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Sophie Friederike Brentano: Fiammetta - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
authorGiovanni di Boccaccio
titleFiammetta
publisherInsel-Verlag
translatorSophie Brentano
firstpub1806
senderwww.gaga.net
created20050222
projectid697c7d1d
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Sechstes Buch

Die Dame Fiammetta gibt Kunde, wie einer, Panfilo genannt, aber nicht der ihrige, an den Ort ihres Aufenthalts gekommen sei und sie, von dieser Nachricht getäuscht, sich einer eitlen Freude hingegeben habe, bis sie zuletzt, ihren Irrtum erkennend, in die vorige Traurigkeit zurückgefallen sei.

Trotz meiner Hoffnung auf die künftige Reise dauerte mein ängstlicher Zustand noch immer fort. Der Himmel, der in seiner ewigen Bewegung die Sonne hinauf- und herniederführte, zog einen Tag nach dem ändern herbei; und mich, ungeschwächt in Sorge und Liebe, hielt die leere Hoffnung länger fest, als ich wünschte. Schon trat die Sonne in das Zeichen des Stiers, die Tage kämpften mit den Nächten um ihr Eigentum und wuchsen von ihrer kleinsten Länge schnell zu der größten an.

Mit blumenbeladenen Schwingen eilte Zephir herbei und besänftigte mit lindem, friedlichem Hauch des Boreas ungestümen Krieg; die dunklen Tage wies er in die kalten Regionen zurück, nahm von den Gipfeln der Berge den blendenden Schnee und breitete über die vom milden Regen getränkten und erfrischten Wiesen von neuem seinen schönen Teppich aus Blumen und grünen Krautern; und alle Bäume, die der Winter in trauriges Grau gehüllt hatte, bedeckten sich ringsum wieder mit ihren grünen Kleidern. Schon war allenthalben die Jahreszeit, in welcher der fröhliche Frühling seine lieblichen Reichtümer an jedem Ort ausspendet. Die Erde, mit tausend bunten Blumen, Violen und Rosen gleichsam gestirnt, stritt mit dem achten Himmel um Schönheit, und auf allen Wiesen blühten Narzissen. Dryope und die unglücklichen Schwestern des Phaethon zerrissen ihr armseliges Winterkleid und bezeigten Freude. Von allen Seiten hörte man die süßen Stimmen fröhlicher Vögel, und vergnügt kam Ceres mit ihren Früchten in die offenen Felder. Und überdies kam Amor, mein grausamer Gebieter, und schoß seine Pfeile doppelt feurig in die fröhlichen Gemüter. Von ihm bewegt, bemühten sich alle Jünglinge und lieblichen Jungfrauen, jedes nach seiner Art geziert, dem geliebten Gegenstand zu gefallen. Von fröhlichen Festen tönte jede Gegend unserer Stadt wider, die an solchen Feiern reicher ist, als das große Rom jemals war, und die Theater, erfüllt von Gesängen und Klängen, luden alle Liebenden zu süßer Fröhlichkeit ein. Die Jünglinge hielten auf ihren schnellen Rossen in stolzer Rüstung glänzende Schauspiele ab; bald übten sie sich in den Waffen, von schallender Musik begleitet, bald zeigten sie mit Meisterhand, wie die mutigen Rosse mit weißbeschäumtem Gebiß leicht regiert werden können. Die jungen Frauen, entzückt von solchem Schauspiel und mit Kränzen von frischem Grün reizend geschmückt, zeigten sich ihren Geliebten bald auf dem hohen Balkon, bald an der niederen Tür; bald durch Geschenke, bald durch Blicke und Worte gab jede dem Geliebten die Versicherung ihrer Liebe.

Nur ich allein verweilte, einer Einsiedlerin gleich, einsam an einsamen Orten; nur ich allein, verwundet durch die getäuschte Hoffnung auf eine fröhliche Zeit, empfand Verdruß und Trauer. Kein Frühling konnte mich erfreuen, kein Fest mir gefallen, kein Gedanke, kein Wort mich trösten. Meine Hände berührten keinen grünen Zweig, keine Blume oder was sonst erfreuen mag, und mein Auge haftete auf keinem Gegenstande mit frohem Blick. Ja, neidisch geworden, schmerzte mich sogar der anderen Freude, und mit höchster Begier wünschte ich, daß alle Frauen gleiches Leid nach Liebe und Glück erfahren möchten. Ach! Wie erquickend war es mir, wenn ich von jüngst geschehenen Unfällen und den Leiden zweier Liebenden erzählen hörte!

