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Flaggen über Stadt und Hafen

Bjørnstjerne Bjørnson: Flaggen über Stadt und Hafen - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorBjörnstjerne Björnson
titleFlaggen über Stadt und Hafen
publisherAlbert Langen Verlag für Literatur und Kunst
printrun5. und 6. Tausend
yearo.J.
firstpub
translatorCläre Greverus Mjöen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140307
projectid23eb260e
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II. John Kurt

1. Einsamkeit

Konrad Kurt war als fünfzehnjähriger Junge von Hause ausgerückt; länger hatte er's nämlich nicht mit ansehen können, wie seine Mutter mißhandelt wurde; dieses Erbteil hatte sich nämlich in der Familie erhalten. Er war auf einem Schiffe nach Hull geflüchtet, wo ein Onkel von ihm lebte.

Aber der Onkel ließ Konrad Kurt auf dem Lande erziehen und trug selbst die Kosten. Denn der Arzt hatte ihm gesagt, mit dem Nervensystem des Knaben stünde es nicht zum besten. Sollte ein brauchbarer Kerl aus ihm werden, müsse er in frischer Luft leben, etwa als Gärtner oder so. Nun war in dem Geschlechte der Kurte von jeher die Liebhaberei erblich gewesen, sich mit der Gärtnerei zu beschäftigen, und so wurde sie sein Beruf.

Als der Vater starb und er heimkehrte, um seine arme Mutter und sich selbst zu versorgen, blieb ihm auch nichts anderes übrig als seine Gärtnerei. Sein liebenswürdiger Vater hatte nämlich die letzten Waldungen zum vollständigen Abholzen verklopft, ebenso wie die letzten Schiffsanteile, die letzten Strandschuppen und endlich auch die Ziegelei. Aus dem allem hatte er sich eine Leibrente geschaffen. Mit andern Worten, ihm waren nur die Häuser, die Gärten und ein wenig Ackerland geblieben; im übrigen hatte er alles um sich her »rattenkahl aufgefressen«, wie es heißt. Nun mochte der Sohn das Nachsehen haben. Der konnte ja seinerseits nun anfangen, die Felder zu verkaufen. Diese grenzten an die Stadt und boten vorzügliche Bauplätze; ebenso der unterste Teil der beiden Gärten. Aber Konrad Kurt meinte, nun sei genug vom Gut verkauft und lieh sich eine Geldsumme, mit Hilfe deren er Felder und Gärten drainierte und die Häuser so weit wieder instand setzte, daß sie wenigstens nicht zerfielen; er vergrößerte das Treibhaus und baute später noch ein zweites, kurz – er bewies den Leuten, daß man ganz gut von dem Besitztum leben konnte, namentlich wenn man seine Gärten so bestellte, daß es sich lohnte, was zu jener Zeit und in jener Gegend etwas ganz Neues war.

Anfangs führte er fast alle Erzeugnisse seiner Gartenkunst zu Schiffe aus; aber allmählich wurde das anders.

Er schlief, aß und schrieb in einem einzigen Zimmer, dem links von der Diele, in dem auch der erste Kurt und nach ihm immer die jeweiligen Eigentümer des »Gutes« gewohnt hatten. Das Zimmer daneben hatten seine Vorgänger als Schlafgemach benutzt, aber Konrad Kurt überließ es seiner Mutter. Diese lebte jetzt ihre glücklichsten Tage.

Die Dienstboten und Arbeitsleute hielten sich in der Küche auf, die an der andern Seite der breiten Diele lag, die das ganze Haus durchschnitt und in zwei Hälften teilte. Sonst war das Hauptgebäude verödet. Nur im Herbst breitete Konrad Kurt seine Gartenerzeugnisse, wenn es nötig war, zum Trocknen auf den Fußböden in den breiten Zimmern und Sälen aus.

Er war ein heftiger Mann, abwechselnd wortkarg und dann wieder bullrig, aber er war gutmütig. Gesinde und Arbeiter liebten ihn, da er sie auch lieb hatte. Den Seeleuten und Fischern am Berge schenkte er Samen und lehrte sie ihre Gärten bestellen und die Erzeugnisse verwerten. Im Laufe der Zeit hatte sich nämlich um jedes Haus soviel Schutt angesammelt, daß sich alle mit ein wenig Mühe ein Streifchen Garten anlegen konnten. Erde dazu durften sie bei Kurt holen, wenn sie den wilden Boden mit guter Erde mischen wollten. Nie hätten sich die da draußen am Berge träumen lassen, daß sie wirklich je Erde da hinaufschleppen würden; daß sie sich Zeit dazu nehmen würden, daß es ihnen Spaß machen könnte. Jeden Sonntag im Frühling und Sommer war Konrad Kurt draußen und half ihnen. Und daran hielt er sein ganzes Leben lang fest. Aber das war auch fast der einzige Ort, wo man ihn außerhalb seiner Gärten, seines Hauses und seiner Keller zu sehen bekam.

Im Frühling und Sommer war er schon früh um vier Uhr draußen und im Herbst und Winter, sobald es hell wurde. Im Sommer trug er Hosen von Englischleder, einen grauleinenen Rock, eine lange, grüne Schürze bis auf die Füße herunter und eine Mütze mit großem Schirm; im Winter dieselbe Hose von Englischleder, eine bis oben zugeknöpfte Matrosenjacke und dieselbe lange Schürze; aber auf dem Kopfe hatte er dann eine Pelzmütze mit breiter Krempe, die immer heruntergeklappt war, so daß die losen Ohrenklappen ihm ins Gesicht klatschten. Nie hatte man ihn anders gesehen, außer am Sonntage. Dann war er rasiert, hatte ein gestärktes Hemd an, und die Schürze ließ er zu Hause.

Er hatte nicht die breite, trotzige Stirn der Kurte; seine war ziemlich hoch und scheinbar sehr weiß; vielleicht doch nur, weil das Gesicht im übrigen so wettergebräunt war. Aber die lebhaften, wilden Augen der Familie hatte er. Das Gesicht war länger als das der Kurte und ziemlich hager, die Nase etwas breit.

Hausmütter und Kinder hatten es bald heraus, daß es vorteilhafter sei, ihre Einkäufe bei dem barschen, oft bullrigen Manne selbst zu machen, anstatt in seinem Laden auf dem Markte; denn er war nobel beim Handeln und außerordentlich kinderlieb. Aber lange trödeln durfte man nicht und beileibe nicht feilschen. Er hatte die Angewohnheit, alle Augenblicke mal ganz verloren vor sich hinzustarren, als denke er über etwas Tiefsinniges nach, und sich dann plötzlich aufzuraffen mit einem schnellen: Tja, tja, tja, tja, und zuletzt kam dann ein langes, tiefes: Tja–a–a–a! Es stand gut mit ihm; seine Kühe und die Gärten ernährten ihn immer besser. Aber nach einigen Jahren verbreitete sich das Gerücht, seit dem Tode seiner Mutter sitze er Abend für Abend allein und trinke sich einen Rausch an in Whiskytoddy. Wer herauskriegen wolle, ob das wahr sei, brauche nur kurz vor neun Uhr hinaufzugehen, denn dann ging er regelmäßig zu Bett. Und das tat denn auch dann und wann mal einer. Ganz richtig: Punkt halb neun war er total betrunken. Reden konnte er dann nicht gut, fing dagegen sehr leicht zu weinen an.

Das kam dem »alten« Pastor Green zu Ohren; der hieß schon damals, als ganz junger Mann, der »alte«, weil durch ein furchtbares Erlebnis sein Haar grau geworden war. Pastor Green war einer von den Ersten, die in Norwegen gegen die Trunksucht aufgetreten waren, einer von denen, die dieser Sache ihr Leben gewidmet hatten.

Sein Hauptgrundsatz war, es sei nutzlos, anders gegen die Trunksucht zu predigen, als durch Tatsachen und Handlungen, und es sei nicht daran zu denken, den einzelnen Trinker zu bekehren, ohne die Ursache, warum er sich dem Trunke ergeben, zu kennen. Die sei immer vorhanden, und liege sie nicht in einem zu tief eingewurzelten Erbfehler oder in einer zu weit vorgeschrittenen Gewohnheit, dann könne eben da der Versuch gemacht werden, einen Sticken vorzustecken.

Er ging zu Konrad Kurt hinauf und redete solange und so gütig mit ihm, bis er zu hören bekam, Kurt habe mit der Frau des Gärtners, bei dem er in England in Lehre gewesen war, ein Verhältnis gehabt. Und er habe ein Kind mit ihr. Die Frau sei ungefähr gleichzeitig mit seiner Mutter gestorben. Er habe sie so furchtbar lieb gehabt. Es sei ihnen ganz entsetzlich gewesen, den Mann zu betrügen. »Aber wir konnten nicht anders.« Und dann fing er zu weinen an. – Und der Junge, – o, was Reizenderes gab's auf der ganzen Welt nicht! Und der betrunkene Mann schluchzte vor Sehnsucht und klagte sich mit wilden Schwüren an.

Pastor Green suchte ihn dazu zu bringen, bei jenem Gärtner seiner Sünde wegen um Verzeihung zu bitten und den Jungen zu sich zu nehmen; aber dazu war Konrad Kurt zu feig. Schließlich mußte Pastor Green sich an andere wenden, und so kam er an einem Sommerabende mit einem lang aufgeschossenen, schwarzhaarigen Jungen von etwa zwölf Jahren nach dem Gut herauf und fragte nach Kurt, der noch im Garten arbeitete. Und es war wirklich der Mühe wert, zu beobachten, wie Konrad Kurt von seinem Mistbeet, auf dem er gerade hockte und grub, aufstand, sich langsam die Erde von den Händen abklopfte – und dann mitten drin plötzlich aufhörte und unter dem breiten Mützenschirm hervor bald den Pastor, bald den langen, braunhaarigen Jungen anstarrte, und dann schließlich die wilden, rastlosen Augen wiedererkannte, die übrigens noch größer waren als seine eignen, und die lange, etwas breite Nase, und das hagere Gesicht, Und ganz instinktmäßig fing er an, englisch zu sprechen: » I beg your pardon; but this lad –?« weiter brachte er nichts heraus ... und Green mußte das Wort nehmen. Ja, es war sein Sohn.

An jenem Abend vergaß Kurt, die Whiskyflasche hervorzuholen. Und als er das nächste Mal dran wollte, riß ihm der Junge einfach die Flasche weg und schmiß sie zum offenen Fenster hinaus gegen einen Stein. Der Wurf war brillant, und Glas, Zuckerdose und Teelöffel flogen hinterher – ein ganz brillanter Wurf.

Pastor Green hatte den Knaben nämlich gebeten, aufzupassen, wenn der Vater seine Whiskyflasche herausholte, und sie ihm dann auf gute Art abzuschwatzen. Und das war die Art und Weise, in der der Junge den Auftrag ausführte.

Der Vater stand da und starrte ihn an – dann brach er in ein unbändiges Gelächter aus.

2. Ein Genie

Nie ist jemand so fest überzeugt gewesen, ein Genie zum Sohne zu haben, wie Konrad Kurt. Gar nicht davon zu reden, daß der Junge ein vollständiger Botaniker war und in alle Geheimnisse der Gärtnerei eingeweiht – aber auch auf dem ganzen Gute, vom Kuhstall bis zur Küche, gab es bald nichts, was er nicht gekonnt hätte. Man sah ihm an, daß er im Hinterhaus unter Gärtnern, Küchenjungen und Knechten aufgewachsen war; zugleich aber auch, daß er was Tüchtiges gelernt hatte.

Nun wollte er natürlich auch aufs Wasser hinaus und in die Bote, um damit hantieren zu lernen; er hatte ja nie in einer Hafenstadt gelebt.

Und wie er Norwegisch lernte! In ein paar Wochen! Zu allererst lernte er fluchen. Der Vater krümmte sich vor Lachen über alle die Flüche, die der Junge gleich lernte und mit höchst komischem Accent brauchte. Und wie er erzählen konnte! Noch bevor er der norwegischen Sprache mächtig war, verstand er's, die Arbeiter in einer Spannung zu halten, die in der Tat erstaunlich war. Darum konnte er auch Schabernack mit ihnen treiben, soviel er wollte; es machte ihnen alles nur Spaß. Und als er dann endlich ein bißchen besser mit der Sprache fertig wurde – was wußte er den Leuten da alles vorzuschwatzen!

