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Alexander Castell: Fieber - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
authorAlexander Castell
titleFieber
publisherAlbert Langen
year1916
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150724
projectid65cd9d87
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Finale

Hugo Manuel stand am Fenster des Arbeitszimmers und sah auf den Quai. Es war ein warmer Vorsommerabend. In den Anlagen promenierten junge Herren und Damen, Zofen mit Kinderwagen und Fremde, die sich auf der Reise ein paar Tage in der Stadt aufhielten. Durch die Kronen der Bäume sah Hugo den See, der in einem von der Schwüle etwas gedämpften Licht vor ihm lag. Auf dem Wasser bewegten sich kleine Boote, aber so langsam, daß sie gleich minutiösen glänzenden Schalen auf der leuchtenden Fläche zu liegen schienen.

Es klopfte jemand an die Türe. Hugo fuhr auf und schritt dem Besucher nach der Mitte des Zimmers entgegen. Aber es war nur Centa, die den Tee brachte.

Vor besonders wichtigen Besprechungen hatte es Hugo nötig, allein zu sein. Er empfand auch jetzt einen leisen spielerischen Heroismus darin, seine junge schöne Frau in der Stunde, die sie sonst jeden Tag zusammen verbrachten, allein auf der Gartenveranda zu lassen. Aber er hatte sich noch kaum so nach ihr gesehnt wie heute. Jeder Augenblick, den er noch mit ihr zu erleben hatte, erschien ihm kostbar.

»Hat die gnädige Frau den Tee schon getrunken?« fragte er Centa.

»Die gnädige Frau ist eben daran ...« Centa verschwand. Hugo ging jetzt in großen Schritten im Zimmer auf und ab. Er war schlank, jung, zweiunddreißig Jahre alt. Er fühlte einen direkt waghalsigen Mut in sich. Ob er es aber vollbringen könnte? Ob er zuletzt nicht doch versagte? Er empfand deutlich die lähmende, atemlose Beklommenheit auf seiner Brust.

Er ging wieder ans Fenster. Auf dem See fuhr ein breiter, mit bunten Wimpeln geschmückter Dampfer vom Landungssteg ab. Das Verdeck war ganz dunkel vom Gewimmel der Menschen. ›Seltsam,‹ überlegte er sich, ›daß diese Masse so dunkel wirkt, trotzdem die Frauen gewiß helle, farbige Sommerkleider tragen.‹ Er wußte es eigentlich gar nicht, wie er im schwersten Augenblick seiner Existenz zu einem derart äußerlichen Gedanken kam. Vielleicht suchte sein Gehirn einen Ausweg vor all dem Bedrängenden und Drohenden.

Hugo starrte jetzt aufmerksam auf den Quai. Daß Friedrich so lange nicht erschien! Hugo erwartete Friedrich, seinen Freund, den Advokaten. Sollte er nochmal nach ihm telephonieren? Wenn er zuletzt doch noch verhindert gewesen war? Und es kam doch auf diesen Tag an. Auf diesen Abend. War es möglich, in solchen Dingen früher zu entscheiden als im letzten Augenblick?

Hugo wollte die Frage im unklaren lassen. Die Situation war jedenfalls doch nicht zu ändern.

Man klopfte wieder an der Türe. Der Diener trat ein und trug eine gelblederne Mappe unter dem Arm.

»Da sind die Akten, die sich der gnädige Herr aus der Fabrik gewünscht hat.«

»Ich danke,« sagte Hugo. Der Diener ging ab.

Hugo schritt wieder in einem merkwürdigen Marschrhythmus auf dem großen Teppich hin und her. Die Nervosität zitterte ihm in allen Gliedern. Er dachte nur das eine: Wenn Friedrich nun doch verhindert worden war? Und ihn brauchte er! Ihn vor allem! Es gab da keine andere Hoffnung mehr. Seine ganze Existenz kam ihm seit Wochen ganz traumhaft vor. Er hatte nie geahnt, daß er je in eine solche Notlage kommen könnte. Er war überhaupt seit langer Zeit ahnungslos gewesen. Dies war unbestreitbar. Aber war es denn wirklich so ganz am äußersten?

Er ging an den Schreibtisch. Da lag eine Liste von Namen und Zahlen. Manche waren rot unterstrichen. Hugo schaute gedankenvoll darüber hin. Es schien ihm jetzt, als seien ihm diese Dinge in der tiefsten Seele fremd geblieben, als hätte er trotz der paar Jahre, während deren er sich damit beschäftigt hatte, nie dieses natürliche Verständnis dafür gehabt, das seinen Untergebenen eingeboren war. Jedes spontane Entscheidenkönnen war ihm versagt geblieben. In allen wichtigen Momenten hatte er sich innerlich zaghaft gefühlt. Darin lag vielleicht der Grund der ganzen Verwirrung, vielleicht lag es auch an anderem.

Doch nun hörte er Tritte im Korridor. Friedrich trat ein. Er war zwei Jahre älter als Hugo und sein Rechtsbeistand.

»Du entschuldigst ... ich war noch bei einer Konferenz,« sagte Friedrich und legte Stock und Handschuhe ab. Sein Blick irrte nach dem Tee und den Sandwichs, die auf dem kleinen Ecktischchen standen, und die Hugo noch unberührt gelassen hatte.

»Kann ich davon etwas abbekommen, ich habe nämlich Hunger ... sagte er.

»Aber gewiß,« sagte Hugo. Er dachte: »Der Mensch wird Augen machen. Er hat, scheint es, keine Ahnung.«

Hugo setzte sich ihm gegenüber in einen Lederfauteuil. Er schaute dem andern zu, während jener wirklich mit Appetit kaute. Hugo wollte noch warten, wollte ihn nicht an seinem Essen stören. Er zündete sich eine Zigarre an.

»Also was ist los?« fragte Friedrich und schob sich wieder einen Bissen in den Mund.

»Ich habe einen Auftrag für dich,« sagte Hugo und sah einer Rauchsträhne nach, die in viele Fasern sich auslösend gegen die Decke stieg.

»Freut mich,« sagte der Advokat. Er lehnte sich zurück:

»Um was handelt es sich?«

»Hör mal,« begann Hugo und schwieg dann plötzlich. Er empfand ganz deutlich, wie ihm das Blut heftig in den Schläfen pulsierte. Er kontrollierte diesen Eindruck und sagte zugleich: »Du wirst mein ganzes Geschäft, die Fabrik, alles liquidieren.«

»Oho!« sagte Friedrich, »steht es so schlecht?« Seine Stimme hatte einen gutmütigen, aber keinen überraschten Ton.

»Ja, es steht sehr schlecht,« sagte Hugo, »hast du übrigens davon reden hören?«

»Nein, kein Wort ... man hält dich immer noch für sehr reich und schließlich ...«

»Ich bin es nicht mehr ...« unterbrach ihn der andere, »man hat keine Ahnung, wie schnell ein Vermögen in einem solchen Unternehmen verloren ist.«

»Allerdings,« gab der Advokat zu, »du meinst also, ich soll dir einen Käufer suchen, soll Unterhandlungen anknüpfen, natürlich nur in diskreter Form.«

»Wie denkst du dir das?«

»Nun, man gibt vor, die Geschäfte interessieren dich nicht mehr. Du willst dich wieder wie früher dem Sport widmen, willst reisen, vielleicht, daß irgendeine ausländische Firma mit einer hiesigen Filiale schon gerechnet hat ...«

»Ich halte das nicht für gut möglich,« wandte Hugo ein. »Die Hauptstütze der Aviatik in jedem Land wird immer der Staat sein. Vorläufig sicherlich, und darum wird sich die ausländische Konkurrenz nicht hereinwagen, ganz abgesehen davon, daß es an sich ein schlechtes Geschäft ist, glaube mir: ein sehr schlechtes Geschäft ...«

»Aber wie denkst du dir denn die Liquidation?«

Hugo hob den Kopf und sagte melancholisch: »Man wird alles verkaufen ... an den Meistbietenden. Man wird den dritten Teil des Wertes dafür bekommen, was aber nach meiner Kalkulation genügt.«

»Unsinn ...,« der Advokat richtete sich auf; »in solchem Falle macht man eine Aktiengesellschaft. Es muß mehr Kapital hinein. Dann werden die Chancen vielleicht größer. Du kannst doch nicht auf eine solche Art dein Geld verlieren!«

»Es ist schon verloren ...,« antwortete Hugo gelassen, »und ich habe vor allem gar keine Zeit mehr. Es sind Fälligkeiten da ... Wechsel ... für die nächsten Tage ... über Summen ... über so viel Geld, als ich nie aufzubringen vermöchte.«

»Du wirst also in jedem Fall in Konkurs gehn?«

»Nein ...,« Hugo war aufgestanden, »es wird zwar zuerst den Anschein haben, aber mit der Liquidation wird nachher ein großer Teil, vielleicht sogar alles gedeckt werden ...«

»Mir ist nur eines unklar ...«

»Was?«

»Du rechnest also damit, daß das Konkursverfahren gegen dich eingeleitet wird? Wann ist der erste Wechsel fällig?«

»Morgen ...«

»Wie hoch ist er?«

Hugo nannte eine Zahl.

Der Advokat sagte ruhig: »Ich beschaffe dir das Geld.«

Hugo lächelte: »Ich danke dir, aber das würde wenig nützen, das Geld wäre verschwendet, denn es kommen nachher noch soviel andere nach ... Er deutete nach der Liste, die auf dem Tische lag.

»Wechsel?«

»Ja.«

»Ja ... hast du das denn nicht früher gewußt?« Der Advokat hielt nach dem letzten Wort den Mund noch offen.

»Doch, aber ich muß wahnsinnig gewesen sein, ich ließ es ruhig an mich herankommen ...«

»Das ist ja entsetzlich ... und es ist gar nicht zu helfen?«

»Doch!« Hugo hatte sich auf die Lehne des Stuhles gesetzt, »es ist zu helfen,« wiederholte er.

»Aber wie denn?« Die Stimme des Freundes klang erregt, fast gereizt. Es war, als ob er sich über Hugos Ruhe und Ratlosigkeit ärgerte.

»Ich kann doch Vertrauen zu dir haben?« fragte Hugo, aber in einem Ton, als ob er keinen Zweifel hege.

