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Figaro's Hochzeit

Pierre de Beaumarchais: Figaro's Hochzeit - Kapitel 7
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authorPierre de Beaumarchais
titleFigaro's Hochzeit
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
translatorFranz Dingelstedt
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Vierter Aufzug.

Große Gallerie im Schlosse, mit Blumengewinden, Kandelabern und Teppichen festlich aufgeputzt. Im Vordergrunde rechts ein Tisch mit Schreibzeug und zwei Armsessel.

 

Erster Auftritt.

Figaro Susanne.

Figaro (Susannen umfaßt haltend). Bist du nun zufrieden, Liebchen? Meine neue Mama hat den Doktor wirklich zu überreden gewußt, daß er sie heirathet. Dein bärbeißiger Herr Oheim ist dadurch gezähmt und das letzte Hinderniß unserer Verbindung aus dem Wege geräumt. Mag der Herr Graf schmollen, mag er sich wehren, wie er will. Wir sind vor Nacht noch ein glückliches Paar!

Susanne. Wie wunderlich das alles sich gefügt hat; wie so ganz anders, als dieser große Schlaukopf (auf Figaro's Stirn pochend) es sich vorher ausgedacht hatte!

Figaro (sentenziös, mit komischer Feierlichkeit). Kind, der schlaueste von allen Schlauköpfen ist der Zufall. Wir Staatsmänner haben gut Plane schmieden, oder auch Ränke, unter Umständen selbst Lügen; der Zufall nimmt uns lächelnd die Zügel aus der Hand und führt uns wie er will, – uns alle, vom Herrscher und Eroberer an, bis herab zum blinden Bettler, der sich von einem Hunde führen lassen muß. Was aber den Haupt- und Stockblinden angeht, den kleinen, schlimmen, schlauen Liebesgott: bei dem werde ich Hunde- und Führerstelle vertreten und ihn nirgends anders hinleiten, als an die Thür meiner Susanne.

Susanne. Ist das nicht auch eine deiner zahlreichen Staats- und Nothlügen?

Figaro (betheuernd). Die reine, die wahre Wahrheit.

Susanne. Als ob es eine andere als die wahre Wahrheit gäbe, du Schelm!

Figaro (wie oben). Laß dich belehren, unerfahrenes Wesen! So wie es Thorheiten giebt, welche mit der Zeit zu Weisheitssätzen werden, und Lügen, aus denen große Wahrheiten hervorgehen, so giebt es umgekehrt auch Wahrheiten, die sich im Laufe der Jahre zu dicken, dummen Lügen verwandeln. Zu geschweigen von jenen Wahrheiten, die Niemand auszusprechen wagt und von anderen, die Niemand glaubt, weder derjenige, der sie ausgiebt, noch wer sie einnimmt. Zum Exempel: Du trittst in einen Laden, einzukaufen. (Nachahmend.) »Mademoiselle, ich versichere, daß dies mein genauester Preis ist«, oder: »Mademoiselle, unser Geschäft hat nur feste Preise.« Das ist eine unwahre Wahrheit, denn nach fünf Minuten Handelns wirft er dir die Waare um die Hälfte nach. – Ein Bittsteller wird von einem großen Herrn entlassen: (Wie oben.) »Sein Sie überzeugt, daß ich mich Ihrer Verdienste und Ihrer Wünsche stets erinnern werde.« Wiederum eine Wahrheit, an welche weder der seufzende Supplikant, noch der lispelnde Gönner glaubt. – Oder endlich: Ein schmucker Kavalier ersucht ein niedliches Kammerkätzchen um ein stilles Stelldichein, im Garten, bei Mondenschein. Ach, er bittet so schön, so inständig, wo er doch befehlen könnte, der gute gnädige Herr, daß dem armen Kätzchen nichts übrig bleibt, als »Miau«, das heißt Ja, zu sagen. Aber das Kätzchen geht doch nicht, (dringend) nicht wahr: es geht nicht?!

