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Gutenberg > Hugo Ball >

Flametti

Hugo Ball: Flametti - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleFlametti
authorHugo Ball
year1989
publisherSuhrkamp Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-518-01442-0
titleFlametti
pages3-14
created19990921
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1918
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VI

Herr Leporello hieß mit Vornamen Emil.

Er war schlank, lang, geschmeidig. Zwei mächtige Eckzähne, blitzende Augen, ein heiserer Baß geben einen Begriff seiner Persönlichkeit. Besonderes Merkmal: steifer, schleifender Gang der Zirkusleute, die sich bei einer verwegenen Pièce einen Bruch geholt haben. Auch seine Weste war eine Weste, wie man sie nur beim Zirkus trägt: goldfarbig, Tapetenmuster mit allerhand Schnörkeln und Tressen.

Dieser Leporello Emil, Artist, geboren 17. März 1883, bekam seine Kriegsbeorderung just an dem Tage, da seine Tante Geburtstag hatte.

»Emil!« wehklagte Lydia, »ach, Emil! Die Beorderung!«

Ihr Schmerz kannte keine Grenzen. Und obzwar dieser Schmerz keineswegs affektiert war, stand er doch in einem so auffallenden Gegensatz zu Lydias früherem Benehmen, ihrem Haß, ihrer Verachtung, wovon man in Basel gelegentlich der nächtlichen Szene mit Herrn Schnepfes prämiertem Wolfshund ein Beispiel gesehen hat, daß es Lydia selbst zu Bewußtsein kam.

»Ach, ich weiß gar nicht«, seufzte sie und die Hände fielen ihr in den Schoß, »ich möchte gar nichts mehr hören und sehen, seit ich weiß, daß mein Emil in den Krieg muß. Ach Emil, wie wird das enden!«

Aber Emil war guten Mutes.

»Ho ho!« lachte er gedrückt, ohne die Eckzähne zu zeigen, »laß man jehen! Ick bin froh drum. Det Vaterland ruft. Da jibts keene Zicken.«

Und dann nahm er sein Handköfferchen eines Tags und hatte den Paletot an und den Regenschirm in der Hand und verabschiedete sich.

Lydias Augen hingen an ihm wie leere Sonnenblumen im Herbst, auf die es geregnet hat.

»Ach, ihr lieben Leute! Mein guter, lieber Emil! jetzt geht er dahin und wer weiß, ob er wiederkommt.«

Und sie streckte sich auf den Zehenspitzen, umarmte und küßte ihn, und stellte immer wieder ihr eigenes Handtäschchen dabei auf den Boden; denn sie begleitete ihn bis zur Grenze.

Aber Emil war guten Mutes und sagte:

»Herrjott nochmal! Man meent ja, es jeht in die Ewigkeit!«

Er hoffte, draußen schon Kameraden zu finden. Es gab dort gewiß lustige Brüder genug. Tarock spielen würde man sicher auch dort. Als Froschmensch wird es ihm leichter fallen, sich in der Kriegsgymnastik zurechtzufinden. Und es gab Bilder in den ›Illustrierten‹, aus denen hervorging, daß auch da draußen nicht immer nur die Granaten platzten.

Und so reiste er ab.

Man spielte jetzt wieder im ›Krokodil‹. Basel war doch nicht das Richtige. Man war zur Fuchsweide zurückgekehrt. Warum auch nicht? Die Polizeibuße war bezahlt. In der Fuchsweide war man zu Hause. Und wo man zu Hause ist, da soll man sich nähren.

Freilich hatte sich hier in der Zwischenzeit vieles geändert. Es war nicht die alte Fuchsweide mehr. Ein neues Polizeiregiment war aufgekommen. Ein andrer Inspektor. Es wehte ein schärferer Wind.

Die Annehmlichkeiten des ›Krokodilen‹ waren die alten. Das Klavier vorzüglich. Die Heizung brillant. Biermarken im Überfluß.

Aber die Polizei hatte heftige Lücken gerissen ins Publikum. Hin war der mondäne Glanz. Hin war die Freude. Verschwunden die Habitués. Verschwunden der ›Totenkopf‹ und seine Schwester. Verschwunden Fräulein Amalie. Verschwunden Herr Pips. Verschwunden der Herr Krematoriumfritze, der all sein Geld verjuckt und mit der Dame in Feldgrau ein von der Polizei nicht gern gesehenes Verhältnis auf Gegenseitigkeit unterhalten hatte.

Dagegen gab es nun in der Fuchsweide ein ›Organ‹: ›Die Zündschnur. Organ gegen die übergriffe der Polizei und des Kapitalismus‹, redigiert von Herrn Dr. Asfalg, einem ehemaligen Freund und Studiengenossen des derzeitigen Polizeihauptmanns.

Herr Dr. Asfalg, ein Schwärmer und Utopist, ließ sich die Interessen der Fuchsweidenbewohner sehr angelegen sein.

Als der neue Polizeihauptmann, Herr Adalbert Schumm, eines Tages höchst persönlich im ›Krokodil‹ erschien, um nach dem Rechten zu sehen, kam es zu ganz privaten Auseinandersetzungen und Ohrfeigen zwischen ihm und seinem ehemaligen Keilfuchs, und die Szene endete so, daß Herr Polizeihauptmann Schumm, der incognito da war, den Schauplatz mit Schimpf und Schande verlassen mußte, weil ihn anders das schwere Geschütz des Dr. Asfalg, eine Gruppe Schlachthausgehilfen, in Grund und Boden geschlagen hätte.

Und wenn auch Herr Dr. Asfalg den Kampf in der Folge mehr ins ideelle Gebiet hinüberspielte, so waren doch solche erregte Läufte den Musen nicht günstig.

Herr Polizeihauptmann Schumm dekretierte:

»In allen Konzert- und Vergnügungslokalen der Fuchsweide untersage ich hiermit ab 1. Dezember die Schaustellung wilder Tiere, dressierter Löwen, Bären, Affen; Bärenringkampf, singende Schakale, sogenannte Meerweibchen etc. Dergleichen untersage ich die Verwendung von Schlagzeug, große Trommel, Pauke, Tschinelle, Schrummbaß bis auf weiteres. Wer diesem Verbot zuwiderhandelt, wird mit Polizeibuße bestraft bis zu dreihundert Franken.«

Und Herr Dr. Asfalg erwiderte in der ›Zündschnur‹:

»Wir kennen die wilden Tiere, Tiger, Füchse und Affen der Polizei. Es bedarf keiner Hinweise. Wir werden uns bemühen, sie um die Ecke zu bringen.

Wir kennen auch den Schrummbaß der Polizei. Es ist ein Instrument, das rasselt, wenn man es auf den Boden stößt. Wir werden dahin wirken, daß auch dies Instrument verschwindet.

Wir stellen uns auf den Boden der nacktesten Wirklichkeit. Wir werden in Unterhosen die Nationalhymne singen. Wir werden in Schnurrbartbinden unsre Ensembles aufführen, statt uns Masken zu schminken. Wir werden uns Bäuche stopfen und Scheitel ziehen wie sie Herr Adalbert Schumm zur Schau trägt, und werden auf diese Weise hottentottischer wirken als, nach dem Urteil der Polizei, alle wilden Tiere und Pauken zusammengenommen.« (›Zündschnur‹, Nummer 3, vom 18. Dezember).

Und ein andermal, (Nummer 4, Seite 3): »Man lasse dem Volk seine harmlosen Freuden. Wie sagt doch der Dichter: ›Freude, schöner Götterfunke, Tochter aus Elysium!‹«

»Jene aber, Verräter an der Notdurft der Menschheit gehen darauf aus, dem Leben seinen holden Schimmer, seinen Flaum zu nehmen. gez. Dr. A.«

Und als eine neue Razzia stattfand, konnte man in der ›Zündschnur‹, Nummer 6, Jahrgang I, die Sätze lesen:

»Freunde! Mitbürger! Genossen!

Hört! Euer Bestes, euer Gemüt ist verdächtig. Vor Gericht ist alles Gemüt verdächtig. Gemüt kennzeichnet unseren Henkern Menschen, die auf suspekten Wegen gelitten haben und zermürbt sind. Gemüt ist für sie Opposition und Verschwörung. Gemüt ist das Merkmal von Menschen, die renitent sind, waren oder sein werden. Gemüt ist Eigendünkel und eine Gefahr für sie. Leute von Gemüt gehören in Untersuchungshaft. Man recherchiert mit Recht und Erfolg nach kriminellen Akten von ihnen. Legt euer Gemüt ab!«

Bei solchen Ergüssen war es erklärlich, daß das Geschäft litt, daß sich die Habitués verflogen.

Gerade der letztere Artikel wurde deshalb von direktorialer Seite sehr angefeindet. Sein ironischer Ton war leicht mißzuverstehen.

›Legt euer Gemüt ab!‹, das konnte auch heißen: Meidet die Vorstellungen! Gebt keine Gelegenheit, euch zu fassen!

Das mußte dem Publikum Angst einjagen, es abhalten, zu kommen.

Der Dr. Asfalg in seinem Fanatismus ging entschieden zu weit, begann der Sache zu schaden. Und erreichen, der Polizei gegenüber, konnte er doch nichts. Sie hatte die Macht. Sie hatte vom Staat die Befugnis, zu ›säubern‹. Und wenn man Sauberkeit, Ordnung und Rechtlichkeit anerkannte, dann mußte man auch die Polizei anerkennen.

Nur den vereinten rhetorischen Anstrengungen der Direktionen gelang es, den Besuch ein wenig zu heben.

Neben herausgebügelten Bauernweibern, die in der Stadt ihre Einkäufe besorgten, saß ein französischer Invalide, dem beim Aufstehen die Krücken fielen. Neben dem Seifensieder, den die Reklameaufsätze der ›Zündschnur‹ angelockt hatten, saß eine brotlose Köchin, voller Entschluß, unsittlich zu werden und sich im Varieté den entscheidenden Stoß zu holen.

Dabei reklamierte Herr Schnepfe von Basel aus zwei turmhohe Rechnungen über gehabte Extraschnitzel, Hähnchen, Schnecken der Damen Raffaëla und Lydia, die unter Nichtbegleichung der Zeche Knall und Fall abgereist waren.

Man trat im ›Krokodil‹ jetzt auf in Jennys neuen Orangekostümen.

Es war eine Sensation.

Jenny in diesem Matrosenkostüm sah aus wie Suppenkaspar auf Reisen. Rosas gemäßigte Hammelbeine daneben standen mit durchgedrückten Waden wie gedrechselt aus einem Stück, ohne Gelenke und Knöchel. Die Spatzenbeine der Soubrette gaben der Linie der drei Chanteusen einen wenigstens in der Perspektive harmonischen Abschluß.

Interessanter wurde das Bild, wenn die drei Damen sich dann vom Profil her boten.

Mit einem gerissenen Haken schwenkte Herr Meyer auf dem Klavier:

›Da geh'n die Mädchen hin,
Da sitzt der Jüngling drin,
Da ist's, wohin sich alles zieht.‹

Das rechte Bein der Damen hob sich dreifach. Die hinterste Hosennaht der Matrosenkostüme, prall ausgefüllt mit Unterwäsche, schwankte, zuckte, zackte.

Losmarchierten die drei, mit zum Publikum geneigten Köpfen und gewinnender Eleganz.

Aber es war kein Erfolg. Und das hatte weniger ästhetische als moralische Gründe.

Es gelang den Damen Raffaëla und Lydia nach Leporellos Einberufung nicht länger, ihre Renommee aufrechtzuerhalten. Die Hochachtung schwand. Der Respekt der Apachenpartei erfuhr eine Ernüchterung. Man kam dahinter, daß die Vornehmheit der Zirkusartisten nur Getue gewesen war.

Es stellten sich allerhand ehrenrührige Fakta heraus. In früheren Zirkusengangements sollen sie schürzenvoll das Kleingeld weggeschleppt haben. Noch jetzt fand man unten am See, wo die Zirkusse standen, bei eifrigem Suchen und zufälligen Gängen Kupfer- und Silbermünzen, die beim Wegschleppen der Gelder zu Boden gefallen waren.

