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Flitter und Schein

Hedwig Dransfeld: Flitter und Schein - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorHedwig Dransfeld
titleFlitter und Schein
publisherVerlag und Druck von J. P. Bachem
printrunDritte Auflage
yearo.J.
illustratorW. Roegge jun.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131207
projectid5a484b41
wgs9110
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Buchschmuck

1

Ein Abend in der freien und Hansestadt Hamburg, dem fröhlichen und volkreichen Elb-Venedig! Das Dampfboot hat soeben die Lombardsbrücke passiert, wo seine Schaufelräder an den mächtigen Pfeilern die Wellen meterhoch emportrieben. Jetzt schwimmt es in dem fast viereckigen Becken der Binnenalster, und eine wundervolle Aussicht öffnet sich dem Auge. Die prächtigen, hohen Häuserfronten des alten und neuen Jungfernstiegs und des Alsterdammes grüßen herüber, jedes Fenster erleuchtet wie bei einer festlichen Illumination. Dazwischen glühen die elektrischen Bogenlampen der Straßenzüge und die aufdringlichen Reklameschilder der großen Geschäftshäuser, von wechselndem farbigen Licht erleuchtet. Es liegt etwas Nervöses, Unruhiges in dieser nächtlichen Helligkeit der Weltstadt; selbst die sonst so stille, dunkle Alster wirft ruhelos zitternde Wellchen, wenn das Licht der Schiffslaterne über sie hinwegstreift.

An dem Schiffsgeländer lehnt eine Mädchengestalt, und ihre Blicke schweifen mit einem seltsam abwesenden Ausdruck über die schwarze Wasserfläche. Da drüben die Weltstadt, in welcher der Pulsschlag unseres Jahrhunderts fiebert, das Hasten und Treiben einer teilnahmslosen Menge, aufdringlicher Reichtum neben der hungernden Armut, und inmitten all dieses Lärmes sie selbst wie ein verirrter Vogel, den ein Sturm meilenweit verschlagen hat in ein fremdes Land und eine fremde Zone! – Und ihr zu Füßen das stille, tiefe Wasser, dessen Wellchen mit solch eintönigem Gemurmel an die Seiten des Schiffes schlagen, daß die Sinne eingeschläfert und stumpf werden für die Ereignisse der Umgebung! – Das junge Mädchen beugt sich weit vor. Sie hat eine solch furchtbare Angst vor den nächsten Stunden, in denen sie wiederum in dem aufregenden Treiben der Großstadt weilt, die ihr so fremd ist, in der kein Obdach ihrer harrt, kein liebendes Herz ihr entgegenschlägt. Und hier unten in der stillen Tiefe ist die Ruh', die Erlösung von allem Erdenleid. Wie ein lockendes, verführerisches Elfengeflüster tönt es zu ihr herauf, die Wellchen wachsen und wachsen an der Schiffswand, als wollten sie die junge Lebensmüde sanft herabziehen, und jetzt furcht auch ein Schwan die dunkle Flut, leuchtend weiß und frei erhaben wie eine erlöste Seele, die heimwärts zieht.

Weiter, – immer weiter beugt sie sich vor. Wenn jetzt ein Schwindel ihre schon halb umnachteten Sinne erfaßte, wenn die leichte Gestalt sich loslöste vom Schiffsgeländer wie ein welkes Blatt vom reichbelaubten Waldbaum ...

Da legt sich eine leichte und doch kräftige Hand auf ihre Schulter, mit einem Ruck ist sie zurück gerissen. »Sie wissen wohl nicht, daß es gefährlich ist, sich so weit vorzubeugen?« fragt eine ruhige, metallklare Frauenstimme. Anscheinend ist es ihr weniger darum zu tun, eine Antwort zu erlangen, als vielmehr dem jungen Mädchen über den peinlichen Augenblick hinwegzuhelfen.

Ihre Blicke tauchen tief ineinander, und jetzt wissen sie, daß sie sich verstanden haben. Das jugendschöne Gesicht der einen zeigt kein Mitleid, nur das kalte Gefühl der Befriedigung, eine bürgerlich ehrenvolle Tat vollbracht und mächtig in ein fremdes Lebensrad eingegriffen zu haben; die andere vor ihr will fast vergehen vor tödlicher Scham, vor Jammer und Erschöpfung. Auch in ihrer äußeren Erscheinung macht sich ein Unterschied bemerkbar. Die Lebensmüde trägt Trauer; ihr Kleid ist etwas unmodern, etwas abgetragen, die Kreppkante des Rockes fasert sogar ein wenig aus. Ihre Retterin ist vornehme Großstädterin vom Scheitel bis zur Sohle mit der typisch selbstbewußten Haltung, den gewandten Manieren, den etwas kokett hartherzigen Gesichtszügen. Ihr Schneiderkleid vom zartesten Lichtgrau, die schwerseidene Hemdbluse, die aus der offenen Jacke hervorlugt, ihre kurze, etwas herrische Art und Weise, alles kennzeichnet die Dame, über allem schwebt der unbeschreibliche Duft der vornehmen Lebenshaltung, der jedem auffällt, selbst wenn der herrschaftliche Diener nicht in respektvoller Haltung hinter ihr stände.

