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Gutenberg > Hugo Ball >

Flametti

Hugo Ball: Flametti - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleFlametti
authorHugo Ball
year1989
publisherSuhrkamp Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-518-01442-0
titleFlametti
pages3-14
created19990921
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1918
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V

Herr Meyer sah aus wie Friedrich Haase als Richard der Dritte. Man fuhr nach Basel. Herr Meyer sah aus, als sei er, Herr Meyer, verantwortlich für diese Partie. Man fuhr zu Herrn Schnepfe nach Basel, und dieser Herr Meyer sah aus, als sei's eine Fahrt nach dem Feuerland.

»Sehen Sie mal, Herr Meyer«, sagte Flametti, »ich kenne doch Schnepfes Lokal. Keine Sorge! Wochentags leer. Aber Sonntags brillant. Und jetzt zur Meßzeit, mit unseren Schlagern...! Das Wichtigste ist: man muß ihm den Schneid abkaufen, dem Schnepfe. Von vornherein. Gar nicht aufkommen lassen. So und so sieht es aus bei uns. Das und das brauchen wir. – Großes Lokal bei den Schnepfes. Prachtvolle Zimmer. Guter Kontrakt.«

Aber Herr Meyer schien seine Bedenken zu haben. Er hörte kaum zu. Rauchte 'ne Zigarette und spuckte wegwerfend durchs Coupéfenster.

»Sehen Sie mal«, sagte Flametti und tippte die Asche weltmännisch auf die vorbeisausende Landschaft, »wir haben: die ›Indianer‹, den ›Harem‹, den Friedhofsdieb‹, den ›Mann mit der Riesenschnauze‹, die ›Nixen‹, die ›Ausbrechernummer‹....« Er zählte das alles an den Fingern her.

»Die ›Indianer‹?« warf Herr Meyer ein.

»Na ja, die ›Indianer‹.«

»Wieso die ›Indianer‹?«

»Na: ich, meine Frau, die Soubrette und Rosa.«

»Schöne ›Indianer‹!« meinte Herr Meyer. Ihm konnt' es ja recht sein.

»Was wollen Sie?« meinte Flametti, »genügt das nicht?« Er wurde heftig. »Jawohl! Werde mir fünf Soubretten engagieren! Zehn Lehrmädel dazu!«

»Feine Stadt, Basel!« rief Jenny mit erhobenem Zeigefinger und entnahm ihrer Handtasche zwei Schinkenbrote. »Gelt, Max, auf die Meß' gehen wir? Und die Kavaliere bringen uns Leckerli?«

»In Basel gibt's doch die Leckerli«, erklärte sie Fräulein Laura, die ebenfalls skeptisch schien. »Solchene Tüten bringen sie an!« Sie zeigte eine Tütengröße von reichlich einem halben Meter. »Und einen zoologischen Garten gibt es: Wildschweine, Strauße, Giraffen! Feine Stadt!«

Fräulein Laura schien ganz Ohr. Nervös sah sie von Flametti zu Meyer, von Meyer zu Jenny.

»Der Herr Meyer meint, das Repertoire reiche nicht aus«, lächelte Max zu Jenny.

»Nimm ein Schinkenbrot, Max!«

Herr Meyer spuckte wegwerfend und finster. Und Jenny fühlte sich verpflichtet, deutlichere Begriffe zu geben von dieser gesegneten Stadt.

»Und der Rhein ist da«, sagte sie kauend im hübsch ansitzenden Reisekleid, »und die Polizei ist sehr streng. Papiere und Heimatschein, da darf nicht das Tüpfel fehlen. Wenn dort eine auf der Straße geht: zwei Tage. Schon ist sie weg.«

Stoßhaft belustigt spuckte Herr Meyer. Doch seine Skepsis war abgründig finster. Jeder Versuch, ihn aufzuhellen, schien vergebens. Und Fräulein Laura zuckte nervös mit den Augenlidern. Sie schien sich gar nicht zurechtzufinden.

Engel langte die Sachen herunter aus dem Gepäcknetz. Bobby sah nach der Uhr und griff die Plakate. Rosa bemühte sich um den Käfig der Turteltauben.

»Ist's schon so weit?« fragte Jenny erstaunt und steckte ihr Schinkenbrot halb in den Mund, halb in die Reisetasche.

»Basel!« bestätigte Flametti.

 

»Ah, das ist recht!« rief Frau Schnepfe, als das Ensemble eintrat. »Das ist recht!« und drehte an ihrem Ehering. »Guten Tag! Guten Tag! Guten Tag!« und gab jedem einzelnen die Hand.

»Salü!« grüßte Flametti, »da sind wir!« und blieb mit Reisetasche und Regenschirm ostentativ inmitten der Wirtsstube stehen, als wolle er sagen: jetzt geht der Kontrakt an. Jetzt habt ihr zu sorgen für uns.

Frau Schnepfe bekam einen gelinden Schreck. Und die Soubrette, als ›Stimmungsmacherin‹ angezeigt, nahm sogleich einen Stuhl, ganz erschöpft von Influenza, stützte den Kopf auf und begann einzuschlafen.

»Wo ist der Beizer?« fragte Flametti forsch.

»Fritz!« rief Frau Schnepfe in irgendein Kellerloch, »da sind sie. Komm einmal rauf, die Artisten sind da.« Und Engel und Bobby stapelten das Gepäck auf, schleppten den großen Koffer herein.

Da kam auch Herr Schnepfe zum Vorschein, blinzelnd und etwas verrußt von der Kellerarbeit.

»Salü Max!« grüßte er mit salopp geschwungener Schneidigkeit und blödem Gesichtsausdruck. Er trug eine Schnurrbartbinde, war klein von Gestalt, und es fehlte der Kragenknopf.

»Salü Fritz!« grüßte Flametti souverän und stellte den Handkoffer ab. Herr Schnepfe sah aus, als sei ihm nicht wißlich, um was es sich handle.

»Das ist die Frau«, stellte Flametti vor, »das ist die Soubrette, das der Pianist, das die Rosa. Das der Engel und das unser Herr Bobby.«

»Früh auf den Beinen!« meinte Herr Schnepfe.

»Schweinskopf mit Senf«, porträtierte Engel, indem er den Koffer zum andern Gepäck hinschob.

»Alles parat?« fragte Flametti militärisch.

»Alles parat!« rapportierte Herr Schnepfe, die Hand an der Hosennaht. Den Scheitel hatte er sich mit Wasser und mit Pomade zurechtgeplätscht. Doch sträubten sich seine Borsten.

