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Flagranti und andere Heiterkeiten

Ludwig Hevesi: Flagranti und andere Heiterkeiten - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleFlagranti und andere Heiterkeiten
authorLudwig Hevesi
year2009
firstpub1910
publisherMetroverlag
addressWien
isbn3-902517-97-5
titleFlagranti und andere Heiterkeiten
pages94
created20101007
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Rumpelkammer

Ein Spuk

Wie es kam, daß ich die Schwelle überschritt, ich weiß es nicht. Sie sah so eigentümlich verdächtig aus. Wie Schwellen, die Gott weiß wohin führen. Ich war wie im Traum. Ich glaube, es rief mich jemand, von innen; oder es schob, stieß mich einer, von außen. Ich erinnere mich nicht, wie die Tür aussah, oder ob eine vorhanden war. Aber ich glaube, es schloß sich etwas hinter mir, mit einem seufzenden, zähneknirschenden Ton. Es war recht dunkel in dem Raume. Anfangs sah ich gar nichts. War es ein Gelaß, in das ich getreten? Ein Speicher? Eine Höhle? Ein Keller? Ich roch unbestimmten Moder. Dann dämmerte mir eine schwache Lichtempfindung. Ein unbestimmt graugrünlicher Schein fleckte sich stellenweise mit einem unausgesprochen bläulichgelblichen Schimmer. Unbekannte Dinge schienen da und dort zu phosphoreszieren. Ein eigentümlich ängstlicher Mut zwang mich, vorwärts zu gehen. Eine Art passive Draufgängerei. Bei jedem Schritt glaubte ich in ein unsichtbares Loch zu fallen. Ich hörte meine Tritte nicht. Der Boden war wie mit einer tiefen Almstreu bedeckt. Das gab ein dürres Rascheln wie von Blättern. Und ein Knacksen knickender Sachen. Oder ein glitschriges Gleiten schon zergorener Massen. Mir war öd und verworren zumute. Ich traf auf Schichten formloser Dinge, wo ich durchbrach. Ich stieß gegen unbemerkte Arme und Zweige 8 von Sachen, die im Finstern umherstanden. Sie waren so morsch, daß sie abbrachen und an meinen Kleidern hängen blieben. Plötzlich entglitt mir der Boden, und ich schlug der Länge nach hin, mitten in einen Kehrichthaufen, der eine Ecke des Raumes zu füllen schien. Eine stickige Staubwolke stieg auf; ich hatte ein Gefühl von Erdrückung. Wo bin ich? schrie es in mir. Licht! Licht!

Da geschah etwas Merkwürdiges. Warum? Das weiß ich nicht, aber mir fiel Friedrich Halm ein. Ein vergessenes Stück von Halm: »Imelda Lambertazzi.« Ich hatte seit vierzig Jahren nicht mehr daran gedacht. Darin ist eine Szene, wo der Tausendkünstler die Zweifler, die ihn als Betrüger entlarven wollen, durch ein Zauberstück ad absurdum führt. Er holt ein winziges Holzstäbchen aus der Tasche, fährt damit über den Tisch und siehe, das Stäbchen loht hell auf! Unglaublich! Ein Wunder! Er ist also wirklich ein Wundertäter.

Wie mir das gerade jetzt einfiel, ich weiß es nicht. Aber ich hielt das Halmsche Zündhölzchen in der Hand, und es brannte. Ohne zu verbrennen. Mit rechten Dingen ging das schwerlich zu. Nun sah ich, wo ich war. In einer großen Rumpelkammer voll aufbewahrter und vergessener Sachen. Zwei Menschenalter mochten etwa genügt haben, all das aufzuspeichern. Gewiß lauter Dinge, die einst sehr wichtig schienen und jetzt sehr überflüssig aussahen. Haufen von Gerümpel, über denen eine Art Geist zu schweben schien. Was mochte es für ein Geist sein? Ein Name für ihn raunte sich mir zu, wie aus einem 9 unsichtbaren Grammophon. Ich hörte ihn deutlich: der Geist der Unwesentlichkeit.

