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Flagranti und andere Heiterkeiten

Ludwig Hevesi: Flagranti und andere Heiterkeiten - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleFlagranti und andere Heiterkeiten
authorLudwig Hevesi
year2009
firstpub1910
publisherMetroverlag
addressWien
isbn3-902517-97-5
titleFlagranti und andere Heiterkeiten
pages94
created20101007
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Sachenseele

Die Alten sagten Pantheismus, aber das klingt zu theologisch. Ich drücke mich demokratischer aus und sage: Sachenseele. Ich weiß ja nicht, ob der Mensch eine Seele hat, viele Gelehrte leugnen das; die Sachen aber, das lasse ich mir nicht ausreden, haben jede ihre Seele. Auch ihren Geist, ihren Charakter, ihr Naturell, Temperament, und was alles dazu gehört. Wenn man sie nur genau beobachtet, wohnt man sogar einer Entwicklung dieser Kräfte oder Eigenschaften bei. Ich traue manchem alten Kasten eher, als diesem Minister oder jenem Kardinal. Ja, auf die Sachen ist mehr Verlaß, nur muß man sie zuerst erkennen. Ist aber schon Menschenkenntnis schwer zu erwerben, so hapert es vollends mit der Sachkenntnis. Die, die im Buche steht, ist natürlich keinen Deut wert; auch ist sie etwas ganz Anderes, Äußerliches, Objektives, nicht zur Persönlichkeit der Sache Vordringendes. Nicht sachkundig, sondern sachvertraut heißt es sein. Als Mensch mit Menschen gelebt zu haben, genügt dazu nicht; man muß auch als Sache mit Sachen zu leben verstehen. Dann verliert das Objekt seine Vischersche »Tücke« und geht einem zu. Der neue Sessel stellt einem kein Bein, und selbst der alte Laufteppich, der sich kaum mehr rühren kann, läuft vor einem her durch alle Stuben wie ein treuer Köter.

Manches freilich bleibt einem trotz aller Versachlichung unerklärt. Meine Bettsäule z. B., die ich doch am Parkett festgeschraubt weiß, steht immer wieder 20 anderswo, wenn ich lange nach Mitternacht im Finstern eintrete. Wo ich sie suche, ist sie gewiß nicht, und wo ich sie am wenigsten vermute, stoße ich mit der Nase auf sie. Entweder ist sie kein verläßlicher Charakter oder sie mag mich nicht und weicht mir nach Möglichkeit aus; namentlich wenn ich etwas mehr getrunken habe. Dies ist unter Umständen lästig, namentlich weil der elektrische Taster die Eigenheit hat, sich abwechselnd rechts oder links von der Tür zu befinden. Da in der Nähe mehrere alte Dolche hängen, die mir von jeher etwas spitz begegnen, hat das Suchen danach mitunter etwas Verletzendes. Unerfindlich ist es mir auch bis heute, was das alte grüne Kanapee gegen mich hat. So oft ich mich hinstrecken will, stellt es sich ganz kurz, und es ist doch entschieden zu lang für die Stelle, an der es steht. Auch opponiert es, sobald ich ihm zu nahe trete, durch unartikulierte Zwischenrufe. Es knirscht mit Zähnen, die ich vergeblich zu finden trachte, und knackt überall Nüsse auf, die doch im ganzen Hause nicht vorkommen. Hie und da geht es sogar zu Tätlichkeiten über und sticht mich durch den grünen Bezug ins dicke Fleisch oder kneift mich so empfindlich in den Rockschoß, daß ich gar nicht gleich aufstehen kann. Es ist ein Racker, dem ich in Güte nicht mehr beikomme. So habe ich es einstweilen mit einer Zentnerlast von Büchern beladen, die ich dort einem Veredelungsverfahren durch selbsttätige Ablagerung von Staub unterziehe. Nun simuliert es progressive Kurzbeinigkeit und wird immer niedriger. Je mehr Bücher ich ihm auflade, desto mehr nimmt die 21 Höhe des Haufens ab. Wie zum Teufel es das anfängt, ist einstweilen sein Geheimnis.

