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Gutenberg > Karl Bröger >

Flamme

Karl Bröger: Flamme - Kapitel 14
Quellenangabe
typepoem
authorKarl Bröger
titleFlamme
publisherEugen Diederichs
printrunErstes bis drittes Tausend
year1920
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectide350bf61
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Kreuzabnahme

Ein Spiel von Schuld und Sieg

(Schauplatz, Gestalten, Kostüme sind zeitlos zu denken. Zu Beginn der Handlung – das Stück kann im freien oder im geschlossenen Raum gespielt werden! – ist die Bühne leer. Vom Zuschauer gesehen erscheint rechts eine Gestalt. Gewand grau, Stab in der Rechten)

Der erste Bote:

Von Müttern ausgesandt,
irrende Taube über roter Flut,
die um Gräber kreist,
späh ich nach Land aus,
nach grünem Eiland,
darauf nackt ein Kind unter Blumen spielt
und reinen Himmel spiegelt
im blauen Blick.

Zermalmte Leiber,
hundert – – tausend – – abertausend – –
treiben vorbei
im Wirbel der Wut
und Mord gurgelt aus dunkler Tiefe.
Wer dämmt den Strom,
der aus der Mütter Schoß bricht
und hemmt der tödlichen Flut Gewalt?
Flieg auf, Seele!
Noch ist zu ruhen nicht Zeit.

(Bote geht nach links ab. In seiner Spur taucht eine neue Gestalt auf, schwarz gewandet, Arme zum Himmel gereckt)

Der zweite Bote:

Von Kindern komm ich,
denen schlaffe Haut um mürbe Knochen schlottert
und Hunger sprungbereit heult aus hohlen Augen.

War es ein Gang durch verwunschenen Krüppelwald,
dürrster Heide entsprossen,
frühalt, fahl, in träg stockendem Saft?

Heißt Kind nicht rund sein, prall, von blühendem Fleisch,
das durch zärtliche Mutterhände quillt
in sammtener Fülle?

Was greifen sich rauh und borkig die Leiber an?
Zu früh sind sie in Rinde gewachsen,
zu frühe benagt von Larve und Wurm.
Jugend kann nicht blühen auf ihrer Wange
und ihr Schmelz stäubt hin wie Asche.

Ich will meine Kleider abtun und alles,
was an den Menschen erinnert,
will hinaus zu den Tieren des Waldes
und mir zeigen lassen, wie junge Brut zu hüten sei.

(Reißt sich die Kleider ab und rennt nach links davon. Urplötzlich steht in der Mitte des Raums ein großer, bärtiger Mann, Oberkörper halbnackt, von der linken Schulter zur rechten Hüfte blutrot gewandet. Er sieht den beiden Boten gelassen nach)

Der Krieg:

Narr, der mir zu entrinnen glaubt!
Noch grünt mein Wipfel vollbelaubt
und stämmt sich auf zum höchsten Firn.
Noch flammt mein rotes Wutgestirn
und dunkelt alle Sonnen ab,
entzündet sich aus jedem Grab
und glüht und brennt
entlang am rund geschwungnen Firmament.

(Von links erscheint ein Mensch, weiß gekleidet. Kopf zurückgenommen, daß die Augen fast senkrecht aufwärts schauen)

Der Mensch:

Zum Kelch
wölben sich meine Hände,
die hocherhobenen,
und fließen stündlich über
von Blut und Tränen.

Daß ich erwählt wäre,
zu endigen,
was Raserei begann,
auszutilgen den Wahn,
der die Geister verrostet
und am blanken Stahl der Wahrheit frißt.

Daß ich erwählt wäre!

Mit diesen Händen,
zum Kelch gewölbt,
schöpfte ich Blut aus mir,
jeder Tropfen begierig,
den Brand zu löschen
hassender Zeit.

(Der Krieg hört zu, ohne mit einer Muskel zu zucken. Dann wendet er sich jäh an den Sprecher)

Der Krieg:

Schmilzt dein Gefühl Kanonen ein
und fängt Granaten auf im Flug:
Du solltest mir gesegnet sein
wie keiner, den die Erde trug.
Doch nur ein Mensch, der herrlich frei
zu mir die blaue Brücke schlägt,
bahnt einen Weg. Du bist nur Schrei
der Schwäche, die kein Blut verträgt.