Es stellte sich auch heraus, daß Lydia und Raffaëla keineswegs Artisten von Kindesbeinen auf waren, Artisten, die gewissermaßen schon an der Mutterbrust in Spagat ausbrachen. Im Gegenteil: Frau Scheideisen war Hebamme gewesen, eh' sie zum Zirkus ging und sich Donna Maria Josefa nannte.

Raffaëla und Lydia legten auch keineswegs Wert darauf, mühevoll Renommee und Distanz zu wahren.

Raffaëla hatte die Hände voll Arbeit mit ihrem Kinde. Lydia ging auf in der Sehnsucht nach dem entschwundenen Gatten.

»Ach, mein Emil! ach, mein Emil!« jammerte sie und die Tränen standen ihr in den Augen.

Die Sehnsucht verstörte ihr kleines Gehirn. Die Augen flossen ihr aus.

»Ach, Emil! ach, Emil! wer hätte das denken können!«

Hinauf lief sie in ihr Zimmer und schleppte die Photographieständer herunter, während der Vorstellung, um sie den Gästen zu zeigen.

»So hat er ausgesehen. Das ist er. Ach, mein guter Emil! Sie haben ihn sicher schon totgeschossen!«

Und wenn sie dann die Photographien ansah – da stand Emil Leporello, freundlich lächelnd mit Augen eines Dompteurs, den Arm in die Seite gestützt, die Beine übereinander geschlagen – und sich vergegenwärtigte, wie er zerhackt und gevierteilt auf einer Rasenbank in Sibirien den Raben zum Fraß überlassen dalag und nach ihr rief: ›Lydia, hierher, zu mir!‹ dann brach ihr das Herz. Herunter hing ihr der Unterkiefer, herunter hingen ihr die Augenlider, die Arme. Ein kleiner Tropfen bildete sich an der spitzen Nase. Ausbrach sie in lautes Heulen und war untröstlich.

Umsonst versicherte man ihr, er sei gewiß noch in der Kaserne, und wer weiß, ob er jemals, wenn er doch nur seine Eckzähne habe und nicht gut beißen könne, hinauskomme in den Schützengraben.

Kein vernünftiges Wort verfing. Kein Scherzwort genügte ihr. Sie hatte genug von der Welt. Dem Hauptmann wollte sie schreiben, hinreisen zu ihm, sich niederwerfen vor ihm, sich ihm anbieten zu jeder Schmach, wenn er ihr nur ihren Emil wiedergebe. Eine Deklassierung der Zirkusartisten fand statt, eine Nivellierung innerhalb des Ensembles.

Ja die Apachenpartei, die unter empfindsamen Regungen weniger litt, gewann langsam wieder die Oberhand.

Monsieur Henry, der Ausbrecherkönig, beherrschte jetzt völlig die Rolle der Zeugin Emilie Schmidt. Und Herr Piener, der Schlangenmensch, unter dem überragenden Druck der Begabung Leporellos nicht länger leidend, arbeitete sich unter täglichen Trainagen und Fräulein Lauras geneigter Assistenz langsam wieder in den Vordergrund.

Einen wirklichen Knacks aber erlitt die moralische Situation des Ensembles, als man dahinterkam, Flametti habe einen Prozeß, und als man erfuhr, um was für einen Prozeß es sich handelte.

»Kinder!« rief Raffaëla, und ein Licht ging ihr auf, »habt ihr gehört, was der Alte für einen Prozeß hat? Verführung Minderjähriger, das Schwein. Soll man das glauben? Schabernackelt hat er mit der Güssy und mit der Traute!«

Sie setzte sich – es war im Zimmer des Pianisten und der Soubrette – und ließ die Hand auf die Tischkante fallen.

»Das ist nichts Neues«, meinte Bobby, der für Laura Zigaretten besorgt hatte und den fadenscheinigen Wollschal, der ihm von der Schulter gerutscht war, über die Schulter zurückwarf. »Schon in Bern hat er mit denen was gehabt, bevor sie noch zu uns kamen.«

»Ja, Kinder, das ist ja die Höhe!« rief Raffaëla in ihrer emphatischen Weise. »Die stecken ihn ja ins Zuchthaus! Was machen wir nur?«

»O jeh!« winkte die Soubrette ab und verkniff zynisch das linke Auge. Sie wußte noch ganz andere Dinge. Aber sie wollte nicht reden.

Auch Lydia kam jetzt ins Zimmer.

»Hm, so was!« sagte sie und nickte sorgenschwer. »Das ist doch ein Skandal! Der alte Esel!«

Man wohnte jetzt im ›Krokodil‹. Lydia, Raffaëla und Lottely, der Pianist und die Soubrette hatten je ein Zimmer im kleinen Hotel. Zu den Mahlzeiten ging man hinüber in Flamettis Wohnung.

Herr Meyer kam zurück von der Bibliothek. Er arbeitete noch immer an seinem Apachenstück.

»Vor allem eins«, sagte er. »Ruhig Blut. Ich habe das lange kommen sehen. Schon in Basel. Es ist mir nichts Neues. Im schlimmsten Fall machen wir selbst ein Ensemble. Wir sind eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs Leute, die alle etwas können. Engel macht seine Ausbrechernummer. Bobby macht den Schlangenmenschen. Sie beide tanzen. Ich spiele Klavier. Es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn wir keinen Erfolg hätten. Außerdem habe ich ein Apachenstück geschrieben, glänzend. Das führen wir auf. Aber: Diskretion!«

Damit waren alle einverstanden. Leise sprach man, denn die Wände im ›Krokodil‹ waren dünn wie Papier. Lattenverschläge waren die Zimmer, mit Tapeten bezogen. Meterlange Risse klafften hinter den Betten. Und wenn ein Bekannter Flamettis, etwa der Hausknecht, zufällig horchte, war man verkauft und verraten.

Nur Engel hatte Bedenken. Ihm war die Karriere verleidet.

»Nein, nein«, sagte er traurig und am Ende mit seiner Kraft, »ich hab's satt. Ich mache nicht mehr mit. Mich müßt ihr streichen.«

Und sei es nun, daß er an Flametti nicht zum Verräter werden wollte, oder die Luft zu brenzlich fand, oder noch litt unter den Nachwehen der Proben zum ›Friedhofsdieb‹: er lehnte ab, gab es auf, ›verzichtete auf seine Mitwirkung‹.

Meyer war überrascht.

»Das ist unmöglich, Engel! Das tun Sie uns nicht an. Das geht nicht.«

Aber Engel zuckte die Achseln:

»Ich hab' ja ein wenig Geld auf der Kasse. Ich brauche nur zu schreiben und fünfhundert Franken sind da. Ich kann mich beteiligen. Aber nein, nein. Ich hab' keine Lust mehr. Ich nehme eine Vertretung an. Ich habe Beziehungen.«

Und er zog eine Geschäftskarte aus der Tasche. Darauf stand: ›Original- Ideal- Perplex- und Simplex-Mühlen Schrot- und Mahlmühlen für Zerkleinerungen jeder Art Plupper & Co. Vertretung.‹

Und spuckte aus, die Zunge über den Zähnen, und ging mit vermiestem, völlig desillusioniertem Gesichtsausdruck, die Beine schlenkernd, durchs Zimmer.

»Da ist nichts zu machen«, bedauerte Meyer.

Er legte Engel die Hand auf die Schulter, sah ihm tief in die Augen und sagte:

»Na schön, Engel, dann nicht. Aber bleiben Sie uns gut Freund.«

»So weit es an mir liegt«, versicherte der und reichte dem Meyer zitternd vor Ergriffenheit die Hand, »ein Mann, ein Wort.«

Flamettis Prozeß war binnen kurzem stadtbekannt. Und wie es zu gehen pflegt, wenn eine solche Sache publik wird: man zog sich zurück von ihm, nahm Partei gegen ihn, fand ihn übertrieben naiv und reichlich ungeschickt. Man verurteilte ihn.

Im ›Intelligenzblatt‹ erschien ein Brandartikel, ›Moderne Sklavenhalterei‹, worin Punkt für Punkt Flamettis unhaltbare Geschäfts- und Familienpraxis ans Licht gezerrt wurde.

›Ein Direktor, der zugestandenermaßen nichts von Gesang versteht‹, hieß es in jenem Artikel, dessen Verfasser keinen Anspruch erhob, als Autor genannt zu werden, ›ein Direktor, der zugegebenermaßen nicht das leiseste Tonunterscheidungsvermögen besitzt, hält sich eine Anzahl Gesangselèven, denen er seine sauberen Künste beibringt; Gesangselèven, die er zugleich als Dienstboten benutzt; die er zwingt, ihm zu Willen zu sein, und denen er doch als Entgelt nur schlechte Behandlung verabfolgt.

›Ein Morast sittlicher Verkommenheit enthüllt sich, wenn man die Schlupfwinkel dieser modernen Sklavenhalterei, diese Brutstätten des Elends aufsucht. In Kellern und Hinterhäusern hausen die Kondottieri der Lasterquartiere und Dirnenviertel. Ein Absteigequartier dient als Schauplatz wilder Gelage, als Treff- und Versammlungspunkt, wo man die Beute verspielt. Mädchenhändler und Bauernfänger, Roués der hintersten Sorte geben sich hier ein Stelldichein. Und der Direktor preist seine Ware an. Wahrlich, es ist an der Zeit, daß die Polizei einschreitet und diese Schlupfwinkel säubert.‹

So stand es geschrieben und wenn auch Flamettis Name nicht genannt war, so wußte doch jeder, daß der Artikel auf ihn ging.

Beim großen Artistenfest in der ›Weißen Kuh‹ reichte man sich den Artikel von Hand zu Hand, ein klebriges Heiligtum, mit verständnissinnigem Lächeln und unterdrücktem Gezwinker.

Da war besonders Herr Köppke, Baritonsolo und Offiziersdarsteller bei Ferrero, der laut Partei nahm für die beiden Mädel und die Moralität.

»Schweinerei von dem Menschen«, erklärte Herr Köppke mit der Resonanz eines Gemeindesängers, »Blamage für unseren ganzen Stand. Die Konzession werd' ich ihm entziehen lassen. Seinen Ausschluß aus dem Klub werde ich beantragen. Das geht doch zu weit!«

Herr Köppke war Schriftführer der Artistenloge ›Edelstein‹, deren Logenbruder auch Flametti war.

»Haben Sie schon gelesen?« sagte Herr Köppke und steckte Meyer das ›Intelligenzblatt‹ zu. »Lesen Sie mal!«

Und Herr Meyer las, und Herr Köppke begab sich unauffällig an seinen Platz zurück.

Eine Schlägerei fand statt zwischen Flametti und Herrn Köppke in der ›Rabenschmiede‹, einige Tage später, daß zwei Tische und drei Stühle in Trümmer gingen, sowie zwei präparierte Hasenköpfe mit Glasaugen, die der Beizer der ›Rabenschmiede‹ aus seinem Privatbesitz zur Ausschmückung des Lokals herangezogen hatte.

Das Renommee Flamettis ging flöten. Langsam, aber sicher.

Noch hatte er viele Freunde, und seine treueste Helferin war Mutter Dudlinger, die ihm, stets lächelnd, im Hintergrund heimlich die Stange hielt.

Noch hatte Flametti das Kapital hinter sich.

Noch konnte er auftrumpfen, sich sehen lassen, wenn das Geschäft auch täglich schlechter ging.

Als aber in der Silvesternacht die Polizei vier Mann hoch in Mutter Dudlingers Wohnung eindrang, wobei Herr Engel in knapper Not durch das Lokusfenster über die Dächer entkam, da schloß Mutter Dudlinger die offene Hand und versagte.

Lydia und Raffaëla rebellierten jetzt ganz offen.

