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Flamme

Karl Bröger: Flamme - Kapitel 15
Quellenangabe
typepoem
authorKarl Bröger
titleFlamme
publisherEugen Diederichs
printrunErstes bis drittes Tausend
year1920
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectide350bf61
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Kanaan

Ein Spiel um Gott

(Szene: Ein gegen den Zuschauer sanft geneigter Hang. Es ist Vorfrühling. Im Hintergrund Wald)

Der blonde Wanderer:

Jauchzend drängen alle Straßen,
daß ich sie begehen soll.
Tausend Ziele nach mir fassen,
keins will mich vorüberlassen.
Jedes ist von Wundern übervoll.

Und mein schweifendes Verlangen
flutet mit den Strömen hin.
Straßen, die noch unbegangen,
nehmt mich auf und haltet mich gefangen,
der ich rollend wie die Erde bin.

(Wandrer verschwindet gegen den Wald)

Der graue Wanderer:

Baum und Hügel, Fluß und Ufer
grüßen freundlich und vertraut.
Alle sind geheime Rufer
in ein Land, das ewig blaut.

An das letzte Tor zu pochen
steig ich hellen Gipfeln zu.
Jede Straße bleibt zerbrochen
hinter mir und meiner tiefen Ruh.

(Geht langsam den Hang hinauf und die andre Seite hinab. Am Waldrand hat der Einsame die beiden Wandrer gesehen und ihre Worte gehört. Er kommt näher)

Der Einsame:

Flucht und Flucht in alle Winde!
Stets entzückt und überrascht
gleichen sie dem kleinen Kinde,
das nach goldnen Faltern hascht.

Abgetrennt vom Schwarm der Narren
wurzle, Fuß, in festem Grund!
Sicherheit ist nur im Starren,
Dauer wächst nur aus Beharren.
Schließe mit dem Felsen deinen Bund!

Eine Stimme:

Adam, wo bist du?

Der Einsame:

Höhnst dich selbst mit solchen Reden,
Irrwisch aus dem Paradies!
Dein erträumter Garten Eden
ist Gefängnis, ist Verlies.
Laß den Engel Wache halten
mit dem roten Flammenschwert!
Ich will eine Welt gestalten,
mehr als deine Himmel wert.

Eine Stimme:

Tu, Bruder, tu!

(Zwischen den Stämmen des Waldes bricht Glanz hervor. Nach und nach lösen sich die Umrisse eines nackten Weibes los. Das Weib schwebt näher, bleibt auf dem Kamm des Hügels stehen, Arme zum Himmel erhoben. Der Einsame weicht vor der Erscheinung wie geblendet zurück)

Der Einsame:

Äfft mich wieder holde Blendung?
Dringt der Wahn in meine Klause? ...
Rüttle dich, Geist meiner Sendung,
daß ich sprühe, glühe, brause!

Helle Stimme, laß dich hören,
leuchte wieder, klares Licht:
Fleisch ist wechselndes Betören.
Geist ist dauernder Verzicht.

(Das Weib breitet die Arme nach dem Einsamen)

Das Weib:

Blumen blühen
und wanken im Wind,
der zärtlich buhlt
zwischen Blüten.

Kühle auch mich,
köstlicher Atem Gottes,
mich Braut
unter tausend Bräuten der Sonne.

Wind wühlt mit weichen Händen
in meinem Haar
und schüttet über meinen Leib
Duft aus von hundert Gärten.
Wo bist du, Geliebter?
Ich harre, ich harre!

(Der Einsame stemmt die Fäuste gegen die Stirn)

Der Einsame:

Was läutet Sturm in meiner Brust
und wirrt das Blut zu Wirbeln ein?
Ich dämpfte doch die kleine Lust
und floß wie Strom im Abendschein.

Soll ich nun fliehen? Soll ich stehn?
bin ich gesegnet? Bin verflucht?

Eine Stimme:

Du mußt den Weg zu Ende gehn.
Du bist gerufen, wirst gesucht.

