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Gutenberg > Pierre de Beaumarchais >

Figaro's Hochzeit

Pierre de Beaumarchais: Figaro's Hochzeit - Kapitel 6
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authorPierre de Beaumarchais
titleFigaro's Hochzeit
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Dritter Aufzug.

Schauplatz: Der große Saal des Schlosses, zum Gerichtstag hergerichtet. Zur Seite rechts ein Baldachin, worunter ein lebensgroßes Bild des Königs von Spanien; unter demselben, auf Stufen, ein Sessel für den Grafen, als obersten Lehns- und Gerichtsherrn; neben ihm, etwas tiefer, der Stuhl des Friedensrichters. Darunter die Tafel des Gerichtsschreibers, mit Akten, Schreibzeug, Glocke u.s.w. Zu beiden Seiten im Mittelgrunde Bänke für die Parteien. Im Hintergrunde, durch Schranken abgeschieden, der Raum für das Publikum. Der Vordergrund kann, bis zum Beginn der Verhandlungen, durch Vorhänge zwischen Säulen abgesperrt werden. Haupteingang in der Mitte. Zur Seite Nebenthüren oder Säulen.

 

Erster Auftritt.

Graf. Pedrillo.

Graf (zu Pedrillo, der, gestiefelt und gespornt, mit einer Ordonnanztasche in der Hand, vor ihm steht). Verstanden?

Pedrillo (indem er abgehen will). Ja, Excellenz.

Graf (ihm nachrufend). Pedrillo!

Pedrillo. Excellenz!

Graf. Es hat dich Niemand gesehen?

Pedrillo. Keine lebendige Seele.

Graf. Nimm den andalusischen Hengst.

Pedrillo. Er steht gesattelt am Gartentthor.

Graf. Und rasch, in einem Zug, bis Sevilla.

Pedrillo. Es sind nur drei Stunden, aber gute.

Graf. So wie du absteigst, frage, ob der Page angekommen.

Pedrillo. Im Hôtel?

Graf Ja; besonders, seit wann er dort ist?

Pedrillo. Ich verstehe.

Graf. Stelle ihm sein Patent zu und kehre schnell zurück.

Pedrillo. Wenn er aber nicht dort wäre, der Page?

Graf. So reitest du, noch schneller, zurück und bringst mir Bescheid.

(Pedrillo ab.)

 

Zweiter Auftritt.

Graf (allein). Das war ein thörichter Streich von mir, Basilio fortzuschicken. Der Zorn taugt nichts. (Er geht nachdenklich umher.) Mit dem Briefe, den er mir zugesteckt, ist es nicht richtig. Die Gräfin find' ich eingeschlossen und sichtlich verlegen; Susanne ebenfalls unter Schloß und Riegel; Figaro will aus dem Fenster gesprungen sein, während Antonio einen Andern springen sah ... Ich sehe in dem allen nicht klar. Intriguen unter meiner Dienerschaft kümmern mich nicht; aber wenn man es wagte, die Gräfin hineinzuziehen! Wahrhaftig, wenn man den Kopf verliert, geräth die ruhigste Einbildung in Träume der thörichsten Art. Sie lachte, sie versuchte umsonst, ihre Heiterkeit zu unterdrücken. Aber sie achtet sich auch, und meine Ehre – alle Teufel! – Und wie stehe ich zu Susannen? Hat sie geplaudert, meine Anträge verrathen? Was fesselt mich nur an diese Laune? Oft schon habe ich sie aufgeben wollen. Seltsame Wirkung der Unentschlossenheit: wenn ich entschieden nach ihr strebte, würde ich sie viel weniger verlangen. Wenn nur Figaro käme! Ich muß herausbringen, ob er im Geheimniß ist.

 

Dritter Auftritt.

Graf. Figaro.

Figaro (schon bei den letzten Worten des Grafen lauschend sichtbar geworden, für sich). Wirklich?

Graf (wie oben). Hat mich Susanne an ihn verrathen, so muß er Marzelline heirathen.

Figaro (für sich). Basilio's Schätzchen

Graf. Susanne aber wird ...

Figaro (unwillkührlich laut einfallend). Meine Frau!

Graf (sich rasch umdrehend). Wer spricht da?

Figaro (vorkommend). Euer Excellenz gehorsamster Diener.

Graf. Was sprachst du von deiner Frau?

Figaro. Ich antwortete nur auf eine Frage von draußen.

Graf. Und warum erscheinst du so spät, wenn ich dich rufen lasse?

Figaro (an seinem Anzug richtend). Die Gartenerde hatte meine Kleider beschmuzt; ich mußte mich umziehen.

Graf. Dazu braucht's eine Stunde?

Figaro. Immerhin Zeit.

Graf. Hier kleidet sich die Dienerschaft langsamer um, als die Herrschaft.

Figaro. Vermutlich, weil sie keine Dienerschaft zur Hülfe hat.

Graf. Damit weiß ich noch immer nicht, warum du bei deinem gefährlichen Sprunge Hals und Beine gewagt hast?

Figaro. Excellenz sind zu gnädig, sich meinetwegen zu beunruhigen.

Graf. Unverschämter! Nicht die Folge, sondern die Ursache des Sprungs beunruhigt mich.

Figaro. Der gnädige Herr kehren, auf eine falsche Nachricht hin, im höchsten Zorn zurück, wollen Schlösser sprengen, Thüren einbrechen, auf jeden Fall einen Mann versteckt finden. Ich bin zufällig da. Darf ich es wagen, Ihrer Hitze in den Weg zu treten?

Graf. Warum machtest du dich nicht über die Treppe davon?

Figaro. Damit Excellenz mich im Corridor erwischen?

Graf (zornig über Figaro's, Ausflüchte mit dem Fuß stampfend). Ueber die ewigen Ausreden! (Für sich.) Doch ruhig, sonst erfahre ich gar nichts.

