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Fitzebutze

Richard Dehmel: Fitzebutze - Kapitel 4
Quellenangabe
typedrama
booktitleFitzebutze
authorRichard Dehmel
firstpub1907
year1907
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleFitzebutze
pages3-6
created20040922
sendergerd.bouillon
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Dritter Aufzug

Bild: Mexiko

Fahle Steinwüste mit Tempeltrümmern. Links im Hintergrund ein Meerbusen, rechts hinter Bergkegeln ein Vulkan; über dem Meer weißglänzend der Vollmond. An der Seite rechts vereinzelte Kokospalmen und eine riesige Kaktusgruppe. Links im Vordergrund eine zerfallene Tempelwand, mit einigen hohen Agaven bewachsen; die verwitterten Mauerblöcke sind bis zur Küste hin verstreut und tragen noch Spuren fratzenhafter, starr symmetrischer Ornamente. An der Wand aus Stufen eine steinerne Thronbank, dreisitzig, großer Mittelsitz mit zwei abgeschrägten kleineren Ecksitzen; die plumpen Lehnen und Füße gleichfalls mit bizarren Ornamenten. Bei Aufgang des Vorhanges ist der Luftballon schon gelandet; die Gondel ist rechts, zwischen den Palmen und der Kaktusgruppe, an einem Steinhaufen befestigt und bleibt dauernd dort hängen.

Fitzebutze steht vor der Gondel, läßt gebieterisch Heinz und Detta aussteigen. Die Kinder sind noch in gleicher Kleidung wie bei der Abfahrt vom Zauberwald, also in Hemden und barfuß, Detta mit der roten Kette geschmückt, Heinz mit Säbel und Tuthorn; auch Fitzebutze trägt noch immer den ramponierten Bommelhut. Er führt die Kinder mit feierlich steifen Bewegungen, die ängstlich von ihnen nachgemacht werden, hinüber zu den Stufen der Thronbank. Sie stocken einige Male dabei (immer genau im Takt der Musik) und sehen sich scheu nach der Gondel um; dann hopst Fitzebutze immer zurück, droht ihnen mit Rippenpüffen, hebt die Zauberblume und zwingt sie zu folgen. (51) Er setzt sich götzenhaft auf den Thron, die Kinder neben ihn auf die Ecksitze. Er läßt sich von Heinz das Tuthorn reichen, bläst zweimal einen lauten Weckruf und stampft tyrannisch auf den Boden; ein leise donnerndes Echo ertönt, und von fern erwidert eine Fanfare.

Fitzebutze erhebt sich lauschend. Dann nickt er, hängt sich das Horn auf die Schulter und setzt sich wieder götzenhaft hin. (52) Von links her kommt eine Karawane mit einer exotischen Marschmusik; alle Welt scheint vorbeizuziehen. Voran ein Trupp Indier mit einem Elefanten, dann (53) Chinesen mit allerlei Vögeln und Äffchen, dann Negerweiber mit einer Giraffe, dann Indianer mit mehreren Bären, zuletzt (54) Beduinen mit einem Kamel; die Beduinen und Indier weißgekleidet, die Negerinnen mit hellblau und weiß gestreiften Schürzen, die übrigen in bunter Tracht. (55) Sie machen einen Rundgang vor Fitzebutze, jeder Trupp verneigt sich sklavisch tief; ziehen dann alle rechtshin ab. Fitzebutze schlägt mit der Zauberblume den Takt zu ihren Bewegungen. (56) Sobald sich die Beduinen entfernen, springt er mit einem sausenden Luftschwung auf den Rücken des Kamels und trollt mit der Karawane davon. Der Vulkan beginnt Rauchwolken auszustoßen, die ab und zu den Mond verdunkeln.

Die Kinder sehen sich plötzlich allein. Sie steigen furchtsam vom Thron herunter und wollen zu der Gondel hin. Aber da zucken vor ihren Füßen rotgelbe Flämmchen aus der Erde und treiben sie zum Thron zurück. Die Flämmchen verlöschen gleich immer wieder, hüpfen wie Irrlichter hin und her, sich immer dichter zu Füßen der Kinder sammelnd. Heinz zieht den Säbel und haut nach ihnen; sie weichen zurück und kommen wieder. Erst an den Thronstufen machen sie Halt und hüpfen nun rastlos daran herum. Detta ruft zaghaft »Fitzebutze!« Es antwortet nur ein leises Donnern. Heinz ruft lauter »Fitzebutze!!« Ein Windstoß und nochmals dumpfes Donnern. (57) Detta fängt händefaltend zu singen an:

Bitte, bitte, Blitzepul –

Heinz singt weiter:

Komm zurück aus deinen Stuhl –

Beide gemeinsam:

Komm zurück mit deinem Hut,
donnre nicht, wir sind dir gut –
huh! –

Die Irrlichter sammeln sich wieder dichter und hüpfen gegen die Thronstufen. Detta singt weiter:

Huh, die wilden Lichter da –

Heinz fährt fort:

Huh, sie kommen wieder nah –

Beide:

Bitte, bitte, Blitzebeck,
Jag die bösen Lichter weg!
husch! husch! husch!

