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Flagranti und andere Heiterkeiten

Ludwig Hevesi: Flagranti und andere Heiterkeiten - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleFlagranti und andere Heiterkeiten
authorLudwig Hevesi
year2009
firstpub1910
publisherMetroverlag
addressWien
isbn3-902517-97-5
titleFlagranti und andere Heiterkeiten
pages94
created20101007
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ein moderner Nachmittag

Ich glaube, es war letzten Sonntag. Oder an einem anderen Wochentag. Es hing nämlich kein Wandkalender in der Stube. Er hätte nicht recht hineingepaßt in dieses weiße Gemach, das rings mit geschliffenen weißen Marmorbrettern vertäfelt ist. Und was oben an Fläche übrig, und die Decke auch, durchaus weißer Putz. Rauhputz, über und über versilbert; lichtfangend, lichtzerstäubend. Ein weißes Viereck aus weißen Vierecken; nur im Estrich wechselten damit schwarze ab. Schwarz ist ja auch weiß; es ist eben das dunkelste Weiß, wie Weiß das hellste Schwarz. Da, dort, ein kleiner Spiegel an der Wand; zu hoch, um hineinzusehen, aber raumspiegelnd wie ein Fenster ins Freie. Da, dort, auch vor jedem Spiegel, ein weißes Figürchen, natürlich von George Minne. Eine Abstraktion in Marmor, eine eckige, spitzige Gebärde von himmelstrebender Jugend, von einem jungen Schmerz, der seinen Namen nicht findet. Oder von einem Egmont, der sich selbst in seine Arme nimmt; was aber Minne nicht weiß. In den Fenstern einzelne Vasen, in den Vasen einzelne grüne Gewächse, zwischen ihnen eine kleine Marmorwiederholung von Rodenbachs Grabdenkmal. Dieses wehe Weib, in den langen Linien seiner Qual. Oder etwas anderes, aber von Minne auch das. Süß ist es nicht in diesem weißen Gemach. Auch Schnee ist nicht süß. Schnee ist herb und kalt, doch eine Abreibung damit macht warm. (Sage ich Snob.) Darum erkältet diese kleine weiße 40 Welt nicht. Man sieht nur jeden warmen Hauch in ihr besser. Jeden leisen Schimmer schlau verborgener Glühlichter; am Fenster etwa, in Versenkungen, daß draußen, hinter Gefältel weißer Vorhänge, die Sonne aufzugehen scheint, stundenlang. Anspielung, Vorspiegelung, auch diese Fenster der Fensterwand. Gurten unten an den Scheiben, um sie herunterzulassen oder hinaufzuziehen, wie in einem Salonwagen des Nizza-Expreß. Wir sitzen in diesem Salon wie in einem weißmarmornen Pullman, der unhörbar rollt. Wir sind gar nicht mehr Karl-Ludwig-Straße Nr. 45, sondern Genua vorbei. Schweben die Riviera hinan. Unvermerkt und geräuschlos gleitet dieser weiße Salon (Josef Hoffmann hat ihn gebaut, im Hause Wärndorfer) ... gleitet dahin durch eingebildete Zonen.

Große Gesellschaft darin. Berühmte alte Herren, auch vom Burgtheater; witzige Köpfe von Wien; Meister der äußersten Kunst. Elegante Damen; jung und schlank, etliche von Klimt gemalt, in seinem neuen Juwelenstil, zwischen kristallisierten Goldwolken. Man sollte sie wirklich einmal alle einladen und ringsum ihre Bildnisse vom Klimt aufhängen. Einer tat es, der hieß Hans Makart. Diese Unmöglichkeiten von Wirklichkeit, humanisierten Mosaikdekor, der von mannbaren Nerven flimmert. Niemals sind Damen ähnlicher gemalt worden und waren doch gar nicht gefaßt darauf. Und er war gar nicht verpflichtet dazu. Er phantasierte über sie und sie lebten sich in seine Phantasien hinein. Sie waren, was sie wurden, und wurden, was sie sind. Traum ein Leben, Leben ein Traum. Es muß ja nicht 41 alle Tage Alltag sein ... Von der versilberten Decke rieselt es magisch auf sie nieder, Mondenschein flirrt um weiße Schultern, Schatten schleichen auf Schleichwegen. Bernsteingelb blicken Augen, Haare dunkeln blau, violett, goldbraun. In seidenen Stoffen knistert es elektrisch, Formen verfließen hingeschmiegt, es plaudert, lacht ... was plaudert? was lacht? Es munkelt ... Reisegesellschaft in Reisestimmung ... Peer Gynt reist mit seiner Mutter ins Blaue. Wohin die Fahrt? Ins Unbestimmte, zwischen Irgend und Nirgend ...