Geschäft und Auftreten wurden ihnen täglich mehr Nebensache. In der Garderobe saßen sie herum, wenn das Klingelzeichen längst gegeben war. Sie beeilten sich gar nicht sonderlich, sich zu schminken, noch legten sie Wert darauf, pünktlich zur Vorstellung zu erscheinen. Herr Meyer war gezwungen, von Tag zu Tag längere Zwischenstücke zu spielen. Andere Nummern mußten eingeschoben werden, weil Raffaëla mit ihrer Frisur nicht fertig war für den Drahtseilakt, weil Lydia zum Cakeswalk erschien ohne das Zierstöckchen und ohne Knöpfe am Anzug, die ihr die Schwester in der Garderobe mutwillig abgetrennt hatte.

Sie aasten ganz offensichtlich, Flametti zum Trotz. Sie tanzten ihm auf der Nase.

Wenn Flametti mit einem Donnerwetter dreinfuhr und sich beklagte, nahmen sie wohl die Kassiermuschel und gingen sammeln. Doch sie vergaßen dann ganze Reihen zu kassieren, tauschten Späße mit den Gästen und schienen auf alles andere eher bedacht als auf gute Kassierung.

Sie hatten Interesse nur noch für die Mahlzeiten, die Flametti ihnen zu bieten hatte.

Pünktlich um zehn Uhr früh erschienen sie zum Kaffee. Flametti und Jenny schliefen dann noch.

Sie drangen in die Küche, schoben die blöde Rosa beiseite und durchstöberten Kisten und Kasten nach Honig, Gelee und Butter. Was ihnen bei solcher Razzia in die Hände fiel, aßen sie auf.

Die kleine Lottely hatten sie mitgebracht. Die stopften sie voll Brot, Kaffee und Gelee, daß der Mund des Kindes aussah wie ein Kleistertopf.

Pünktlich um zwölf Uhr stellten sie sich zum Mittagbrot ein; rasch, unverschämt und gefräßig.

Besonders Lydia übertraf alle Begriffe von Gier. Kaum erschien die Platte mit Fleisch oder Gemüse, so hatte sie schon die Gabel oder den Löffel zur Hand, und wer sich nicht seinerseits sehr beeilte, ging leer aus.

Sie aßen systematisch, überzeugt, mit Absicht. Sie aßen, als gelte es Vorrat zu essen ohne Rücksicht auf diesen geschwollnen Patron, der ihnen durch seinen ganzen Prozeß, durch sein ganzes schuldbewußtes Benehmen die Überzeugung eingab, es komme nun nicht mehr drauf an, Rücksicht walten zu lassen.

Während des Mittagessens aber machte Lottely einen Finger gegen Flametti und drohte klug: »Du, du!« schlug mit dem Suppenlöffel auf den Tisch, daß die Körner der Reissuppe spritzten; schnellte sich in unbewachten Momenten mit beiden schmutzigen Schuhchen auf dem gebürsteten Plüschsofa, hopsend und krähend; warf die große steinerne Vase mit dem imprägnierten Binsenstrauß um, hinter der Tür; heulte und quäkte.

Mutter und Tante aßen ruhig weiter, in wetteiferndem Tempo, unbekümmert, sachlich, eilig, wie Harpyen, deren Geschäft es ist, möglichst viel Fraß zu schlucken und zu verdauen.

Flametti versuchte die Lücken in seinem Ensemble auszufüllen und eine Geigerin kam ins Haus, eines Tags, um Probe zu spielen.

Leider: sie war nicht geschaffen fürs rauhe Leben. Von einer gottergebenen Friedlichkeit war sie und Naivität. Hatte bis dato ihr Brot verdient durch Aufspielen von Kinderstücken in den Kneipen und Spelunken der Fuchsweide.

Erst war sie mit dem Zitherkasten gegangen, allabendlich. Dann hatte sie das Violinspielen gelernt.

Bleichsüchtig und hager, von einer rührenden Gottseligkeit war sie. Sie säen nicht, sie ernten nicht, und doch ernähret sie der Herr.

Manch einer hatte sie mitgenommen aus Mitleid und ihr ein warmes Nachtlager gegeben, wenn sie noch spät nach der Polizeistunde auf der Straße irrte.

Engbrüstig und schmal war sie von Gestalt, ein Lehrerinnentyp.

Einen Kneifer trug sie und strich mit dem Fiedelbogen so ausdruckslos freundlich und doch akkurat und energisch ihr Instrument, daß man ihr wirklich nicht böse sein konnte.

»Soll ich mal was spielen?« fragte sie harmlos.

»Ja, fiedel mal los!« sagte Raffaëla.

Aber die Geigen-Marie genierte sich.

»Draußen in der Küche«, sagte sie forsch.

Und sie ging hinaus in die Küche, öffnete den Schalter, damit man auch drinnen etwas hören könne, und dann spielte sie los. ›Stille Nacht, heilige Nacht‹, oder ›Behüt' dich Gott, es wär' so schön gewesen‹, oder ›Die Rasenbank am Elterngrab‹.

Kam dann wieder herein und lächelte jeden einzeln der Reihe nach an, als wolle sie fragen:

»Na, wie war's? Schön, nicht wahr?«

Aber Lydia meinte:

»Komm' mal her! Was hast du denn da für ein Fähnchen?« und zog ihr ein kleines Metallfähnchen aus dem Brustlatz.

Lydia war neugierig wie ein Tier; beschnupperte sie, federte sie ab.

Den Brustlatz knöpften sie ihr auf. Ihre Strumpfbänder sahen sie nach, den Stoff ihrer blauen Glockenhosen rieben sie zwischen den Fingern.

»Ja«, meinte Raffaëla bedenklich, »wenn du zu uns ins Ensemble willst, da mußt du vor allem gerade Beine haben und einen schönen Körper. Zeig' mal her!«

Und die Geigerin, immer freundlich lächelnd, ein Sonntagskind, zog sich aus und zeigte ihre Beine.

Raffaëla krähte vor Vergnügen.

»Ja, das ist ganz gut«, sagte sie, »bißchen mager, aber es geht schon. Kannst du auch tanzen?«

Nein, tanzen konnte sie nicht.

»Mußt du noch lernen. Eine Tänzerin brauchen wir. Fiedeln kannst du nebenbei.«

Marie war argwöhnisch geworden.

»Ihr macht Spaß mit mir!« sagte sie ein wenig rauh und erkältet.

»Nein, nein«, versicherte Raffaëla, »das ist bei uns anders als bei der Heilsarmee. Bei uns gibt es Kavaliere, Lebewelt. Da muß man herzeigen, was man zu bieten hat.«

Flametti fühlte sehr wohl, daß die Frivolität dieser Szene nur gegen ihn gerichtet war; daß man sich lustig machte.

Auf dem Sofa saß er, dunkel vor Wut und Scham, und biß sich die Lippen.

»Zieh' dich an!« sagte er zu der Geigerin. »Du spielst sehr gut. Mancher wär froh, wenn er so spielen könnte. Kannst heut' abend in die Vorstellung kommen und dir mal ansehen, was wir machen. Wenn du Lust hast, kannst du den Herrn Meyer begleiten zum Klavier.«

»Das ist wohl zu schwer«, meinte Marie.

»Ja, dann ist nichts zu machen«, bedauerte Flametti, »dann kann ich nicht helfen.«

»Tut nichts«, lächelte die Geigerin, »dann geh' ich wieder in die Wirtschaften und spiel' auf.«

Und sie packte sorgfältig ihre Geige ein.

Einige Tage später, als Flametti die Gagen auszahlen wollte, entdeckte er zu seinem Schreck, daß Quittungen über à conti, die er an Raffaëla, Lydia und Bobby ausgezahlt zu haben genau sich erinnerte, aus seinem Quittungsblock verschwunden waren.

Herausgerissen waren drei Formulare mit einer Dreistigkeit und Gewalt, daß an der Perforiernaht die Fetzen noch hingen.

»Das ist doch die Höhe!« rief Jenny, ganz in Raffaëlas Weise, »das ist doch die Höhe! Max, du zahlst ihnen nichts aus, bis sie die Quittungen wieder beigeschafft haben. Du zeigst sie an. Das ist Einbruch. Sie haben die Tischschublade aufgebrochen. Sie wollen den Verdacht auf den kleinen Bobby lenken. Sie haben einen Dietrich gehabt. Das sind Verbrecher. Das läßt du dir nicht bieten!«

Aber Flametti lächelte, bitter und verlegen: »Wer kann's ihnen beweisen? Die Quittungen sind fort. Ein Eßtisch ist kein Kassenschrank. Vielleicht hatte ich nicht abgeschlossen. Vielleicht hab' ich selbst die Blätter in der Aufregung herausgerissen. Laß nur! Die paar Franken tun's auch nicht!«

Und er zahlte die vollen Beträge aus.

Am Abend aber, in der Garderobe, als er sich Maske schminkte und mit der Soubrette allein war, drängte es ihn doch, sich auszusprechen.

»Wissen Sie, Laura, es liegt mir ja nichts an den paar Franken. Aber das hätte ich doch nicht geglaubt von den Weibern.«

Fräulein Laura saß vor dem langen Schminktisch, auf dem die Schminkschatullen der Damen standen und tupfte sich mit der Puderquaste die Nase.

Flametti, stehend, Laura den Rücken zugekehrt, zog sich, ein wenig unbeholfen, Indianerfalten zwischen Nasenflügel und Oberlippe.

Von unten hörte man Herrn Meyer das Zwischenstück, den Missouri-Step, spielen.

Flametti kam auf seinen Prozeß zu sprechen.

»Wissen Sie«, meinte er seitwärts durch die gelüpfte Oberlippe, »das ist ja ganz anders, als die alle glauben. Das weiß ja meine Alte selbst nicht.«

Fräulein Laura malte sich mit dem Augenstift japanische Monde.

»Mit der Traute, das stimmt. Aber mit der Güssy – schon in Bern – das war ein Gewaltsakt. Wenn man dahinterkommt, geht's mir nicht gut.«

Für einen Moment verstummte unten im Saal Herrn Meyers Missouri-Step.

Laura sprang auf und horchte über das Treppengeländer hinunter.

»Haben noch Zeit!« meinte Flametti.

Und Herr Meyer legte auch sofort mit der Wiederholung los. Fräulein Laura eilte zurück zur Schminkschatulle.

Flametti warf seinen Häuptlingsrock über den Kopf.

»Jenny versucht ja alles. Sie schafft Geld und sie hat sich ihre Aussage so zurechtgelegt, das man den beiden nicht glauben wird... Wenn der Schwindel glückt....!«

Er selbst schien nur halb dran zu glauben. Trotzdem konnte er sich nicht verkneifen, ein wenig zu renommieren. Im Indianerkostüm ging's wohl nicht anders.

»Man kennt mich zu gut! Weiß, daß ich ein Gewaltsmensch bin; wen man vor sich hat, und daß es nicht so glatt abgeht, wenn man mir an den Kragen will!«

Er stellte sich, in Unterhosen, den Speer zurecht.

»Achtzehn war ich alt, – in Bern, mit ein paar Kollegen –, einen ganzen Schlag haben wir in die Aare geschaufelt bei Nachtzeit, das Fundament weggegraben. Die ganze Bescherung mitsamt den Weibern fiel in die Aare....«

Er sah sich vorsichtig um, ob es auch keinen Zeugen gäbe, und lachte belustigt.

»Das war ein Gezeter! Das hätten Sie hören sollen!«

Schlüpfte in die Fransenhosen und schlenkerte das Bein.

Die Soubrette wandte aufhorchend den Kopf. Als die Erzählung aber nicht weiter ging, komplizenhaft und verkniffen:

»Diese Mädel, natürlich! Unschuldig sind die auch nicht!«

»Ob die unschuldig sind!« blies Flametti durch die Nüstern und langte sich den Kitt für die Nase. »Ich soll die Weiber nicht kennen! Mir muß man's sagen!«

»Na also!« meinte die Soubrette und beeilte sich, fertig zu werden. »Wenn sich ein Mann in den besten Jahren ein Mädel greift...«

Und ordnete ihre Turnüre.

Drunten im Lokal wiederholte Herr Meyer zum zweiten Male den Mittelsatz des Missouri-Step.

