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Flagranti und andere Heiterkeiten

Ludwig Hevesi: Flagranti und andere Heiterkeiten - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleFlagranti und andere Heiterkeiten
authorLudwig Hevesi
year2009
firstpub1910
publisherMetroverlag
addressWien
isbn3-902517-97-5
titleFlagranti und andere Heiterkeiten
pages94
created20101007
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Flagranti

Ein Reiseerlebnis.

Mein interessantestes Erlebnis auf der Weltausstellung zu St. Louis war doch der Ausflug nach Flagranti. Der Leser staunt, nicht mit Unrecht. Es ist wirklich so; Flagranti. Das nämliche Flagranti, in dem schon so viele Missetäter ertappt worden sind; namentlich Helden und Heldinnen von sogenannten Cheirrungen. Die Amerikaner sind ein praktisches Volk und so unternahmen etliche das Geschäft, eine wirkliche Stadt Flagranti zu gründen, und zwar G. m. b. V. (Gesellschaft mit beschränkter Verhaftung), mit allen Bequemlichkeiten für durchgegangene Liebes- und Eheleute. Sie machten das Geschäft mit dem Gemeinderat des Städtchens Centralia, zwölf Stunden Expreß von St. Louis, genau im Zentrum der Vereinigten Staaten gelegen, so daß es von überall her gleich schnell zu erreichen ist. Centralia wurde im Jahre 1898 in Flagranti umgetauft und ist heute eine hochmoderne Stadt von 180.000 Einwohnern, mit einem jährlichen Wachstum, das in der Union nicht seinesgleichen hat. Mr. Datan Ubiram Marryat, Friedensrichter in Flagranti, den ich in St. Louis kennen lernte, lud mich in sein Haus ein, wo ich acht Tage in eitel Verdutztheit und Bewunderung verbrachte.

