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Flagranti und andere Heiterkeiten

Ludwig Hevesi: Flagranti und andere Heiterkeiten - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleFlagranti und andere Heiterkeiten
authorLudwig Hevesi
year2009
firstpub1910
publisherMetroverlag
addressWien
isbn3-902517-97-5
titleFlagranti und andere Heiterkeiten
pages94
created20101007
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Biedermaier

Es war einmal ein Wiener, der hieß Biedermaier ... Nein! Es waren einmal zweihunderttausend Wiener, die hießen alle Biedermaier. Man hieß damals überhaupt Biedermaier. Nur, da es doch Unterschiede geben muß, schrieb man sich bald mit »ai« bald mit »ei« und etliche auch noch unorthographisch.

Es war eine schöne, ruhige, stille Zeit. Eine gute, alte Zeit war es. Man wußte noch nicht einmal, daß Ruhe die erste Bürgerpflicht sei; man war einfach ruhig, weil man ruhig war. Man war natürlich auch bieder; daher der Name. Sehr bieder war man. Alle diese Eigenschaftswörter sind bekanntlich später einmal Verbalinjurien geworden.

Biedermaier hielt viel auf Ordnung und Nettigkeit. Sein Backenbart war immer gleich lang und breit und enthielt immer die gleiche Anzahl von Haaren. Wie er das nur zustande brachte. Seine Gesichtsfarbe hatte immer etwas Gewaschenes, Gelüftetes. Er sah wirklich gut aus. Die Bügelfalte kannte er zwar nicht, so weit war die Physik noch nicht fortgeschritten. Dafür trug er Strupfen, denn an seinen Beinkleidern und an seiner Geliebten wollte er keine Runzeln. Er hatte auch Mut. Mehr Mut als zum Beispiel der Prinz von Wales, denn der wagt keinen braunen oder blauen Frack zu tragen und Kappenstiefel dazu. Ein bißchen freilich sah er nach Wilhelm Busch aus, aber der war ja damals noch nicht geboren. Und wo wäre Wilhelm Busch, wenn Biedermaier nicht gewesen wäre!

30 Richtig, Briefkuverts hatte er auch keine. Diese Erfindung konnte erst viel später gemacht werden, als die Chemie des Gummiarabicums vollkommen ausgebaut war. Dafür petschierte er. Jawohl, Biedermaier siegelte. Er trug einen gravierten Siegelring, sogar am Zeigefinger. Und ein goldenes Petschaft trug er, das baumelte aus der Westentasche nieder und war sehr hübsch. Man sammelt heute diese Siegelringe und Petschaften und steckt sie im Museum hinter Glas. Jawohl, aus der Tasche der Weste hing das Petschaft heraus, und die Weste war zierlich gestickt, in bunter Seide, von schmalen, weißen Händen, in zarten, weißen Zwirnhandschuhen. In spinnwebdünnen Handstrümpfen, bis über den Ellenbogen hinauf. Man sah der Weste immer an, ob die Augen, die auf ihre Stickerei niedergeblickt, blau gewesen oder schwarz. Erst die moderne Psychophysik weiß dieses Rätsel zu deuten.

Dafür konnte Biedermaier noch einen Brief falten und siegeln. Er kannte sogar die Symbolik des Siegelwachses, und die Emblematik der Embleme, ... wie er sich ausdrückte. Denn Biedermaier war gebildet. Er schenkte Souvenirs, bekam Rendezvous, verehrte die Silhouetten seiner Zuverehrenden und hatte gestickte Quodlibets an seinen Wänden. Er wimmelte überhaupt von feinen Fremdwörtern, und zwar zum Hausgebrauch. Auch zitierte er gern Friedrich Schiller, der so viel von Ferdinand Raimund »angenommen« hat. Vor Grillparzer hatte er weniger Respekt, denn der war doch nie ein richtiger Beamter, wenn er auch schließlich Karriere gemacht hat. Auch war ihm Therese 31 Krones lieber als Charlotte Wolter, denn die war eigens für ihn geboren; übrigens ist die Wolter absichtlich erst nach Biedermaiers Tode aufgetaucht. Die Krones, ja, wie soll ich das sagen? Die Krones hatte eben noch jenes gewisse Haar, aus dem man Uhrketten flicht. Zärtliche Uhrketten, goldblonde oder kupferrote etwa, mit goldenen Schließen, Gold Nummer drei; Achtzehnkarätiges gab es damals noch nicht. Biedermaier trug eine feine härene Uhrkette und eine Spindeluhr daran. Nur eine Spindel trug Biedermaier, aber sie hatte einen Kloben im Leibe. Einen jener Uhrkloben, in die der damalige Graveur sein ganzes Künstlergemüt hineinfiligranierte. Man sammelt sie jetzt, diese damaligen Kloben, und »forscht« über sie.