Susanne. Gewiß nicht, wenn du es nicht mehr willst. Und sei überzeugt, daß das Wegbleiben mir weniger unangenehm ist, als das Versprechen zu kommen gewesen.

Figaro. Die wahre Wahrheit?

Susanne. Ich kenne nicht so viele Wahrheiten wie ihr Herren Staatsmänner. Für mich giebt es nur eine, und die heißt: Ich werde meinem lieben Mann treu bleiben mein Leben lang.

Figaro (sie umarmend). O du Ausbund, du Ausnahme von allen Weibern, – wenn du Wort hältst, nämlich.

 

Zweiter Auftritt.

Vorige. Gräfin.

Gräfin (eintretend). Dacht' ich's doch. Wo unser Pärlein auch sein mag, bei einander ist's immer. Aber, Figaro, man erwartet dich. Deine Hochzeitsgäste werden ungeduldig.

Figaro (indem er mit Susannen abgehen will). Es ist wahr, ich habe mich vergessen; aber ich werde unseren Freunden meine Entschuldigung zeigen.

Gräfin (Susannen zurückhaltend). Sie folgt dir sogleich.

(Figaro ab.)

 

Dritter Auftritt.

Gräfin. Susanne.

Gräfin. Hast du alles bereit, was zu unserem Kleidertausch gehört?

Susanne (zögernd). Verzeihung, gnädige Gräfin, wenn ich auf den Scherz nicht eingehe.

Gräfin (erstaunt). Du bist anderen Sinnes geworden?

Susanne. Figaro wünscht nicht ....

Gräfin (heftig einfallend). Figaro ist der Mann nicht, der eine Mitgift ausläßt. Du hintergehst mich.

Susanne. Gnädige Frau könnten glauben ...

Gräfin (wie oben). Daß du Ernst aus dem Scherz machen willst und dich wirklich mit dem Grafen verständigt hast. Ich durchschaue dich. Es ist gut. (Sie will abgehen.)

Susanne (ihr zu Füßen fallend). Bei Allem, was mir heilig ist, gnädige Gräfin, Sie thun mir unrecht und weh. Wie könnte ich nach Ihren zahllosen Wohlthaten, nachdem Sie noch heute so reich und großmüthig mich beschenkt haben, im Stande sein, mit Ihrem und meinem eigenen Glück freventlich zu spielen?

Gräfin (erhebt sie, indem sie sie auf die Stirn küßt). Vergieb mir, Susanne, meine treue, meine einzige Freundin. Deine plötzliche Weigerung machte mich irr an dir. Du begehst doch auch keine Untreue an Figaro, wenn ich, statt deiner, in den Garten komme. Wann und wo sollte die Zusammenkunft stattfinden?

Susanne. Der Herr Graf sprach von einem Dämmerstündchen im Park.

Gräfin. Wir müssen das genauer bestimmen. (Auf den Tisch rechts zeigend.) Setze dich und schreibe!

Susanne. Wollen die gnädige Gräfin das nicht übernehmen?

Gräfin. Damit der Graf meine Hand erkennt? Sei unbesorgt; ich vertrete Alles, und damit du dich in nichts compromittirst, schreiben wir ohne Adresse.

Susanne (sich setzend). Aber was?

Gräfin (nachsinnend). Ich muß zu Rosinens alten Künsten meine Zuflucht nehmen. Ein Brieflein an Lindoro .... Halt, so geht's. Du schreibst den Anfang einer Romanze von Moratin, für unsern Zweck wie gemacht. Fällt das Blatt dann auch in unrechte Hände, so ist nichts verrathen. (Diktirt:)

O wie selig ist's zu träumen,
Unbewacht und unbelauscht,
Unter den Kastanienbäumen,
Die der Abendwind durchrauscht.

Susanne. »Unter den Kastanienbäumen«. Das ist die dunkelste Stelle im Park.

Gräfin (weiter diktirend:)

Luna schläft. Im dunklen Garten,
Um der zehnten Stunde Schluß,
Mag der Liebste mich erwarten,
Wenn ich sein nicht harren muß.

Susanne. Eine Bestellung in bester Form. Aber womit siegeln?