Flametti setzte den Kopfputz auf, strich sich mit beiden Händen über den Perückenansatz.

»Das ist es ja nicht!« zwinkerte er, »sie hat geschrien. Sie hat sich gewehrt. Und gerade das hat mich gereizt, verstehen Sie?«

Er drückte sich den Indianerkitt auf die Nasenkante.

Die Soubrette verstand. Und nickte bedenklich.

»Haben Sie einen Anwalt?«

»Selbstverständlich!« lächelte Flametti in aller Seelenruhe aus der Kniebeuge; er mußte sich bücken, um in den Spiegel sehen zu können.

»Na also!« griff die Soubrette rasch noch einmal zum Spiegel, »was kann da geschehen?«

Von unten ertönte das Klingelzeichen.

Die ›Indianer‹ zogen nicht mehr. Das Publikum war wie verändert. Was ihm früher als ein Exzess von Libertinage erschienen war, hielt es jetzt für Zynismus.

Wie doch? Dieser Flametti, der allen Grund hatte, sich zu ducken, der solche Sachen auf dem Kerbholz hatte, setzte sich über die einfachsten Anstandsregeln hinweg? Spielte die ›Indianer‹ und machte sich lustig? Was für eine sittliche Verrohung in dem Menschen! Was für eine unerhörte Mißachtung der Rücksichten auf die Gesellschaft! Soviel Taktgefühl mußte man haben, einzusehen, daß die Aufführung dieser ›Indianer‹ unter sotanen Umständen kompromittabel war für die ganze moralische Tradition der Fuchsweide! Nein, nein, das ist Freibeuterei, das ist Lästerung. So sind wir nicht. Da tun wir nicht mit. Man verschone uns!

Flametti fühlte wohl, daß man sich zurückzog von ihm, daß er umsonst sein Talent ausspielte. Es verfing nicht mehr. Die russischen Freunde Fräulein Lauras waren die einzigen Gäste, die noch immer klatschten, wenn er mit Augen, blutunterlaufen vor ästhetischer Anstrengung, auf der Bühne lächelnd seine Feuer- und Fakirnummer absolvierte; die ihn einluden, Platz zu nehmen, wenn die Nummer vorbei war und er, an ihrem Tisch stehend, mit souverän-salopper Indifferenz von seinem speckigen Gehrockkragen die verirrten Spritzer des Petroleums wischte, das er in langen, brausenden Flammen, einem Höllenfürsten vergleichbar, ausgespuckt hatte.

Seine Feuernummer liebte Flametti abgöttisch. Ein Pyromane und Sadist war er von Natur. Und wenn er, ein wenig angetrunken, oder berauscht von Opium, darauf verzichtete, das Petroleum, das ihm vom Mund tropfte, abzuwischen, dann schimmerten seine wulstigen Lippen in jenem bläulichen Fäulnisschein, der gemischt mit Trauer und Melancholie, jenen Sendboten der Hölle eignet, die in Wahrheit Zeloten des Edelsinns und Verdammte der himmlischen Bourgeoisie sind.

Der Polizeihauptmann Schumm schickte seine Kommissare immer häufiger um Auskünfte, Recherchen und Feststellungen.

Flametti, an unbehelligte Freiheit gewöhnt, riß die Geduld.

Er empfand die Besuche als Verletzungen seines Hausrechts, Eingriffe in seine Familienehre. Das Mißtrauen der Polizei kränkte ihn.

»Sie kujonieren mich! Sie kuranzen mich!« schrie er im Jähzorn. »Ich schlag sie tot, diese Hunde! Das ist mir zu viel!«

Und er beschloß, ihnen aufzulauern, im Hausflur, und den ersten besten, der seine Schwelle übertreten würde, zu erschlagen.

Mit einem kopfgroßen Pflasterstein bewaffnete sich Flametti, um dem ersten besten, der sich blicken ließe, den Schädel zu zertrümmern.

Und als man ihm sagte: »Flametti, die Polizei kommt!« eilte er in die Küche, trotz Jennys Geschrei, packte den Stein und lief die Treppe hinunter.

Jenny stand oben am Treppengeländer, entsetzt, einer Ohnmacht nahe, und hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu. Mutter Dudlinger schnaubte und bebte.

Aber es war nur ein Gast Mutter Dudlingers, den Flametti, am Kragen gepackt, in den Hausflur schleppte. Ein Mißverständnis, ein Irrtum. Die Verwechslung klärte sich auf.

Mutter Dudlinger stand lächelnd, mit brennender Kerze. Jenny atmete auf: »Ach, Max, hast du mir einen Schreck eingejagt!«

Mutter Dudlinger spendierte zwei Flaschen Asti und man saß oben in Flamettis Stube, zu vieren, und feierte Bruderschaft.

Ein alter, eidgenössischer Burschenschaftler war jener Gast, gemütlich, breit, keine Spur von Spitzel oder Detektiv; das Gegenteil davon: ein weinseliger Zecher mit Riesenbizeps und Goliathstirn.

Auf streifte er seinen Hemdärmel, ballte die Faust, eine Seele von Mensch, und ließ den Muskel schwellen.

Flametti tat das gleiche. So saß man sich gegenüber auf dem Kanapee und sah sich voll trunkener Sympathie tief in die Augen.

Anstieß jener, daß der Wein überschwappte und rief mit völkischer Urwüchsigkeit:

»Prosit Flametti!«

Mutter Dudlinger aber, die ihn liebte in ihrer Seele, setzte sich auf seinen Schoß, brünstigen Gemütes, und umhalste ihn. Und ihr Speck hing über seine breiten Schenkel in vollen Schwaden.

›Wer nicht liebt Wein, Weib, Gesang,
Der bleibt ein Tropf sein Leben lang.‹

Jenny war keineswegs gewillt, die Dinge gehen zu lassen, wie sie gingen.

Sie beschloß, strengere Saiten aufzuziehen dem Ensemble gegenüber und auch zu Hause; Contenance zu bewahren. Ihre Maßnahmen richteten sich zunächst gegen Fräulein Theres.

Fräulein Theres mit ihren gichtbrüchigen Händen und erfrorenen Füßen litt unter der Kälte furchtbar.

Schon als die Herrschaft in Basel war, saß Fräulein Theres in stillen Stunden weinend in der leeren Wohnung, für deren Heizung man ihr kein Geld schickte, und gedachte trauernd der Maienzeiten, da sie mit Löckchen und Stöckelschuhen noch ging auf der Neuhauserstraße zu München und selig verliebte Blicke den jungen Herren zuwarf.

Vierzig Jahre waren seither mit grauen Schleppen ins Land gegangen. Fräulein Theresens Gesicht war lang geworden, ihre Nase spitz, ihre Augen grell. Die Jahre, die so himmelblau und sommerlich begonnen, hatten sich verschwärzt.

Ein verschwärztes Mädchen, saß Fräulein Theres in der verlassenen Stube, wenn ihre Herrschaft zum Konzert gegangen war.

Eine Halbe Bier stand vor ihr auf dem Tisch und Fräulein Theres rauchte Stumpen, den Arm auf den Tisch gestützt, die müden Glieder nur mit Seufzen hebend, wenn das Gas heruntergebrannt war und man ein neues Zwanzigcentimes-Stück in den Automaten werfen mußte.

Alle vierzig grauen Schleppen der vergangenen vierzig grauen Jahre schleppte Fräulein Theres mit in ihren Röcken. Und jetzt gönnte man ihr sogar das Bier nicht mehr und die Stumpen.

Eine Erbitterung überkam Fräulein Theres und sie beschloß, selbst wenn sie täglich ›geschumpfen‹ würde, ihren Gliedern eine strengere Leistung nicht mehr zuzumuten.

Was konnte geschehen? Mochte man sie wegschicken! Irgendeine Lebensfreude muß der Mensch haben. Die Zigaretten ihrer Jugend hatte sie sich abgewöhnt. Auf die Stumpen ihres Alters würde sie nicht verzichten. Nie und nimmer. Zuletzt blieb immer noch eine Freistelle im Spital oder in einem Siechenheim. Sie verdiente das. Sie hatte sich redlich geschunden.

Und wenn Jenny ihr dann vorhielt:

»Theres, wir müssen früher aufstehen! Theres, ich kann keine Bierschulden mehr für Sie zahlen!« dann gab Fräulein Theres gleichgültig brummend und grob zur Antwort:

»Ja, dann müssen wir Kohlen haben, damit ich einheizen kann! Ja, dann kann ich's nicht mehr schaffen, ich bin krank!« und die roten Tränen rannen ihr über das alte, lange Gesicht.

»Max«, sagte Jenny, »das geht so nicht mehr. Die Haushaltung verschlampt mir.«

 

Der Prozeß war Jennys geringste Sorge. Das würde sich schon arrangieren lassen. Sie war der begründeten Meinung, daß in der Fuchsweide viel ärgere Sünder ungeschoren ihr Wesen trieben.

»Mach' dir keine Sorge!« sagte sie zu Max, »der Ferrero hat ganz andere Sachen hinter sich. Und der Pfäffer – was der für eine Wirtschaft hatte! Ich weiß doch! Ich war doch Soubrette bei ihm! Die reine Haremsagentur nach Konstantinopel. Das sind ja Falschspieler alle durch die Bank! Seine Lehrmädels müssen mit den Metzgerburschen anbändeln, damit er das Fleisch gratis hat. Das sag' ich dir: wenn wir reinfallen: die ganze Fuchsweide lasse ich hochgehen!«

Behaupten mußte man sich, Respekt und Vertrauen einflößen. Zu Hause und im Ensemble. Dann würde man vor Gericht schon sehen!

Und Jenny legte sich einen Bluff zurecht, der zunächst das Vertrauen der Zirkusartisten wieder gewinnen sollte, und der auch seine Wirkung nicht verfehlte.

»Kinder!« verkündigte sie eines Tags in der Garderobe, »nächstens gibt's eine Gans! Mein Alter spendiert eine Gans!«

Das wirkte wie eine Brandbombe.

»Eine Gans?« fuhren Lydia und Raffaëla zugleich auf ihren Stühlen herum, als hätten sie nicht recht gehört.

»Ja, eine Gans!« versetzte Jenny mit Zier und äußerster Delikatesse, »eine Gans!« und sie unterstrich den in Aussicht stehenden Braten, indem sie mit beiden emporgehobenen Händen durch Zusammenründen von Daumen und Zeigefinger Engelsflügel in der Luft bildete. »Piekfeine Sache! Oh, das Gänsefett! Das Kastanienfüllsel! Oh, die knusprigen Schlegel, und die Brust und die Gänseleberpastete!«

Jenny wußte die Vorzüge der vorläufig noch in ihrem Heimatsort weidenden Gans so jesuitisch ins Licht zu setzen, daß Lydia, die gerade die tränenbenetzte Photographie ihres Emil am rechten Schenkel der übereinander geschlagenen Beine abgewischt hatte, den Arm sinken ließ und träumerisch verzückt an Jennys Augen hing.

»Nein, Jenny, sag' wirklich, gibt's eine Gans?«

»Werdet schon sehen!« tat Jenny geheimnisvoll.

Da konnte man denn so recht sehen, wie solche Bravourstücke einer auf's Ganze gerichteten Erfindungsgabe niemals ihre gute Wirkung verfehlen.

Gebändigt waren Lydia und Raffaëla mit einem Schlage. Um den Finger konnte man sie wickeln. Pünktlich wurden sie wie Normaluhren. Zahm wie Tauben.

Ja, der Ruf von Flamettis Solvenz verbreitete sich im Handumdrehn.

»Wie sind Sie eigentlich zufrieden mit Ihrem Engagement?«

»Oh, danke, sehr gut! Verpflegung vorzüglich. Alle drei Tage Geflügel. Das Geschäft geht famos. Heute ausnahmsweise schlechtes Haus. Aber sonst: glänzend!«

So und ähnlich sprach man im ›Krokodil‹ und in der Umgebung des Künstlertischs.

Ja, Donna Maria Josefa, alias Frau Scheideisen, und Herr Farolyi erfuhren von der Gans.