Das junge Mädchen in Trauer atmet schwer. Sie hat nicht an Selbstmord gedacht, wahrhaftig nicht, davor bewahrte sie schon ihre Erziehung und die Tradition ihres altadeligen Hauses; nur das lastende Elend und die irrende Sehnsucht nach etwas Besserem hat ihren Geist verwirrt, daß er für Sekunden unbewußt mit der Gefahr spielte. Sie wäre ganz gewiß auch ohne die Fremde wieder zu sich gekommen. Aber es war doch ein wonniges Gefühl, daß eine einzige in der ganzen großen Stadt Interesse für sie empfunden und die Hand ausgestreckt hatte, um ihr zu helfen in der schrecklichen Leibes- und Seelengefahr. Der Drang kommt über sie, ihr die Hand zu reichen, einige Dankesworte zu stammeln; vielleicht – vielleicht auch geht fremdes Elend ihr zu Herzen, sie nimmt sich freundlich der Verwaisten an, rettet sie aus der schrecklichen Einsamkeit der Großstadt. –

Aber nein, darf sie sich ihr zu erkennen geben? Darf sie ihr sagen: Jenes Mädchen, das du gedrückt und verzweifelt am Schiffsgeländer sahst, das nach deiner Meinung einen schmählichen Selbstmord plante, ist Alexa Baronesse von Brechten-Bredau? War sie es nicht vielmehr all ihren ruhmreichen Ahnen schuldig, diese dunkle Stunde der Letzten ihres Geschlechtes vor den Augen der Welt zu verschleiern? –

Die Schiffsmaschine hat ihre Arbeit eingestellt. Statt der stampfenden Fahrt geht es nun in sanftem Gleiten zur Landungsbrücke, und der Schiffsdiener wickelt schon das dicke Tau um einen Pfosten, um dem Dampfboot eine sichere Ruhelage zu geben. Aber noch bevor das Schiff an die Landungsbrücke stößt, hat Alexa ein schäbiges Köfferchen vom Boden aufgerafft und ist mit einem waghalsigen Sprunge entflohen. Ihre Schmach mußte versinken, niedertauchen in das Meer der Vergangenheit, wie dieser ganze verhängnisvolle Abend. Das war sie ihrem Geschlechte schuldig, den Brechten-Bredau, sang pur bis zur vorletzten Generation, die sich leider mit bürgerlichem Blut vermischt hatte.

Die andere zuckt ungeduldig, beinahe gelangweilt die Achseln. Sie hat tatsächlich eine Anrede erwartet und würde der kleinen Lebensmüden auch geholfen haben, nicht aus Mitleid, sondern weil ihre sittliche Kraft, das Gefühl ihrer Überlegenheit stets danach strebte, sich gerade bei Ausnahmefällen zu betätigen. Sie gehörte zu jenen etwas blasierten Naturen, deren Interesse erst erwacht, wenn der Kreis der Alltäglichkeit überschritten wird. Aber sie machte selten den ersten Schritt, sie ließ sich suchen.

Alexa ist indessen durch die Alster-Arkaden geeilt und weiter die glänzend erleuchteten Straßenzüge entlang. Sie hat keinen Blick für die Auslagen in den Fenstern, die in ihrer raffinierten Pracht getreulich unser überfeinertes Jahrhundert widerspiegeln mit seiner Legion von Bedürfnissen, von denen eine frühere Zeit nichts wußte. Über das Makadampflaster schreitet sie und hat dabei kaum die Empfindung, daß ihre Umgebung so ganz anders ist, als sie es in ihrem märkischen Dorfe gewohnt war; nur das Gefühl der trostlosesten Verlassenheit ist in ihr lebendig. O, jetzt nur den Menschenstrom verlassen und zwischen schweigsamen Wänden ihr junges Leid vergraben dürfen!

»Können Sie mich zu einem Hotel geleiten?« fragt sie einen untätigen Dienstmann mit ihrer müden, zaghaften Stimme.

Derselbe antwortet zunächst nicht, widmet ihr dafür aber einen langen, forschenden Blick seiner zwinkernden Äuglein.

Die dienende Klasse hat im ganzen ein bewundernswertes Geschick, eine fremde Persönlichkeit in wenigen Minuten gänzlich auszukundschaften, von ihrer Herkunft und dem Zweck ihrer Reise bis zum Inhalt ihrer Geldbörse; und ihre Sicherheit im Schließen ist dabei oft geradezu verblüffend. So ist auch der Dienstmann mit seinem Urteil rasch fertig. »Landpomeranze, – sucht wahrscheinlich eine Stelle oder auch reiche Verwandte, – vornehm, – aber arm, blutarm.« Dieser Gedankengang läßt auf seinem Gesicht einen mißtrauischen und verächtlichen Zug hervortreten. Als Großstädter gibt er keinen Pfifferling für eine Vornehmheit, die nicht mit Gold verbrämt ist. Die Armut unter seinesgleichen ist für ihn bemitleidenswert, unter den Höheren verächtlich.