»Was willst du denn?«

Da sagte Hugo: »Ich werde noch in dieser Nacht sterben.« Sein Auge blickte groß und zugleich etwas müd durch das Fenster hinaus in die blaue Luft, die über dem See lag.

Der Advokat hatte nur ein wenig den Kopf gewendet. Er sagte kurz und knapp: »Das ist eine Gemeinheit.«

»Warum?« fragte Hugo ruhig und erstaunt, »ich hoffe, es so zu arrangieren, daß nur wenige an einen Selbstmord denken.«

»Ich wollte nur sagen, es sei eine Feigheit.« Die Stimme des Freundes klang gehässig, erbittert. »Wenn jeder, der in einer Kalamität ist, sich auf die Seite bringen wollte ... aber du hast nie Energie gehabt ... in deinem ganzen Leben nie!«

»Vielleicht habe ich sie dieses eine Mal!« sagte Hugo gedämpft.

»Nennst du das Energie?«

»Ich glaube doch, daß es sehr viel dazu braucht ...«

»Das mag individuell sein, jedenfalls kann ich darin keine besondere Größe sehn, wenn sich einer aus dem Staub macht und alles im Stich läßt. Du kannst ja ebensogut nach Amerika auswandern. In aller Stille, meine ich.« Es klang alles wie Hohn in des andern Mund.

»Nein, das könnte ich nicht.«

»Warum denn nicht? Flucht ist es in jedem Fall.«

»Du hältst mich offenbar für ein Kind, glaubst du, daß ich mich dazu entschlossen hätte, wenn noch eine andere Möglichkeit ... auch nur eine leise andere Möglichkeit vorhanden wäre?«

»Es ist furchtbar einfach, sich hinzusetzen und sich zu sagen: Nun habe ich keine Möglichkeiten mehr.«

»Du tust mir weh ...«

»Du erwartest doch von mir, daß ich aufrichtig bin!«

»Gewiß!«

»Und schon aus einem Grunde ist es unbegreiflich! Kannst du deine Frau so im Stich lassen?« Der Freund gestikulierte, sein Gesicht war gerötet wie in einem furchtbaren Zorn.

»Aber ihretwegen tue ich es doch,« antwortete Hugo und schaute den andern groß an.

»Das verstehe ich nicht ...«

Hugo stand an ein Bücherregal angelehnt und sagte leise, ganz demütig: »Wenn es zum Zusammenbruch kommt – und es ist nicht mehr zu vermeiden, bin ich bettelarm. Noch mehr! Bei einer klugen, langsamen Liquidation kann vielleicht noch ein Drittel gerettet werden. Würde aber die Fabrik zwangsweise verkauft, dann wäre das Ergebnis ganz aussichtslos. Du weißt, daß Antoinette kein Vermögen hatte. Sie wäre also – in keinem Sinne zu schützen. Wir stünden als Bankrotteure da und hätten nichts mehr zum Leben. Was müßte ich anfangen? Ich wäre fähig, als Schreiber in ein Bureau einzutreten. Was ich in den nächsten zehn Jahren noch aufzubringen vermöchte, würde uns kaum vor der größten Not schützen, die Gläubiger befriedigen könnte ich mein Leben lang nicht. Ich bin kein Kaufmann. Meine ganze Existenz war darauf eingerichtet, von meinem Vermögen zu leben. Jetzt, da ich's nicht mehr habe, bin ich zu alt, etwas zu lernen ... begreifst du?«

Der Advokat hielt sich die Schläfen: »Aber der Ausweg ... wo siehst du denn den Ausweg?«

»Sobald ich tot bin, ist die Prämie von zwei Versicherungen fällig. Dieser Betrag, der die Hälfte meines früheren Vermögens darstellt, wird den Gläubigern Garantien bieten ... sie werden dich ruhig liquidieren lassen. Selbst, wenn es schlecht geht, wird die Liquidation unter diesen Umständen zur Deckung der Verpflichtungen reichen. Der Betrag der Versicherungen aber sichert nachher Antoinettes Existenz. Sie wird dieses Haus behalten können und bezieht, wenn du ihr hilfst, das Geld gut anzulegen, eine Rente von immerhin dreißigtaufend Franken ...«

Der Freund antwortete ruhig: »Deine Kalkulation ist falsch. Die Versicherung wird bei Suicidium die Forderung nicht anerkennen. Sie wird den Status deines Vermögens aus deinen Büchern bewiesen haben wollen, und deine Situation wird sofort klar sein ...«

»Du täuschest dich,« wandte Hugo ein, »die Policen beider Versicherungen berücksichtigen jede Todesart ... auch Selbstmord ... du kannst dich überzeugen ...« Er ging an seinen Schreibtisch und brachte die Papiere.

Der Advokat studierte sie aufmerksam. Legte sie auf die Seite. Starrte den Freund an. »Der Plan ist grauenhaft ...«

»Ich will dir eine einzige Frage stellen ...«

»Bitte!«

»Hältst du ihn für klug oder unklug ... ich meine, was die finanziellen Aussichten anbetrifft. Würdest du die Zuversicht haben, die Sache nachher so durchzuführen? Damit Antoinette geschützt wäre?«

Der Freund starrte immer noch in dumpfem Brüten vor sich hin.

»Warum gibst du keine Antwort, siehst du irgendeine Schwierigkeit?«

»Wie kannst du von mir verlangen, daß ich dir den Rat gebe, dich umzubringen?« sagte der andere matt.

»Du hältst also den Plan finanziell für möglich? Das ist das einzige, das ich von dir zu wissen wünsche. Es wäre nämlich doch schade, wenn ich für nichts von diesem Schauplatz abtreten müßte ...«

»Aber wie willst du es denn anstellen?« fragte der Freund.

»Beantworte mir erst meine Frage ...«

»Lieber Freund, wenn du in deinen Geschäften jedesmal so gut kalkuliert hättest! ...«

Hugo lächelte trüb: »Auf das allerletzte Geschäft kommt es an.«

»Aber hast du denn, als du in die Versicherung eintratst, schon an ein Suicidium gedacht?«

»Keine Spur! Die eine Datiert seit meinem fünfundzwanzigsten Jahr, die andere schloß ich zwei Jahre später ab vor meiner Verheiratung. Nur zum Schutz Antoinettes. Ich trieb damals viel Sport und dachte eigentlich eher an einen Unglücksfall ...«

Der Advokat nahm wieder die Policen in die Hand. Studierte sie nachdenklich. Legte sie dann wieder auf den Tisch zurück. »Die Idee ist mir entsetzlich ...« Er war völlig gebeugt.

»Du bist mir böse, weil ich mich dir anvertraut habe?« fragte Hugo.

Der andere schüttelte den Kopf. Er zeigte ein ganz stupides Gesicht.

»Aber wie willst du es denn anstellen?« fragte er wieder.

»In einer ganz einfachen Form ...«

»Aber um Gottes willen, wie?«

»Mit dem Automobil,« sagte Hugo ruhig, »ich brauche nur eine halbe Stunde dem See entlang zu fahren. Du kennst den Viadukt, wo die Bahn die Straße überquert ... dort wird es sein. Ich habe die Fahrt heute morgen schon in aller Frühe gemacht. Ich werde mit achtzig Kilometer Schnelligkeit gegen die Pfeiler rennen ...«

»Mensch! ... Mensch!« stammelte der Freund.

»Es ist vielleicht eine schmerzhafte, aber jedenfalls die direkteste Lösung. Man kennt mich als einen Liebhaber von großen Geschwindigkeiten. Wenn du nachher mit deinem Ansehen in das Geschäft einspringst, wird alles ohne Schwierigkeit erledigt ... und weißt du, was das Schönste wäre?«

»Was?«

»Wenn Antoinette vom Ganzen nichts ahnte. Daß das Geschäft nach meinem Tode liquidiert werden muß, wird ihr natürlich erscheinen ...Du kannst auch verhindern, daß die Zeitungen sich ungnädig mit mir beschäftigen. So wird alles still und ohne widerliches Aufsehen vor sich gehen ...«

Der Freund saß ganz gebrochen im Stuhl.

Da hob Hugo wieder an: »Das mit Antoinette – ich meine, daß sie's nicht erfahren soll, hat einen Grund. Er ist vielleicht etwas komisch, aber jedenfalls menschlich ...«

Der Freund blickte auf.

»Weißt du ...« sagte Hugo, »sie hatte in allem ein unendliches Vertrauen zu mir. Sie hätte mir nie zugetraut, daß ich schlechte Geschäfte machen könnte, trotzdem ich bis zu meiner Verheiratung nie Geschäfte gemacht hatte ... verstehst du ... ich möchte nicht nachträglich in ihren Augen etwas ... komisch sein. Es ist eine kleine Eitelkeit, aber sie ist gewiß verzeihlich.«

»Seit wann hast du dich mit dem Gedanken getragen? Zu so etwas entschließt man sich doch nicht auf einmal ...« fragte der Freund. Er bewegte leise den Kopf hin und her, wie wenn er noch gar nichts davon begriffe, stammelte dann plötzlich: »Und noch in dieser Nacht? Es ist doch gar nicht möglich ...«

Hugo war jetzt ganz still und versonnen. Er sagte: »Es ist doch ein falscher Zug in unserer Welt. Es gehört heute zum guten Ton, daß man arbeitet, daß man sich mit etwas beschäftigt, es ist elegant, in große Unternehmen verwickelt zu sein, aber – man bringt diesen praktischen Sinn nicht sofort in ein Gehirn. Daran müßte man sich auch erst durch eine Generation gewöhnen ...«

»Wie ruhig du bist!« sagte der Freund entsetzt und erstaunt.

»Ich bin etwas müde ... und dann kann ich mir auch das Schwere für die Nacht sparen.«

»Hast du denn keine Angst davor?«

Hugo schaute mit großen und etwas starren Augen: »In diesem Moment nicht, aber vielleicht kommt es noch, ich glaube sogar, daß es ganz sicher noch kommt ...«

»Ich muß etwas tun, irgend etwas tun, ich kann das doch nicht mit ansehen ...« jammerte der Freund.