Im übrigen liebte Biedermaier seine Kanarienvögel wie seine Kinder, den Gugelhupf und den Kunstfeuerwerker Stuwer. Er applaudierte dem damaligen Strauß und hatte noch Beethoven gesehen. Er trällerte Mozart und schnupperte zuweilen noch etwas, das in der Luft lag; es war der Schubert, aber das wußte er noch nicht. Er war so glücklich, der gute Biedermaier. Sein Jahr bestand aus lauter Namenstagen, die Händearbeit zu großem Teil aus Handarbeiten. Die Faschingskrapfen waren damals so lustig und der Grinzinger so ungewässert. Das Glacis so gemütlich und die Basteien so nobel. Der Prater so tief und der Kahlenberg so hoch. Der Kaffee so billig und das Pflaster so ideal. Die Zeitungen so rar und die Backhühner so gar. Und der Stephansturm war noch nicht erklettert und ein Zwanziger war noch Geld. Und vor allem war Biedermaier 32 jung, jung, blutjung. Man wurde nicht alt in Altwien, nur bejahrt. Krankheiten gab es nur so weit als nötig, um die Krankenhäuser leidlich zu füllen. Im übrigen behalf man sich mit Vapeurs und dergleichen, mehr dem alten Hausarzt zuliebe. Schließlich starb man wohl meistenteils, aber in der Regel nur an einem steckengebliebenen Bonmot, beileibe an nichts Ernstem. Und dann, das ist die Hauptsache, Biedermaier war kaum gestorben, so wurde er gleich wieder geboren. Er war unsterblich.

Jahrzehnte vergingen. Wien drehte sich etlichemal um seine Achse. Einmal stand es geradezu auf dem Kopf, aber glücklicherweise nicht lange. Gelegentlich fuhr es aus seiner Haut, ließ sich aber glücklicherweise immer wieder bewegen, in sie zurückzuschlüpfen. Wien ist so, Gottlob.

Eines Tages kamen ein paar Herren, mit Brillen, und sahen sich in Wien um. Dann kamen noch ein paar Herren, auch mit Brillen, und sahen sich auch um. Sie kamen alle aus der Bibliothek und rochen nach Folianten. Biedermaier grüßte sie höflich, denn es waren lauter Professoren und Direktoren, Regierungsräte und Hofräte. Sie aber dankten gar nicht, sondern warfen ihm nur höhnische oder drohende Blicke zu. Dann steckten sie die hohen Stirnen zusammen und zischelten und tuschelten längere Zeit. Hierauf gingen sie in ganz Wien herum und rümpften systematisch die Nase. Sie kamen ungeladen in Biedermaiers Haus und benahmen sich auffallend unhöflich. Sie lachten über die Silhouetten und Quodlibets, 33 ja selbst über die Großvaterstühle und über Großmutters Handarbeiten. Das ist ja die reine Biedermaierei! riefen sie und hielten sich beide Seiten. Sie zupften an der Uhrkette aus geliebtem Haar und schalten seine gestickte Weste, von geküßter Hand gestickt, stillos. Die Familienuhr, die in der Todesstunde des guten Kaiser Franz stehen geblieben war und seitdem nicht mehr ging, nannten sie spöttisch einen Wecker von Anno dazumal. Und den Gugelhupfmodel, der schon vier Generationen erfreut hatte, stellten sie weit hinter einen Lebkuchenmodel aus dem sechzehnten Jahrhundert, im Bargello, zu Florenz. In der Tat, selbst die altehrwürdige Gugelhupfform, der sogar die Türken Reverenz erwiesen, das Klassischeste, was an kanneliertem Gebilde seit der korinthischen Säule geschaffen ist, wurde von ihnen begeifert.

