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Flitter und Schein

Hedwig Dransfeld: Flitter und Schein - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorHedwig Dransfeld
titleFlitter und Schein
publisherVerlag und Druck von J. P. Bachem
printrunDritte Auflage
yearo.J.
illustratorW. Roegge jun.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131207
projectid5a484b41
wgs9110
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2

Fürchterliche Augenblicke sind es gewesen. Alexas erster Gedanke war, aus dem Hause zu stürzen und von dannen zu eilen, einerlei wohin; und wenn sie in dem treibenden Großstadtleben hundertmal sterben und verderben mußte, nur fort aus dem Bereich dieser kühlen blauen Augen, die so fest auf sie gerichtet waren, als ob sie in ihrem Inneren lesen wollten. Aber dann war es, als ob ihre Füße ihr den Dienst versagten, ihr Atem ging kurz und stoßweise; an der stuckverzierten Decke kreisten große, blaue Ringe, und sie mußte die Hand um eine Stuhllehne klammern, um in dem plötzlichen Schwindelanfall nicht zu Boden zu stürzen.

Auch die andere fand vor Überraschung nicht gleich Worte. Es war richtig, daß einmal eine Thyssen gegen den Willen der beiderseitigen Eltern einen verkrachten märkischen Edelmann geheiratet hatte und bald darauf im Elend gestorben war. Aber ihre Geschichte schien vergessen, und ihr Name wurde im Hause Thyssen nicht mehr genannt. Es war fast, als ob die alteingesessene Patrizierfamilie sich der Heirat nicht weniger schämte als die Brechten-Bredau, freilich aus anderen Gründen; und so hatte Lucie nie den Namen ihrer Tante gehört und nicht gewußt, daß dieselbe eine Tochter hinterlassen hatte.

Voll warmen Mitleids erkannte sie in der neuen Cousine die schüchterne, ärmlich gekleidete Kleine des Alsterdampfers; und sie sah auch, wie peinlich jener das Wiedersehen war, wie ihr schmächtiger Körper zitterte, wie sie gewissermaßen nach Worten rang. Der Diener hatte ihr schon verraten, daß sie gekommen sei, um ein Obdach zu bitten, und sie sollte sich im Vertrauen auf eine Thyssen nicht getäuscht haben.

Die simple Bürgerliche besaß wirklich etwas mehr Gastfreundschaft und – Vornehmheit, als die Baroneß erwartete. Sie schreitet auf die Fremde zu und nimmt ihre herabhängende Rechte sanft in ihre Hände. »Das hätte ich mir nicht träumen lassen, heute noch eine liebe Verwandte kennen zu lernen,« beginnt sie herzlich, es taktvoll vermeidend, von ihrer ersten Begegnung auf dem Dampfer zu sprechen. »Onkel Franz Prosper wird gewiß bedauern, daß er Ihnen das erste Willkommen in seinem Hause nicht bieten konnte. Wir wollen ihn sofort benachrichtigen; bis dahin müssen Sie, faute de mieux, mit mir vorlieb nehmen. Und so heiße ich Sie denn in aller Form willkommen, Baroneß.«

Und so heiße ich Sie denn in aller Form willkommen, Baroneß

Alexa findet kein Wort der Erwiderung. Sie macht einen furchtbar trostlosen und unbeholfenen Eindruck, wie sie gebrochen dasteht im fadenscheinigen Trauerkleidchen und mit der Linken die Stuhllehne krampfhaft umklammert hält. Lucie drückt sie in einen Sessel und bemüht sich, das unmoderne Hütchen von den Defreggerzöpfen loszunesteln.

»Sie werden müde sein, Baroneß; aber – lieber Himmel, – ich tue ja, als ob ich zu einer Fremden spräche, und wir sind doch Cousinen, wenn auch zweiten Grades. Unsere Großväter waren Brüder. Deshalb Alexa und Lucie, und du und du, nicht wahr?«

Alexa nickt steif, und wieder bewirkt der Freiherrnstolz, daß der eben so demütig geneigte Nacken sich hochmütig aufrichtet. Ob es wohl mit den Traditionen der Brechten-Bredau vereinbar war, daß sie so rasch mit der bürgerlichen Halbcousine eine Duzfreundschaft einging? Sie war ja dankbar, daß ihrem Umherirren auf dem Pflaster der Großstadt anscheinend jetzt ein Ende bereitet wurde, aber das, was sie ihre Schmach nannte, fühlte sie deshalb nicht minder. Nicht im entferntesten kam ihr dabei der Gedanke, daß auch ihrer Cousine der herzliche Empfang eine Überwindung kostete, und daß sie in ihrer jetzigen Verfassung nicht gerade dazu geeignet schien, die Ehre des Hauses Thyssen zu vermehren.