»Ich danke dir für dein Mitgefühl ... ich danke dir ...« Hugos Stimme klang unendlich behutsam und bescheiden, »ich hätte ja nie den Mut gehabt, mich dir anzuvertrauen, wenn ich dich nicht kennte, aber glaub' mir: da ist nicht zu helfen. Die Zeiten sind schlecht. Es mag viele geben, die wie ich ruiniert sind, aber sie haben in ihrer Jugend mehr gelernt, als ein Automobil zu steuern und Tennis zu spielen. Darin liegt der Unterschied!«

»Aber du bist doch intelligent ...« warf der Freund erregt ein.

»Na, ja,« lächelte Hugo, »so mitten durch!«

»Und du bist heute früh schon da hinaus gefahren?«

»Ja, ich habe die Strecke gemacht, ich habe mir den Viadukt auf diese Möglichkeit hin angesehen, trotzdem ich ihn schon hunderte Mal passiert habe ...«

»Alles, was du mir sagst, ist mir ein gräßlicher Alpdruck,« der Freund saß jetzt mit geschlossenen Augen ganz entgeistert im Stuhl.

»Du bist mir nicht böse, daß ich dich damit belastet habe? Ich konnte nicht anders! Ich brauchte deine Hilfe! Verstehst du mich!!«

»Ich komme mir vor wie der Mitwisser eines Verbrechens.«

»Aber es ist doch keines,« protestierte Hugo leise, »es wird niemand dadurch geschädigt, im Gegenteil, Menschen, denen ich Geld schulde, werden eine fast sichere Chance haben, es zurückzubekommen. Könntest du dir denn vorstellen, daß ich als ein armseliger Schreiber jeden Tag ins Bureau gehen müßte und Antoinette mir zu Hause die Suppe kochte?«

»Nein,« sagte der Freund, »ich könnte es nicht.«

Hugo stand in die Fensternische gelehnt: »Wenn ich jetzt da hinaus sehe in diesen warmen Abend ... auf den See und in diese Bäume, und wenn ich mir denke, daß ich heute zum letztenmal die Sonne sehe, dann will es mich schier erwürgen. Dann möchte ich schreien ... wie einer, der erwürgt wird, um Hilfe schreien ...« Er hielt inne. Die Erregung brach ihm die Stimme.

Der Freund stand zitternd auf und ging auf ihn zu: »Lieber ... lieber ...« stammelte er, »du wirst es nicht können. So etwas kann man gar nicht ...«

»Das wäre das Entsetzlichste ...« Hugo starrte ihn entgeistert an, »aber ich werde den Mut finden, glaube mir, ich werde ihn finden ...«

»Ich werde dir das Geld für die Wechsel aufbringen, ich werde alles für dich tun.« Der Freund wurde von Augenblick zu Augenblick erregter.

»Das nützt dir ja nichts, du Guter ...« sagte Hugo »selbst wenn du gut liquidierst, wird alles gerade gedeckt werden können, aber wir hätten ja nachher nichts mehr zu leben ... begreifst du?«

»Wie soll ich diese Nacht verbringen?« stammelte der andere wieder.

Da sagte Hugo, dessen Gedanken einen ganz anderen Weg gegangen waren: »Weißt du, schließlich tue ich's nur um Antoinettes willen. Ich bin nicht feig. Ich wollte in jeder Form mein Leben fristen, oder es wenigstens versuchen. Antoinette aber würde das nicht überdauern. Sie würde zugrunde gehen. Sie ist wie eine ganz zarte Blume, die nur in der Sonne gedeiht, sie würde in der Not sterben ...«

Er brach ab, horchte nach dem Korridor, als ob er einen Tritt hörte, dann fuhr er fast glücklich fort: »Ich aber will, daß sie schön bleibt, daß sie glücklich sei, daß keine Sorgen an ihrem Herzen nagen ... weißt du, sie ist wie ein Kind. Sie kennt das Leben nicht, sie hat es nie kennen gelernt ... ich habe sie ja so behütet ... und du wirst ihr zur Seite stehn, du wirst das Geld gut anlegen, wirst es ihr verwalten ... so wird sie nie arm werden ...«

»Der Schlag wird ihr das Leben kosten,« sagte der Freund.

»Sie wird denken ich sei verunglückt. Wie oft, wenn wir so wild und rasend fuhren, haben wir um ein Haar dasselbe erlebt. Sie weiß, wie leicht das möglich ist. Sie wird mir nicht mißtrauen.«

»Es darf nicht geschehen,« der Freund stand da wie gewappnet mit einem schweren Entschluß.

»Vielleicht geschieht's ja auch nicht ...« lächelte Hugo ... »wie oft nimmt man sich so etwas vor, und zuletzt kann man es doch nicht ... glaubst du nicht, daß sich schon viele so etwas vorgenommen haben?«

»Gewiß,« antwortete der Freund ungeduldig.

»Sie würde ein paar Jahre um mich trauern,« meinte Hugo versonnen, »aber Frauen haben so viel Widerstandskraft. Sie verwinden so etwas. Vielleicht würde sie einen zweiten Mann finden, denn schließlich wäre sie doch keine schlechte Partie ... nur daß sie glücklich sei, darauf kommt es an, einzig darauf ...«

»Ich will mich bis morgen umsehn, ich verspreche dir das Nötige zu beschaffen ...« Der Freund sprach jetzt ernst, geschäftsmäßig, praktisch. »In der Frühe kommst du zu mir aufs Bureau, paßt es dir?«

»Aber gewiß,« sagte Hugo, »ich weiß, daß ich mich immer auf deine Freundschaft verlassen kann, nicht?« fügte er etwas tonlos hinzu und sah am andern vorbei an die Wand, als ob er etwas ganz anderes sähe und dächte.

»Aber ja,« antwortete der Freund, »wie du mir Angst gemacht hast, mir war der Schreck ganz in die Glieder gefahren.« Er war an den Schreibtisch gegangen: »Darf ich mir die Liste mitnehmen?«

»Gewiß ...«

»Du hast einen großen Fehler,« begann der Freund wieder, »du rechnest nur mit dem jetzigen schlechten Zustand, und gar nicht mit der Möglichkeit einer Änderung. Man hilft sich doch von Schritt zu Schritt. Die Welt hat vielleicht schon in einem Monat ein ganz anderes Gesicht.«

»Ganz gewiß,« wandte Hugo ein, »es kombiniert und rechnet eben jeder nach seinen Fähigkeiten. »Du kannst aber nichts Unmögliches von mir verlangen.«

»Ich bin noch ganz dumm von dieser Aufregung,« der Advokat griff nach seinem Hut, »also jetzt etwas mehr Courage, das andere wird sich schon machen.«

Hugo lächelte leise und melancholisch: »Lieber Freund, du willst mich über meine Lage hinwegtäuschen, du willst mich um jeden Preis retten ... wenn du aber wüßtest, wie sehr ich verloren bin ...«

»Hast du Vertrauen zu mir?« fragte der andere.

»Aber ja ...« gab Hugo zaghaft zurück.

Er geleitete seinen Freund, den Advokaten, hinaus. Dann schloß er die Türe. Er mußte sich jetzt in den großen Lederstuhl setzen. Er hatte Herzklopfen, daß es ihm den Atem nahm.

Er sah auf die Uhr. Es ging auf halb acht. Das Mädchen klopfte an der Türe. »Das Essen ist bereit,« sagte sie. Hugo dachte: »Daß ich ihr kein Wort sagen kann, daß ich von ihr gehen muß mit dem heitersten Gesicht ... das wird das Schwerste sein.« Eine unbändige, stürmische, fast rasende Sehnsucht überströmte ihn plötzlich. Er riß die Türe auf, durchsauste den Korridor, floh mit ein paar Sprüngen die Treppe hinab.

Antoinette stand am Flügel und blätterte in Noten: »Wir essen heute auf der Veranda!« sagte sie, ohne sich umzudrehen.

Er ging langsam auf sie zu. Mit einem vor Sehnsucht erstarrten Blick umschloß er ihre schlanke, fast kindliche Gestalt, die in einem weißseidenen Abendkleide über die Noten gebeugt dastand. Er trat hinter sie und küßte sie in den Nacken, da wo ihre blonden Haare ansetzten und eine ganz helle, flachsfarbene Färbung zeigten. Antoinette zog unter diesem Kusse leise die Schultern ein, drehte sich dann um, küßte ihn bei halbgeschlossenen Augen auf den Mund und wandte sich ohne ein Wort wieder zu ihrer Musik.

»Liebling,« stammelte er ... »Liebling.«

Sie schaute sich um und ihm ins Gesicht: »Du bist ganz gerührt?« fragte sie, »was ist dir?«

»Nichts,« sagte er und lächelte. »Ich freue mich, bei dir zu sein, es ist nur Freude ...« Er begann zu erzählen, daß er mit Friedrich eine Konferenz gehabt, daß Friedrich ein guter Mensch wäre, zu dem man Vertrauen haben könnte in jeder Lebenslage.

»Er ging mit dir zur Schule, nicht?« fragte Antoinette.

»Ja,« sagte Hugo und erzählte weiter, daß ihn die Geschäfte ermüdeten, daß er lieber reisen möchte, daß er mit Friedrich wegen einer Vertretung in der Fabrik gesprochen, daß Friedrich in jedem Fall ein sehr gescheiter Mensch wäre. »Bist du nicht auch der Ansicht?« fragte er abrupt.

»Liebster, ich versteh ja nichts davon,« antwortete sie, »wollen wir jetzt essen?«

Sie traten auf die Veranda, wo auf einem kleinen runden Tisch zwei Gedecke standen. Während sie aßen, erzählte Antoinette von der Ausfahrt, die sie gegen Abend gemacht, von Freunden, die sie auf der Promenade gesehen. Er hörte still versonnen auf ihre Stimme. Die Worte kamen ihm im einzelnen kaum zum Bewußtsein, er vernahm nur den Klang, den Tonfall. Aber alles war ihm eine Linderung. Er schaute sie plötzlich lächelnd an, ohne aber ein Wort zu finden.

Sie blickte ihm gleichfalls aufmerksam in die Augen.