»Na, steht's doch nicht schlecht mit dem armen Flametti!« meinte Herr Farolyi, »wenn er sich noch Geflügel leisten kann. Kinder, der hat gewiß Geld auf der Kasse. War ja ein Bombengeschäft damals, die ›Indianer‹!«

Und eines Tags kam sie denn auch wirklich, die Gans; aus Rapperswyl. Weiß, ohne Kopf, Klauen und Federn, lag sie auf einer Schüssel.

»Sehen Sie mal, Laura: schöne Gans, was? – Aber die kriegen nichts davon«, deutete Jenny gegen die Treppe, über die Lydia und Raffaëla kommen mußten. »Die sollen sich mal trompieren!«

Und die schöne Gans, die fette Gans, die Riesengans wurde gebraten und lag nun hübsch gebräunt und knusperig, förmlich zerblätternd vor Knusprigkeit, auf derselben Schüssel, verschlossen im Büfett.

»Laura«, sagte Jenny abermals, »glauben Sie, die kriegen was davon?« Und zeigte wiederum zur Treppe. »Nicht das Schwarze unterm Nagel! Geben Sie acht, was die für Gesichter machen werden! Das wird ein Fez! Jawohl: Gans! Husten werd' ich ihnen was!«

Als aber Raffaëla und Lydia kamen, öffnete Jenny das Büfett wie man das Triptychon eines Altars öffnet.

»Seht her«, sagte sie, »die herrliche Gans!« Und sie nahm die Schüssel aus dem Schrank und hob sie hoch, wie Salome die Schüssel mit dem Haupt des Jochanaan hochhob, und Raffaëla schrie auf:

»Aehhh, die Gans!«

Fanatisiert und rabiat warf sie die beiden Arme hoch, auf die Schüssel zustürzend und sie umtanzend.

Lydia aber überkam es wie Verklärung. In den nächsten besten Stuhl sank sie.

»Die schöne Gans!« hauchte sie, ganz versunken und verträumt, mit gefalteten Händen und gottergebenen Augen.

»Wann wird sie gegessen?« Und ihr Unterkiefer bebberte gierig und erregt, wie einer Katze das Maul zittert, wenn sie den Kanarienvogel sieht.

Jenny weidete sich an der Qual der Opfer.

Mit der einen freien Hand hielt sie sich Raffaëla vom Leib, die alle Anstalten machte, in den Besitz der Gans zukommen.

»Wann wird sie gegessen? Wann wird sie verzehrt? Wann wird sie verspeist?« rief nun auch Raffaëla.

Lydia saß noch immer mit funkelnd hingegebenen Augen.

Und Jenny, amüsiert, grausam, pervers:

»Vielleicht morgen. Vielleicht übermorgen. Vielleicht schon heute nacht. Je nachdem!«

»Wieso heute nacht?« dehnte Raffaëla betroffen.

»Nun«, sagte Jenny, ganz grande dame, »vielleicht kommen ein paar Freunde von mir und meinem Mann, und wir feiern einen kleinen Abschied.«

»Aehhh!« rief Raffaëla, »wir kommen auch! Wir kommen auch!«

Aber Lydia war schon wieder sentimental geworden. Emils gedachte sie beim Anblick der Gans, dieses Wahrzeichens von Kultur und Wohlstand, dieses Inbegriffs aller heimischen Geborgenheit und ehelichen Einfalt. Ihres fernen Emils gedachte sie und glücklicherer, vergangener Zeiten. Salzige Tränen rannen ihr über die schlaff geweinten Wangen...

Gelang es Jenny auf diese Weise, den am Verfall sich mästenden Zynismus der beiden Scheideisen zu knebeln, so sah sie doch ein, daß damit nur die Hälfte der Arbeit geleistet war.

Gefährlicher drohten die stilleren Elemente des Ensembles: Herr Meyer, dieser Idealist, dem es nicht paßte, daß Flamettis Flagge auf Halbmast wehte; der sich ganz persönlich betroffen fühlte von Flamettis Fehltritt und seinem Verzicht auf ein erstklassiges Renomee.

Fräulein Laura, die gewiß an dem Meyer schürte, weil es sie jückte, selbst die Direktorin zu spielen, an der Kasse zu sitzen und das Geld einzuheimsen, statt mit der Kassiermuschel durch das Lokal zu tippeln.

Jenny entging nicht die heimliche Verschwörung, die man im ›Krokodilen‹ geschmiedet hatte.

Freilich mußte der Meyer sich einbilden, er könne so gut wie Flametti ein Varieté aufmachen. Was war leichter als das?

Freilich glaubte diese Laura, sie kenne den verstohlensten Geschäftskniff, weil es ihr gelungen war, Jenny den Seidel & Sohn auszuspannen.

Aber sie sollten sich verrechnet haben.

»Bis hierher und nicht weiter«, sagte sich Jenny. »Wenn sie weggehen, sind wir pleite.«

Max, dieser gutmütige Taps, merkte ja nichts! Wenn sie, Jenny, nur ein Wort gegen diesen Meyer sagte, fuhr er sie an wie ein böses Tier. Auf den Meyer ließ er nichts kommen.

Sorgfältig ging Jenny zu Werk.

Zunächst kaufte, sie sich den Engel.

Nachdem sie ihm verschiedentlich Zigaretten und Biermarken zugesteckt hatte, fragte sie ihn eines Abends geradezu:

»Du, Engel, sag' mal, was ist das eigentlich mit dem Ensemble, das der Meyer vorhat? Brauchst dich nicht zu genieren. Kannst es frei heraussagen.«

Engel wurde sehr verlegen.

»Was weiß ich von einem Ensemble!« stotterte er. »Da weiß ich nichts von.« Und harmlos: »Das Apachenstück haben wir zusammen geschrieben, Herr Meyer und ich...«

»Mach' mir nichts vor!« unterbrach Jenny ihn streng. »Das haben wir nicht verdient um dich, daß du uns jetzt so kommst. Du wirst dich wohl erinnern, was du uns alles verdankst. Immer ist man dagewesen für dich. Nichts hat man auf dich kommen lassen. Du wirst dich wohl erinnern, wie du zu uns kamst, abgerissen und ausgehungert. Du wirst wohl wissen, daß Max dich in der Hand hat. Brauchst bloß an die Annie zu denken. Na, davon spricht man nicht.«

Engel wurde noch verlegener. Die Szene war peinlich. Er rückte den Stuhl hin und her, den er oben an der Lehne gefaßt hielt, ließ ihn tanzen auf dem einen Hinterbein.

»Jenny«, sagte er mit dem ratlosen Achselzucken eines gealterten Barons, den die leidenschaftlichen Regungen einer früheren Geliebten bis in die Retirade seines Landschlößchens verfolgen, »Jenny, ich kann nicht...., ich weiß nicht..... ich hab' dir nichts zu sagen.... ich weiß nicht, was ich dir sagen soll....« Doch sich erinnernd: »Ja, gewiß: es war wohl die Rede davon...«

Er räusperte sich. »Ja, ganz richtig! Aber du weißt doch Bescheid! Du kennst doch den Meyer! Bißchen litti titti!«

Als aber Jenny kurz abschnitt: »Na, schon gut! Laß nur!«, da nahm er das für ein Zeichen ihrer gekränkten Mädchenwürde, und bemühte sich, zart abzuschließen:

»Mir könnt' es ja gleich sein! Was hab' ich davon? Ich hab' ja abgedankt! Mir ist alles gleich!«

»Gut, gut!« sagte Jenny, »streng' dich nicht an! Ich weiß schon Bescheid!«

 

»Lena«, sagte Jenny zu der früheren Pianistin, als die einmal wieder zu Besuch kam, »du kommst gerade recht. Jeden Moment kann die Soubrette kommen. Die wollen doch weg von uns. Der Meyer will eine eigene Truppe machen. Du sollst mal sehen, wie ich die ins Gebet nehme!«

»Wollte dir nur sagen«, dienerte Lena, »daß ich die zwei Unterschriften mitgebracht habe. Schon besorgt. Hier ist die eine, von meinem Mann; hier die andere, von dem Leinvogel.«

Sie entfaltete zwei Papiere, breitete sie auf den Tisch, plättete sie mit der Hand, und sah Jenny aus fallsüchtigen Fanatikeraugen abwartend an.

»Laß mal sehen!« sagte Jenny. Sie las. »Gut, gut. Hast du gut gemacht. Sollst du nicht umsonst getan haben. Komm', trink 'ne Tasse Kaffee!« Und sie goß Kaffee ein.

Es klopfte. Herein trat die Soubrette.

»Tag, Laura!« sagte Jenny.

»Tag, Fräulein!« sagte Lena versteckt.

Laura trug eine schwarze Bolerojacke aus Samt, Geschenk ihrer russischen Freundin, und eine grüne Strickmütze, von der ihr kurzgeschnittenes, struppiges Blondhaar vorteilhaft abstach.

Sie wollte Einkäufe machen, Meyer treffen, und für Jenny verschiedenes mitbesorgen.

Die beiden Weiber musterten sie nicht ohne Schadenfreude und Neid.

»Setzen Sie sich, Laura! Trinken Sie doch 'ne Tasse Kaffee mit!«

Fräulein Laura wurde ein wenig ängstlich.

»Eigentlich habe ich Eile«, meinte sie.

»Na, setzen Sie sich nur!« sprach Jenny ihr zu, »behalten Sie Ihr Jackett nur an!«

Fräulein Laura setzte sich und Jenny beeilte sich einzugießen.

»Wir sprachen gerade von unsrem Prozeß«, begann Jenny. Sie wußte, daß es zunächst darauf ankam, der Soubrette das Heikle der Situation Flamettis auszureden.

»Ja, wir haben gerade vom Prozeß gesprochen. Jetzt ist es aus mit der Güssy, aus mit der Traute. Jetzt können sie einpacken, die beiden. Sehen sie her: da haben Sie's schwarz auf weiß!« Und sie zeigte Fräulein Laura die beiden Papiere, die Lena mitgebracht hatte.

Lena lächelte.

Die Soubrette nahm einen Schluck Kaffee, schob ihre Mütze ein wenig zurück und las.

Aber dann lächelte auch sie, nicht unhöflich, nur etwas ironisch und gab die Papiere zurück.

»Glauben Sie, daß das etwas nützen wird?« fragte sie maliziös. Die Wahrheit der hier verbrieften Aussagen ging ihr nicht ohne weiteres ein. Auch schien sie Zweifel zu leiden am notariellen Kredit der unterschriebnen Persönlichkeiten. Lenas Gemahl war eben aus dem Gefängnis entlassen, wo er für einen Wellblechdiebstahl zwei Monate Aufenthalt hatte. Der andere Herr, Herr Leinvogel war Laura nicht bekannt, aber eben deshalb wohl eine noch zweifelhaftere Notabilität.

Die beiden Herren versicherten an Eidesstatt, die Liebe der beiden Lehrmädchen Güssy und Traute zu der und der Zeit zu mehreren Malen besessen und käuflich erworben zu haben.

Jenny riß der Soubrette die beiden Papiere aus der Hand, faltete sie zusammen und lächelte:

»Ob das wirken wird! Ob das nützt! Da hat man's ja schwarz auf weiß, was das für Dämchen waren! Und außerdem: fechte ich ihre Glaubwürdigkeit an.«

Der Soubrette gab's einen Ruck. Doch sie besann sich und parierte mit einem mitleidigen Achselzucken.

Lena war sichtlich überrascht.

»Was heißt anfechten?« nahm die Soubrette jetzt offen die Partei ihrer Kolleginnen.

»So?« schrie Jenny, aufgebracht durch die offensichtliche Renitenz. »Ich habe die Beweise!«

Und mit ausgestrecktem Arm in eine vage Richtung zeigend: »Die eine hat einen Meineid geleistet. Kann ich beweisen. In meiner eigenen Stube. Die andre hat eine ganze Wachtstube von Schutzleuten, denen sie Rippchen brachte – damals war sie noch Kellnerin – ins Krankenhaus gebracht und drei Jahre Arbeitshaus dafür abgesessen...!«

Und da sie merkte, das seien unwahrscheinliche Dinge, so fügte sie bei: »Von Rechts wegen hätte sie gar nicht auftreten dürfen. Aber was tut man nicht!«

Sie machte eine Pause, um Luft zu schnappen und die Wirkung abzuwarten.