»Hotel ersten, zweiten oder dritten Ranges?« fragt er ohne besondere Dienstfertigkeit.

»Natürlich ersten Ranges!«

»Nun, so natürlich finde ich das gerade nicht, Fräuleinchen.« Es ist eine ungezogene Antwort, aber Alexa ist zu müde, sie zu empfinden. Nur das »Fräuleinchen« hat sie gestoßen wie ein grober grammatischer Fehler, sie, die zu Hause das achtungsvolle »gnädige Baronesse« oder doch das »gnädige Fräulein« gewohnt war.

»Nehmen wir also das Hotel de l'Europe,« brummt der Dienstmann spöttisch. »Das ist am feinsten.«

»Das feinste braucht es gerade nicht zu sein,« lenkt Alexa ein, im Gedanken an ihre Geldbörse.

»Dann das erste beste. Kommen Sie nur, Fräuleinchen.«

Wieder ärgert sie die geringe Lebensart des Dienstmannes, der nicht der Etikette gemäß einen halben Schritt hinter ihr, sondern dreist an ihrer Seite schreitet; aber sie kann ihn doch nicht auf offener Straße aufklären über die Ansprüche, die eine Baronesse von Brechten-Bredau billigerweise zu erheben befugt ist.

Als sie an dem prächtigen Renaissancebau des neuen Rathauses vorbeikommen, prahlt Alexas Begleiter: »Das haben wir für bare zehn Millionen in die Welt gesetzt!« Und dabei schlägt er auf seine Tasche wie ein Krösus, der zum wenigsten die Hälfte dieser Ausgabe allein getragen hat, und sein geringschätziger Blick scheint zu fragen: »Bringt ihr das etwa auch fertig in eurem Krähwinkel drüben?«

Alexa ist froh, als sie endlich an ihrem Hotel anlangt, und mit einem geflüsterten »Danke« will sie die herrlich beleuchtete Vorhalle betreten. Da aber pflanzt sich der Dienstmann auf der untersten Treppenstufe auf, streckt mit einer Gebärde, die nicht mißzuverstehen ist, die Hand aus und brummt: »Sie werden doch nicht vergessen, Fräuleinchen?« Es soll scherzhaft klingen, aber die vierschrötige Gestalt gibt durch ihre ganze Haltung zu erkennen, daß sie gegebenenfalls sehr nachdrücklich auf ihrem Rechte bestehen wird.

»Um Gottes willen, was wollen Sie nur? – Geld?« Es klingt namenlos erstaunt. Zu Hause, auf Brechtenhof, wäre es ja für jeden eine Ehre gewesen, die gnädige Baronesse begleiten zu dürfen, aber diese Großstädter hatten nun einmal keine Lebensart. »Wieviel?« fragt sie ergeben.

»Ganz nach Belieben.« Das letzte Wort hat schwebende Betonung, als sollte noch ein Nachsatz folgen, beispielsweise: »Aber untersteh' dich nicht, die Dienste einer hervorragenden Kraft zu gering zu bewerten.«

Sie reicht ihm mit abgewandtem Gesicht ein blankes Markstück, bevor sie in den vollen Lichtkreis einer elektrischen Bogenlampe tritt, welche die Halle des vornehmen Hotels mit ihren ruhigen, weißen Strahlen überflutet. Es ist dort verhältnismäßig noch still, denn die Theater und die tausenderlei Vergnügungen in Sankt Pauli sind jetzt in vollem Gange und haben demgemäß den größten Teil des Fremdenstromes aufgesogen. – Ein Kellner mit jenem unbestimmten Gesichtsausdruck, der, je nach Bedürfnis, so rasch von der unterwürfigsten Höflichkeit zur krassesten Impertinenz hinüberwechselt, und dem charakteristischen Backenbart der Hotelgrößen, lehnt an einer Messingsäule des Treppenausgangs.

Alexa verlangt ein Zimmer. Er verändert seine nachlässige Stellung nicht, nur ein halber Blick fliegt über die Gestalt der Fremden; aber dieses blitzartige Aufleuchten seines Auges genügte ihm, alles zu mustern, von dem blassen, vergrämten Gesicht bis zu dem schäbigen Köfferchen und der ausgefaserten Kreppkante des Trauerkleides. Er weist mit dem Daumen über die Schulter und schnarrt: »Hotelkontor – vorher anmelden!« – und dann versenkt er sich in eine liebevolle Betrachtung der Bogenlampe, als ob daselbst irgend ein interessantes Geheimnis zu enträtseln sei.

Die Ungezogenheit des Dienstmannes ins Raffinierte übertragen! – Alexa seufzt, folgt aber der Weisung des »dienstbaren« Geistes und betritt das Hotelkontor.

Dieselbe Musterung seitens einer formgewandten, sehr modernen jungen Dame, dann Eintragen des Namens in das Fremdenbuch.

»Alexa Baronesse von Brechten-Bredau!« Wie die Buchstaben so steif und großmächtig auf dem Papier stehen, just als wären sie alle von der Ehre durchdrungen, in einem solch hochtönenden Namen paradieren zu dürfen!