Gräfin. Mit einer Nadel. Auf die Adresse schreibst du: »Man bittet zum Zeichen der Zustimmung das Siegel zurückzuschicken.«

Susanne (lachend, indem sie schreibt). Allerliebst! »Das Siegel zurückschicken.« Mit diesem Siegel werden wir hoffentlich weniger Noth haben, als mit dem unter des Pagen Patent.

Gräfin (mit schmerzlicher Erinnerung). Armes Kind!

Susanne (suchend). Muß ich gerade jetzt keine Nadel bei mir haben!

Gräfin. Da nimm! (Sie zieht aus ihrem Halstuch eine Nadel, wobei ihr das Band des Pagen entfällt.) Ach, mein Band!

Susanne (das Band aufhebend). Das des kleinen Spitzbuben? Haben gnädige Gräfin es über das Herz bringen können, dem armen Schelm seinen Raub wieder abzunehmen?

Gräfin. Ich hätte es wohl gar um seinen Arm lassen sollen? Gieb her!

Susanne (neckend). Es ist nicht mehr zu brauchen. Sein Blut klebt daran.

Gräfin. Gut genug als Dank für Fanchettens ersten Strauß.

 

Vierter Auftritt.

Vorige. Fanchette. Cherubin, als Bauernmädchen verkleidet, unter vielen Bauernmädchen.

Fanchette (mit einem ländlichen Knix). Allerschönste Frau Gräfin, wir Brautjungfern sind da, um Blumensträuße zu überreichen.

(Knix von allen Bauernmädchen, welche der Gräfin Blumen darreichen.)

Gräfin (das Band hurtig wieder einsteckend). Die herrlichen Blumen. Schade, daß es ihrer so viele sind, daß ich sie nicht alle tragen kann. Auch die hübschen Geberinnen kenne ich nicht alle. (Auf Cherubin deutend.) Wer ist zum Beispiel dies artige Kind, das sich so schüchtern versteckt?

Fanchette (rasch und verlegen). Das ist ... mein Bäschen, ja wohl mein Bäschen, das nur zur Hochzeit herkommt.

Gräfin. Ein reizendes Gesichtchen. Ihrem Strauß als dem einer Fremden werde ich den Vorzug geben. (Sie nimmt den Strauß Cherubins und küßt ihn dankend auf die Stirn.) Sieh nur, Susanne, wie lieblich sie erröthet! Und findest du nicht auch, daß sie eine merkwürdige Aehnlichkeit hat (leise) mit Jemandem? Susanne. Außerordentlich, das ist wahr.

Cherubin (bei Seite, außer sich). Ein Kuß, der mich toll machen könnte.

 

Fünfter Auftritt.

Vorige. Graf. Antonio.

Antonio (den Grafen hereinziehend). Wenn ich's Euer Ex'lenz aber sage, daß er drunter ist. Bei meiner Tochter Fanchette haben sie ihn angezogen. Seine neue Uniform liegt zu Haus. Da ist sein Hut, den ich aus dem Bündel herausstibitzt habe. (Er hat die Mädchen gemustert, Cherubin erkannt und hervorgezogen und setzt ihm einen kleinen Tressenhut, statt der ländlichen Haube, auf.) Wohl bekomm's, Herr Fähndrich!

Gräfin. Himmel, was ist das?

Antonio. Wer hat nu' Recht?

Graf (mit verhaltenem Zorn). Nun, Frau Gräfin?

Gräfin. Nun, Herr Graf! Ich bin nicht minder erstaunt und noch mehr erzürnt als Sie.

Graf. Jetzt vielleicht, aber heute Morgen?

Gräfin. Ich würde schuldig sein, wollte ich länger läugnen. Ja, er war bei mir. Wir versuchten den Scherz, welchen die Mädchen ausgeführt haben. Darüber kamen Sie zurück. Ihre Leidenschaftlichkeit erschreckte uns so, daß wir Alle den Kopf verloren. Er entsprang durch das Fenster. Meine Verlegenheit haben Sie gesehen.