Aber während ich nach dem Willen der Götter in dieser trostlosen Stimmung blieb, nahm das betrügerische Geschick, das, um die Unglücklichen noch tiefer zu verwunden, sich oft mitten in ihrem Elende auf einmal mit lachendem Antlitz zeigt, eine andere Gestalt gegen mich an. Die Unglücklichen, die ihm vertrauten, sinken nach kurzer Fröhlichkeit nur in desto größeren Jammer und stürzen in schauderhaftem Fall herab, wie einst Icarus, der allzusehr den leichten Schwingen vertraute und in der Mitte seines Weges in die Fluten stürzte, die noch jetzt seinen Namen führen. Das Schicksal, das auch mich als eine solche Törin kannte und nicht zufrieden war mit meinen schon überstandenen Leiden, verhüllte mir die Erinnerung an mein früheres Unglück und blendete mich durch Frohsinn, damit es – den afrikanischen Widdern gleich, die, wenn sie die härtesten Stöße versetzen wollen, recht weit ausholen – noch tiefer mich verwunden möge.

Schon waren, anstatt jenes einen Monats, den der wenig getreue Geliebte auszubleiben versprochen hatte, mehr als vier verflossen, als eines Tages, da ich der gewohnten Trauer nachhing, die alte Amme mit schnellerem Schritt, als ihr Alter erlaubte, das Angesicht ganz mit Schweiß bedeckt, in meine Kammer trat. Sie sank auf einen Sitz nieder, die Brust schlug ihr heftig, und mit freudeleuchtenden Augen fing sie einige Male zu reden an. Aber der ängstlich fliegende Puls riß jedes Wort, sooft sie zu sprechen begann, unvollendet entzwei. Ich aber sagte voller Verwunderung:

»O! teure Amme, sprich, welche Angst hat dich also überfallen? Was ist es, das du mit solcher Eile zu sagen wünschest, daß der heftige Wunsch selbst die Ausführung dir hindert? Sprich! ist es freudig oder schmerzlich? Muß ich mich bereiten, zu fliehen oder zu sterben, und was soll ich tun? Ich weiß nicht, wie und warum dein Gesicht mich mit neuer Hoffnung belebt. Aber die lange Gewohnheit zu leiden zwingt mich, dennoch das Schlimmere zu fürchten, denn die Unglücklichen fürchten immer. So sage nun bald und halte mich nicht länger im Zweifel, was hat deine Schritte zu mir so beflügelt? Sage, ob der Gott der Freude oder eine Furie der Hölle dich getrieben hat!«

Hier unterbrach die Alte, die noch kaum Luft schöpfen konnte, meine Rede, und sagte frohlockend: »O! süßes Töchterchen! freue dich; nichts Furchtbares habe ich dir zu sagen, jage allen Schmerz weit von dir und rufe die verlorene Fröhlichkeit wieder: dein Geliebter kehrt zurück!« Dieses Wort drang in mein Herz und entzündete es mit schneller Freudigkeit; meine Augen leuchteten vor Lust, aber die gewohnte Traurigkeit trübte sie schnell wieder mit bitterem Zweifel, und mit Tränen sagte ich: »O! teure Amme, bei deinem ehrwürdigen Alter, bei deinen müden Gliedern, die bald der ewigen Ruhe begehren, beschwöre ich dich, nicht meines Elendes zu spotten, an dem du wahrlich innigen Anteil nehmen solltest. Eher werden die Flüsse zu den Quellen zurückkehren, eher Hesperus am klaren Mittag leuchten und Phöbe mit ihres Bruders Glanz die Nacht erhellen, als daß der Undankbare zurückkehren wird. Wer wüßte nicht, daß er sich in dieser fröhlichen Zeit mit einer andern Frau ergötzt und sie mehr als je liebt? Zu ihr würde er zurückkehren, wo er sich auch befände, nicht aber sie verlassen, um hierherzukommen.«