Sie ist äußerst wortkarg, aber Lucie übersieht das etwas seltsame Benehmen ihres jungen Gastes; so sehr sprechen die bleichen, leidvollen Züge und die schwarz umrandeten Augen von der Qual und der geistigen Übermüdung der letzten Stunden. Am Frühstückstisch nimmt sie von all den schönen Dingen, die Lucie ihr vorlegt, nur ein wenig Kaviar und einen Schluck Sherry; und mit einer Art von Entsetzen bemerkt sie, wie ihre Cousine ihrem gesunden Appetit so gar keinen Zwang auflegt, sondern ziemlich ungeniert eine Portion verzehrt, die man daheim auf den märkischen Schlössern kaum salonmäßig gefunden hätte.

Lucie läßt zum ersten Male in ihre verbindlichen Worte einen kräftigen Spott einfließen. »Ich habe einen furchtbar demokratischen Magen, gnädige Cousine,« lacht sie. »Die Zeiten, in denen eine gebildete Dame sich etwas zu vergeben glaubte, wenn sie vor fremden Augen mehr als ein Häppchen Biskuit und einen Schluck Weißwein nahm, sind hier in Hamburg vorbei. Drüben in der Mark seid ihr wohl noch nicht so weit?«

Alexa errötet; aber eine Antwort weiß sie nicht; es ist ihr alles so fremd, so ungewohnt, auch die junge Dame vor ihr, die mit solch vollendeter Sicherheit spricht und sich bewegt, dem Diener ihre Befehle gibt und ihrem Gaste gegenüber die Pflichten der Wirtin erfüllt. Eine echte Brechten-Bredau könnte nicht eleganter die Honneurs ihres Schlosses machen.

Lucie hat sich in ihrem Sessel zurückgelehnt und betrachtet nachdenklich die Blütenbüschel des Kronleuchters. »Punktum, so geht's,« – mit einem Ruck hat sie sich aufgerichtet, – »das heißt natürlich, falls du deine Einwilligung nicht verweigerst. Warum sollen wir erst Zeit verlieren mit dem langweiligen Hin- und Herschreiben? Ich habe schon für morgen einen Platz auf der »Cobra« belegt, du fährst mit und meldest dich persönlich beim Onkel Franz Prosper. Dort kannst du mit einem Schlag die ganze Sippe der Thyssens kennen lernen; bist du einverstanden?«

Die andere nickt. Sie ist ja so glücklich, daß jetzt andere für sie denken und handeln, daß sie selbst sich nicht mehr mit dem »morgen« befassen muß.

»Wie lange ist dein Großvater eigentlich schon tot?« fragt Lucie mit einem etwas verdächtigen Blick auf das abgetragene Kleid und den Kreppeinsatz, der trotz der redlichsten Bemühungen einer Stopfnadel recht zerfasert aussieht. »Dreiviertel Jahr, sagst du? Da könntest du doch schon ein Reisekleid tragen von dunkelgrauem Stoff. Er ist ungemein praktisch, weil man den Staub kaum auf ihm sieht.« Sie hat recht harmlos gesprochen, um Alexa nicht merken zu lassen, daß sie ihren Anzug für ein Seebad etwas unpassend findet.

»Auf dem Brechtenhof wurde um die nächsten Verwandten seit Jahrhunderten ein volles Jahr getrauert.« Alexa hat auf die »Jahrhunderte« einen nicht geringen Nachdruck gelegt, den sich die demokratische Lucie aber durchaus nicht zu Herzen nimmt.

»Nun, dann ein schwarzes Schneiderkleid,« erwidert sie geduldig. »Das ist für eine Reise auch schik und elegant. Falls du ein solches noch nicht besitzest, kann ich es dir in einer halben Stunde aus einer Damenkonfektion besorgen lassen.«

Wieder einmal weicht der letzte Blutstropfen aus Alexas Wangen, weil sie ihrer bitteren Armut sich erinnert. Aber dann fällt ihr der Ausspruch des Großvaters ein, den sie so oft in jenem tiefen, theatralischen Ton vernommen, der ihm eigen war: »Nur unedle Geister können ihr Herz an das Geld hängen, diesen unreinen Götzen, der vom Staube kommt und in den Staub hinabzieht; deshalb schäme dich deiner Armut nie, Alexa. Selbst in Lumpen wirst du kraft deiner Geburt zu den edelsten deiner Nation gehören.«

Nein, sie schämt sich ihrer Armut nicht vor diesem anscheinend reichen Bürgermädchen, als Baroneß von Brechten-Bredau bleibt sie ihr unendlich überlegen. Und obwohl ein nervöses Zucken über das Gesicht fliegt, hat doch ihre Stimme Ruhe und Festigkeit; sie erzählt, daß sie nur noch wenige Mark besitzt und ihr Handköfferchen all' ihre Habseligkeiten enthält.