Graf (streng zu Cherubin). Warum bist du nicht abgereist?

Cherubin (seinen Hut herunterreißend). Zu Befehl, Excellenz!

Graf. Deinen Ungehorsam werde ich bestrafen.

Fanchette (herausplatzend). Ach, gnäd'ger Herr, ich bitt' gar schön. Wissen Sie, wenn mich der gnäd'ge Herr küssen wollen, so sagen Sie doch immer: Fanchette, sagen Sie, wenn du mich lieb hast, so geb' ich dir, was du magst, sagen Sie.

Graf (verlegen). Das hätte ich gesagt?

Fanchette. Na, und wie oft! Wenn Sie nun den Herrn Pagen strafen wollen, so geben Sie ihn mir zum Manne. Dann will ich Sie aber gern haben, gnäd'ger Herr, aber so gern!

Graf (für sich). Bezaubert von einem Pagen!

Gräfin (halblaut zum Grafen). Jetzt ist die Reihe an Ihnen, mein Gemahl. Das verzweifelt naive Geständniß dieses Mädchens beweist, wie viel Grund ich hätte, Ihretwegen unruhig zu sein, während Sie sich um mich immer grundlos beunruhigen.

Graf (nach Fassung ringend, für sich). Bin ich behext, daß heute Alles gegen mich ausgeht?

 

Sechster Auftritt.

Vorige. Figaro.

Figaro. Excellenz, wenn Sie die Brautjungfern zurückhalten, so ist's mit der Hochzeit und dem Tanz nichts.

Graf (erfreut, Jemanden zu finden, an dem er seinen Zorn auslassen kann). Denkst du mit deinem verstauchten Fuß an's Tanzen?

Figaro (sich die Wade reibend). Er schmerzt wohl noch ein wenig; allein das verschlägt nichts. (Zu den Mädchen.) Vorwärts, Kinder!

Graf (ihn zurückziehend). Ein rechtes Glück, daß du auf die Beete weich fielest.

Figaro. Allerdings, ein Glück,

Antonio (ihn an sich reißend). Und daß du im Springen dich bücktest, he?

Figaro. Der Herr Onkel hätte wohl einen Purzelbaum in der Luft geschlagen?

Antonio. Und derweile galopirte der saubere Herr Page auf der Landstraße gen Sevilla?

Figaro. Galopirte, trabte, was weiß ich?

Graf. Und du hattest sein Patent in der Tasche?

Figaro. Wegen des mangelnden Siegels, freilich. Doch was bedeutet dies Verhör? Es ist die höchste Zeit; kommt, ihr Brautjungfern!

Antonio (Cherubin ihm gegenüberstellend). Was sagt der zukünftige Herr Neffe zu dieser funkel-nagel-neuen Sorte von Jungfern, he?

Figaro. Der Page! (Bei Seite.) Der Henker hole den kleinen Gecken!

Antonio. Kapirst du's jetzt?

Figaro. Was ist da zu kapiren? Ich kapire ....

Graf (einfallend). Daß der Page aus dem Fenster sprang. Antonio sah es.

Figaro. Wenn er's gesehen hat, nun, so ist es ja wohl möglich.

Graf. Und du sprangst auch?

Figaro. Warum nicht? Das Springen steckt an. Wo ein Schaf einen Satz macht, folgt die ganze Heerde nach. Er, ich, vielleicht noch ein Dutzend Anderer. Wer möchte Euer Excellenz auch im Zorn begegnen?

Graf. Du wagst es noch .... (Eine Fanfare ländlicher Instrumente hinter der Scene.)

Figaro. Ich wage, um gnädige Entlassung zu bitten. Dies Zeichen bedeutet den Anfang unseres Hochzeitszuges. Susanne, deine Hand! Wer mit will, der folge uns! (Er reißt sich los und Susannen mit fort. Alle folgen bis auf Graf, Gräfin, Cherubin.)

 

Siebenter Auftritt.

Graf. Gräfin. Cherubin.