Worauf die Amme schnell erwiderte: »O Fiammetta! mögen die Götter die Seele dieses alten Leibes zu ihren Freuden eingehen lassen, wenn deine alte Amme Lügen redet! Mitnichten ziemt es meinem Alter, irgend jemandes auf solche Art zu spotten, am wenigsten aber deiner, die ich über alles liebe.« »Wie aber«, sagte ich, »ist diese Nachricht zu deinen Ohren gekommen, woher weißt du es? Sage es schnell, damit, wenn sie mir wahrscheinlich dünkt, ich mich ohne Verzug der herrlichen Neuigkeit erfreue.« Und schon stand ich auf und trat mit frohem Herzen zu der Alten hin. Diese sagte: »Mit den Sorgen der Haushaltung beschäftigt, ging ich diesen Morgen an das Meeresufer. Als ich mit langsamem Schritt, den Rücken gegen das Meer gewandt, meine Geschäfte besorgte, geschah es, daß ein junger Mensch, der, wie ich nachher sah, aus einer Barke gesprungen und durch die Heftigkeit des Sprunges fortgeschleudert war, sehr hart gegen mich anrannte. Und da ich nun im höchsten Zorn alle Götter gegen ihn anrief und mich über sein ungebührliches Benehmen beklagte, bat er mich mit demütigen Worten um Verzeihung. Ich sah ihn an, und da ich seinem Gesicht und Anzüge nach in ihm einen Landsmann deines Panfilo erkannte, fragte ich ihn: ›Jüngling, so Gott dir helfe, sage mir, kommst du aus fernen Landen ?‹ ›Ja, Dame‹, antwortete er. Da sagte ich: ›Woher kommst du, wenn es erlaubt ist, zu fragen?‹ Er: ›Aus der Gegend von Etrurien, und zwar aus der vornehmsten Stadt des Landes, die meine Vaterstadt ist.‹ Wie ich dies hörte und nun wußte, daß er ein Landsmann deines Panfilo sei, fragte ich, ob er diesen kenne und wie es ihm gehe, und er antwortete ›ja‹ und erzählte viel Gutes von ihm. Überdies sagte er: Panfilo würde mit ihm gekommen sein, wenn nicht eine kleine Verhinderung ihn zurückgehalten hätte; aber ohne allen Zweifel würde er in wenig Tagen hier sein. Während wir so zusammen gesprochen hatten, waren die Gefährten des jungen Mannes mit ihrem Gepäck gleichfalls ans Land gestiegen, und er ging mit ihnen hinweg. Ich aber habe alles andere stehen- und liegenlassen und bin, so schnell ich konnte, und glaubte kaum noch so viel Kraft zu haben, um es dir sagen zu können, ganz außer Atem hierhergelaufen. Und nun sei fröhlich und verjage all deine Traurigkeit.«

Hier nahm ich sie mit freudetrunkenem Herzen in meine Arme, küßte ihre alte gefurchte Stirn und beschwor sie mit zweifelnder Seele mehr als einmal und immer wieder von neuem, ob die Nachricht wahr sei, heftig wünschend, daß sie mir nicht das Gegenteil sagen möchte, und doch zweifelnd, ob sie mich nicht betröge. Aber als sie mich durch mehrere Schwüre der Wahrheit ihrer Aussage versichert hatte, begann ich nun froh mit folgenden Worten den Göttern zu danken, obgleich das Ja und Nein noch immer in meinem Kopfe hin- und herschwankte.

»O! höchster Jupiter, du erhabenster, herrlichster Regent des Himmels! o leuchtender Apoll, dessen Auge nichts verborgen ist! o liebreizende Venus, die du huldreich deiner Untertanen dich erbarmst! und du, heiliges Kind, das die geliebten Pfeile versendet, seid alle ihr nun hoch gepriesen! Wahrhaftig, wer in seiner Hoffnung auf euch verharret, kann auf die Länge nicht verderben! Ich erkenne, daß durch eure Gnade allein, nicht um meiner Verdienste willen, mein Geliebter zurückkehrt. O! wie will ich eure Altäre, die bis jetzt nur von meinen heftigen Bitten bestürmt und mit bittern Tränen gebadet worden sind, nun mit Weihrauch und gefälligen Gaben hoch ehren! Und dir, Glücksgöttin, die mit meinen Qualen Mitleid gehabt hat, dir will ich nun das verheißene Bildnis als Zeugnis deiner Wohltaten darbringen! Euch alle bitte ich mit all der Demut und Andacht, welche euch mir noch geneigter machen kann, daß ihr jeden möglichen Zufall abwendet, der die nahe Rückkehr meines Panfilo hindern könnte, und mir ihn bald so gesund und wohl, wie er nur jemals war, in meine Arme sendet!«