Ich rappelte mich aus meinem Kehrichthaufen heraus und versuchte mich abzustauben. Aber sobald ich das wirre Zeug los werden wollte, haftete es wie festgeklebt. Eins oder das andere dagegen, das ich zu haschen wünschte, huschte mir durch die Finger. In meinem Bart hatte sich ein winziges Röllchen verfangen, wie ein Lotteriezettelchen mit einer Zahl. Ich las »3.14«. Dann kam noch eine ganze Reihe Dezimalien. Ich rieb mir die Stirn. 3.14, was kann das sein? Ach, das ist ja die verwünschte Ludolfsche Zahl. Das verhaßte Pi, aus der mathematischen Lehrstunde. Wie kam ich darauf? Seit einem halben Säkulum hatte ich nicht daran gedacht. Ich schleuderte das Röllchen zu Boden, wie ein ekles Insekt. Nein, was für grausliche Dinge einem einfallen können! Ich stolperte weiter durch die tiefe Streu, mein Lichtchen krampfhaft in der Hand. Ich sah nun, daß die Streu wirklich aus lauter dürren Blättchen bestand. Aber aus Papierblättchen. Die meisten vergilbt, vergraut, verbräunt, knittricht und schrumpflicht geworden. Ich hob eines auf. Es stand ein Wort darauf, das ich nicht verstand, »Bobok«. Wer ist Bobok? Was ist Bobok? Was wollte ich mit Bobok? Ich konnte schlechterdings nicht klug daraus werden. Ein anderes Blättchen war so klebricht, daß ich es gar nicht vom Finger schütteln konnte. Vom rechten Daumen war ich's los, da fand ich's gleich an der Spitze des linken kleinen Fingers. Widerwillig warf ich einen Blick darauf. Die Schrift des Zettels war 10 längst zerweicht, nur drei Worte noch zu lesen: »Styx der Götterheld.« Unsinn. War denn Styx ein Götterheld? Und aus solchem Zeug bestand offenbar die ganze Streu, durch die ich da watete. Sollte sich jemand eine Sammlung von Zitaten angelegt haben? Und sie dann hier eingelagert, um gelegentlich daraus zu schöpfen? In verächtlicher Aufwallung stieß ich nun bei jedem Schritt ganze Haufen davon mit dem Fuße beiseite. Sogenannter Zitatenschatz irgendeines Papierbeschreibers. Verschimmelter Zettelkastengeist. Zu wessen Heimstätte mochte nur dieser muffige Kramspeicher gehören?

Der Raum wurde nun etwas geräumiger. Ich hustete nicht mehr beim Atmen. Von den Dachsparren hingen Reihen dunkler Gegenstände herab. Manche glichen Schinken, die zum Räuchern aufgehängt waren. Andere Fledermäusen, die von der Decke einer Schlupfhöhle hangend ihren Winterschlaf halten. Einen stieß ich mit dem Stock an. Er barst und überschüttete mich mit einer Wust von Dingen, wie sie höchstens in einer griechischen Grammatik vorkommen. Vermoderte Vokabeln, zerknüllten Partizipalkonstruktionen, in Fäulnis übergegangene Floskeln, nicht keimfrei aufbewahrte Belegstellen. Ein Schauer von Zeitwörtern, die ihr Futurum mit x bilden, ging auf meinen Kopf nieder und machte mich niesen. Ich war aufs Haupt geschlagen. Im Innersten betroffen. Und das war nicht die gewöhnliche Dutzendverdutztheit, die uns das Leben tagtäglich zufügt. Ein schier mystisches Paffsein war es, über ganz wunderliche Wunder, die man nur nach 11 dem Keinmalkeins berechnen kann. Aber nachgerade hatte mich eine mächtige Neugierde überkommen, diesen Unverständlichkeiten auf den Grund zu gehen. Ich hob wieder den Stock und stieß gegen eine der Fledermäuse, die also nur vollgestopfte Säcke waren. Er platzte, und ein Gestöber von krümligen, bröckligen Latinismen hüllte mich ein. Splitter von wurmstichigen Leitersprossen eines Gradus ad Parnassum, verrostete Paragraphen des Antibarbarus. Traurige Reste chrestomathischer Allotrien. Apte dicta inepter Dizenten. Wahrhaftig, jede dieser geschwollenen Fledermausformen war ein Sack voll Wust. Jeder einzelne ein Schulsack für sich, der »dann« an einen Dachsparren gehängt worden. Und Reihen solcher Säcke hingen da. Ein spanischer Sack, ein englischer Sack, ein französischer, italienischer, holländischer Sack. Jeder voll mit linguistischen, syntaktischen, stilistischen Fetzen und Brocken aus immer anderer Zunge. Betrübliches Panorama sogenannter Sprachkenntnisse.