Figaro (Für sich). Das nennt er ausforschen.

Graf (sich bezwingend). Lassen wir das. Zu etwas Anderm. Du weißt, ich hatte Lust, dich als Depeschenträger mit nach London zu nehmen. Indeß nach näherer Ueberlegung ...

Figaro. Haben Excellenz sich anders besonnen?

Graf. Du kannst erstens nicht Englisch.

Figaro. Ich kann God dam!

Graf. Was bedeutet das?

Figaro. Alles in Allem. Das Englische ist eine äußerst bequeme Sprache. Mit God dam kommt man jenseits des Kanals überall durch. Man tritt in eine Schenke, um ein Hühnchen zu begehren. (Pantomime des Essens.) »God dam!« Flugs wird ein Stück halbrohes Rindfleisch ohne Brod servirt. Man möchte ein Glas guten Burgunder oder Bordeaux. (Pantomime des Trinkens.) »God dam!« Der Wirth bringt einen zinnernen Krug voll schäumenden Bieres. Man begegnet auf der Straße einer schönen Engländerin und schaut ihr unter den Hut. (Pantomime des Grüßens.) »God dam!« Und sie giebt Einem zum Zeichen, daß sie wohl verstanden hat, eine Ohrfeige, daß der Kopf wackelt. Alles mit »God dam!« Das ist die Grundlage alles Englischen. Die Eingebornen fügen in der Konversation dann und wann allerdings noch ein paar andere Worte hinzu, die aber vollkommen überflüssig sind. God dam ist die Grundlage der Sprache. Wenn Excellenz also keinen anderen Grund haben, mich zu Hause zu lassen ...

Graf (für sich). Er will mit; Susanne hat nicht geplaudert.

Figaro (für sich). Er glaubt, ich weiß von nichts. Nur zugefragt.

Graf. Sage mir aber nur, warum in aller Welt die Gräfin sich diesen grausamen Scherz mit mir erlaubte?

Figaro. Das werden Euer Excellenz besser wissen als ich.

Graf. Besitzt sie nicht alles im Ueberflusse?

Figaro. Außer dem Nötigsten: das Herz ihres Gemahls.

Graf. Sonst sagtest du mir Alles.

Figaro. Jetzt verschweige ich Ihnen nichts.

Graf. Wie viel zahlt dir die Gräfin für deine Bundesgenossenschaft?

Figaro. Wie viel zahlten mir Excellenz, als wir die Gräfin dem Doktor Bartholo entführten? – Bitte, gnädiger Herr, mißhandeln Sie einen guten Diener nicht, wenn Sie ihn nicht zu einem schlechten machen wollen.

Graf. Ist es nicht wahr, daß du immer krumme Wege gehst?

Figaro. Auf denen ich meinem gnädigen Herrn allezeit begegne!

Graf. Dein Ruf ist abscheulich.

Figaro. Und wenn ich besser wäre, als mein Ruf? Giebt es viele große Herren, die das Gleiche von sich behaupten können?

Graf. Wenn du so fortfährst, wirst du niemals dein Glück in der Welt machen.

Figaro. Auch habe ich längst darauf verzichtet. (Erstaunte Bewegung des Grafen. Für sich.) Jetzt komm' ich an die Reihe. (Laut.) Excellenz haben mir die Haushofmeisterstelle gegeben. Ein vortrefflicher Ruheposten. Warum sollt' ich mit dem Depeschenbeutel Courier reiten, wenn ich hier im schönen Andalusien, in den Armen meiner Susanne, ein idyllisches Stillleben führen kann?

Graf. Nichts hindert dich, Susanne nach London mitzunehmen.

Figaro. Ich würde sie so oft allein lassen müssen, daß ihr oder mir die Heirath bald leid thun dürfte.

Graf. Du hast Geist und Geschick; damit steht dir jede Carriere in der Diplomatie offen.

Figaro. Mit Geist und Geschick eine Carriere? Excellenz spotten; Mittelmäßigkeit und Kriecherei allein gelangen an's Ziel.

Graf. Mit einigen ernsten Studien machtest du unter meiner Leitung rasche Fortschritte in der Politik.

Figaro. Sie kenne ich bereits.

Graf. Wie das Englische: God dam?

Figaro. Bei ihr braucht's noch weniger. Sich stellen, als wisse man, was man nicht weiß und wisse nicht, was man weiß, – hören, ohne zu verstehen, und verstehen, ohne zu hören, – verheimlichen, daß man nichts zu verheimlichen hat –- sich einschließen, um Federn zu schneiden, – tief scheinen, wenn man nur hohl ist – irgend eine Rolle gut oder schlecht spielen, – Spione ausschicken und Verräther besolden, – Briefe erbrechen oder unterschlagen – mit kleinen Mitteln die größten Zwecke verfolgen: das ist, meiner Treu, die ganze Politik!

Graf. Die Intrigue, willst du sagen.

Figaro. Politik und Intrigue sind leibliche Schwestern. (Nach beliebiger Melodie trällernd.) »Mir ist mein Susannchen lieber, als die ganze weite Welt.«

Graf (für sich). Er will bleiben. Susanne hat doch geplaudert.

Figaro (für sich). Er hat kreuz und quer gefragt und doch nichts erfahren.

Graf. So hoffst du, deinen Prozeß gegen Marzelline zu gewinnen?

Figaro. Können mir Excellenz verargen, daß ich eine Alte ausschlage, wenn Sie uns alle Jungen wegnehmen?

Graf. Vor Gericht gilt das Gesetz, der Buchstabe.

Figaro. Ja wohl; da hängt man die kleinen Diebe, die großen ...