Des Vaters größte Wonne war, sich hinter eine der großen Hecken zu schleichen und ihm zuzuhören. Da erzählte der Junge ihnen denn, wie es bei Hof in England zuginge, wo er Page gewesen wäre. Er und ein paar seiner Kameraden hätten immer vor der jungen, reizenden Königin hergehen dürfen, hinter ihr dann alle die großen Perücken. Vermutlich hatte er etwas Ähnliches mal im Theater oder auf Abbildungen gesehen. Und dann die furchtbaren Kriegsbegebenheiten, die er in Indien miterlebt hätte, als er mit der Königin von England eine kleine Lustreise dorthin gemacht habe. Der Vater stand in seinem Versteck und lauschte dem blutigen Zauber, mit dem der Junge seine Geschichten färbte. Der Vater schlich sich auf Abenteuer in des Sohnes Erzählungen. Von jetzt an trank er keinen Whiskytoddy mehr: er berauschte sich an dem Jungen. Welch ein Genie! O, welch ein Genie! ...

Im Garten wimmelte es stets von Katzen, die aus der nahen Stadt hier herauf zur Vogeljagd kamen. Eines Tages hatte John – so hieß der jüngste Herr Kurt – einen der ärgsten Vogelräuber erwischt, und nun kam er auf den Einfall, den Mörder lebend zu kreuzigen. Da keiner von den Arbeitern, nicht einmal die jüngeren, mittun wollte, sperrte er vorläufig die Katze ein und gab ihr gut zu fressen, während er selbst sich unten vom Hafen ein paar von seinen kleinen Spießgesellen heranholte. Bald hörte der Vater da drinnen einen Jubel, so ungeheuerlich, daß er doch mal sehen mußte, was es gab, besonders da sich auch Laute der Verzweiflung in den Jubel mischten. Und da fand er denn die kleinen Henkersknechte im Indianertanz vor der Gekreuzigten, einer armen, blutenden Katze, die an die Stabburtür genagelt war. Im Übermaße des Vergnügens übersah der Sohn seinen Vater. Dessen erster Gedenke war nun diesmal nicht gerade, daß sein Sohn John ein Genie sei. Und doch, wenn er später daran dachte, mußte er trotzdem einräumen, daß es ein ganz merkwürdiger Einfall gewesen war. Und verteufelt gut gemacht war es auch. Schon an und für sich ist es nämlich nicht leicht, eine lebendige Katze zu kreuzigen.

Aber als der Vater dem Jungen eines Tages verboten hatte, an den Hafen zu gehen – das Wetter war zu gefährlich – und der Junge zur Entschädigung sich über des Vaters edelsten Apfelbaum hermachte – einen jungen Versuchsbaum, der zum erstenmal Früchte trug – die Wurzeln durchsägte, eine nach der andern, und sie wieder mit Erde bedeckte, – da geriet der Vater doch nicht gerade in Begeisterung über die Kunstfertigkeit der Arbeit, geschweige denn über den Einfall selbst. Auch, daß der Knabe ein Genie war, vergaß er, – vergaß es so völlig, daß er bald darauf auf seinem Zimmer mit einer ganz frisch abgeschnittenen und gut abgezweigten Birkenrute in der Faust zu ihm redete.

Der Junge kam ganz ahnungslos und konnte gar nicht fassen, daß der Vater ihn hauen wollte. Und als das völlig Undenkbare, das Unmögliche dennoch geschah, – da war er mit dem Entsetzen des Wahnsinnes im Gesicht mit einem Satz an der Tür. Aber der Vater war auch geschmeidig und blitzschnell und sprang wie ein funkensprühender Leopard auf ihn los. Er schmiß den Bengel zu Boden, er prügelte ihn mit wahrhaft wilder Lust. Der Junge schrie, bat, flehte, bettelte; er warf sich auf die Knie, rollte sich, wand sich, sprang auf und warf sich wieder hin. Die Augen standen ihm aus dem Kopfe; das Schreien wurde zu einem einförmigen, grauen, sinnlosen Gekreisch; das Gesicht war blau unterlaufen. Sämtliche Mägde, Knechte und Arbeiter kamen herbeigestürzt und rissen die Türen auf. Der Vater wurde wütend über die Störung, rannte nach der einen Tür und schlug nach denen, die da standen; dann nach der anderen und schlug nach denen, – er war ebenso toll wie der Junge. Aber dieser hatte inzwischen Reißaus genommen.

Eine Stunde später war er draußen bei den Gärtnern. Und da konnte man sich keinen artigeren, weicheren, fleißigeren und fröhlicheren Jungen denken, als John Kurt. Er half bald dem einen, bald dem andern unter einschmeichelnden, gewinnenden Worten. Und dann fing er zu erzählen an von allen den Affen auf der äußersten Spitze von Gibraltar; hu, da wimmelte es förmlich von Affen; die standen alle da und gafften nach Afrika hinüber. Und er machte ihre Faxen nach, fletschte die Zähne, war neugierig ausgelassen, furchtsam, frech, widerwärtig – genau wie ein Affe. Daß er Affen gesehen haben mußte, merkte man deutlich, wenn auch nicht gerade auf Gibraltar.

Der Vater kam vorbei, und als er den Unsinn des Jungen hörte, versteckte er sich wie gewöhnlich. Da stand er nun und duckte sich und guckte – guckte und duckte sich.

Am Abend hatten sie eine Unterredung, Vater und Sohn; in demselben Zimmer, dem alten Zimmer der Kurte. Da weinten die beiden letzten Kurte und lagen sich in den Armen. Der Sohn versprach, ganz, ganz, ganz artig zu sein, und der Vater versprach, ihn nie, nie, nie wieder zu schlagen. Nie wieder! ...

Kurze Zeit darauf hatte der Gärtnerjunge, der Botengänge für das Gut lief, eine neue, seine Sonntagsjacke gekriegt. Sein Bruder war Steuermann und hatte die Jacke in einem englischen Hafen fast umsonst von einer Hökerin auf der Straße gekauft. Alle hatten dem kleinen Kerl gesagt, es gäbe in der ganzen Stadt keine so feine Jacke. Doch am nächsten Sonntag, als er sie anziehen wollte, war sie ganz kaput geschnitten, sein, aber sicher; nämlich so, daß sie zusammenhing, als wäre sie noch ganz; aber es war nur noch ein einziger unbrauchbarer Fetzen.

Natürlich war bei allen der erste Gedanke: John. Er selbst war gerade draußen und ruderte. Doch weil der Vater ihn das letztemal so arg mißhandelt hatte und alle es mit John hielten, trug man Bedenken, es ihm zu erzählen. Aber der Gärtnerjunge – Andreas Berg hieß er – hatte nur diese eine Jacke; die war seine ganze Glückseligkeit; und darum konnte er die Tränen nicht zurückhalten, und so merkte schließlich der alte Kurt es. Da mußte man denn heraus mit der Wahrheit.

Nun mag es unbegreiflich scheinen, daß John sich nicht hätte denken können, wie das gehen würde; daß er es sich nicht klar machte, daß nach dem Streich mit der Katze und dem Apfelbaum alle sofort auf ihn raten würden. Vielleicht dachte er, das schere niemand was, als ihn und Klein-Andreas. Oder daß der Vater ihm so fest versprochen hatte, ihn nie wieder zu hauen.

Vergnügt und guter Dinge kam John vom Hafen herauf. Schon an der Gartenpforte fing er mit allen den Großtaten zu renommieren an, die er heute vollbracht hätte. Da rief der Vater ihn vom Fenster aus herein. Der Knabe rief sein hellklingendes »Ja« und war in einem Hui die große Treppe hinauf.

Wie er aber die Jacke auf dem Tisch und eine neue, fein beschnittene Rute neben der Jacke parat liegen sah, wurde er grauweiß wie der Kalk an der Wand und verlor alle Fassung. Er drehte sich auf dem Fleck im Kreise herum und stieß hervor (nicht mit seiner gewöhnlichen Stimme, sondern heiser, denn er zog die Luft verkehrt herum ein):

»Ich bin's nicht gewesen! Ich bin's nicht gewesen! Ich bin's nicht gewesen!« – Und als er den Vater die Rute heben sah, blitzschnell (mit der Stimme richtig 'rum):

»Doch, ich bin's gewesen! Ich bin's gewesen! Ich bin's gewesen!«

»Willst du um Verzeihung bitten?«

»Ja, ja, ja, ja, ja!«

Und auf den Knieen, und die Hände über dem Kopfe gekreuzt:

»Will's nicht wieder tun, nicht wieder tun, nicht wieder tun!«

»Und den Jungen wirst du auch um Verzeihung bitten?«

»Ja! ja! Wo ist er denn? Wo ist er?« – Und sofort war er auf den Beinen und an der Tür, immer voll Entsetzen den Vater anstarrend.

Dieser folgte ihm mit der Rute; aber er wagte nicht zuzuschlagen.

Vor dem kleinen Gärtnerbuben fiel John wieder auf die Kniee, und dann riß er sich seine eigene Jacke und seine Weste vom Leibe und gab sie dem Kleinen. Das hatte niemand von ihm verlangt. In der Westentasche stak auch noch ein englisches Goldstück und etwas norwegisches Silbergeld. Das fiel heraus. Auch das schenkte er sofort dem Jungen.

Da wurde der Vater ganz gerührt und mußte gehen.

Im nächsten Augenblick, als die Leute beim Mittagsessen saßen, spielte ihnen John wieder die Affen von Gibraltar vor. Dann kam er zu seinem Vater und fragte zutraulich, ob er den Arbeitern nicht ein bißchen mitgeben dürfe von allem, was sie heut geerntet hatten. Das erlaubte ihm der Vater, und John ging mit, um ihnen tragen zu helfen. Der Vater stand am Fenster.

Johns nächster Streich spielte sich auf dem Wasser ab. Vermutlich hatte er jetzt die Erfahrung gemacht, daß gewisse Dinge zu Lande gefährlich waren. Es galt also zu versuchen, ob nicht die See ein freieres Revier wäre.

Er setzte sich mit einem kleinen Jungen in ein Boot und wollte ihn ins Wasser werfen, um ihn dann retten zu können. Vielleicht hatte er mal etwas Ähnliches gelesen; vielleicht wollte er auch nur die Angst des Knaben sehen. Und die bekam er denn auch zu sehen. Der Kleine hatte nämlich keine Ahnung vom Schwimmen, und er hoffte, er könnte dadurch, daß er ihm seine Todesangst zeigte, den andern bewegen, von seinem Vorhaben abzustehen. Kein Gedanke! Das Entsetzen des Kindes wuchs; es schrie aus aller Kraft seiner kleinen Lungen, so daß John diese Angst hätte wiedererkennen müssen. Doch vergeblich. Nun klammerte das Bübchen sich mit tausend kleinen Fingern an Johns Kleider. Er wurde losgerissen; er krallte sich ans Boot fest: er wurde losgerissen; dann in Todesverzweiflung ans Ruder: und da wurde er hinausgepufft. John gleich hinterher. Und wirklich packte er ihn auch in dem Augenblick, da er schon sinken wollte, und hielt ihn über Wasser. Aber nur mit großer Mühe konnte er ihn wieder ins Boot hineinkriegen, denn der Kleine hatte den Krampf bekommen. Von allen Seiten kamen Leute herbeigerudert; alle dachten, da draußen geschehe ein Mord.

An jenem Abend kam John nicht nach Hause. Mehrere Tage lang suchte man nach ihm; zuerst alle Leute des Gutes, dann auch die Polizei, dann viele Leute aus der Stadt, denen der Vater leid tat.

Endlich fanden sie den Knaben hoch oben in einer Sennhütte. Er warf sich platt auf den Bauch und schrie laut: er käme nicht wieder nach Hause, bevor sie ihm hoch und heilig versprächen, daß er keine Prügel kriegte ...