Die Kinder versuchen, bei der letzten Zeile auf die unterste Stufe tretend, die Flämmchen heftig wegzuscheuchen; horchen plötzlich hoch auf. Eine helle Stimme (58) erwidert von fern:

Husch, husch, husch,
ich schlüpfe aus dem Busch.
Ich bin daheim auf jeder Bahn
mit meinem goldnen Zauberkahn;
den haben wir in dieser Nacht,
der Mond und ich, uns ausgedacht,
husch, husch, husch,
im Busch.

Zugleich ist Freund Husch in einem phantastisch verzierten Nachen auf dem Meerbusen erschienen und rudert singend dem Ufer zu; am Bug des Nachens ist die Zauberblume des Weihnachtsmanns aufgepflanzt und wirft ihr grünliches Licht über Husch. (59) Jetzt steigt er ans Land, ergreift die Blume, eilt auf die rotgelben Irrlichter los und treibt sie von den Thronstufen weg; dann umarmt er und küßt und streichelt die Kinder. Die Irrlichter kommen aber wieder, und der Vulkan wirft dunklere Rauchwolken aus. Da weist Detta auf den Luftballon, und während Husch mit der Zauberblume die Irrlichter von den Kindern abwehrt, suchen sie langsam hinüberzukommen und in die Gondel einzusteigen.

(60) Sofort kommt Fitzebutze zurückgeritten, saust vom Rücken des Kamels durch die Luft und postiert sich drohend vor die Gondel. Er zieht einen Bannkreis mit seiner blauen Zauberblume, und Husch weicht mit den Kindern beiseite; das Kamel läuft mit großen Sätzen weiter, verschwindet hinter der Tempelwand links. Die Irrlichter bilden um Husch und die Kinder einen breiten wimmelnden Ringelkreis, stehen dann eine Weile still. Husch, spöttisch lächelnd, verschränkt die Arme, blickt Fitzebutze an und singt:

Du – du – du –
hüt dich, Fitzebuh!
Du vergißt wohl, alter Knabe,
daß ich dich erschaffen habe.
Mit Zauberblumen umzugehn,
muß man verstehn, verstehn, verstehn –
hüt dich! –

(61) Aber Fitzebutze dreht ihm den Rücken, stampft auf den Boden, bläst wild in das Tuthorn; die Irrlichter verschwinden plötzlich. Fitzebutze bläst abermals, und im Halbdunkel kommen von allen Seiten, hinter den Steinen und Trümmern hervor, unzählige kleine Fitzebützchen (genau so gekleidet wie der große) mit kleinen Spießen angehopst und rücken in zappelndem Wirrwarr auf Husch los. Dabei ertönt wieder leiser Donner, und auf dem Gipfel des Vulkans entsteht ein rötlicher Feuerschein. Husch zieht Bannkreise mit der grünen Blume, Heinz deckt ihm mit dem Säbel den Rücken, und sie suchen samt Detta den Thron zu erreichen. Kaum aber nähern sie sich den Stufen, saust Fitzebutze von neuem hoch, quer durch die Luft auf die oberste Stufe, und verwehrt ihnen auch hier den Zutritt. Während Husch mit den Kindern etwas zurückweicht, tritt die Hälfte der kleinen Zappelkerle in Gardestellung um den Thron, die andre Hälfte um die Gondel des Luftballons, und beide Garden fällen die Spieße, nach dem in der Mitte stehenden Husch. Fitzebutze verschränkt majestätisch die Arme, Husch tut mit spöttischem Lächeln desgleichen, jeder steil seine Blume haltend; drohende Pause in der Musik.

(62) Auf einmal fängt Detta an zu singen, nähert sich schelmisch bittend dem Thron, macht einen Knix vor Fitzebutze:

Lieber schöner Hampelmann,
deine Detta sieht dich an!

Heinz fällt nachdrücklichst ein:

Alle Kinder sehn dich an!

Detta fährt fort:

Fitzebutze, sei doch gut,
schenk mir einen neuen Hut!
Ja?