Graf (sich abwendend, halblaut). Er weiß Alles. Es bleibt dabei: er heirathet die Alte. (Laut.) Warum ich dich rufen ließ: sorge, daß in diesem Saal alle Vorbereitungen zum Gerichtstage getroffen werden.

Figaro. Wird bald geschehen sein: ein Lehnstuhl für Excellenz, ein Sessel für den Herrn Frie-ie-iedensrichter, die Eselsbank für die Perrücken der Herren Richter, einen Tisch für den Schreiber, Kläger und Beklagte zu beiden Seiten, das Bauernpack hinter die Schranken ... Excellenz werden im Nu bedient sein. (Läuft zur Seite links ab.)

 

Vierter Auftritt.

Graf (allein). Es ist nichts mit dem Spitzbuben anzufangen. Mit hundert aalglatten Windungen entschlüpft er mir, wo ich ihn zu fassen glaube, und legt mir Schlingen, ehe ich mich dessen versehe. Gut denn, mein listiges Pärlein! Verliebt euch, verlobt euch so viel ihr wollt: meinethalben verschwört euch auch gegen mich; aber vor euere Verehelichung werden wir doch einen Riegel vorzuschieben wissen.

 

Fünfter Auftritt.

Graf. Susanne.

Susanne (von rechts herbeieilend). Gnädiger Herr, ich bitte ...

Graf (kalt abweisend). Was giebt's, Mademoiselle?

Susanne (überrascht scheinend). So böse?

Graf. Nun, was wollte Sie denn?

Susanne (schüchtern thuend): Meine Gräfin hat ihre Nervenzufälle. Deswegen wollte ich Excellenz um Ihren Hirschhorngeist ersuchen. (Treuherzig.) Ich bringe das Fläschchen alsbald zurück.

Graf (ihr ein Flacon reichend). Behalt's für dich. Du wirst es nöthig haben.

Susanne. Ich? Frauen meines Gleichen haben keine Zufälle. Die passen sich nur für Standespersonen.

Graf. Im Brautstand fehlt es an Ohnmachten auch nicht, zumal wenn man den Zukünftigen verliert.

Susanne. Ich löse den Meinigen bei Marzellinen aus (mit niedergeschlagenen Augen) mit der Mitgift, welche der gnädige Herr mir versprochen haben.

Graf. Ich – dir?

Susanne. So glaubte ich wenigstens zu verstehen.

Graf. Allerdings, aber die Bedingung war, daß du mir nachgeben solltest.

Susanne (kokettirend). Meine erste Pflicht gegen den gnädigen Herrn heißt Gehorsam.

Graf. Abscheuliches Mädchen, warum sagtest du das nicht früher?

Susanne. Eines Bessern besinnt man sich nie zu spät.

Graf. So kommst du heute Abend in den Garten?

Susanne. Ich gehe jeden Abend im Garten spazieren.

Graf. Und warst heute Morgen, in deinem Zimmer, so streng gegen mich?

Susanne. Gnädiger Herr, der Page hinter dem Stuhl. ...

Graf. Sie hat Recht! (Von neuem mißtrauisch.) Warum aber deine hartnäckigen Abweisungen, so oft ich durch Basilio bitten ließ?

Susanne. Ein Basilio braucht ja nicht dabei zu sein.

Graf (immer entzückter). Sie hat wieder Recht! (Zurückfallend in den Ton des Zweifels). Nur Figaro! du sagst ihm Alles!

Susanne. Freilich Alles, bis auf das, was ich ihm nicht sage.

Graf (immer, wie oben). Vortrefflich! – Doch, wenn du nicht Wort hieltest! Verständigen wir uns recht, mein Schatz: ohne Garten keine Mitgift, ohne Mitgift keine Heirath!

Susanne (mit tiefem Knix). Desgleichen umgekehrt: ohne Heirath kein Herrenrecht.

Graf. Mädchen, woher nimmst du deinen Witz und deine Laune? Wahrhaftig, ich verliebe mich alles Ernstes in dich. Doch, die Gräfin wird auf das Flacon warten.

Susanne (reicht ihm lachend das Flacon). Da ist es wieder. Es war nur ein Vorwand, um den gnädigen Herrn sprechen zu können.

Graf (will sie umarmen). Reizendes Geschöpf!

Susanne (sich losreißend). Man kommt!

Graf (indem er links abgeht, für sich). Ich bin am Ziele!

Susanne (halblaut). Geschwind zur Gräfin, um Rapport abzustatten! (Will rechts ab.)

 

Sechster Auftritt.

Susanne. Figaro. Gleich darauf Graf.

Figaro (von rechts, Susannen entgegenkommend). Wohin so rasch, mein Suschen? Du rechts, der Graf links! Was hat es da gegeben?

Susanne. Ein Vorspiel zu deinem Prozeß. Vertheidige dich noch, wenn du Lust hast. Nöthig ist es nicht. Du hast bereits gewonnen. (Läuft rechts ab.)

Figaro (ihr nacheilend). Erkläre mir ....

Graf (der bei Figaro's Worten umgekehrt war und gelauscht hatte). »Du hast gewonnen!« Also wiederum eine Falle! Nun aber auch keine Gnade, keine Schwäche mehr! Ein gutes, festes, rechtskräftiges Urtheil soll mich an den unermüdlichen Ränkeschmieden rächen. ... Aber, wenn Figaro seine Schuld an Marzellinen zahlte? ... Womit? ... Wenn er doch zahlte? ... Halt! Mir bleibt Antonio, Susannens Oheim. Der Narr ist hoffährtig wie ein Pfau. Nie wird er zugeben, daß seine Nichte einen Menschen ohne Familie, einen Figaro zum Manne nimmt. Stecken wir uns hinter den Ahnenstolz unseres Herrn Schloßgärtners. Im Krieg und in der Liebe gilt jede List. (Geht ab.)

 

Siebenter Auftritt.

Bartholo. Marzelline. Friedensrichter.

