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Fitzebutze

Richard Dehmel: Fitzebutze - Kapitel 2
Quellenangabe
typedrama
booktitleFitzebutze
authorRichard Dehmel
firstpub1907
year1907
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleFitzebutze
pages3-6
created20040922
sendergerd.bouillon
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Erster Aufzug

Bild: Kinderzimmer

An der linken Wand, aber quer ins Zimmer hinein, ein langer weißgedeckter Tisch; darauf ein Weihnachtsbaum mit brennenden Kerzen, einige Spielsachen und Bücher, dicht am Rand ein großes Schreibzeug. Vor dem Tisch, nahe der Wand, halb unter den Zweigen des Baumes, ein Lehnstuhl. Längs der rechten Wand zwei Kinderbetten, neben einander, dem Vordergrund zu; hinter ihnen eine Tür. In der Hintergrundswand rechts ein Fenster, links eine Balkontür mit Fenster; zwischen beiden Fenstern ein Regal, an dem zwei neue Schulmappen hängen, deutlich sichtbar. Draußen Nacht; durch die dünnen Fenstervorhänge sieht man die schwarzen Scheibenquadrate.

Auf dem Tischrand sitzt Heinz, Seifenblasen aus einer Tonpfeife puhstend. Auf dem Lehnstuhl Detta, mit Fitzebutze spielend. Die Kinder sind schon halb entkleidet zum Schlafengehn; Detta hat ein hellblaues Unterröckchen an, Heinz dunkelblaue Kniehosen, beide kurzärmeliges weißes Hemd. Fitzebutze, ein großer Hampelmann mit exotischer Fratze und schwarzem Wulsthaar und Ziegenbart, fast so groß wie Detta selbst, trägt einen langen, seidenen, orangegelben Kaftan mit schwarzen Säumen und Knöpfen, dazu einen gelben, mit Bommeln besetzten, seltsam geformten Basthut.

(1) Heinz schwippt die Seifenblasen im Takt der Musik in die Luft. (2) Detta, den Hampelmann vor sich auf dem Schoß haltend, singt:

Lieber schöner Hampelmann,
deine Detta sieht dich an.
Ich bin groß, und du bist klein;
willst du Fitzebutze sein?
Komm!

Sie steht auf, zieht tänzelnd einige Male (gleichfalls im Takt der Musik) an seiner Zappelschnur, sodaß er Beine und Arme schwenkt, und setzt nun ihn in den Lehnstuhl. Singt dabei weiter:

Komm auf Vaters großen Stuhl,
Vitzliputze, Blitzepul!
Vater sagt, man weiß es nicht,
wie man deinen Namen spricht;
pst!

Pst, sagt Vater, Flitzebott
war einmal ein lieber Gott,
der auf einem Stuhle saß
und gebratne Menschen aß;
huh –

(3) Heinz bückt sich plötzlich, brüllt lachend »huh« nach, nimmt ihr den Hampelmann weg und springt vom Tisch; reißt dabei das Schreibzeug herunter, sodaß die Tinte aufs Tischtuch läuft, ohne daß die Kinder es merken. Detta, ihm nachspringend, packt Fitzebutze am Hut. Sie zerren eine Weile (immer im Takt der Musik) an der Hutkrämpe hin und her, bis die Fetzen herunterhängen; halten auf einmal verdutzt inne, stehn und besehn sich den Schaden – (4) es schlägt zehn Uhr. Detta nimmt ihren Hampelmann, streichelt ihn und schluchzt dazu. Heinz will sie trösten, sie schubbst ihn weg. Er läßt verlegen den Kopf hängen; sie geht, den Hampelmann hinter sich herschleifend, zur Tür hinaus, knallt sie heftig ins Schloß.

(5) Heinz tritt an den Tisch zurück, entdeckt die Tintenbescherung; hebt das Schreibzeug vom Boden auf, faßt mit der einen Hand den Tischtuchzipfel und kraut sich mit der andern am Ohr. Dann schlägt er eine Falte ins Tischtuch, durch die der Tintenfleck verdeckt wird, und setzt das Schreibzeug auf die Falte. Nimmt eine lange Tonpfeife, steigt vorsichtig auf den Tisch hinaus und beginnt die Lichter des Weihnachtsbaums auszublasen.

(6) Die Tür öffnet sich wieder: Detta kommt zurück, jetzt nur mit weißem Nachthemd bekleidet, den notdürftig ausgebesserten Fitzebutze an sich drückend, und geführt von der Mutter, die eine kleine milchweiße Lampe trägt. Die Mutter, eine schöne, große, ruhige Frau in dunkelviolettem Hausgewand, läßt Detta auf den Bettrand niedersitzen und winkt den Heinz vom Tisch herab. Er folgt dem Wink mit ziemlicher Keckheit; sie blickt ihm gründlich in die Augen. Er senkt den Kopf; sie weist nach der Tür. Während er langsam hinausgeht, setzt sie die Lampe auf den Tisch. Dann löscht sie die letzten Lichter des Weihnachtsbaums, und Detta singt dabei leise:

(7)

Lieber schöner Hampelmann,
sieh mich nicht mehr böse an!
Bitte, bitte, sei mir gut;
willst du einen neuen Hut?
Ja?