Ich bin natürlich auch etwas boshaft und erwidere seine Sekkaturen mit jener Findigkeit, die mich ja auszeichnet. So habe ich ihm seit zwei Monaten auch noch mein spanisches Wörterbuch aufgeladen. Vier dicke Quartbände zu 800 Seiten. Ich lese nämlich jetzt spanisch, jeden Tag zwei Stunden. Nicht als ob ich auf das Spanische gar so neugierig wäre, sondern um mir Bewegung zu machen. Zum Ausgehen bin ich nämlich viel zu faul, da man aber doch zur Erhaltung der Gesundheit zwei Stunden täglich gehen muß, lerne ich spanisch. Ich lese den Don Quixote von Cervantes. Und zwar lese ich ihn an meinem Schreibtisch. Und da ich bei jedem dritten Worte im Wörterbuch nachsehen muß, das auf besagtem Kanapee im anderen Zimmer liegt, so mache ich jedesmal zehn Schritte bis zum Kanapee und dann weiter fünf Schritte bis zum Fenster, da das Kanapee im Schatten steht, und dann natürlich eine ebensolche Strecke zurück. Da der Don Quixote gottlob sehr schwer zu lesen ist, muß ich für jede Seite Text etwa hundertmal zum Wörterbuch, ans Fenster und wieder zurück wandern. Das macht zusammen rund dreitausend Schritt. Wenn ich sechs Seiten Don Quixote gelesen habe, sind so an die acht Kilometer Weges glücklich abgeschritten. Dazu kommt noch, daß jeder Band Wörterbuch anderthalb Pfund schwer ist. Und da ich regelmäßig erst mit dem vierten Griff den richtigen Band erwische, so ist mein spanisches Sprachstudium zugleich eine mehrstündige 22 ausgiebige Hantelübung. Ein Jonglieren mit anderthalbpfundigen Gewichten, als hätte ich abends im Kolosseum aufzutreten. Meine Arm- und Beinmuskeln sind auch infolge meiner Fortschritte in der spanischen Sprache und Literatur bereits ins Athletische gediehen, was indes meine ärztlichen Freunde nicht davon abhält, mir noch immer als radikalem Stubenhocker die ungünstigste Prognose zu stellen.

Der Gemütszustand des grünen Kanapees bei dieser systematisch fortgesetzten Störung seiner Beschaulichkeit kann unmöglich ein rosiger sein. Es platzt vor stillem Ärger, und ich sehe dann mit Arglist zu, wie es vergebens wartet, daß ich es wieder vernähen lasse. Nun, wir werden ja sehen, wer früher mürbe wird. Vielleicht ich. Einmal ist mir das schon passiert. Mit dem alten Sekretär aus dem Elternhause, Anno Biedermeier gezimmert, aus gelbem Kirschholz mit Einlagen von Esche. Das ist allerdings ein höchst ehrenwerter Charakter, der im Kampf ums Dasein das Dasein untergekriegt hat, so daß es ihm nichts mehr anhaben kann. Zwar in diesem Alter immer noch Sekretär zu sein, ohne Aussicht auf Avancement in höhere Rangklassen, das hätte selbst Herrn Biedermeier in Person zum Aufbegehren gebracht. Mein Sekretär raunzt niemals, noch nie habe ich eine Wolke auf seinem Stirngiebel bemerkt. Allerdings lächelt er auch nie, sondern hält den Ausdruck einer Person fest, die »sich ihr Teil denkt«. Konservativ ist er im höchsten Grade und stößt alles Neue sofort ab. Die neuen Schlüsselschilde, die ich ihm anschrauben ließ, 23 wollten durchaus nicht haften. Durch eine neue Politur schlug nach einem Jahre die alte mit ihren sämtlichen Flecken und Abschürfungen siegreich durch. Und dabei ist er die Diskretion selbst. Er besitzt natürlich ein Geheimfach, aber er hält dieses Fach so geheim, daß ich es noch immer nicht finden kann. Ich habe ihm schon das Innere zu äußerst gedreht; je offener er stand, desto verschlossener blieb er. Mehrere Messer und Scheren, die ich als Hebel benützte, brachen an seiner passiven Resistenz ab. Wo immer man klopft, klingt er massiv, und doch muß er irgendwo hohl sein. Ein Felsen aus Holz. An einer Stelle beginnt er schon zu versteinern; der Tischler hält das für einen Astknorren, aber ich glaube ihm nicht. Eher wird es ein abgebrochener Zahn der Zeit sein, der in ihm stecken geblieben ist. Die neueren Möbel, zwischen denen er steht, sind für ihn Luft. Solche geschwindelte Fabriksware verachtet er. Er behandelt sie weder höflich noch unhöflich, er behandelt sie gar nicht. Einmal wollte ihn die Magd rücken, um für einen secessionistischen Ständer Platz zu machen, aber das schlug ihr zum Übel aus. Er trat ihr auf den Fuß, daß die große Zehe hin war; seitdem steht er ungerückt. Wie gesagt, sein Geheimnis habe ich ihm lassen müssen. Er hat offenbar Auftrag, es erst der dritten und vierten Generation mitzuteilen. Trotzdem ist mir der Alte wert. Schon weil er Talent zu Orakelsprüchen hat. Sein Furnier zeigt allerlei krause Figuren, ganze Gesichter, mit erkennbarem Ausdruck. Wenn mich ein wichtiger Zweifel plagt, frage ich den alten Sekretär und folge 24 dem fröhlichen oder traurigen Furniergesicht, das er mir eben zuwendet. So ein Sekretär ist schon ein förmlicher Onkel.