Graf (Figaro nachsehend). Giebt's eine größere Keckheit? (Zu Cherubin) Was dich angeht, Duckmäuser, so geh und kleide dich um, sogleich. Und daß ich dir heute nirgends mehr begegne, sonst ...

Gräfin. Der Aermste wird sich, so ganz allein während des Festes, langweilen.

Cherubin (feurig). Ich, mich langweilen? Auf meiner Stirn trag ich das höchste Glück der Erde davon. (Er eilt, mit einem glühenden Blick auf die Gräfin, ab.)

Graf. Was meint der Geck mit seinem Glück auf der Stirn?

Gräfin (verlegen sich fächelnd). Doch wohl seinen Uniformshut. Alles Neue beglückt ja die Kinder. (Sie will gehen.)

Graf. Sie bleiben nicht, Gräfin?

Gräfin. Ich bin leidend, wie Sie wissen.

Graf. Nur einen Augenblick, Ihrem Liebling, Susannen, zu Ehren. (Hochzeitsmarsch hinter der Scene.) Da kommt der Zug. Nehmen wir Platz, um ihn zu empfangen. (Er führt die Gräfin in den Vordergrund rechts, wo sich Beide niederlassen.)

 

Achter Auftritt.

Graf. Gräfin (rechts im Vordergrunde sitzend. Durch die Galerie tritt der Hochzeitszug ein, dessen Musik man schon am Schluß des vorigen Auftritts hinter der Scene gehört:) Musikanten. Feldhüter und Nachtwächter mit Seitengewehr. Die niedere Schloßdienerschaft. Junge Bursche und Mädchen in Festkleidern. Unter letzteren Fanchette und ein anderes Mädchen mit zwei Brautkränzen und Schleiern daran. Antonio, Susannen führend. Figaro, Marzellinen führend. Bartholo, mit einem großen Hochzeitsstrauß. Zum Beschluß älteres Landvolk und höhere Schloßdienerschaft. Der ganze Zug defilirt mit Musik vor dem Grafen und der Gräfin, wobei Fanchette und das andere Mädchen ihre Brautkronen dem Grafen überreichen, der sie auf den Tisch niederlegt. Wenn alle stehen, schweigt die Musik. Antonio führt mit komischer Feierlichkeit Susannen zum Grafen. Sie kniet vor ihm nieder. Der Graf setzt ihr die Brautkrone auf. Während dessen zupft sie ihn am Aermel und zeigt ihm verstohlen das Billet. Er erstaunt, faßt sich, nimmt es ihr ab und steckt es ein. Susanne erhebt sich und macht eine tiefe Verbeugung. Der Graf winkt Figaro. Dieser tritt heran und empfängt Susannen aus des Grafen Händen. Beide küssen dem Grafen und der Gräfin die Hand und kehren auf ihren Platz zurück. Diese pantomimische Handlung wird begleitet von folgendem Chor.

Chor (gesungen:)

Lobpreise, junge Braut, den guten, gnäd'gen Herrn,
Der auf sein altes Recht verzichtet hat aus Pflicht;
Was du ihm schuldig warst, erläßt er frei und gern
Und raubt es mit Gewalt dem jungen Gatten nicht.

(Tusch am Ende des Chors. Der Graf steht auf, wie um zu danken, und tritt in das Proscenium, um verstohlen das Billet zu lesen. Da er es hervorzieht, sticht er sich in den Finger.)

Graf. Verwünschte Frauen! Ueberall bringen sie ihre Stecknadeln an, sogar als Siegel. (Er wirft die Nadel auf die Erde, liest und küßt das Billet.)

Figaro (der ihn beobachtet hat, zu Susannen und Marzellinen). Seht da! Ein Liebesbrief, den ihm eins der Mädchen im Vorbeigehen zugesteckt hat. Er war mit einer Nadel zugesteckt, die den gnädigen Herrn tüchtig in den Finger gestochen hat.

Graf (die Adresse lesend). Ich soll die Nadel zum Zeichen der Zustimmung zurückschicken. Ja, wo ist sie nur? (Er sucht auf der Erde, findet sie und steckt sie an den Aermel.)