Da sagte er: »Ich bin glücklich, daß du heute so schön bist. Mir ist, als hätte ich dich nie so jung, so frisch gesehen!« Seine Augen kamen nun nicht mehr von ihr los. Sie hatte eher ein rundliches, als ein ovales Gesicht. Ihre blonden Locken hingen ihr in ein paar leisen, wirren Strähnen in die Schläfen, ihr Mund aber zeigte, wenn er lächelte, eine Linie von so scheuer, verwirrter Sinnlichkeit, daß Hugo, wie über einem leichten Schwindel, die Augen schloß und über einem Atemzug einer seligen Vision nachging.

»Weißt du, wie du mir oft vorkommst?« fragte er endlich.

»Wie denn?«

»Wie ein reizvoll verkleideter Knabe,« lachte er.

»Du hast viel Phantasie ...« sagte sie und starrte in den Garten. »Peki! Peki!« rief sie. Aber Peki zeigte sich nicht.

»Wo ist er?« fragte Hugo das Mädchen, das eben die Spargeln auftrug.

»Er ist doch im Garten,« antwortete das Mädchen. Sie ging die Sandsteintreppe hinunter und nach den Büschen, hinter denen die große gelbe Brandmauer des Nachbarhauses aufstieg. Dort lag Peki, der kleine Chinesenhund, und wühlte mit dem Kopf in einem Haufen Unrat. Das Mädchen nahm ihn auf und rief: »Er ist ganz voll Schmutz.«

»Bringen Sie ihn her!«

Das Mädchen kam und setzte Peki neben Antoinette auf den Stuhl. Er blickte mit klugen, neugierigen Augen um sich.

»Bist du ein Schmutzian!« rief Antoinette. Sie gab ihm einen Klaps auf den Rücken und streichelte ihn darauf; als ob sie die vorige brüske Gebärde wieder gutmachen müßte.

Hugo sah ihr zu. Wie zärtlich diese schmale Hand dem Kleinen über das Fell fuhr. »Nehmen Sie ihn in die Küche! Man muß ihn waschen!« befahl Antoinette. Das Mädchen nahm Peki auf den Arm. Er ließ sich alles ruhig gefallen und sah nur mit etwas melancholischem Blick herüber, ehe er unter der Salontüre verschwand.

»Willst du nachher Musik hören?« fragte Antoinette, »oder wollen wir noch ausfahren? Hast du nicht das Automobil bestellt?«

»Ja –« antwortete Hugo, »aber erst um zehn Uhr!«

»Warum so spät?«

»Ich bin doch schon oft in der Nacht gefahren.«

»Ja, ja,« sagte sie ungeduldig, »wenn ich mit darf, kann es die ganze Nacht sein ... Wäre es nicht wunderbar, so eine ganz mondhelle Nacht Automobil zu fahren? Das haben wir noch versäumt.« Sie sah ihn mit erregten, glänzenden Augen an. »Glaubst du nicht, daß wir bisher noch soviel versäumt haben?«

»Kann schon sein,« lächelte er matt. Sie schien irgend etwas anderem nachzudenken. Sie sah seine Verwirrung nicht.

Plötzlich sagte sie: »Du hast heute so ein müdes Gesicht, woher kommt das?«

»Ich habe viel gearbeitet, und das mit Friedrich war doch sehr anstrengend.«

»Du solltest zu Bett gehn, dich auszuruhen, verstehst du? Und von Samstag zum Sonntagabend machen wir dann eine große Tour, gefällt dir die Idee nicht?«

»Oh doch,« sagte er stiller, »aber weißt du, der Chauffeur ist jetzt auf zehn bestellt.«

»Du kannst doch in die Garage telephonieren?«

»Du mißverstehst mich ... es ist nicht direkt Müdigkeit, was in mir ist, eher Nervosität, und da tut mir die Nachtluft immer am besten. Ich schicke dann den Franz heim und fahre selbst. Nur eine Stunde lang. Du brauchst aber nicht auf mich zu warten. Das tut dem Motor auch gut, wenn er sich wieder mal tüchtig auslaufen kann ...«

»Wie du meinst,« Antoinette hielt plötzlich zu essen inne, »weißt du, woran ich heute abend gedacht habe?«

»Nein ...«

»An den Sommer; hast du dir schon überlegt, wo wir hinkönnen?«

»Nein, noch gar nicht.«

»Mir hat Klara eine Adresse von einem kleinen holländischen Seebad gegeben. Ein ganz kleines Nest soll es sein, aber reizend. Die Kirchgrabers wollen auch hingehen. Es ist gar nicht teuer. Klara sagte, sie müssen sparen, die Geschäfte gehen so schlecht.«

»Ja, sie gehn wirklich schlecht, es lohnt sich kaum mehr zu arbeiten ...« Hugos Stimme klang bedrückt, melancholisch.

»Jedermann verliert Geld. Hast du auch schon verloren?« fragte sie aufmerksam.

»Ja, aber es ist nicht schlimm, und dann ist es ja bei einem so großen Betriebe auch ziemlich schwer, ganz hineinzusehn ...« er brach ab. Es gab eine kleine Pause. Hugo hatte den Eindruck, als ob sie irgendwie darüber nachsänne.

»Hör mal, ist es denn nicht sehr gefährlich, wenn man nicht ganz hineinsieht?« Sie schaute ihn nachdenklich, wie über einer bangen Frage, an.

Hugo raffte sich auf und sagte: »In den großen Zügen kann man sich natürlich schon Rechenschaft geben, aber im einzelnen – siehst du, bis man viel gewinnt, muß man viel riskieren, und ob die Kalkulationen der Ingenieure in der Praxis dann immer soviel einbringen, das ist eben nie ganz vorauszusehn.«

Antoinette sagte: »Ich bin eigentlich immer ein bißchen stolz darauf gewesen, daß du einem so großen und so modernen Unternehmen vorzustehn die Kraft hast ...«

Er lachte: »Imponiert dir das?«

»Ja, weißt du, einen Mann, der nicht arbeitet, der auch kein Talent hat, könnte ich nicht respektieren.«

»Aber wenn du ihn sehr liebtest?« wandte er ein.

Sie überlegte und sagte dann einfach: »Einen solchen Mann liebte ich kaum. Das gehört doch eigentlich zu einem Mann, daß er etwas ist, findest du nicht?«

»Liebes Kind,« antwortete Hugo, »es ist oft sehr gefährlich, etwas zu sein. Und es kann einer wider seinen Willen in eine Position kommen, der er nicht gewachsen ist, und das rächt sich dann eben.«

»Ja schon,« gab sie zu.

»War ich denn überhaupt etwas, als wir heirateten?«

»Du hattest doch schon Automobilrennen gewonnen, warst bekannt, und weißt du noch, als wir eines Abends noch spät bei Klara waren und du mich nach Hause begleitetest, da hast du mir alle deine Pläne von der Fabrik auseinandergesetzt. Das mit den neuen Motoren und all den Verbesserungen, die noch möglich wären. Du glaubst nicht, wie mich das im geheimen begeisterte ...«

»Daraufhin hast du mich geliebt?«

»Nicht daraufhin, aber ich hab' mich jedenfalls gefreut ...«

»Es war eine schöne Zeit damals,« sagte er fast enthusiasmiert, »alle diese Unternehmungen waren noch so jung, man arbeitete mit soviel Freude.«

»Es ist auch etwas herausgekommen,« konstatierte Antoinette ruhig.

»Was das anbetrifft, wollen wir noch abwarten,« protestierte Hugo zaghaft.

»Na, du brauchst dich nicht zu beklagen,« tröstete sie ihn. Er dachte: »Wenn sie eine Ahnung hätte, wie ungeschickt ich im Grunde gewirtschaftet habe. Wenn sie eine Ahnung hätte!« Er war aufgestanden, schritt auf der Veranda hin und her. Das Mädchen trug Erdbeeren auf. »Spiel mir etwas, ich habe so Sehnsucht nach Musik ...« Sie ließen alles stehn und gingen hinein. Er blieb an die Tür gelehnt stehn, sie setzte sich ans Klavier: »Was möchtest du hören?« fragte sie.

»Was du willst.«

Sie begann mit dem achten Präludio aus dem wohltemperierten Klavier. Wie eine große bittere Klage stieg die Melodie auf. Verhaltene Klänge von Arpeggien bewegt und auf stumpfe Schwermut gestimmt. Hugo starrte hinaus in den Garten, dessen Büsche in der Dämmerung grauer wurden. Ein starker Geruch von Lilien war plötzlich im Raum. Er war Hugo vorher gar nicht zum Bewußtsein gekommen. Jetzt aber empfand er diesen Duft wie etwas seltsam Süßes und Einschläferndes. Er schloß die Augen. Er überlegte: »Es ist heute ein Abend wie alle andern, die wir beide hier verlebt haben. Die Nacht kommt über den Fliederbüschen, vom Quai her tönen die Automobilsignale, der Mond wird bald über dem See stehn, und das Wasser wird ganz gelb sein ...« Aber er fühlte, wie jetzt das Neue, das Entsetzliche kam. Gleich einem feinen stechenden Schmerz ging es ihm durch die Brust. Um zehn Uhr wird das Automobil kommen,« dachte er weiter, »ich werde Franz nach Hause schicken, werde mir die Schlüssel zur Garage geben lassen ... aber dann ... aber dann ...«

Dazwischen hörte er wieder die Musik. Wie eine wohlig bewegte Last legte sie sich ihm aufs Herz. Es war ja alles so unendlich trostlos, aber wenn er jetzt genau hinhorchte, so strömte doch etwas wie ein Überwinden hinein ... etwas fast Himmlisches, das gewiß größer war als diese Verzweiflung.

Er drehte sich herum. Er sah Antoinettes feine schmale Finger über die Tasten gehen. Die Perle an ihrer linken Hand leuchtete bezaubernd weiß. Ihre Locken an den Schläfen hatten sich etwas gelöst. Im elektrischen Licht der Klavierlampe schimmerten sie flachsbleich.

Jetzt dachte er erst daran und ganz unentrinnbar sah er es vor sich, daß er morgen nicht mehr leben würde. Und doch lag so gar nichts von einer Katastrophe in der Luft. Der Abend war so lau, Antoinette so schön, und nur die Musik hatte etwas Unheimliches und Beklemmendes. Warum sie aber auch mit Bach begonnen hatte ...