Marzelline. Herr Friedensrichter, hören Sie meine Sache an.

Friedensrichter (im Talar, stammelnd). Gu-u-gut. Sprechen wir mü-mündlich darüber.

Bartholo. Es ist ein vollständiges Eheversprechen.

Marzelline. Und eine Schuldverschreibung dazu.

Friedensrichter. Verstehe: Eheverschreibung, Schuldversprechen, et cae-ae-aetera!

Marzelline. Nichts da von et cae-ae-aetera.

Friedensrichter. Verstehe! Ihr ha-a-abt das Geld.

Marzelline. Nicht doch; ich hab' es hergeliehen.

Friedensrichter. Und wollt es wiederhaben? Verst-ehe!

Marzelline. Keineswegs; ich verlange Erfüllung des Eheversprechens.

Friedensrichter. Bekla-a-agter will Euch hei-ei-rathen Verst-ehe!

Marzelline. Das will er eben nicht. Daher der ganze Prozeß.

Friedensrichter. Verstehe! Als ob ich euren Pro-o-zeß nicht verstünde!

Marzelline (zu Bartholo). Ist das ein Richter?

Friedensrichter. Freilich bin ich ein Rich-ichter; wozu hätt' ich sonst meine Stel-lelle gekauft?

Marzelline (seufzend). Welch ein Mißbrauch, solche Stellen zu verkaufen!

Friedensrichter. Mir wär's auch lieber, wenn man sie umsonst gä-äbe! Gegen wen kla-a-aget Ihr?

 

Achter Auftritt.

Vorige. Figaro.

Marzelline. Da kommt der Beklagte.

Figaro (sehr heiter, zu Marzelline). Ich bin Euch vielleicht im Wege? – Herr Friedensrichter, der Herr Graf wird sogleich erscheinen.

Friedensrichter. Ich habe den Bu-u-rschen schon irgendwo gesehen.

Figaro. In Sevilla, bei Ihrer Frau Gemahlin, aufzuwarten, Herr Richter.

Friedensrichter. Um we-we-welche Zeit?

Figaro. Fast ein Jahr vor der Geburt Ihres jüngsten Herrn Sohns, der, ohne Ruhm zu melden, ein sehr hübsches Kind ist.

Friedensrichter. Mein hü..hü..hübschestes. Man sa..agt, du machst hier wieder du-du-dumme Streiche?

Figaro. Herr Richter ...

Friedensrichter. Ha..abt Ihr meinen Gerichtsschreiber nicht gesehn?

Figaro. Nur zu oft, in seinen Termin- und Kosten-Zetteln.

Friedensrichter. Bei Gericht muß Alles in O..O..Ordnung sein.

Figaro. Und die Ordnung ist: der Prozeß gehört den Parteien, die Kosten dem Gericht.

Friedensrichter. Nicht ü..ü..übel. Nun, da du ein erfa..fa..fahrener Bursch bist, wollen wir deine Sa..Sa.. Sache gut behan..handeln.

Figaro. Ich verlasse mich ganz auf Ihre Gerechtigkeit, obwohl Sie Friedensrichter sind.

Friedensrichter. Wie? ... Freilich bin ich Friedensrichter.

Figaro. Es handelt sich nur um eine Schuld.

Friedensrichter. Die Ihr nicht bezahlen wo-o-ollt?

Figaro. Ganz recht, Herr Richter. Der Fall ist einfach. Ich bin schuldig. Aber ich bezahle nicht. Folglich ist's ebenso, als ob ich nichts schuldig wäre.

Friedensrichter. Sehr rich-ichtig.

 

Neunter Auftritt.

Vorige. (Durch die Mitte, nachdem der Vorhang von dem Gerichtsdiener aufgeschlagen worden, treten ein:) Graf, Gerichtsschreiber, zwei Advokaten, ein zweiter Gerichtsdiener. (Wenn sie eingetreten sind, werden die Schranken geschlossen, hinter denen sich aufstellt:) Antonio, Dienerschaft, Landleute.

Gerichtsdiener (den Stab erhebend). Seine Excellenz, der Herr Graf Almaviva, oberster Erb-, Lehn- und Gerichtsherr! (Der Graf nimmt seinen Platz auf dem Lehnstuhl unter dem Baldachin ein. Unter ihm der Friedensrichter. Gerichtsschreiber und Advokaten an einer, mit Akten und Schreibzeug bedeckten Tafel. Bartholo und Marzelline treten rechts, Figaro links, die Gerichtsdiener zu beiden Seiten der Schranken. Im Volk Bewegung.)

Graf. Im Talar, Herr Friedensrichter? Es handelt sich nur um einen häuslichen Streit. Das gewöhnliche Kleid wäre genug gewesen.

Friedensrichter. Ex...Ex...Excellenz sind zu gnädig. Aber ich gehe niemals ohne Ta..la..lar. Wegen der Form, wissen Sie. Mancher la..lacht über den Richter im kurzen Ro..Rock, der beim blo..bloßen Anblick des Talars zi..zittert. Die Form, die Fo..Fo..Form.

Graf. Der Gerichtstag beginne!

Friedensrichter. Schrei...Schrei...Schreiber, verlest die Sachen.

Schreiber (aus den Akten lesend). Der hoch-, hochwohl- und wohlgeborene Herr, Dom Pedro, Georgio, Hidalgo de los altos y fieros Montes y otros Montes, wider Alonzo Calderon, jungen Theaterdichter. Es handelt sich um ein durchgefallenes Lustspiel, das Keiner verfaßt haben will und Jeder auf den Anderen schiebt.

Graf. Sie haben Beide Recht. Man weise die Klage ab. Wenn sie wieder zusammenarbeiten, soll, damit ihr Werk Glück mache in der großen Welt, der Edelmann seinen Namen, der Dichter sein Talent dazu hergeben.