Wir fuhren dahin mit einem D-Zug. Nach Flagranti gehen überhaupt nur D-Züge, nämlich Durchgangszüge. Wer jemals durchgegangen ist, wird dies ohne 72 weiteres begreifen. Unterwegs erklärte mir Mr. Marryat die ganze Geschichte des Geschäftes. Sie war reich an Aufregungen und die Unternehmer hielten sich wiederholt für ruiniert. Aber der kerngesunde Kern dieses Conzerns drang durch und heute ist Flagranti die verhältnismäßig reichste Stadt der Union. Sie zählt 7 Milliardäre und 139 Millionäre, unter einer halben Million Dollars gibt es überhaupt keinen Ortsansässigen und diese Ärmsten der Armen werden in den Listen als »Bettler« geführt. Trotz aller Riesenreklame kam anfangs kein Mensch nach Flagranti. Natürlich, da alle Welt weiß, daß man dort in der Regel ertappt wird. Dann besannen sich plötzlich die verlassenen Ehehälften und strömten gerade deshalb nach Flagranti, um ihre unsichtbar gewordenen Gatten, beziehungsweise Gattinnen zu ertappen. Dies war die erste große Geschäftsperiode der Stadt. Nicht die Durchgegangenen, auf die man gerechnet hatte, brachten diesen volkswirtschaftlichen Aufschwung, sondern die ihnen Nachgereisten. Dann kam der merkwürdige Umschwung. Da in Flagranti nie jemand ertappt wurde, hörte der Zustrom der Nachreisenden schließlich auf und die Hotels von Flagranti standen leer. Bis die zweite, noch glänzendere Geschäftsperiode begann, der Zustrom der wirklichen Durchgänger, die sich nun nirgends sicherer fühlen konnten als gerade in Flagranti. Und diese Epoche steht seit 1903 in voller Blüte. Die Stadt zählt 87 Hotels und 398 Pensionen. Das Grand Hotel Flagranti an Heymann Avenue ist nur für Millionäre eingerichtet. (Ich bemerke 73 nebenbei, daß jene Hauptstraße der Stadt eigentliche Hymen Avenue heißt, Hymen wird aber auf anglo-amerikanisch Heymann ausgesprochen.) Die Pensionen heißen meist »Refuge« (Zufluchtsort) oder »Asylum«. Elysium Refuge, in einem reizenden Naturpark, ist besonders zu empfehlen, aber auch Hotel-Pension Flirt ist allerersten Ranges. Sehr bedeutend haben sich die Geldinstitute entwickelt, an ihrer Spur die Flagranti National Bank, dann die Erste Deutsch-Amerikanische Ertappungsbank G. m. b. V., ferner die Securitas Versicherungsbank gegen Heimholungsgefahr. Der prächtige Wolkenkratzer gegenüber dem Grand Hotel Flagranti ist die Divorce Station (Scheidungskanzlei), wo nachgerade das gesamte Ehescheidungswesen der Union in einer Hand vereinigt ist. Der 300 Fuß hohe Schlot dahinter, der höchste in Amerika, gehört zur Fabrik des Parfüms »Flagrantin«, von dem sozusagen die ganze Grafschaft duftet. Daneben sieht man ein winziges, ebenerdiges Gebäude mit der Aufschrift: Arrestation Office, also etwa Ertappungsamt. Es hat nur einen einzigen Beamten, der zufällig immer einjährigen Urlaub hat. Auf der parkierten Anhöhe dahinter stehen mehrere elegante Großbauten. Vor allem das Spital für Ehekrüppel und überhaupt Matrimonialklinik, mit brillant eingerichteter Rettungsstation verbunden. Der Brütofen für frühgeborene Kinder ist sehr zweckmäßig mit dem Gebäude für Feuerbestattung verbunden; die nämliche Wärme dient für beide Zwecke. Nebenbei darf auch bemerkt werden, daß in Flagranti auch das 74 Leichenautomobil schon eingeführt ist; gegen unsere altmodischen Leichenwagen jedenfalls ein Fortschritt. Aus jener Gebäudegruppe ragt der hohe Campanile der katholischen Kathedrale empor, die dem heiligen Sixtus Dahastus gewidmet ist. Überhaupt ist Flagranti reich an Kirchen und Kapellen aller Bekenntnisse. Sogar eine Moschee ist vorhanden, doch davon später. Die altkatholische Kapelle ist dem heiligen Gottlob geweiht, das anglikanische Oratorium der heiligen Laetitia (es gehört zum Laetitiaklub). Überhaupt wimmelt es von solchen glückstrahlenden Namen. Auch der Hauptklub der Stadt heißt »F. und F.«, was Felix und Felizitas bedeutet. Dieser befindet sich in einem feinen Marmorbau, mitten in Seduction Square, einer Gartenanlage ohne Bänke, das heißt ohne sichtbare, denn sie stehen sämtlich in Dickichten von Blumen. Auf diesem Hügel, Mount Flagranti genannt, steht übrigens auch das großartige Matrimonial Museum. Ein Ehemuseum, einzig in seiner Art und voll Kuriosa ersten Ranges. Ich sah dort unter anderem die sechs Eheringe Heinrichs VIII., sämtlich als falsch beglaubigt.