Biedermaier traute seinen Ohren nicht. Sie sagten ihm auf den Kopf zu, er könne einem gewissen Lorenz von Medici nicht das Wasser reichen. Und ein gewisser Tizian habe in seinem ganzen Hause keinen Lehnstuhl mit Wangen gehabt. Und der große Lionardo da Vinci habe mit Recht gesagt, in der Silhouette seien alle Kühe schwarz. Einer von ihnen untersuchte auch Biedermaiers Schädel und fand das Organ für Gehirnerweichung sehr entwickelt. Sie nannten ihn nachgerade Verschiedenes, was mit »T« begann und teils mit »l« teils mit »pp« endete. Sie schlugen sogar vor, ihn unter ästhetische Kuratel zu stellen, und setzten dies bei den Behörden wirklich durch. Dann gingen sie in die Bibliothek und schlugen sehr große Bilderbücher 34 auf, aus denen sie für ihn etwas zusammenstellten, was sie Stil nannten. Sie warfen den Hausrat seiner Eltern und Großeltern hinaus und machten sein Haus stilvoll. Er mußte sich auf eine Bank setzen, von der vor zweihundert Jahren ein gewisser Paul aus Verona aufgestanden war. Sein Bett verzierten sie ihm nach einem Mantelkragen Papst Leos X. Seinen kleinen Handspiegel garnierten sie mit zwei römischen Säulen, zwei Kompositkapitälen, zwei Voluten, einem Tempelgiebel, zwei Zahnschnitten, drei Palmetten, einer Göttin der Schönheit und vier Putti auf Delphinen. Seine Fenster verhüllten sie mit zertrennten alten Brokatkleidern und überzogen die Sofakissen mit morschen Unterröcken aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Das alles nannten sie Renaissance.

Biedermaier ließ alles mit sich geschehen, denn die Herren waren ihm zu gelehrt. Aber wenn er nach Hause kam, glaubte er einen Besuch bei wildfremden Leuten zu machen. Bei Italienern da unten, noch dazu bei verstorbenen. Es gab Tage, an denen er sich gar für den leibhaftigen Makart hielt. Biedermaier erkannte sich selbst nicht mehr. Er war in der Tat bereits tot. Biedermaier war in einen Renaissancemaler verwandelt.

Biedermaiers Glück und Ende.

Aber die Welt ist rund und dreht sich; und auch Wien ist nicht viereckig. Wieder vergingen Jahrzehnte. Schöne, lange, stilvolle Dezennien. Von dem seligen Biedermaier hörte und sah man nichts mehr, er schien mit Stumpf und Stiel ausgerottet.

35 Da wurde eines Tages im Museum der Wiener Kongreß ausgestellt. Die Wiener strömten zusammen, um sich an ihrer damaligen Größe zu weiden. An einer sehr großen Größe in der Tat, denn was ist dagegen die Weltausstellung des Jahres 1900, wo lauter Untertanen und Regierte ausgestellt werden? Und auf dieser Ausstellung traten sie plötzlich in ein Zimmer, wo es ihnen einen Schlag gab, wie wenn man nach dreißig Jahren Fremde wieder ins Vaterhaus tritt. Ins Vater- und Großvaterhaus, wo vertraute Bilder an gewohnten Nägeln hängen. Wo die Sessel ein Gedächtnis haben und die Diwans ein Familienbewußtsein. Wo die Vorhänge noch von lieber Hand gestopft sind und der Tisch seine Kante ein wenig einzieht, um den Vorüberhastenden nicht in die Hüfte zu stoßen. Und da hängt ein Spiegel, vor dem sich nicht Savonarola, sondern der selige Onkel Peter barbiert hat. Und die treue Stutzuhr ist in schlimmen Stunden immer etwas schneller und in guten immer etwas langsamer gegangen, um uns jene zu kürzen, diese zu verlängern. Da sind die traulichen Schränkchen und der mütterlich breitspurige Schubladkasten, ein Fels, mit Furnier überzogen. Und der bombenfeste Sekretär, mit seinen hellen Holzeinlagen und den heimlichen Fächern, das Meisterstück eines Gesellen, den der Großvater hat Tischler werden lassen. Und alle diese Möbel haben sich »nicht gerührt« seit so und so vielen Jahren. Die jetzigen Tischler schütteln die Köpfe: so ein Holz wachse gar nicht mehr, und die jetzige Politur sei nicht zum Stiefelwichsen zu gebrauchen.