Schreiber (aus einem zweiten Aktenstück). Andreo Petruchio, Taglöhner, gegen den Steuereinnehmer, wegen willkürlicher Schätzung.

Graf. Die Sache gehört nicht vor meinen Stuhl. Ich diene meinen Leuten besser, wenn ich sie beim König beschütze. Fortzufahren.

Schreiber (ein drittes Aktenstück vornehmend). Barbara, Hagar, Magdalena, Nicolina Marzellina, ledig und volljährig (Marzelline knixt) gegen Figaro ... Taufname offen gelassen.

Figaro. Anonymus.

Friedensrichter. Anonymus – was für ein Hei-heiliger ist das?

Figaro. Der meinige!

Schreiber (aufzeichnend). Gegen Anonymus Figaro. Stand?

Figaro (stolz). Edelmann!

Graf. Edelmann?

Figaro. Wenn es des Himmels Wille gewesen wäre, könnte ich der Sohn eines Fürsten sein. (Gelächter unter den Zuhörern.)

Graf (achselzuckend). Fahrt fort!

Gerichtsdiener. Stille vor Gericht!

Schreiber (lesend). Besagte Marzelline, als Klägerin, thut und erhebt, auf Grund eines schriftlichen Eheversprechens, Einsprache gegen die anderweite Verehelichung des Beklagten, besagten Figaro's. Die Klägerin vertritt Medizinae Doktor Bartholo aus Sevilla, während Beklagter seine Sache selbst führen wird, wenn der Gerichtshof solches erlaubt, gegen den Gebrauch.

Figaro (sich erhebend). Der Gebrauch ist häufig nur ein Mißbrauch. Eine nur einiger Maßen gebildete Partei kennt ihre Sache besser als gewisse Advokaten, welche unter kaltem Schweiß, mit vielem Geschrei, Alles wissend, nur die Sache nicht, ohne Bedenken ihren Klienten zu Grunde richten, die Zuhörer langweilen, die Richter einschläfern und hernach so stolz sich aufblasen, als hätten sie eine ciceronianische Rede verfaßt. Ich werde in wenig Worten die Sache klar machen. Meine Herren ...

Schreiber (unterbrechend). Ihr seid nicht Kläger, sondern habt als Beklagter nur zur Verteidigung das Wort. Treten Sie vor, Herr Doktor, und lesen Sie das Versprechen.

Bartholo. Es ist bündig.

Friedensrichter. Man hö..höre es an. Stille vor Gericht!

Bartholo (sehr umständlich, seine Brille abwischend und aufsetzend). »Ich Endesunterzeichneter bekenne hiermit von Dame Marzelline die Summe von zweitausend Piastern als baares Darlehen empfangen zu haben. Diese Summe werde ich ihr auf ihr Verlangen jeder Zeit zurückzahlen und statt der Zinsen aus Erkenntlichkeit sie heirathen.« Gezeichnet: Figaro. – Unser Antrag geht auf Zahlung der Summe nebst Kosten und auf Erfüllung des Eheversprechens. (Er räuspert sich und fährt im Rednertone fort.) Meine Herren! Seit dem Urtheil Salomonis des Weisen ward kein interessanterer Rechtsfall vor keinem Gerichtshofe der Welt verhandelt. Eheversprechungen kannten bereits die Alten: der große Alexander versprach die Ehe der schönen Thalestris ...

Graf (fällt ungeduldig ein). Bevor wir so weit zurückgehen, äußere sich Beklagter, ob er seinen Schein anerkennt?

Friedensrichter. Beklagter, was popo-propo-oppo-poniret Ihr gegen euren Schein?

Figaro. Daß er aus Versehen oder absichtlich falsch gelesen worden ist. Es heißt darin nicht: Diese Summe werde ich zurückzahlen, und sie heirathen; sondern es lautet: diese Summe werde ich zurückzahlen, oder aus Erkenntlichkeit sie heirathen. Ein kleiner Unterschied, sollt' ich meinen. (Bewegung unter dem Volk.)

Graf. Was steht im Schein?

Bartholo. Und!

Figaro. Oder!

Friedensrichter. Und oder – oder. Oder – und – und – oder. (Gelächter.) Ruft Still-ille vor Gericht. Gerichtsdiener. Still-ille vor Gericht.

Graf. Schreiber, überzeug' Er sich selbst.

Schreiber (dem Bartholo das Papier überreicht, liest anfangs murmelnd, abgebrochen). »Endesunterzeichneter .... zweitausend Piaster .... bares Darlehen.« Aha! Diese Summe werde ich ihr auf ihr Verlangen jeder Zeit zurückzahlen (hält das Papier nah vor's Auge) und ... oder ... Das Wort ist undeutlich. Es ist ein Klax darauf.

Friedensrichter. Man zeige mir den Kla-a-ax!

(Friedensrichter, Advokaten, Schreiber stecken alle die Nasen in das Papier und flüstern mit einander.)

Bartholo. Wir behaupten, daß es die conjunctio copulativa Und ist. Wonach Beklagter mit der Klägerin sich kopuliren zu lassen gemüßigt sein dürfte.

Figaro (in gleich pedantischem Tone). Wir repliziren, daß es conjunctio advesativa Oder sei, so daß Klägerin entweder bezahlt oder geheirathet werden wird. Ist er Pedant, so bin ich es doppelt; spricht er Latein, so rede ich Griechisch. Ich vernichte ihn.

Graf. Wie ist der Fall zu beurtheilen?

Bartholo. Um zu Ende zu kommen und nicht Silben zu stechen, acceptiren wir: es heiße »Oder«,

Figaro. Ich bitte, dies zu Protokoll zu nehmen.