Doch mit alledem greife ich eigentlich den Ereignissen vor und werde der reine Baedeker. Schon anregende Bekanntschaften. Es reisten fast lauter Pärchen, auch bestand der Zug aus lauter Cabinets séparés. Als durch den Schaffner die Anwesenheit des allverehrten Friedensrichters Marryat ruchbar wurde, sandten sie sämtlich ihre Visitenkarten, und zwar mit falschen Namen. Jeder Ankömmling muß nämlich einen 75 sogenannten Flagrantinamen haben; Falschmeldung ist dort obligat. Beim Lunch im Speisewagen kamen wir einem solchen Pärchen ganz nahe. Aus New Orleans kam es und schwamm in etwas, was hoffentlich Glück war. Beß und Clay hießen sie. Clay natürlich nach dem berühmten Patrioten Henry Clay, nach dem auch die gewissen Havannazigarren benannt sind. Deshalb vielleicht sammelte Beß im ganzen Zuge die Zigarrengürtel, zu wohltätigem Zweck. Clay hatte ihr nämlich eingeredet, diese würden nach Afrika verschickt, als Trauringe für die Mohren. Solange ein solcher Ring halte, sei auch die Ehe gültig. Das leuchtete der kleinen Durchgängerin auf ihrer Liebesreise ein. Sie war schön wie der Tag ... und dumm wie die Nacht. Ein wahres Minimalgehirn hatte sie (sichtlich) in ihrem Köpfchen, aber die umständliche Frisur ersetzte den Mangel vollauf. Und dann schien sie immer plötzlich einen Gewissensbiß zu verspüren und starrte ganz ratlos vor sich hin. Sie saß dann da wie Maria auf den Trümmern Karthagos. Und doch war sie voll im Rechte gewesen, ihrem Manne durchzugehen. Eigentlich war Bobby dran schuld. Das ist sein Hund, und der färbt ab, weil er sich immer im Maleratelier herumkugelt. Und Beß trägt immer weiße Kleider. Unmögliche Situation für eine Ehefrau, die sich proper halten will. Und eigentlich war ihr Durchgang auch nicht ganz so kraß, wie bei mancher anderen Unglücklichen, denn Clay war sozusagen ein Verwandter. Kein sehr naher, aber immerhin so etwas wie ein Milchbruder. Ein sterilisierter Milchbruder, das kann nicht 76 gesundheitsschädlich sein. Und ihr Mann würde ja doch heute oder morgen sterben; an chronischem Schlagfluß, zu dem der Arme neigt. Ihr erster Mann (einmal war sie schon geschieden) hatte sich erhenkt. Er war nämlich Vegetarier, und das ist eine vegetarische Todesart, wegen der Pflanzenfasern im Hanf. Da war doch Clay ein ganz anderer Schlag. Nerven wie Stacheldraht, pflege er selbst zu sagen. Ein verführerischer Mann, nicht wahr? Bei gewissen unpassenden Ausdrücken müsse sie freilich ein Ohr zudrücken, denn sie sei durchaus gegen alles Shocking. Zum Beispiel, wenn er seine Zirkusausdrücke gebrauche. Eine Frau müsse wie ein Pferd »durchgeritten und wendig« sein. (Ich vergaß anzumerken, daß das Pärchen deutsch-amerikanisch war.) Er sei nämlich früher Kavallerieoffizier gewesen und das mache gewissermaßen zynisch. Von »Produktionen auf dem ungesattelten Weibe« und dergleichen Zeugs schwärme er. Und sie glaube an seiner Seite einem dauerhaften Glück entgegenzugehen, obgleich er einmal so exzentrisch war zu behaupten, eine Frau sei das Gegenteil eines Krebses, nämlich nur in den Monaten mir R zu genießen. Ein schrecklicher Mensch, nicht wahr, aber lieb ... schrecklich lieb.

Das war der vertrauliche Ton, in dem sie alle mit Mr. Marryat sprachen. Wie denn nicht? Mit dem ehrwürdigen Friedensrichter von Flagranti, von dem sie ja alle so vielfach abhingen oder gelegentlich abhängen konnten. Man kann ja nie wissen, was geschieht. Dieser liebe alte Papa (der selber vor zwei Jahren seine goldene Hochzeit gefeiert hatte) war wie der 77 Beichtvater aller, vor dem es lächerlich gewesen wäre, Geheimnisse zu haben. Bei ihm war immer Trost und Hilfe; sogar Bekehrung und Versöhnung, wenn es für die Betreffenden das Passendste war. Auch in Flagranti kann man ja ein Christ sein und bleiben. Ein Ehesystem ohne Flagranti ist nun einmal schwer denkbar, wenigstens hat's der bisherige Lauf der Welt gezeigt, und das vom self-made man ist schließlich eine der größten Lügen, denn self-made Menschen gibt es nur in sehr übertragenem Sinne, also ... kurz und gut ... Das waren so die Gespräche auf dem D-Zug St. Louis-Flagranti. Daß Clay ein ausgemachter Rohpatron war, lag ja von vornherein auf der Hand. Aber er hatte wenigstens auch den Witz seiner Situation. Einige Tage später, als er mit Beß bei Friedensrichters zu Besuch war, hielt er mir seine Zigarrentasche hin, mit schönen Henry Clay gefüllt, und sagte halblaut, bloß für mich: »Warum in die Ferne schweifen, Sieh die Gute liegt so nah.« Die! Das bezog sich offensichtlich auf die Zigarre, ... ich möchte sagen, auf eine ganz andere.