»Sie würde mich verachten,« klang es in ihm weiter, »sie würde nie verstehn, daß ich eine große Rolle spielen wollte, der ich nicht gewachsen war. Nur als einen ganz schlechten Komödianten würde sie mich noch ansehn.« Ja, so hatte er sie auch immer verstanden. Das war ihr Charakter. Sie war stolz auf ihn und hatte so wenig Ursache. Aber wenn er in diesem Unglücksfall umkam, wenn Friedrich ihr nachher bewies, daß bei Liquidationen moderner Unternehmungen immer Geld verloren geht, wie sollte sie da auf die Spur kommen ... es blieb ja genug für sie übrig. Und, wenn sie schließlich in spätern Jahren einmal den Sachverhalt ahnte ... hatte er dann nicht in ihren Augen gebüßt?

Sie war aufgestanden: »Und jetzt?« fragte sie. Sie kam näher. Er küßte sie auf beide Augen.

»Mozart«, sagte er. Sie begann mit dem Klavierkonzert in D-Moll. Tapfer setzte sie mit dem Orchesterpart ein, wo die Bässe grollend, wühlend gegen die Synkopenmelodie anspringen. Er trat hinter sie. Es war, als ob über dieser Musik ein Strahl von Licht durch sein Herz ginge. Er legte ihr beide Hände auf die Schulter, wie wenn er den Jubel, der in ihrem Körper bebte, in seine Nerven aufnehmen könnte.

»Wie schmal, wie kindhaft ihre Schultern sind,« dachte er plötzlich. Er beugte sich über sie. Sein Atem streifte ihren Hals. Sie hielt zu spielen inne.

»Komm,« sagte er fast heiser. Dann lachte er plötzlich. »Wir wollen doch die Erdbeeren essen!« Sie wollte ihm folgen, da drehte er sich um, umschlang sie, hob sie hoch und trug sie zum Diwan. Sorgsam bettete er ihren Kopf in die Seidenkissen: »So, jetzt bleib still,« befahl er. Er lief hinaus, schöpfte sich einen Teller voll Beeren, schüttete Zucker, Schlagrahm darüber, der fast so kühl war wie Eis. Dann kam er, setzte sich zu ihr. Sie lehnte ihren Kopf an seine Brust und er schob ihr die roten, wie von Blut und Schnee schimmernden Beeren in den Mund, Löffel um Löffel voll. Sie lachte, zeigte ihre Zähne, aß wie ein Kind. »Ich habe genug,« sagte sie plötzlich. Sie hatte fast schläfrige Augen. Sie lehnte den Kopf zurück, schaute ihn aus halbgeschlossenen Lidern mit einem matten Blick an. Er starrte auf ihren Mund. Alle Schönheit und Begier schienen um ihre schmalen, roten Lippen gesammelt.

Sie spitzte ihren Mund: »Komm, küsse mich!« raunte sie weich, lässig, wie ein Kind, dem ein Wunsch erfüllt werden soll. Die Erregung stieg ihm ins Gesicht, in die Augen. Er neigte sich zu ihr nieder. Es war, als ob er alles Leben aus ihren Lippen in die seinen saugen wollte. Sie waren beide ganz außer Atem. Sie hörten von einer Uhr zwei Schläge. »Es ist halbzehn,« überlegte er, »noch eine halbe Stunde,« zuckte es durch sein Gehirn.

»Du wirst bei mir bleiben,« bat sie. »Du wirst nicht fortgehn.« Er schaute sie verblüfft an, als sei es etwas ganz Widersinniges, daß sie diese seine Gedanken erraten hatte.

»Ich ... werde dableiben,« sagte er wie abwesend und hielt über dem letzten Wort den Mund noch offen. Es war ihm jetzt, als ob er die Kraft dafür nie aufbringen könnte. Wie konnte er sterben? Wie konnte er dieses Weib einem anderen zurücklassen? Eine schmerzhafte, brennende Eifersucht überfloß wie ein Fieberschauer seinen Körper.

»Mir ist, als hätte ich dich noch nie geliebt wie heute ...« sagte er leise. Er mußte die Augen schließen. Er bebte, als ob ihn eine Ohnmacht überkäme.

Sie richtete sich auf, umschlang ihn mit ihren schlanken Armen und küßte ihn wieder.

Er machte sich los. Er fühlte, wie er von Augenblick zu Augenblick mutloser wurde.

»Auch mir ist es wie ein Rausch ...,« sagte sie plötzlich, als ob sie auf sein letztes Wort jetzt nachträglich noch antworten wollte.

»Aber wir haben uns eigentlich immer so geliebt, während unserer ganzen Ehe,« hob er wieder an, »findest du nicht?«

Sie sann. »Ja,« sagte sie, »aber es war doch nicht immer so stark in uns, oder?«

Er schaute sie an. Sie sah mit ihrem nachdenklichen klugen Mädchengesicht vor sich hin. Er überlegte: »Vielleicht würde sie doch alles verstehn, vielleicht würde ich dann in der Armut, in der Not eine ganz neue Frau in ihr kennen lernen ...« Zugleich fühlte er, wie sinnlos dieser Gedanke und dieser Ausweg war. »Menschen, die nicht für die Armut geboren sind, sterben daran,« sagte er halblaut wider seinen Willen.

»Was sagst du?« fragte sie.

»Ich rede wie im Traum,« erklärte er. Ja, sie würde sterben, er müßte sich wie ein Verbrecher vorkommen. Hatte er nicht vor der Welt und seinem Gewissen die Pflicht auf sich genommen, ihr Leben lang für sie zu sorgen? Ihr diese Existenz zu geben, die sie ihrer Natur nach verlangte? Wie konnte er sich feig dieser Pflicht entziehen?

Er hatte beide Hände an ihre Schläfen gedrückt, er fühlte ihre Locken wie ein sanftes Gekräusel unter seinen Fingern, er sah ihr ganz nahe in ihre Augen und sagte halb zu ihr, halb zu sich selbst: »Ich werde immer für dich da sein ... immer ... Liebling!« schrie er fast auf.

»Daß sie leben kann, muß ich sterben,« sagte ihm zugleich sein Gehirn, wie etwas Unwiderrufliches. Er senkte den Kopf. Er fühlte einen schweren drückenden Schmerz im Genick.

Er dachte: »Wenn mich jetzt der Schlag treffen würde, daß ich schmerzlos zu ihren Füßen hinsänke, wie dankbar wollte ich dem Schicksal sein. Aber es wird mir nichts erspart werden. Gar nichts.«

»Du siehst wirklich müd aus,« hörte er ihre Stimme.

»Nein,« antwortete er, »die Nachtluft wird mir wohl tun.«

»Du willst also doch fort?« fuhr sie auf.

»Mißversteh mich nicht,« bat er, »ich werde sofort zurück sein, du kannst sogar auf mich warten.«

»Warum darf ich denn nicht mitfahren?« fragte sie eigensinnig.

»Das nächste Mal,« lächelte er matt, »kleine Kinder müssen schlafen gehn, nicht?«

»Du bist nicht lieb ...,« konstatierte sie.

»Bist du mir böse? ...«

»Ich weiß es nicht?« sagte sie etwas kühl und sah an ihm vorbei.

»O du kleines Geschöpf,« lächelte er, »jetzt machst du deinen Trotzkopf ... darf ich dich um etwas bitten?" Er fragte mild, fast flehentlich.

Sie fuhr über diesem Tone auf: »Warum?«

»Daß du mir nicht zürnst, denn ich möchte heute so gut zu dir sein, glaubst du mir das?«

Sie hatte ihm aufmerksam zugehört. Es war etwas in seiner Stimme, das sie nachdenklich machte, fast etwas Mysteriöses, dem sie sich unwillkürlich beugte.

Sie blieben jetzt lange still. Er hatte ihre rechte Hand genommen und strich ihr ganz sanft über den Handrücken, als ob er alle Zärtlichkeit in diese Bewegung legen könnte.

Sie sagte: »Ich werde auf dich warten.«

»Ja, das darfst du ...« antwortete er. Er schaute auf die Uhr. »Franz sollte schon da sein,« konstatierte er. »Wenn Franz nicht käme, müßte ich zu Fuß zur Garage gehn,« überlegte er. Und fast zu gleicher Zeit: »Wenn ich jetzt ein Wort fände oder eine Bewegung, die ihr alle Liebe zeigen könnte ... alle Liebe!« Aber er fand das Wort nicht, so sehr er sich auch anstrengte. Sein Gehirn schien ihm unendlich müd und leer. Er empfand plötzlich eine tiefinnerste Lust, sich einfach hinzulegen und zu schlafen. Aber das war ja nicht möglich.

Und dann sah er den Viadukt. Diese großen, grauen Steinquadern. Auf der rechten Seite der Straße mußte er daherkommen, dann im letzten Moment das Steuer abdrehen. Er dachte: »Es wird ein Schlag sein, wie wenn mir ein Stein ins Gesicht flöge ... mitten ins Gesicht.« In solchen Fällen war man meist gleich tot. Er erinnerte sich an eine Katastrophe, wo das Steuer gebrochen war. Ein Herr und eine Dame waren verunglückt, die Dame war sofort tot, der Herr lebte noch einen Tag, der Chauffeur aber hatte unter dem Wagen gelegen und war ganz verkohlt.

Hugo dachte alles kühl und klar zu Ende. Aber er glaubte dennoch nicht daran. Irgend etwas gab ihm Hoffnung. Irgend etwas in ihm sträubte sich, an die Hoffnungslosigkeit zu glauben.

»Daß Franz nicht kommt,« sagte er wieder. Aber er war froh, daß er noch nicht da war, daß alles noch hinausgeschoben schien. Er dachte an ähnliche Fälle, da einer vor dem Ruin stand und nachher Verwandten zur Last gelebt hatte. Aber er hatte ja keine Verwandten, die ihm hätten helfen können, und selbst, wenn ihm jemand neuen Kredit hätte verschaffen wollen, wie hätte er die Sachkenntnis, die Talente sich aneignen sollen, um das Unternehmen so zu gestalten, daß das Verlorene wieder einzubringen war? Ein wirklicher Geschäftsmann hätte ihm ja gewiß auch nicht zu dieser Fabrik geraten. Was ihn selbst daran gereizt hatte, waren Versuche, Dinge, die ausprobiert werden konnten. Aber solche Experimente brachten doch kein Geld. Warum hatten sich denn die Banken von Anfang an so skeptisch gezeigt? Man betrachtete ihn allgemein als einen scharmanten Dilettanten. Man hatte auch sein Vermögen überschätzt.