Das kleine Freifräulein betrachtet die Angestellte des Hotels, deren Blick flüchtig über den Namen gleitet. Sie merkt nichts von jenem ehrerbietigen Erschrecken, jener freudigen Verlegenheit, die sie in ihrem märkischen Dorfe so oft beobachtet hat, wenn sie unversehens in den Kreis der Bauersleute trat oder sich einem Fremden zu erkennen gab. In den Hamburger Hotels ist man an alle Sorten von Menschen gewohnt, auch an echte und unechte Freiherren und Grafen, und an vielen derselben nimmt die Polizei ein eigenartiges Interesse. Das macht kalt selbst den adligsten Namen und Personen gegenüber.

»Haben Sie Gepäck?«

Alexa weist errötend ihr Köfferchen vor.

Die Dame winkt abwehrend mit der Hand. »Können Sie mir irgend eine Persönlichkeit in Hamburg nennen, zu der Sie Beziehungen haben? – Verzeihen Sie, nicht Mißtrauen, – Geschäftsgepflogenheit – eigene Sicherstellung ...«

Gewiß könnte Alexa sich auf eine Persönlichkeit berufen, deren Namen in Hamburg wahrscheinlich einen guten Klang hat, auf ihren leiblichen Mutterbruder, den Kaufherrn Franz Prosper Thyssen. Seinetwegen ist sie ja hierhergekommen, um von ihm ein Obdach zu erbitten, nachdem ihr letzter Schutz, ihr Großvater, gestorben und der Brechtenhof in fremde Hände übergegangen war. Aber darf sie ihr Geschlecht so sehr bloßstellen, jetzt, nachdem sie gerade ihren hochtönenden Namen niedergeschrieben hat, und die Verbindung mit einfachen Bürgern eingestehen? Ihr Großvater hatte die Heirat zwischen ihrem Vater und einer Thyssen schlechtweg das größte Unglück der Brechten-Bredau genannt, das man der schadenfrohen Welt soviel wie möglich verheimlichen müsse. Ihren Oheim Franz Prosper nannte er spöttisch nur den Petroleum-Thyssen, weil sein Handelshaus ausschließlich diesen Artikel aus Amerika einführte, – und dabei pflegte der alte Freiherr sein zerschlissenes, aber stark parfümiertes Seidentüchlein zu schwenken, als wolle er einen unangenehmen Geruch vertreiben.

»Ich bedauere, ich kenne niemand hier in Hamburg.« Alexa darf es sagen, ohne der Wahrheit zu nahe zu treten, denn sie hat ihn ja in Wirklichkeit noch niemals gesehen, diesen Petroleum-Kaufherrn Franz Prosper Thyssen, und nie mit ihm in Verbindung gestanden.

»Keine Beziehungen in der Stadt, kein Gepäck, – verzeihen Sie, es ist nicht Mißtrauen, nur Geschäftsgepflogenheit, – eine kleine Sicherheit, – zwanzig Mark würden genügen ...« Die Dame sieht bei dieser Rede wirklich bedauernd drein und verneigt sich dazu fortwährend, als sagte sie der Baronesse die größten Artigkeiten. Die unverwüstliche Höflichkeit gehört zum eisernen Bestand dieser jungen Kontoristin; höflich bleibt sie selbst dem unechten Grafen gegenüber, den die Polizei soeben als einen längst gesuchten Schwindler und Verbrecher entlarvte.

Hochrot vor Scham und Aufregung legt Alexa ihr letztes Zwanzigmarkstück auf den Kontortisch, indem sie es vorsichtig zu verbergen sucht, daß ihre Börse jetzt nur noch wenige Mark- und Talerstücke enthält. Sie kennt wirklich weder die Großstadt noch ihre Zeit überhaupt; sonst hätte sie es wissen müssen, daß der Name des Petroleum-Thyssen ihr das ganze Hotel zur Verfügung gestellt hätte, während das hochtönende »Baronesse von Brechten-Bredau« ihr nur ein bescheidenes Zimmerchen im dritten Stock einträgt.

Die Kontoristin setzt die elektrische Klingel in Bewegung und befiehlt dem eintretenden Kellner: »Zimmer 75. Empfehle mich Ihnen, Baronesse.« Noch eine elegante Verneigung, und die Audienz ist beendigt, die müde Fremde hat endlich ein Obdach gefunden.