Figaro (wie oben). Von der Geliebten ist uns Alles theuer. Jetzt hebt Excellenz sogar die Stecknadeln sorgsam auf! (Der Graf setzt sich wieder. Figaro führt ihm Marzellinen zu. Im Augenblick, wo Jener dieser die Brautkrone aufsetzen will, beginnt auf's Neue der Chor, reißt jedoch mitten im Satze ab, wenn der Gerichtsschreiber eintritt.)

 

Neunter Auftritt.

Vorige. Gerichtsschreiber. Friedensrichter. Hinter ihnen: Basilio mit dem Bauernknaben, spielend und singend; Landleute folgen, in der äußeren Halle zurückgehalten.

Gerichtsschreiber (zurücksprechend). Niemand herein! Wachen an die Thür!

Graf (aufstehend). Was gibt es?

Friedensrichter. Ba-Ba-silio kommt.

Gerichtsschreiber. Das ganze Dorf hinterdrein, weil er aufspielt und singt.

Graf. Laßt ihn ein, aber ihn allein.

Gräfin. Darf ich mich zurückziehen? (Der Graf verneigt sich.) Susanne folgt mir, aber nur, um gleich wieder hier zu sein. (Leise zu ihr.) Zur Verkleidung. (Gräfin und Susanne ab.)

Basilio (schon hinter der Scene hörbar, singt:)

Scheltet nicht auf flüchtige Liebe,
Die nicht hält, was sie verspricht;
Wechsel in dem süßen Triebe
Ist nicht Fehler, sondern Pflicht.
Wenn Gott Amor sitzen bliebe,
Hätt' er keine Flügel nicht!
Nein, dann hätt' er Flügel nicht,
Flügel hätte Amor nicht.

(Begleitung und Nachspiel auf der Guitarre.)

Figaro (auf Basilio losgehend). Richtig, deswegen hat Amor Flügel auf dem Rücken. Doch was soll die Musik hier?

Basilio (den Bauernknaben vorführend). Nachdem ich auf des Herrn Grafen Befehl diesen Jüngling, der zur Gesellschaft gehört, unterhalten habe, verlange ich nun meinerseits vom Herrn Grafen mein Recht.

Bauernknabe. Unterhalten hat er mich ganz und gar nicht, gnä'ger Herr, mit seinem Geklimper.

Graf. Basilio, was verlangst du?

Basilio. Was mir zukommt, Marzellinens Hand. Ich thue Einsprache gegen ihre Ehe mit Bartholo.

Figaro (ihm dicht gegenübertretend). Hast du lange keinen Schalksnarren gesehen?

Basilio (ihn anstarrend). Im Augenblick sehe ich einen, in Lebensgröße.

Figaro. Freut mich, daß mein Auge ein so guter Spiegel ist. Nun merk' auf meine Prophezeiung: wagst du es, dieser Dame dich nur zu nähern ...

Bartholo (unterbricht ihn lachend). Laß ihn immerhin schwatzen,

Friedensrichter (sie trennend). Zw..Zw..Zwei Fr... Fr...Freunde!

Figaro. Wir – und Freunde!

Basilio. Grober Irrthum!

Figaro. Weil er schlechte Musik macht?

Basilio. Und er noch schlechtere Verse?

Figaro. Kneipen-Fiedler!

Basilio. Zeitungsschreiber!

Figaro. Leierkasten!

Basilio. Depeschenbeutel!

Graf. Ihr werdet unverschämt, alle beide.

Basilio. Vergißt er nicht immer und überall, was man mir schuldig ist?

Figaro. Als ob man ihm etwas schuldig sein könnte.

Basilio. Giebt es doch keinen berühmten Sänger, der nicht durch meine Schule glänzt.

Figaro. Grunzt.

Basilio. Er fängt schon wieder an.

Figaro. Und warum nicht, wenn ich die Wahrheit sage? Bist du ein Prinz, daß man dir schmeicheln müßte? Ertrage also die Wahrheit, da du keine Lüge bezahlen kannst, und wenn du sie hier nicht hören magst, warum störst du unser doppeltes Hochzeitsfest?