»Wo sind denn die zwei andern Fräulein?« erkundigte sich Frau Schnepfe freundlich und süß.

»Kommt Ersatz!« tröstete Flametti und hing nun auch seine Schirme auf.

»Na, dann zeig' mal die Zimmer!« gebot Herr Schnepfe und zog sich mit einem kommißartigen Ruck die Kellerschürze über den Kopf.

»Wollt ihr nicht erst einen Kaffee trinken?«

Oh, das war eine freundliche Frau Schnepfe! Oh, die war nett!

»Oh ja«, nickte Jenny mit ihrem süßesten Lächeln und gab der Frau Schnepfe das Reiseplaid. Die gab's einer Kellnerin weiter.

Flametti nahm Rosa die Tauben ab, hing seinen Hut an den Haken und nahm seine ›Philos‹ heraus.

Die Kellnerin brachte Helles. Herr Schnepfe hantierte am Bierhahn, gab seine Befehle. Jenny ging mit Frau Schnepfe die Wohnung besehen. Und man war angekommen.

Nachmittags ging man zur Polizei, von wegen der Anmeldung. Die Stadt war grau. Hohe Häuser, elektrische Straßenbahnen. Regenwetter und Nebel.

Das Polizeihaus war ein efeuumwachsener, burgähnlicher Bau. Der Weg hinauf führte vorbei am Gefängnis. Ein Sträfling sah mit verwildertem Kasperlgesicht durchs Eisengitter herab auf die Straße. Schweigend ging man vorbei, gedrückt, wie Katholiken vorübergehen am Kreuz. Man nimmt seinen Hut ab.

Der Rückweg führte vorbei an der Messe. Das elektrische Karussel war in vollem Betrieb. Eine blau gestrichne Karosse kam, zitternd und rasselnd, in majestätischer Fahrt aus dem Tunnel. An der Stirnseite des Wagens prangte ein Seeweibchen, Bruststück. Das schlug die Tschinelle. Rot waren die Backen, weiß ihre Brüste gelackt. Stolz flog sie dahin und zog einen ganzen Schwarm hochfarbig lackierter Wagen aus dem Tunnel. Die Dampfpfeife schrillte.

Herrn Schnepfes Varietélokal war unschwer zu finden. Wenn man öfters den Weg machte, fand man es spielend. Bei einem großen Bankhaus schwenkte man ab nach rechts, in die Vorstadt. Vor dem Haus stand ein Brunnen mit großem Bassin voll grasgrünen Wassers. Darüber der heilige Bartholomäus, aus Stein gehauen, mit segnenden Händen. An den Fenstern hingen Flamettis Plakate. In der Straße, am Abend, schaukelte blau eine Bogenlampe.

Die Zimmer waren ein wenig kalt und schreckend im ersten Moment. Mattscheiben und die gekalkten Wände erinnerten barsch an Krankenbaracken in einem Gefängnisbau. Doch waren sie teilweise hübsch mit Öfen versehen und geräumig, ebenso wie das Konzertlokal.

Zwei ineinandergehende Kammern gleich überm Wirtslokal bekamen Flametti und seine Frau, nebst Rosa. Eine Kammer im dritten Stock die Herren Engel und Bobby. Ein Dienstmädchenzimmer im Seitenflügel Herr Meyer und Fräulein Laura.

»Sagen Sie nur«, meinte Frau Schnepfe zu Jenny, »warum haben Sie nur die zwei netten Fräulein nicht mitgebracht?«

»Ach, Frau Schnepfe«, winkte Jenny ab, »Sie haben ja keine Ahnung, was in unsrem Beruf alles vorkommt: Die eine hab' ich entlassen müssen – schlimme Geschichten! Die andre hat man mir abgenommen.«

»Abgenommen?«

»Ja, denken Sie sich: die Mutter kam mir ins Haus und sagte, sie dulde nicht länger, daß ihre Tochter Artistin ist. Wegen der Kerls.«

»Was Sie nicht sagen!«

 

Die Vorstellungen waren nicht gut besucht. Trotz pomphafter Vorreklame. Ein Dutzend Leute saßen wohl in den Ecken. Aber sie ›jaßten‹ und ließen sich weiter nicht stören. Keine Hand rührte sich, wenn eine Nummer zu Ende war. Keine Miene verzog sich.

»Man muß sich einleben«, meinte Flametti. »Es muß sich herumsprechen, was wir zu bieten haben. Nur keine Sorge! Kommt schon.«

Herr Meyer mußte sich jedenfalls bald überzeugen, daß die ›Indianer‹ auch ohne Güssy und Traute gingen.

»Sehen Sie«, sagte Flametti, »Basel ist eine ernste Stadt. Religiös. Das vornehme Bürgertum klatscht nicht gern. Lassen Sie uns etwas Ernstes bringen, den ›Friedhofsdieb‹, und wir haben ein volles Haus.«

Also bekam Engel die Rolle der Zeugin Emilie Schmidt im ›Friedhofsdieb‹, was Frau Häsli früher zu spielen hatte, und lief tagsüber unglücklich zwischen den Tischen und Stühlen umher und rang mit dem Ausdruck.

Herr Meyer aber blieb skeptisch. Auch die Wirtsleute gefielen ihm nicht.

Ihm war nicht entgangen, daß Herr Schnepfe auf seinem Glasdach einen Wurf junger Wolfshunde aufzog. Die heulten dort nächtlich herum, wenn die Ratten über das Dach wegstoben.

Eine innige Antipathie empfand Herr Meyer gegen Herrn Schnepfe. Auch diese Frau, Frau Schnepfe, gefiel ihm nicht. Ihr gedrehtes Wesen belästigte ihn. Herr Meyer war ein Poet. Wie sollte das Publikum Zutrauen fassen, wenn die blutleckenden Wolfshundsbestien mit ihren Hängeschwänzen das Haus durchstrichen und jedermann an den Waden schnupperten; wenn die gedrehte Frau Schnepfe auf ihre gedrehte Art »Guten Morgen!« sagte und einem die Hand gab, geziert-religiös, wie Nonnen sich in der Kirche an Fingerspitzen das Weihwasser reichen!

Flametti aber versuchte es analytisch.

»Was ist Blödsinn?« philosophierte er in dem ›Mann mit der Riesenschnauze‹. »Blödsinn ist: wenn das Kind keinen Kopf hat. Blödsinn ist aller Jammer der Welt. Blödsinn ist die Enttäuschung der Seele, die Quintessenz der Melancholie. Blödsinn ist überhaupt ein Blödsinn.«

Das war Herrn Meyer so recht aus der Seele gesprochen. Das löste seine Komplexe. Doch auch Erkenntnis vermochte die Basler nicht aufzuheitern.