»Um Gottes willen, ist denn so etwas möglich?« Auf ein Haar wäre dieser wenig schmeichelhafte Ausdruck Luciens Lippen entflohen. Aber sie bemeistert sich noch rechtzeitig und erwidert nicht ohne eine leichte Verlegenheit: »Nun, was das angeht. Cousinchen, – es wäre mir natürlich eine Freude, eine unbändige Freude, – wir sind ja so nahe Verwandte –«

»Eine Brechten-Bredau bettelt nicht.« Das war wieder einer der wohlfeilen Wahlsprüche des adelsstolzen Großvaters, die wie mit einem glühenden Eisen in das Herz der Enkelin eingebrannt waren.

»Aber, Alexa, du hast doch nicht den Hauch einer Bitte geäußert. Ich habe mir nur die Freiheit genommen, dir – sagen wir also – ein Geschenk anzubieten.«

»Auch ein Geschenk darf eine Brechten-Bredau nicht annehmen.«

Lucie zuckt ungeduldig die Achseln. Sie hat große Lust, zu fragen, ob sie denn das erbetene Obdach, die Versorgung vielleicht für Jahre, vielleicht gar für Lebenszeit, nicht für ein Geschenk des Onkels Franz Prosper ansehe. Aber dann läßt sie das Thema fallen. Du lieber Himmel, warum sollte sie sich für diese herabgeschneite freiherrliche Verwandte so weit interessieren, um ihre altmodischen und verdrehten Ansichten zu berichtigen?

»Du wirst doch ein wenig von Hamburg sehen wollen,« beginnt sie gleich darauf. »Machen wir also für heute nachmittag ein Programm. Kunsthalle, Rathaus, zoologischer Garten, Hafenrundfahrt, was wählst du? Den Kaffee trinken wir bei Hübner oder im Alster-Pavillon, und das Souper, – nun, das werden wir als wohlerzogene Damen ohne obligaten Herrenschutz schon daheim einnehmen müssen. Die Theater sind leider geschlossen, aber vielleicht« – sie blättert in den Morgenzeitungen, – »winkt in irgend einem Eldorado ein halbwegs erträgliches Konzert oder ein interessanter Tingeltangel in Sankt Pauli. Kennst du übrigens einen Tingeltangel, Alexa?«

Die Baroneß verneint selbstverständlich. »Nun, denke dir ein Lokal mit imitierten Marmorsäulen, Portièren von leichtem Theater-Sammet und unechten Delfter Landschaften, dazu ein Podium mit Tirolern, Zigeunern, Pariser Chansonetten oder auch echten, harfenschlagenden Hamburgerinnen. Abwechselnd machen die auf dem Podium irgend ein sinnvolles Geräusch, und das Publikum brüllt: »Rrraus!« Dazu trinkt man Bier, Wein, Likör; raucht, spielt Skat, – kurz, amüsiert sich.«

»Und dahin wolltest du mich führen?« fragt die Baroneß mit gelindem Entsetzen.

»Nur deine Meinung wollte ich hören, denn die Tingeltangel in Sankt Pauli gehören sozusagen zu den Charaktermerkmalen Hamburgs. Du willst also nicht? Bon! – Was sagst du denn zu einem Gerhard Hauptmann-Leseabend oder einer Versammlung der Heilsarmee, die hier auf dem fruchtbaren Boden der Großstadt vorzüglich ins Kraut schießt? Du weißt nicht, was ich meine? – Ja, das werde ich dir in einem Tage schwerlich beibringen können. – Also wieder etwas anderes. – Halt, ich hab's. Illumination und Feuerwerk auf der Alster. Ein Diener und, wenn es dich beruhigen sollte, die alte, ehrenwerte Haushälterin Onkel Franz Prospers werden uns hoffentlich genügend schützen können. Also, das wäre abgemacht, Baroneß Alexa.« – –