Der Einsame:

Den Sinn der Schickung, den du weißt,
sag an! sag an! Ich heisch es, heisch ...

Eine Stimme:

Alle Wege zum Geist
gehen durch das Fleisch.

(Der Einsame steht wie vom Donner gerührt)

Das Weib:

Ich harre! Ich harre!

Der Einsame:

Leben! Leben!

(Stürzt auf die Erscheinung zu, die ihn gegen den Wald lockt)

Der blonde Wanderer:

Raum und Raum und nirgends Ende!
Prächtig wölbt sich Tag zu Tag.
Zeit ist eine lichte Spende,
immer führt zu neuer Wende
mich der neue Stundenschlag.

Keinen Schritt mag ich verweilen.
Unbetretne Ferne winkt.
Mit den Wolken will ich eilen,
mit dem Fluß, der silbern blinkt.

(Eilt singend über die Höhe weg. Aus dem Wald kommt der Einsame, das Haupt gebeugt, im tiefen Sinnen)

Der Einsame:

Weib zerging in zarte Dünste.
Wieder steig ich aus dem Schacht
heißer Flammen, roter Brünste
und steh in der alten Nacht.

Bist du Brand in tiefster Stufe?
Bist du Stern in hoher Ruh? ...
Wenn ich deinen Namen rufe,
Gott, erscheine! Wo bist du? ...

Eine Stimme:

Vom Aufgang der Zeiten
schweift mein Blick zu ihrem Niedergang
und sucht den festen Punkt,
auszuruhen von der Erscheinungen Tanz.

Wo sind die Geschlechter alle,
rüstig geschultert, handfest, flink zur Tat und abhold den Träumen?

(Der graue Wandrer kommt über die Höhe von rückwärts. Er hat die Stimme gehört)

Der graue Wanderer:

In Büchern drängen sich Namen
bei Namen,
blaß, abgezehrt, ohne Fleisch und Bein,
hohles Schattengewimmel.

Der Einsame:

Wer begründet ihr Dasein dem späten Enkel
und bekräftigt es seinem Gedächtnis?

Eine Stimme:

Schweigsam heben sich Pyramiden
aus gelber Wüste,
grüßen den fernen Dom,
der zu nordisch kühlen Himmeln steigt,
grüßen das blanke Gittergeflecht auch,
von Stahl und Eisen,
daraus der Funke über Strom und Meer springt,
und achten aller Stimmen,
die den Adel der Werke preisen.

In ihren Werken
reichen sich Hände alle Zeiten,
vom dunklen Dämmer herauf
bis zu dieser Sekunde.
die jetzt funkelnd an deiner Wimper bricht.

(Der Einsame reckt sich stark auf)

Der Einsame:

Endlich steh ich auf festem Grund,
erdgewachsener Zuversicht voll,
und singe:

Ball deine Faust,
doch laß die Nägel nicht wachsen durch deine Handrücken!
Deine Tat ist innen gut wie außen.
Nicht daß es ist,
daß es geschaffen wird,
macht Leben lebenswert.

Der graue Wanderer:

Sie sitzen und brüten,
wie sie die Kraft in Groschen umlegen
und versäumen Stunden kostbarer Schöpfung.

Der Einsame:

Auf, Brüder!
Viel ist zu tun.
Kessel heizen,
Schächte befahren,
Garben schneiden und einsammeln,
Fläche berechnen,
unsrer Kinder warten
und den Alten Steine räumen aus dem müden Fuß.

Alles tut jeder für alle
und geschieht,
daß die ewige Kette nicht reißt,
daran wir die Eimer des Lebens aus ihrer Tiefe winden.

Eine Stimme:

Schöpfer sind alle,
die am Werke dienen,
das eines ist,
und heißt sein Adel:
Arbeit!