Diese letzte Tat machte ihn in der Stadt bekannt; ob zu seinem Vorteil oder nicht, alle einigten sich doch dahin, daß er anders sei als andere Kinder, er sei nicht ganz richtig, – genug, auch später auf der Schule übte man Nachsicht mit ihm, d. h. nicht seine Kameraden – die Jugend übt mit keinem Nachsicht! – aber die Lehrer. Er beging die fürchterlichsten Taten, namentlich überstieg eine Unziemlichkeit, die er beging, als er schon erwachsen war, alles, was man je erlebt hat und was sich erzählen läßt. Aber der Vater kam selbst in die Schule und bat für ihn. Alle Lehrer hatten Mitleid mit dem Vater, der sich so ehrlich durchkämpfte, und darum hieß es eben auch diesmal, durch die Finger sehen.

3. Des Menschen Brust ist gleich dem Meere

Sein Abiturientenexamen bestand er gut. Dann bekam er Lust, Kadett zu werden, wozu der Vater sofort seine Einwilligung gab; denn auf der Kadettenschule, meinte er, würde er sicher Ordnung und Disziplin lernen. Aber wenn man unter Disziplin Gehorsam versteht, – den brauchte er nicht zu lernen, und unordentlich war er auch nie gewesen. Bei ihm handelte es sich um ganz andere Dinge, und mehr als einmal war er nahe daran, von der Kadettenschule verwiesen zu werden.

Im Verhältnis zu seinen Lehrern war er von einschmeichelndem Wesen, und das war sein Glück. Auch hier bestand er sein Examen gut und war eitel Begeisterung für seinen Beruf. Namentlich erwies er sich als ein vortreffliche: Exerziermeister. Da gab's immer Lust und Leben und Schwänke. Und dann das Fluchen! Das Fluchen war nach und nach seine Spezialität geworden. Sämtliche Offiziere der Brigade fluchten in einem ganzen Jahre zusammen nicht halb so viel, wie er in einer einzigen Woche; er konnte bei dem einen Ende der Kompagnie, wenn diese in Reih und Glied vorbeimarschierte, mit einem Fluch anfangen und diesen im Gang halten, bis sie vorüber war. Mit der Phantasie, die er auf das Fluchen verschwendete, hätte er als Maler eine Bildergalerie, als Dichter oder Komponist eine Menge Regale füllen können. Seine Flüche können nicht gut wiedergegeben werden, sie paßten meist nur für den Gebrauch unter Männern. Zum gewöhnlichen öffentlichen Gebrauch hatte er die herkömmliche Garnitur parat; nur daß seine Behandlung des Herkömmlichen virtuos war. Um den Charakter der ersten Gattung anzudeuten – ich meine die selbsterfundenen – will ich eine etwas abgetönte Probe zum besten geben: Die Kompagnie war eines Sonntags zum Gebet aufgestellt, und der Pfarrer hatte sie mit einer ewig langen Predigt geödet, die John Kurt noch obendrein in einer alten Postille gelesen zu haben behauptete. Nun sprach er den Segen über den Pfarrer mit folgenden Worten: »Der Teufel soll dem Pfaffen seinen ganzen Darmkanal mit brennenden Postillen illuminieren!«

An Geschichten besaß er einen unerschöpflichen Vorrat. Die servierte er in einer Sauce von Bildern und Flüchen, so daß es bobbelte und kochte. Die Geschichten hatten übrigens die Eigentümlichkeit, daß nicht alle sie glaubten.

John Kurt war groß, mager, knochig und schwank wie eine Weidengerte. Er trug einen Vollbart, aber der wollte nicht recht werden; er war zottig und hatte kahle Stellen, als wären die Motten drin gewesen. Das gab dem Gesicht etwas Zerrissenes. Wenn seine wilden Augen aufflammten, war er häßlich. Aber die Stirn war klar und die Stirnhaut eigentümlich weiß; es konnten förmlich Blitze darüber hinzucken, wenn er angeregt war; und dann war er durchaus nicht häßlich. Er hatte eine außerordentliche Stimmungsmacht zu eigen, und die konnte er andern mitteilen.

Das Tadelloseste für einen wohlgestalteten Kerl war natürlich, Offizier und Soldat zu sein. Er blitzte und donnerte die Versicherung in die Welt hinaus, man sei überhaupt gar kein Mensch, ehe man das »Exieren« los habe.

(Er brauchte am liebsten die Wendungen und Ausdrücke des Volkes, die Schriftsprache war ihm nicht farbig und kräftig genug.) Exieren und Disziplin! Den Frauenzimmern ihr größtes Manko sei, daß sie nicht genug Disziplin und Takt in's Gemachte kriegten, – »die Saubande! Das ganze Land müßte 'ne Exierschule sein. Dann gäb's nicht mehr so viele Waschlappen und Jammersusen in der Welt; und dann käme doch – »brat' mich der Deibel – mal Ordnung und Raison in die Chose rein.« Der ganze Storthing, potzbombenelement, müßte raus und exieren; eher käm' in den ganzen Lausedreck kein Sinn. Und der König – spuck mich der Deibel – der sollte natürlich auch raus und exieren, sonst ging' es überall wie im Schweinestall her, wo die dicksten Schnuten die andern Schnuten vom Schweinetrog wegschubsen. Da muß erst mal einer mit dem Stock ran. – –

Wer beschreibt aber das Erstaunen seiner Kameraden und Bekannten, namentlich aber seines Vaters, als eines schönen Tages laut wurde, der Premierleutnant John Kurt habe seinen Abschied eingereicht, und dieser sei ihm in Gnaden bewilligt worden!

Er kam daheim an wie ein Sturmwind. Wenn man ihn nach dem Grunde fragte, antwortete er: Der ganze Militärkram ist, der Deibel soll mich zuckern, die niederträchtigste Affenwirtschaft, zu der kein anständiger Mensch sich hergeben kann. Die Offiziere sind »nix wie aufgedonnerte, dressierte Affen«, sie täten nix andres, als frische, famose Kerls zu Affen eindrillen; die Generäle wären die Großaffen mit Federn auf dem Kopf, und der König – der wär' der Oberaffe!

Was er denn nun werden wolle? »Stoppelhopser – Klutentreter – Lehmkrrratzer wie mein Oller. Grrraben – das is die einzige standesjemäße Beschäftigung auf diesem Jammerglobus. Das einzige, was Schneid hat und Wert gibt. Die feinsten Fressalien und Duftchosen aus der Erde rrausgraben, das ist doch – hol' mich der Deibel – das Nobelste, was'n feiner Kerl machen kann, was?«

Und nun kleidete er sich wie ein Schlamp unter all den anderen und schuftete oben im Garten in der Brathitze, als ging's ums Leben.

Nun, das war also im Sommer. Aber noch war der Herbst nicht vorbei, als er anfing, auf die ganze Gärtnerei zu schimpfen, die ganze Geschichte sei bloß »Mist«. Es käme nur darauf an, die Sorte Mist, und so und so viel Mist, und auf die und die Art Mist zu brauchen – weiter wäre es überhaupt »nischt«. Er fand zuletzt, »die janze Welt sei nischt wie'n ries'jer Misthaufen«. Wer den größten hätte, habe es am besten. Was Deibel wär' denn der ganze Krieg zum Beispiel anders, als »einander dotzuhaun und auf den eignen Misthaufen zu schmeißen. Und die Poesie? Nix wie Fliegen im Frühling, wenn der Mist zu gären anfängt.«

Er zog auf einem Schiffe von dannen, nach der Südsee. Jahrelang konnte niemand erfahren, wo er sich herumtreibe – bis er endlich an einem schönen Frühlingstage wieder heimkehrte. Sollte man ihm glauben, dann war er um die ganze Erde gereist. Denn jetzt konnte man in seiner Gegenwart kein Land, kein Volk, keine naturgeschichtliche Merkwürdigkeit, keinen Hafen, kein namenkundiges Bauwerk nennen, das er nicht gesehen hätte; auch gab es keine Berühmtheit, mit der er nicht auf du und du gestanden hätte oder doch wenigstens sehr gut bekannt gewesen wäre.

Übrigens war nicht alles bloß Erfindung. Kenntnisse besaß er wirklich, und zwar viele von der Art, wie man sie sich nur an Ort und Stelle erwirbt. Merkwürdige Bekanntschaften hatte er auch, das bewies sein Briefwechsel. Noch im Spätsommer suchte ein englischer Lord mit seinen Freunden ihn auf, um ihn auf die Hochgebirgsjagd mit zu nehmen.

Warum er denn wieder heimgekommen wäre? Um seinem alten Vater die Augen zuzudrücken, behauptete er. Der Vater war, beiläufig gesagt, bei bestem Wohlergehen und war an dem Tage, da er abreiste, ungefähr ebenso gleichmütig wie an dem Tage, da er wiederkam. Doch der Sohn behauptete seinerseits, er habe den Gedanken nicht länger ertragen können, daß es mit dem Vater vielleicht zu Ende ginge und er dann nicht da wäre. Und von dem Tage seiner Rückkehr an war er lauter Liebe und Zärtlichkeit gegen den Vater. Dieser war alt geworden und ließ alles über sich ergehen, was dem Sohne gerade durch den Sinn schoß.

Das waren nun zum Teil gar sonderbare Dinge, wie z. B. wenn er plötzlich wollte, der Vater solle nichts mehr essen. Ein andermal kam er ganz urplötzlich auf den Einfall, ihn in ein heißes Bad zu stecken und gleich darauf eiskalt abzuduschen. Oder er stopfte den Vater auch in ein mächtiges Daunenbett, damit er in Schweiß geriete, ohne daß dieser das geringste Bedürfnis nach Schwitzen fühlte. Der alte Kurt betrachtete den Jungen oft mit einem eigentümlichen Seitenblick. Ein vielsagender Blick. Es lag weder Vertrauen noch Furcht darin; noch weniger Humor. Nur eine ganz eigne kalte Neugier, als hätte er Lust zu fragen: Na, und was weiter? Bisweilen dann wieder, als fragte er: Ist das John oder ist es nicht John?

4. Segler in Sicht

Im Herbst desselben Jahres, wo John Kurt heimgekehrt war, kam auch ein junges Mädchen nach Hause zurück, das sofort das Gesprächsthema der ganzen Stadt wurde. Und zwar aus zwei Gründen. Sie hieß Tomasine Rendalen und war die Tochter eines Oberlehrers, der den Namen Rendalen angenommen hatte, weil sein Vater einst aus der Bergbygde Rendalen ausgewandert war.

Oberlehrer Rendalen war ein großer, kräftiger Mann, der seinen etwas schweren Lehrerberuf still und treu ausfüllte. Seit dem Tode seiner Frau hatte er sich von allem zurückgezogen, außer von seiner Schule und dem städtischen Leseverein. Er verkehrte mit niemand und ließ seine Kinder und die alte Marianne im Hause treiben, was sie wollten.

Tomasine war seine Älteste. Sie war außerordentlich begabt für Sprachen und hatte das unternehmende Wesen der Mutter. Als sie kaum siebzehn war, borgte sie sich eine kleine Summe, begab sich in ein Mädcheninstitut in England und lernte gründlich Englisch. Von dort wurde sie in ein französisches Institut versetzt, wo sie die Schülerinnen im Englischen unterrichtete und selbst Französisch lernte. Von dort an ein deutsches Institut, wo sie im Französischen und Englischen unterrichtete und selbst Deutsch lernte.

So war sie jetzt fast fünf Jahre im Auslande gewesen und eine geübte und außerordentlich tüchtige Lehrerin geworden; sie fing gleich nach ihrer Rückkehr an, Frauen und Männern Unterricht zu erteilen und ihre Schulden abzuzahlen. Das erregte die ungeteilte Bewunderung der Stadt. Von allen wurde sie als gute Freundin begrüßt.

Aber eine nicht minder ungeteilte Bewunderung erregte ihre Gestalt. Und das will viel sagen. Ein schönes Gesicht wird immer bewundert; denn das kann nie ganz gefälscht werden; eine schöne Figur dagegen wird nicht so ohne weiteres bewundert. Sie war hochgewachsen und kräftig und kleidete sich stets nach der neuesten Mode. Wie alle gesunden jungen Mädchen hatte sie von Kindheit an das Bedürfnis gefühlt, ihre Kräfte zu üben, und sich auch stets Gelegenheit dazu verschafft. In England begann sie deshalb sofort zu turnen, und während aller dieser Jahre hatte sie das fortgesetzt; es war ihr zur Leidenschaft geworden. Deshalb hatte sie auch jetzt einen Gang und eine Grazie, wie kein zweites Mädchen in der Stadt.