Mit ringförmigen Fischaugen saßen sie da, tranken ihr Bier aus, zahlten und gingen. Die Soubrette hatte ein wenig Erfolg. Das Ganze schien hoffnungslos.

»Alles nichts«, sagte Jenny, »wir müssen Artisten haben!« Und eines Tags bei Tisch verkündete sie dem erregten Ensemble: »Neue Artisten kommen. Vornehme Artisten. Kinder, da müßt ihr euch fein benehmen!«

Zwei Tage später war's auch schon da. Die Tür ging auf. Ankamen die neuen Artisten. Herr Leporello und Lydia, Herr Leporello und Lotte, Herr Leporello und Raffaëla, nebst vielem Gepäck, darunter auch Eisenstangen.

Das war ein Getue! Das war ein Geschmatze! Das war die lauterste Seligkeit!

Lottely hinten, Lottely vorne! »Gut, daß ihr da seid!« – »Trinkst du Helles, Lepo?« – »Wollt ihr einen Kaffee trinken?« – »Wie geht es der Mutter?« und was dergleichen Begrüßungsformalitäten mehr sind.

Sogar Herr Meyer taute jetzt auf. Leben und Lebensart kamen ins Haus. Die Reserviertheit Schnepfes verfing nicht mehr.

Und diese Nummern! Drahtseilakt und Czardas. Spitzentanz, Matschiche und Drehbarer Unterleib! Ein wirklicher Zuwachs! Akquisition! Das ließ sich hören!

Auch die neuen Artisten wurden untergebracht: Zimmer Numero 6 und 7. Engel und Bobby beschäftigten sich mit dem neuen Gepäck und den Eisenstangen. Herr Leporello gab Anweisungen. Und man begab sich zur Polizei.

Eine Stunde später schon waren für Raffaëlas Drahtseilakt im Parkett quer vor der Bühne die Stützen befestigt, die Zeitungsannonce war aufgegeben, und der Erfolg war freundlichst gebeten, sich einzufinden.

Kam auch. Gleich der erste Abend gab einen hohen Begriff von den Fähigkeiten der neuen Artisten. Die Kostüme waren zwar etwas zerknittert. Sie hatten zu lange im Korb gelegen, und von Frau Schnepfe war kein Bügeleisen zu erhalten. Auch mißglückte Herrn Leporellos ›Drehbarer Unterleib‹, weil Lepo zu Mittag infolge der langen Bahnfahrt zuviel gegessen hatte.

Aber Raffaëlas ›Matschiche auf dem hohen Seil‹ mit japanischem Schirm und im Himbeertrikot – Teufel, hatte das Frauenzimmer Schenkel! – ermunterte selbst die griesgrämigen Basler. Und als Fräulein Lydia Czardas tanzte – verflucht noch einmal! Sie schlug auf das Tamburin und ging mit pferdhaftem Posterieur stampfend und tänzelnd gegen die grätschende Schwester los –, da gab es auch bei den Baslern keine Bedenken mehr: laut und vernehmlich klatschten sie.

Am nächsten Abend gab es schon Ehrengäste: Herr Bums-die-Lerche, der Komikerkönig, und Fräulein Nandl, das Wunder der Tätowierung, welch letztere im Haus des Herrn Schnepfe auch wohnte, der guten Adresse wegen.

In den nächsten Tagen brachte Raffaëla als Neuheit ihren ›Spitzentanz‹ – immer auf den Fußspitzen, nach der Melodie:

›Frühling ist's, die Blumen blühen wieder,
Süß berauschend duftet jetzt der Flieder‹,

immer auf den Fußspitzen; die Pointen markiert durch ein Hochschnellen des Körpers, die Arme mit grazienhaft hinauf- und hinuntergebogenen Handflächen ausgebreitet; immer so:

›Alle Vögel jauchzen, jubeln, si-hi-ngen,
Die Natur scheint neu sich zu verjü-hi-ngen.‹

Und Herr Leporello, wenn er eklatante Beweise seiner trommlerischen Begabung bei der Begleitmusik abgelegt hatte, produzierte sein ›Teufelskabinett‹, bei dem er unter Zischen und Pfeifen auf einer Sirene, mit zusammengelegten Gliedern durch einen Schornstein aus Pappkarton, den Lydia festhielt, borstig herniederfuhr.

Wenn aber Herr Leporello Sonntags seinen komischen Teufelsakt brachte – er erschien dann als eine infernalische Klatschbase im Korsett, einen Kamm in der Perücke, das Hemd hing ihm hinten heraus und der Rock aus Sackleinwand, mit roten Litzen benäht, war ihm zu kurz –, dann spielte sich in seinen Mienen eine so diabolische Einfältigkeit ab, daß der Kontrast zwischen seinen gespreizten Zirkusposen und dem dargestellten Objekt die Zuschauer zu hellem Grinsen entflammte.

Was Wunder, wenn das Geschäft sich hob? Wenn die Zirkusleute mehr und mehr in den Vordergrund traten, auch bei der Direktion?

Ein Feldwebel von der St. Gotthard-Festung kam als Konzertbesucher. Er hatte Urlaub. Die Frau war gestorben. Was der Mann alles spendierte! Sogar Leckerli brachte er mit, die ersten, die man bei Schnepfes zu sehen bekam.

Auch zum Zoologischen Garten ging man jetzt und zur Messe. Und zwar teilte sich hier das Ensemble. Die Zirkusleute gingen mit Jenny zum ›Zoo‹. Die andern mit Flametti zur ›Meß‹.

Der Basler Zoologische Garten scheint nicht so üppig bestückt zu sein wie Hagenbecks Tierpark zu Hamburg. Auch nicht so künstlerisch interessant arrangiert wie etwa die kunstgewerbliche Menagerie zu München. Wenigstens wußte der zoologisch interessierte Teil der Vergnügungspartie nur Unbedeutendes zu berichten.

Jenny war aufgefallen, daß die Strauße im Basler Zoo ›echte Straußfedern‹ trugen. Lydia klagte, die Papageien hätten erbärmlich geschrien. Die Ohren gellten ihr jetzt noch davon. Man solle den Viechern die Hälse abschneiden, statt ihnen die Bälge mit Brot vollzustopfen. Nur Raffaëla schien einen stärkeren Eindruck gerettet zu haben.

»Kinder, der Elefant!« schlug sie die Hände zusammen und konnte sich gar nicht genugtun, »so etwas Schamloses gibt es nicht mehr!«

Giraffen hatten sie nicht gesehen. Auch keine Wildschweine. Einige Affen. Doch das war alles.