Musik. Auf dem mattbunten Teppich tanzen zehn nackte ... Zehen. Schwarzer Faltenwurf zuckt hin und wieder. Schwingt und ringelt sich, wogt dahin. An langen Schnüren schwanken leise klirrende Dinger. Aus kühnen Schlitzen blitzt es blendend weiß ... Blanke Beine, Arme. Schlangenschlanke Arme, lange weiße Hände, noch längere, weißere Finger. Unendliches Geranke; Dehnungen, Windungen, Wendungen ... Plötzlichkeiten, Tollheiten, das Unerwartete an Rhythmus, an Akkorden der Bewegung. Priesterinnentanz des Ostens, beseelt bis zur Entseelung, zusammensinkend in andächtiger Erstarrung. Ungarischer Zweivierteltakt, gebunden und losgebunden um die Wette, mit Fersen jauchzend und mit Ellbogen trillernd, Vibration, Fieber, Zymbal, Brahms. Und wieder der freie phantastische Tanz, aus dem Ungenannten heraus, in das Unnennbare hinein, der Rhythmus um des Rhythmus willen, Eingebung, wie sie nur lange, schlanke Menschen haben können mit unerschöpflichem Barschatz federnder Kräfte und lauernder Geschmeidigkeit.

42 Das heißt ... Was nicht darin ist, kann man hineinträumen. Wozu wäre man der Snob und besäße die Kraft, sich etwas einzureden? Wir heißen heute Snob, wie jene niederländischen Freiheitskämpfer Geusen hießen. Als Schimpfwort war es vermeint, zum Ehrenwort ist es geworden. Edle Wassergeusen sind wir, die ein spanisches Joch abgeschüttelt haben. Wer nicht verkalken will, der ist ein Snob, nicht wahr? Lachhafter alter Snob mit seiner unverknöcherbaren Suggestibilität! Klingt das Wort nicht wie ein trillernder Lauf die Klaviatur hinan? Warum sollte ich dafür puristisch Beeinflußbarkeit sagen, das mich nur an Flußschiffahrt und dergleichen Kurstafelbegriffe erinnert? Snob mit Snöben ... und mit frischen, rosigen, weiß oder rotrosigen Snöbinnen ... for ever! In dem weißen Gemach die schwarze Dame, tanzend. Die hohe schlanke Form mit den langen, träumenden, eingelullten, wieder ausgelullten, jäh erwachenden Gebärden. Miß Macara, Schottländerin, in Boston erzogen, Tanznatur, aus eigenem ihren Ausdruck suchend, wahrhaftig schon findend. Warum sie sich nicht für eine Siamesin ausgibt! Oder für eine Kambodschanerin! Wie andere Amerikanerinnen von Gott weiß wo. Sie ist ja so ein Wesen, aus Ländern, wo die roten, weißen, schwarzen Pfeffer wachsen. Mit einem Kopf, und einem Gesicht davor, wenn sie tanzt, wird es medusenhaft starr, schlangenbannend, eine hieratisch unheimliche Maske, wie Japaner sie vorbinden, Antlitze aus Gespensterland. Diese monumentale Starre liegt auf ihren Zügen wie ein Geheimnis. 43 Tempeldienerin des chromgelben Götzen mit den vielen langen Armen und Beinen, die sie nach Bedarf von ihm borgt. Wenn sie ihm tanzt, tanzt sie mit etlichen seiner vielen Füße, an denen die Zehen wachsen und schwinden, wie die Finger an ihren langen, langen Händen, wie die Knospen an fein dornigen Rosenzweigen. Rodin hat solche Kambodschanerinnen stenographiert, in rasch fließenden Wasserfarben, und Klimt könnte Macara umschreiben mit seinem schnellen Stift, dem umrißertappenden. Vielmehr umgekehrt. Macara könnte Klimt tanzen, eher als andere einen angeblichen Goethe oder Sophokles. Was in seiner Welt spukt, dieser Dämon mit dem Reiz der gefallenen Engel, das reizt Macara und füllt ihre Wachträume. Die elektrische Spannung der Luft, in der er lebt, ist ein neues Element für sie. Diese sinnliche Beseelung der Natur, der bürgerlichen Welt sogar; statt des faden Nervengeklimpers vielzuvieler Auchmoderner, der einheitlich starke Nervenstrom eines großen Einfachen. Wie Rodin einer ist und selbst der komplizierte Whistler einer war. Nur Klimt und Rodin haben diese Atmosphäre um sich. Diese Photosphäre lebendiger Nervenwirkung, aus deren Flammenwirbel nichts mehr fort kann, was einmal hineingeraten.