Und als ich dieses Gebet geendet, begann ich frohlockend, gleich dem Vogel, der seinem Kerker entschlüpft und freudig mit den Flügeln schlägt, folgende Worte: »O! du mein liebendes, durch lange Leiden entkräftetes Herz, nun laß die ängstlichen Sorgen, nun da der teure Geliebte deiner gedenkt und zurückkehrt, wie er versprochen hat! Fliehe den Schmerz, die Furcht, die ängstliche Scheu, die das Unglück begleiten; vergiß ganz die vergangenen Kränkungen des Schicksals, jage die Trauernebel der grausamen Vergangenheit und jeden Schein der Unglückszeit von dir und wende dich erneut mit fröhlichem Gemüt dem gegenwärtigen Glücke zu: Und die frühere Fiammetta mit der neuen Seele soll nun auch allenthalben im Äußern sich kundtun!«

Während ich diese jubelnden Worte sagte, ergriff unversehens ein Zweifel mein Herz, und ich weiß nicht, woher und wie mich ein plötzliches Ermatten derart übermannte, daß der schon zur Freude geneigte Sinn sich schnell verwandelte und ich ganz betäubt mitten in meiner Rede innehielt.

Ach! daß ein Laster vorzüglich den Unglücklichen eigen ist, dieses, niemals an die frohen Ereignisse glauben zu können! Ihr lang trauerndes Herz gibt sich, wenn endlich das versöhnte Glück zurückkehrt, nur schwach und wider Willen der Freude hin, und gleichsam träumend handeln sie, als wäre es dennoch nicht so, und ergreifen das Glück nur kraftlos. Ganz erstaunt über diese Regung fragte ich mich: ›Wer hält mich denn zurück und verbietet mir die schon aufkeimende Fröhlichkeit? Kehrt mein Panfilo nicht wieder? Ohne allen Zweifel! Was zwingt mich denn nun zu Tränen? Nichts auf der ganzen Welt gibt mir jetzt Ursache zur Traurigkeit. Was hält mich denn noch ab, mich mit frischen Blumen und reichen Gewändern zu schmücken? Ach! ich weiß es nicht! Es ist mir verboten, mich zu freuen, ich weiß nicht, von wem.‹

So stand ich, mir selbst entrückt, unter meinen Zweifeln; wider meinen Willen fielen Tränen aus meinen Augen, und mitten in meinen Freudenhymnen kehrte die Trauer wieder bei mir ein. Die kummergewohnte Brust liebt zuletzt die vertrauten Tränen! Es war, als wenn meine Seele die Zukunft erriete und durch Tränen ein äußerliches Zeichen von dem, was geschehen sollte, geben wollte. Jetzt erkenne ich, wie den Schiffern ein furchtbares Ungewitter bereitet sein kann, wenn sie bei stillstem Wetter die Fahrt durch die sanft schwellenden Wogen unbesorgt beginnen. Ich aber strebte dennoch fröhlich das zu besingen, was die Seele nicht glaubte, und sagte: ›O! Unselige, was für Ahnungen und Sorgen schaffst du dir jetzt ohne Not? Nimm mit gläubigem Gemüt das kommende Gute auf; was fürchtest du das Schlimme, wenn du das Glück erhoffen darfst?‹