Der lieblichste Fleck in Flagranti ist Paradise Lane. Das ist eine mit himmelblauen Glycinien und gelbem Goldregen gar festlich aufgetafelte Allee von kleinen Landhäusern »Cots« (was Cottages bedeutet), Chalets, Pavillons, Hotelchen im Stil Champs-Elysées, und auch einfachen, ja schon ganz einfältigen Hütten. Manche Einwanderer wollen nämlich gar nicht mehr fort aus dem schönen Flagranti und sagen: hier laßt uns Hütten bauen. Wie seinerzeit die chaumière 78 indienne, eine Strohhütte mit Strohdach; imprägniert natürlich, gegen Feuersgefahr. Raum ist in der kleinsten Hütte usw. Mr. Marryat führte mich in manches solche Heim eines glücklich liebenden Paares. Eines hieß Serafinens Nest, ein anderes Angelikas Winkel. Frau Serafine lebte da in ganz anderen Umständen und fühlte sich glücklich. »Mein Mann schlief die ganze Nacht wie ein Murmeltier«, sagte sie zu Mr. Marryat. »Nun ja«, erwiderte dieser im Scherz, »und das ewige Murmeln störte Sie im Schlafe.« Sie kam gerade aus dem Hause, einen mächtigen Schinken in der Hand; bei näherer Besichtigung stellte es sich als ihr im Futteral getragenes Racket heraus, denn sie ging gerade zum »Tennis der Entführten« (Elopement Tennis), dessen Komitee sie angehörte. Wir traten dafür in »Angelikas Corner« ein. Es lockte schon von weitem, durch Klavier und Gesang. Angelika sang, von ihrem Herzliebsten begleitet, ein ergreifendes deutsches Lied, aber mit mutwilligen Variationen. »Es ist im Leben grauslich eingerichtet, wie schon der große Dichter Scheffel sagt ...« Mit besonderem Frohsinn sang sie aber den Vers: »Am Ende kommt das Auseinandergehn.« Sie waren überhaupt ein fröhliches Gespann Menschlein. In ihrer Wohnstube hatte sie fast gar keinen Hausrat. Nur ein Tisch stand in der Mitte und an der Wand ein Bett. Diese beiden Möbel mußte man schlechterdings haben, denn wovon sollte man sonst geschieden werden? Sie machten sich ein kleines Freudenfest aus dem Malheur. Frl. Angelika verdankte ihr Glück oder Unglück einem reinen 79 Zufall. Einem Druckfehler in einem Inserat. Sie hatte sich als eine »Kontoristin« angekündigt, erfahren in Korrespondenz, Maschinschreiben, Sprachen und anderen Kontortugenden, der Setzer aber hatte gesetzt: »Junge Kontorsistin.« Also etwas wie eine Schlangendame, Parterre-Akrobatin, überhaupt eine pikante Variéténummer. Ein junger Bankier hatte die Anzeige gelesen. Eine Maschinschreiberin, die, wie es im »Taucher« heißt, hundert Gelenke zugleich regen kann! Kurz, er bog sie sich bei ... Und dann bog sie sich ihn bei. Und dann saßen sie eines Tages im D-Zug nach Flagranti.

Man glaubt ja gar nicht, wie diese Dinge oft zustande kommen. Auf die allerphilisterhafteste Weise. Bei einer Garden Party, die Mr. Marrhot zwei Tage später gab, lernte ich mehrere sehr interessante Exemplare kennen. Auch den Heldenbariton der Oper, Signor Amorino Amorini, der jetzt hier engagiert war; ich hatte ihn den Abend vorher den Don Juan singen hören. Gleichzeitig spielte seine Reisegefährtin im Adam und Eva-Theater die »Titelrolle« in Sardous »Divorçons«. Die Theaterrepertoires in Flagranti sind nämlich auch so sach- und fachgemäß zusammengestellt. Signore Amorino Amorini hieß natürlich auch ganz anders. Er hieß Vaclav und war aus Przelautsch, und sein Stamm waren jene Schokolauschek, welche durchgehn, wenn sie lieben. Er war aber einmal auch in Wien engagiert gewesen und hatte da einen Freund gehabt, der sich sehr auf Frauen verstand. Und der hatte zu sagen gepflegt: »Lieber Freund, immer die 80 nämliche Frau, das ist, als wenn ich jeden Abend das nämliche Abendblatt lesen würde. Was immer da vorkommt, das hab' ich schon vorgestern gelesen, oder vorige Woche, oder voriges Jahr. Dieselben Tagesneuigkeiten, dieselben Moritaten, dieselbe Revolution in Konstantinopel oder in San Domingo, dieselben Audienzen.« Und diese skeptische Weisheit ging dem Sänger des Don Juan nicht mehr aus dem Kopfe. Er erzählte es auch jedem, und das dauerte immer eine Stunde lang. Es gibt Leute, die kurz angebunden sind; Amorino Amorini war lang angebunden.