Basilio (zu Marzellinen). Habt Ihr mir, Ja oder Nein, versprochen, mich zu heirathen, wenn Ihr in vier Jahren, das ist heuer, noch ledig wäret?

Marzelline. Ich hab' es versprochen, aber unter einer Bedingung.

Basilio. Daß ich einen gewissen, verlorenen Sohn, wenn er sich wiederfände, an Kindesstatt annähme.

Alle. Er hat sich gefunden.

Basilio. Ich adoptire ihn. Man stelle ihn mir vor.

Figaro. Da steht er schon.

Basilio (zurückweichend). Ha, der Teufel!

Friedensrichter. Ihr verzi-zi-zichtet auf seine Mu-Mutter?

Basilio. Was könnte Einem Schlimmeres begegnen, als Vater zu einem solchen Hanswursten heißen?

Figaro (mit einem tiefen Kompliment). Der Sohn einer solchen Vogelscheuche sein!

Basilio. Ich verzichte! Sobald dieser Taugenichts im Spiele ist, ziehe ich mich zurück. (Er eilt zornig ab.)

Bartholo (laut lachend). Hahaha!

Figaro (mit einem Freudensprung). Endlich komme ich zu meiner Frau!

Graf (leise). Und ich zu meinem Stelldichein.

Friedensrichter. A-A-Alles ist zufriedengestellt.

Graf. Man setze beide Eheverträge auf; ich werde unterzeichnen.

Alle. Vivat, der gnäd'g Herr soll leben, hoch! (Der Graf will gehn.)

Antonio. Im Park ist großes Feuerwerk, unter den Kastanienbäumen!

Graf (hastig umkehrend). Was fällt dir ein? Unter den Kastanienbäumen?

Figaro. Was schadet das?

Graf. Aber die Gräfin ist unwohl, verläßt ihr Zimmer nicht und würde vom Feuerwerk nichts sehen. Auf der Terrasse muß es sein, unter ihren Fenstern.

Figaro. Welche Aufmerksamkeit für seine Gemahlin.

Graf (im Abgehen, für sich). Unter den Kastanienbäumen, schöner Einfall. Sie hätten mir mein Dämmerstündlein in Brand gesteckt.

(Alle ab, bis auf Figaro und Marzelline.)

 

Zehnter Auftritt.

Marzelline. Figaro.

Marzelline. (Figaro zurückhaltend, der auch abgehen will). Ein paar Worte noch, mein Sohn. Ich habe deinem jungen Weibchen ein Unrecht abzubitten. Ich glaubte, sie hielte es insgeheim mit dem Grafen, obgleich Basilio stets versicherte, daß sie alle seine Anträge standhaft abgewiesen.

Figaro. Du kennst deinen Sohn schlecht, Mütterchen, wenn du meinst, er ließe sich täuschen von einem Weibe. Auch die listigste führt mich nicht hinter's Licht.

Marzelline. Die Eifersucht plagt dich also nicht?

Figaro. Was ist Eifersucht? Eine Ausgeburt der Eitelkeit, oder eine Raserei! In diesem Punkte, Mutter, bin ich von einem unerschütterlichen Gleichmuth, – ein praktischer Philosoph. Mein Suschen kann mich auf die Probe stellen. Gelingt es ihr, mich zu betrügen, so sei ihr im Voraus verziehen. (Er gewahrt Fanchetten, die leise eingetreten ist und in der Galerie umhersucht.)

 

Eilfter Auftritt.

Vorige. Fanchette.

Figaro. Sieh da, mein kleines Bäschen! Behorchst du uns?

Fanchette. Pfui, Herr Vetter, das schickt sich ja nicht.

Figaro. Freilich nicht, aber zuweilen nützt es, und man nimmt das Nützliche statt des Schicklichen.

Fanchette. Aber ich horchte ja gar nicht, ich suchte nur Jemanden.

Figaro. Der nicht hier sein kann, wie du recht gut weißt: Cherubin.