Mit solchen Gründen suchte ich, so gut ich konnte, die traurigen Gedanken zu vertreiben und mein Herz der schon erwachten Freude ganz hinzugeben. Ich bat meine teure Amme, die Rückkehr des Geliebten auf das sorgsamste zu erforschen, und fing an, meine Trauerkleider in festliche zu verwandeln und für mich selbst Sorge zu tragen, damit mein verstörtes trauriges Aussehen dem Zurückgekehrten nicht widerlich sein möchte. Und bald begann das bleiche Gesicht seine verlorene Farbe wieder anzunehmen, die verschwundene Frische und Fülle kehrte zurück. Die Tränen verschwanden und mit ihnen der tiefe Purpurkreis, der meine Augen umschattete. Die Augen, die ihre rechte Stelle wieder einnahmen, leuchteten in vollem Glanz, und die vom Weinen rauh gewordenen Wangen erhielten die frühere Zartheit und Fülle wieder. Mit neuer Anmut ringelten meine Locken sich um mein Haupt, obgleich sie so schnell sich nicht wieder in Gold verwandeln konnten. Und all die wertvollen köstlichen Gewänder, die so lange ungebraucht gelegen hatten, verherrlichten nun wieder ihre Gebieterin.

Genug, ich erneute mich selbst und alles was mir gehörte und nahm gleichsam meine erste Schönheit und Umgebung wieder an, so daß auch die benachbarten Frauen, die Verwandten und der teure Gatte sich darüber verwunderten und zueinander sagten: »Welche höhere Eingebung hat von dieser Frau die lange Traurigkeit und Schwermut hinweggenommen? Wie ist nun das verschwunden, was bis dahin allen Bitten und Tröstungen nicht weichen wollte? Wohl ist das mit Recht eine große, wunderbare Begebenheit zu nennen!« Bei aller Verwunderung aber waren sie höchst erfreut darüber. Mein ganzes Haus, das wegen meines schweren Grams so lange öde und traurig gewesen war, wurde mit mir wieder fröhlich, und wie mein Herz sich verwandelt hatte, schienen auch alle Dinge um mich her von neuem die Farbe der Freude zu tragen. Die Tage, welche durch die Hoffnung auf des Geliebten nahe Rückkehr weit länger als gewöhnlich schienen, gingen mir mit unerträglich langsamem Schritt vorüber; die ersten Tage nach unserer Trennung wurden nicht öfter von mir gezählt als diese.

Wenn ich jetzt zuweilen in mich kehrte und der vorigen Trauer und der schwermütigen Gedanken gedachte, so tadelte ich mich selbst hart deswegen und sagte:

›O! wie habe ich doch in der vergangenen Zeit so schlecht von dem teuren Geliebten gedacht und sein Verweilen so treulos verdammt! Wie töricht habe ich denen vertraut, die mir sagten, daß er einer andern Frau angehöre! Verflucht sei ihre Zunge! O Gott! wie können Menschen mit so offenem Gesicht solche Lügen sagen! Aber gewiß, meine Pflicht wäre es gewesen, alle diese Dinge besser zu durchschauen. Mir ziemt es, die mit so viel Tränen und so viel Liebe versprochene Treue meines Geliebten gegen die leichtsinnigen Reden der Leute abzuwägen, die diese Nachrichten, wie sich jetzt so klar zeigt, bloß nach einem ersten flüchtigen Schein verbreiteten, unbekümmert um ihre Wahrhaftigkeit. Der eine sah vielleicht in Panfilos Wohnung, wo er keinen andern Mann außer ihm kannte, eine Neuvermählte einziehen, und ohne dabei im geringsten an die tadelnswürdige Verliebtheit der Greise zu denken, hielt er sie notwendig für Panfilos Braut und teilte diese Vermutung andern als Gewißheit mit. Der andere, der vielleicht sah, daß er irgendeine schöne Frau freundlich anblickte oder mit ihr sprach, die vielleicht nur seine Verwandte oder eine tugendhafte Hausgenossin war, hat sie gleichfalls für seine Geliebte gehalten, und ich Törin habe sogleich geglaubt, was er mit einfältiger Rede für Wahrheit ausgab. O! hätte ich alles dies so wohl überlegt, wie ich gesollt, wieviel Tränen, Seufzer und Schmerzen wären mir erspart geblieben! Aber was tun Verliebte freiwillig und mit Überlegung? Wie der fremde, wilde Geist sie treibt, so bewegen sich ihre Gemüter. Liebende glauben alles, denn die Liebe ist ihrer Natur nach sorgenbang und voll Furcht. Gewohnheitsmäßig erwarten sie immer Verderbliches, und da sie viel begehren, so meinen sie, daß alles ihren Wünschen entgegen sei, und ihr Glaube an Hilfe und Rettung ist nur schwach. Ich aber verdiene Nachsicht, weil ich immer die Götter angefleht habe, daß sie meine Gedanken Lügen strafen möchten. Sie sind nun erhört, meine Bitten, und er, der Geliebte, wird nichts von allem diesem erfahren, und wenn er es wüßte, was könnte er anders sagen als: ›Sie hat mich über alles geliebt!‹ Auch muß es ihm wohl lieb sein, um meine Qualen und ausgestandenen Gefahren zu wissen, weil sie ihm das wahrhaftigste Zeugnis meiner Treue geben; und kaum zweifle ich noch, daß er aus einem andern Grunde seine Rückkehr so lange verschoben hat, als um zu prüfen, ob ich sie mit starkem Mute und ohne Wanken erwarten könnte. Nun, ich habe ihn mit festem Sinn erwartet, und wenn er dies fühlt und bedenkt, mit wieviel Pein, Tränen und Trübsinn ich es getan habe, so kann aus diesem Gefühl keine andere Gottheit als neue Liebe geboren werden! O Gott! wann wird es sein, daß er nun kommen und mich sehen wird und ich ihn? O Gott, dessen Auge alles schaut, wie werde ich das ungestüme Verlangen, ihn zu umarmen, auch vor Zeugen bändigen können, wenn ich ihn zum erstenmal wiedersehen werde? Noch weiß ich nicht, wie es möglich sein wird! Wann, o Gott! wird es geschehen, daß ich ihm, fest in meine Arme geschlossen, all die Küsse wiedergeben kann, die er beim Scheiden meinem erblaßten Gesicht unerwidert aufdrückte? O! Jenes Zeichen, ihm nicht Lebewohl sagen zu können, ist vorbedeutend gewesen, und gütig haben die Götter mir dadurch seine künftige Rückkehr andeuten wollen! O! Wann wird es sein, daß ich ihm meine Tränen und meine Angst sagen und von ihm die Ursache seines langen Zögerns hören kann? Werde ich wohl leben bis dahin? Kaum glaube ich es! Ach! daß er bald erscheine, dieser Tag! Denn jetzt erschreckt mich der Tod, den ich sonst so oft nicht allein herbeigesehnt, sondern gesucht habe. Ihn bitte ich jetzt, wenn es möglich ist, daß irgend eine Bitte sein Ohr erreicht, daß er weit von mir und Panfilo weiche und mich meine jungen Jahre in Freuden mit ihm durchleben lasse !‹

Ich trug Sorge, daß kein Tag verging, wo ich nicht von Panfilos Rückkehr neue Kunde erhielt, und oft drang ich in die vertraute Amme, den Jüngling, der die freudige Nachricht verkündet hatte, wieder aufzusuchen und sich das Gesagte zur größeren Sicherheit bestätigen zu lassen. Sie tat es auch mehr als einmal und kündigte mir, der fortlaufenden Zeit entsprechend, die verheißene Ankunft immer näher und näher an.

Ich erwartete ihn nicht allein zur bestimmten Zeit, sondern schon lange vorher bildete ich mir ein, daß er gekommen sein könnte. Unzählige Male lief ich bald an mein Fenster, bald an die Tür und schaute die lange Straße hinab, ob ich ihn sähe, und nie sah ich von weitem einen Mann, daß ich nicht dachte: er könne es sein, und ihn mit unendlichem Verlangen erwartete, bis mich endlich seine ganz nahe Gestalt über meinen Irrtum belehrte. Dann blieb ich betroffen stehen, bis ein anderer erschien, der mich auf gleiche Art täuschte, und so hielten mich die Vorübergehenden in immerwährender Erwartung und Hoffnung. Wurde ich nun ins Innere des Hauses gerufen oder ging ich aus irgendeiner anderen Ursache vom Fenster fort, so folterten mich zahllose Gedanken, als würde meine Seele von tausend Bissen wilder Tiere zerrissen, und ich sagte: ›Ach! vielleicht geht er jetzt vorüber oder ist vorübergegangen, während du hier verweiltest – kehre zurück!‹ Und ich kehrte zurück und fing mein voriges Schauen wieder an, so daß ich die Zeit fast mit nichts anderem hinbrachte, als vom Fenster an die Tür und von der Tür ans Fenster zu gehen. Weh mir Unseligen! mit welcher Anstrengung ertrug ich es, den von Stunde zu Stunde zu erwarten, der nie zurückkehren sollte!