Ich faßte mich an den Kopf. Bin ich auf dem Schnürboden einer komischen Oper? Oder träume ich eine Fortsetzung der Apokalypse? Oder irre ich in einem vollgekramten Gehirn umher und suche die Adresse des Besitzers? Ventrikel 4, nullter Stock, Tür y? Ist es das Gehirn des verehrten Deutobold Symbolizetti Alegoriowitsch Mystifizinsky, in dem ich da unberufen umherschlendere? Alles riecht so posthum. So mehrfach vergessen und wieder aus Notizbüchern erblättert ... Eben trat ich in eine ganze Notizbücherei. Verstreut, aufgetürmt, schichtenweise und zuhauf, nichts 12 als Notizbücher, alle voll vom Bleistift des Augenblicks. Eine Kritzelwelt in Abkürzungen, Geheimzeichen. Stenogramme, Kryptogramme. Hügel von Notizbüchern, Bergzüge von Exzerpten, Analekten, Notaten. Vollgeschrieben, zugeklappt, weggelegt und nie wieder aufgeschlagen. Nicht zu Vergessendes festgelegt, schwarz auf weiß, für ewige Zeiten, und sofort wieder vergessen. Oh, man vergißt im Leben viel mehr, als man je gewußt hat. Ich hob ein verschossenes rotes Büchlein auf und setzte mich auf eine Kiste. Der brüchige Deckel ging entzwei. Ich fiel in ein stachliges Durcheinander von heraldischen Gebilden. Ach, Heraldik, einst eine meiner Passionen. Eine der so mancherlei wieder verschwitzten Gelehrsamkeiten sogenannter Mußestunden voll Kuliarbeit. Ich setzte mich auf eine andere Kiste. Ihre Seitenbretter, längst aus Zapfen und Leim, wichen nach vier Richtungen aus, ich saß am Boden. Sie hatte eine andere brotlose Wissenschaft der Jugendzeit enthalten; eingesargt bis auf bessere Zeiten. Pasigraphie, Pasilalie. Universalschrift, Universalsprache. Hab' ich nicht eine Bibliothek darüber gesammelt? Hatte ich nicht einst geläufig Esperanto gesprochen, die Kunstsprache des russischen Pasilalen Zamenhof?

Ich? Handelte es sich denn da um mich? War dies nicht das Gehirn des verehrten Alegoriowitsch Undsoweiter? Sein Gedächtnis vielmehr. Ja, nun war es mir plötzlich klar. Diese Rumpelkammer war nichts anderes als ein Gedächtnis. Das eines vollstudierten Gehirnes von heute, wie es gewisse Menschen im Schädel 13 herumtragen. Ein ungeheures Gedächtnis, voll Sachen, ... aber schon Sachen! Wie war ich nur da hereingekommen? Durch welchen Zauberspuk? Vielleicht lag ich doch im Bette und träumte bloß, in winterlich brodelnder Spuknacht, wo Jahrestod und Jahresgeburt zusammenfallen? Welches Abenteuer, in seinem eigenen Gedächtnis herumzugehen und die Millionen von Konservenbüchsen mit einem brennenden Halm zu beleuchten. Wer mir das gesagt hätte, daß ich mich einst in meinem eigenen Gedächtnis auf eine Kiste voll Pasigraphie setzen und durchfallen würde. Ja, ich habe immer so ein vertracktes Gedächtnis gehabt. Mein Schädel war ein Mnemotechnicum, dessen Fassungsraum mit fortgesetztem Fassen immerzu wuchs. Unheimlicher Gedächtnismensch. Mit dem Übergedächtnis, das eigentlich unzurechnungsfähig ist. Warum weiß ich nicht mehr, am wievielten April Eintausendundsoundsoviel Heinrich der Sechste bis Siebente die gewisse Urkunde unterschrieb, an die ich mich nicht mehr erinnere? Solche hochgewichtige Tatsachen kommen einem abhanden. Dagegen weiß ich, um Mitternacht aus dem Schlaf geweckt, augenblicklich, daß jener von Humboldt erwähnte Indianerstamm in Südamerika Apapurinkasiquinitschchiquisaqua heißt. Und daß der Arak, der in Mexiko einem Boten gebührt, Amaklakuilolitquikablaglahuilli genannt wird. Angeführt als Beispiel für die Länge mexikanischer Wörter. Aus der Kinderzeit spreche ich auch noch fließend die Geistersprache, wie sie in Immermanns »Münchhausen« aufgeschrieben ist. »Schnuckli 14 buckli koramsie quietsch dendrosto perialta bump firdeisinu mimfeistragon und hauk lauk schnapropäp.« Das heißt: »Hast mir Knödel aufgehoben?« Und die Antwort darauf: »Freßaunidum schlinglausibeest simple timple pimple feriauke meriaukemau.« Das heißt: »Ja.« Nämlich die bösen Geister haben unter anderen Straftaten auch die zu dulden, daß sie die einfachsten Dinge in den langwierigsten Wortformen ausdrücken müssen, während bei den guten Geistern das Gegenteil der Fall ist. Ein Engel sagt dem anderen: »Pöpöbelö.« Das ist seine ausführliche Lebensgeschichte in drei Quartbänden. Warum erinnere ich mich unauslöschlich an solche Nichtigkeiten? Während ich keine Ahnung habe, wann Melanchthon geboren ist und die Marquise von Parabère die Pocken gehabt hat.

