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Flagranti und andere Heiterkeiten

Ludwig Hevesi: Flagranti und andere Heiterkeiten - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleFlagranti und andere Heiterkeiten
authorLudwig Hevesi
year2009
firstpub1910
publisherMetroverlag
addressWien
isbn3-902517-97-5
titleFlagranti und andere Heiterkeiten
pages94
created20101007
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Russische Gedanken eines Kunstfreundes

Wenn ich Kunsthändler wäre, weiß ich, was ich jetzt täte. Ich ginge nach Rußland und wäre sicher, meinen Schnitt zu machen. Übers Jahr wäre ich Millionär, über zehn Jahre Milliardär; Billionäre und Billiardäre gibt es ja nicht. Aber das Geschäft ist todsicher. Ich predige unseren Sammlern längst, warum sie denn noch immer in Tirol und Bayern nach alten geschnitzten Schränken und gestickten Kelchtüchern herumschnüffeln, wo doch längst alles ausgeschachert ist und die Wurmstiche angeblich alter Möbel vom Tischler mit dem Bohrer fabriziert werden. Sie gehen doch wieder nach Sterzing und hoffen, das dortige, einzig alte Lüsterweibchen werde vielleicht doch keine Tugend gewesen sein, sondern für sie etwas Familie hinterlassen haben. Der Mensch nährt sich von solchen altbackenen Illusionen. Von jeher sage ich: Rußland ist das einzige Land, wo man noch sammeln kann, weil es noch nicht ausgesammelt ist. Rußland ist ein Museum, ohne es zu ahnen. Und zwar des achtzehnten Jahrhunderts, das jetzt die höchsten Liebhaberpreise hat. Man stelle sich nur die Kaiserin Katharina vor, wie sie den haarsträubendsten Luxus von Paris in ihr Reich einströmen läßt. Woher kommen denn die fabelhaften Kunstschätze der Eremitage? Gewiß nicht von der unbezwinglichen Sucht nach Kunstgenuß, wohl aber davon, daß bei der Erwerbung jedes Rembrandt das Dreifache des Betrages von den Agenten und Hofbeamten 63 gestohlen wurde. Jedes solche Bild ist mit einem Unterschleif gefüttert und mit hohen Trinkgeldern gefirnist. Darum hatte man einen so feinen Blick für die bestechenden Eigenschaften. Man wußte sofort, was es damit für eine Bewandtnis habe, daß den Bildern dieses Meisters ein sogenannter Goldton nachgerühmt wird. Daher die große allgemeine Passion nach dem Goldton, der die Hofstellen ergriff, die grenzenlose Schwärmerei für Rembrandt. Und so gibt es in Rußland Rembrandts »zum Schweinefüttern«, und da die russischen Schweine das Zeug nicht fressen mochten, sind diese Meisterwerke noch jetzt erhalten.

Und ebenso ging es beim hohen und niederen Adel, beim rubelreichen Bürgerstand. Auf den Schlössern, in den Landhäusern hauste der Einrichtungsteufel. Alles eilte, sich europäisch einzurichten, von den ersten Meistern. Ein Schreibtisch von Riesener, eine Kommode von Röntgen wurde buchstäblich mit Gold aufgewogen. Noch unter Napoleon arbeitete der erste Pariser Buchbinder Bozerian jährlich Tausende von Saffianbänden für Rußland allein. Die Pariser Bronzemeister des Empire, die Odiot und Thomire, ließen sich ihre Bronze viel teurer bezahlen, als wenn sie Gold gewesen wäre. Rußland ist ganz durchspickt mit solcher Kunst, die jetzt von Tag zu Tag unbezahlbarer wird. Und deren Wert und Marktpreis dort kaum jemand ahnt. Man stelle sich nur die Geschenke vor, welche eine Katharina ihren Orlows, Pawlows, Daschkows, Potemkins und Narischkins machte. 64 Ungeheure Vermögen haben sie gekostet, aber heute sind sie noch viel mehr wert, denn gute Kunstsachen sind und bleiben die beste Kapitalsanlage, ihre Wertsteigerung kennt überhaupt keine Grenzen. Ein Abdruck einer Rembrandtschen Radierung hat kürzlich die Summe von 7000 Kronen erzielt; er kostete seinerzeit zehn gute Groschen. Und in Rußland gab es keine Revolutionen, die das kostbare Tafelgeschirr des achtzehnten Jahrhunderts einschmolzen, wie in Frankreich, so daß man dieses herrliche Pariser Kunstgewerbe fast nur aus den Exemplaren kennt, die damals nach England und Rußland verkauft wurden. Und an Friedrich den Großen. In Sanssouci ist verhältnismäßig mehr erstklassiges Rokoko vorhanden, als in Paris. Auch an Gemälden der Watteau und Konsorten. Die »Abreise nach Cythera«, Watteaus Hauptbild, wird in französischen Kunstgeschichten immer dem Louvre zugeschrieben, wo sich doch nur die, allerdings prächtige Farbenstudie dazu befindet. Daß das Bild selbst in Sanssouci hängt, erfuhren die Franzosen erst Anno 1900, als es mit anderen französischen Schätzen aus Sanssouci im Deutschen Palais der Weltausstellung erschien. Und was ist Sanssouci gegen Rußland? Wo ein Falconet hinreiste, um das Denkmal Peters des Großen zu errichten, und sogar Houdons berühmte Diana steht, die doch die Franzosen als einen Stolz ihres Louvre preisen. Sie wissen nicht mehr, daß die Statue damals von der Verwaltung des Louvre zurückgewiesen wurde, weil sie in einem gewissen Detail ... zu naturalistisch behandelt 65 war. Die Rokokozeit war zu prüde, um einem Bildhauer so unakademische Naturwahrheit zu gestatten. Houdon mußte die Diana in dezenterer Wiederholung herstellen, und diese wurde angenommen, die allzu vollständig geratene Statue ging nach Petersburg und steht im Winterpalast, wo man sich nicht so geniert. Rußland ist etwas abseits gelegen, und so weiß die französische Welt gar nichts mehr von solchen Dingen, wenn nicht etwa Pierre Louys sie in einem neuen Buche an die große Glocke hängt.