So saßen denn in dem weißen Saale die Damen, die Klimt gemalt hat, und vor ihnen tanzte das fremde Mädchen, das Klimt gewiß malen wird. Ihr Tanz wird ihm etwas sagen; vermutlich das nämliche, was seine Bilder ihr gesagt haben. Dem Tanztrieb in ihr, wie sie dem Maltrieb in ihm. Vielleicht auch nicht. Es gibt 44 Genies, die in einer Nacht auflohen und niederbrennen, wie ein Johannisfeuer. Und andere sind Dauerbrandöfen und verschlingen zahlreiche Vermögen an Heizstoff. Briketts, welche bei den übrigen Menschen Bismarck heißen oder Aeroplan, oder Nobelpreis, oder Macara. Moloch Genie, mit was allem wirst du geheizt!

Ein Servierbrett schwankt vorüber. Flüssigkeiten, die aussehen wie aufgelöste Topase und geschmolzener Chrysopras. Nichts davon! Hier, dieser neue Likör. Himmelblaue Chartreuse, nach all der gelben und grünen, in der die Vorwelt ertrunken. Kein Scherz. Der Fabrikant verlangte von der »Wiener Werkstätte« Flakons und Etiketten nie dagewesener Art. Nichts ist der W. W. geläufiger als das Niedagewesene. Nur meinte sie, dazu gehöre nun auch ein Likör von unerwarteter Farbe. Und siehe, es entstand ein Schnaps, der war himmelblau. Color dell'oriental zaffiro, sagt ein anderer Geisterbrauer. Von der blauen Blume zum blauen Benediktiner, welch trivialer Niedergang! wird der Anti-Snob höhnen in seiner ausgerechneten Allsicherheit.

Der schwarze Tanz auf weißem Grunde ist aus, man begibt sich in die gute Stube. Denn das war er noch nicht einmal, der Pullman-Hoffmann-Salon von weißem Marmelstein. Noch lange nicht. Im allgemeinen ist er bloß Speisezimmer. Der anstoßende Salon ist ... Ja, was ist dieser Salon der Salone im hochwohlmodernen Neuwien? In London kaufte die Öffentlichkeit das Haus des Mr. Jonides, diesen neu-antiken, antik-modernen Jugendtraum Voyseys. Und für das 45 Kensington-Museum wurde das kunst- und streitberühmte Pfauenzimmer erworben, im Hause des Schiffsreeders Leyland, für den es Whistler geschaffen. In jenes Museum käme dort auch dieser Salon im Hause Wärndorfer, denn er ist ein Haupt- und Meisterwerk der Gruppe Mackintosh in Glasgow. Als er entstand, hing unser Wiener Himmel voll Geigen. Lauter Amati und Stradivari, und lauter Engelchen spielten darauf; der Professor der Akustik an der Universität Wien erklärte ja daraus (endlich!) die Sage der Sphärenmusik. In jenen schönen Tagen, als in unserer Secession alle Knospen knallend sprangen, da stellten auch Mackintoshs jenen gewissen Salon aus. Wo einem silbern und grasgrün vor den Augen wurde ... sagte Anti-Snob und hielt sich die Seiten. Er hält sie sich noch immer, obgleich seitdem Mackintoshs in der Kunstwelt als »Tat« anerkannt sind. Als Beweis, daß es doch mitunter etwas Neues unter der Sonne gibt. Damals ging Herr Wärndorfer nach Glasgow und Mackintoshs kamen nach Wien, und daraus wurde alsbald dieser Salon. Mir allem Um und Auf an Einrichtung und Aufmachung. Nur der breite Fries kam erst vor zwei Jahren nach. Ein gestickter Fries sollte es zuerst werden; die dachten gewiß an Stickerei mit Fäden des Altweibersommers und mit Siriusstrahlen und Scharpie aus Königin Mabs Courschleppe. Glasgow ist bekannt als solche phantastische Stadt. Schließlich wurde es ein Fries aus »Gesso«, wie die Engländer diese Art Hartgipsmischung nennen. Maeterlinck-Szene. Sieben Prinzessinnen, die den Prinzen erwarten. Der kommt und 46 findet die Braut tot. Über die Tote gebeugt, weinen sie alle, der Prinz und die sechs Prinzessinnen. Märchenhaft weinen sie, in einer unbestimmt graulichen Harmonie, einer mausgrau-fahlweißlich schwimmenden, durcheinander spielenden Tonfolge. Ruhig wie ein alter Gebetteppich aus Morgenland, auf dem tausend Jahre lang gebetet worden, kniend mit Knien, mit Handflächen und mit Stirnen. Und stellenweise glitzert und gleißt es von Perlmutterspänen, flinserlweise, wie von Opalsplittern und eingesprengtem Chalcedon oder Labrador. Und die trauernden Gestalten neigen sich, wie Rohr im Winde, und ihre Linien hasten in stilistischer Starre wie appliziert. Und spinnen sich ornamental aus, in jenen weit geschwungenen Kurven und straff gezogenen Drähten ... wahrhaftig, in einem Drahtstil einer elektrotechnischen Welt, die kreuz und quer von Drähten umsponnen und durchzogen ist. Stromleitungen für Gott weiß was, auf Draht gezogene Allwissenheit, Allmacht, Allgegenwart.