Unter solchen verzweifelten Drehungen der psychischen Bohrmaschine saß ich auf den Trümmern jener pasigraphischen Kiste, neben den Trümmern der heraldischen Truhe. Noch immer das rot gewesene Notizbuch in der Hand. Mechanisch schlug ich es auf und las: »Bobok.« Jetzt wußte ich alles. In einer Schauergeschichte Dostojewskis wacht eine Leiche alle fünf bis sechs Wochen auf, sagt »Bobok« und wird wieder still. Irgendeine Bedeutung hat das Wort nicht, es ist bloß eine Äußerung fortgeschrittener Zersetzung. Warum in Himmels Namen kann ich diesen Unsinn nicht vergessen? Während ich mir vergebens das Gehirn zermartere, – je me matagrabolise la cervelle, sagt der Franzose – wie die Frau des Leibschusters der Königin Elisabeth von England geheißen hat. Was doch jeder Gebildete wissen sollte. Mir war, als wäre plötzlich ein drei Millimeter breites Lichtband durch eine Ritze in dieses schwarze Verlies eingefallen, wäre an etlichen Kanten unsichtbarer Dinge umgeknickt und hätte diesen dunklen Punkt getroffen. Und dann wäre er abgeprallt, nach einem zweiten dunklen Punkte hin. Der war mir nun ebenso hell. »Styx der Götterheld« ach, das war allerdings an sich ein Nonsens. Ein unbrauchbarer Lappen, aus dem Spitzenbesatz des Festkleides der Königin gerissen, der wunderschönen und wundertraurigen. Die ganze Stelle lautet: »Ersteht wie aus dem Styx der Götterheld, unüberwindlich.« Im »Tod des Empedokles« von Hölderlin. Einst hatte man solche Perlen am Schnürlein, reihenweise, und trug sie vielfach um den Hals gewunden. Und um alle Handgelenke auch. Wann war das? Wann?