Die Messe war interessanter. Wer mit Flametti ging, fand keine Enttäuschung.

Erst im Panoptikum: ›Der Feuerkessel von Tahure‹: da platzten die Bomben! Da staunte das Volk! Da streckten die toten Poilus die Beine zum Himmel, wie niedergeknallt auf der Hasenjagd!

Dann auf der Rutschbahn: zwei Karossen hintereinander: in der ersten Flametti und Fräulein Laura. In der zweiten Herr Engel und Meyer. Wie flog man dahin! Wie flog man daher! Dann beim ›Jägersalon‹: »Schießen Sie mal, junger Herr!« Und Herr Engel schoß, auf den Trommler. Und traf ihn; mitten in die Visage. Der rasselte los. Aber unentgeltlich. Man war ja Artist. Es war eine Freude, zu leben!

Mittlerweile war es nun Winter geworden, ganz unvermerkt, über Nacht, und man war gezwungen, sich enger zusammenzuschließen. Da gab es lange Gesichter.

»Jenny, wir haben ja gar keinen Ofen!« reklamierten Lydia und Raffaëla zugleich.

»Ist doch nicht kalt!« tröstete Jenny, »je, seid ihr verfroren!« Aber es waren fünf Grad unter Null.

»Eene klappernde Kälte!« meinte Herr Leporello in komischem Baß, mit hervortretenden Augen, und stellte sich vor den Ofen im Wirtslokal.

»Sie, Leporello! In Mesopotamien Krieg!« verkündete Bobby, der eifrig die Zeitung studierte.

»Ha ick ja immer jesagt: in Mesopotamien fangen se ooch noch an!«

»Jenny«, rief Raffaëla ins Wirtslokal, schnatternd vor Kälte und tief beleidigt, »das geht so nicht! Ich muß einen Ofen haben! Wo soll ich denn hin mit dem Kind?«

»Ich kann mir den Ofen doch nicht aus der Haut schneiden!« meinte Jenny im blauen Schlafrock, am Ofen. »Hier ist es doch warm! Bleibt doch hier unten im Wirtslokal!«

Das tat man denn auch. Raffaëla, Lydia, Lotte und Lepo blieben im Wirtslokal. Lepo las seine Kriegsberichte, von morgens bis abends. Lotte machte die Hosen naß. Lydia und Raffaëla schleppten einher in den Schlafröcken und beschimpften einander.

Abends aber, während der Vorstellung, saßen die fünf Damen aufgeputzt um Herrn Schnepfes Dauerbrandofen wie Papageien auf einem Eisenring um den Dompteur.

»Kinder, nein, ist das eine Kälte!« zitterte Lydia mit erfrorener Nase und zog ein Gesicht, als sei sie hereingefallen und komme erst jetzt allmählich dahinter.

Und zu der Soubrette: »Ihr habt es gut. Ihr habt einen Ofen!«

Und alle bebten und preßten die Schenkel zusammen.

»Menschenskind!« tanzte Engel näher heran und rieb sich verbindlich die Hände, »ist doch keene Kälte: fünf Grad! Hättest vergangenen Winter dabei sein sollen!« und hob sich fast in die Luft, so betrieb er mit beiden Armen gymnastische Packung. »Hauptsache ist: man kriegt was Warmes in Magen!«

Nun, daran fehlte es nicht. Herr Schnepfe ließ sich nicht lumpen.

Der Kaffee zum Frühstück ließ zwar manches zu wünschen übrig. Die Blechkanne, in der er serviert wurde, mochte innen ein wenig verrostet sein. Die Damen erbrachen sich, wenn sie getrunken hatten. Das konnte jedoch, wie Herr Schnepfe auf Reklamation hin bemerkte, auch andere Ursachen haben.

Das Mittagessen war einfach tipp topp. ›Sauerkraut, Würstel und Pellkartoffel‹. – ›Gulasch, Bohnen und Rösti‹. – ›Hackfleisch, Erbsen und Rettichsalat‹. Jennymama kochte besser; gewiß. Aber man war nun einmal in der Fremde. Da war es, wie die Verhältnisse lagen, das beste, den Magen zu heizen.

»Iß!« sagte Laura zu Meyer, »wer weiß, wann man wieder was kriegt!«

Eine kleine Rivalität brach aus zwischen den Zirkusartisten und dem übrigen Teil des Ensembles, dem ›Bruch‹, wie die Zirkusleute alle Kollegen nannten, die nicht von Kindesbeinen auf beim Metier waren.

Die Zirkusleute pochten auf ihre Familie, Herkunft, Tradition. Sie waren exklusiv und sahen den ›Bruch‹ verächtlich an. Herr Leporello etwa den kleinen Bobby. Beide waren sie Kontorsionisten. Bobby arbeitete rückwärts, war also Schlangenmensch. Herr Leporello arbeitete vorwärts, war also Froschmensch. Herr Leporello hatte die komplizierteren Balancen, den drehbareren Unterleib. Bobby hatte den besseren Handstand, das biegsamere Rückgrat.

Aber Herr Leporello ästimierte ihn nicht. Herr Leporello war ausschließlich Artist. Bobby ging im Nebenberuf zeitweilig ›auf Heizerfahrt‹.

Oder Miß Raffaëla den Engel. Sie verlangte von ihm, daß er Einkäufe für sie besorge. Sie glaubte, der Bühnenmeister sei hier auch Stiefelputzer. Aber Engel lehnte es ab, ›Kommissionen‹ zu machen.

»Hab' keine Zeit! Hab' zu studieren! Bin selber Artist!« Und Flametti bestätigte das, indem er ›Monteur‹ auf Engels Papier durchstrich und ›Artist‹ drüberschrieb.

Zwei Parteien bildeten sich. Die Partei der Zirkusartisten mit Jenny. Die ›Bruch‹- und Apachenpartei mit Flametti.

Flametti waren die Zirkusdamen zuwider. Sie hänselten ihn. Er fand sie verdorben, aufdringlich, utriert. Sein Herz war bei der andern Partei, den Gestrandeten, den Gelegenheitskönnern, den Kindern Gottes. Auch Meyer und Fräulein Laura waren nur herverschlagen ins Varieté. Und doch – alle Hochachtung!

Äußerlich aber tat sich die Rivalität in folgendem kund: Die Zirkusleute brachten das Geld. Die Bruchleute hatten – den Ofen.