Er starrte wieder Antoinette in die Augen. Sie schien ihm jetzt blaß und matt zu sein: »Fühlst du dich unwohl?« fragte er.

»Es ist gut, wenn wir bald aufs Land gehn, das wird mir wieder Farbe geben,« sagte sie.

»Ja, das müssen wir.« Sie sprachen jetzt vom Meer, von dem kleinen Nest in Holland, wohin sie gehen wollten. Hugo diskutierte ganz ernsthaft alle die Fragen, die mit dieser Reise zusammenhingen. Im September fuhr man dann vielleicht für zwei Wochen nach Bellagio ... Antoinette ereiferte sich mit ihrem ganzen Temperament. Hugo erwärmte sich auch und es schien ihm jetzt für Momente, als ob das alles doch noch ganz wohl möglich wäre.

Da tönte die Hupe.

»Er ist da ...« sagte Antoinette, »geh schnell, daß du in einer Stunde zurück bist ...«

Er war aufgestanden, aber er rührte sich nicht vom Platz. »Auf was wartest du noch?« fragte sie.

»Auf nichts ... auf gar nichts ...« sagte er. Er errötete wie ein Knabe und wandte sich nach der Veranda, daß sie sein verlegenes Gesicht nicht sähe. Ganz mechanisch nahte er sich dem Tisch, nahm eine Weinflasche und neigte sie, trotzdem er wußte, daß kein Tropfen mehr drin war, über sein Glas. Er empfand jetzt genau, wie schwach er war. Nicht einmal zum Lügen hatte er Kraft. Vielleicht war es doch gut, wenn er jetzt ging. Sonst lief er noch Gefahr, sich zu verraten.

Er gab sich einen Ruck: »Ja ... es ist Zeit ...,« sagte er ruhig, kühl. Aber er kam nicht von der Stelle fort. Sein Herz klopfte unbändig. Er empfand jeden Herzschlag im Halse. »Himmlische Einfalt ... wenn ich nicht die Kraft hätte,« durchbebte es ihn. Konnte es denn jetzt so weiter gehn? Mußte nicht etwas Unerwartetes, Wunderbares, Grenzenloses eintreten? Konnte man denn so Abschied voneinander nehmen? War es nicht entsetzlich, gefühllos, banal?

Er stand immer noch unter der Verandatüre. Er sagte plötzlich und zusammenhanglos: »Ich glaube, morgen gibt es schönes Wetter.« Er schaute zum Nachthimmel auf mit einem langen, prüfenden Blick.

Warum sperrte er sich denn? Er ballte die Hände. Warum stand er nicht schon draußen?

Wieder tönte die Hupe. Hugo sagte ganz erregt: »Der Esel meint, man hätte ihn nicht gehört. Es ist entsetzlich, wie unverschämt heutzutage die Dienerschaft wird.«

»Wie meinst du?« fragte Antoinette, die wieder am Klavier stand.

Er antwortete nicht. Es war ja Unsinn, was er da eben gesagt hatte. Konnte denn Franz etwas dafür, daß er, sein Herr, sich in dieser Nacht noch das Gehirn einrennen mußte?

»Spute dich, Liebling,« hörte er wieder Antoinettes Stimme.

»Du willst mich mit Gewalt draußen haben?« ärgerte er sich plötzlich. Sie drehte sich erstaunt um. Er sah an ihr vorbei. Er konnte ihrem Blick nicht begegnen. Er kam sich vor wie ein Betrüger.

»Was ist mit dir?« fragte Antoinette, »ich will ja nur, daß es nicht zu spät wird.«

»Natürlich ... natürlich ...« er knöpfte den Rock zu. Er war jetzt bereit ... es war ja auch die höchste ... allerhöchste Zeit.

»Du ...« bat er und hielt inne. Sein Gesicht mußte ihr jetzt doch seltsam verwandelt vorkommen. Er sah wie ein leises Erstaunen in ihren Zügen blitzen. »Was ist?« fragte sie.

»Also in einer Stunde ...« sagte er. Er dachte: »Ich sollte jetzt vielleicht vergnügt sein und lächeln. Auf der Bühne würde man in so einem dramatischen Moment lächeln.« Aber er hatte Angst vor der Grimasse, die über sein Gesicht huschen würde.

Sie kam jetzt auf ihn zu, schlang ihre Arme um seinen Hals. Sie mußte auf den Fußspitzen stehn, um seine Lippen zu erreichen.

»Schließ die Augen ...« bat er leise.

Er küßte sie, als ob er sie töten wollte, er hielt sie in seinen Armen, als ob ihr schlanker Körper zerbrechen müßte, sie verzog ihr Gesicht, als ob sie aufschreien möchte. Und dennoch ... als sie ihre Augen wieder öffnete, hatten ihre Pupillen jenen verwirrten, flirrenden Glanz, der ihn ganz hilflos machte.

»Liebling,« stöhnte er.

»Geh!« raunte sie, »komm bald wieder.« Er zitterte. Hatte ein Weib eine stärkere, sinnlichere Gewalt der Verführung? Hatte je eine Stimme auf Erden verheißender, lockender getönt?

Aber er ging hinaus. Im Korridor hatte das Mädchen halb eingeschlafen auf einem Stuhl gesessen. Sie half ihm in den Überrock. Währenddessen sah er ganz deutlich Antoinette, die nach dem Klavier zurückschritt. Auch er hatte sich nicht mehr umgedreht. Hätte er sie nicht noch einmal sehen sollen? Um sich ihr Bild für die letzte Minute ... für die letzte Sekunde, da er alle Kraft nötig hatte, einzuprägen?

Während er die Treppe hinunterschritt, wurde ihm plötzlich merkbar wohler. Er war jetzt doch in irgendeiner Bewegung. Dieses Zaudern war zuletzt ganz unerträglich gewesen.

Franz stand da und drehte den Motor an. Hugo ging dem Haus entlang, um die Ecke, bis er zwischen zwei Häusern durch auf die Veranda sah. Er gewahrte einen schwachen Lichtschein, hörte Klavierspiel. Es klang wie eine Etüde von Chopin.

»Sie können nach Hause gehen!« sagte Hugo. Franz nickte und grinste. Das gefiel ihm offenbar. Franz war verheiratet und wohnte unweit der Garage.

»Soll ich den Herrn erwarten?« fragte er.

Hugo besann sich. Er zögerte absichtlich mit der Antwort: »Wenn Sie wollen ... ich kann ja zwar den Wagen auch allein in die Garage bringen ...«

Franz grinste wieder und sagte: »Jawohl ...«

Hugo fuhr langsam an. Er wandte sich nach dem Quai und von dort auf die Straße. Die Nachtluft war kühl, der Motor zog gut. Auch Hugo wurde der Luftstrom im Gesicht zu einer Erleichterung.

Er fuhr jetzt ziemlich langsam dem See entlang. Die Straße war etwas auf der Höhe. Der Bahndamm war näher am See und tiefer gelegen. Rings waren Villen an den Hängen, in Gärten versteckt. Er kannte das alles so genau und dennoch sah er sich mit seltsam neugierigen Augen um. Der Mond stand so klar am Himmel, daß die Landstraße wie ein gelbes, breites Band vor dem Automobil herlief.

Auf dem See zog der Vergnügungsdampfer, mit Lampions behangen, der Stadt zu. Eine Militärmusik spielte auf dem Promenadedeck.

Hugo schaltete die zweite Geschwindigkeit ein. Er wollte den Wagen allmählich auf seine höchste Schnelligkeit bringen. Bei der dritten Geschwindigkeit gab er bei kühler Temperatur neunzig Kilometer.

Er dachte jetzt eine Weile gar nicht an das, was kommen sollte. Die Freude am Sport, am Fahren erregte sein Temperament. Die Straße war für die frühe Nachtstunde merkwürdig leer. Ein Fuhrwerk kam ihm entgegen ... Es war ein leerer Wagen. Der Fuhrmann saß auf der Wagenbrücke. Eine scharfe Biegung zeigte sich. Hugo schaltete den Motor aus, bremste, der Gleitschutz der Hinterräder sprühte Feuer, während es den Wagen herumriß, dann stob er mit der dritten Geschwindigkeit weiter.

Hugo empfand, wie sein Blut in Wallung kam. Er liebte es über alles, so scharfe, fast rechtwinklige Kurven mit todesgefährlichen Wendungen zu nehmen, wo die Dauer eines Atemzuges entschied. Er hatte diese halsbrecherischen Drehungen im Gefühl, er kannte die Gefahr, aber er überwand sie instinktiv. Das hatte ihm seinen Ruf als Sportsmann gemacht, eine große, eher aus dem Gefühl, als aus Überlegung geborene Kaltblütigkeit. Er vermochte das Äußerste zu wagen, weil er nie die Fassung verlor. Das war seine besondere Gabe. Er fuhr durch ein Dorf, ein Hund kam aus dem Dunkel auf den Wagen zugeschossen und lief bellend hinterher. Unten auf dem Bahngeleise erschien ein Zug. Es waren erst nur zwei ferne Lichter, dann kam es näher, die Helle aus den Wagenfenstern floß zu einem einzigen weißen Strich zusammen. Er war jetzt zehn Minuten gefahren.

Mit dem Gedanken an die Zeit tauchte plötzlich wieder das Ziel in seiner Vorstellung auf. Er sah den Viadukt. Ein kühler Kitzel kroch ihm über den Rücken. Er wußte jetzt auch, daß er es das erstemal nicht vermöge, daß es einen entsetzlichen, harten Kampf kosten würde. Er sah es voraus.

Er fuhr auf einmal ganz langsam. Die Angst überfloß ihn. Er wollte sich nicht Rechenschaft geben, aber er war froh um jede Minute, um die das Ziel noch hinausgeschoben war.