Der Mensch:

Du traust dich schmähen, wagst zu lästern?
Heb dich hinweg, du Geist von gestern,
und sei verflucht durch Kind und Kindeskind!

Der Krieg:

Du Zwerglein! Stemmt sich auf die Zehen
und wähnt, an mir vorbeizusehen,
und ist doch mit verzückten Augen blind!
Fürwahr! Sie könnten mich bedauern.
Sie glauben schon zu bessern, wenn sie trauern.
Sie wollen meine Bahn vermauern
und prallen ab wie von dem Fels der Wind.

Der Mensch:

Du sollst mir nicht das Herz verwirren,
in meinem tiefsten Fühlen nicht beirren.
Ich kenn dich und dein blutiges Panier.

(Der Krieg tritt rasch einen Schritt auf den Menschen zu)

Der Krieg:

Und also weißt du: Teil bin ich von dir,
vielleicht der beste!

Der Mensch:

Lästrer, schweige still!

Der Krieg.

Nur ruhig, Zwerg! Du willst doch, wie ich will.
Zu meinem Wesen und Gesicht
dring durch und hafte an den Masken nicht,
die hundertfach dein Auge äffen.
Du kannst mich zwischen Stern und Blume treffen
im endlos abgestuften Raum.

Der Mensch:

Narrt mich ein giftiger Fiebertraum?
Ich hatt ihn doch so klar erkannt,
bei seinem wahren Namen ihn genannt?
Wohlan, enthülle! Wer bist du?

(Der Krieg wendet sich nach rückwärts und winkt in den Raum)

Der Krieg:

Die Ohren auf, mein Freund, und höre zu!

(Eine weibliche Gestalt tritt auf die Bühne, heftig in Gebärden, und bleibt dicht vor dem Krieg stehen)

Die Mutter:

Du schlägst mich grausam nieder.
Von Mord und Brand und Blut umschnaubt,
hast du mir Kind um Kind geraubt.
Gib mir die Söhne wieder!

Der Krieg:

Wie sollt ich sie denn geben?
In meiner Hand, von Gott verflucht,
von allen Martern heimgesucht,
gedeiht nur Tod, kein Leben.

Die Mutter:

Du Würger aller Würger,
besessen von bluttoller Gier,
du aller Fabeln Greueltier,
der Hölle schlimmster Bürger!

Der Krieg:

Was schmähst du meinen Namen?
Es frommt euch nicht, daß ihr ihn kennt.
Ihr spielt mit Feuer, bis ihr brennt.
Dann schreit ihr Gott und Amen.

Die Mutter:

Wer war es, der dich zeugte?
Dich stieß ein finstrer Schoß ins Licht.
Mit Haß und Neid und Hochgericht
getränkt war, die dich säugte.

Der Krieg:

Du fragst, wer mich geboren?
Kein Fabeltier, kein Höllengeist!
Mit deinem Blut bin ich gespeist.
Du selbst hast mich erkoren.

Die Mutter:

O, aller Lüge Meister,
der mir das Herz verwirren will!
Schweig, heuchlerischer Mund! Sei still,
du Unflat aller Geister!

Der Krieg:

Du magst mich immer schmälen.
Die Wahrheit jagst du nicht davon,
denn abermals: Ich bin dein Sohn
und sollt es dich auch quälen.

Die Mutter:

Ich kann es noch nicht fassen.
Mein Auge hat dich nie geschaut.
In mir spricht kein verwandter Laut
zu deinem wilden Hassen.

Der Krieg:

So denke an den Knaben,
wenn er den Hund mit Steinen warf,
nach Worten suchte, hart und scharf,
um seine Lust zu haben.

Die Mutter:

Und das bist du gewesen?
Weh, wird mir doch das Herz so schwer!
Kalt weht Erinnerung um mich her.
Laß mich davon genesen.

Der Krieg:

Wenn dir in jähem Wallen
die Wut, der Zorn zu Kopfe stieg,
stand ich vor dir, dein Sohn, der Krieg,
und hab dir wohlgefallen.

Die Mutter:

So reiß mich aus den Nöten,
trag mich aus diesem blutigen Graus.
Lösch deiner Mutter Leben aus
und endige das Töten.

Der Krieg:

Du bist mir ganz entzogen.
Du bist die Herrin meiner Macht.
Des Lebens unerschöpfter Schacht
ist rund um dich gezogen.