Es tat der Bewunderung ihrer Gestalt keinen Abbruch, daß sie etwas flachnäsig war und so hellblond, daß es von weitem aussah, als wäre sie kahlköpfig. Von Augenbrauen konnte überhaupt nicht die Rede sein. Die Augen waren grau, und wenn sie keine Brille aufhatte, plierte sie. Der Mund war viel zu groß. Aber die Zähne waren regelmäßig und so gesund, als säße ihr Geschlecht noch in Rendalen und kaute hartes Schwarzbrot. Wenn man sie von hinten sah und sie sich unvermutet umdrehte, gab es immer eine Enttäuschung. Man hatte auch einen schwachen Versuch gemacht, ihr den Spitznamen die »Enttäuschung« zu geben, aber es ging nicht. Die Figur half ihr über alle Bedenken hinweg.

Da sie kurzsichtig war, trug sie zuweilen eine Brille – als das einzige junge Mädchen in der ganzen Stadt. Der Klemmer war damals noch nicht Mode. Auch das verlieh ihr etwas Besonderes. Ihre ganze Erscheinung strahlte förmlich Kraft und Klugheit aus. Im Laufe des Winters wurde sie die unbestrittene Ballkönigin. Man las ihr auf ihrem Gesicht die Freude ab, daß sie wieder daheim war und sich zwanglos unter einer lustigen Jugend beiderlei Geschlechts bewegen konnte, daß alle Menschen so lieb und gütig gegen sie waren, und daß ihr alles so glückte. Diese Freude machte sich auch oft in freimütigen Worten Luft. Darum erregte sie auch nirgends Neid. Vielleicht fiel dabei auch ins Gewicht, daß sie selbst wußte, sie sei keine Schönheit.

Dieser Winter war ein wahrer Ballwinter, und sie war überall dabei. Tanzen war das Schönste, was sie kannte.

Gegen Ende des Winters fing auch John Kurt an, den Ballkavalier zu spielen. Nur um ihretwillen; das hörte sie ihn sofort versichern. Aber sie wußte ja, daß er nicht in die allgemeinen Schicklichkeitsregeln hineinpaßte, daß er überall frei von der Leber weg reden durfte.

Sie fand ihn neu und höchst eigentümlich. Und machte es wie die andern; sie rückte weder von ihm weg, noch fiel sie in Ohnmacht, wenn er unter den saftigsten Flüchen sich dafür »braten, kochen, einmachen, schmoren« lassen wollte, daß sie in dem ganzen »Tanzverjnüjen« wie eine junge, ledige, wiehernde Wüstenstute sei, oder wie ein schmetterndes Vogelkonzert im Walde. Ihre Arme und ihr Hals, die wären »wie so'n richt'jes, nettes, leckres, warmes, türk'sches Ferkelchen, mit mulligem Fell«. Und den Takt trete sie, heiliger Bimbam – wie a great man of war die See tritt. Wenn er mit ihr tanzte, so fühlte er sich auf Ehr' und Seligkeit »wie an 'nem klaren Herbstmorgen im Jebirje mit der Büchse in der Hand und die janze Köterbande in vollem Jebell an den Berjen rum«. Diese »Trrrrompetenstöße«, die er ihr zwischen »jedem Mal rum« in die Ohren schmetterte, machten den Spaß noch köstlicher. Sie lachte, und die andern lachten. Menschenkenntnis besaß sie nicht für einen Pfennig. Die erlangt man nicht, wenn man von einer Erziehungsanstalt in die andere pilgert, selbst wenn diese in verschiedenen Ländern liegen.

Bald besuchte er sie auch in ihrem Heim. Er kannte bald ihre Freistunden, und auch ihre Spazierstunden, – und überall tauchte er aus. Sie sorgte dafür, daß sie nie allein mit ihm war, im übrigen mochte sie's ganz gern, daß er kam.

Er erzählte ihr und ihren Freundinnen amüsante und bisweilen auch rührende Geschichten. So einmal von einer verlassenen Brut Schneehuhnküken, die er mit den Händen im Heidekraut, wo sie in ihrem ersten Flaum umherliefen, Stück für Stück aufgelesen und in der Mütze nach Hause getragen hätte. Er erzählte das so heideduftig, so bergfrisch, so echt, daß den jungen Mädchen die Tränen in die Augen traten. So etwas inspirierte ihn. Mitten in die wildesten Geschichten hinein warf er gern so einen feinen, rührenden Zug.

Auch die Art, wie er immer von seinem Vater sprach, nahm die Mädchen für ihn ein: es war eine Mischung von höchst schnurrigen und rührenden Ausdrücken, immer zwischen Weinen und Lachen. Die Mädchen gewöhnten sich an seine rohen Bilder, seine saftige Sprache: die durfte nicht fehlen, die gab eben den eignen Farbenreiz, der sie oft erschreckte, aber immer bezauberte. Tomasine und ihre Freundinnen legten sich keine andere Rechenschaft darüber ab, als daß eben schließlich keiner so erzählen konnte wie er. Eines Tages, als sie zufällig mal allein waren, erzählte er ihr die Geschichte einer Lotsenwitwe, für die er in jenen Tagen gerade mit großem Eifer eine Sammlung veranstaltete. Er sah, daß Tomasine ihm wegen dieser Sache gut war; und ohne jeden Übergang sagte er ihr, sie, Tomasine Rendalen, sei ihm, was eine Stadt einer Wüstenkarawane sei. Ja, wenn sie darüber lache, dann wisse sie eben nicht, was das heiße, immer und immer durch denselben Sand, in derselben Sonnenglut zu waten, müde, hungrig, durstig, abgespannt. Da war es was, aus der Ferne die Zinnen einer Stadt zu erblicken! Sie sei Minaret und Platanen und Springquell, verbotener Wein und gastliches Zeltdach ... und Tanz und Zitherspiel und Bratenduft. Wie, wenn sie zwei sich zusammenschlügen? »Dann verkaufen wir den ganzen Plunder hier und reisen ins herrlichste Land der Welt, liegen auf dem Rücken unterm Sonnenzelt und lassen uns von anderen Speise und Trank in den Mund träufeln. Oder auch wie bleiben ›derheeme‹ und lassen die Gärten des Gutes die Berge hinaufkrabbeln. Denn was könnte da nicht alles wachsen in solchem Schutz an solch einer Sonnenwand unter dir warmen Meerespuste. Dann graben wir uns da oben in den Hügel ein wie zwei Dachse und werden reiche Leute ...«

Aber er sah ihr wachsendes Entsetzen bei seinen Worten. Und ohne sich zu verschnaufen, ließ er das Ganze in eine begeisterte Lobrede auf seinen Vater hinübergleiten. Das Ganze wäre nämlich weiter nichts, als ein kurioser Einfall von seinem Alten; der wolle ihn durchaus unter die Haube bringen. Sein Vater stehe nämlich oft mitten in kalter Winternacht auf, wenn es plötzlich kalt würde, und bände Bastmatten und wollene Lappen um die verfrorenen Obstbäume, als wären's nackte Bübchen. Wenn sein Vater einen Busch umhauen wolle, nehme er erst die Vogelnester und trage sie mit seinen eigenen »Poten« auf einen anderen Busch und leime sie da fest. Da dürfe sie sich also nicht wundern, wenn sein Oller auch an ihn denke. Aber er selbst könnte ganz gut noch warten. Er sei ja glücklich und zufrieden mit seinem Zustand. Worauf er dann eine Geschichte von ein paar Kühen begann, die nicht hätten ins Gras beißen wollen, weil es zu bleichsüchtig aussah; aber da habe er ihnen große grüne Brillen aufgesetzt, und da hätte das Gras wie frisch ausgesehen und, »weiß der Kuckuck – die Biester fraßen wie nich jescheit«.

Soviel wurde ihr jedoch klar, daß John Kurt enttäuscht war. Sie selbst war bang geworden; sie wußte selbst nicht recht warum ... Oder doch, sie wußte es schon. Gerade an diesem Tage hatte sie allerlei über sein entsetzlich unsittliches Leben gehört.

Da ereignete sich das Seltsame, daß eine Freundin ihrer verstorbenen Mutter zu ihr kam, um nach einer passenden Einleitung seine Sache zu führen. Und nach einiger Zeit kam noch eine Freundin ihrer guten Mutter, und dann noch eine! Freilich, er wäre ja nicht wie andre; aber er würde ganz gewiß ein vorzüglicher Ehemann, davon wären sie alle miteinander überzeugt. Und was seine Unsittlichkeit anginge – Herrgott ja, damit sei es freilich ein bißchen arg; aber ärger als viele andern Männer sei er doch wohl auch nicht, selbst verheiratete Männer hier in der Stadt könnten sich mitunter recht häßlich vergehen. Der einzige Unterschied sei eben, daß er kein Hehl daraus mache.

Die Reden der drei Damen hatten eine ausfallende Ähnlichkeit miteinander, und Tomasine war überrascht von dieser Übereinstimmung. John Kurt hielt sich eine Zeitlang fern, nur daß er auf allen seinen Gängen von und nach der Stadt – und die waren nicht selten – immer bei Rendalens vorbeiging, trotzdem sie abseits wohnten, weit links vom Markte, nach den Feldern hinaus. Und jedesmal grüßte er hinein, selbst wenn nur die Katze im Fenster saß.

Zugleich schickte er jeder Morgen ein Bukett; das Bukett stellte sich ebenso sicher ein wie der Tag. Die alte Marianne, die es immer annahm, hatte dann stets das eine oder andere Gelegenheitswort über Tomasine auszurichten, wie z. B.: »Ja, ja, der liebe Gott segne sie mit Rumpf und Stumpf!«

Nachdem die Busenfreundinnen der seligen Mutter bei Tomasine gewesen waren, um Johns Sache zu führen, dauerte es nicht lange, und es kamen ihre eigenen Busenfreundinnen zu demselben Zwecke. Mehrere von ihnen hatten früher genau das Entgegengesetzte getan; sie hatten seinen Namen fast mit Abscheu genannt; seine »Lügereien« könnten sie nicht ausstehen, seine »rohe Sprache« wäre »unverdaulich« wie er selber, er wäre überhaupt »einfach gräßlich«. Jetzt auf einmal fingen sie an, einzuräumen, daß er doch etwas Interessantes an sich habe, etwas »Dämonisches«, »Berückendes«.

Natürlich war er selbst bei ihnen gewesen. Zunächst bei der, die ihn, wie er wußte, am wenigsten ausstehen konnte. Er sagte ihr, daß er ihre Antipathie sehr schmerzlich empfinde und sie eben darum hochachte. Gewiß, er sei ein jämmerlicher, erbärmlicher Kerl. Aber gerade deshalb komme er zu ihr. Denn sie sei eben das ehrlichste und scharfsinnigste Gewissen der Stadt; darüber herrsche nur eine Stimme. Sie müsse ihm helfen. Sie kenne seine Lebensgeschichte nicht; das sei die Sache. Darum könne sie auch nicht wissen, wie er von Kindheit an mißverstanden worden sei und ein Sonderling hätte werden müssen. Ja, im Grunde brauche er ihr nicht einmal etwas zu sagen, denn sie schaue ja jedem Menschen bis auf den Grund der Seele.

Einer andern machte er vor, ihre Händchen seien so mollig, so lecker und rund und knusprig, daß man gern Kaffee dazu trinken möchte. – So rollte und wickelte er sie alle ein in seinen Redestrom; er duschte sie kalt ab und duftete sie warm ein, er erschreckte sie, und er rührte sie. Sie verloren durchaus nicht die Besinnung; sie merkten sehr wohl, daß nicht alles echte, unverfälschte Ware war; aber gerade das diente zu seiner Entschuldigung. Er gab sich eben nicht die Mähe, sein innerstes Wesen zu verstecken. Einschmeichelnd waren die meisten andern Männer, wenn sie etwas erreichen wollten, auch.