Lena lächelte, ein Lachen, das etwa besagte: Siehst du wohl! Nimm dich in acht!

»Die sollen mir nur kommen!« fuhr Jenny gefährlich fort, »die sollen was erleben! Die haben's nötig, zur Polizei zu laufen! Von wegen Unbescholtenheit! Von wegen Mißhandlung!«

Sie war wütend. All ihr Bemühen, alle ihre plausiblen Gründe verfingen nicht. Ein neuer Beweis, daß Komplotte geschmiedet waren. Der Soubrette schien es durchaus gleichgültig, ob Flametti seinen Prozeß verlor oder gewann. Ja, sie schien bei Jennys heftigen Argumenten nur noch entschiedener abzurücken. Unerhört!

Und als Fräulein Laura jetzt mit einem energischen Ruck ihren Kaffee austrank und sich zu gehen anschickte, da fühlte Jenny nicht nur, daß der Anschlag mißglückt war, sondern daß jetzt alles auf dem Spiele stand.

Sie hatte dieser Person in fünf Minuten das ganze System ihrer Verteidigung aufgedeckt. Da es ihr nicht gelungen war, sie zu gewinnen, so konnte die Sache gefährlich werden. Der stärkste Trumpf mußte heran. Nichts durfte unversucht bleiben, die neue Truppe zu verhindern. Der offne Verrat an Flametti mußte die letzten Freunde noch gegen ihn bringen, alle Außenstehenden überzeugen. Das war gleichbedeutend mit dem Ruin.

»Wissen Sie, Laura«, begann Jenny von neuem, »– bleiben Sie doch noch 'nen Moment! – wissen Sie: schließlich ist's ja egal, ob wir den Prozeß gewinnen oder verlieren. Da bleiben noch allerhand Möglichkeiten. Wir brauchten uns nur zum Beispiel Pässe zu verschaffen nach Deutschland und die ›Indianer‹ für großes Varieté zu bearbeiten. Es ist ja borniert von uns, hier zu sitzen mit einem solchen Schlager! Deutschland wär' wie geschaffen dafür! Säcke voll Geld könnten wir machen. Aber das will mein Mann nicht. Im schlimmsten Fall und wenn alle Stricke reißen, wird er ein paar Tage eingesperrt. Aber dann sollen Sie mich mal kennen lernen!« Und sie tippte so erregt mit dem Zeigefinger auf den Tisch, daß die Tassen wackelten. »Dann sollen Sie mal sehen, wer ich bin!«

Laura stand unwillkürlich auf und zog sich, vor ihrem Stuhle stehend, ein wenig zurück gegen den Spiegelschrank.

»Soll das eine Drohung sein?« fragte sie nervös, und ihre unterstrichenen Wimpern flogen.

»Sie brauchen gar nicht so vornehm zu tun!« rief Jenny, mit einer Handbewegung, die die Zweideutigkeit der Soubrette sehr unzweideutig beschrieb. »Ich weiß Bescheid. Ich verstehe, was man mir gackst. Bin nicht auf den Kopf gefallen. Eine warme Tasse Kaffee im Leib: da gacksen sie alle! Von wegen Spionage: Sie werden sich wohl erinnern, wie Sie hier ankamen mit diesem Meyer! Daß Sie dabei nicht ganz sauber waren, haben Sie selbst gesagt. Man renommiert nicht mit solchen Dingen. Da wird schon was Wahres hinter gewesen sein. Und von wegen Sage-femme laufen! Man kennt das! Das läßt sich konstatieren!...«

»Unverschämtheit!« schrie die Soubrette. »Das ist eine maßlose Dreistigkeit! Was unterstehen Sie sich!«

Sie stand jetzt knapp vor dem Spiegelschrank, der ihre Erscheinung in merkwürdiger Weise verdoppelte. Ihr blondes Haar zischte. Ihr schmaler Körper krümmte sich vor Ekel und Abscheu.

»Ah, Sie haben's gar nicht nötig, sich aufzuregen! Man weiß Bescheid über Sie. Auch über Ihren Meyer! Lassen Sie nur gut sein!«

»Geh', Jenny, reg' dich doch nicht auf!« beruhigte Lena, »wir haben sie ja in der Hand! Wir wissen ja Bescheid!«

»Was wollen Sie von mir? Was können Sie mir nachsagen?« schluckte die Soubrette.

»Nun, Ihr Herr Meyer – erinnern Sie sich mal! – wo haben Sie denn gewohnt, bevor Sie zu Flametti kamen?«

Laura erinnerte sich wohl. Sie wurde merklich blaß und zitterte.

»Was geht Sie das an!« rief sie und fuhr sich mit der Hand an den Kopf.

»Oh, nichts! Mich geht das nichts an. Aber die Polizei vielleicht. Sie werden nicht vergessen haben, womit Sie damals Ihr Brot verdienten und was Ihr Herr Meyer dabei für eine Rolle spielte.«

»Ich reiße Ihnen die Haare aus, Sie Miststück!« schrie die Soubrette, packte jene Lena am Kragen und zerrte sie hin und her.

Jenny löste die beiden Damen.

»Na«, sagte sie abschließend, »Sie wissen Bescheid. Sie können sich ja nun überlegen, was Ihnen lieber ist. Wir zwingen Sie nicht. Es steht ganz bei Ihnen... Sie brauchen mir auch keine Kommissionen zu besorgen. Danke schön! Tun Sie nur, was Sie nicht lassen können!«

»Gehen Sie nur zur Druckerei«, assistierte Lena, »lassen Sie Ihre Plakate drucken! Wir wissen schon, daß sie Plakate bestellt haben. Man hat nicht umsonst seine Freunde!«

»Plakate bestellt?« fragte Jenny, die davon nicht einmal wußte. »So so! Na, das muß ich doch Max erzählen!«

»Adieu!« rief Laura, »ich habe nichts mehr zu sagen« Und damit schlug sie die Türe zu.

»Alles nichts!« sagte Herr Meyer, als Laura ihn traf im ›Lohengrin‹, »wir müssen heraus aus dem Pfuhl. Kann alles nichts helfen. Wir haben sie ja in der Hand! Sie hat sich ja selbst verraten! Du brauchst dich nicht aufzuregen. Was kann sie wissen von uns?«

Und sie begaben sich selbander zur Druckerei, um nach dem Preis beschlossener Plakate zu fragen.

An der Ecke aber, beim Rudolf Mosse-Haus, kamen ihnen entgegen Güssy und Traute, sehr frisch, sehr wirsch und vertraut, mit roten Backen, in roten und braunen Strickjacketts.

»Ah, Laura! Ah, der Herr Meyer!« riefen sie schon von weitem, »wie geht's? Wie steht's? Könnt ihr uns nicht brauchen? Wir haben gehört, ihr macht eine Truppe!«

»Wo denkt ihr hin, eine Truppe!« warf Laura weit weg.

»Keine Spur!« bekräftigte Meyer.

»Fesch seht ihr aus! Geht euch gut, was?«

»Oh«, meinte Traute quick und bezüglich, »uns geht es gut«, und sie strich sich in der gewohnten Weise den Busen herunter, »wir finden schon, was wir brauchen.«

»Na, das ist recht!« meinte Herr Meyer praktisch. Und Fräulein Güssy versuchte, mit schweren Augen sich in ihn versenkend, seine Hand zu erreichen.

»Na, und was macht der Prozeß?«

»Oh«, schnalzte Traute, »er wird schon sehen, Flametti, was er angestellt hat! Er wird's schon erfahren! Und sie auch, diese Verbrechergustel! Denen wird man das Handwerk legen!«

Mehr schien sie für jetzt nicht sagen zu wollen, denn sie schwenkte sogleich über:

»Was macht denn der Bobby? Netter Kerl war er doch! Wie er sich ärgerte, daß ich's mit dem Flametti hatte! Immer wollte er Geld von mir haben. Und ich hatte doch selbst keins!«

»Oh, er hat sich getröstet!« meinte Laura. »Fünf andre seitdem!«

Herr Meyer wurde unruhig.

»Na, Adieu!« sagte Laura, »wir haben's eilig!«

»Adieu, adieu!« riefen die Mädels frisch.

Man hatte sich schon ein wenig entfernt von einander, aber die Hand Fräulein Güssys ruhte noch immer in der des Herrn Meyer. Ihr langer Arm glich einer Rosengirlande, die sich am Kleid verhakt, wenn man vorübergeht.

Als Flametti diesen Abend zur Vorstellung kam, pfifferte er viel vor sich hin, wie es seine Gewohnheit war, wenn ihn Unangenehmes heftig beschäftigte.

Er zerbrach Zündhölzchen zwischen den Fingern, untersuchte die Leuchter am Klavier, untersuchte die Vorhangschnur, kratzte mit der Stiefelspitze an Papierschnitzeln, die auf dem Boden lagen, und ging auf und ab.

»Na, Herr Meyer, warum so ein finstres Gesicht?« meinte er unvermittelt zum Pianisten.

Der saß, die Beine übereinandergeschlagen, auf dem wackligen Klavierstuhl, blätterte in den Noten und nahm eine Zigarette, die Flametti leger spendierte.

»Ah, nichts!« versuchte Meyer zu lächeln, »kalt ist's!« und rieb sich die Hände.

Es war viertel nach acht. Langsam kamen die Gäste.

»Anfangen! Die Leute kommen! Vorspiel!«

Flametti machte Betrieb.

Und Herr Meyer begann ›Mysterious Rag‹, indem er mit krampfhaft erhobenen Adlerfängen, die Füße in die Pedale gestemmt, auf die Klaviatur loshackte.

An diesem Abend aber sagte Flametti in der Garderobe:

»Hören Sie mal, Laura, wie ist das eigentlich mit dem Ensemble, das Meyer plant? Man sagt mir da alles mögliche. Sie hätten sogar schon Plakate in Druck gegeben. Und Meyer hat mir bis jetzt noch kein Wort gesagt, daß ihr wegwollt. Ich habe bis jetzt keine Kündigung.«

Laura wurde verlegen. Flamettis Ton klang befremdet, aber nicht bitter.

»Ist er vielleicht nicht zufrieden mit seiner Gage? Steht ihr was aus? Seht ihr denn nicht, daß es unmöglich ist, mehr Gage zu zahlen? Sie sehen doch selbst am besten, wie das Geschäft geht. Ihr könnt's euch doch an den Fingern abzählen, was übrig bleibt! Zehn Leute ernähren – glauben Sie nicht, daß das einfach ist! Ich kann euch ja eine Kleinigkeit zulegen, ab fünfzehnten. Aber mehr kann ich nicht tun. Wenn Meyer will – ich mach' ihn zum Regisseur. Ich habe jetzt meinen Prozeß. Meyer ist tüchtig, Meyer ist still, Meyer ist anständig. Man hat Respekt vor ihm. Er kann mich vertreten. Vertrauensstellung. Vielleicht vergrößern wir, wenn erst der Prozeß vorbei ist, und teilen die Truppe. Er kann die eine Hälfte leiten, ich nehme die andre. Aber man muß sich doch aussprechen! Ich kann's ihm doch nicht am Gesicht ablesen! Tut doch den Mund auf, wenn ihr was zu sagen habt!«

Die Soubrette schwieg.