(Die Mutter sinkt zu Boden. Der Mensch hat mit wachsender Erschütterung der Zwiesprache gelauscht)

Der Mensch:

Ein Wunder, das sich da begiebt?

Der Krieg:

Mit nichten, Freund! Hier wird nur scharf gesiebt
und falsche Wortspreu in den Wind gejagt.

(Er wendet sich dem Menschen voll zu)

Nun merke auf ein Spiel, das dir gewiß behagt.

(Der Krieg spreizt die Finger aus und krallt mehrmals in die Luft)

Hervor, ihr Puppen und Popanze!
Reiht euch um euren Meister her zum Tanze
und plappert den bewährten Spruch.
Ihr habt ihn tausendfach gepriesen,
auf jeder Seite wird es fast bewiesen
in der Geschichte schwarzem Buch.

(Von links nach rechts wandeln im Halbkreis die beschworenen Erscheinungen vorbei)

Der Fürst:

Gegrüßt mir, höchster Herr der Welt,
der meinen Thron in starken Händen hält,
der mein Geschlecht vor grauer Zeit erwählt,
der mich mit Macht und Glanz gestählt!
Ich bin dir stets zu Dienst und Dank gewillt.

Der Staatsmann:

Wenn nichts den heißen Drang mehr stillt,
mein armer Witz umsonst die Fäden knüpft,
sich endlich zwischen Tür und Angel gar verschlüpft,
erscheint mir deine rettende Gestalt.
Was Geist nicht nötigt, zwingt dann die Gewalt.

Der Kaufmann:

Bescheiden geh ich hinten mit im Troß
und schütte Futter deinem schwarzen Roß,
das immer hungrig aus der Krippe frißt.
Mit blanken Händen wühle ich im Mist,
ob unverdaut ein Korn zu retten sei.
Ich halte Haus und schaue auf Gedeih.
Geringster Diener bin ich dir.
Doch Herr, du weißt, wie vieles lebt von mir.

Der Gelehrte:

Ich brüte über Zahl und Maß,
verwandle Element in Gift und Gas
und wühle mich durch jeden Zug und Drall
in Mörser und Gewehr, bin überall,
wo die Vernunft sich tödlich offenbart.

Der Dichter:

Ich kämme deinen langgestrählten Bart
und stäube Rosenduft auf Haupt und Haar.
Ich preise deinen Wuchs und rühme die Gefahr.
Ich rühre an das wüste Tun Geschmack.

(Die fünf Erscheinungen stehen im Halbkreis um den Krieg. Der Mensch hat der Wallfahrt in höchster Spannung zugesehen)

Der Krieg:

Was dünkt dich, Freund, von diesem Lumpenpack?
Zeigt sich nicht jeder dienstbeflissen
und schielt mit falsch verdrehtem Blick nach mir?
Je weniger sie von mir wissen,
um soviel stärker treibt sie die Begier,
auf bunten Stelzen, klapperlauten Krücken
sich um den wahren Sinn herumzudrücken.

(Auf eine Handbewegung verschwinden die Erscheinungen. Der Krieg wirft den rechten Arm hoch und beschwört mit starker Stimme)

Hervor ihr andern, die mein Walten
bis in das tiefste Mark verspürt!
Sagt an: Was ist vom Krieg zu halten
und warum wird er immer noch geschürt?

(Ein Soldat stürzt mit erhobenen Fäusten auf den Krieg los)

Der erste Soldat:

Bist du mir endlich vor der Klinge?
Wie sich gleich jeder Muskel dehnt!
Komm an, daß ich dich niederzwinge,
daß endlich eine Tat gelinge,
von mir und Millionen heiß ersehnt!

(Der Krieg wischt den Angreifer weg, ehe er lachend spricht)

Der Krieg:

Du Hitzkopf mußt dir erst die Sinne schärfen,
daß du mit Blut dieses Feuer nimmer dämpfst.
Du wirst die Fische nur ins Wasser werfen,
wenn du den Krieg mit Krieg bekämpfst.

(Ein zweiter Soldat taumelt heran, sinkt neben der kauernden Mutter ins Knie)

Der zweite Soldat:

Ich bin kein Held.
Nein, Mutter, nein!
Und muß ich denn im Feld
begraben sein,
so laßt mich einmal laut bekennen:
Verflucht der Wahn,
der aus dem Irrsinn lacht,
daß ihr aus Menschen Helden macht
und uns zu ausgestopfter Größe bläht.