So weinen die Sieben im Fries und ihre Tränen fallen. In langen, schwellenden Tropfen, rings im ganzen Gemach. Die stilisierte Träne als Leitmotiv der ganzen Ausschmückung; jeder springende Punkt im Ornament diese Träne. In einer Tropfsteingrotte ist kein Fünfuhr denkbar, in diesem weißen Tränensalon sitzen die Damen auf ganz niedrigen, hochlehnigen Stühlen und kommen sich wie Prinzessinnen vor, wie die lebengebliebenen natürlich. Und in den lauschigen Sitznischen, den cosy corners, stecken sie die wagenradgroßen Federhüte zusammen, wie gemalt oder 47 gestickt. Wie Wesen von anderswoher, die nur Taufnamen haben und von Tag zu Tag jünger und schlanker werden, und bieg- und schmiegsamer und mackintoshischer. Warum nicht? Muß denn alle Tage Alltag sein? Lassen wir uns entrücken, wenn sich ein Künstler die Mühe nimmt. Spielen wir Entrückung. Guter Wille ist alles. Königreich Apfelsinia ist so nah. In diesem Mackintoshzimmer ist ein großes Problem gelöst. Das Ungewöhnliche behaglich gemacht, das Neue anheimelnd. Es zieht einen ins Vertrauen, man weiß nicht wie. Das Auge folgt von selbst jeder leisen Biegung der Linie, jeder kaum merklichen Neigung der Flächen, denn es fühlt darin das Gefühl eines anderen Menschen. Alles kommt da aus dem Empfinden, bei allem ist gesonnen, geträumt, gedacht worden. Der Stoff ist ganz durchmenschlicht, eine Seele ist hineingelegt. Über die Umkleidung dieses Klaviers ließe sich eine Broschüre schreiben, aber man spürt, wenn man die Feder ansetzt, wird es ein Gedicht sein. So eine Umluft von Poesie ist um alles, so eine Sachenverklärung. Der Wohnraum des Menschen ist wieder ein Lebensraum geworden. Seine vier Wände wieder seine Welt. Es ist darin Abstreifung seiner Bande und zugleich Begrenzung seiner Wünsche. Jede Linie leitet in das Unabsehbare, und zugleich rücken Traumfernen in den Bereich pflückender Finger. Diese Kunst macht den Menschen menschlicher, stärker, gesünder, in sich abgeschlossener.

Sie lehrt ihn, sich über das Leben hinwegzusetzen, um es sicher zu gewinnen. Je lockerer er die Dinge 48 hält, desto treuer haften sie an ihm. Drei Menschenalter ächteten den Traum und klammerten sich an die Wirklichkeit. Darüber verflüchtigte sich diese, und nie war mehr Aberglauben in der Welt als in jener Realienzeit. Soziales, wirtschaftliches, politisches, rassenpsychologisches, wissenschaftliches Vorurteil. Wie lange ist denn eine Wirklichkeit wirklich? So lange wie, nach Ibsen, eine Wahrheit. Ewig ist der Traum. Einer Fähigkeit des Träumens ist nun wieder Spielraum gegönnt. Es ist wieder erlaubt, Phantasie zu haben, in Stimmung zu leben. Wir sind wieder eine gestimmte Menschheit, das Leben will wieder schön werden.

Und es kommen schon stellenweise Nachmittage vor, an denen es ihm gelingt. 49

 

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