Die Zirkusleute lagen den ganzen Tag in Flamettis geheizter Stube herum oder im Wirtslokal, wo das Glasdach tropfte, die Ratten liefen, die Windeln rochen. Sie schürten und hetzten. Sie glaubten, wider Verdienst schlecht weggekommen zu sein.

Die Bruchleute schlossen sich täglich enger zusammen im Zimmer des Pianisten, wo zwar die ungefegte Brikettasche Mumien aus ihnen machte, wo aber der Ofen glühte. Fräulein Laura wusch der Männer gemeinsamen Kragen, Bobbys Eidechsenkostüm hing glitzernd über der Wäscheleine. Man saß auf Herrn Meyers entgleistem Rohrplattenkoffer und sang Schnadahüpfl zur Laute. Man richtete Engel ein Bett her am Ofen, damit er geborgen war, wenn die Malaria ihn überfiel.

Und Engel erzählte mit traurig schluckender Stimme von Gudrun, der Baronesse, die ihn geliebt, als er noch Forsteleve in Deutschland war, beim Grafen von Reiffenstein.

Das Exil dieser Tage erhielt eine Abwechslung dadurch, daß es plötzlich noch kälter wurde.

Es war jetzt so kalt, daß es wirklich nicht anging, länger zu singen:

›Die Luft ist lau, die Täler prangen lenzesgrün‹,

wie es in jenem Begrüßungsmarsch hieß, den man im ›Krokodil‹ vor Rosenlauben gesungen.

Die Damen rieben sich auf der Bühne ganz unverhohlen die Hände vor Frost. Und wenn der Marsch auch ein heißblütiges Tempo hatte: die Worte konnten jetzt nicht mehr an gegen den Rauhreif der Wirklichkeit.

Die Varietébesucher: Totengräber, Kirchendiener, Leichenbitter und Mädchenjäger saßen mit Zapfenschnurrbärten, wenn sie zufällig in die Peripherie des Saales gerieten, in die Nähe eines der großen Fenster.

Auch der Spitzentanz Raffaëlas verfing nicht mehr. Vergebens suchte sie mittels Duftigkeit, Sinnenrausch und Beschwingtheit der Schritte die Illusion eines Maientags aufrechtzuhalten. Ihr Odem wehte wie Höhenrausch. Ihre Nase karfunkelte.

Man stellte wohl in die Damengarderobe einen Petroleumofen. Aber das war wie ein Zündholz im Eisschrank.

Es ging nun auch nicht mehr an, daß der Vetter Flamettis, Herr Graumann, länger mit einem Pappkarton die Gebirgsbewohner der Schweiz photographierte.

So traf dieser Herr, Herr Graumann, Vetter Flamettis, eines Tags bei Herrn Schnepfe ein, just in dem Augenblick, als die Generalprobe zum ›Friedhofsdieb‹ stattfand.

Sehr erstaunt war Herr Graumann, seinen Vetter Flametti in einem langen, schwarzen Talar zu erblicken, als Richter vor einem Stoß Aktenmappen. Eine kleine, zierliche Knabengestalt, dem Richterstuhl gegenüber, schien prozessiert zu werden.

Es handelte sich um einen Friedhof und einen Topf, der gestohlen war; Blumentopf.

Auf der Mitte der Bühne stand eine vornehme Dame, wohl eine Baronin, mit Blicken, die halb auf den Richter, halb auf den Knaben gerichtet waren. Neben ihr krausköpfig ein schmächtiger Herr, der als Zeuge Emil Schmidt figurierte und offenbar seine Rolle noch nicht vollkommen beherrschte; er stammelte, stotterte, war in der größten Verlegenheit.

Herr Graumann trat näher, ein wenig verschüchtert von solch künstlicher Atmosphäre, und legte die Hand vor die Augen, die Szene prüfend auf ihren photographischen Gehalt.

»Von vorn!« schrie Flametti. Und es wiederholte sich der Auftritt, Zeuge Emil Schmidt, – Friedhofsdieb.

Und jener krausköpfige Herr kam mit dem Knaben durch die Kulisse herein, zitternd und bebend, so daß man ihn selbst für den Delinquenten hielt. Er legte mit irren Augen die Hand auf die Schulter des Knaben und sprach:

›Man immer ruhig, mein liebes Kind!
Die Wahrheit darf immer man sagen.
Dann kann man die Strafe, wie sie auch sei,
Mit leichterem Herzen ertragen.
Sprich frisch von der Leber weg.....‹

Engel hustete heftig. Das war nicht verwunderlich, denn hinter der Bühne zog es abscheulich.

Flametti aber war wie ein Stier vor dem roten Tuch, diesem Husten gegenüber.

»Laß das Husten sein!« schrie er und rüttelte seinen Amtstisch, »oder ich werf' dir die Glocke vor den Kopf!«

Eine Glocke gab es auch auf dem Amtstisch, konstatierte Herr Graumann.

Und Engel hustete kurz noch zu Ende, räusperte sich und fuhr fort:

›Sprich frisch von der Leber weg
Und was zur Tat dich getrieben.
Ein Richter ist streng nach Gebühr, wenn es muß...‹

»Hundsfott!« schrie Flametti, »ist das ein Vers?«

›Ein Richter ist streng, wenn sich's gebührt‹, berichtigte Engel, zitternd vor Ergriffenheit,

›Doch weiß er auch Nachsicht zu üben.‹

»Gut!« sagte Flametti, »weiter!« Und er selbst wandte sich an den Knaben:

›Tritt näher, mein Sohn, und habe nicht Scheu
Vor schreckender Tracht und Gebahren!
Und so du begangen hast, was es auch sei,
Hier kannst du es offenbaren.
Tritt näher und sprich! Vielleicht daß alsdann
Ein mildernder Umstand dir etwas Luft schaffen kann.‹

Und Flametti begleitete seinen letzten Satz mit einer erleichternden Bewegung beider Hände, von der Magengegend aufsteigend gegen den Brustkorb.

Herr Graumann fand diese Gerichtssitzung ein wenig romantisch, wenn auch nicht fremd. Hörbar lächelte er.

»Wer ist da im Publikum?« brüllte Flametti, die Hand vor den Augen, und ärgerlich über die neue Störung.

»Hallo Flametti!« rief Herr Graumann hinauf.

Und Flametti: »Ja, Menschenskind, wo kommst denn du her?« Die Glocke stellte er hin und sprang, im Richtertalar, herunter über die Rampe.

»Direkt vom Tessin!«

Da war die Probe vertagt. Die Probe war aus. Und Engel atmete auf.