»Jenny hat mir erzählt. Sie wissen ja, ich liebe meine Frau. Sie übertreibt manchmal; das dürfen Sie nicht tragisch nehmen! Ich weiß ja nicht, was sie gesagt hat. Aber Herrgott! Wir sind doch alle Menschen! Man spricht sich aus. Man sagt sich auch einmal was ins Gesicht. Aber man rührt sich doch!«

»Nein, wissen Sie«, tischte Laura jetzt auf, »das war ein bißchen zuviel, heute nachmittag! Das kann ich mir denn doch nicht sagen lassen. Es ist ja lächerlich: sie tut ja, als hätte sie uns auf der Straße aufgelesen! Das geht zuweit. Das war eine Drohung. So kann sie mich nicht behandeln. Sie ist Ihre Frau – gut! Aber ich kann mich nicht ins Verhör nehmen lassen. Sie können sich nicht beklagen, daß ich meine Pflicht nicht getan habe, immer...«

»Und Sie nicht, daß ich Ihnen nicht immer pünktlich die Gage zahlte; daß ich nichts auf euch kommen ließ!...«

»Gewiß!« sagte Laura, »aber sie darf uns nicht mit Apachen verwechseln. Das sind wir nicht. Spionin soll ich sein... und... und... von der Straße sprach sie... und... und Sage-femme und das ist mir zuviel! Das tu' ich nicht! Das kann sie dieser Lena sagen!«

»Na, Sie haben doch selbst erzählt, daß Sie Nacktphotographien von sich verkauft haben! Daß Sie sich haben photographieren lassen!« nahm Flametti abweisend, aber nicht unberührt, die Partei seiner Frau.

»Wen geht es was an?« zuckte die Soubrette und schluchzte. »Wer hat mir was dreinzureden? Wenn ich mich ausbiete auf der Straße, wenn ich jede Nacht in einem andern Hotel schlafe – wen geht es was an? Kümm're ich mich um andre? Mische ich mich in die Angelegenheiten der andern? Laufe ich zur Polizei, wenn man mir was anvertraut? Mir hat Ihre Frau das Zehnfache anvertraut! Was hat sie mir alles vertraut! Wollte ich's wissen? Hab' ich Gebrauch davon gemacht?«

»Na, das tun Sie ja auch wohl nicht!« begütigte Flametti und streichelte ihr Haar. »So weit kommt's ja wohl nicht! Eine Hand wäscht die andere. Ich hoffe ja, daß wir uns verstehen. Wir werden ja keinen Gebrauch davon machen. Und ich werde auch mit Jenny sprechen. Ist ja alles dummes Zeug! Ihr habt eine Zukunft bei uns. Sagen Sie das dem Meyer! Aber ich hasse dieses Hintenherum. Das ist Weibermanier. Ziehen Sie sich jetzt an und gehen Sie runter! Ich weiß schon, von wem all diese Dinge kommen. Ich werde dafür sorgen, daß das ein Ende hat.«

Und Laura wischte sich die Tränen und stieg, Rinnen im Schminkgesicht, die Hühnertreppe hinunter ins Lokal.

Am Klavier saß Meyer. Er hatte soeben sein Zwischenstück beendet und machte ein Gesicht wie der Teufel bei Regenwetter.

»Was hast du mit Flametti gehabt?« fuhr er die Braut an, »wie siehst du aus? Ihr wart allein in der Garderobe! Was habt ihr gehabt?«

»Nichts! Laß mich!«

Raffaëla und Lydia warfen sich bedeutungsvolle Blicke zu.

Bobby meinte ungerührt: »Ach, Laura, das muß man sich nicht so zu Herzen nehmen!« Zu gerne hätte er gewußt, worum es sich handelte.

An der Kasse saß Jenny, kalt und unnahbar, grande dame vom Scheitel bis zur Sohle.

Und Engel bediente ergebenst die Vorhangschnur....

 

»Kinder!« sagte Raffaëla nach der Vorstellung, »die Nacht, diese Nacht!«

Sie meinte die Nacht, in der die Gans verzehrt wurde.

»Das war ja toll! Das sind ja Falschspieler der schlimmsten Sorte! Vier Kerls waren da. Und Flametti war angetrunken. Sein ganzes Geld hat er verspielt! Und dann ging er auf seine Frau los: ›Du hast mich verraten! Du bist schuld an allem! Du hast mir das eingebrockt! Jetzt holst du mir noch deine Liebhaber ins Haus und lockst mir das letzte Geld aus der Tasche!‹.... Das war ja nicht mehr schön! Die Gans hatte Flametti gar nicht bezahlt! Die Kerls hatten sie bezahlt! Wie die gegessen haben, davon macht ihr euch keinen Begriff! Das ganze Geld haben sie ihm abgenommen, und dann brachten sie ihn ins Bett. Getobt hat er! Und gingen zu der Dudlinger hinunter, Jenny und die vier Brüder! Das ganze Haus stand auf dem Kopf!«

»Ja, wart ihr denn auch dabei?« fragte die Soubrette.

Lydia winkte ab. »Natürlich! Wir waren doch eingeladen! Aber für so was, nein, nein, dafür sind wir nicht zu haben! Wir gingen natürlich, als es mal drei Uhr war.«

»Ja, woher wißt ihr denn...?«

»Aehh, diese Unschuld!« krähte Raffaëla, »so was sieht man doch! Man hat doch Augen im Kopf!«

»Ah, so!« entschuldigte sich die Soubrette...

Der nächste Tag brachte jene Depression der Gefühle, die auf große Aufregungen zu folgen pflegt, aber auch jenen Niederschlag in Taten, der fruchtlose Debatten klärt.

Raffaëla und Lydia wurden, ohne viel Federlesens, ausgezahlt und entlassen.

Herrn Meyer und Fräulein Laura wurden neue Verträge unterbreitet, zu deren Akzeptierung und Ratifizierung Herr Meyer sich eine Bedenkzeit von drei Tagen erbat.

Die Gründe für die Entlassung der beiden Scheideisen lagen auf der Hand. Ihnen schob Flametti die Verhetzung des ganzen Ensembles zu. Von ihnen wollte Flametti nicht länger sich nasführen lassen.

Nachmittags aber, als man gerade beim Kaffeetisch saß, klopfte es an der Türe, behutsam und diskret.

Ein Detektiv stand draußen, wieder einmal. Alle schracken zusammen.

Flametti beeilte sich, den Herrn zu empfangen.

»Fräulein Laura«, kam er geschäftig zurück, »für Sie!«

»Für mich?« fuhr Laura zusammen.

»Ja, für Sie!«

Auch Meyer wurde unruhig, bemühte sich aber, Haltung zu bewahren.

Laura ging hinaus und mit dem Herrn in die Küche, die nun einmal bestimmt schien, als Konferenzzimmer Tradition zu bekommen.

»Welcher ist es denn?« fragte Jenny.

»Der Puma«, sagte Flametti, ging auf den Zehenspitzen und biß sich die Lippen.

»Ach, der ist nett!« meinte Jenny konziliant. »Da ist es nichts Schlimmes.«

Alle, auch Fräulein Theres, die mißmutig den Gasherd abgestellt hatte, horchten bedrückt und gespannt.

Aus der Küche vernahm man das stöbernde Murmeln eines Verhörs.

»Pst!« machte Jenny und winkte nach rückwärts, »ich kann ja nichts hören!«

Sie stand am geschlossenen Schalter und versuchte, wenigstens ein paar Worte aufzuschnappen.

»Rezepte... selbst geschrieben... Basel... Narkotika...«

Man vernahm von draußen ein Räuspern. Mit einem kurzen Schritt trat Jenny vom Schalter weg.

Jemand polterte die Treppe hinunter.

Die Soubrette kam zurück, seltsam verdonnert und zerfedert, mit Gedanken und Blicken noch halb bei dem unten aus der Haustür tretenden Beamten.

»Ja, ja«, meinte Flametti.

»Was war denn?« interessierte sich Jenny.

»Nichts, nichts!« wehrte Laura ab.

Jenny fühlte sich verpflichtet, einige Ansichten über die Polizei im allgemeinen und die Detektivs im besonderen von sich zu geben.

»Hm, diese Kerls!« meinte sie, »nirgends ist man sicher vor ihnen! Max, sag', die müssen doch aus den hintersten Familien stammen!«

Ein wenig Sympathie und Besorgnis klang durch.

Max glaubte: Verachtung.

»Was willst du!« zuckte er die Achseln, »Beruf! Der eine verdient's mit Alteisen, der andre mit Varieté, der dritte mit dem Wolfshund.«

»Hm!« gab Jenny in backfischhafter Anwandlung zu bedenken, »immer so mit dem Wolfshund gehen!«

Flametti hielt's für ein Gruseln.

»Was denkst du!« zeigte er sein überlegenstes Indianerlächeln, »erst die amerikanischen Detektivs! Die amerikanischen Handfesseln, Schlagringe und Gummiknüppel!« und sah sich, Sympathie heischend, nach dem geschulten Herrn Meyer um.

Herr Meyer aber saß da mit der verdrießlichsten Miene der Welt, die Augenlider krampfhaft hochgezogen, fadiert, gelangweilt, bar jeglicher Lust zu Disputationen.

 

Die Ereignisse folgten sich rasch, und von seiten der Hauptbeteiligten ohne nennenswerten Widerstand.

Flamettis Prozeß war jetzt auf den dreizehnten angesetzt.

Man spielte in den kleinen und kleinsten Kneipen. Das Ensemble hatte nach dem Austritt der Damen Scheideisen eine Ergänzung erfahren. Man richtete sich ein.

Die Soubrette trat zehnmal auf am Abend: fünf Soli, vier Ensembles, einmal als Rezitatorin. Sie sprach dann den ›Leutnant aus Zinn‹ und die ›Fremdenlegionäre‹.

Engel hatte sich durch freiwilligen Eintritt ins Krankenhaus einen glücklichen Übergang zu den ›Original- Ideal- Perplex- und Simplex-Mühlen‹ gesichert.

Bobby laborierte an einer Entzündung und die Bögen und Handstände fielen ihm schwer. Aber er schaffte es.

Herr Meyer seinerseits saß pünktlich um sechs allabends am Piano, um das wie Pleureusen die Tropfen von der Decke fielen. Die Portiere am Eingang – Türen gab es nicht – klatschte vereist an die Beine etwelcher zirkussüchtiger Gäste. Die Kalkwände der Garderoben blätterten ab. ›Frühling ist's, die Blumen blühen wieder‹ – selige Erinnerung.

Flametti und Jenny allein bewahrten Humor.

Zum Zeichen ihres absoluten unwandelbaren Einvernehmens sangen sie zusammen die ›Meistersinger von Berlin‹, ein revueartiges Duett, das unter ihrer scharf pointierten Interpretation sich als anmutigstes Duell, voller mondäner Anspielungen auf den laufenden Prozeß, präsentierte.

Der Detektiv von neulich wiederholte Besuch und Nachfrage. Und Fräulein Theres war ein zweites Mal gezwungen, den Gasherd abzudrehen und den Schauplatz ihrer klausurhaft verteidigten kulinarischen Manipulationen für ein Viertelstündchen zu verlassen.

Flametti wälzte im rastlosen Gehirn finanzielle Transaktionen.

Eine zweistündige Unterredung hatte er mit Madame Dudlinger, fruchtlosen Resultates. Eine dreistündige Unterredung mit Direktor Farolyi, dem Ungar, voller Elogen, Respekt und Meriten, aber ohne den rechten klingenden Ausgang. Die Säulen des Hauses Flametti wackelten.

Aufgestört, eine Wanderschwalbe, trat Fräulein Theres vor die Herrschaft, um ihre Kündigung vorzubringen.

»Frau«, sagte sie sittig, »am fünfzehnten ist meine Zeit aus«, und kraulte sich mit der Haarnadel in der zerknäulten Frisur.

»Geh', Theres, was machen Sie da für Sachen?« suchte Jenny das Verhängnis aufzuhalten.

Aber Theres machte ein Gesicht, so diffizil und spitz, wie ein Moskito, dem ein Ausräucherungsdampf in die empfindliche Nase fuhr.

Nein, nein, sie hatte genug. Wenn man nicht einmal in der Küche seine Ruhe haben sollte – Verhörzimmer auf ihre alten Tage, Detektiv am Herd, am Spülstein, im Kohlenkasten...