Solche Raritäten, die man von jeher in Paris glaubt, sind in Rußland zu finden. Und ich führe nur weltberühmte Dinge an, die man bei uns im Westen nicht kennt. Was die gefeierten Künstler des Westens auf ihren russischen Kunstreisen dortzulande geschaffen, gelangt überhaupt nicht unter unseren Horizont. Wir lesen bloß, wie lange eine Vigée-Lebrun, ein Liotard, ein englischer Maler (Dawe), ein Wiener Meister (Lampi) sich dort aufgehalten, wie viele tausend Dukaten er bei dieser und jener Gelegenheit bar auf die Hand erhalten, und das ist alles. Wird der Westen jemals auch nur die berühmtberüchtigten Erotika Michael v. Zichys zu sehen bekommen, die in den geheimen Alben der russischen Gesellschaft schlummern? Es ist ja nicht schade darum, aber es sei als Symptom erwähnt, was für unvorhergesehene Kunstsachen in Rußland existieren. Ich bin überzeugt, daß ein unternehmender Kunsthändler, der durch schlaue Agenten die ganze Rückzugsstraße der Großen Armee aus dem Jahre 1812 bereisen ließe, 66 noch jetzt eine reiche Ernte an künstlerisch wertvoller und jetzt auch nutzbringender Kriegsbeute machen könnte. Alles aus der Empirezeit und auch noch eine Menge Rokoko. Die Große Armee hatte 13.795 Offiziere (ich schwöre auf diese Ziffer nicht), und jeder von diesen Herren hatte eine Uhr, mit Petschaft und anderen Anhängseln daran. Das macht allein ein ganzes Museum. Und diese Dinge müssen ja vorhanden sein; in der Bevölkerung verstreut, bei Trödlern umsonst feilgeboten, weil sie nicht modern sind. Und die Herren hatten ja nicht bloß Uhren. Und es waren auch nicht bloß Offiziere da, sondern ein unendlicher Troß von Beamten, Agenten, putzfrohen Weiblichkeiten. Die Route von Moskau an die preußische Grenze muß mit solchen Dingen bestreut sein, und die Hyänen der Schlachtfelder werden schon dafür gesorgt haben, daß »nichts umkam« ... als höchstens Menschen und Pferde. Borodino, Smolensk, Beresina, welches Terrain für die holde Ährenleserin Ruth ... Zur See fangen die Leute in der Tat schon an, solche Nachforschungen anzustellen. Regierungen machen Pläne, diese oder jene spanische Silberflotte, die im sechzehnten Jahrhundert da und dort untergegangen, von Tauchern bearbeiten zu lassen. Englische Spekulanten sondieren nach Resten der Großen Armada. Jene archäologische Gesellschaft, die, auf eine Nachricht bei einem griechischen Autor gestützt, bei der Insel Antikythera das mit Kunstwerken beladene Schiff auffand, das dort vor zweitausend Jahren versank, hat sofort den 67 herrlichen Athleten des Athener Museums herausgeangelt und wird hoffentlich nicht bald aufhören. Was muß nur alles noch im Schlamme des Tiberflusses verborgen sein, der einen Teil der Kunstschätze Roms aufnahm. Eine Aktiengesellschaft, die diesen alles verschlingenden Strom gründlich ausbaggern wollte, würde keine russischen Kursstürze erleben. Hat man doch vor etlichen Jahren sogar auf dem Grunde des Nemi-Sees jene Prachtgaleere Neros wieder aufgefunden, von der die Chronisten berichteten. Es ist alles vorhanden, man muß es nur suchen. Wenn ein Unternehmer das Recht erwerben würde, den Sand aller eleganten Badestrände Europas und Amerikas durchzusieben, müßten Millionen verlorengegangener Ringe, Armbänder, Broschen, Münzen und Gott weiß was noch gefunden werden. Man sehe doch nur die zahllosen Verlustzettel, die in Ostende oder Westerland die Saison über angeschlagen werden.