Herr Graumann blieb, als Flamettis Gast, drei Tage, zur großen Freude des ganzen Ensembles, das er photographierte in allen möglichen und unmöglichen Posen; immer mit dem Pappkarton, den er mit schwarzem Tuch überzogen hatte, und mit dem er furchtbar penibel war. Die Bilder versprach er später zu schicken.

Herr Graumann war ein Original. Ein wenig glich er dem Wurzelsepp aus der bayrischen Bauernkomödie. Die ganze Schweiz bereiste er als Photograph. Mit dem Pappkarton. In die entlegensten Dörfer kam er. Und immer zu Fuß. Auch aus dem Tessin war er zu Fuß gekommen. Wind, Wetter, Eis und Schnee vermochten ihm wenig anzuhaben. Es war sein Beruf, zu wandern. Die Geschäfte brachten es mit sich.

Was wußte Herr Graumann für treffliche Schnurren zu erzählen! Manch ernsthaftes Abenteuer und Rencontre mit der Polizei. Unter Plattenreißern war er der yokerste.

»Herr Graumann!« rief Raffaëla taktlos, »Wie riechen Sie schön nach den Kräutern!« und schöpfte mit der Hand von Herrn Graumanns Luft. »Ist wohl Farnkraut?«

Und Lydia: »Sagen Sie, Graumann, tragen die Wanzen auch Fahnenstangen, wenn sie Versammlung haben?«

Und Fred: »Sie, Graumann, wie macht man das: ›Graumannol‹?«

Denn Herr Graumann hatte in knappen Zeiten ein Mittel erfunden gegen Insektenstich.

»Man nehme«, sprach er, »Urin und Brombeersäure, füge dazu ein Fünftel Salzwasser, das durch die Kiemen von Klippfisch ging. Schüttle das Ganze.«

Reißend waren sie abgegangen, die dreißig Flaschen von je einem halben Liter à zwei Franken fünfzig, die er an einem sonnigen Mittag in Mußestunden verfertigt hatte am Ufer des Lago Maggiore, und die den Vergleich aushielten mit jedem Salmiakpräparat.

Herr Graumann nahm eine Prise, reichlich mit Glas untermischt, damit es die Schleimhäute redlich beize, und Raffaëla und Lydia drangen ihn, sie zu photographieren zusammen mit Lottely.

Das war nun nicht leicht, weil Lotte sich fürchtete vor dem zerfederten Eulengesicht des Herrn Graumann. Aber es ging. Ein halbes Dutzend Visit. Ein halbes Dutzend Kabinett.

Und Herr Graumann griff nach Stativ und Kasten und sagte:

»Bitte, den Kopf etwas schief! Bitte die Hand etwas höher! Bitte etwas freundlicher, sonst kann ich's nicht machen.«

Und schrieb die Bestellung in sein Notizbuch und nahm eine lächerlich kleine Anzahlung. Dann mußte er weiter.

»Kinder!« rief Raffaëla, »das wird ein Vergnügen! Der Mama schicke ich eins! Eins meinem Männe ins Feld! Eins dem Farolyi!«

Doch als Herr Graumann gegangen war, kehrte die alte Langeweile wieder.

Herr Engel, um eine Diversion zu haben, feierte den Namenstag seiner Tante, indem er in fremden Lokalen für eigene Rechnung ausbrach und sich entfesselte. Herr Schnepfe unterhielt sich mit seiner Frau über Tunis, allwo Frau Schnepfe Köchin gewesen war.

Schnepfe konnte das gar nicht für wahr annehmen. Hotelköchinnen in Tunis? Nach seiner, Herrn Schnepfes unmaßgeblicher Ansicht, waren Hotels nicht angebracht in einer Himmelsregion, wo haarige Bestien meckernd über die Wüste strichen; wo Totengerippe und Schädel die Wege markierten. Frauenzimmer hatten dort nichts zu suchen.

Und da man allgemach nicht mehr ausgehen konnte – die Kälte riß einem die Ohren vom Kopfe –, so suchte sich jeder zuhaus nach Neigung und Temperament die Zeit zu vertreiben.

Bobby unternahm umfassende Korrespondenzen zwecks Wiederherstellung vernachlässigter finanzieller Beziehungen. Seine Mußestunden widmete er der Pflege der kleinen Lotte, schneuzte sie, tränkte sie, legte sie trocken.

Engel gab Herrn Meyer sachdienliche Ticks für ein Apachenstück, das Meyer zu Ehren Flamettis entwarf, und versenkte sich in das Studium medizinischer Schriften aus des Herrn Meyer Handbibliothek. Auch schrieb er die Sätze druckfertig ab, die sich aus dieses Meyer strotzender Feder wölbten.

Jenny und Rosa, ein Stockwerk tiefer, schneiderten orangefarbene Matrosenkostüme für ein neues Ensemble, die ›Commis voyageusen‹.

Herr Leporello, Parterre, hatte vertrackte politische Disputationen mit einem vierzigjährigen zelotischen Schriftsetzer, der selbstverfaßte revolutionäre Verse voller ästhetischen Klangs jeden Nachmittag, eh' er zur Arbeit ging, eine Viertelstunde lang, zielbewußt rezitierte.

Weniger friedlich beschäftigten sich die Damen Raffaëla und Lydia.

Solange noch Aussicht war auf Einladungen und Unterhaltung, auf Kavaliere und Konditorei, ging es an. Solange waren sie guter Laune und üppig.

Da ihnen Haushalt und Belletristik nicht lagen, gaben sie selbdritt der kleinen Lotte französischen Unterricht.

»Lottely, sag': ›Bon jour‹!« kreischte Raffaëla.

»Lottely, sag' ›Rabenmutter‹!« ärgerte sich Lydia und gab Raffaëla einen Stoß.

»Lottely, sag' ›Voulez-vous coucher avec moi?‹!« stichelte Raffaëla und schoß den Vogel ab.

»Gib das Kind her! Halt' doch deinen Mund!«, entrüstete sich Lydia. »Ich würde mich schämen! Was die dem Kind beibringt, diesem unschuldigen Seelchen! Gib das Kind her, du Fetzen!«

Und sie zerrten das schreiende Lottely hin und her, daß Lottely selbst nicht mehr wußte, wer da die Mutter war.

Am Abend indes bei der Vorstellung waren Mutter und Tante längst wieder versöhnt.

Übermütig und ausgelassen stocherten sie, wenn Bobby seinen Bogen schlug, mit den Angelruten der ›Nixen‹ durch die Kulissenwand nach Bobbys Bäuchlein und knäbischer Druse.