Da plötzlich erhob sich ein einziges, unbändiges Gelächter von einem Ende der Stadt bis zum andern. Denn gegen den Frühling hin gab ein kleines, forsches Nähmädel ihn als Vater ihres Kindes an; und sieh, er bekannte sich vor aller Welt zu dem Kinde, ließ es mit großem Pomp zur Taufe in die Kirche tragen und ihm den Namen – Tomasine geben.

Kurz nachher erscholl eine neue Lachsalve. Denn als die Leute ihn fragten, wie in aller Welt er denn nur auf eine solche Idee gekommen wäre, antwortete er: »Stünde es in meiner Macht, so sollten von jetzt an alle Kinder Tomas oder Tomasine heißen.« Das war doch wirklich rührend.

Um diese Zeit starb sein Vater, und zwar unter ganz eigentümlichen Umständen. Der alte Mann hatte zu Tomasine geschickt und sie bitten lassen, ob sie nicht so freundlich sein wolle, auf ihrem nächsten Spaziergang einmal bei ihm vorzusprechen, er sei nicht recht wohl.

Die beiden waren alte Bekannte. Als sie noch klein war, hatte er ihr oft die Taschen voll Kirschen gestopft; denn sie hatte immer so frisch und kernig ausgesehen; für so was hat ein alter Gärtner ein besonderes Auge.

Sie ging zu ihm hinauf und fand ihn in dem Zimmer links vom Eingang. Sie betrat es zum erstenmal. Die Wände waren mit etwas Steifem, Dunkelm bezogen, vermutlich war es Leder, das einst bemalt und vergoldet gewesen war. In der Ecke neben dem Fenster stand ein großer Schrank, ein herrliches, gut zweihundertjähriges Stück mit kunstvollen Schnitzereien. Vor dem Fenster stand ein roh gezimmerter, plumper Tisch, bedeckt mit Papieren, Samenproben, Zeitungen und Speiseresten. Und dort saß er selbst in seinem altmodischen Lehnstuhl mit der niedrigen, breiten Lederlehne.

Er stand auf und nötigte sie gerade in diesen Stuhl hinein. Er hatte seinen grauleinenen Rock, die lange Schürze und schlürfende Pantoffeln an. Auf dem Kopfe hatte er die Mütze mit dem großen Schirm, um den Hals war ein dickes Tuch gewickelt; er war etwas heiser und auch sonst nicht wohl; der Frühling sei so rauh in diesem Jahre! Nun fing der lange, hagere Mann an, zwischen dem Tisch und dem Bett an der Wand nach dem Flur zu auf und nieder zu traben. Er trabte und trabte an dieser Wand entlang, vorbei an dem großen Ofen mit den zwei Oldenburgern drauf – mit ihren fürchterlichen Perücken; er trabte nach dem Takte einer alten Stubenuhr an der Wand gegenüber dem Ofen. Sie schlug gerade sieben, mit großem Lärm und Geschnarre ihres alten Singwerkes. Die Bettstelle war aus frischem, poliertem Birkenholz; an den Wänden dagegen standen alte gichtbrüchige Stühle mit einem neuen Bein oder zweien, einige auch mit einer halbneuen Lehne. Die Wände selbst waren mit Schildereien behängt, auf denen hier und da noch ein rotgelber Arm oder ein braunrotes Kleid zu erkennen war; sonst alles dunkel. Die Rahmen trugen mehr Spuren von Fliegen als von Vergoldung.

Und Konrad Kurts polternde Rede während des Hin- und Hermarschierens glich gewissermaßen der Stube; ein Mischmasch von Altem und Neuem, aber mehr Altem; Familiengeschichten nicht ohne Renommisterei, und weniger Neuem, und zwar nach dem kärglicheren Zuschnitt der Gegenwart. Er erzählte ohne die Flüche und Bilder seines Sohnes, aber doch mit einer gewissen Kraft. Er prahlte in einem Moment und spöttelte im nächsten, wie der Sohn so oft tat. Summa summarum hieß es, es sei aus mit der berühmten Familie; der Stamm wolle nicht mehr tragen. Sollte der und das letzte Besitztum der Familie noch gerettet werden, so müsse gepfropft werden. Es gelte also, einen neuen, kräftigen Baum zu finden.

Fast zwei Stunden saß sie da und hörte ihm zu. Sie versäumte die Zeit für ihren Abendkursus und ihr Abendessen. Er wollte sie nicht fortlassen. Ein Mädchen guckte, von der Diele her, durch die Tür, um zu fragen, ob sie decken solle; aber sie wurde hinausgewiesen ...

Als Tomasine heimging, durch die Allee, wo der Weg von Regengüssen aufgewühlt war und die alten Bäume im Sturme sausten, da beschlich sie eine Empfindung, als käme sie aus einem Mausoleum; dort war sie einem einzigen lebenden Menschen begegnet, der umging und seine Toten vorzeigte.

Sie empfand nicht das geringste Bedürfnis, auch in dieses Mausoleum hineinzuziehen. Sie wendete sich um und schaute zurück nach dem großen, kalkgetünchten, schmutziggrauen Gebäude mit den kleinen Fenstern, und ganz laut sagte sie vor sich hin: »Nein!«

Als sie am nächsten Morgen ins Wohnzimmer trat, war das gewohnte Bukett von John Kurt nicht da. Es ging ihr doch ein Stich durchs Herz; sie wußte selbst nicht warum; denn eigentlich war's ja eben das, was sie wollte ... War es nicht so?

Gerade als sie sich hierüber Rechenschaft ablegen wollte, kam ihr Vater von seinem Morgengang herein. Er war ganz blaß und erzählte, der alte Kurt sei heute nacht gestorben. Man hätte ihn heute früh leblos in seinem Stuhl vor dem Tische gefunden.

Gleich darauf kam John Kurt. Er sagte nichts, warf sich nur nieder und fing zu weinen an. Er weinte so, daß sie und ihr Vater ganz ängstlich wurden. Und alle die Selbstanklagen, die nun folgten!

Tag für Tag kam er wieder und schüttete sein Herz vor ihnen aus, immer mit ergreifender Macht. Sonst ging er nirgends hin und redete mit niemand. Nur mit ihnen und mit seinen Leuten. Tag und Nacht arbeitete er mit ihnen; denn auf der großen Treppe des Hauses wurde ein Blumentempel gebaut; von dort aus sollte der alte Kurt zur ewigen Ruhe bestattet werden.

Dieser Blumentempel wurde über alle Maßen schön. Man sprach allgemein davon, und am Abend vor der Beisetzung kamen die Leute herauf, um ihn anzusehen. Auch Tomasine kam mit ihrem Vater. Kurz darauf sah man in der Allee auch den Freund des Verstorbenen, Pastor Green, und hinter ihm den halben »Berg«, Kinder und Erwachsene, – alle kamen, um zu sehen und zu danken und Abschied zu nehmen. Und der alte Green ging die Treppe hinauf und hielt eine Rede aus den Blumenfreund, der aus unserem Lenz in den ewigen eingegangen sei. Allgemeine Rührung entstand, der Sohn mußte gehen.

Am Tage darauf begab er sich von der Beerdigung aus sofort zu Rendalens. Aber er fand Tomasine nicht zu Hause. Darüber war er so enttäuscht, so von Herzen betrübt, daß er lange stumm dastand und endlich fallen ließ, nun habe er also niemand, niemand mehr auf der ganzen Welt. Er habe nur den einen Wunsch, daß man ihn auch gleich in die Kirchhofserde bette. Er sei ja doch allen nur zur Last, selbst denen, die er lieb hätte; das merke er wohl.

Und dann zog er wieder ab. Das rührte die alte Marianne, die alles dies hatte mit anhören müssen. Und als Tomasine endlich nach Hause kam, erzählte die Alte es ihr so getreulich, daß auch Tomasine gerührt wurde. Die Sache war die, daß sie wirklich nicht zu Hause hatte sein wollen, sie fürchtete sich vor ihm. Sie hatte nicht den Mut gehabt, Zeuge seiner Bewegung zu sein, die vielleicht eine eigene Richtung hätte nehmen können.

Jetzt bereute sie es. Sie nahm plötzlich ihre Brille ab und putzte sie, setzte sie wieder auf und sah in den Spiegel. Wer weiß, ob sie nicht doch groß und stark genug war, um es zu wagen? Sie stand da, als messe sie ihre Kraft. Die Tracht jener Zeit war meist eine gekräuselte Taille mit Gürtel und Krinoline; sie drückte den Gürtel mit ihren beiden festen Händen etwas hinunter. Die losen, weißen Ärmel hatte sie beim Heimkommen abgenommen; die des Kleides waren weit offen, so daß die Handgelenke und die Unterarme sich vorteilhaft von dem schwarzen Kleide abhoben. Sie weidete sich an ihrer Stärke; Leute, die viel turnen, gewöhnen sich das leicht an.

Aber unwillkürlich suchten die Augen das Gesicht, den wunden Punkt. Es war doch unglaublich häßlich! Die flache Nase, der große Mund und das Haar, das dieselbe Farbe hatte wie die Stirn; es war fast gar nicht zu sehen! Und die Augenbrauen – helle, kurze Borsten, die so einzeln und dünn herauspiksten, daß sie geradezu unsichtbar blieben. – Ach nein, es war durchaus nicht angebracht, sich auch noch rar zu machen. John Kurt liebte sie ja wirklich ... Und er war unglücklich ... so ganz mutterseelenallein in der Welt und unglücklich ... Und sein Vater hatte sie in seinen eigenen Stuhl gedrückt. – – – –

Kurz darauf bürstete die alte Marianne so schnell sie konnte die Allee hinauf. Nur einmal blieb sie stehen und wickelte aus einem Zeitungspapier ein feines, o so feines Briefchen heraus; sie mußte es noch mal angucken.

Als es in John Kurts Hand lag, riß er es heftig auf und nahm eine dicke englische Briefkarte mit einer Taube drauf heraus. Das Papier war außerordentlich solid und die Taube sehr gut gezeichnet.

Und er las diese, von geübter Hand rasch geschriebenen Worte:

»Ich tu's.

Tomasine.«

John Kurt wendete sich nach Marianne um:

»Nein,« rief er, »war das ein Mann, mein alter Herr! Wär er nicht gerade jetzt zur rechten Zeit abgeschrummt, weiß der Kuckuck, ob ich sie gekriegt hätte!«

Gleich am folgenden Tage wollte er heiraten. Zu seiner größten Verwunderung aber wollte sie das gar nicht; nicht mal in der nächsten Woche. Sie kündigte allen ihren Schülerinnen, um nun auch für ihren neuen Beruf etwas lernen zu können; sie konnte gar nichts; nur um ihre eigene Person herum notdürftig Ordnung halten, das konnte sie; von Kindheit an hatte sie sich ja nur mit Büchern beschäftigt. John Kurt war begeistert, als er von diesen Mängeln an ihr hörte! Das alles konnte er. Zweifelte man vielleicht daran? Er konnte aufwaschen und reinmachen, in Küche und Stuben, besser als irgend ein norwegisches Stubenmädchen oder eine Köchin. Und er schob sofort die alte Marianne beiseite und bewies durch die Tat, Stück für Stück, was er alles konnte. Und wirklich, so hurtig und nett, so sorgfältig machte er es, wie nur ein wohlgeschultes Dienstmädchen es kann. Ferner konnte er alle möglichen Gerichte bereiten, Gerichte, die sie nicht einmal dem Namen nach kannte; er konnte braten, schmoren und backen, er konnte stricken, nähen, stopfen; und Weißzeug waschen, stärken und plätten ... Er und kein anderer mußte Tomasine unterrichten dürfen ... Warum denn nicht sofort damit anfangen?

Und das geschah denn auch. Er machte selbst Einkäufe und lud Gesellschaft zu Rendalens ein. Das waren die lustigsten Tage, die die Familie Rendalen je erlebt hatte. Und in der ganzen Stadt sprach man davon, Freundinnen und Freundinnen der Freundinnen mußten hinauf und zusehen. War das ein Rumor und ein Schelmengelächter! Und dann alle die Geschichten und Erzählungen, wo und wie er das alles gelernt hätte! Bald unter den Goldgräbern in Australien in steter Lebensgefahr. Dann auf einem Walfischfänger bei einer englischen Herrschaft, wo der Koch die ganze Fahrt über steuern mußte. Dann in Brasilien in einem Negerhotel. Dann in den Gruben fern in Südamerika. Plötzlich in Haiti auf einem großen Dampfschiff! Dann ausgerückt! ... Er sparte nicht mit Lokal- und anderen Farben; Gräßlichkeiten und Flüche regneten wie Feuer vom Himmel über alle die verschiedenen Länder und Völker herunter. Wer währenddessen ging die Arbeit flott vonstatten.