36 Ja, das waren Altwiener Möbel, aus der Kaiser-Franz-Zeit. Anheimelnde, gutmütige Formen, ohne stößiges Schnitzwerk. Nichts, woran man hängen bleibt und sich spießt. Nichts, was reißt und bröckelt und abbricht. Standfest und umfassend, inhaltreich und geläufig. Freundlich gegen die Kinder, verständnisinnig für die Erwachsenen; einladend zur Ruhe, hilfreich dem Fleiß. Keine Denkmäler der Vorzeit, aus Sammlungen kopiert oder von Falschtischlern gefälscht, sondern wirklicher Hausrat, möbelmäßige Möbel. Und dabei noch elegant, dies und das sogar putzig. Überall Einfälle des Tischlers, des Schlossers, des Drechslers. Unerwartete Wendungen, gar nicht verlangte Gefälligkeiten des Möbels, auf die nur das Möbel selbst verfällt.

Und da geschah ein Wunder. Biedermaier war plötzlich auferstanden. Die Wiener standen da und fragten halb verstohlen: Wem gehört dieser Kasten? Ist dieser Tisch nicht verkäuflich? Und die Damen riefen: Nein, wie dieses Altwien reizend ist! Schau, da ist ja ganz unser Toilettespiegel, der noch auf dem Boden steht; gleich morgen lass' ich ihn herunterholen und herrichten. Und sie sahen die Siegelringe an und die Petschaften, und die Spindeluhren und die Quodlibets, und die krausen Dinge unter den Glasstürzen und die kreuzgestickten Ofenschirme. Und ein besonders onkelhafter Kachelofen wurde von vielen Leuten schlankweg ... nein, das gerade nicht, aber umarmt wurde er.

Und seitdem ist in Wien ein großes Suchen, Ein Forschen und Fahnden ist nach alten Biedermaiereien. In 37 alle Rumpelkammern leuchtet man hinein, aus Gesindezimmern wird längst Verbanntes in die gute Stube geschleppt, Verwahrlostes wieder instandgesetzt, Zerbrochenes kunstreich ergänzt. Die Trödler der entlegensten Gassen seufzen: Ach, warum haben wir mit all dem Zeug eingeheizt, Anno 1869, als die große Kälte war! Junge Frauen richten sich ein sezessionistisches Boudoir ein, und ihre Männer ein gemütliches Biedermaierzimmer. O ja, Biedermaier wird nächstens schon gefälscht werden. Schon liest man es gedruckt: der Biedermaierstil. Die Museen werden ihn sammeln, die Kunstbücher ihn anerkennen, die Künstler ihn erneuern, fortentwickeln, modernisieren.

Ja, sie tun es bereits!

Denn eines Tages kamen ein paar andere Herren, mit anderen Brillen, und sahen sich in Wien um. Und die einen sagten zu den anderen: Sind wir hier eigentlich in Wien? Und die anderen sagten zu den einen: Es sieht hier eher aus wie in Florenz und Rom, in einem falschen natürlich. Diese Herren kamen nämlich nicht aus der Bibliothek, sondern aus London, Brüssel und jenem Japan, das die Chinesen geschlagen hat, aber nur die gelben. Und einige kamen sogar aus Wien, die waren meistens Künstler und hatten weder Titel noch Glatzen.

Und diese besonders sagten: Es ist doch schade, daß man damals diese natürliche Entwicklung abgerissen hat. Das war doch eine gesunde Sache. Es hat noch heute Sinn und Zweck, und sogar Form. Wollen einmal versuchen, auch so ehrlich und vernünftig zu 38 arbeiten, wie der biedere Biedermaier. Unserem beweglichen Geist brauchen wir ja deshalb nicht die Flügel zu stutzen, und die weite Welt haben wir deshalb doch gesehen. Stoßen wir vom sichtbaren Boden Altwiens ab, um uns zum echten Neuwien hinüberzuschwingen.

Biedermaiers Ende und Glück. 39

 

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