Bartholo. Wir stimmen bei. Eine so erbärmliche Ausflucht wird Beklagten nicht retten. Prüfen wir die Schrift, wenn »oder« darinnen steht. (Er liest) »Die Summe... werde ich ihr zurückzahlen, oder sie heirathen.« Das ist, als wenn in einem Recepte geschrieben stünde: Patient wird zwei Gran Rhabarber einnehmen, oder eine halbe Unze Sennes. Eins von beiden muß er nehmen, um gesund zu werden.

Figaro. Keineswegs. Das Beispiel steht so: Entweder die Krankheit wird den Patienten umbringen, oder der Arzt mit seinen Mitteln. Ein reiner Gegensatz. Nur eines Todes kann er sterben. So auch in meinem Falle: Entweder ich zahle, oder ich heirathe. Beides ist nicht zu verlangen.

Bartholo (heftig werdend). Schöne Zahlung, das.

Schreiber. Stille vor Gericht.

Bartholo. Das nennt solch ein Schurke seine Schulden bezahlen.

Figaro. Führt der Herr Vertheidiger seine eigene Sache?

Bartholo. Ich vertrete Dame Marzelline.

Figaro. So reden Sie Unsinn, so viel Sie wollen, aber keine Beleidigungen. Als man, aus Besorgniß vor der Leidenschaftlichkeit der Parteien, vor Gericht Vertheidiger und Sachwalter zuließ, wollte man ihnen nicht das Recht ertheilen, ungestraft zu beleidigen. Das heißt, die edelste Anstalt herabwürdigen.

(Die Richter haben inzwischen insgeheim unter sich berathen)

Antonio (auf sie hindeutend, zu Marzelline). Was haben denn die mit einander zu zischeln?

Marzelline. Der oberste Gerichtsherr ist bestochen worden, er besticht den Friedensrichter, dieser die Uebrigen, und ich verliere den Prozeß.

Bartholo (für sich, murrend). Das fürchte ich.

Figaro (heiter). Muth, Marzelline.

Schreiber (gegen Marzelline gewendet). Das ist zu stark; ich zeige Sie an und verlange zur Ehre des Gerichtshofes, daß diese Sache vor der andern verhandelt werde.

Graf. Nicht so, Schreiber. Ich spreche nicht, wo es eine persönliche Beleidigung gegen mich gilt. Ein spanischer Richter ist kein türkischer. Genug an den anderen Mißbräuchen. Um nicht selbst einen weiteren zu begehen, werde ich mein Erkenntniß motiviren; der Richter, welcher das nicht thut, ist ein Feind der Gesetze. Was kann Klägerin verlangen? Heirath, wenn nicht Bezahlung. Beides zumal ist ausgeschlossen.

Schreiber. Stille vor Gericht.

Graf. Wie erwidert Beklagter? Daß er nicht heirathen will. Dies ist ihm gestattet.

Figaro (erfreut). Ich gewinne.

Graf. Aber da sein Versprechen sagt: »welche Summe ich zurückzahlen oder sie heirathen werde«, so verurtheilt der Gerichtshof Beklagten, der Klägerin zweitausend Piaster zu zahlen, oder sie zu heirathen, und das noch am heutigen Tage. Von Rechtswegen.

(Er steht auf.)

Figaro (erstarrt). Ich habe verloren.

Antonio (frohlockend). Ein treffliches Urtheil.

Figaro. Warum trefflich?

Antonio. Weil du nun meine Nichte doch nicht kriegst. Schön' Dank, Excellenz.

Gerichtsschreiber. Das Gericht ist geschlossen.

Antonio. Das Alles erzähle ich Susannen. (Ab.)

(Die Zuhörer gehen allmählig ab, ebenso die Gerichtspersonen, bis auf den Friedensrichter. Die Uebrigen kommen wieder in den Vordergrund.)

 

Zehnter Auftritt.

Graf. Marzelline. Bartholo. Figaro. Friedensrichter.

Marzelline (in einen Sessel sinkend). Mir fällt ein Stein vom Herzen.

Figaro (auf der anderen Seite der Bühne sich ebenfalls setzend). Mir ein Fels auf die Brust.

Graf (in der Mitte unmuthig auf- und abgehend, für sich). Ich bin wenigstens gerächt, das ist mein Trost.

Figaro. Wo bleibt Basilio's Einsprache gegen Marzellinens Ehe? Er läßt sich nicht wieder blicken. (Zum Grafen, der abgehen will.) Excellenz verlassen uns?

Graf. Das Urtheil ist gefällt.

Figaro. Der Dickbauch von Friedensrichter ist an allem Schuld.

Friedensrichter. Ich ein Di-Di-Dickbauch!?

Figaro (aufspringend). Excellenz, ich heirathe sie doch nicht.

Graf. Du kennst den Urteilsspruch.

Figaro. Ohne die Einwilligung meiner höchst edlen Aeltern darf ich nicht heirathen.

Bartholo. So nennt sie doch, zeigt sie doch, eure höchst edlen Aeltern.

Figaro. Ich suche sie seit fünfzehn Jahren. Man gönne mir noch vierundzwanzig Stunden, sie zu finden.

Bartholo. Eitler Geck! Was werdet Ihr anders sein, als ein Findelkind?

Figaro. Nicht doch, kein gefundenes, sondern ein verlorenes, ein geraubtes Kind.

Graf. Beweise!

Figaro. Die kostbaren gestickten Windeln, in denen ich gefunden ward; ein Spitzenhäubchen; eine goldene Kinderklapper; und mehr als das, ein geätztes Zeichen auf meinem Arm, beweisen, mit welcher Sorgfalt ich gezeichnet ward, um nicht verwechselt zu werden

Marzelline (aufmerksam werdend). Ein Zeichen auf eurem rechten Arm?

Figaro. Auf dem rechten Vorderarm ... (Er will den Aermel aufstreifen.)