Tomasine war Unterköchin, Unterwaschfrau, Unterplätterin und Unterstopferin! Selbst das konnte er besser, und er arbeitete ebenso schnell, wie er erzählte, eben so eifrig. Er unterbrach sich nur, und zwar in der lebhaftesten Weise, wenn sie etwas falsch machte; denn sie hatte im Grunde nicht viel Handgeschicklichkeit. Jetzt eroberte er aller Herzen ohne Ausnahme.

Aber ebensogut, ja noch besser, konnte doch eigentlich dieser Unterricht und alles dies spaßige Treiben oben auf dem Gute vor sich gehen. Darüber einigten sich allmählich alle – und Tomasine gab nach.

5. Häusliches Leben

Sie wurden an einem Nachmittag in aller Stille im Hause getraut. Nur die engste Familie war dabei, und gleich nach Tisch zog das Brautpaar sich Arm in Arm zurück. In beiden glühte ein heimliches Fieber, das ließ sich nicht verbergen. Ja, es zeigte sich um so sichtbarer, je mehr die beiden tun Wollten, als wäre gar nichts los.

Oben auf dem Schloß waren fast gar keine Veränderungen vorgenommen worden, auch das sollte alles erst nach und nach kommen. Das erste Zimmer links war nach wie vor Wohn- und Eßzimmer; das daranstoßende war das Schlafzimmer. Hier waren nun die besten Möbel und Betten, zum Teil kostbare alte Erbstücke, zusammengeschleppt worden, die Ledertapeten waren gewaschen, doch hatte das ihr Aussehen nicht gerade bedeutend verbessert. Die schweren Holzschnitzereien an der Decke hingegen präsentierten sich nach dem Waschen entschieden besser. Auch an die Gemälde war eine gründliche Reinigung gewendet worden; doch nicht gerade immer mit Glück. Da die Rahmen zugleich neu vergoldet worden waren, sah es ganz gräßlich aus. Damit ist ungefähr alles aufgezählt. Neben dem Schlafzimmer war schon gleich nach John Kurts Rückkehr ein Badezimmer eingerichtet worden. Jetzt wurde dieses abgeteilt, so daß dadurch auch eine Art Toilettenzimmer zustande kam. Die Küche auf der andern Seite der großen Diele, die das ganze Haus durchschnitt, war wie ein riesiger Tanzsaal. Hier wurde ein neuer Herd aufgesetzt, der aus England verschrieben war, denn hier sollte das junge Paar sich ja ein gut Teil seiner Zeit aufhalten.

Ein paar Tage lang waren sie ganz allein. Auch nachher gingen sie nicht aus; aber die Freundinnen wurden einzeln eingeladen – und bald war da oben dasselbe lustige Treiben in Gang, wie vorher bei Rendalens. In den Tagen unmittelbar vor und nach der Trauung war Tomasine sehr verliebt – einfach weg in John Kurt; ganz und gar erfüllt von John Kurt, restlos glücklich, übermütig glücklich.

Aber es war nicht ihre Natur, übermütig zu sein; darum stand es ihr euch nicht. Sie sah aufgeregt aus, ja, oft sogar gewöhnlich. Sie fühlte es, wenn die Freundinnen sie ansahen; hatte sie es doch in ihrem eigenen Spiegel selbst schon entdeckt. Sie dachte sich etwas dabei, schob aber die Gedanken wieder von sich fort. Dann aber kam es wieder über sie wie ein geheimer Schrecken. Natürlich wollte sie den durch Ausgelassenheit übertäuben und wurde dadurch erst recht so, wie sie nicht sein wollte. Die Freundinnen flüsterten sich zu, wie unsympathisch ihr Wesen geworden sei; sie, die gerade durch ihre klare Unmittelbarkeit so reizvoll gewesen war, war jetzt entweder seltsam geistesabwesend oder heftig.

Ein kleiner Umstand besonders erregte Verwunderung. Keine von den Freundinnen wurde weiter als bis zum Wohnzimmer und zur Küche vorgelassen, alles andere war sorgfältig verschlossen. Sie spionierte förmlich, ob sie etwa spionierten.

Aber bald war einer da der sie alle miteinander ausspionierte. Niemand konnte mehr mit Tomasine allein sein, ohne daß John seinen Kopf plötzlich zu irgend einer Tür hereinsteckte: man hörte ihn nie, bis er dastand. Alle Schlösser waren nachgesehen und geschmiert; die Türen gingen lautlos. Gingen sie auf den breiten Gartenwegen spazieren, so trat er unverhofft hinter einem Busch hervor. Fingen sie in seiner Nähe zu tuscheln an, dann fing er zu fluchen an, wurde unruhig, reizbar – wohl nicht gerade gegen sie, aber doch so, daß sie sich darüber nicht täuschen konnten. In der Regel entlud sich dann ein Donnerwetter wegen ihrer Schludrigkeit auf Tomasine.

Die Freundinnen meinten, entweder wären sie im Wege, oder sonst etwas sei im Wege, dem sie nur zu gern ausweichen wollten. Und so kamen sie seltener, eine nach der andern.

Tomasine war die letzte, die ihres Mannes Unruhe begriff. Anfangs meinte sie, er wolle sie nur erschrecken durch sein plötzliches Auftauchen. Die Klagen über ihre Unordentlichkeit waren ja gerechtfertigt. Ordnung will in der Tat erst gelernt sein. Später, als kein Irrtum mehr möglich war, fragte sie sich, ob er eifersüchtig sei auf die, die sie besuchten. In dem Falle hätte er es aber doch auch früher schon gewesen sein müssen; da kamen die Freundinnen doch noch viel häufiger als jetzt.

War er etwa bang? Bang wovor? Daß sie über ihn reden könnten? Was über ihn reden?

Da wußte sie es mit einem Male ...

Er war gerade ausgegangen, sie hatte also Zeit, die Sache zu überlegen, Zeit, ihr Blut etwas abzukühlen. Plötzliche Entschlüsse lagen nicht in ihrer Natur, und es war ihr noch unklar, wie sie das anfassen sollte und wozu sie in einem ehelichen Zusammenleben ein Recht hätte, und wozu nicht. Nie hatte sie mit jemand darüber gesprochen, nie etwas gelesen. Der Schmerz löste sich nach und nach in Erwägungen auf; sie nahm ihre Arbeit wieder vor und versuchte zu tun, als wäre nichts geschehen.

Aber John Kurt merkte sofort, daß ihr ganzes Wesen verwandelt war. Von da an sah er mitunter, daß sie geweint hatte. Und nun fragte er jedesmal, wenn er nach Hause kam, ob Besuch dagewesen wäre. – Einmal hörte sie ihn gleich nachher den Gärtner fragen, ob die gnädige Frau Besuch gehabt hätte, während er fortgewesen war.

Ihr gegenüber wurde er scheu und vorsichtig, ja beinah unsicher. Aber auf die Dauer konnte er das nicht aushalten; er wurde mit einem Male ungeduldig und gleich auch brutal, bereute dann wieder bitterlich und bat zwanzigmal um Verzeihung.

Und beides wiederholte sich. Tomasine war nicht nervös, so daß also das eine sie nicht erschreckte und das andere sie nicht veranlassen konnte, ihr Verhalten zu ändern. Sie war freundlich, aber immer zurückhaltend. Nun braute es sich zu einem heftigen Ungewitter zusammen, das fühlten sie beide. Die Übergänge zwischen kalt und heiß wurden schroffer; die vorausgehenden Sturzregen immer heftiger, die Stille und Schwüle hinterher drohender. Und mitten drin konnte er dann wieder so unglaublich lieb, so natürlich heiter und rücksichtsvoll sein, daß sie alle unheilkündenden Zeichen vergaß und sich der Hoffnung hingab, daß sie ohne irgend eine ernstere Auseinandersetzung, bloß durch ihr stilles Abwehren, das er bis in die feinsten Nuancen hinein verstand, ihr Zusammenleben dazu gestalten könne, was sie unter einer rechten, ehrlichen Ehe verstand ...

Eines Nachmittags kam er aus dem Garten, wo er den ganzen Tag gearbeitet hatte, herein. Er wollte sich umziehen, da er zu einem großen Herrendiner in der Stadt geladen war. Er ging ins Schlafzimmer, warf Rock und Weste ab, kam wieder herein und murmelte etwas von »Bad nehmen«; ging dann ein paarmal auf und nieder, als überlege er etwas bei sich. Sie fühlte, daß die Luft geladen war. Sie selbst hatte Toilette gemacht, um eine Freundin zu besuchen. Er ging an ihr vorbei und musterte sie. Sie dachte, es sei wohl das beste, sich zu drücken.

Als er sah, daß sie ausgehen wollte, bat er sie, doch auf ihn zu warten, dann könnten sie zusammen gehen. Sie entschuldigte sich damit, daß sie erwartet würde. »Na, zu dem ›Weiberklatsch‹ kommst du wohl immer noch früh genug,« meinte er; jetzt solle sie ihm lieber ein bißchen helfen.

»Wobei denn?« fragte sie. Das ärgerte ihn. Sie habe kein Recht, so zu fragen. Sie sei überhaupt gar nicht gehorsam genug, das habe sie noch nicht gelernt. Ob sie denn nicht wisse, daß er jetzt ihr Herr sei, dem sie in »allen« Stücken Untertan zu sein habe. Das stände sogar schon in der Bibel geschrieben.

Statt jeder Antwort setzte sie ihren Hut auf, der auf dem Tische neben Jackett und Sonnenschirm bereit lag.

Da wurde er wütend und fragte, ob sie sich vielleicht einbilde, er durchschaue sie nicht! Sie dünke sich bloß so unendlich viel besser als er, und darum passe sie ihm ewig auf. Ihr habe nur die Gelegenheit gefehlt, so ein Leben zu führen wie er. Aber das sei auch der einzige Unterschied zwischen ihnen. Im Grunde wäre sie grad so wie er; genau so, nicht um ein Haar besser. Es sei also gänzlich überflüssig, noch länger so ne Komödie zu spielen.

Tomasine kam dieser Überfall so unerwartet, daß sie ihn anschrie: »Du Flegel!« – ihre Sachen nahm und gehen wollte. Die Tür zur Diele war dicht hinter ihr. Doch er vertrat ihr den Weg, drehte den Schlüssel um und steckte ihn ein. Dann lief er nach den beiden anderen Türen, verschloß auch die und steckte die Schlüssel in die Tasche. Dann machte er die Fenster zu.

»Nun? Was hast du im Sinn?« fragte sie totenblaß und nahm die Brille ab; den Hut vergaß sie.

»Was ich im Sinn Haber Dir mal zu zeigen, was du eigentlich für eine bist,« antwortete er. Und nun beschimpfte er sie zu ihrem Entsetzen mit den gemeinsten Namen, mit denen man ein Weib beschimpfen kann. Dabei kam er ihr dicht unter die Augen; sein Hauch streifte ihren. Mund. Und er sagte Dinge, die ihr wie kochendes Wasser die Seele verbrannten. Also einem so erbärmlichen Menschen hatte sie sich ausgeliefert! ...

Aber ihm gaben ihre Nähe und der Duft ihres Gesellschaftskleides einen Gedanken ein. Blitzartig durchzuckte es ihn, jetzt ist der Augenblick gekommen, sie unterzukriegen. Sie bildete sich gar zu viel ein, wie sie so dastand mit ihrer üppigen Figur. Sie wollte es wagen, etwas Besonderes für sich zu sein? Pah, sie war sein; sein Geschöpf. Er konnte mit ihr machen, was er wollte.

Aber sie setzte sich zur Wehr.