Wie die märkische Baroneß Augen macht, als sie in das prachtvolle Vestibül der Kunsthalle tritt und sich dem mächtigen Treppenhaus und den köstlichen Wandgemälden desselben von Ruths und Fitger gegenüber sieht! Sie, die noch nie eine Gemäldegalerie oder ein Museum gesehen hat, fühlt sich verwirrt dieser Fülle von Bildern gegenüber. Zwar hatte der Großvater, ihr einziger Lehrer und Erzieher, in seinen Lehrplan auch die Kunstgeschichte aufgenommen, aber mit jener Voreingenommenheit alternder Menschen, die das Heil der Welt nur in der Vergangenheit sehen und alles Moderne aus Grundsatz verachten. Deshalb fühlt sich Alexa den älteren Meistern gegenüber nicht so gänzlich als Unwissende, wie droben in der Galerie der Modernen. Sie muß dieses Fräulein Thyssen bewundern, das mit solcher Leichtigkeit und Sicherheit über die Gemälde und ihre Schöpfer urteilt, nur dann und wann den Katalog zu Rate ziehend.

»Hier ein Ruisdael,« plaudert sie unbefangen. »Da braucht man den Katalog nicht aufzumachen, um aus dieser holländischen Landschaft mit den scharf abgegrenzten Lichtern meinen alten Liebling zu erkennen. Die beiden Bildchen da – zweifellos etwas Italienisches. Da verlohnt sich schon das Nachschauen im Katalog. Was, ein echter Guido Reni? – Den hätte ich in dieser nordischen Krämerstadt kaum vermutet. – Findest du nicht auch, Alexa, daß solch ein Kopf von Gabriel Max anmutet wie ein lyrisches Gedicht von Geibel oder Heine? Beispielsweise: »Ich habe dich lieb, du Süße, du meine Lust und Qual«, oder »Du bist wie eine Blume«. – Hier mußt du eine tiefe Reverenz machen, denn aus diesem pergamentenen Moltkekopf grüßt dich der Genius Franz von Lenbachs. – Hans Makart, unser Rotschild an Phantasie und Farbenglut! – und Böcklin mit seiner ganzen Gefolgschaft altgriechischer Mythenwesen! Halb mutet es einen an wie eine vorsintflutliche Welt, halb wie die Nebelpoesie eines Ossian. – Komm, Alexa, nach diesen geistigen Genüssen will auch die Magenfrage ihr Recht, und in Hübners japanischem Salon können wir unsere Schwärmerei für die Helden von Pinsel und Palette fortsetzen.«

Bei Hübner fällt Alexa eine Dame auf, die im fliederfarbenen Staubmantel auf einem Bambusstühlchen sitzt und mit großer Andacht aus einer Perlmutterschale Eis löffelt. Mit einem liebenswürdigen Wortschwall begrüßt sie Lucie, die sie aber leicht abzuschütteln versteht. Alexa erkennt in der bildschönen, wenn auch nicht mehr ganz jungen Dame die »Goldene« aus dem Hotel und interessiert fragt sie nach ihrem Namen.

»Frau von Laska, irgend eine exotische Konsulin – aus Kairo, wenn ich nicht irre. Wir haben übrigens Glück; denn sie wird sich morgen ebenfalls mit ihrem ganzen Stabe auf der »Cobra« einschiffen, um ihre von den Vergnügungen des Winters geschwächten Nerven in der Seeluft zu kurieren. Meine Schwester wird sich über diesen interessanten Zuwachs der Badegesellschaft zweifellos freuen. Sie ist nämlich so eine Art von Schriftstellerin oder will es doch wenigstens sein, und deshalb macht sie ihrem Handwerk zuliebe förmlich Jagd auf alle auffallenden Menschen.«

»Also deine Schwester wirst du im Seebad auch finden?«

»Meine ganze Sippe sogar. Fast sieht es aus, als hätten sich die sämtlichen Thyssens ein Rendezvous geben wollen, und es war doch nur Zufall, daß ihr Geschmack einmal die gleiche Richtung nahm. Meine Wenigkeit ist das letzte Glied in der hübschen Familienkette da drüben.«

Sie wandern zusammen den Alsterdamm entlang, dem Pavillon zu, der so malerisch in die silbernen Fluten hineingebaut ist. Ein reiches Trinkgeld läßt den aufwartenden Kellner sofort vor Unterwürfigkeit zusammenknicken. Wo die Damen zu sitzen wünschen? Ob sie die Speise- und Weinkarte befehlen oder die neuesten Zeitungen? – Und mit Aufbietung all seiner Kräfte schleppt er dann ein Tischchen in den lauschigsten Winkel der Veranda direkt neben die Balustrade, von wo die Damen ungesehen und ungestört die Alster, den reichbelebten Jungfernstieg und das Treiben des Restaurants überblicken können.