Der Krieg:

So ist es recht und nicht zu spät.
Wollt euch nur fest ins Herze brennen:
Ein jeder Haß fängt in der Liebe an.

(Die Mutter richtet sich halb auf, stöhnt in Schmerzen)

Die Mutter:

Wie es an meinem Herzen zerrt!
Bin ich von allen ausgesperrt
und darf nur dumpfer Klage fröhnen?

(Die Mutter steht auf. Der Krieg kniet vor sie hin. Alle folgen seinem Beispiel)

Der Krieg:

Du bist die Mutter. Deine Kraft,
als Güte und als Leidenschaft,
wirkt fort in Millionen Söhnen.
In Ehrfurcht beugen wir das Knie,
ein Bund die Guten und die Bösen.
Nur du allein kannst uns erlösen.

(Die Mutter faßt den Krieg an den Schultern. Alle erheben sich wieder)

Die Mutter:

Mein Sohn, ich will! Doch künde, wie?

Der Krieg:

Beug tief dich in den grauen Staub
und schlage hart an deine Brust.
Dort raschelt wie verdorrtes Laub
der falsche Stolz, die irre Lust,
den Sohn in Heldenglanz zu schauen.
Erfühle unsre schwerste Not,
sonst schlägt mit jedem Morgengrauen
Kain seinen Bruder Abel tot.

(Die Mutter beugt tief das Haupt und faltet die Hände über die Brust)

Der Mensch:

Wer kann der Mutter Schuld in Worte fassen,
beschlossen zwischen Scham und Schrei?
Daß sie den Sohn von ihrer Brust gelassen,
gab erst dem großen Haß die Hände frei.

Der Krieg:

Wem ziemt es über Schuld zu richten?
Ist dir das Herz zu Schlacke schon verbrannt?
In tausend blutigen Gesichten
erschien ich euch. Ihr habt mich nicht erkannt.
Im Himmel habt ihr und auf Erden
mich außer euch und über euch gesucht,
bis der verstörte Sinn mit fiebrigen Gebärden
sich und die ganze Welt verflucht.
Zum Helden wollen sie den Menschen zwingen.
Sie schmecken nicht den bittren Hohn.
Stets wähnen sie, zu Gott hinaufzudringen,
und laufen vor sich selber nur davon.

(Alle wenden sich gegen den Krieg)

Der zweite Soldat:

Du weichst geschmeidig unsrem Flehen
und springst in deine dunkle Nacht zurück.

(Der Krieg tritt mitten unter sie)

Der Krieg:

Wagt erst, euch mutig ins Gesicht zu sehen,
dann habt ihr mich und euch in einem Stück.
Ihr werdet wahrlich toll erschrecken,
wenn euch die uralt rohe Form ins Auge stiert.
Den Menschen könnt ihr immer erst entdecken,
wenn euch das Blut in allen Adern friert.

(Alle weichen aus der Nähe des Krieges. Nur der 2. Soldat bleibt und tastet mit den Händen nach dem Krieg)

Der zweite Soldat:

Ich muß dich mit den Händen greifen,
ich mag nicht länger müßig schweifen
hinauf, hinab im trügerischen Wort.

Der erste Soldat:

Die Luft wird Stein in seinem Munde.
Ich atme länger nicht in seinem Bunde.
Du, Geist des Grausens, heb dich fort!

(Mit abwehrenden Gebärden weichen alle zurück. Von Osten kommt in vollem Lauf eine Gestalt. Sie schwingt eine Fackel)

Bote aus Osten:

Schauer um Schauer jagt über das Land.
Schon keuchen die Städte in hektischem Fieberbrand.
Über arbeitsstumpfe Gesichter
huschen Lichter,
und in den Nächten, ungeheuer,
wetterleuchten blutrote Feuer.

Auf hunderttausend Füßen stürmt
die Straße her in starkem Takt
und über die erschreckten Häuser türmt
ein Schrei hinaus, der alle Herzen packt.
Von der Tribüne reckt die Not
den hagren Arm, von Fetzen schlecht verhüllt,
und gellend ihren Schrei nach Licht und Brot
die Wut aus tausend Lungen brüllt.
Stadtaus, landein in wirrem Kreis
Gerücht mit zugebundnem Auge rennt,
der Atem schnell, die Pulse heiß,
daß jeder weiß:
Volk brennt!