Anfangs warnte er sie noch. Was sie sich denn eigentlich einbilde? Ob sie ihn unterkriegen wolle, ihn? Sie!? Und plötzlich schrie er:

»Ich bin nich' bange vor deinen Katzenoogen!«

Und nun entspann sich ein Kampf auf dem alten Erdboden der Kurte. Ein Kampf zwischen einem Kurt und seinem Weibe, geführt mit aller der Kraft, die die zwei Menschen hatten, – von seiner Seite mit der ganzen Rücksichtslosigkeit, die enttäuschte Herrschgier und gekränkter Manneswille aufzubieten vermögen. Ganz allein, hinter geschlossenen Fenstern und Türen und ohne einen einzigen Laut. Der Tisch wurde umgeworfen, und alles, was drauf stand, floß hinunter oder ging in Scherben. Stühle wurden umgestoßen und das neue Sofa weit ins Zimmer vorgeschoben. Auch sie selbst fielen hin, richteten sich aber wieder auf. So kamen sie kämpfend bis nach der andern Seite und stießen da gegen die schwere Standuhr. Die schwankte, fiel und traf ihn an der Schulter und teilweise am Kopfe, so daß er innehalten und erst wieder zu sich kommen mußte. Sie hätte jetzt Zeit gehabt, eine Tür zu erreichen; jedenfalls aber ihren Platz zu wechseln. Doch das tat sie nicht. Sie schaute an sich nieder, denn sie hatte kaum noch ein ganzes Kleidungsstück am Leibe. Ihr Haar hing in halb ausgerissenen Strähnen herunter, und sie fühlte den Schmerz im Kopfe. Das einzige, was sie aber tat, war, daß sie sich von den Resten der Krinoline befreite und sie von sich schleuderte, wobei sie an den Tischbeinen hängen blieb. Sie fühlte, daß sie blutete. Er hatte sie einmal über Mund und Nase gepackt, und die Merkmale seiner Nägel brannten.

Dann ging's wieder los. Diesmal warf er sie sofort um; aber damit war nicht viel gewonnen. Er war nämlich nicht soviel stärker als sie, daß er seine Kräfte so hätte verteilen können, ohne sofort alle Vorteile zu verlieren. Sobald sie nur die eine Hand frei bekam, war sie sogleich wieder neben ihm. – Dasselbe Manöver noch einmal mit erneutem Ansturm. Doch sie – wie eine Katze auf den Beinen. Langsam stand er auf, die Luft drohte ihm auszugehen; er war furchtbar bleich und einer Ohnmacht nahe. Sie stand vor ihm in ihren Fetzen und sah es; auch sie atmete stoßweise und heftig, aber sie konnte noch. Und jetzt hörte er das erste Wort aus ihrem Munde; nur mühsam zwischen den keuchenden Atemstößen hevorgepreßt:

»Willst – du nicht – – – noch – – mal versuchen?«

Er zog sich rücklings nach einem Stuhl zurück, dem einzigen, der aufrecht stehen geblieben war. Und dort sank er nieder. Er sah sie nicht an; saß nur ganz entkräftet da und rang nach Luft. Es dauerte lange, ehe einige tiefere Atemzüge dazwischen ankündigten, daß er sich so weit erholt habe.

Sie stand am Ofen, hielt die Fetzen um sich zusammen und bat ihn, die Schlafzimmertür aufzuschließen, sie wolle an ihre Kleider. Aber er antwortete nicht. Da höhnte sie seine grenzenlose Feigheit und Erbärmlichkeit. Er hörte es wortlos an. Dann zeigte er mit dem Finger auf sie, und in seinem Gesicht stand deutlich zu lesen, wie häßlich sie sei. Diese Schadenfreude gab ihm denn auch die Sprache wieder. In ihren Fetzen und Lumpen und mit dem zerzausten Haar sehe sie aus wie das gemeinste und ekelhafteste besoffene Frauenzimmer. Aber er bekam keine Farbe in seine Worte, nicht mal einen Fluch brachte er heraus.

»Fluchen kannst du wohl nicht mehr, wie?« fragte sie.

Er nahm das ganz gleichmütig hin, stand nur auf und ging langsam quer durchs Zimmer nach der Schlafzimmertür, nahm den Schlüssel aus der Tasche und schloß auf. Beim Hinausgehen sah er sie an und schloß dann die Tür hinter sich wieder ab ... Da stand sie.

Jetzt hörte sie, wie er ins Badezimmer ging und eine Dusche nahm ... dann wie er sich anzog ... Sie setzte sich und wartete. Nach einer Weile kam er wieder aus dem Schlafzimmer, fertig angezogen für die Gesellschaft, schloß hinter sich zu und steckte den Schlüssel in die Tasche. Er ließ die Hand gleich in der Hosentasche, steckte auch die andere in die Hosentasche und fing zu pfeifen an. Er ging an ihr vorbei, stieg über die umgefallenen Möbel und andere Gegenstände hinweg; nicht ein einziges hob er auf. Zuletzt stieg er über den Uhrkasten, um zur Tür zu kommen. »Amüsier dich gut,« sagte er, steckte den Schlüssel ins Schloß, zog ihn wieder heraus und schloß von außen zu. Sie hörte, daß er den Schlüssel mitnahm.

Die Leute auf dem Gut glaubten, sie seien beide fort; denn überall war zugeschlossen; auch die Wohnzimmertüren waren verschlossen, was sonst nicht vorkam ... Um neun Uhr war es ganz still auf dem Hofe, drinnen wie draußen.

Es war gegen Mitte August und kein Mondschein. Gegen zehn Uhr kam eilig ein Mann die Allee heraufgegangen. Er sah nirgends Licht in dem großen Gebäude. Er ging die Treppe hinauf und kam auf die Diele, wo die Dunkelheit ihn zwang, sich nach der Tür hin zu tasten; er war offenbar nicht sehr zu Hause hier ... Er klopfte; keine Antwort. Dann faßte er an die Türklinke – zu. Dann klopfte er wieder ... donnerte zuletzt gegen die Tür. Wartete – aber niemand kam. Dann noch lauter, und dabei rief er: »Tomasine!«

»Ja!« antwortete es sofort von drinnen und gleich darauf dicht an der Tür: »Bist du's, Vater?«

»Kannst du denn nicht aufmachen?«

»Ich hab' ja keinen Schlüssel.«

Er hörte an ihrer Stimme, daß sie weinte.

»Wo ist denn der Schlüssel?«

»John hat ihn mitgenommen.«

Kurzes Schweigen und dann die Frage:

»Hat er dich denn eingeschlossen?«

»Ja,« klang es unter heftigem Schluchzen.

Nun hörte sie ihn wieder gehen. Sie hörte ihn draußen die Treppe hinuntersteigen und fortgehen, worüber sie sich sehr wunderte. Denn er hatte nicht ein Wort weiter gesagt. Und sie verlangte doch so sehr nach einer Menschenseele. Das ging doch über alle Grenzen.

Dann wurde ihr bange. Das mußte was zu bedeuten haben. Warum war er gegangen? Und wo ging er hin? Wollte er John zur Rede stellen? Was sollte das werden? – Das Blut fing in ihrem halbnackten Körper wieder zu strömen an. Denn sie stand noch immer in derselben Verfassung, wie da er gegangen war. Sie lief ans Fenster, aber sie konnte nichts sehen, sie hörte in demselben Augenblick wieder jemand auf der Treppe. Sie horchte an der Tür, konnte aber nicht am Schritt erkennen, wer es war ... es tappte sich so vorsichtig weiter.

»Bist du's, Vater?«

»Ja,« antwortete er, »ich bin's mit den Schlüsseln.«

Er kam herein, und sie warf sich ungestüm schluchzend an seine Brust. Sie wollte etwas stammeln; aber er unterbrach sie:

»Laß gut sein, Kind, jetzt brauchst du nichts mehr zu fürchten.«

Er teilte ihr kurz und trocken mit, John Kurt sei tot ... Da unten an der Treppe stünden sie mit der Leiche ...

Teils vom Vater, teils von andern erfuhr sie später, daß John Kurt in der Gesellschaft stark getrunken und gegessen hatte und immer aufgeregter geworden war. Nach Tisch hatte er mit aller Macht durchaus ein übelberüchtigtes Haus besuchen wollen; das würde Tomasine so teufelsmäßigen Spaß machen. Man hatte versucht, ihn zur Vernunft zu bringen. Da war er wütend geworden, ganz sinnlos wütend, war ein paarmal hin und her getaumelt und tot hingefallen.

Für John Kurt wurde auf der Treppe kein Blumentempel errichtet ...

6. Die erste Folge und die zweite Folge

In den Tagen darauf kamen mehrere von den Freundinnen ihrer Mutter und von ihren eigenen herauf, um ihre Teilnahme auszudrücken und ihre Hilfe anzubieten. Aber sie war für niemand zu sprechen. An jenem Nachmittag, da sie eingesperrt und geplündert, ihrer Kleider, ihrer Jugend, ihrer Selbstachtung beraubt worden war und für ihr Leben zitternd da in dem Zimmer gesessen hatte, – da war ihr plötzlich eingefallen, daß John Kurt zu derselben Stunde in der vornehmsten Gesellschaft der Stadt saß. Hätte die Gesellschaft John Kurt nicht gut geheißen, nie und nimmer hätte sie, ein so unerfahrenes Institutsfräulein sie auch immerhin sein mochte, jetzt hier oben gesessen. Man hatte sie ausgeliefert – komplottmäßig ausgeliefert – ja, das war das richtige Wort. Und irrte sie sich nicht, so hatten doch alle sie gern gehabt, ja, sie hatten Achtung vor ihr gehabt.

Sie wollte niemand mehr sehen, niemand! Wäre sie nur frei gewesen, sie hätte sofort diesem Lande für immer den Rücken gedreht.

– – – Ihre eigene Schuld? Ja, sie wußte es ja, sie sah es ja. Sie konnte sich nie mehr vor den Leuten sehen lassen ...

Jetzt war sie frei! Aber jetzt war da etwas Neues, was sie auf den Fleck bannte; eine entsetzliche Ungewißheit: – war sie schon Mutter oder war sie es nicht?

Sollte sie, auch sie, einen wahnsinnigen Menschen in die Welt setzen? Denn jetzt, da er fort war, war es ihr ein Bedürfnis, zu denken, daß er wahnsinnig gewesen sei, wie so manche seines Geschlechts. Sollte nun auch sie ein Wesen gebären, das aus allem möglichen zusammengesetzt wäre? Und Zeit ihres Lebens an dieses Wesen gekettet sein? ... Weil die da unten in der Stadt sie verraten hatten? Weil sie sich nicht über sich selbst klar gewesen war? ... Nach Verlauf dieser wenigen Wochen war sie ja nur noch ein Schatten von dem, was sie vor kurzem gewesen war ...

Doch seltsam: sowie die Ungewißheit zur Gewißheit geworden war, sowie sie wußte, daß sie ein Kind trug, daß sie Mutter war, kam etwas Feierliches über sie, und damit auch Entschlossenheit. Sie begriff nicht, warum sie sich nicht gleich zu etwas so Klarem, so Selbstverständlichem durchgewunden hatte. Das kleine lebendige Wesen unter ihrem Herzen sollte entscheiden. Würde es ein Wechselbalg, nun, dann war eben alles aus; sie mochte nicht leben, um so etwas groß zu ziehen. Würde es aber ein Kind von ihrem eigenen ehrenhaften Geschlechte und von dem Besseren in ihm, wenn auch nicht ungemischt, so war es doch ein großer, großer Segen, daß sie allein damit zu tun haben durfte. Also hieß es, hoffen und harren und inzwischen arbeiten.

Tomasine Rendalen war erwacht, und von jetzt an begann sie, sich zu einer natürlichen Seelengröße zu entwickeln.

Allein hatte sie den ganzen äußeren und inneren Kampf durchgekämpft, allein richtete sie sich jetzt ein. Das forderte Zeit, denn sie war keine leichte Natur; aber die Unruhe war von ihr gewichen; sie aß und schlief wieder besser, und ihre Formen wurden wieder voller. Eines Tages hatte sie dann alles geordnet.

