Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Bröger >

Flamme

Karl Bröger: Flamme - Kapitel 16
Quellenangabe
typepoem
authorKarl Bröger
titleFlamme
publisherEugen Diederichs
printrunErstes bis drittes Tausend
year1920
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectide350bf61
Schließen

Navigation:

Der junge Baum

Ein Oratorium in Worten

Zur Handlung nötig: Ein Greis, ein Mann, ein Jüngling, zwei Frauen, ein Mensch, ein Redner, ein Liebespaar, eine Kindergruppe.

Faust bespricht die Flamme:

Tänzerin auf goldnen Füßen,
in dem purpurnen Gewand:
Laß dich grüßen
von dem Geist, der dich gesandt!

Schwebt aus dir die blaue Stille?
Schlägt aus dir das rote Hassen?
Feuer ist des Volkes Wille.
Weithin brennen schon die Gassen.

Hinter dir ein toller Reigen
wälzt sich über Markt und Messen.
Zauberin, du sollst dein Antlitz zeigen,
daß sie sich in Ehrfurcht neigen
und des blinden Wahns vergessen.

Die mit wutgeschwellter Lunge
in die Falten deines Mantels blasen,
die mit wirr entbundner Zunge
sich im Kreise drehn und rasen:
Keiner ist dein Herr und Meister!

Freie Tochter freier Geister,
wer um deine Sendung weiß,
bannt dich in den strengsten Kreis.

Flamme, deine Hände rühren
an die Herzen, daß sie wieder spüren:
Unser Blut brennt wie die Hölle heiß.

Glut, von langer Nacht bedeckt,
hat in dir sich züngelnd aufgereckt,
Tänzerin auf goldnen Füßen.

Für die lange Nacht zu büßen,
hat der Geist dich ausgesandt.
Daß entzündet und verbrannt
wir nach unsrem eignen Wesen streben,
mußt du um uns tanzen, um uns schweben.

Steig hinauf am schattenvollen
Himmel, daß er sich erhellt.
Laß aus deinen Händen rollen
neue Sonne einer neuen Welt.
Hüll in reines Licht entsühnte Erde.
Geist der Höhe werde! Werde!

Der Greis:

Hinter meinem schlaffen Rücken
türmt sich bergehoch die Zeit,
Tief muß ich die Stirne bücken,
muß mit gilben Fingern pflücken
letzte Blumen in der Einsamkeit.
Wie die hohen Firne funkeln
fern im milden Abendschein!
Bald wird sich das Land verdunkeln
und dann bin ich ganz bei mir allein.

Der Jüngling:

Vor mir dehnt sich blaue Weite,
Hoffnung flügelt golden hin,
daß ich meine Arme spreite
und ein junger Adler bin.

Alle Schranken reiß ich nieder,
grenzenlos entquillt der Raum
und die Götter weck ich wieder
auf aus ihrem alten Traum.

Der Mann:

Brust an Brust, geübter Ringer,
stemm ich mich dem heißen Drang.
Leben beugt sich dem Bezwinger,
der sich selber erst bezwang.

Wirf das Leben in die Kniee,
nicht dich selbst! Du bleibe stehn,
und der höchste Himmel – siehe! –
läßt nach deiner Kraft geschehn.

Der Jüngling:

Wie ich brenne, lodre, glute!
Wie es durch die Pulse jagt!

Der Mann:

Tief im unrastvollen Blute
regt es sich und ruft und fragt:
Wer bin ich?

Beide:

Mutter, Göttin, Magd:
Enthülle dich!

(Aus grünem Hintergrund lösen sich zwei weibliche Gestalten, bewegen sich einige Schritte nach vorn)

Die erste Frau:

In uns
träumt Unschuld des Paradieses
und lauert, schlangenverknäult,
höllischer Graus.

Die zweite Frau:

Wir klagen an!

Die erste Frau!

Gott!
Daß er Leben in uns ballt
und unsrem Schoß
Welle um Welle entlockt
ewigen Stroms,
dem wir nur demütige Ufer sind,
zu flach,
zu schwach,
entfesselte Wut zu bändigen,
wenn sie wütend überschwillt
und weithin blühende Landschaft frißt.

Beide Frauen:

Wir klagen an!