Es ist ein internationales Publikum, das im Alsterpavillon aus- und eingeht. Schlanke, hochgewachsene Engländerinnen in einfachen Reisekleidern, auf den leeren, porzellanartig abgetönten Gesichtern einen Ausdruck unbeschreiblichen Hochmuts, zierliche Französinnen, den unvermeidlichen Schoßhund im Arm, Amerikanerinnen im feschen Sportkostüm, dunkeläugige Spanierinnen und herrisch auftretende Russinnen, von denen jede eine geborene Königin scheint! Das Bild fesselt selbst Alexa, so daß sie ihre Zurückhaltung, ihren Schmerz, ihre Übermüdung beinahe schwinden fühlt.

Sie wirft den Schwänen, die sich zutraulich bis unter die Balustrade der Veranda wagen, große Kuchenbrocken zu. Einer derselben scheint nicht so behende wie seine Gefährten, denn er kommt bei der Verteilung immer zu spät und wird dann obendrein durch scharfe Schnabelhiebe zurückgetrieben. Es ist fast wie bei den Menschen; die Brutalität des Starken gegen den Schwachen! Und auch das menschliche Gefühl des gekränkten Stolzes scheint dem Unterdrückten nicht fremd zu sein, denn mit prächtig aufgeblähten Flügeln wendet er sich und rudert langsam, majestätisch davon. Alexas Blick folgt ihm und nun gewahrt sie, weshalb der königliche Vogel in dem erbitterten Kampfe um die Kuchenbrocken unterliegen mußte; einer der Flügel scheint von einem Steinwurf getroffen zu sein, denn das rote Blut sickert aus dem Schultergelenk hervor und färbt den weichen Flaum des Leibes und die gespreizten Schwungfedern.

»Ein Invalide, ein gefahrloser Konkurrent im Kampf ums Dasein,« lacht Lucie. »Aber, Alexa, welche Leichenbittermiene. Es ist ja gerade, als empfändest du den kleinen Hautriß des Schwanes da an deinem eigenen Leibe.«

»Er erinnerte mich nur an mein eigenes Schicksal,« erwidert Alexa leise.

»Nun, das muß ich sagen, in eurem märkischen Sande scheint das Kräutlein Sentimentalität üppig zu gedeihen.«

Eines der Dampfboote hat gerade an der Landungsbrücke angelegt, und mit Interesse betrachtet Lucie das Gewimmel hinüber und herüber. Alexa weiß selbst nicht, weshalb sie auf einmal das Wort »Sentimentalität« mit dem gestrigen Ereignis auf dem Alsterdampfer in Verbindung bringt, weshalb wiederum der Gedanke an ihre Schmach das Blut siedendheiß durch ihre Adern treibt. Mit einer krampfhaften Bewegung legt sie die Hand auf den Arm der anderen.

»Du glaubst doch nicht, Lucie, daß ich gestern wirklich beabsichtigte ...«

»Nichts glaube ich, als daß die Baroneß Alexa von Brechten-Bredau einen sehr harten und stolzen Kopf besitzt und alles Leid lieber in sich verschließt, anstatt dasselbe in einen mitfühlenden Busen zu schütten. Wären wir beide aus dem Weltenraum herabgeschneit, um uns auf der lieben Erde ein Rendezvous zu geben, wir könnten kaum weniger von einander wissen, als jetzt. Wer also soll mit den ›Enthüllungen‹ beginnen?«

Alexa sieht träumend über die glitzernde Wasserfläche, die sie so lebhaft an den Teich des Brechtenhofs erinnert; nur die mächtigen Ufermauern der Alster und die wimmelnde Bewegung auf demselben passen nicht in das Bild ihrer Erinnerung. O, es verlangt sie ja selbst, von dem Schloß ihrer Väter zu sprechen und dem einsamen, wildverwachsenen Park, der wie eine grüne Insel aus dem Sandmeer der Mark emporragt.