Der Mensch:

Und du?

Bote aus Osten:

Ich bin ein Scheit im Brand, die Flamme wird mich fassen
und eher nicht aus ihrer Qual entlassen,
bis neu und rein der stumpfe Geist geglüht.
Auf schlägt die Glut, Millionen Funken stieben,
von Sturm und Braus durch Rauch und Qualm getrieben,
bis aus dem Irren, Wirren, Hassen, Lieben
dein morgenhelles Antlitz, Mensch, erblüht.

Der Krieg:

Brenn zu! Brenn zu!

Der Mensch:

Ein Ton, verschollen jedem Ohr,
ein erster, rein beschwingter Klang
durchbricht den grell verstimmten Chor
und ringt sich frei aus trübem Zwang.

(Während alle sich um den Boten aus Osten scharen, kommt aus der Gegenrichtung eine männliche Gestalt, langsam, traumwandelnd. Kleidung grün)

Der Bote aus Westen:

Sommermohn
prunkend im blonden Haar
schritten Tage tiefgebräunt
über Land,
deren einer den Blitz warf
und die Welt spaltete
vom Aufgang zum Niedergang.

Himmel spie Feuer,
Erde brach Blut,
rotes Meer quoll auf,
schäumte zum Mond,
schwoll zur Sonne
und kroch auf klebriger Fläche
in alle Herzen.

Einsamer Beter,
gelähmt an Hand und Fuß,
umschlungen vom Blut- und Feuerkreis,
schrie ich auf
und sog aus Rauch und blutigen Dämpfen
Gesichte des Grauens.

Wer hat dich,
heiliger Hauch
mir heute gesandt,
daß du mit kühlem Griff
dumpfige Nebel duckst
und meinen Augen Land zeigst?

Land des Menschen,
von heiter blauem Himmel gewiegt,
in Unschuld blühend
und ohne Gräber,
um die Wind der Verwesung weht.

Zu deinem Gestade,
Land des Menschen,
steuert mein Kiel.
Elend ist meine Barke,
das Segel zerfetzt
und zersplittert die Masten.
Doch verhaltener Liebe voll
brennt Gefühl heißer in mir
als tausend geballte Sonnen.

Mein Herz blitzt auf
und donnert den Schrei:
Heimkehr! Heimkehr!

(Der Krieg winkt die beiden Boten zu sich)

Der Krieg:

Vertraute Kundschaft bringt ihr mit,
aus Osten du, aus Westen er.

(Die Boten weichen zurück)

Was tut ihr fremd? Bei jedem Schritt
ging ich vor euren Straßen her.
In Dampf und Donner grau verhüllt,
von Blitz und Blendung rot umflammt.

Bote aus Osten:

Wer bist du, der aus Wettern brüllt?

Der Krieg:

Die Kraft, die aus dem Feuer stammt,
von euch ersehnt, erfleht, gesucht,
erquält, verwunschen und verflucht!

Bote aus Westen:

Bist du der Krieg, so bist du tot!
In uns glüht Feuer, das dich überloht.

Der Krieg:

Im kleinsten Funken schlaf ich aus.
Ein Kinderfuß drückt mich in Staub.
Erwacht umzingle ich das Haus
und freß mich toll an meinen Raub.
An allem, was da glüht und brennt,
trag ich gemessnen Teil davon.
Ich bin Natur, bin Element,
bin Krieg, bin Revolution.

(Alle fliehen aus der Nähe des Krieges)

Der zweite Soldat:

Wir wollen seinem Netz entrinnen,
die freie Straße zu gewinnen
und Menschen unter Menschen sein.

Der erste Soldat:

Du hast den Horizont verpestet,
an Millionen Leichen dich gemästet
und Blut gekeltert wie der Winzer Wein.

(Der Krieg geht langsam nach rechts ab und bleibt am äußeren Rand des Raums eben noch sichtbar)

Der Krieg:

Soll ich der kleinen Einsicht wehren?
Es bringt euch keine Spanne weit.
Die Toten müssen euch belehren,
wie ihr euch aus der harten Haft befreit.

(Er hebt langsam und feierlich die rechte Hand. Aus dem Untergrund hört man leises Murmeln, aus dem sich eine klare, tiefe Stimme löst)

Eine Stimme:

Hängenden Hauptes wandelt Herbst
durch gilbende Haine
und bläst Flöten der Schwermut
traurigen Schalls.