»In einer Viertelstunde werde ich gegen eine harte Steinwand fliegen,« durchbebte es ihn, »das Gesicht wird ein Brei sein und alle Glieder werde ich brechen ... lieber Gott, wenn ich nur gleich tot bin ...« Es war ihm, als müßte er jetzt aussteigen, als müßte er alles, was es noch zu überlegen gab, ruhig überdenken, und wenn er dann die Kraft hatte, die letzte Kraft, dann durfte es keine Minute mehr dauern ... dann müßte es in Sekunden geschehen.

Wieder fuhr er durch ein Dorf. Da war ein Wirtshaus mit einer Steintreppe. Leute standen darauf und sahen dem Wagen nach. Sie hatten ihn offenbar erkannt. Man kannte ihn ja in der ganzen Gegend. Diese alle würden vielleicht am kommenden Tag sagen: »Wir haben ihn noch eine halbe Stunde vor der Katastrophe gesehen, aber er fuhr ganz langsam durch das Dorf ...« Das würde gewiß auch in den Zeitungen stehen.

Man ist meist sofort tot, gingen seine Gedanken weiter, aber es gab doch schon Fälle, wo Menschen noch eine Stunde, noch einen halben Tag lang gelebt hatten. Er erinnerte sich plötzlich, vor einigen Tagen in einer französischen Zeitung von einem Verunglückten gelesen zu haben, der beim Transport zum Spital starb. Er hatte noch die Kraft zu wünschen, daß man seine Frau, die krank war, von seinem Unglücksfall nicht benachrichtigen sollte.

»Ich kann vielleicht eine Stunde und länger unter den Trümmern des Wagens liegen ... das Gesicht voll Blut ... und noch atmen ...« Hugo sah plötzlich, wie in der Ferne etwas gleichsam aus dem Dunkel aufstieg und sich über die Straße wölbte ... er hielt den Atem an. Er schaute starr. Ein Würgen kroch ihm in den Hals. Dann hielt er den Wagen an.

Er starrte hinüber wie ein Verurteilter nach der Guillotine sieht. Dann überkam ihn plötzlich eine wahnwitzige Vorstellung. Er dachte: »Wenn ich noch weiter ... wenn ich unter den Brückenbogen durchführe, dann wäre meine Kraft paralysiert. Ich muß hier bleiben, bis ich ganz entschlossen bin. Die Distanz vor mir beträgt dreihundert, vielleicht zweihundert Meter. Ich kann auf dieser Strecke zu voller Geschwindigkeit kommen. Dann muß ich es vollbringen.«

Eine Weile saß er regungslos. Seine Hände umkrallten das Steuer. Sein Körper zitterte leise unter der Vibration des leerlaufenden Motors. Eine ganz schreckliche Ratlosigkeit überfloß ihn. Die Straße war leer. Das kam ihm sonderbar vor. Und doch war er froh darüber. Wenn jetzt jemand käme. Man würde es doch seltsam finden, daß er mit dem Automobil ganz ohne Grund mitten auf der Straße stand.

Da begann der Takt des Motors auszusetzen. Die Zündungen kamen ruckweise, unregelmäßig. Dann stand er still. Hugo sah entgeistert und müd zum Nachthimmel auf. Was hatte er auf Erden verschuldet, daß er dieses Entsetzliche erleiden mußte? Aber selbst in seiner Phantasie rechnete er kaum mehr auf die Möglichkeit einer Rettung. Die Vorsommernacht war ziemlich kühl. Er hatte nur einen leichten Staubmantel um und es begann ihn zu frösteln. Nur vom See her stieg eine laue Strömung auf. Es war als ob das Wasser das Sonnenlicht das es den Tag über aufgesogen, in einem warmen Hauche wieder von sich gäbe.

Fernher kam ein Rollen. Es war ein Automobil, dem Geräusch nach ein schwerer Wagen. Hugo stieg von seinem Sitz herunter. Er dachte erst den Motor anzukurbeln. Aber das hatte doch keinen Sinn. So öffnete er nur das Motorgehäuse und starrte aufmerksam hinein, als ob irgend etwas zu kontrollieren wäre. Er drehte der Straße den Rücken. Der Wagen sauste vorbei.

Hugo atmete auf. Es hätte geschehen können, daß die andern still gehalten, sich erkundigt, ihm Hilfe angeboten, im Glauben, daß er eine Panne habe. Während er jetzt um den Wagen herumschritt, hörte er Tritte. Ein Mann kam näher, der einen Steinkrug über die Schulter hängen hatte. Er war offenbar etwas betrunken. Direkt vor dem Wagen blieb er stehen, starrte eine Weile wortlos nach dem offenen Motorgehäuse und sagte dann: »Ja, ja, da kommt man zu Fuß oft noch schneller nach Haus als mit dem Automobil.«

Als ihm Hugo keine Antwort gab, brummte er und ging weiter. Hugo war die Gegenwart des Betrunkenen fast als eine Wohltat vorgekommen. Nicht als ob ihn seine Stimme entzückt hätte, aber solange jener jetzt vor ihm auf der Straße war, konnte doch nichts geschehen.

Er fühlte deutlich, wie feig er im Grunde war. Aber er wußte auch, daß er sich in einem Zustand befand, den er überwinden konnte.

Er dachte plötzlich an die beiden Versicherungspolicen. Er hatte sie in den Schreibtisch gelegt, oder waren sie bei den Akten liegen geblieben? Aber Friedrich würde sie gewiß sofort finden. Er war unendlich froh, daß er diesen Freund hatte. Er würde gewiß am Morgen antelephonieren. Vielleicht war aber um jene Zeit das Gerücht vom Unglücksfall schon in der Stadt verbreitet. Wenn er noch vor Mitternacht gefunden würde, dann ... der Atem stockte ihm plötzlich. Er sah etwas Schreckliches. Wenn er nicht tot, sondern nur zum Krüppel geschunden in das Spital gebracht würde, wenn er dann nicht mehr die Möglichkeit hätte, sich das Letzte anzutun? Wie entsetzlich konnte das werden. Er dachte nicht an die Schmerzen, sondern an eine lange Ohnmacht, aus der er in einem Spitalbett erwachte. Antoinette neigte ihr schönes, junges Gesicht über das seine, das verstümmelte, und er mußte nach aller Not dieser Nacht entsetzt wieder zum Leben erwachen.

»Lieber Gott, nur das nicht!« stammelte er. Sein mageres, glattrasiertes Gesicht mit den merkwürdig verwitterten Partien um die Augen hatte einen erschreckend naiven Zug bekommen. Wie entsetzlich unsicher diese Existenz war. Noch im Tode mußte er sich ganz dem Zufall anvertrauen.

Antoinette wachte jetzt noch. Er sah auf die Uhr. Es ging auf dreiviertel elf. Er war also kaum ein paar Minuten auf diesem Platze. Wie sie jetzt zu Hause auf ihn wartete, mit brennender, nervöser Ungeduld. Antoinette verstand alles, nur nicht zu warten. Sie würde über sein Ausbleiben in hellen Zorn kommen; aber nie dachte sie an das, was geschehen mußte.

Es tat ihm wirklich wohl, daß er es für sich und als ein Geheimnis hatte behalten können.

Er schloß wieder das Motorgehäuse und kurbelte an. Er fuhr jetzt doch vorwärts, aber ganz langsam. Er gab sich kaum Rechenschaft darüber, was er in diesem Augenblicke tat. Plötzlich war er mitten unter dem Rundbogen des Viaduktes. Der Widerhall tönte hohl. Nun fuhr er wieder langsam auf die Straße und jetzt kam ihm wie in einer Vision die Stelle zum Bewußtsein, an der er scheitern mußte ... Da war die Steinmauer auf einem Raum, der nicht breiter war als ein Meter, in die Straße hineingebaut. Hugo sah ganz deutlich die grauen Quadern.

Er beugte sich auf das Steuer, schob die zweite Geschwindigkeit ein. Er war wie auf der Flucht. Häuser tauchten auf. Er kam wieder in ein Dorf. Mitten auf einem Platz war ein Brunnen. Hugo fuhr um den Brunnen herum und auf dem Weg, den er gekommen war, zurück.

Seine Gedanken waren jetzt nur bei Antoinette. Der Abend, den er mit ihr verbracht hatte, schien ihm unendlich weit zurückzuliegen. Es kam ihm vor, als lebte er schon jetzt in einer ganz anderen Welt. Zugleich empfand er eine grauenhafte Leere in seiner Brust. Irgend etwas hätte er ihr noch sagen, durch irgendein Wort ihr noch ausdrücken müssen, mit welch furchtbarer Gewalt des Gehirns, des Herzens, und welcher betäubenden Sehnsucht seines Blutes er an ihr hing. Aber er war dann ja ganz still weggegangen. Er sah Antoinette wieder zum Klavier zurückgehen. Sie war ganz ahnungslos gewesen. Aber hätte er sich nicht noch einmal umdrehen, sie noch einmal in seine Arme nehmen sollen?

Vielleicht hätte er dann das Wort gefunden. Aber wäre es ihm eine Erleichterung gewesen?

Wieder tönte das Echo hohl. Ach ja ... da war ja der Viadukt. Er war jetzt fast ohne einen besonderen Gedanken, sondern gewohnheitsgemäß, wie er diesen Weg schon hundertmal gemacht hatte, darunter durchgefahren. Er überlegte: »Wenn ich jetzt noch einmal nach Hause führe, die Straße langsam überquerte, dann könnte ich vielleicht noch das Licht in ihrem Schlafzimmer sehn. Dann wäre ich noch einmal näher bei ihr.«

Ja, das wollte er tun, aber es mußte die letzte Grenze sein, die letzte.

Wie in einem mächtigen Jubel hastete er zurück. Nacheinander kamen ihm drei Automobile entgegen. Er fuhr mit großer Schnelligkeit. Der Wind pfiff ihm ins Gesicht, gespensterhaft sausten Villen, Gärten, Dörfer an seinem Auge vorbei. Wie in einem wilden Kampf stürmte er gegen die Stadt. Seine Brust wölbte sich in einem wohligen Behagen. Er vergaß den Tod, die Angst über diesem Lauf, bis er in die große Allee am Quai einbog. Langsamer fuhr er weiter, lenkte in die Straße ein. Die ganze Fassade des Hauses war dunkel.