Heinz und Detta, gemeinsam loslegend:

Ja, nicht wahr, du bist nicht so,
lieber Gott von Mexiko.
Bitte, bitte, Flitzebusch,
komm herab und tanz mit Husch!
Hopps!

(63) Die Kinder haben dabei einen übermütigen Walzer begonnen und machen nun eine Runde um Husch. Der Tanz wirkt auf Fitzebutze wie elektrisierend. Er ruckt immer stärker mit Armen und Beinen, und seine kleine Zappelgarde macht die Bewegungen steifbeinig nach; nur Husch steht noch unbewegt in der Mitte. (64) Da löst sich Detta wirbelnd von Heinz, nimmt Fitzebutze bei der Hand, zieht ihn vom Thron und führt ihn auf Husch zu. Diesem reicht sie die andre Hand, und sie tanzen einige Takte zu dritt. Dabei legt sie die Hände der Beiden immer fester in einander, und schließlich tanzt alles einen Versöhnungstanz. In der Mitte Husch und Fitzebutze, jeder vorsichtig seine Zauberblume mit der andern Hand auf den Rücken haltend. Um sie herumwirbelnd Heinz und Detta. Rechts und links die kleine Zappelgarde, hin und wieder nach Hampelmannsart eine tiefe Kniebeuge machend. (65–66) Alle singen dabei wie närrisch:

Hopps, der böse Blitzebold
ist auf einmal Allen hold!
Hopps, er bleibe ewig so,
dann ist's schön in Mexiko!
Hopps! –

(67) Der Tanz endet mit stärkstem Händeschütteln, Dienern, Knixen und Kniebeugen. Dann nehmen Husch und Fitzebutze die beiden Kinder zwischen sich und führen sie feierlich auf den Thron. Die Kinder setzen sich auf den Mittelsitz, Husch auf den vorderen Ecksitz, Fitzebutze auf den hinteren; die Zappelgarde formiert sich um den Luftballon. Gespannte Pause in der Musik; dann bläst Fitzebutze in das Tuthorn. (68) Wieder folgt ein leises Donnern, und der Feuerschein auf dem Vulkangipfel beginnt unruhig zu züngeln. Von rechts her kommen fünf papageienähnliche Wesen und bringen eine Korallenkrone, die mit kleinen goldenen Glöckchen besetzt ist. Sie verbeugen sich ehrfürchtig vor dem Thron, und der mittelste der Papageien, ein gelb und weißer Kakadu, legt Detta die Krone auf den Schoß. Dann beginnen sie, mit den Flügeln schlagend, einen gravitätischen Hopstanz und (69) krächzen Detta dabei an:

Hops, du bist Frau Königin,
hast zwei Lippen wie Zuckerrosin'n.
Fitzebutze ist dir gut,
schenkt dir einen neuen Hut;
ei!

Detta hat sich die Krone aufgesetzt, stimmt ein in den Gesang (70) und klatscht mit den Händen den Tanztakt:

Ei, nun sind wir endlich froh –

Auch Heinz stimmt ein:

lieber Gott von Mexiko –

Auch die Zappelgarde:

Flitzeputzig, Blitzebold,
komm herab vom Thron getrollt!
hopps!

Und Husch fügt liebenswürdigst hinzu:

Komm nur, komm! gebt Acht, gebt Acht,
jetzt enthüllt sich seine Macht!
hopps!

Inzwischen ist Detta vom Thron gehüpft, und die Garde ist mit ins Hüpfen geraten; nur Fitzebutze, Heinz und Husch sind ruhig oben sitzen geblieben. Auf einmal, bei dem letzten »hopps«, springen alle ruckhaft hoch, und Fitzebutze saust durch die Luft auf einen der Bergkegel an dem Vulkan. (71) Dort stampft er dreimal auf das Gestein, daß es wie Paukenschläge dröhnt, und hebt dazu dreimal die Zauberblume. Während die Andern noch wie erstarrt zu ihm aufblicken, schießt unter Trommeln- und Trompeten-Geschmetter eine mächtige Lohe aus dem Vulkan, und aus der Lohe ein sprühender Funkenregen, der die ganze Umgebung überschüttet.

In wilder Flucht stürzt alles davon, die Kakadus mit der Zappelgarde nach links hinter die Tempelruine, Husch mit den Kindern nach rechts zu der Gondel hin; Heinz verliert dabei seinen Säbel, Detta die Krone und Perlenkette. (72) Sobald sie eingestiegen sind, saust Fitzebutze, der sich bis dahin majestätisch auf dem Bergkegel reckte, durch den Funkenregen zu ihnen hinüber und schwingt sich auch mit in die Gondel. Der Ballon steigt auf, der Vorhang fällt.


(Große Pause)

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