Silberner Hauch stiebt von seinem Munde,
wenn er kühl atmend aufsteht
und, in sieben opale Schleier gehüllt,
sterbende Sonne umtanzt.

Was glüht der Wald brandrot
und stammt jeder Baum
wie eine Fackel?

Verschlungen sind,
die hier einst wandelten
unter rauschendem Sommerlaub.

Ihr Blut, fernvergossen,
wandert nächstens heimwärts,
vertrautem Mutterboden zu.

In allen Stämmen steigt es hoch,
schlägt durch die Blätter
und tropft in jedes Auge
Gedächtnis unsrer Toten.

Bäume bluten ..
Ferne Flöte singt:
Alles Leid ist brüderlich!

(Einer nach dem andern tritt langsam vor)

Bote aus Osten:

Brüder, fern in bleichem Bunde,
verkündigt, was uns Wandernde erregt.
Auf, Menschen, schließt die heilige Runde,
von gleichem Leid zu gleicher Tat bewegt.

Bote aus Westen:

Stimme der Schatten
schwebt um mein Ohr.
Ihr Hauch rührt an meinen Mund
und bringt mir nahe alles,
was da Leid trägt.

Die Mutter:

Weit öffne, Herz, deine Tore,
einzulassen meine Toten,
und Haupt, sinke hin,
ihre Füße zu küssen,
die höllischen Weg wandelten.

Der Krieg:

Bekennet euch zu dem großen Leid
als eurer blind gewählten Tat.
Erkennt, daß ihr Berufne seid,
vor die erhabnes Schicksal trat.
Wachst über eure eigne Qual
in jeden fremden Schmerz hinein.
Wollt härter nicht als Stein und Stahl
und klirrend schwere Rüstung sein.

Der zweite Soldat:

Und sind wir ganz von dir verschont,
wenn unser Arm das Schwert zerbricht?

Der Krieg:

Ich bleibe da! Mein Wirken wohnt
im Geiste, in der Waffe nicht.
Lenkt um zu euch! Erst wenn ihr ganz
zu eurem Gut und Böse steht,
wird eure Seele zur Monstranz,
drin heilge Wandlung vor sich geht.

(Der Krieg geht mitten durch die Gestalten ab und verschwindet. Alle schauen ihm nach. Dann tritt der Mensch an die Stelle, die bis jetzt der Krieg eingenommen hat)

Der Mensch:

Da wir am Turm bauten zu Babel
und krönten seine Zinne mit Haß und Hochmut der Herzen,
wuchs Einsamkeit mauerhoch,
die Tat von unsrer Liebe zu scheiden,
und die Welt ward Wüste.

Der zweite Soldat:

Zuschlugen alle Tore,
die in freudige Gemeinschaft leiten,
und gefangen saß jeder
hinter Gittern eigner Sucht.

Der erste Soldat:

Das Gesicht plattgedrückt an den Stäben des Käfigs, starrten wir brennenden Auges in die Gärten der Erde und redeten irre von ihren Wundern.

Die Mutter:

Wer bricht den Bann,
von Gottes Petschaft mit sieben Siegeln befestigt,
und löst den Zauber auf,
der uns im Wahnkreis führt?

Der zweite Soldat:

Um eine Sonne schwingen
alle Kinder ruhlos schweifender Welt.

Der Mensch:

So laß sie aufgehen, mein Bruder,
in deiner Brust,
daß die Nacht weicht und wir wandeln im Lichte!

Die Mutter:

Kommt alle!

(Von allen Seiten strömt Volk auf die Bühne)

Der erste Soldat:

Ob blauer oder grauer Himmel euren Blick begrenzt.

Der zweite Soldat:

Ob über euch Tannen rauschen oder Palmen,

Der erste Soldat:

Ob ihr in Häusern wohnt von Stahl und Stein,

Der zweite Soldat:

In Hütten von Holz und Filz, in Kral und Jurte,

Der erste Soldat:

Ob euer Fuß klingt auf den Straßen großer Städte
oder nur flüchtige Spur drückt in der Heide Sand:

Der Mensch:

Kommt, kommt alle!

Die Mutter:

Ach rufe euch bei dem einzigen Namen,
der uns gebührt:

Alle:

Menschen!

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