Die Hotelgröße mit dem blonden Backenbart überwindet sich so weit, Alexas Köfferchen vom Boden aufzunehmen und sie durch eine herablassende Handbewegung aufzufordern, ihm zu folgen. Er springt vor ihr die Treppe empor mit dem geräuschlosen, federnden Kellnertritt, so daß der Baronesse nur seine flatternden Rockzipfel als Wegweiser dienen. Aber auf einmal mäßigt er seine Eile, stemmt sich mit dem Rücken gegen die Wand, als wolle er den Versuch machen, hineinzukriechen, und sein ganzes, eben noch so impertinentes Wesen erstirbt jetzt in Hochachtung und Unterwürfigkeit. Auf der Windung der Treppe erscheint nämlich in Begleitung einiger Herren eine Dame im Gesellschaftsanzug von schimmerndem Goldbrokat, der über und über mit einer fast zu üppigen, aber wundersam glitzernden Perlenstickerei bedeckt ist. Es geht etwas Sonniges, Strahlendes aus von dieser biegsamen Gestalt, man möchte fast sagen, etwas Überirdisches, wie sie so leicht die Stufen herabschwebt und ihre hellen, fröhlichen Blicke über Alexa hinweggleiten läßt, als ob sie eitel Luft sei. Mit ihrem Begleiter nimmt sie fast die ganze Treppenbreite ein in jener Rücksichtslosigkeit, welche die große Welt ihren bevorzugten Lieblingen anerzieht, so daß sie schließlich meinen, sie sei ihr schönster Schmuck und – ihr unantastbares Recht.

Aber Alexa hat keine Lust, es dem diensteifrigen Kellner nachzutun. Beim Anblick dieser pomphaften Überhebung regt sich in ihr das Blut der Brechten-Bredau, jenes Geschlechtes, das beinahe so alt ist, wie die Hohenzollern selber. Sie bleibt nicht stehen, um die Herrschaften vorbeizulassen; zwar in bescheidener Haltung und gleich beim Geländer, aber doch hoch aufgerichtet schreitet sie weiter, und die »Goldene« muß wirklich einen halben Schritt zur Seite treten, um nicht gegen sie anzurennen. Die Begleiter brummen über die »Rücksichtslosigkeit«, der Kellner ist sprachlos. Seine ganze Haltung scheint zu sagen: »Das sind Herrschaften, mit denen selbst unsereiner verkehren kann, und du – du wagst ihnen das zu bieten?« –

Auf ihrem Zimmerchen sinkt Alexa gänzlich erschöpft in einen Sessel; sie hat nicht einmal die Kraft, Hut und Handschuhe abzulegen, so sehr schmerzt ihr Kopf, so heftig zittert ihr ganzer Körper. Nur ein flüchtiger Blick streift die Einrichtung des Zimmers, die für ein Hotel ersten Ranges eigentlich wenig paßt; aber Alexa sieht nicht, daß die englische Tüllgardine derbe Risse zeigt, die durch ein paar Stiche nur oberflächlich zusammengehalten sind, daß der Bettvorleger verschabt und abgetreten ist und das nach Delfter Manier bemalte Waschservice sichtbare Spuren eines langen Lebens und einer wenig liebevollen Behandlung an sich trägt. Mit geschlossenen Augen liegt sie im Halbschlaf da, und die körperliche Erschöpfung verwischt auch das Leid der letzten Stunden in dieser jungen, schon so schwergeprüften Seele.

Nach einer Stunde etwa richtet sie sich langsam auf mit verstörtem Blick; sie fühlt sich hungrig, – hungrig wie einer, der den ganzen Tag nichts genossen hat. Neben der Tür befindet sich die Schelle mit dem bekannten Vermerk:

»Kellner: 1 mal schellen.

Stubenmädchen: 2 mal schellen.

Hausknecht: 3 mal schellen.«

O, nur nicht wieder dieses nachlässig impertinente Gesicht des Kellners vor sich sehen zu müssen! Wie gern hätte sie jetzt einen treuen weiblichen Dienstboten in ihrer Nähe, wie sie dieselben in ihrem Heimatdorfe gewohnt war! Ihr patriarchalisches Geschlecht war ja immer sehr leutselig gewesen, so daß es seine Knechte und Mägde beinahe mit zur Familie rechnete.

Zweimal schrillt die Klingel über den ruhigen Flur, und gleich darauf tritt ein hübsches, keckes Mädchen im rosa Satinkleid und den Puffärmeln und dem koketten weißen Mützchen der Hamburger Dienstmädchen ein.

»Ich möchte ein ganz bescheidenes Abendbrot.«

Das Mädchen erschrickt beinahe vor dem todesmatten Stimmchen und dem geisterbleichen Gesicht, aus welchem die Augen so hülflos und flehend hervorblicken, und fast glimmt ein Fünkchen Mitleid in ihr auf. Aber, du lieber Himmel! ein Hamburger Stubenmädchen hätte viel zu tun, wenn es sich das Leid all seiner Hotelgäste zu Herzen nehmen wollte. Wieviel einsame Frauen und Mädchen kamen hier an, die sich in Amerika drüben eine neue Existenz gründen oder dem schon vorher ausgewanderten Gatten folgen wollten! Früher umgab sie namentlich auf der Reise die zarteste Liebe und Sorgfalt, während sie jetzt für sich allein stehen mußten; und dann schnitten sie gerade so hülflose und erbärmliche Gesichter wie das Fräuleinchen dort im Sessel. – Und noch vor wenigen Wochen hatte sich vor den Augen des Stubenmädchens ein bildschöner junger Russe erschossen, weil statt des erwarteten Geldes ein Brief mit dem väterlichen Fluche angelangt war. So etwas macht die Nerven stumpf.