In der Garderobe kneipten sie mit den Lockenscheren die sanftmütige Rosa, daß diese, halb ausgezogen und mit beiden Händen den wertvollen Busen schützend, laut kreischend, bis auf die Bühne rannte.

Als aber die Kavaliere ausblieben und sich auch sonst nichts regte, wandte sich auch bei ihnen das Temperament mehr nach innen.

Das bißchen Vorstellung, die paar Tänze, der Schnack, das alles resorbierte sie nicht. Der Zirkus beschäftigt mehr, fordert mehr Kraftaufwand, bietet indes auch mehr Sensation und Belustigung.

Sie vermißten die nötige Reibung, den Zug, den Elan. Die Verpflanzung bekam ihnen nicht. Die Stille reizte sie auf.

Als man am Mittagstisch saß, kamen zwei Briefe an: einer für Lydia, einer für Raffaëla.

»Ein Brief von meiner Mama!« rief Lydia, riß das halbe Tischtuch mit, als sie aufsprang, und las gierig, mit langem Gesicht.

»Ein Brief von meinem geliebten Männe!« schrie Raffaëla und tanzte, den Brief in der Luft mit Küssen bedeckend, auf den Filzpantoffeln.

Leporello, neugierig, brachte seinen Kaumechanismus ins Stocken.

»Was schreibt se denn?« fragte er und schnitt auf dem Holztisch sein Brot.

»Ach, unsre liebe Mama! Das ist eine gute Mutter!«, schmachtete Lydia. ›Meine lieben Kinder! Seid ja recht artig und zankt euch nicht!‹...«

»Ach, mach' nicht so'n Getöse!« rief Raffaëla. »Du mit deinem Geschmachte! Als wenn es nur deine Mutter wäre! Meine Mutter ist's ebensogut!«

»An mich ist der Brief adressiert!«

»Weil du beständig den Hader bringst!«

»Ich?« kreischte Lydia, durchschaut. »Unverschämte Person!«

Und schon lagen sie sich in den Haaren.

Die Briefe von Mutter und Gatte vermischten sich unter dem Tisch. Lottely, die soeben noch munter mit ihrem Zinnlöffel den Tisch bearbeitet hatte, ließ ab von dieser Beschäftigung und suchte mit einem resolut angesetzten, heulenden »Bäh!« die Aufmerksamkeit ihrer Mutter von der sympathischen Lydia abzulenken.

Flametti schimpfte und Lepo zog unter dem Tisch sein Sprungbein an, um einzugreifen, falls der Streit peinlichere Dimensionen annehmen sollte.

Jenny allein beschwichtigte:

»Kinder, na setzt euch! Das Fleisch wird ja kalt!«

Es wurde schlimmer von Tag zu Tag. Die wahre, die Zirkusnatur kam zum Vorschein.

Welch ein Schreck für das ganze Ensemble und auch für Herrn Schnepfe, als eines Tags in der Vorstellung die Eisenstütze des Drahtseils, die am Parkett des Herrn Schnepfe festgeschraubt war, ganz unvermittelt herausbrach, samt einem halben Quadratmeter Parkett!

Raffaëla tanzte gerade den Matchiche. In fliederfarbenem Satinröckchen, den einen Fuß vorschiebend über den ›Telegraphendraht‹, wie Flametti zu sagen pflegte, den andern Fuß nach rückwärts hoch in die Luft geschlagen, den Japanschirm in gezierter Hand, hielt sie bedacht die Balance, so heftig schaukelnd und mit dem Japanschirm schlagend, daß die Petroleumhängelampen des Herrn Schnepfe in blutiger Majestät sich verfinsterten.

Schon hatte sie die Mitte des Seils erreicht: da krachte der Boden. Der Eisenträger neigte sich und das ganze Spektakel, Raffaëla im Fliederkostüm, der Japanschirm, das vorgeschobene Bein und das hochgeschlagene Bein, fielen auf dem geknickten Telegraphendraht ineinander.

»Ach Gott, meine Schwester!« schrie Lydia, als stürzte ein Neubau zusammen, »helft ihr doch! Zieht sie doch heraus! Ach, ihr lieben Leute, helft ihr doch!«

Es war jedoch nicht viel passiert. Das Seil war nur ein Meter achtzig hoch gespannt. Raffaëla lag wohl am Boden, der Schirm daneben. Aber sie schien sich nur auszuruhen. Abgestürzt war sie aus luftiger Höhe und dem Publikum bot sich Gelegenheit, ihre Schenkel zu besehen, wie man eine Schwalbe besieht, die sich an schwindelnder Kirchturmspitze den Kopf einstieß und nun plötzlich, den Blicken der Gaffer preisgegeben, ganz nahe am Boden liegt.

Aus dem Schreck kam man nicht mehr heraus. Immer fiel seit diesem Begebnis Raffaëla irgendwo herunter.

Von der Bühne fiel sie herunter und hätte sich fast das Bein gebrochen.

Von der Treppe fiel sie herunter; polternd kam sie angerutscht. Und man mußte den Arzt holen.

Vom Draht, der jetzt der Länge nach durch das Lokal gespannt war, fiel sie ein zweites Mal herunter, mitten auf einen mit Gästen besetzten Tisch, wo sie, zwischen Biergläsern, verdutzt und verschämt einen Augenblick lächelnd stehen blieb, eine bierschaumgeborene Venus.

Bösartig aber gebärdete sich Lydia.

Sie schimpfte aufs Essen, auf ihr kaltes Zimmer, auf die Männer, die samt und sonders Sklavenhalter und Ausbeuter, Tagediebe und Unterdrücker seien, die kein Geld herausrückten.

Sie lieh Jennys Petroleumofen aus und gab ihn, ausgebrannt, ruiniert und durchlöchert zurück.

Hin war der Respekt vor Flametti und seinen ›Indianern‹.

Wenn sie Flametti sorgfältig sich schminken sah in der Garderobe, schminkte sie selbst sich in niedriger Farcerie ostentativ einen Körperteil, von dessen Ausbeutung für Theaterzwecke selbst die Wilden der Südsee sich nichts hätten träumen lassen.

»Wart' nur! Ich werd' es der Mama schon schreiben!« rief Raffaëla verletzt und entrüstet.

Aber dann brach die empfindsam Lydia in heftige Tränen aus:

»Nicht einmal Spaß darf man machen! Was hat man denn noch vom Leben? Aufhängen möchte man sich!«

Und als eines Tages sich Leporello die Freiheit nahm, mit Flametti zusammen einen Rennstall zu besichtigen, brach zwischen Lydia und Lepo ein solch abgründiger Haß aus, daß sich Herr Schnepfe genötigt sah, noch spät in der Nacht mit seinem prämierten Wolfshunde einzuschreiten.