»Nein nein, Frau«, sagte sie, gröber als sie es meinte und mit einer Art schluchzendem Humor, »ich will nicht auf meine alten Tage den Remis noch kriegen! Am fünfzehnten geh' ich.«

Umsonst versuchte Jenny, ihr den närrischen Einfall auszureden. Umsonst Flametti, ihr eine wärmere Küche, Stumpen auf der Stelle, und eine Flasche Bier vor die Phantasie zu rücken. Nichts mehr verfing. Theres blieb bei der Kündigung. Sie hatte ihre eigene moralische Ansicht von den bei Flametti eingerissenen Zuständen.

Gewiß, sie nahm die geschaßten Lehrmädel nicht in Schutz. Aber so behandelt man trotzdem nicht sein Dienstpersonal. Nein, nein! Fräulein Theres fühlte eine tiefe Solidarität. Nein, nein, so was rächt sich. Da machte sie nicht mit. Das konnte sie nicht gutheißen.

Und weiter: gewiß, der Herr war im Unrecht. So beleidigt man nicht eine Frau, die auf's Sach sieht und jede Nacht pflichtgetreu neben ihm lag; die sich hübsch machte für ihn und hinter den schlampeten Weibern herwar mit Ordnung und Zucht.

Aber die Frau: so behandelt man auch nicht einen Mann, der mal einen Fehltritt beging. Man läßt nicht gleich vier Kerle zu sich kommen, setzt ihnen Gänsebrust vor und läßt seinem eigenen Gatten das Geld abnehmen.

Nein, nein, da tat Theres nicht mehr mit. Das war nichts für ihre alten Tage. Mochte man lachen über sie, mochte man sie für altmodisch halten. Sie tat nicht mehr mit, verstand diese neue Welt nicht mehr, gab sich auch keine Mühe mehr, sie zu verstehen. Sie legte den Schürhaken hin und ging.

Jetzt faßte auch Herr Meyer seinen Entschluß, rücksichtslos und farusch. Den Einflüsterungen der Geschwister Scheideisen, dem Zureden Bobbys, den Vorstellungen der Braut widerstand er nicht länger.

Zwei Tage Bedenkzeit waren bereits verstrichen. Der Zeitpunkt war da. Jetzt mußte gehandelt werden.

Die Moralität obsiegte. Hundert Plakate kosteten achtzehn Franken. Das war zu erschwingen. In drei Tagen konnten sie fertig sein. Man war gefaßt auf alles.

›Raffaëla-Ensemble, sollte die Gründung heißen nach dem Namen der hervorragendsten Kraft. Raffaëla hatte Bekannte in Arbon am Bodensee. Dort würde mag debütieren, auswärts sich die ersten Meriten holen. Noch mußte gesprochen werden mit Flametti.

Und Herr Meyer überwand ruckhaft die ihm angebotene Scheu und sagte beim Abendessen:

»Sie, Herr Direktor, ich habe zu reden mit Ihnen.«

»Gehen wir rüber ins Café Lohengrin!«

»Gut!«

Und sie gingen ins Café Lohengrin und Flametti bestellte zwei helle Bier und Herrn Meyer klopfte das Herz.

»Also schießen Sie los!« sagte Flametti. Und Herr Meyer holte weit aus.

Mit den Zuständen vor Kriegsausbruch begann er, gab einen Inbegriff seiner Familie, kam dann auf seine Geburt zu sprechen, berührte kurz seine Konfirmation und das Knabenalter, schwenkte dann über zur Gymnasiastenzeit, immer das Typische unterstreichend.

Flametti sah ängstlich auf seine Uhr. Sieben Minuten vor acht. Um acht Uhr begann die Vorstellung.

»Kurz und gut?« fragte er und sah Meyer gespannt ins Gesicht.

»Wir wollen weg, wollen uns selbständig machen.«

»Also doch!« meinte Flametti, ein wenig betroffen.

»Ja«, sagte Meyer. »Ein gutes Einvernehmen besteht ja doch nicht mehr. ihre Frau hat das zerstört. Laura hat die Affäre mit den Rezepten. Wir brauchen ein Attest für sie. Das kostet Geld. Ich brauche eine neue Hose, ein Paar neue Stiefel. Das Leben stellt Ansprüche. Kurzum: es geht nicht mehr.«

»Tun Sie, was Sie nicht lassen können«, sagte Flametti. »Sie müssen's am besten wissen. Ich will Ihrem Glück nicht im Wege stehen. Wenn Sie glauben...«

»Ich glaube!« sagte Meyer.

»Na, gehen wir zur Vorstellung!«

Und Flametti zahlte, auch für den neuen Herrn Direktor, der zu schüchtern war, ›Lina‹, ›Frieda‹, oder ›Kathrein‹ zu rufen.

Und Flametti sah, was da kommen würde, lächelte ironisch, und man ging.

Jenny hätten Sie sehen sollen an diesem Abend! Glacéhandschuhe zog sie, gewissermaßen, über die Zunge. So spitzig und kalt, so unnahbar verächtlich wußte sie sich zu benehmen, daß Meyer kaum wagte, sie anzusehen.

»Geh', Max, laß doch das Gesindel!« sagte sie mehr als halblaut, als Herr Meyer in den Indianern danebengriff, und Flametti auf der Bühne einen cholerischen Anfall bekam vor Indignation.

»Laß sie doch gehen! Sie haben's ja nicht mehr nötig!«

Und als die Soubrette mit doppeltem Eifer nach der Kassiermuschel griff, um sich ins Publikum zu stürzen:

»Nein, lassen Sie nur! Ist nicht nötig. Rosa besorgt's schon.«

Und auch Rosa hob ihre Nase von Stunde an höher und Bobby überkam ein solcher Ärger darob, daß er sie am liebsten geohrfeigt hätte.

Der Zustand wurde unerträglich. Und es war deshalb eine Erlösung für beide Teile, als Fräulein Laura an einem der nächsten Abende gelegentlich der ›Commis voyageusen‹ auf dem kleinen viereckigen Podium der ›Drachenburg‹ ausglitt und mit dem Steißbein so unglücklich auf eine Stuhlkante aufstieß, daß man sie, stöhnend und ächzend, in die Garderobe und von dort mit einer heftigen Prellung nach Hause bringen mußte.

Eine alte Sympathie regte sich in Flametti und er war wirklich besorgt.

»Ach, Max«, hetzte Jenny, »gib's doch auf! Sie simuliert ja nur! Merkst du denn nichts?«

Jetzt war Laura entschlossen, keinen Schritt mehr in die Vorstellung zu gehen. Kontrakt hin, Kontrakt her!

Und Herr Meyer sagte:

»Die sollen uns kennen lernen!«

Und Bobby sagte:

»Geht's besser Laura?« und stand sehr besorgt am Bett.

Und Lydia und Raffaëla sagten:

»Den Doktor muß er bezahlen! Macht ihn doch schadensersatzpflichtig! Er muß euch Schmerzensgeld zahlen! So eine Gemeinheit!«

Und Lauras russische Freundin kam und sagte:

»Auf mich können Sie zählen. Ich bin immer da für Sie.«

Und Herr Meyer effektuierte mit Bobby zusammen mittels Kleister und Schnur die Bilderreklame für Arbon.

So war denn Flamettis Schicksal besiegelt.

Zwar sprang für Meyer in liebenswürdiger Weise Fräulein Lena als Pianistin ein. Und Fräulein Rosa rückte an Lauras Stelle. Und Lena meinte:

»Ich hab's euch ja gleich gesagt: sie führen etwas im Schilde!«

Aber das half nichts. Das Geschäft wurde noch schlechter. Die Beiseln, in denen man auftrat, noch kleiner, ja nuttig.

Flametti verhehlte es nicht, daß er blank, aller Hilfsmittel bar, in den Prozeß eintrat.

In erregten Ergüssen versuchte er brieflich dem Anwalt in Bern Standpunkt und Situation eindringlich zu erläutern.

Aber das Aktenmaterial wurde dadurch nur immer größer, das Plädoyer immer schwieriger.

Und als Flametti die Geduld riß und er ganz offen auf einer Postkarte vermerkte, der Herr Anwalt wolle ihn offenbar nicht verstehen, der Fall sei doch sonnenklar, da schrieb dieser chargé zurück, er bedaure unendlich, mitteilen zu müssen, daß ohne einen weiteren Vorschuß von hundert Franken die Sache zu einem guten Ende kaum werde geführt werden können.

Herr Farolyi gab den Rat, die Verteidigung doch selbst zu führen und auf den Advokaten überhaupt zu verzichten. Und auch Fräulein Lena erbot sich, für die sittliche Minderwertigkeit der Klägerinnen eine eidesstattliche Versicherung zu riskieren.

Aber Jenny wurde doch immer nervöser.

»Was machst du nun, Max?« fragte sie ernstlich besorgt, als Max von Farolyi zurückkam.

»Was mach' ich? Verteidige mich selbst.«

Und er nahm Feder und Papier zur Hand und begann die Verteidigungsschrift aufzusetzen.

Die Feder spritzte und die Worte sträubten sich. Aber es ging.

›An den Herrn Präsidenten des Kantonalen Obergerichts, Bern‹.

Da stand es. Das war die Instanz. Und Jenny bekam einen Schreck, als sie's so stehen sah.

Aber Flametti ließ sich nicht stören. Mit einer schier unpersönlichen Korrektheit entledigte er sich der schwierigen Arbeit.

Er brauchte sich nur in die disziplinarische Verfassung von damals zu versetzen, da er auf dem Kasernhof zum erstenmal den Befehl eines Vorgesetzten entgegennahm, und die Stilnuance war gefunden.

»Fertig, aus!« rief er, als er nach zweistündiger Arbeit unterschrieben und abgelöscht hatte. Er überlas das Ganze noch einmal von Datum bis Schlußpunkt und er war sehr zufrieden damit.

»So«, zog er findig die Stirn in Falten, »drehen wir die Geschichte mal um! Da schaut die Sache erheblich anders aus!«

Und er verlas es auch Jennymama. Die war baß erstaunet.

»Ja, meinst du denn, Max, sie lassen es gelten?«

»Frage!«

Er spuckte, steckte die Hände in beide Hosentaschen und nahm einen kleinen Abstand von seinem Elaborat.

»Hättest deutlicher sagen müssen, was das für zwei waren!« drängelte Jenny.

Max zündete großspurig eine Zigarre an.

»Was? Ist das nicht deutlich genug: ›Marktware der Wollust‹, ›der Perversion gefrönt‹, ›schon in den Kinderschuhen verdorben‹? Ich bin der Verführte, verstehst du? Angeboten haben sie sich. Gezwungen haben sie mich, direkt belästigt!«

Jenny war ganz verstört.

»Wenn es nur durchgeht, Max!«

»Frage!«

 

Sonntag, den zwölften, spielte man in der ›Jerichobinde‹ zum letztenmal die ›Indianer‹: Flametti, Jenny und Rosa.

›Und dort oben in dem ew'gen Jagdgebiet,
Singt der Indianer Volk sein Siegeslied.
Einmal wieder zieh'n wir noch auf Siegespfad,
Einmal noch, wenn der Tag der Rache naht.‹

Dann fuhr Flametti nach Bern.

Mit dem Nachtzug.

Jenny und Rosa begleiteten ihn zur Bahn. Rosa trug das Handtäschchen.

»Viel Glück, Max, und schreib' gleich, wie's ausging, damit man es weiß!«

»Wenn ich nicht schreibe, weißt du Bescheid!«

»Ach, Maxel, wie wird es dir gehen?«

»Wird schon alles gut gehen!« beruhigte er, und der Zug setzte sich in Bewegung....

Er schrieb nicht, wie es gegangen war.

Ein, zwei, drei Tage vergingen. Da las Jenny es in der Zeitung, in einem Café.

Sie trug ihre beste Toilette. Sie ließ sich ihren Schmerz nicht merken.

Gute Freunde lud sie zu sich ein, und so, in engstem Kreise, seufzend aufs Kanapee hingeschmiegt, suchte sie Trost und Vergessen.

Und nur den vereinten Bemühungen ihrer Freunde gelang es, ihr etwas Luft zu schaffen.

Herr Meyer aber ging pleite.

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