»Das Souper serviert der Kellner.« Es klingt sehr schnippisch, die Klingel wird noch einmal berührt, und hinaus rauscht die rosa Kleine in dem erhebenden Gefühl, daß ein Hamburger Stubenmädchen es zuweilen doch tausendmal besser hat als eine sogenannte Dame der höheren Stände.

»Wahl macht Qual.« Alexa prüft die Speise- und Weinkarte, und vor ihren Augen tanzen all die schönen Dinge, die sie auf dem Brechtenhof nicht einmal dem Namen nach kannte. Es würde ein ganz hübscher Reigen sein, wenn die gesalzenen Preise nicht so aufdringlich mit in die Reihe träten, als seien sie bei einem Souper die Hauptsache. Endlich entschließt sie sich zu einem der einfachsten Gerichte, die sie verzeichnet findet; aber trotzdem empfindet sie Gewissensbisse ob ihrer gezwungenen Üppigkeit.

Der Kellner bringt das gefüllte Täubchen und die halbe Flasche leichten Burgunder, als sich Alexa mit einer neuen Ratlosigkeit an ihn wendet; sie weiß nämlich mit dem elektrischen Licht nicht umzugehen. Er sieht sie einen Augenblick hoheitsvoll an, als ob er es eigentlich unter seiner Würde erachte, in solchen Dingen Aufschluß zu geben. Dann aber mag ihm das Wort einfallen, daß mit der Dummheit Götter selbst vergebens kämpfen, oder vielleicht auch fühlt seine Brust ein menschliches Rühren; denn er erklärt der aufhorchenden Alexa wirklich die Geheimnisse der Stromunterbrechung, ehe er sie für heute abend sich selber überläßt.

Der ungewohnte Wein ist Alexa zu Kopf gestiegen, die gänzliche Erschöpfung weicht einer angenehmen Mattigkeit. Angekleidet wirft sie sich aufs Bett, und sie empfindet es wohltuend, daß die Bettwäsche fein und weich und die Steppdecke sogar von Seide ist. Einen solchen Luxus hat sie nie gekannt auf dem verarmten Brechtenhof. – Sie schaut zum Fenster hinaus und betrachtet mit müde zwinkernden Augen den Mond, der gerade hinter einem Riß der Tüllgardine steht. Seine bleichen Strahlen überfluten auch den Brechtenhof und die Erbgruft ihrer Väter, den verwilderten Park und das verfallene Schloß, wo jetzt ein Fremder, ein Bürgerlicher das Zepter schwingt. O wie hat sie die herrliche Scholle geliebt, mit wieviel Kämpfen und Tränen Abschied genommen! Und morgen wird das Unerhörte geschehen: eine wirkliche Brechten-Bredau wird als Bittende vor einen Thyssen treten, einen Petroleum-Kaufmann, weil sie obdachlos und er ihr einziger näherer Verwandter ist. Glühende Röte kriecht langsam an ihrem Halse empor und schlägt über ihr Gesicht, und sie duckt den Kopf in die Kissen, als müsse sie sich verbergen vor all den kriegerischen Männern und den streng blickenden Edelfrauen ihrer Ahnengalerie. »Der letzte Sproß muß welken in Schmach und Schande.« Mit leisem, beinahe gewohnheitsmäßigem Weinen wiederholt sie sich diesen Satz, bis sich der Schlaf auf die müden Wimpern herabsenkt.

Alexa bekommt am anderen Morgen nicht viel von ihrem Zwanzigmarkstück zurück. Auf der Straße fragt sie zaghaft irgend ein gemütlich dreinschauendes Mütterchen, ob es ihr den Weg zur Villa des Herrn Franz Prosper Thyssen in Harvestehude, dem vornehmsten Stadtviertel, zeigen könne.

»Hm, das könnte ich schon,« brummt die Alte, »aber dann müßte ich entweder die ganze Wegstunde bis dort mit Ihnen laufen oder Ihnen so viele Straßen nennen, daß Ihnen der Kopf saust. Nehmen Sie doch einfach eine Droschke. Wenn es zu einem Millionär geht, muß man schon ein paar Groschen springen lassen. Gute Verrichtung übrigens! Der Herr Thyssen soll ja außerordentlich wohltätig sein,« fügt sie mit einem Seitenblick auf Alexas abgetragenes Kleid hinzu.

Also für eine Bettlerin wird sie gehalten! Sie vergißt, für die Auskunft zu danken, die Scham rötet ihr bleiches Gesicht, sie wagt nicht mehr, ihre Blicke frei zu erheben. Auf allen Gesichtern fürchtet sie, ihr Urteil zu lesen: »Sieh da, die märkische Baroneß, die zum wohltätigen Thyssen betteln geht!« Und dieses peinvolle Gefühl, von allen beobachtet zu werden und für sie ein Gegenstand der Verwunderung zu sein, weicht erst von ihr, als sie sich in die abgeschabten Polster einer Droschke zweiter Güte drückt.

»Zum reichen Thyssen? Ja, ja, Fräuleinchen, den wollen wir schon finden,« hat der Kutscher ihr gutmütig erklärt, und fort rasselt die Droschke aus dem Gewirr und Getriebe der inneren Stadt in die vornehm ruhigen Gebiete der Außenalster.