Die zweite Frau:

Uns!
Daß wir nicht reines Bett sind,
darin lauterer Fluß des Lebens fließt,
daß in unseres Wesens Tiefe
Schlamm aufwächst
und tückisches Gefälle schafft,
des Stroms gesammelte Kraft zu stauen,
bis sie rasend überschäumt
und die Ufer des Lebens verheert.

Die erste Frau:

Was ist unser Sinn?

Die zweite Frau:

Weh, daß wir Quellen sind,
die Blut und Balsam sprudeln,
Brunnen, daraus Süß und Bitter quillt.

Der Greis:

Dunkler Klang aus dunkler Klage,
daß dich jedes Herz erhört!

Der Mann:

Daß die rätselschwere Frage
jeden trägen Sinn verstört!

Der Jüngling:

Gell durch diese Greueltage,
daß sich jedes Herz empört!

Der Mann:

Reißt das Ohr von diesem Worte,
das aus Müttermunde singt.
Trommelt an die eigne Pforte,
daß es dröhnend weiterklingt.
Hebt ihr euch, den Geist zu rufen,
schreit in eure Brust hinab,
denn dort steigen alle Stufen,
die er sich zur Höhe gab.

(In starker dramatischer Steigerung, die sich in Ton und Gebärde ausdrückt, folgt die Beschwörung des Geistes)

Der Greis:

Sie fühlen dich,
du großer Ahn.
Sie wühlen sich
zu dir heran.
Von roten Fahnen überweht
ein Wald gereckter Arme steht
und aus geballter Masse fleht
Gebet zu dir und wilder Sang,
verworren, dumpf, erschrocken, bang – –

Der Mann:

Die Stunde rast, die Stunde brüllt.
Du aber, ganz mit Glut gefüllt,
von schwarzer Wolke mantelhaft umhüllt,
stehst armverschränkt, von keinem Aug gesehn,
und läßt geschehn.

Die erste Frau:

Du fällst in unsre Städte ein,
erschreckst den Blick mit grellem Feuerschein,
sprengst alle Straßen in den Wind,
du lähmst das Herz von Mann und Frau und Kind.

Die zweite Frau:

Und wieder dann
brichst du den jäh erstarrten Bann
und treibst in wildem Wirbelspiel
die Kräfte nach dem unbekannten Ziel.

Der Mann:

Du starrst aus jedem Flintenrohr,
du springst aus jedem Schuß und Schlag hervor.
Doch greift dich meine Hand durch Wut und Krampf,
verfliegst du ohne Spur in Rauch und Pulverdampf.

Alle:

Wie faß ich dich?
Wie halt ich dich?
Du, großer Ahn, erhöre mich,
ich rufe dich!
Erhabner, den ich meine:
Erscheine! Erscheine!

Der Jüngling:

Du bist der Geist, von uns geahnt,
die Kraft, die unsre Wege bahnt,
die Glut, die in sich selber brennt,
das Wort, das unsren Sinn benennt.

Die zweite Frau:

Was schlägst du uns mit blinder Wut
und bist doch gut?

Die erste Frau:

Was rührst du alle Herzen an,
du großer Ahn,
zerreißt das Band, das uns umschlingt,
du Geist, von keinem je erschaut, von allen stets umringt?

Der Greis:

Hervor aus deiner Heimlichkeit!

Der Jüngling:

Spring in die Stunde, in die Zeit!

Der Mann:

An unsrer Spitze sollst du gehn.
Den Mantel fort! Dein Volk will dich jetzt sehn!

Alle:

Du Geist, zu dem wir stehn, erscheine!
Vereine! Vereine!

(Mit dem Wort: Vereine! kommt von links ein Mensch in kräftig klarem Schritt, schreitet bis in die Mitte des Raumes und kehrt sich halb um)

Der Mensch:

Zerschlagt die Stadt! Noch bin ich toll
und der verworrenen Wunder voll.
Heraus, heraus aus dumpfer Schlucht,
Die Stadt verflucht, das Land gesucht.