Eine andere Ehe war in die Brüche gegangen, weil förmlich das Unglück bei ihr Paten stand. Man denke sich diesen ganz vereinzelten Fall. Unter den Hochzeitsgeschenken war auch ein silbernes Speiseservice für zwölf Personen. Und wie man es das erstemal benützt, sieht man zum allgemeinen Entsetzen, daß es dreizehn Bestecke enthält. Das war noch nicht da. Das konnte unmöglich gut ausgehen. Also ging es so aus, was ja noch immer besser ist als etwas Schlimmeres.

Eine dritte Ehe scheiterte einfach an der Schwerhörigkeit des Gatten. »Wie soll man da nicht anbandeln?« sagte die reizende Durchgängerin im naivsten Tone, »das muß man ja nützen!« ... Es gibt aber immerhin einzelne in Flagranti, die wirklich Übermenschliches an Gattentreue, an ehelicher Anhänglichkeit geleistet haben. Eine stand in allgemeiner Verehrung und der Sheriff hatte ihr sogar schon einen Heiratsantrag gemacht. Diese früher sehr schlanke Dame hatte sich, um den ästhetischen Neigungen ihres Mannes 81 Rechnung zu tragen, einer heroischen Verfettungskur unterzogen, was ihm dann aber erst recht nicht recht war. Und da eine andere Dame durch ihren »falschen Blick« ihn besonders fesselte, unterzog sie sich einer Augenoperation, wie man sie sonst gegen das Schielen macht, aber in umgekehrtem Sinne. Sie schielt jetzt großartig, aber wie die Männer schon sind, nun konnte er sie gar nicht mehr ansehen. Da nahm sie ihren Schmuck und sein Geld und ging mit dem ersten Besten nach Flagranti.

In der obenerwähnten Moschee hörte ich eine Predigt des Imam Inschallah-ben-Mufti. Das Gotteshaus war gesteckt voll, obgleich es in Flagranti einstweilen noch keine Mohammedaner gibt. Jetzt dürften bald auch durchgegangene Harems eintreffen. Der Imam ist ein sehr geistvoller und moderner Mensch. Er bewies haarklein, daß dem Islam die Zukunft gehört, weil er die modernste aller Religionen ist. Die einzige wissenschaftliche im heutigen Sinne. Der Islam verbietet den Alkohol, was die christlichen Völker erst jetzt auf Kongressen und dergleichen anstreben. Er verbietet das Duell, mit dem die westlichen Gesetzgeber nicht fertig werden. Er gestattet die Vielweiberei, die im Abendlande in unerlaubter Weise erlistet und errafft wird und so viele nach Flagranti führt. Er stellt das Prinzip des Kismet auf, des Fatalismus, dieses wirksamsten Beruhigungsmittels für die Nerven. Er ist tolerant und gibt Christus und Moses ihren Rang, ein Beispiel für alle anderen Religionen. Kurz, er hat vor tausend Jahren schon den Gläubigen ewige Güter 82 geschenkt, um deren Erwerb die Ungläubigen noch tausend Jahre lang verzweifelt ringen werden. Inschallah-ben-Mufti führte das alles sehr schön aus und hatte einen großen Erfolg. Der Bürgermeister von Flagranti beglückwünschte ihn, er wurde während der Rede von allen Seiten photographiert und nahm schließlich den Heiratsantrag einer der sprödesten Damen von Flagranti an, Mrs. Arabella Motosickel, deren Geschichte auch ihre besondere Psychologie hat. Wie gesagt, sie war spröd und unnahbar, wie ein Nordpol. Aber ein Gentleman ging ihr stark nach und gab sich viele Mühe. Da wies sie ihn entrüstet ab. Da sagte er im Tone der absoluten Diskretion: »Pardon, Madame, ich wußte nicht, daß Sie ... leidend sind.« Sie, außer sich ... leidend!!? Er unterstand sich zu glauben ... !!? Und von da an hatte sie nur noch einen Gedanken: ihn zu überzeugen, daß sie gesund war. Und das Ende war Flagranti ... Ich empfehle dieses Motiv Roverto Bracco, für eine moderne Komödie. Das ist ja sein Genre.

 

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