Ja, es war ein unfruchtbarer Boden, und die armseligen Bewohner hatten die Mittel nicht, ihn zu pflegen und zu veredeln. Roggen und Gerste schossen kaum meterhoch empor, und selbst die wilden Feldblumen schienen sich nicht wohl zu fühlen zwischen den dünnen, kranken Ähren. Das Wiesengras und der rotblühende Klee standen so wenig dicht, daß man auf dem Grunde deutlich die fahlen, trockenen Sandschollen wahrnehmen konnte. Wo aber ein todmüder Bach durch die Ebene kroch und sich im Flachland in tausend sickernde Äderchen zerteilte, das ganze Gelände durchtränkend und erst in einer Senkung sich wieder zum dünnen Wasserfaden vereinigend, da ward der Natur sofort ein anderer Stempel aufgeprägt. Da standen in üppiger Versammlung die Weiden mit den unförmig aufgetriebenen Köpfen und der struppigen Rutenkrone, da reckten die ausländischen Pappeln wie ein hochmütiges Grafengeschlecht die schlanken Stämme, da ging selbst bei Windstille durch das ewig zitternde Erlenlaub ein Wispern und Rauschen, als erzähle es wundersame, farbenglühende Märchen aus jener Zeit, da noch die alten Wendengötter segnend über die Sandflur glitten. Und erst der Boden des weichen, tückischen Sumpflandes, welch' verschwenderische Gaben hatte die Natur darüber hinweggestreut! Tief in die Binsen neigte sich, schwer von der eigenen Blütenpracht, die dunkelblaue Iris, eine weiße Teichrose mit zähem, elastischem Blattwerk lag schläfrig auf einem Tümpel, Tausende von Orchideen, glutfarbigen Erdflammen gleich, schlugen aus dem feuchten Grunde empor, und die Wollgräser schwenkten wie traumverloren die weichen Knäuelknöpfchen. Darüber hin sausten die Libellen in scharfem, eckigem Fluge, zuweilen den blaugetigerten Leib in die gifthauchenden Tümpel tauchend, – taumelten wie berauscht vom Blütenduft große Schmetterlinge und standen grünlich goldene Fliegen und Mücken in der vor Wärme zitternden Luft.

Ja, es war ein verarmtes, und doch eigenartig schönes Land, in dem der letzte Sproß der Brechten-Bredau einsam aufwuchs. Hier hatte sich der Strom der Zeit, der mit wilden, vernichtenden Wogen durch die Zentralen der Industrie brauste, zu einem stillen Tümpel geglättet, hier ging der fiebernde Pulsschlag des Jahrhunderts so ruhig wie der eines Schlafenden. Die Enkelin des verarmten und verbitterten Edelmannes war wenigstens hundert Jahre hinter ihrer Zeit zurückgeblieben. Die Interessen der Gegenwart hatten sie nie berührt. Sie kannte nicht das große Gesetz des Ringens und Weiterstrebens, dem sich heute jeder geistig geweckte Mensch unterwirft, sei er hoch oder niedrig, reich oder arm, Mann oder Frau. All die jungen, frischen Eindrücke der letzten Tage schwammen vor ihrem geistigen Auge durcheinander in mattem Zwielicht, aber darüber schwebte der Sonnenschein ihrer feudalen Ideen: Wenn du auch nichts leistest, so gehörst du doch kraft deiner Geburt zu den Edelsten deiner Nation; wenn du ihr auch nicht dienst, so wirst du doch zeitlebens auf den Höhen der Menschheit stehen; denn das heilige Recht der Geburt kann nicht verloren gehen. Die vornehmen Frauen sind wie die Lilien des Feldes; sie säen nicht und spinnen nicht, man verlangt von ihnen nur, daß sie das Auge erfreuen; sie sind der große Luxus, den sich, die Menschheit erlaubt. –

Mit leiser Stimme erzählt Alexa vom Brechtenhof. Es ist ein niedriger, einfacher Backsteinbau, welcher verrät, daß die Brechten-Bredau niemals mit Glücksgütern gesegnet waren; nur ein paar gewundene, rankenverzierte Säulen des Portales zeigen einen Ansatz des Barockstiles, sonst ist alles nüchtern, schmucklos, fast übertrieben einfach. Aber die beiden aus Sandstein gehauenen Bären, die rechts und links von der Freitreppe liegen, verkörpern desto deutlicher feudalen Stolz und feudale Herrlichkeit. Die mächtigen Häupter sind kraftbewußt nach hinten geneigt, die Pranken halten das Wappen derer von Brechten-Bredau. Alexa zeigt ihrer Cousine einen Siegelring, dessen mächtige Platte sich auf dem schmalen Finger beinahe lächerlich ausnimmt: ein silberner Schlüssel, das Zeichen des alteingesessenen Herrentums, in einem Felde von blauen Türkisen, dazu auf schmaler Silbereinfassung die stolze Devise: »Allstund' auf eigenem Grund!« Diese Devise steht im Brechtenhof über dem Portal, sie ist eingeritzt in Truhen und Schränke, sie leuchtet in goldener Schrift aus den Arabesken der Deckenverzierungen, ja selbst die Sarkophage in der stillen, epheuumwucherten Grabkapelle blieben von ihr nicht verschont. Sie ruhten nicht auf dem Gemeindekirchhof, die stolzen Edelherren, sie bereiteten sich ihr Grab auf »eigenem Grund«. Da aber hatte es dem Schicksal gefallen, die bitterste Satire zu dichten, als es den Brechtenhof in fremde, bürgerliche Hände gab. Der stolze Wahlspruch wurde zum Zerrbild und wie eine große, schauerliche Lüge stand er über den Sarkophagen der Edelherren an der stillen Stätte des Todes.