Und die alte Kredenz, auch aus jener dazumaligen Zeit, ist die richtige Frau Tante. Die nimmt sich heraus, mich erziehen zu wollen. Sie ist ein altes, baßgeigenfarbenes Gebäude, unten mit keifenden Türen, oben mit einem Deckel, dessen eiserne Spreize gern aus ihrer Öse herausgleitet. Wie oft mich dieser Deckel schon auf die Hand geschlagen hat, wenn ich mir außer der Zeit einen Bissen langen wollte! Die gute Alte hat mich erziehen sehen und will das nun noch immer fortsetzen. Innen ist sie weiß lackiert; darauf hält sie viel und sieht traurig aus, wenn ich den Anstrich nicht beizeiten erneuern lasse. Und ich kann keine Kredenz traurig sehen. Was sie gar nicht leiden mag, ist, wenn ich im Zimmer Krocket spiele. Da liegt nämlich ein moderner Teppich vom seligen Otto Eckmann; ein sehr fein erfundener Knüpfteppich in zweierlei Braun, hell und noch heller, und zwar mit einem großen Quadratmuster. Darauf kann man famos Krocket spielen, und ein kleiner Nachbar kommt dazu eigens herüber. Ein Stubenhocker muß sich eben seine gesunde Zimmerbewegung machen. Das mag nun aber Tante Kredenz gar nicht leiden. In ihrer Zeit spielte man nicht Krocket, vollends im Zimmer, und gar bei offenen Fenstern. Sie läuft sofort an, ödematisch, und geht aus dem Leim. Als ob der Leim nur vorhanden wäre, um aus ihm zu gehen. Onkel Sekretär tut so was nicht; sein Leim ist der Leim der Leime. 25 Tante Kredenz gleicht schon mehr den »geleimten Mitteleuropäern« von heute und geht von der Zugluft auf, so daß die Bücher, mit denen sie unten vollgestopft ist, auf meinen Krocketteppich kollern. Das Gesicht, das sie dabei macht, ist so rührend, daß die uralte Wiege, die dabei steht, hörbar zu weinen anfängt. Sie weint bei jedem Temperaturwechsel wie ein Kind, und dazu klappert der alte Spinnrocken wie ein Skelett. Warum all der Urväterhausrat noch immer da herumsteht? Es ist doch überall ein Endchen Urväterseele darin, eine ererbte Fähigkeit des Weinens und Klapperns, die zum seelischen Familiengut gehört. Die Wiege ist auch mit Büchern angefüllt, die jedoch über ihren Horizont gehen. Der Spinnrocken dient als Regenschirmständer, läßt aber die Dinger immer fallen. Ich glaube beinahe, diese beiden alten Sachenseelen haben es nicht ganz gut bei mir. Aber wer kann sich in allen Seelensachen so genau auskennen?

Nicht jedes alte Möbel hat die Aufopferungsfähigkeit meines Papierkorbes, dieser wahrhaft schönen Seele, die mir seit Jahren alles Langweilige, Lästige, öde, Blöde mit einer Freudigkeit abnimmt, die mir die höchste Achtung einflößt. Hätte sie eine Hand, wie oft wäre diese von mir schon geküßt worden. Eine Frau täte für mich gewiß nicht, was dieser Papierkorb tut. Und ich kann ihm doch nicht einmal in meinem Testament etwas vermachen, denn es würde ihm nicht ausgefolgt. In anderer Weise schätzbar ist das Naturell meiner Papierschere. Obgleich ich ihr, unter uns gesagt, schon eine gewisse Gesetztheit wünschen 26 würde, ist sie noch immer der muntere Springinsfeld, den ich bloß halte, um mir an ihm ein Beispiel zu nehmen. Das ich natürlich nicht befolge. Diese Schere hat keine Spur von Sitzfleisch. Sie verschwindet und erscheint wieder, mit immer gleicher, anregender Plötzlichkeit. Sie ist das Unvorhergesehene in meinem Hause, das ewig Unerwartete, der Kobold, der mich am Einrosten hindert. Welche Trauer, wenn sie schon wieder nicht zu finden ist! Welche Freude, wenn sie doch wieder auftaucht, nach zwei Wochen, vier Wochen ... wo? als Lesezeichen in einem längst vergessenen Schmöker; als »ich weiß nicht, etwas Spitziges« im Abgrund zwischen zwei Kissen einer Polsterlehne; als Gegengewicht einer Rouleauschnur hoch oben am Fenster baumelnd; als Versteckenspielerin im weggelegten Futteral eines Regenschirms; als Stützpfahl meiner Rebe, ... von der übrigens später. In der Tat, das ist Dame Kobold, als zusammenklappbare Zweischneidigkeit gestaltet, die allem Papiernen, Ledernen, Hölzernen spottet, eine stahlblanke Seele, das Prinzip der Anti-Makulatur, mitten in der Schreibstube die Freizügigkeit selbst, das ewig verlegte, das ewig »soeben in der Hand Gehabte«. Ja, sie ist der Sauerteig meines Schreibtischlebens. Die Vexierseele, die mich seit so vielen Jahren im Schwung erhält.