Marzelline (hastig einfallend). Eine Rose?

Figaro. Woher wißt Ihr das?

Marzelline. Himmel! Er ist's!

Figaro. Freilich bin ich's!

Bartholo. Wer? Er?

Marzelline. Emanuel!

Bartholo. Zigeuner stahlen dich?

Figaro. Ganz nah bei einem Schloß. O Doktor, wenn Ihr mich meiner edlen Familie zurückgebt, werden mich meine Aeltern mit Gold aufwiegen.

Bartholo. Da steht deine Mutter. (Er zeigt auf Marzelline.)

Figaro (zurückweichend.) Pflegemutter?

Bartholo. Leibliche Mutter!

Marzelline. Da steht dein Vater. (Sie zeigt auf Bartholo.)

Figaro. O weh, o weh!

Marzelline. Hat es dir die Stimme der Natur nicht hundert Male zugerufen?

Figaro. Nicht ein Sterbenswort!

Graf (halblaut.) Marzelline seine Mutter!

Friedensrichter. Nun hei-hei-heirathet er sie nicht, das ist kla-klar.

Bartholo. Ich aber auch nicht!

Marzelline (leidenschaftlich). Du auch nicht? Und unser Sohn? Und deine Schwüre?

Bartholo. Thorheit! Wenn dergleichen Versprechungen bindend wären, müßte man hundert Male heirathen.

Friedensrichter. Oder ga-ga-gar nicht, wenn's Einer genau nimmt.

Bartholo. Nach solchen Fehlern, nach einer so zweideutigen Vergangenheit ...

Marzelline (immer heftiger). Ich will meine Fehler nicht läugnen; der heutige Tag hat sie zu gut bewiesen. Aber wie hart ist es doch, nach dreißig Jahren der Besserung sie büßen zu sollen! Ich war zur Tugend geboren und übte sie, sobald ich zur Vernunft und zur Freiheit gelangte. Aber was kann ein junges Mädchen, unerfahren, voll Wünsche und Täuschungen, vom Elend bedroht, von Verführern umgeben, ihnen für Widerstand leisten? Wohl Mancher verurtheilt uns, der im Leben ein Dutzend von uns unglücklich gemacht hat.

Figaro. Die Schuldigsten pflegen die Strengsten zu sein.

Marzelline. Undankbare Männer, die ihr das Spielzeug eurer Leidenschaften, euere Opfer noch obendrein verachtet! euch sollte man für unsere Jugendsünden bestrafen, euch und die ganze gesellschaftliche Einrichtung, die uns durch ihre Nachlässigkeit und Ungerechtigkeit ohne jedes anständige Mittel der Selbsterhaltung läßt. Frauen haben ein Recht auf Arbeit. Nur sie sollten für Frauen arbeiten dürfen, und unsere Gesellschaft erzieht Tausende von Frauenschneidern und Putzmachern.

Figaro. Sogar Soldaten hält man zum Stricken an.

Marzelline. Selbst in den höchsten Ständen genießt die Frau nur eine geheuchelte Achtung, zum Schein gehätschelt, in Wahrheit geknechtet, als unmündig in ihrem Vermögen angesehen, als volljährig nur in der Zurechnungsfähigst ihrer Fehler. In jeder Hinsicht ist die Stellung, die der Mann dem Weibe macht, eine verächtliche oder bemitleidenswerthe.

Figaro. Sie hat Recht.

Graf (für sich). Nur zu sehr Recht.

Friedensrichter. Ga-ga-ganz Recht hat sie.

Marzelline. Doch, mein Sohn, was verschlägt uns die Weigerung eines ungerechten Mannes? Sieh nicht zurück, woher du kommst, sondern vorwärts, wohin du gehst; nur darauf kommt es an im Leben. In wenig Monaten wird deine Braut unabhängig. Sie nimmt dich, ich stehe dafür. Lebe mit einer Gattin, einer Mutter, die wetteifernd dich lieben werden. Sei nachsichtig mit ihnen, glücklich für dich, frei, heiter und brav mit aller Welt, – dann fehlt deiner Mutter nichts zu ihrem vollen Glück.

Figaro. Goldene Regeln, Mama, die ich befolgen werde. Ist man nicht ein Narr? Seit tausend und aber tausend Jahren dreht sich die Welt, und ich soll in diesem Wirbel nach einer kurzen Spanne Zeit herlaufen, die ich verloren habe, ohne zu wissen, von wem ich abstamme? Ein Thor, wer darum sich kümmert! Sein Leben in Sorgen verlieren, heißt noch auf den Strang drücken, wie die unglücklichen Pferde thun, welche ein Schiff stromaufwärts ziehen, Lastthiere, auch wenn sie ruhen. Wir wollen's in Geduld abwarten.

Graf. Ein unbequemer Querstrich in meiner Rechnung.

Friedensrichter (zu Figaro). Wo bleibt aber der A-A-Adel und das Schloß? Lü-Lügen vor der Justiz!

Figaro. Schöne Justiz, die mich um's Haar gezwungen hätte, meine Mutter zu heirathen, nachdem ich vor Jahr und Tag wegen einhundert lumpiger Thaler meinen Vater schier umgebracht hätte. Da nun der Himmel meine Tugend vor so schweren Sünden bewahrt hat, so verzeihen Sie mir, Herr Vater, und du, Mama, umarme mich, – so mütterlich wie möglich. (Marzelline fliegt in seine Arme)

 

Eilfter Auftritt.

Vorige. Susanne. Antonio.

Susanne (eine Börse in der Hand, herbeieilend). Halten Sie ein, gnädiger Herr! Die Heirath findet nicht statt; ich zahle Marzellinen mit der Mitgift, welche die Frau Gräfin mir geschenkt.

Graf (in vollem Zorn abgehend). Muß auch sie sich noch hineinmischen! Die ganze Hölle ist gegen mich verschworen.