»Judenverkäufer! Bandit! Unterdrücker! Schmierfink!« schrie Lydia, von Raffaëla gezaust und von Lepo zerdroschen, daß es weithin den Gang und das Haus durchgellte.

Sogar Jenny, die sich in Wahrheit aufopfernd benahm – sie lieh ihren Protegés das halbe Boudoir aus, Brennschere, Seife, Nachttopf, Benzin –, wurde in Mitleidenschaft gezogen.

»Du, Jenny«, sondierte Raffaëla, als sie an Jennys Namenstag traulichen Streuselkuchen zum Kaffee bekam, »Wie ist das denn mit der Traute geworden? Schreibt er ihr noch? Der schreibt ihr doch sicher noch! Meinst du nicht auch?«

»Nein, nein«, meinte Jenny bedeutungsvoll, »der schreibt ihr nicht mehr. Dem ist die Lust vergangen. Das hat sich ausgeschrieben.«

Und einige Tage später: »Du, Jenny, der hat was mit der Soubrette. Der Lepo auch. Gib mal acht, wenn sie singt! Ist dir denn das noch nicht aufgefallen?«

»Geh'«, sagte Jenny, »du träumst!« Aber sie nahm sich vor, auf der Hut zu sein.

Und Raffaëla in ihrer Strohwitwenschaft, leistete sich's, mit Flametti anzubändeln.

Sie hielt ihn nach alledem, was Jenny ihr anvertraut hatte, für einen Naivling.

Schon duzten sie sich, trotz Flamettis erklärter Antipathie, als eines Tags Jenny dahinterkam in der Garderobe.

»Was ist denn nun das?« schrie sie, hochrot und abgetrieben von dieser ewigen Hetzjagd hinter dem Gatten her, »mit einer verheirateten Frau fängst du auch noch an? Hast du noch nicht genug mit dem einen Prozeß? Willst du uns ganz ruinieren?«

»Und du, Raffaëla, schämst du dich nicht?«

»Prozeß? Prozeß?« staunten Lydia und die Soubrette zugleich.

Herr Meyer aber verfinsterte sich noch tiefer.

Während Herr Engel, sein Sekretär, Fortschritte machte in der druckfertigen Abschrift des langsam anschwellenden Apachenstücks, gönnte Herr Meyer seiner Inspiration nicht Ruhe noch Rast.

Tag und Nacht saß Herr Meyer, durchstreichend, was er geschrieben, neu ordnend, was sich nicht fügen wollte. Ja, es konnte passieren, daß die Inspiration ihn in Momenten heimsuchte, die in der rastlosen Hingabe an Fräulein Laura gipfelten; daß es ihn aus dem Schlaf auftrieb inmitten der Nacht. Dann schnellte er aus dem Bett mit gesträubten Haaren, und nicht ließ er locker, bis daß der Gedanke gefesselt war.

»Laura«, sagte Flametti, als eines Tags Herr Meyer wieder mit völlig gelähmten Augenlidern bei Tisch erschien, »sagen sie doch dem Meyer, er soll sich nicht gar so quälen mit seinem Ensemble. Wissen Sie: ›Die Apachen‹ – offen gestanden – gefällt mir nicht recht. Verstehen Sie wohl: gefällt mir schon. Aber es ist zu direkt. Das Publikum stößt sich dran. Man muß Rücksicht nehmen. Außerdem wird es nächstens bei uns entscheidende Veränderungen geben.«

Fräulein Laura machte große Augen.

Sie hatte mit Engel bereits den ›Apachentanz‹ einstudiert, der zwischen Messergefunkel und einem entrissenen Portemonnaie viel rüde Körpergymnastik und mancherlei Aneinanderpressen der Hüftbecken mit sich brachte.

»Veränderungen?«

»Ja, Veränderungen. Im Vertrauen gesagt: Mit den Zirkusleuten – das geht so nicht mehr. Leporello – allen Respekt. Aber die Weiber – unmöglich. Meine Frau hat sie engagiert. Wir brauchten Ersatz für die Häslis. Gut. Aber jetzt ist es so weit, daß sie selbst schon verrückt wird.«

Und als Fräulein Laura erschrocken und sehr besorgt nach Worten suchte:

»Der ganze Kram ist mir über. Es gibt keine Achtung mehr, keinen Respekt in der Welt. Keine....«

»Grandezza«, wollte er sagen. Er suchte das Wort, fand es nicht und ersetzte es durch eine Geste.

»Nur Gemeinheit. Auch meine Frau: sie meint es ja gut. Aber vom Höheren versteht sie halt nichts. Die Weiber haben das an sich: sie sind gemein. Niederträchtig alle. Das ist es. Sie sind aus Prinzip gegen das... das...«

Wieder blieb ihm das Wort aus.

»Sie sind aus Prinzip dagegen. Leer sind sie und dumm wie der Teufel. Alles ziehen sie in den Dreck. – Sie hat mir den Zirkus ins Haus gebracht. Wer weiß, warum. Vielleicht nur, weil sie's allein nicht schaffen konnte. Man kommt auf den Hund.«

Laura versuchte zu lächeln.

»Ach was! Depressionen!« rief sie und schwenkte den Lockenkopf. »Geht vorüber. Sowie der Besuch sich hebt. Sowie der Erfolg einsetzt. Müssen es denn gerade die ›Indianer‹ sein? Es gibt doch andere Nummern!«

Aber Flametti schüttelte den Kopf.

»Unverstand von der Jenny. Ah, diese ganze schäbige Wirklichkeit! – – Schad', daß der Türke hoch ging. Es war eine Beruhigung, so einen Mann in der Welt zu wissen; solch eine Quantität von Opium, Kokain und Haschisch.«

Laura lächelte, gütig, bewundernd.

»Eine Freundin von mir, Russin, hat Kokain. Ich werde ihr schreiben...«

Und eine zarte Sympathie entstand zwischen beiden, Anlaß zu manchem Vertrauen.

Eines Tags aber sah man Flametti ganz besonders niedergeschlagen.

Eine Vorladung war gekommen, vom Bezirksanwalt. ›Mißbrauch und Mißhandlung von Dienstpersonal, Verführung Minderjähriger‹. Traute und Güssy hatten Anzeige erstattet.

»Was hast du gesagt?« bestürmte Jenny den Gatten, als er vom Untersuchungsrichter zurückkam.

»Was hab' ich gesagt?« brummte Flametti, »das kannst du dir denken. Es kommt zum Prozeß.«

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