Jedenfalls ... Bobok, in meiner eigenen Handschrift ... Nun hatte ich es schriftlich, daß diese heillose Rumpelkammer mein eigenes Gedächtnis war. Ich fühlte, wie mein Gesicht plötzlich sehr lang wurde. Eine Entrüstung stieg in mir auf. Eine Empörung. Eine Erbitterung. Und seltsam, ich mußte dabei an eine gute Frau denken, die schmerzlich geseufzt haben würde: »Wann hat man da zum letztenmal abgestaubt!?« Ich begann den Raum zu durchmustern. Erst mit Abscheu, dann ironisch, zuletzt förmlich heiter gestimmt. Da gab es Gestelle und Gebinde voll Wissen für den Hausgebrauch, Rucksäcke und Soufflétaschen voll 16 Kenntnissen für den Reisebedarf. Nie mitgenommen worden, die Schlüssel längst verloren. In einer Ecke staute sich ein ungeheurer Wirrwarr von Menschlichkeiten; medizinischer Herkunft. In einer unkenntlichen Masse stak noch ein Skalpell. Ein anderer Bezirk strotzte von Niederschlägen langwieriger Kunststudien. Sechsmal umgelernte Lehren und umbegriffene Begriffe. Geheiligte Mißverständnisse, in dicken Packen zusammengeschnürt und hier hinterlegt. Fässer voll gepökelter Ästhetik, in der Lauge ihrer Unausstehlichkeit. Gedörrte Ideale, mit einem Nimbus von perennierender Schäbigkeit. Ein süßlichflauer Hefedunst stieg aus diesem klebrigen Satz ehemals fließender, strömender Elemente auf. Ich dachte an eine Pfandleihanstalt, wo man auf veraltete Bewunderungen halb so viel geborgt kriegt wie auf alte Strümpfe. An eine Trödlerbude, wo von Professoren abgelegte Auffassungen billig zu haben sind. Und systematische Ruhebetten, dreibeinig, aber noch mit Spuren edlen Roßhaares um die Schlitze. Eine Statuette Raffaels ist statt des vierten Fußes darunter gestellt.

Und weiter taste ich mich, schlurfenden Schrittes, anderen Winkeln zu. Ich stieß auf Mumien vergangener Liebhabereien. Wenn ich sie mit dem Stock beklopfte, zerfielen sie zu Staub. Breite schwarze Tafeln standen da, mit Überbleibseln mathematischer Beweise; jeder Wischer des großen Schwammes noch sichtbar. Ich konnte nicht anders, ich zog das Taschentuch und wischte auch diese letzten Reste weg. Einzelne Kästchen standen in besonders sicheren Winkeln. 17 Enthielten gewiß rare Erkundungen, bücherwürmerische Wertsachen, einmagaziniert für gelegene Zeit. Die ruhmreiche Ausarbeitung war unterblieben. Was mag da drin sein? Das hat mich einst erfüllt, erwärmt, vermutlich begeistert. Es war grün wie die Hoffnung, wie der Lorbeer, wie die grüne Jugend. Fällt mir nicht ein, diese Särge zu öffnen; jetzt sind es ja doch nur Gebeine ohne Namen. Hier das Theater von Anno dazumal. Unwillkürlich drücke ich vorn am Hals den Kragenrand nieder, wie Fichtners Lieblingsgebärde war. Ich versuche meine Glatze zurückzuwerfen, wie Josef Wagner sein wallendes Lockenhaar. Ich ... Fort aus dieser sentimentalen Gegend. Diese eingedickte Theaterluft beizt wie Schnupftabak. Man niest sogar mit den Augen.

Ich weiß nicht, wie es kam. Das Gedächtnis hat solche wunderliche Mucken. Ich bücke mich gerade nach einigen verkalkten Reminiszenzen an Halmsche Stücke. Wer spielte nur damals den Zauberer in ... ja wie hieß das Stück? Das, wo mein Zündholz als Zauberei wirkte. Es war mir schon wieder entfallen. Und gleichzeitig flackerte mein Leuchthölzchen höchst verdächtig auf und wollte gleichfalls erlöschen. Rasch sprang ich auf und davon, dem Eingang zu. Als ich die Schwelle betrat, erlosch das Licht. Ein Glück für die Rumpelkammer, denn ich hatte bereits die feste Absicht gefaßt, den ganzen Kram anzuzünden.

Am Morgen nach diesem Traumgesicht schlenderte ich benommenen Kopfes durch die Straßen. Es war früh. Kinder gingen truppweise zur Schule, die 18 Lehrbücher aufgeschnallt. Waren frisch und munter und unwissend, wie der liebe Gott sie geschaffen. Wußten gar nicht, daß sie ein Gedächtnis im Kopfe hatten. Eine schmucke, kleine Rumpelkammer, in die nun erst all das Gerümpel hinein sollte. Damit sie dereinst als Menschen und Rumpelkämmerer ihren Platz in der Welt genau ausfüllen möchten. 19

 

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