Die Villa des Herrn Franz Prosper Thyssen liegt auf einer kleinen Anhöhe, und der Vorgarten zeigt eine geradezu verschwenderische Blumen- und Sträucherpracht. Wie im Traume klinkt Alexa das herrliche schmiedeeiserne Gittertor auf und schreitet über die blütenweißen Kieswege dem Portikus zu, dessen sich ein Fürstenschloß nicht zu schämen brauchte. Zwei Säulenreihen von abwechselnd rotem und schwarzem Marmor tragen ein Giebelfeld, das im Hochrelief irgend eine Allegorie des Welthandels zeigt, die großen Fenster im Renaissancestil zeigen ebenfalls Säulen- und Giebelschmuck, sowie schmiedeeiserne Vergitterungen, ein künstlerischer Sandsteinfries unterbricht an Stockwerkabsätzen die Masse des Mauerwerks. Und in diesem Palast soll ein Petroleumkaufmann wohnen?

In vollen Zügen atmet Alexa die von der Alster kühl herüberwehende Luft, die sich in den Parkanlagen der Reichen mit Düften gesättigt hat. Junipracht, wohin das Auge sieht, die Natur schwelgt förmlich in Duft und Farben. Und was für Farben! Die Kunst muß die Kontraste vorsichtig wägen und prüfen, und dennoch beleidigt sie tausendmal das Auge, während die Natur blindlings ins Volle greift und bei alle ihrer Freiheit und Kühnheit doch nur Harmonien schafft. Es ist, als sei für sie die feine Schönheitslinie etwas weiter hinausgerückt. Neben glutroten Geranien die zart fliederfarbigen Rhododendren, ein Stern von blau-samtnen Stiefmütterchen auf einem Grunde von glänzendem, tiefbraunem Blattwerk, darüber hin die Traubenbüschel der blauen Akazie, die blütenreichen Weigelienzweige, das weißgelbe Gelock der Heckenkirsche, der zauberhaft schöne Wipfel einer rotblühenden Kastanie. Zwischen dieser heimischen Blütenfülle lassen Magnolien, Lorbeeren, Agaven und Yukkapalmen ein phantastisches Tropenland erstehen, und über allem schwebt der schwere, süßliche Duft der edelsten Treibhausrosen, des Jasmins und der weißen Fliederdolden. Ja, auch der wildverwachsene Park Brechtenhofs war schön, aber hier ist die Natur anders – verfeinert, gewissermaßen durch einen Millionär salonfähig gemacht. Nur schwer kann sich Alexa von der Blüten-Pracht trennen, um die Klingel zu ziehen.

Ein herrschaftlicher Diener öffnet. – Nein, der Herr Franz Prosper Thyssen sei nicht zu Hause, mit der ganzen Familie im Seebad. – Und wann er wiederkäme? Wahrscheinlich noch nicht in den ersten Wochen, denn er sei ja erst vor drei Tagen abgereist.

Die Hand mit dem Köfferchen sinkt schwer herab. Alexa muß gewaltsam sich halten, um nicht vor dem Diener in Tränen auszubrechen. Der bürgerliche Onkel war ja ihre einzige Hoffnung, denn zu einer zweiten Nacht in dem teuren Hotel würde ihre Barschaft schwerlich ausreichen. Und nun diese Enttäuschung, diese niederschmetternde Nachricht, die sie wieder auf das Pflaster der Großstadt hinauswirft!

Sie überwindet sich so weit, dem Diener mitzuteilen, daß ihre Mutter eine leibliche Schwester des Herrn Thyssen gewesen sei; und jetzt, da ihr Großvater und letzter Schutz gestorben, wolle sie bei ihrem Onkel ein neues Heim suchen, sie, die Baroneß von Brechten-Bredan.

Der gutgeschulte Diener zuckt bedauernd die Achseln. – Persönlich wolle er ihr gern zu Diensten sein, aber er müsse doch anraten, zuerst die Order des Herrn Thyssen einzuholen. Sie möge sich nur sofort brieflich an ihn wenden, das Dienstpersonal könne nicht eigenmächtig vorgehen, – der Name Brechten-Bredan sei im Hanse noch niemals genannt worden, – der Diener hat wirklich Einwürfe genug, um sein vorsichtiges Handeln zu beschönigen. In Alexas Ohren saust es immerfort: »Kein Obdach! Kein Obdach!« Ihre kindlichen Züge nehmen einen harten, verzweifelten Ausdruck an, die Augen blicken starr, das letzte Rot verschwindet langsam von den schmalen Wangen; so wendet sie sich zurück in den märchenduftigen Garten, hinausgewiesen von einem Diener. Ihre Zukunft ist ihr gleichgültig, es ist ihr, als ob sie nichts mehr zu verlieren habe.