Ihre Mutter, die bald nach ihrer Geburt gestorben ist, hat Alexa nicht gekannt, sie weiß nur, daß sie sich auf dem Brechtenhof nicht glücklich gefühlt hat. Die Ehe, wider den Willen der beiderseitigen Eltern geschlossen, war nicht vom Segen des Himmels begleitet gewesen. – Und ihr Vater? – Alexa errötet, da sie dieses Wort ausspricht, das andere Mädchen mit Stolz und Freude zu nennen pflegen. Ihr Großvater hatte ihn einen Abtrünnigen genannt, eine Krämerseele, einen wilden Trieb am herrlichen Stamm der Brechten-Bredau. Er hatte die Welt gesehen und den Geist seiner Zeit verstehen gelernt; deshalb wollte er einen frischen Zug in das tote Einerlei des Brechtenhofs bringen und die veraltete Ackerwirtschaft reformieren. Sein eigener Vater war bei diesem Vorgehen sein größter Feind. Er machte den Vorschlag, Zuckerrüben in großen Mengen anzubauen, da der Boden nach einigen Verbesserungen für diese Kultur besser geeignet schien, als für Roggen und Gerste; er befürwortete die Anschaffung landwirtschaftlicher Maschinen; der alte Freiherr hatte für alles nur ein verächtliches Lächeln. Stolz und einfach nahm er an, was die Erde, die große Ernährerin, ihm bot; sie auszubeuten, überließ er den Krämerseelen. So sagte er immer wieder. Da war dem tatkräftigen Sohn die Sandflur schließlich zu eng geworden, und er hatte sich, – arm und ungeschickt zur Arbeit, wie nur ein echter Brechten-Bredau es sein konnte, aber mit redlichem Willen – als Zwischendeckspassagier nach Amerika eingeschifft. Regelmäßig kamen nun seine Briefe, die anfangs nicht viel Gutes berichteten; regelmäßig gingen zwei Zeilen des alten Freiherrn zurück in seiner straffen, selbstbewußten Schrift: er und Alexa befänden sich wohl, und es läge für den Sohn kein Grund vor, auf den Brechtenhof zurückzukehren.

Es war fast ein Wunder zu nennen, daß der Zusammenbruch des überschuldeten Gutes nicht mehr zu des alten Freiherrn Zeiten stattfand; einige Eingeweihte munkelten, daß diese Verzögerung der Katastrophe der Großmut eines Hauptgläubigers zu verdanken gewesen sei. Es war ein reicher, angesehener Gutsbesitzer an der polnischen Grenze, und nach dem Tode des Freiherrn erwarb er den Brechtenhof für seinen zweiten Sohn. So gänzlich war der Ruin der Brechten-Bredau, daß kaum einige Mark übrig blieben für die Letzte ihres Geschlechtes, daß sie zur Bettlerin und von der Gnade ihrer Verwandten abhängig geworden war.

Der neue Besitzer! Wiederum errötet Alexa bei Nennung dieses Namens. Er war tatkräftig, gebildet und hatte ein Herz für seine Untergebenen, er brachte auch einen frischen Zug in die eingeschlafene Verwaltung des Brechtenhofes. Jetzt schrillte die Dampfpfeife auf den Äckern, die spärlichen Waldungen wurden neu aufgeforstet, die Wiesen entwässert, viele Morgen des Besitzes für die Rübenkultur vorbereitet. Das Schloß und den Park erkannte man kaum wieder; aber er ging nicht über die ehrwürdigen Stätten mit dem dröhnenden Schritt des Vernichters, pietätvoll schonte er, was an ein altes, großes Geschlecht erinnerte, sogar die Grabkapelle mit dem zur Farce gewordenen Wahlspruch. Wenn er nur nicht Neumann geheißen hätte! Dieser plebejische und wenig originelle Name beleidigte fast Alexas Ohr.