Ich drehte mich in blindem Kreis,
gehetzt, besessen, fieberheiß.
Ich tanzte mit im Lotterlauf.
Gewalt und Hunger spielen auf.
Und heiser heulte wüste Gier,
ganz Bauch, ganz Maul, ganz Fraß aus mir.
Steinwüste wuchs um mich herum,
ward selber Stein, so dumpf und dumm.
Mit Mauern, kahl, verrußt, vergraut,
hab ich mir Herz und Hirn verbaut.
Und immer weiter fraß die Qual
die Menschen – Menschen ohne Zahl!
Da brach ein Schrei in meine Bahn.
»Verirrter Sohn, heran! heran!«
und mächtig, eine grüne Hand
griff jäh nach mir und stellte mich ins Land.
Hab Dank, du Erde, tiefen Dank!
Seit ich dich floh, bin ich auch krank.
Nun wächst mir wieder Kraft aus deiner Kraft.
Den Spaten auf und neu die Welt geschafft!

(Greift einen Spaten vom Boden und sticht die Erde um)

Der Greis:

Wer ist der Mensch? Ich kenn ihn doch.

Der Jüngling:

Ein Narr nur, schirrt sich selbst ins Joch.

Der Mann:

Nur nicht so rasch! Gemach, gemach!
Das bin ich selbst, eh mich die Stadt zerbrach.

(Nimmt einen Spaten und gräbt an der Seite des Menschen. Nach kurzer Zeit erscheint in der Diagonale eine Gestalt, die langsam mit ausgereckten Händen rückwärts geht. Es macht den Eindruck, als ob die Gestalt eine große Menge nach sich zieht und doch auch abwehrt)

Der Redner:

Das Hundepack geht mir zu Leib
und schuf ihm besten Zeitvertreib.
Hab ihm ein buntes Bild der Welt gemalt,
die Seligkeit in Worten bar bezahlt ...
Und jetzt
hat mich die Menge fast zerfetzt,
Weh, ist das meiner Träume Schluß?

(Er kehrt sich um und sinkt halb in die Kniee. Der Mensch, ohne den Spaten aus
der Hand zu lassen, stützt ihn)

Der Mensch:

Mein Freund, es kommt stets, wie es kommen muß.
Die Zunge ist ein Instrument,
das nur den Geist von seinen Taten trennt.

Der Mann:

Der Masse Zorn hat dich vielleicht belehrt,
daß sich das Wort auch gegen Redner kehrt.

Der Greis:

Unselige Zeit, in der zum Wort
das beste Leben uns verdorrt.

Der Jüngling:

Ich werf es fort, weil es uns falsch geführt.
Den Spaten hoch, die Hände frisch gerührt!

(Zu dem wie aus einem Traum erwachenden Redner gewendet, der sich im Kreise unsicher umblickt):

Der Mann:

Die Schöpfung lebe: Bruder komm.
Wir machen Welt durch Arbeit fromm.
Nur eine Satzung gilt, ein Rat:
Gott ist, Gott war, Gott bleibt die ernste Tat!

Der Redner:

Kein Leben, drin das Wort verdammt,
das uns durchzuckt, das aus uns flammt,
das blitzhaft aus der Seele bricht,
mit Glanz gefüllt, getränkt mit Licht.
Das Wort nur aus der Masse reißt
in jähem Aufbruch den gefangenen Geist.

Der Jüngling:

(Von dieser Rede hingerissen, wirft den Spaten fort)

Herr aller ist das Wort!

Der Mann:

Tat ohne Rede ist der beste Hort.

Der Mensch:

Dampf um das Werk, Rauch über unserem Tun,
verqualmter Wille ist die Rede nun.
Die Hände rührt und laßt die Zunge ruhn.

(Von rechts erscheint ein Liebespaar, Hand in Hand, geht weltentrückt über den Raum und verschwindet. Alle haben aufgehört zu arbeiten und schauen dem Paare sehnsüchtig nach)

Die zweite Frau:

Zwei Selige wandeln über Land.

Die erste Frau:

Gegürtet mit dem Silberband,
das Leib und Leib zu eins umschließt.

Der Redner:

Was für ein Wort aus ihren Bunde sprießt?

Der Mensch:

Kein Wort! Der Sinn ist klar wie Himmelglanz.
Die Liebe schließt die Welt und ründet sie erst ganz.

Der Mann:

Wer liebt, ist ein Genosse unserer Kraft,
und schaffen wir, so wird in ihm geschafft.