Zunächst bat sie den Obergärtner zu sich herein. Er war ein ganz hübscher, hellblonder Mann von energischem Wesen, das sich in steter Selbstverteidigung entwickelt hatte; denn es war kein anderer als jener Andreas Berg, dem John Kurt einst die Sonntagsjacke zerschnitten hatte. Er war immer auf dem Gute gewesen. Andreas Berg hatte mit dem alten, jähzornigen Kurt, der ihn übrigens unzweifelhaft zu seinem Erben eingesetzt hätte, wenn sein Sohn nicht zurückgekehrt wäre, viel durchgemacht. Und später hatte er's auch unter dem Sohne mit dessen Einfällen und Ungewitterlaunen aufzunehmen gewußt.

Tomasine bot ihm einen Stuhl an. Sie fragte, ob er irgend etwas andres vorhabe, als bei ihr zu bleiben.

Nein, er wolle gern bleiben, wenn es Frau Kurt recht sei.

Ob sie sich also ganz auf ihn verlassen könne?

Ja, das könne Frau Kurt, in allen Stücken.

Das erste, worum sie ihn also bitten möchte, sei, sie nicht mehr Frau Kurt, sondern Frau Rendalen zu nennen; und auch alle die andern solle er daran zu gewöhnen suchen, sie fortan nur noch Frau Rendalen zu nennen.

Die Augen der beiden begegneten sich: die ihren unsicher flackernd hinter den Brillengläsern; seine weit aufgerissen vor Verwunderung. Aber als er sah, daß ihre Brillengläser allmählich feucht wurden, weil die Tränen nicht freien Lauf hatten – ihre flache Nase machte, daß die Brille auf den Backen auflag –, beeilte Andreas Berg sich, zu sagen:

»Jawohl, soll geschehn!«

Jetzt nahm sie die Brille ab, trocknete erst ihre Augen und dann die Gläser und ließ sich gute Zeit dazu. Inzwischen, ehe sie mit der zweiten Bitte herausrückte, war ihr ein kalter Ausdruck übers Gesicht geglitten.

»Lieber Berg,« sagte sie und setzte die Brille wieder auf, »könnten Sie nicht in aller Stille, so daß niemand es merkt, alle die Familienporträts, alle die Gemälde – ohne Ausnahme, denn ich kann sie nicht immer so recht unterscheiden – verbrennen oder auf andre Weise aus dem Wege schaffen, so daß ich sie nie mehr vor Augen zu haben brauche? Und zwar recht bald, wenn es Ihnen paßt ... Haben Sie mich verstanden?«

»Ja, gnädige Frau! ... Aber ...

»Nun?«

»Wenn niemand was merken soll – das wird schwer fallen.«

Sie bedachte sich ein wenig.

»Wenn jemand was merkt, schadet's auch nichts weiter, lieber Berg.«

»Gut; dann soll es selbstverständlich geschehen!«

Und es geschah ... mit einem Höllengestank von verbrannter Leinewand, verbranntem Leder und andern verbrannten Dingen. Den trug ein leiser Wind eines Nachmittags über die Stadt hin; er reichte fast bis an die Werke drüben am Flußhang.

Dann bat sie ihren Vater, mit der ganzen Familie zu ihr heraufzuziehen. Das geschah sofort. Die Leitung des gemeinsamen Haushaltes übertrug sie der alten Marianne und ließ ihr die erforderliche Hilfe zukommen. Die Familie wohnte in den Zimmern hinter ihren eigenen.

Und kurz darauf stand folgende Bekanntmachung in der Zeitung der Stadt:

»Frau Tomasine Rendalen
nimmt ihren Unterricht im Englischen
Französischen und Deutschen wieder
auf. Anmeldungen werden auf dem
Gut entgegengenommen.«

Auch gesetzlich wechselte sie ihren Namen. Außerhalb ihrer Stunden, deren sie soviel bekam, wie sie nur wollte, suchte sie sich mit der Buchführung bekannt zu machen und konnte bald ihr Einnahmen- und Ausgabenkonto über Garten, Haus und Ställe selbst führen. Zugleich fing sie auch an, etwas von allen den Dingen, über die sie Buch führte, zu lernen. Sie wollte eben gern in die Lage kommen, ihre Dispositionen selbst zu treffen. Vielleicht würde sie diese Kenntnisse nie verwerten können, aber jedenfalls war sie auf diese Weise beschäftigt.

Zu Grübeleien blieb ihr keine Zeit, und das war vorläufig die Hauptsache. Sie schlief ein, sowie sie ihren Kopf aufs Kissen legte, so müde war sie jeden Abend; und wie alle kerngesunden Menschen war sie hellwach, sowie sie die Augen aufschlug, und im nächsten Moment schon im Bade.

Das alles konnte jedoch nicht verhindern, daß sie, je weiter die Zeit fortschritt, um so schwerer der Hintergedanke bedrückte, den sie still mit sich herumtrug. Sie hatte nun jedes Bild des Kurtschen Geschlechtes mit Stumpf und Stiel ausgerottet und hatte sich ganz und gar mit ihren eignen umgeben. Und sowie auch nur ein Gedanke an jene in ihr auftauchen wollte, sofort war sie mit einem von ihren eignen zur Stelle.

Die Familie ihrer Mutter hatte sie nicht gekannt; aber in Rendalen war sie als Kind gewesen, und dort hatte sie die Familie ihres Vaters gesehen und die alten Familiensagen gehört. Diese Familie hatte sich nie durch etwas Besondres ausgezeichnet; dann und wann mal hatte sich ein gleichmäßiges, etwas schwerfälliges Naturell, wenn es zu lange gereizt wurde oder sich in äußerster Not befand, zu irgend einer Großtat aufgeschwungen; im übrigen hatten sie alle gerodet und sich abgemüht in sanftmütiger Ausdauer. Allein alles, was sie von ihnen wußte, von ihren Gesichtern wie von ihren Taten, das stellte sie gegen das auf, was von der Kurt-Seite sich vordrängen wollte. Diese war dunkel; auf jener lauter lichte und helle Bilder; licht an Haar und Haut, licht an Gemüt. Sie bekam bald solche Übung darin, die Bilder zu verschieben, daß jede Kurtsche Erinnerung, die sich breit machen wollte, sofort von einer Schar von Blondköpfen ohne Augenbrauen verjagt wurde. Die Folge davon war natürlich, daß dunkel oder blond für sie das Entscheidende wurde; das Äußere war gleichbedeutend mit dem Innern; der erste Anblick des Kindes mußte genügen, um über ihr ganzes Leben zu bestimmen. Und nun konzentrierte ihre ganze Angst sich auf diesen ersten Augenblick.

Je näher die große Stunde kam, um so größer wurde ihre Angst. Ihre gewohnte Tätigkeit vermochte nicht mehr die Angst zu übertäuben; sie entließ ihre Schülerinnen und nahm an den Arbeiten im und außer dem Hause teil. Der Frühling kam in diesem Jahre spät; in ihrem Übereifer erkältete sie sich und stemmte sich so lange dagegen, bis man sie schließlich zwingen mußte, das Zimmer und das Bett zu hüten, als sie schon von Fieber durchrüttelt war – und da nahm sofort die Angst überhand, so daß sie vor der Zeit Geburtsanzeichen zu spüren glaubte und ganz außer sich geriet.

Sie fing sofort wieder an, mit John Kurt zu ringen, und als sie endlich ganz ermattet ihre Klarheit wiedergewonnen hatte, wollte die Angst sie trotzdem noch nicht verlassen. Der erste Anblick des Kindes sollte ja genug sein, und das trieb sie in ihrer Seelennot und Verzweiflung so weit, daß sie blond oder schwarz für das Entscheidende hielt. Ist es dunkel, dachte sie, dann habe ich mein Todesurteil, denn dann wird es unmöglich sein, des Kindes Gemüt zurechtzubiegen.

Und es wird dunkel werden; dieses Geschlecht ist zu stark; seine gewaltige Kraft hat auch in mich schon zu tiefe Spuren gegraben; seine Phantasien umschatten mich, ich kann nicht einmal denken, was ich will.

Aber dann antwortete es tröstend in ihr, der alte Konrad Kurt sei doch ein braver Kerl gewesen; es waren doch also auch gute Kräfte in den Kurten. Wenn nun diese sich zum zweitenmal sammelten in dem Kinde, das geboren werden sollte? Und wenn nicht ungemischt, so doch als das Überwiegende ... Sie betete darum, o sie betete, bis ihr einfiel, daß es ja schon zu spät sei. Ja, es war sicherlich schon längst entschieden.

In diesen endlosen Fiebervorstellungen erschien ihr immer wieder ein Nacken, der sich halb über sie beugte. Der Nacken auf dem Bilde des ersten Kurt. Sie wandte ihre alte Kunst an: Gestalten ihres eignen Geschlechts wider das Fiebergesicht heraufzubeschwören. Aber sie gehorchten nicht, die Blondköpfe. Der Nacken blieb sitzen. Aber dazu hatte er kein Recht. Fort damit! Keiner von den letzten Kurten hatte diesen Nacken mehr gehabt, weder Konrad Kurt noch John. »So nehmt doch den Nacken weg!« schrie sie die Umstehenden an. Aber um den Ton der Worte: »nehmt doch weg« bildeten sich neue Vorstellungen. Sofort nämlich erschien John Kurt, um zu melden, daß er durchaus nicht weg wolle, sie kriege ihn, hol's der Teufel, nicht weg. Seine weiße Stirn sprühte Funken; und er fluchte, daß sie nur das rrrr trommeln und schnarren hörte. Dicht an ihrer Wange ...

Sie war von diesem inneren Kampfe so aufgerieben, daß die wirklichen Geburtswehen, als sie nun endlich begannen, ihr eine Linderung waren; denn gebieterisch schoben sie alles andere zur Seite. Kein Fieber mehr; sofort wieder frisch und mutig, nahm sie nun alle ihre Kräfte zusammen; aber sie waren geringer, als irgend jemand ahnte. Und darum dauerte es lange, ehe sie einen schwachen Schrei und die Worte: »Ein Junge! Ein Junge!« vernahm, und dann eine gütige, milde Stimme:

»Tomasine, mein Kind, du hast einen Sohn bekommen.«

Eine wonnige Freude erfüllte sie, nun alles durchgekämpft war. Alles sammelte sich um das Wort: »Sohn ...« Sie hatte einen Sohn. Aber sofort stieß die Freudenwelle auf eine Angstwelle:

»Was für Haare?« preßte sie ganz leise hervor; mehr konnte sie nicht.

»Rote, gnädige Frau!«

Sie hatte eine dunkle Vorstellung, daß das weder dunkel noch blond sei; vielleicht doch mehr dunkel. Aber ganz klar war es ihr nicht ... es war ... sie verlor die Besinnung ...

Lange merkte keiner von den Anwesenden etwas; denn niemand kam auf den Gedanken, dieses riesenstarke Wesen könnte ohnmächtig werden. Darum dauerte es lange, bis sie wieder zur Besinnung gebracht wurde. Und da bekam man einen tödlichen Schrecken.

Erst nach und nach sammelte sie in sich, was geschehen war ... warum es da irgendwo wimmerte, warum alle ihre Gedanken so weh waren ...

Das Kind war jetzt fertig gebadet und gewickelt und wurde ihr hingehalten. Aber nicht nah genug; sie konnte es nicht recht erkennen. Sie wollte ein Zeichen geben, man möchte es doch näher herhalten; aber das war so schwer; mit der Stimme brachte sie es nicht fertig, mit dem Kops auch nicht, und die Hand fiel ihr nicht ein, oder vielleicht wollte die auch nicht. Aber endlich verstand sie doch einer, hielt ihr das Kind ganz nah hin, so nah, daß es ihre Wange berührte, an der Stelle, wo sie zuletzt den Atem seines Vaters gespürt hatte. Jetzt fühlte sie etwas Weiches, Warmes, Feines; das Zarteste, was je ihre Haut berührt hatte. Sie horte ein Glucksen, ein Piepsen, und nun sah sie ... die Augenbrauen, ihre eigenen, die Familienaugenbrauen, helle, vereinzelte Borsten!

Das war zu viel, – zu viel des Segens. Das Glück war zu groß.

Ihr Blut wogte schneller; dann schoß Wärme in ihre Wangen, und Tranen füllten ihre Augen. Leise weinend lag sie da, während der Kleine schon an der mütterlichen Brust ruhte.

So wollte sie denn mit Gottes Hilfe selbst versuchen, das übrige zu tun.

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