(Der graue Wanderer tritt neben den Einsamen)

Der graue Wanderer:

Glanz aus meinen höchsten Stunden
kehrt noch einmal leuchtend heim.
Tiefer war es nie empfunden:
Mann ist an sein Werk gebunden.
Jedes ist zu Gott der Keim.

Der Einsame:

Werk ist Liebe. Werk ist Ballung
deines irdischen Geschicks
und bemeistert jede Wallung
jedes blinden Augenblicks.

Kannst dich nur im Werk enthüllen.
Deine Tat ist dein Gesicht.
Letzte Sendung zu erfüllen,
lausche, was aus Werken spricht!

Eine Stimme:

Alle Wege zum Geist
gehen durch das Fleisch.

(Während der Einsame gesprochen hat, ist das Weib erschienen, nicht als Vision, sondern
erdhaft, wirklich)

Das Weib:

Da du das Werk deine Liebe heißt
und rühmst dich der Tat,
höre, Mann!

Liebe heißt mein Werk
und Gütigsein mein Auftrag.

Wir weben den bunten Teppich der Welt
aus Fäden, groben und feinen,
und knüpfen Herzschlag zu Herzschlag,
fest, weich, unlöslich.
Dein Schuß kreuzt meine Kette
und läuft Gewebe über in Gewebe.
Trenn einen Faden auf
und der Teppich zerschleißt.

Fetzen flattern im Winde ...

(Der Einsame wendet sich dem Weibe zu)

Der Einsame:

Müssen wir uns erst verknoten,
daß sich Werk aus Liebe spinnt?

Eine Stimme:

Ewig bleibe bei den Toten,
wer nur über Worten sinnt!

(Der Einsame geht Hand in Hand mit dem Weibe ab. Der graue Wanderer sieht ihnen nach, bis sie im Wald verschwunden sind. Dann wendet er sich langsam ab)

Der graue Wanderer:

Abwärts weisen Schattenfinger.
Langsam ründet sich mein Kreis.
Komm, du ernster Friedensbringer,
kröne Stirn mit dunklem Reis!

(Er geht sinnend den Hang abwärts. Ihm entgegen stürmt ein Kind den Hang herauf. Wandrer tritt zur Seite, faltet die Arme über die Brust und beugt sich tief vor dem Kinde. Wie betend!)

Junger Gott stürmt seinen Hügel.
Neue Kraft! Gestreckter Lauf!
Luft erbraust von seinem Flügel.
Eigner Anfang tut sich auf.

Dank, du Kind, für dies Begegnen!
Herrlich wird mir kundgetan:
Alles Junge froh zu segnen,
endet würdig meine Bahn.

(Er geht gegen den Wald zu langsam ab. Hinter dem Kinde jagt der blonde Wanderer her, bleibt auf halber Höhe stehen)

Der blonde Wanderer:

Lärm von toll und wüst erregten
Städten haftet mir im Haar.
Durch die zuckend heiß bewegten
Mauern wälzt sich Schar nach Schar.

Müdes ist Volk aufgestanden.
Wie es Herz und Arme strafft!
Los von Ketten, frei von Banden
bricht es aus der öden Haft.

Aller Ziele Ziel auf Erden ...

Eine Stimme:

Geist will Fleisch, Fleisch will Geist werden.

(Der Einsame kommt rasch über den Hügelkamm. Er streckt die Hand nach dem blonden Wanderer aus, um ihn aufzuhalten)

Der Einsame:

Früh schon drängen Gaffer zu Markte
und reißen heilige Siegel ab
schweigenden Lebens.

Mit Gebrüll kommt euer Tag
und heftiger Geste.
Sein erster Handgriff:
Schleusen aufzuziehen,
daß der Schwatz trübe Wasser wälzt
über Markt und Gasse,
durch Fabriken, Kontore, Ämter und Hörsäle.

Wir ertrinken im Wort
und verschlammen das gute Feld unsrer Taten.

Taubheit sei unsre Tugend
und unser Auftrag:
Stumm die Tat aus dem Abgrund zu heben,
daß endlich der Mensch im Lichte steht,
nackt, klar, tätig ...