Der Greis:

Wo sich ein Hauch von Liebe regt,
wird neuer Grund für neue Welt gelegt,
die Arbeit außen und die Liebe innen,
die lassen Ungestalt zu reiner Form gerinnen.

Der Mensch:

Tat fordert Liebe.

Die erste Frau:

Lieb grüßt schwesterlich.

Der Mensch:

Den Spaten auf! Das Werk vollende sich!

(Eine Kindergruppe schwärmt aufgelöst über die Bühne. Man hört Abzählreime, die sich zuletzt in einer kleineren Gruppe zu einem Spruch verdichten)

Kinderchor:

Im Mai
sind alle Kinder frei.
Die Mutter tanzt den schönsten Tanz,
ist alles Sonne, alles Glanz
im Mai.

(Die Kinder helfen mit graben, scherzen und lachen)

Der Greis:

Frühe Zeiten steigen nieder,
grüßen mit vertrautem Blick.

Der Mensch:

Immer scheint die Sonne wieder
auf geläutertes Geschick.

Beide Frauen:

Auf die hellen Scheitel legen
wir die Hände schwielenhart.

(Alle haben sich zu einem Kreis geschlossen, in dessen Mitte die Kinder stehen)

Die zweite Frau:

Junge Welt, aus meinem Leibe
auferbaut und tief verschönt:
Kind ist Sonne jedem Weibe,
Sonne, die den Himmel krönt.

Die erste Frau:

Unserer Seelen zarte Blüte
rankt nach jedem Kinde hin.
Wie Maria bin ich lauter Güte,
Wenn ich wie Maria Mutter bin.

Der Mann: (Stellt sich zwischen zwei Kinder):

Kind zu meiner Rechten,
Kind zu meiner Linken, gesellt,
wandeln wir abendlich Straßen.

Letztes Licht rieselt um junge Scheitel
und rinnt von Stirnen,
die im Dämmer leuchten,
blutgetauft.

Mit Quellengesang
entspringt Freude
hartem Gestein der Brust,
und mein Herz ist eine Wiese im Mai,
da Kinderaugen zu mir aufgehen.

Meine Hände streicheln runde Wangen,
darin neuer Welt Gärten blühen.
Nicht wird Haß sie pflücken,
wenn herrlich ihr Flor
junges Europa schmückt.

Alle:

Söhne! Töchter! Fühlt den Segen
dieser rauhen Gegenwart.

(Der Mensch geht aus dem Kreis, kommt mit einem jungen Bäumlein zurück, das er einpflanzt)

Der Mensch:

Diesen jungen Baum zu pflanzen,
war uns redlichstes Bemühn.

Der Jüngling:

Laßt uns schaffen, lieben, tanzen
und in neuem Dasein glühn.

(Alle schreiten langsam im Kreis um den jungen Baum, Hand in Hand)

Alle:

Wachse, Baum, daß deine Krone
bald in reine Höhen strebt,
und der Vater in dem Sohne
seinen bessren Sinn erlebt.

Stimme der Jugend:

Harfe im März,
mit mächtiger Faust
von Gott in allen Saiten geschlagen,
saust und braust,
tönt und klingt,
summt und singt
unser Herz.
Wiegt sich hoch in frühlingshellem Schall,
lauscht versunken dem eigenen Widerhall:
Leben will wagen!

Stimmen der Ankunft wandern rufend im Wind.
»Wißt ihr, wo wir Gott am nächsten sind?
Fühlt ihr noch Kraft, die auf sich selbst vertraut?
Habt ihr vergessen, daß Gott seine Tempel erbaut
im Kind?«

Eure Welt ist grau,
eure Erde tot.
Unser Himmel glänzt blau,
unser Blut brennt rot.
Weithin über unsere Bahnen
schwenkt Sonne ihre goldnen Fahnen.
Bund der Sonne wollen wir sein.
Brüder! Schwestern! Schwenkt ein, schwenkt ein!

Laßt uns, vom jungen Geist geführt,
von Fingern Gottes angerührt,
dienen der einzigen Kraft und Tugend:
Jugend!

Eure Welt ist grau,
eure Erde tot.
Unser Himmel glänzt blau,
unser Blut brennt rot.
Gebt Raum,
daß wir wieder Straßen zum Himmel sehn
und unsrem Traum
der Sonne verbrüdert entgegengehn!

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.