Ja, dann mußt du schlafen gehn,
statt die Augen zu verdrehn.
Mutter sagt: wer schläft, ist gut,
Jeder schläft in Gottes Hut.
Gute Nacht!

Die Mutter hat inzwischen den Tintenfleck entdeckt, ihn aber mit der Tischtuchfalte ruhig wieder zugedeckt; tritt nun zu Detta, nimmt ihr sanft den Hampelmann ab und hängt ihn an das Wandregal, links neben die Schultornister. (8) Heinz kehrt zurück, jetzt gleichfalls nur mit Nachthemd bekleidet, geht zögernd auf die Mutter zu, faßt ihre Hand, führt sie mit reuiger Miene an den Tisch, enthüllt den Tintenfleck und gibt sich mit dem Zeigefinger als Attentäter zu erkennen; Detta ist neugierig gefolgt. Die Mutter nimmt seine Hand, gibt ihm lächelnd eins auf die Finger; umarmt ihn dann, küßt ihm die Stirn und führt die Kinder ans Bett zurück. Sie schütteln die Schuhe ab und springen hinein. Die Mutter setzt sich auf den Bettrand, die Kinder reichen ihr sitzend die Hände, und sie singen zu dritt das Abendgebet:

(9)

Müde bin ich, geh zur Ruh;
lieber Himmel, deck mich zu!
Laß die Sterne alle dein
meines Schlafes Hüter sein!

Schick im Traum ihr Licht mir zu,
daß mein Herz in Reinheit ruh!
Flecken, die der Tag gemacht,
lösch sie gnädig aus, o Nacht!
Amen.

Nun legen die Kinder sich auf die Kissen, die Mutter holt die Lampe vom Tisch, geht an die Kopfenden der Betten, streicht beiden noch einmal über die Stirn und verläßt mit der Lampe das Zimmer. (10) Einen Augenblick ist es völlig dunkel; dann fällt durch das Fenster der Balkontür (von links nach rechts) ein Streifen Mondlicht. Der Streifen wird allmählich breiter; überm Fensterkreuz tritt der Vollmond hervor. Fitzebutze, im Halbdunkel hängend, macht eine ruckhafte Zappelbewegung; in die leise Musik fällt ein dumpfer Schreckton. Fitzebutze bewegt sich nochmals, wieder mit etlichen Schrecktönen. Er ist inzwischen viel größer geworden; die Ziehschnur baumelt fast bis zum Boden.

Hinter den Kopfenden der Betten geht sacht ein bläulicher Lichtschein auf, der Fitzebutze magisch beleuchtet und klar von dem blaßgrünen Mondlicht absticht. (11) Eine Jünglingsstimme beginnt zu singen, während Fitzebutze nach jeder Zeile mit böser Grimasse die Augen rollt:

Husch, husch, husch,
ich schlüpfe aus dem Busch.
Ich stecke mein Laternchen an,
ich zünde uns die Sternchen an –
husch!

Mit »husch« springt Freund Husch, der Traumgeist, plötzlich hinter den Betten hervor, seine Zauberblume schwingend; das Zimmer ist mit einem Schlage ganz in bläuliche Helle getaucht. Fitzebutze schwenkt Arme und Beine vor Schreck, möchte von seinem Nagel los. Husch droht ihm schelmisch mit dem Finger und hebt gebieterisch die Zauberblume; Fitzebutze zappelt noch einmal, bleibt dann mit steifen Gliedern hängen. Die Zauberblume ist eine große Mohnblume mit graugrünem, silberdurchwirktem Stengel, ebensolchen Blättern und blauer, silberdurchwirkter Blüte, in der ein blaues Glühlicht brennt; das Mondlicht ist nicht mehr wahrnehmbar, nur der Vollmond selber glänzt noch schwach. Husch trägt ein enganliegendes Habit aus stahlblauer Seide mit spanischem Mäntelchen, verbrämt mit smaragdgrünem Sammet und Silberbrokat. Er nähert sich tänzelnd dem Weihnachtsbaum, mit hellerer Stimme weitersingend, und steigt auf den Tisch.

(12)

Husch, husch, husch,
ich putze meinen Busch.
Der Mond ist da, der Mond ist hell;
der Mond, der ist mein Spielgesell –
husch!

Er macht einen Schwung mit der Zauberblume, das Zimmer wird plötzlich wieder dunkel; nur das Glühlicht der Blume leuchtet noch matt, und auf der Diele liegt wieder der Mondschein. Husch, gedämpft weitersingend, hebt seine Blume zur Spitze des Weihnachtsbaums.

(13)

Husch, husch, husch,
ich schüttel meinen Busch.
Die Kinderchen sind all zur Ruh,
ich schüttel ihnen Träume zu;
die haben wir vergangne Nacht,
der Mond und ich, uns ausgedacht,
husch, husch, husch,
im Busch.Der Text dieses Liedes gemeinsam von Paula und Richard Dehmel.