Fanchette. Ach geht doch! Wo der ist, weiß ich am besten. Nein, ich suchte Base Suschen.

Figaro. Und warum?

Fanchette. Euch, Herr Vetter, kann ich's ja sagen. Ich soll ihr was zustecken.

Figaro (aufmerksam werdend). Was denn?

Fanchette. Hähähä, eine Stecknadel.

Figaro. Eine Stecknadel?! Und wer schickt ihr die? – Wär's möglich? – Mädchen, Mädchen, du bist noch so jung und Verstehst dich schon ... (Auf einen Wink Marzellinens besinnt er sich.) Ich meine, verstehst dich schon auf so spitzige, schwierige Bestellungen?

Fanchette. Worüber ärgert sich denn der Herr Vetter?

Figaro. Ich mich ärgern? Kein Gedanke! (Er lacht gezwungen.) Ich weiß ja, was du auszurichten hast. Der Herr Graf schickt die Stecknadel an Susannen und läßt ihr melden ... Sag's einmal her, ob du es auch richtig behalten hast?

Fanchette (mit Wichtigthuerei wiederholend). Dies sei das Siegel von der – Romanze von den Kastanienbäumen ... Und, hat der Herr Graf befohlen, Niemand soll darum wissen.

Figaro. Versteht sich, Niemand. Mußt also auch Niemandem ein Wort sagen, als Susannen, und auch ihr nicht, daß ich davon weiß.

Fanchette. Wo werd' ich denn? Ihr seid ja jetzt so gut wie ihr Mann! Und die Ehemänner dürfen von ihren Frauen nichts wissen. Gelt? (Sie läuft hastig weg.)

Figaro (ingrimmig). Die liebe Unschuld!

 

Zwölfter Auftritt.

Figaro. Marzelline.

Figaro (nach einer Pause). Nun, Frau Mutter?

Marzelline. Nun, Herr Sohn?

Figaro. Mir ist, als hätte mich der Blitz getroffen, ein Blitz aus heiterem Himmel!

Marzelline (ihn kopirend). »Eifersucht ist entweder eine Raserei oder die Ausgeburt der Eitelkeit!« War's nicht so, mein Herr Philosoph?

Figaro. Man hat gut reden, wenn man nichts davon fühlt. Der kälteste Richter spricht in eigener Sache nicht nach dem Gesetz, sondern nach seinem Herzen. Deshalb, Herr Graf, kein Feuerwerk unter den Kastanienbäumen? Was aber die seine Kammerjungfer mit ihrer Stecknadel angeht, Mutter, so ist sie noch nicht so weit, wie sie glaubt. Noch kann ich zurücktreten, sie verlassen. ...

Marzelline (ihn unterbrechend). Und alles verderben, auf einen bloßen Verdacht hin. Weißt du denn, wen Susanne anführen will, ob dich, oder den Grafen? Ob sie wirklich kommt? Wenn sie kommt, was sie spricht, was thut? Ich hätte dich für ruhiger und vernünftiger gehalten.

Figaro (ihr um den Hals fallend). Du hast Recht, Mutter, wieder Recht, immer Recht. (Auf's neue zweifelnd.) Indeß wollen wir bei aller Vernunft auch dem Herzen einiges Gehör schenken. Wir urtheilen nicht, bevor wir sie gehört, aber hören wollen wir sie. Ich weiß, wo das Stelldichein ist; ich werde dabei sein. Auf Wiedersehen, Mutter. (Er geht hastig ab.)

Marzelline (allein). Auch ich weiß es und werde danach handeln. Nachdem ich ihn beruhigt, wache ich über Susannen; besser noch, ich warne sie. Sie ist ein so reizendes Wesen. Ach, wenn uns Frauen das eigene Interesse nicht gegen einander bewaffnet, sind wir immer bereit zusammenzuhalten, unser unterdrücktes Geschlecht zu vertheidigen gegen das starke, stolze (lächelnd) und doch mitunter so thörichte Männergeschlecht. (Sie geht ab.)

(Der Vorhang fällt.)

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