Der Diener schaut ihr nach. Lieber Himmel, wie eine Schwindlerin sah sie gerade nicht aus, obwohl sich kaum ein Dienstmädchen in einem solchen Trauerkleid auf die Straße hinauswagen würde; also mochte es mit der Verwandtschaft auch seine Richtigkeit haben. Er hatte freilich korrekt gehandelt, durchaus korrekt, aber wie mochte der Herr Thyssen schließlich den Fall aufnehmen? Hohe Herren sind oft unberechenbar, und für ihn, den Diener, war es deshalb besser, er wälzte die Verantwortung auf fremde Schulter.

So eilt er denn Alexa nach, die er am Gittertor einholt. Es sei kurz nach der Abreise der Herrschaft eine andere Nichte des Herrn Thyssen angelangt, Fräulein Lucie Thyssen, deren Vater freilich nur ein Vetter des Herrn Franz Prosper sei. Aber sie weile oft in Hamburg, das Personal kenne sie, und zum Überfluß habe der Kaufherr auch noch telegraphiert, daß Haus und Hof und Equipage, kurz sein ganzes Eigentum, ihr zur Verfügung stände. Dem Fräulein Thyssen wolle er die Baroneß melden, damit diese die Angelegenheit endgültig entscheide.

»Also Aufschub der Exekution!« Alexa wundert sich selbst darüber, wie geläufig ihr auf einmal der bittere Spott geworden ist; denn nach all ihren gestrigen Erfahrungen erwartet sie nicht viel von der Gastfreundschaft des Fräuleins. Aber sie wendet sich trotzdem zurück, langsam und schwankend, wie ein aufgedrehtes Spielzeug, das die Hand in eine andere Richtung gestoßen hat.

Nun sitzt sie in einem der Salons des Petroleumkaufmannes und betrachtet die braunrote, gepreßte Ledertapete, von der sich ungemein einfach und vornehm schneeweiße Marmorbüsten abheben. Ihr gerade gegenüber schaut aus einem Palmenwald ein ergreifender, hoheitsvoller Niobenkopf: es konnte kein schlechter Geschmack sein, der dieser Büste den Ehrenplatz zuteilte. Die gotischen Türrahmen und Eichenstühle, ein hochlehniges Ruhelager mit einem farbenbunten Leopardenfell, ein schwerer Schrank mit gotischen Strebepfeilern und Fialen, der gelbe, mit violettsamtnen Klematisblüten übersäte Teppich, alles atmet ruhige, gediegene Vornehmheit. Wie ganz anders hat sie sich das Heim eines Petroleumkaufmannes vorgestellt. Nach den Beschreibungen ihres Großvaters dachte sie sich den Onkel Franz Prosper als einen Mann, der mit einer blauen, öligen Schürze hinter dem Ladentisch steht und mit einer Frau aus dem Volke um zehn Pfennige feilscht. Und er und sein ganzes Haus mußte gewissermaßen unheilbar durchtränkt sein von dem durchdringenden Petroleumgeruch. Aber kein Hauch davon! Ja, der Kaufherr scheint in seiner eigenen Häuslichkeit nicht einmal dem Petroleumverbrauch zu huldigen, denn in den farbigen Blütenbüscheln der Kronleuchter findet Alexa die elektrische Glühlichtbirne wieder, deren Bekanntschaft sie gestern im Hotel gemacht hat.

Wie erbärmlich mußte sie sich ausnehmen in dieser prächtigen Umgebung! Hier wäre ein passender Platz für die »Goldene« aus dem Hotel oder auch für die vornehme Dame auf dem Alsterdampfer. – Der Alsterdampfer! Ihre Gedanken kehren zurück zu den schwarzen, gurgelnden Wellchen und ihrer eigenen dunkeln Stunde, zu der Schmach der letzten Brechten-Bredau, die eine Fremde für eine Selbstmörderin hielt. Sie ist jetzt glücklich, daß sie sich derselben nicht zu erkennen gab, denn sonst würde die Erinnerung doppelt schwer auf ihr lasten. Und in dem großen Hamburg wird sie ihr wahrscheinlich auch niemals wieder begegnen.

»Das gnädige Fräulein Lucie lassen bitten.«

Alexa springt auf und folgt dem Diener über die teppichbelegten Stufen der Treppe, während sie sich darüber ärgert, daß die Bürger auch in der Etikette den hochadligen Häusern nicht nachstehen. Der Diener reißt eine Tür auf und meldet mit schnarrender, geschäftsmäßiger Stimme: »Die Baroneß von Brechten-Bredau!« Es ist fast ebenso wie damals, als sie – der Glanzpunkt ihres jungen, leidgewohnten Lebens! – an einem winzigen deutschen Fürstenhöfchen präsentiert wurde. Und fast wie damals pocht ihr Herz, obwohl es nur zu einem simplen Fräulein Thyssen geht.

Der Freiherrnstolz steift ihr Hälschen, als sie langsam die Schwelle überschreitet. Aber dann fährt sie zurück, bodenlos erschrocken; das junge Mädchen im lichtgrauen Schneiderkleid mit seidner Hemdbluse, das dort am Fenster lehnt und halb neugierig, halb nachlässig ihr entgegenschaut, ist – ihre alte Bekannte vom Alsterdampfer.

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