Sämtliche Kerzen des Weihnachtsbaums entzünden sich mit einem Mal. Husch springt vom Tisch und nimmt eine Tonpfeife. Fitzebutze fängt wieder zu zappeln an; er ist inzwischen noch größer geworden, ebenso groß wie Husch, und berührt mit den Fußspitzen schon den Boden. Husch droht ihm wie früher, worauf er sich wieder still verhält. (14) Husch pflanzt die Zauberblume am Kopfende der Bettstatt auf, nimmt dann am Fußende Platz, setzt die Tonpfeife an den Mund und puhstet nun zum Takt der Musik schillernde Blasen in die Luft. Die Blasen werden größer und größer, verschwinden oben in den Raum; bei jeder neu aufsteigenden klappt Fitzebutze krampfhaft die Augen empor, endlich beginnt er wie toll zu zappeln.

(15) Husch ergreift wieder die Zauberblume, wendet sich dem Zappelnden zu, beruhigt ihn und singt ihn an:

Husch, husch, huh,
alter Fitzebuh,
Flitzeputzig, Butzebein,
möchtest wohl – «erlöset»sein?
Ja?

Ja, dann sei's! die Macht sei dein;
was du willst, das sollst du sein.
Doch vergiß nicht, alter Knabe,
daß ich dich erschaffen habe!
Komm!

Er schwingt die Blume im Kreise über ihm und berührt mit ihr seine Arme und Beine. Singt dabei weiter:

Komm, doch hüt dich vor dem Bann!
rühr mir nicht die Blume an!
Mit Zauberblumen umzugehn,
muß man verstehn, muß man verstehn!
Hopp! –

(16) Fitzebutze macht einen Riesensatz, springt mitten ins Zimmer, dann los auf Husch, will ihm die Zauberblume entreißen. Husch nimmt sie hinter seinen Rücken, gibt dem frechen Kerl einen Nasenstüber; Fitzebutze prallt zurück, fällt steifbeinig aufs Hinterteil. Im selben Augenblick erlöschen die Kerzen des Weihnachtsbaums; nur das blaue Glühlicht der Blume brennt noch, und der Mondschein fällt breit auf die Betten der Kinder.

Während Husch zum Weihnachtsbaum hintänzelt, springt Fitzebutze wieder empor und nähert sich mit grotesken Geberden (automatenhaft im Takt der Musik) den mondbeleuchteten Betten; sein Ziehseil schleift wie ein Teufelschwanz hinter seinen Beinen her. (17) Er streckt beschwörend, mit ruckhaften Armbewegungen, die Hände über die Kinder aus. Detta richtet sich langsam aus, mit geschlossenen Augen »Fitzebutze« stammelnd; hierauf Heinz ebenso. Husch hat inzwischen, hinter dem Weihnachtsbaum stehend, mehrere riesige Seifenblasen in den Mondschein steigen lassen; bringt nun eine noch größere in Gestalt eines Fesselballons nach vorn und befestigt die daran hängende, grün und golden bemalte Gondel am Tischrand neben dem Lehnstuhl.

Heinz und Detta sind währenddem, immer noch mit geschlossenen Augen, langsam aus den Betten gestiegen und stehen gebannt vor Fitzebutze. (18) Dieser hopst plötzlich nach der Balkontür, dreht den Schlüssel und öffnet sie, sodaß der Mondschein voll hereinflutet. Dann hopst er zu den Kindern zurück, weist nach draußen, zum Mond hinaus, und beschwört sie, ihm zu folgen (alles ruckhaft im Takt der Musik). Er gibt ihnen seinen Ziehschwanz in die Hände und führt sie, würdig wie ein Hahn, mit schleppendem Schritt dem Balkon zu.

Husch hat sich neben die Tür geschlichen. Kaum ist Fitzebutze auf dem Balkon, reißt Husch die Kinder zurück, klappt die Tür zu und dreht den Schlüssel um; zugleich erleuchtet sich der Fesselballon und füllt das Zimmer mit bläulichem Licht. Die Kinder machen die Augen auf und starren verwundert den Luftballon an. (19) Während Fitzebutze wie rasend die Türklinke rüttelt, läßt Husch die Kinder rasch in die Gondel steigen, steigt selber nach, und der Ballon schwebt empor. Von oben herab ertönt, immer leiser werdend, dreistimmiger Gesang:

Komm nur nach! die Macht ist dein;
was du willst, das sollst du sein.
Das haben wir für diese Nacht,
der Mond und ich, uns ausgedacht,
husch, husch, husch,
im Busch.

Sobald der Ballon nicht mehr sichtbar ist, wird alles wieder halbdunkel; Fitzebutze schlägt klirrend eine Scheibe ein, greift durch das Fensterloch, dreht den Schlüssel auf, stürmt ins Zimmer. (20) Er droht mit den Fäusten in die Höhe, vollführt einen wirbelnden Wuttanz (immer mit automatischer Komik) und stampft dann dreimal den Boden. Das Lied aus der Höhe verstummt, ein dumpfer Donner erdröhnt, eine rotgelbe Flamme schlägt aus der Diele. Während Fitzebutze im Rauch der Flamme mit drohend erhobenen Fäusten versinkt, fällt der Vorhang.

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