Sie und meine Rebe. Meine Rebe ... Ich besitze nämlich eine Rebe. Das ist mein Weingarten, mein Weinberg des Herrn. Was hätte es für einen Sinn, mir eine fade Levkoje oder eitle Nelke im Gartengeschirr als vegetabilisches Haustier zu halten? Sie blüht und hat 27 geblüht, basta! Da ist meine Rebe eine ganz andere Person. Sie stammt aus der Wibmerschen Rebschule in Pettau und hat eine Sachenseele erster Güte im Leibe. Ich habe sie mir nämlich in den Kopf gesetzt, um mir noch mehr Bewegung zu machen. Ich will durchaus meinen eigenen, selbstgekelterten Wein trinken, Vielleicht nur einen Fingerhut voll, aber unleugbaren Eigenbau. Vielleicht nur auf Zucker geträufelt trinkbar, wegen allzugroßer Säure infolge Mangels an Sonne, aber doch wenigstens kein »fremder Tropfen in meinem Blute« worüber ja schon Egmont sich gelegentlich beschwert. Möglich, daß mein Wein nur wenig Alkohol enthalten wird, vielleicht gar bloß alkoholfreien Alkohol, von dem ich schon längst träume, aber das wäre ja erst der rechte Triumph. Item, ich habe meine Rebe in einen großen Gartentopf gesetzt, mit der besten schwarzen Erde, und hacke und jäte und häufle und pfropfe daran herum, genau nach den Angaben meines Konversations-Lexikons. Es ist eine Freude, mich in meinem Weingarten als Weinbauer tätig zu sehen; auch halten mich die meisten Vis à vis schon für verrückt. Aber ich kenne die Seele meiner Rebe, sie ist dankbar und wird mich nicht im Stiche lassen. Sie fühlt es ganz wohl, wie sorglich ich sie der Sonne nachtrage. Ich wohne gegen Nordnordwest, aber mit Rückseite gegen hinten hinaus. Bald wird dieses, bald jenes halbe Fenster vom warmen Strahl getroffen, das geht in einer kalendarischen Reihenfolge, jahres- und tageszeitenweise. Und da trage ich meine Rebe immer gewissenhaft an die gerade 28 beschienene Stelle, bald vorn heraus, bald hinten hinaus, bald ins Küchenfenster, bald in die Speisenkammer, wo in der oberen Fensterecke rechts für sie ein eigenes Brett angebracht ist, weil im Sommer um sieben Uhr abends nur noch jenes Winkelchen der Wohnung Sonne hat. Seit einem Jahre bin ich auf dieser Wanderschaft mit meiner treuen Rebe. Und sie gedeiht sichtlich. Anfangs setzte sie drei Blättchen an, jetzt hat sie keins mehr; und das soll das Richtige sein. Auch war sie ursprünglich um drei Zentimeter höher; aber je kürzer sie wird, desto strammer, sagt man, wird der Wuchs. Hie und da stutze ich sie auch ein wenig; so oft ich nämlich zufällig wieder einmal meine Schere finde. Durch dieses Verfahren hat sie auch bereits die gewisse grünliche Farbe verloren, die immer auf Unreifheit deutet. Sie nimmt jetzt, von oben nach unten, einen gewissen holzartigen Charakter an, den Typus des Strunks. Das soll besonders gegen die Phylloxera ausgezeichnet sein; die Peronospora habe ich, durch Abschaffung der Blätter, ohnehin schon unmöglich gemacht. Und so hege und pflege ich meine Rebe seit vielen Monaten und trage sie treulich von Sonne zu Sonne. Mir ist es eine heilsame Leibesübung, und ihr geht es nicht minder gut; unsere beiden Sachenseelen haben sich verstanden. Welch ein Bacchanal werde ich feiern, wenn ich meinen ersten Wein gekeltert habe! 29

 

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