetzt, daß sie die kleine, adelsstolze Tochter vorher auf ihre Seite gebracht hatte. Und um dieses Ziel zu erreichen, sparte sie weder Zeit noch Mühe und ließ all ihre schillernden Künste der Koketterie spielen. Sie sprach bei jeder Gelegenheit von dem wohltuenden Gefühl, das »uns Leuten von Stande das entre nous« gewähre, wobei sie nie vergaß, einen bezeichnenden Seitenblick auf die Hamburger Krämer zu werfen, sie schwärmte für altertümliche, sagenreiche Edelsitze, für Ahnen-Galerien, Wappen und Devisen. Den Adel nannte sie nicht nur das Rückgrat, sondern auch das Herz, das Haupt und die Krone der Gesellschaft, auf jeden Fall eine interessante anatomische Begriffsverwicklung. Und obwohl sich Alexa von dem eitlen und oberflächlichen Wesen der schönen Frau abgestoßen fühlte, lauschte sie zugleich voll Begeisterung ihren Reden, die dem stolzen Sinn so verführerisch klangen; sie ahnte keinen Hintergedanken und wußte nicht, daß der Adel Frau von Laskas etwas dunkler Herkunft und zum wenigsten allerneuesten Datums war.

Eine Militärkapelle war heute herübergekommen, um nachmittags am Strande ein Konzert zu geben. Die Gesellschaft ist vollzählig versammelt und hat sich in zwanglosen Gruppen an kleinen Tischen niedergelassen; selbst Lucie wird heute die Instrumentalmusik den ewigen Harmonien des Meeres vorziehen, denn sie ist mit ihrer verheirateten Schwester, der Schriftstellerin, in der Korona Thyssen erschienen. Die Familie des Kaufherrn hat mit einigen Bekannten einen hübschen, palmengeschmückten Winkel besetzt, von wo man die ganze Halle bequem übersehen kann, ohne selbst sofort aufzufallen.

Ein kleines Capriccio flutendes Tongeriesel voll eigenartiger Verschlingungen und wunderlicher Klangblitze – ist gerade verrauscht, als ein Mann in der Halle erscheint und langsam von Tisch zu Tisch schreitet; seine hellen, scharfen Augen fliegen suchend umher. Aber anscheinend fühlt er sich in der geputzten Gesellschaft nicht wohl, denn fast jedesmal, wenn er wieder am Ausgang der Halle angelangt ist, macht er eine Schwenkung, als ob er dieselbe verlassen wolle; gleich darauf kehrt er jedoch zurück und beginnt sein Suchen von neuem.

Er ist ein breitschulteriger Mann, der etwas gebückt geht mit dem wuchtigen, rücksichtslosen Tritt des Menschen, der schwere Arbeiten zu verrichten gewohnt ist. Sein Gesicht hat eine gelblich blasse Farbe, fast als habe er gerade eine Krankheit bestanden, aber seine guten, freundlichen Augen leuchten hell wie in froher Erwartung. Einen eigenartigen Gegensatz dazu bilden die buschigen, fest verwachsenen Augenbrauen und das lange, graue, beinahe verwilderte Bart- und Haupthaar, die dem Gesichte etwas Düsteres geben. Anzug und Hut sind aufdringlich neu, die Hände groß, ausgearbeitet und – unbekleidet. Die Manieren des Fremdlings haben zwar etwas Sicheres und Vornehmes, aber trotzdem läßt sich nicht verkennen, daß er in der sogenannten »guten Gesellschaft« schwerlich zu den häufigen Gästen zählt.

Man ist überall aufmerksam auf ihn geworden, auch in der Familie Thyssen.

»Donnerwetter, das ist ein New Yorker Typus,« meint Franz Prosper junior, an seinem Monokel putzend. »Hinterwäldler, Trapper oder so etwas. Wie mag sich der in unser Seebad verirrt haben?«

Allerlei Vermutungen werden laut. »Der schöne Anzug!« lacht Frau von Laska boshaft. »Er ist zwar funkelnagelneu, aber schwerlich aus einem Londoner Atelier. Und zu einem Paar Handschuhe scheint das Vermögen nicht gelangt zu haben, als der Master sich für einen Besuch Europas equipierte. – Haben Sie gesehen? Einen Stuhl hat er schon umgeworfen durch sein ungeschicktes Umherrennen. Gleich folgt ein Tisch oder gar das Büfett. Er meint gewiß, daheim in der Prärie zu sein und zwischen einer Büffelherde herumzustelzen.«

In den nächsten fünf Minuten wird die Unterhaltung auf Kosten des Fremden lebhaft, jeder fühlt sich im Gewissen verpflichtet, durch einen mehr oder minder einfältigen Witz zu beweisen, daß er sich über den New-Yorker Typus ungeheuer erhaben fühlt; und Alexa stimmt in das laute Lachen ein, obwohl es auf einmal über sie kommt wie mit einer dunklen, fürchterlichen Ahnung.