Doch, um auf besagtes Rußland zurückzukommen, die Ereignisse, die sich dort vorbereiten, sind ganz danach angetan, sich auch auf dem Kunstmarkt fühlbar zu machen. Welche ungeheuren Kunst- und somit Geldwerte wurden während der Französischen Revolution verschleudert. Denn die Diebe und Räuber wußten sie nicht ordentlich zu verwerten, auch gab es keinen Kunstmarkt wie den heutigen. Man lese die Berichte über die amtlichen Versteigerungen der Einrichtung von Versailles, Trianon, Bagatelle und anderen Königssitzen rings um Paris. Die Blüte des blühendsten Kunstgewerbes fiel dem Meistbietenden 68 zu, der in der Regel, nach heutigen Begriffen, ein Mindestbietender war. Jede solche Versteigerung ist im Grunde eine Minuendolizitation. Und nun kann sich das in Rußland wiederholen. In verschiedenen Provinzen sind die Schlösser schon niedergebrannt, vermutlich nachdem sie von verläßlichen Fachleuten ausgeplündert worden. Was nicht niet- und nagelfest, geht dort bereits von Hand zu Hand, und mancher Trödler mag in seinen Kellern die schönsten Sachen geborgen haben. Der Schmuggel wird auch bald eintreten und diese Dinge werden über die Grenze nach Galizien herübergesickert kommen. Wer also nicht den moralischen und physischen Mut hat, persönlich nach Berditschew oder Nowo-Tscherkask zu gehen und sich mit jener skrupellosen Energie, die in solche Fällen dringend zu empfehlen ist, am Kunstpogrom zu beteiligen, der gehe wenigstens nach Galizien, hübsch in die Nähe der Grenze, um die betreffenden Schmuggler abzufassen, ehe sie von hurtigeren Geschäftemachern um ihre Beute gebracht werden. Wäre ich Kunsthändler, wie gesagt, ich dränge selbst in das heilige Rußland ein und suchte, im Namen der noch viel heiligeren Kunst, diese Konjunktur, die sich in Europa schwerlich so bald wiederholen dürfte, nach Kräften auszunützen. Mein Gewissen ließe ich in der teuren Heimat zurück, schon um mich unter den dortigen Leuten nicht durch ein solches Anhängsel auffallend und verdächtig zu machen. Schon das alte römische Sprichwort sagt: Bist du in Rußland, so lebe nach russischer Sitte. Ein Schwindel faßt mich, 69 wenn ich an all das schöne Material denke, das dort in den nächsten Monaten gestohlen werden wird. In Rußland müssen Millionen kostbarer Tabatièren aus der Rokokozeit vorhanden sein. Die werden alle ihre Besitzer wechseln, und zwar meistens unentgeltlich. Die kostbaren Nécessaires und Visitières der Urgroßmütter, die edelsteinbesetzten Breloques der Ahnherren aus der Breloquezeit, die reizenden Lorgnons aus dem lorgnierenden Jahrhundert, und dann die unzählbar in allen besseren Häusern herumwimmelnden Miniaturporträts in ihren reizenden Rähmchen ... Es ist eine Lust, zu leben! wird jeder Plünderer unwillkürlich ausrufen, wenn er seine Taschen füllt oder gar den mit Kostbarkeiten gefüllten Sack auf die Schulter schwingt, um zum Juden zu eilen, dem er eigens zu diesem Zwecke das Leben gelassen hat.

Leider scheint es mit dem Einmarsch deutscher und österreichisch-ungarischer Heeresmassen in Rußland wirklich nichts sein zu sollen. Schade! Ein fliegender Kunsthändler, der sich einer solchen Armee anschlösse und mit ihr die aufgerührtesten Provinzen beruhigte, dürfte mit kaum minderer Beruhigung darauf rechnen, daß er dabei auch sein Schäfchen ins Trockene bringen würde. Einen solchen Einmarsch muß jeder wahre Kunstfreund, namentlich wenn er auf Grund seiner ästhetischen Anschauungen Handel treibt, aus vollem Herzen herbeiwünschen. Aber unsere auswärtige Politik wird den Moment gewiß wieder verpassen. Die große 70 Kunstplünderung in Rußland wird kommen, weil sie kommen muß, und die schönen Sachen werden nach Amerika gehen, im Trustwege oder sonstwie; der Einfuhrzoll wird dazu eigens herabgesetzt werden. 71

 

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