Nach dem Tode ihres Großvaters war sie auf einen Pachthof gezogen, der zum Brechtenhof gehörte und von Neumann ebenfalls gekauft worden war, um hier einen Brief ihres Vaters abzuwarten. Aber zehn Monate waren verstrichen, ohne diesen Brief zu bringen, und schon merkte sie, wie die sonst so unterwürfigen Pächtersleute anfingen, des überzähligen Gastes müde zu werden. In dieser Not war es eines Tages über sie gekommen mit plötzlich aufflackernder Energie, und sie hatte die Heimat verlassen, um ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und den unbekannten Onkel um ein Obdach zu bitten. Sie hatten niemals in Korrespondenz gestanden, und deshalb meldete sie auch ihren Besuch nicht an; Auge in Auge wollte sie ihre Bitte vorbringen, und der Augenblick sollte über ihre Zukunft entscheiden.

Alexa weint leise, denn bitterschwer wurde ihr der Abschied von der Heimat, bitterschwer empfindet sie die Demütigungen, denen sie auf dem ungewohnten Pflaster der Großstadt ausgesetzt war. Lucie legt tröstend den Arm um ihre Schultern, denn das Heimweh kann auch sie verstehen. »War es denn durchaus nicht möglich, daß du auf dem Brechtenhof bliebst?« fragt sie gedankenlos, scheinbar nur, um die peinliche Szene durch ein paar Worte zu unterbrechen.

Mit einem Ruck hat Alexa sich los gemacht, das Köpfchen fliegt in den Nacken, die Augen funkeln, die feine Hand mit dem mächtigen Siegelring liegt schwer auf der Tischplatte. »Gott bewahre mich, daß ich zur Verräterin werde an meinem eigenen Geschlecht! Ja, ich konnte auf dem Brechtenhof bleiben; er – Neumann hatte nämlich die Kühnheit, mich um meine Hand zu bitten.«

Lucie macht ein ehrlich erstauntes Gesicht. »Und nun bist du eine glückliche Braut? Sieh, sieh, wer das vermutet hätte!«

»Ich, eine Baroneß von Brechten-Bredau, Neumanns Braut? Beleidige mich nicht. Wie wollte ich in der Ewigkeit vor meinem Großvater und meinen übrigen ruhmreichen Ahnen bestehen, wenn ich mich so weit vergessen könnte?« – Sie schluchzt auf in kindischem Schmerz. – »Rote, schwielige Arbeitshände hat er, weil er überall selber zugreift, und einmal hat er mir auf dem Pachthof in Joppe und Stulpstiefeln einen Besuch gemacht.«

Lucie hatte die Arme gekreuzt; in ihren Augen flackert es licht empor, halb Mitleid, halb beißender Spott. »Gräßlich!« kommt es langsam, schwer über ihre Lippen.

Sie sitzen beide in Gedanken versunken. Alexa vergegenwärtigt sich den Großvater, dessen Hand so fein und weich war wie eine Frauenhand; und nur eine solche sei eines Aristokraten würdig, sagte er oft. Er hielt peinlich auf Etikette; im abgetragenen Salonanzug, mit oft gewaschenen Handschuhen pflegte er täglich zum Diner zu schreiten, wenn es auch nur Pellkartoffeln gab. Er war eben ein echter Brechten-Bredau.

Lucie betrachtet mit gemischten Gefühlen ihr Gegenüber. Nein, häßlich war sie gerade nicht mit der feinen, zerbrechlichen Gestalt, dem blassen Gesicht und den dunkeln, fragenden Augen, die so hochmütig funkeln konnten. Aber diese wunderbaren Ansichten! Es würde ewig ein Abgrund bestehen zwischen ihr, die mitten im Leben sich bewegte und den Geist ihrer Zeit verstand, – und jener mittelalterlichen Baroneß, die eben so arm wie anspruchsvoll war. Lachend schaut sie über die krausen Alsterwellchen. Also ein reicher, angesehener, gebildeter Gutsbesitzer bewirbt sich um sie, die wohl über ein paar Wagenladungen voll Hochmut verfügt, dagegen ihr greifbares Eigentum in einem Handköfferchen mit sich führt. Nochmals gräßlich! Und Neumann hieß er und in Joppe und Stulpstiefeln kam er, der Landwirt, aus einen märkischen Pachthof! Haarsträubend! Man weiß wirklich nicht, ob man ob solcher Begebenheiten lachen oder weinen soll.

»Sie hat entschieden mehr Glück als Verstand,« das ist das Endergebnis von Luciens Betrachtungen. »Und ehe etwas halbwegs Gescheites aus ihr wird, muß sie sich zuerst die Hörner gründlich ablaufen. Aber keine Angst, dafür wird die liebe Mitwelt schon sorgen.«

Beruhigt erhebt sie sich, um ihre Cousine aufzufordern, mit ihr nach Harvestehude zurückzukehren.

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