Antonio (auf die Umarmung zeigend, die Susanne bisher nicht bemerkt). Sieh da, sieh da, du kannst dein Geld sparen; er zahlt schon selber.

Susanne (sich abwendend). Ich sah genug. Gehen wir, Oheim!

Figaro (sie aufhaltend). Was sahst du?

Susanne. Meine Thorheit, deine Schlechtigkeit.

Figaro. Weder eines, noch das andere!

Susanne. Heirathest du sie etwan nicht, da du sie so zärtlich umarmst?

Figaro. Ich umarme sie und heirathe sie doch nicht.

Susanne. Und ich, ich heirathe dich auch nicht, aber – ich prügle dich (gibt ihm einen Backenstreich).

Figaro (sich die Wange reibend). Das nenn' ich eine Liebe! Aber Suschen, höre doch! Ehe du fortläufst, sieh dir diese wackere Frau doch einmal ordentlich an.

Susanne (Marzellinen messend). Ich sehe sie an.

Figaro. Wie findest du sie?

Susanne. Abscheulich.

Figaro. Es lebe die Eifersucht; sie schmeichelt nicht!

Marzelline (die Arme ausbreitend). Komm auch du in meine Arme, liebes Suschen! Der Bösewicht, der dich so plagt, ist – mein Sohn!

Susanne. Er? ihr – du, seine Mutter! (Sie fällt in Marzellinens Arme.)

Antonio. Und erst eben ist sie ...

Figaro (einfallend.) Meine Mutter geworden, ja!

Marzelline. Ach mein Herz zog mich längst zu dir, es war die Stimme der Natur, die nur über ihren Grund sich täuschte.

Figaro. Und mein Verstand hielt mich von dir zurück. Aber gehaßt habe ich dich niemals. Hätte ich sonst von dir borgen können?

Marzelline. Nimm deinen Schein zurück. Er sei meine Mitgift. (Reicht ihm das Papier.)

Susanne. Hier eine zweite! (Steckt ihm in die andere Hand eine volle Börse)

Figaro. Dank, Dank!

Marzelline. O meine Kinder, umarmt mich fest und innig. Ihr seid mein ganzes, mein einziges Glück! (Sie weint.) So soll denn der Abend meines armen Lebens noch sich aufklären und mich für eine trübe Vergangenheit schadlos halten.

Figaro. Halt' ein, liebe Mutter, halt' ein. Oder willst du meine Augen im Wasser ihrer ersten Thränen dahinschmelzen sehen? Dem Himmel sei Dank, es sind Freudenthränen. Fast hätte ich mich ihrer geschämt, ich versuchte sie zurückzuhalten. Fahre hin, falsche Scham! Ich will weinen und lachen zugleich; ein Augenblick wie dieser wiederholt sich nicht im Leben. (Er umarmt Susannen und Marzellinen.)

Friedensrichter (sich die Augen mit dem Schnupftuch trocknend). Wie rüh-rüh-rührend! Ich glaube, die Ju-Justiz weint mit!

Figaro (noch in der Umarmung zwischen Susannen und Marzellinen stehend). Schicksal, nun trotz ich dir! Triff mich, wenn du es vermagst, zwischen diesen zwei Herzen.

Antonio. Gemach, gemach, Herr Bartkratzer! Unter anständigen Leuten ist's Sitte, daß erst der Vater heirathet, dann der Sohn.

Bartholo. Ich Vater zu einem solchen Taugenichts? Nimmermehr!

Antonio. Stiefmütterlicher Vater! Wenn das ist, gibt's auch für uns keine Hochzeit nicht!

Susanne. Oheim!

Antonio. Die Tochter meiner Schwester geb' ich nicht her an Einen, der nicht einmal einen Vater hat.

Friedensrichter. Einen Va-a-ater hat natürlich Jedermann, a-a-aber...

Antonio. Aber meine Nichte kriegt der da (auf Figaro deutend) doch nicht. (Er eilt ab.)

Figaro. Sind denn alle Narren der Welt gegen meine Hochzeit losgelassen?

 

Zwölfter Auftritt.

Bartholo. Marzelline. Susanne. Figaro. Friedensrichter.

Bartholo (zu Figaro). Such' dir Jemanden, der dich an Kindesstatt annimmt. (Will ab.)

Marzelline (ihn zurückhaltend). Bartholo, Sie können uns nicht verlassen.

Susanne. Lieber, guter Papa, er ist Ihr Sohn.

Marzelline. Und was für ein hoffnungsvoller Sohn! Wie begabt und wohlgebildet!

Figaro. Und wie wohlfeil! Keinen Heller hab' ich euch gekostet!

Bartholo. Bis auf die hundert Thaler, die er mir abgenommen.

Marzelline (ihm schmeichelnd). Wir wollen dich schön pflegen, Papa!

Susanne (eben so). Dich so lieb haben, Papa!

Bartholo (nachsprechend). Papa, lieber Papa, guter Papa! (Er zieht das Taschentuch.) Am Ende bin ich noch ein größerer Narr, als der Friedensrichter und fange an zu heulen wie er. (Da Marzelline und Susanne ihn hoffend ansehen) Nichts da, noch hab' ich nicht Ja gesagt. (Er blickt umher.) Wo ist der Herr Graf geblieben?

Figaro. Suchen wir ihn auf, um seine Einwilligung zu erzwingen; ein Streich von ihm könnte alles wieder zerstören. Auf, zu ihm! (Figaro, Susanne, Marzelline gehen ab, Bartholo mit, sich fortreißend.)

Friedensrichter (allein). Noch ein größerer Na-Na-Narr als ich? Wie gro-gro-grob! Dergleichen denkt man wohl, aber man sa.. sa.. sagt's nicht!

(Der Vorhang fällt.)

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