(Der blonde Wanderer eilt an dem Einsamen vorbei)

Eine Stimme:

Adam, wo bist du?

Der Einsame:

Wirst nicht müde, uns zu narren,
Stimme aus der grauen Gruft?
Wohin meine Augen starren,
überall nur leere Luft.

Willst noch länger Worte lallen,
dich erschöpfen in Geschrei?
Gott ist stumm und stumm nur wallen
wir an seinem Thron vorbei.

Eine Stimme:

Wort ist Fleisch, Gespräch ist Hülle,
Gott zu bergen insgeheim.
Daß er sich zur Tat erfülle,
muß er erst besprochen sein.

Schiltst umsonst den heißen Eifer
der sich durch die Worte ringt.
Den Propheten ehrt der Geifer,
wenn nur Geist im Worte klingt.

(Der Einsame brütet still vor sich. Der graue Wanderer erhebt sich mühsam)

Der graue Wanderer:

Siebzig Jahre wirres Wandern
führten mich auf keine Spur.
Ob allein, ob mit den andern,
stets ging ich im Kreise nur.

Müde kleben meine Schritte,
Weg aus meinen Augen weicht,
denn ich weiß nun: Gott ist Mitte
Und bleibt ewig unerreicht.

(Tastet sich einige Schritte, wankt, fällt ohnmächtig. Der Einsame wacht aus seinem Brüten, springt zu und fängt den Kranken auf, den er sanft bettet. Vom Walde her sieht man das Weib kommen, den Arm um die Schulter des Kindes geschlungen)

Das Weib:

Vom Himmel willst du wissen
und warum er so blau nach dir schaut?
Dein Auge macht ihn so licht,
dein Lächeln so selig.
Himmel freut sich über seine Kinder.

(Sie bleiben bei der Gruppe stehen. Das Weib hilft den Kranken stützen. Der graue Wandrer erwacht aus der Ohnmacht)

Der graue Wandrer:

Hat dein Arm mich aufgefangen,
Gott, da ich am Abgrund stand?
Bist du hinter mir gegangen,
den ich tastend suchte vorn im Land?

Eine Stimme:

Wer mich sucht, muß mich auch finden,
wo er immer gräbt und scharrt.
Lichtlos bleib ich nur dem Blinden,
der ins eigne Dunkel starrt.

Die nur zu sich selber beten,
bannen mich aus ihrem Kreis.
Mensch muß zu dem Menschen treten,
daß er um den Bruder weiß.

(Über die Höhe kommt der blonde Wanderer. Er hat die Arme weit ausgespannt, als wollte er Himmel und Erde umfassen)

Der blonde Wanderer:

Sonne spricht mit goldnen Zungen:
Reicht euch Hände! schließt den Bund!

Der graue Wanderer:

(Erhebt sich halb und winkt nach dem Ankommenden)

Licht ist aus der Nacht gesprungen.

Der Einsame:

Welt wird heil und Mensch gesund.

Eine Stimme:

Jeder trägt zum lichten Tempel
in der Brust den roten Stein.

Der Einsame:

Einer ist des andern Stempel,
prägt sein Bild dem Bruder ein.

Der graue Wanderer:

Gott wird schaffend nur geschaffen.

Der blonde Wanderer:

Wenn sich Mensch zum Menschen schmiegt.

Der Einsame:

Geist muß sich im Fleische straffen.

Das Weib:

Liebe alles überfliegt.

Eine Stimme:

Bausteine Gottes,
wandelnd auf irdischem Grund,
sind alle.

Jeder nur Stein!
Keiner Tempel allein!
Jeder braucht alle andern,
daß der Tempel sich fügt,
hoch ... weit ... herrlich ...,
von Orgelstimmen durchbraust.

Horcht dem Chor!

Chor!

Alle Wege zum Geist
gehen durch das Fleisch.

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