Er war enttäuscht. Sie hatte also nicht gewartet, sie schlief schon. Oder war sie noch im Salon? Er fuhr in die Nebenstraße, hielt an, richtete sich auf, aber die Veranda war dunkel.

Durch Querstraßen kam er wieder in die Allee. Er war entgeistert. Mutlos. Wenn er nur das Licht gesehen hätte. Was wäre es ihm für ein Trost gewesen. Er wurde mißtrauisch, eifersüchtig. Ein stechender Schmerz brannte ihm in den Schläfen.

Er fuhr jetzt wieder auf der Landstraße. ›Warum hat sie nicht gewartet?‹ quälten ihn seine Gedanken. Da sah er sie plötzlich mit offenen Augen im halbdunkeln Zimmer liegen, von tiefer schmerzender Sehnsucht durchbebt. Beide Hände hatte sie unter den Kopf gelegt, den Blick starr gegen die Decke gerichtet, in die die Helle von der Straße her einen blassen silbernen Saum malte.

Und auf einmal sah er sie am Kap Martin auf einer Hotelterrasse sitzen. Es war Januar und die Luft dennoch mild und warm. Das Meer lag wie tiefblaue Changeantseide und die Palmen im Garten standen regungslos und mit starrer Schwere. Der Schein der Sonne aber war so weiß wie ein Kristall. Und in diesem Sonnenfeuer war Antoinette in einem weißen Kleid mit einem großen Hut mit gelben Rosen. Sie lag auf der Chaiselongue ausgestreckt und schlürfte Eiskaffee mit einem Strohhalm.

Und Hugo saß vor ihr, fächelte ihr mit einem japanischen Fächer Kühlung zu und war dabei von einem so weichen schläfrigen Glück erfüllt, das ihm nichts auf dieser Erde mehr diesen Zustand ändern zu können schien. Sie waren dann wieder hinunter nach dem Strand gegangen ... oder vielleicht waren sie auch den ganzen Nachmittag bis gegen Abend auf der Terrasse sitzen geblieben. Jedenfalls aber zogen draußen auf der blauen Flut ein paar dunkle große Panzerschiffe des französischen Geschwaders vorbei, und Hugo war es so seltsam vorgekommen, was in dieser Welt des Friedens und des heißen blauen Lichtes, diese grauen, düsteren Kolosse für einen Sinn haben sollten.

Hugo hatte dies vor zwei Jahren erlebt. Er schaute es jetzt aber in einer solchen Ferne, als läge eine Unendlichkeit zwischen jenem und dem heutigen Tag. Aber Antoinette würde im kommenden Winter gewiß wieder nach dem Kap Martin kommen oder vielleicht nach Beaulieu, was ja alles möglich war. Vielleicht ruhte sie sich von all dem Schweren erst an den oberitalienischen Seen aus. Hugo war sich nur nicht klar, ob ihr Schwarz stehen würde, denn er erinnerte sich nicht, sie in dieser Farbe gesehen zu haben.

Wenn er aber in seinem Leben bescheiden geblieben wäre, wenn nicht diese Rolle hätte spielen wollen, die ihm heute das Genick brach, dann hätte er glücklich sein können, heute wie am ersten Tag. Hatte er nicht gehandelt wie ein wüster Spieler? Hatte er denn die Nötigung gehabt, sich Geld zu erwerben? Nein, er hatte nur alles in einem seltsamen, verantwortungslosen Eifer aufs Spiel gesetzt. Hatte er ein Recht, über das heutige Resultat verwundert zu sein? Nein, er hatte es nicht.

Er stand jetzt mit dem Wagen wieder am selben Fleck, wo er vor einer halben Stunde mit sich gekämpft hatte. Er hatte dennoch instinktiv den Motor ausgeschaltet. Der Wagen stand still.

Hugo saß auf dem Sitz zurückgelehnt, starrte dann seitwärts in den Chausseegraben, schloß die Augen, hörte auf das Stampfen der Maschine. Die Schläge waren heftig und tapfer, als ob sie vorwärts drängten. Hugo suchte nach irgendeinem Wort, nach einem Bild, das ihm den Mut für die letzten Sekunden geben sollte. Wie eine Peitsche wollte er das auf sich fühlen, wie einen Stachel, der ihm ins Fleisch schnitt und ihn jagte ...

Er wartete, zählte die Atemzüge, aber es half nicht, er kam nicht vorwärts. Sein Wille war wie gelähmt. Mit den Händen umkrampfte er das Steuer, sein Mund ging wie über einer heißen, inbrünstigen Rede auf und zu. In seinen Augen lohte ein entsetzter, verzweifelter Glanz. Und, als ob er mit der dunkelsten Kraft des Schicksals redete, flehten seine Gedanken um ein Zeichen. Zusammengekauert saß er da, als ob ihn die Not seines Herzens zu einem Klumpen Elend geballt hätte. Auf seiner Brust lag es gelagert wie die Last eines Berges, in seinem Gehirn brannte es wie der Schmerz der ganzen Welt. Namenlos verlassen, die Verzweiflung wie Dornen im Fleisch, war er da einsam auf der Landstraße.

Und er selbst war schuld an diesem wahnsinnigen, erwürgenden, bitteren Kummer.

Da faßte ihn plötzlich eine schäumende Wut. Gegen sich selbst, gegen das Schicksal, gegen Gott und die Welt lehnte er sich auf. Mit einem Ruck schob er die große Geschwindigkeit ein und der Wagen begann zu rasen.

›Brav,‹ dachte er, ›brav, wie er läuft,‹ er biß sich auf die Zähne, kreischte heiser, als ob er auf einem Pferd säße, das er zu einem furchtbaren Sprung begeistern müßte. Sein Blut stand im Gesicht. Der Schweiß floß ihm über den Rücken. Wirre Schreie stieß er aus, die im Sausen der Maschine untergingen ...

Jetzt mußte es kommen ... hundert Meter vor sich sah er das Ziel ... Mut! Mut! flehte eine Stimme in ihm ... jetzt ... jetzt ... jubelte, jammerte sein Gehirn ... da griff seine rechte Hand nach dem Hebel, riß ihn zurück, der Wagen wollte sich bäumen, Steine flogen, Staub stob nach links und rechts. Die Gewalt riß den Wagen herum ... er stand quer in der Straße.

Hugo beugte sich atemlos über das Steuer. Ein gräßliches, würgendes Schluchzen brach ihm aus dem Hals. Er hatte es nicht vermocht, er hatte nicht die Kraft gehabt. Über das Steuer geneigt weinte er leise in seinem Zorn, in seiner Verzweiflung.

Hatte je ein Mensch einen so schweren Tod gehabt, hatte er es verdient, so entsetzlich zu leiden? Er war ganz geknickt. In der Ferne hörte er Geräusch. Er wollte den Wagen herumdrehen, aber er mußte erst ankurbeln ... dann fuhr er langsam zurück. Eine große Limousine holte ihn ein, schwere Lederkoffer lagen auf dem Dache der Karosserie.

»Kann ein Mensch, der bei gesunden Sinnen ist, sich umbringen? Kann er es?« ging's durch sein müdes gemartertes Gehirn. Man müßte krank sein zu solcher Tat. Man müßte irrsinnig sein, oder betrunken, oder von irgendeinem teuflischen Gifte verhetzt und wirr gemacht.

Aber er sah ja noch die Welt mit klaren Augen, seine Nerven empfanden die ganze laue Süße dieser Sommernacht ... und er mußte sterben, mußte all dies verlassen ... oh, wenn Antoinette nicht wäre, wenn er Talent, Kraft hätte, aber er war ein Mensch, ohne das Talent des Erwerbens, es lag nicht in seinem Blut ... er hätte sich geschämt, bitter geschämt, bettelarm zu sein, konnte er etwas dafür, daß es nicht in seiner Bestimmung lag? ...

Er war jetzt ruhiger geworden. Wie ein Pferd, das das Hindernis um jeden Preis nehmen soll, stellte er den Wagen wieder auf die Richtung ein. Eine Weile hielt er wieder lautlos still und horchte mit einem ganz kindlichen Gesichtsausdruck auf das Rauschen seines Blutes.

›Liebling ...‹ flüsterte er leise ... ›Liebling!‹ Sein Mund lächelte, sie würde ihm gewiß Mut machen, würde ihm helfen. Er sah sie vor sich auf dem Diwan liegen, er schob ihr die Erdbeeren in den Mund ... sie aß langsam und bedächtig wie ein Kind ... dann legte sie sich zurück ... er sah ihren Mund, diesen verzweifeltschönen Mund ... sie wölbte ihre Lippen, hob ein wenig den blonden Kopf und raunte leise, verlangend: »Komm ... du komm!« Er hörte diesen verschleierten Ton ihrer Stimme, der ihn so schwach, so erregt, so taumelnd selig machte.

Er griff an den Hebel. Der Wagen fuhr an. Als ob seine Lippen auf den ihren lägen, bog sich sein Mund. Verzweifelte, heisere Schreie der Liebe stieß er aus, als ob sie die Unendlichkeit wäre und er ihr in wahnwitziger Gewalt entgegenführe. Tränen rannen ihm aus den Augen, wie einer vor Inbrunst und Verlangen weint.

Jetzt sah er das Dunkel vor sich. Den harten grausamen Stein. Noch zwanzig Meter ... ein paar Atemzüge ... Wie in der Ekstase der Umarmung glühte sein Blick, wie eine unendliche Flamme brannte sein Herz vor Angst, Entsetzen, Leidenschaft und vor Liebe ... vor Liebe.

Staub, Feuer stob auf. Zugleich traf ihn ein Schlag ins Gesicht, daß ihm die Augen aus den Höhlen flossen und die Stirn nur noch eine trübe Masse war.

Der Wagen lag rings zertrümmert auf der Straße.

Der Arzt konstatierte bei der Autopsie, daß Hugo beim Anprall nicht nur das Gesicht, sondern auch der Brustkorb eingedrückt worden war. Der Tod mußte also fast unmittelbar eingetreten sein. Jedenfalls war die Zeitspanne von der Katastrophe bis zum Ende kaum größer als wenige Minuten.

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