Franz Prosper senior hat sich erhoben, um an einem anderen Tisch einen Bekannten zu grüßen; als er dem Fremden begegnet, fliegt ein Strahl des Erkennens über das bleiche Gesicht, und heftig atmend bleibt er stehen. »Mein Name ist Brechten, – von Brechten,« hören diejenigen, welche in der Nähe sitzen, dann folgt ein Händeschütteln, ein geflüstertes Gespräch und gemeinsam verlassen beide Männer die Halle.

»Es ist Ihnen doch recht, daß ich Sie nicht gleich an unseren Tisch führe, sondern Alexa durch den Kellner zu uns herausbitten lasse?« fragt Franz Prosper. »Ich denke mir, wenn Vater und Tochter sich nach so langer Trennung wiedersehen, sind alle Zeugen überflüssig.«

Der Fremde ist mit allem einverstanden; er vermag kaum nachzudenken, nur das Gefühl unsäglicher Freude beherrscht ihn, sogleich sein geliebtes Kind in die Arme schließen zu dürfen.

In der Konzerthalle ist eine große Aufregung entstanden, denn der verwilderte Fremdling, den der Kaufherr so freundschaftlich begrüßte, konnte niemand anders sein als der erwartete »reiche Vater« aus Amerika, der letzte seines Geschlechtes. Und als nun gar ein Kellner am Tisch der Thyssens eine Bestellung macht und gleich darauf Baroneß Alexa mit gesenkten Augen und hochrotem Gesicht die Halle verläßt, da ist die Sache besiegelt. Das anfängliche Gefühl des Verblüfftseins verwandelt sich im Nu in hämische Schadenfreude, beißenden Spott, ausgelassene Heiterkeit. Also dieser Arbeiter im Sonntagsrock war der sagenumwobene Märchenprinz, dessen fabelhafter Reichtum das verrostete Wappenschild der Brechten-Bredau von neuem vergolden sollte! Zu lächerlich! Und seinetwegen hat man dem eingebildeten, kleinen Ding, der Baroneß Tochter, wochenlang den Hof gemacht und redlich beigetragen, seinen Hochmut zu verstärken. Blamage für beide Teile, und deshalb wiederum lächerlich!

Wie eine Träumende ist Alexa hinausgeschritten, wie eine Träumende steht sie dem graubärtigen Manne gegenüber, von dem Onkel Franz Prosper sagt, daß er ihr Vater sei. Nein, dem Idealbild, das sie sich von dem letzten Brechten-Bredau entworfen hat, gleicht er nicht im mindesten; und doch ist sie nicht engherzig genug, um nicht in diesem heißersehnten Augenblick allein die Stimme des Blutes sprechen zu lassen. Ungestüm wirft sie sich in seine Arme und er küßt sie immer wieder und streicht mit der rauhen, schwieligen Hand liebkosend über ihr Haar. Das ist keine Aristokratenhand wie diejenige des Großvaters; sie zuckt fast zusammen unter der Berührung. Und dann wächst ihre Ahnung immer höher empor, daß einer, der den Glanz seines Geschlechtes erneuern will, so nicht in die Heimat zurückkehrt; der müßte aussehen wie ein Triumphator, und dieser unterscheidet sich kaum von einem Arbeiter. Mit einer Art dumpfer Ergebenheit empfindet sie, daß die goldigen Träume der letzten Zeit nun wirklich Träume bleiben werden. Die Möwe taucht aus der rosigen Sonnenglut in schwarze Wolkennacht zurück, ohne Trost, ohne Hoffnung.

Kein Schluchzen erschüttert ihren zarten Körper, aber trotzdem läuft beständig das helle Wasser über ihre bleichen Wangen.

»Das ist die Wiedersehensfreude,« meint der letzte Brechten-Bredau.

Nein, die Wiedersehensfreude ist es nicht, Alexa begräbt in diesem Augenblick ihr altes, glorreiches Geschlecht zum zweiten Male.

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