Als nun der Tag gekommen war, für welchen den wiederholten Versicherungen meiner Amme zufolge seine Ankunft bestimmt war, da schmückte ich mich gleich Alkmenen bei dem Gerücht, ihr Amphitryon sei gekommen; und mit Meisterhand suchte ich jedem meiner Reize seinen eigentümlichen Glanz und seine höchste Schönheit zu geben. Auch konnte ich mich kaum zurückhalten, selbst an das Gestade des Meeres zu gehen, um ihn desto früher sehen zu können. Dort sollten die Schiffe ankommen, auf denen er, wie man der Amme fest versichert hatte, sich befinden würde. Nur die Überlegung, daß es gewiß sein erstes sein würde, zu mir zu eilen, hielt meine heiße Begierde in Schranken. Aber er kam nicht. Eine grenzenlose Bangigkeit ergriff mich und erweckte mitten in meiner Seligkeit mancherlei Zweifel, die meine fröhlichen Gedanken nur schwer überwinden konnten. Nach kurzer Überlegung sandte ich die alte Amme, um auszukundschaften, was aus ihm geworden sei, ob er gekommen sei oder nicht. Sie ging, aber wie mir schien, diesmal langsamer als jemals, und tausendmal verwünschte ich deshalb ihr träges Alter. Doch nur zu bald sah ich sie mit traurigem Gesicht und zögerndem Schritt zu mir zurückkehren.

Ach! bei diesem Anblick schien alles Leben meiner traurigen Brust zu entfliehen, denn schnell kam mir der Gedanke, der Geliebte sei tot, oder er sei krank hier angekommen. Tausendmal in einem Augenblick wechselte die Farbe in meinem Gesicht; ich eilte der zögernden Alten entgegen und rief: »Sprich schnell, was für Nachricht bringst du mir? Lebt mein Geliebter?« Sie aber beschleunigte ihren Gang nicht und antwortete keine Silbe, und als sie sich auf den ersten besten Sitz niedergelassen hatte, schaute sie mir ernsthaft ins Gesicht.

Ich aber, die gleich zartem Laube, das der Wind bewegt, schon an allen Gliedern bebte und kaum die Tränen zurückhalten konnte, ergriff mein Gewand und sagte: »Wenn du nicht sogleich sagst, was dein trauriges Gesicht bedeuten will, so soll kein Teil meines Gewandes unzerrissen bleiben. Warum schweigst du, wenn du nicht Unglück verschweigst? Verhehle es nicht länger, offenbare es, damit ich nicht noch Schlimmeres befürchte: Lebt mein Geliebter?« Gespornt durch meine Worte, mit leiser Stimme, den Blick auf die Erde gewandt, sagte sie: »Er lebt!« »Warum denn«, fuhr ich hastig fort, »sagst du nicht gleich, was ihm begegnet ist? Warum hältst du mich tausendfach gequält in meinen Zweifeln? Hält ihn Krankheit zurück oder welches Hindernis, daß er nicht vom Schiff sogleich hierhereilt, mich zu sehen?« »Ich weiß nicht,« sagte sie, »ob seine Gesundheit oder ein anderer Grund ihn zurückhält.« »So hast du ihn nicht gesehen«, fuhr ich fort, »oder ist er vielleicht nicht gekommen?« Dann sagte sie: »Wohl habe ich ihn gesehen, und er ist gekommen, aber es ist nicht der Erwartete.«

»Und wer«, fragte ich, »hat dir Gewißheit gegeben, daß es nicht mein Geliebter sei? Hast du ihn vorher jemals gesehen oder eben jetzt?«

»Soviel ich weiß,« sagte sie, »habe ich diesen niemals gesehen; aber als mich der Jüngling, der mir zuerst von seiner Rückkehr gesprochen, zu ihm führte, sagte er ihm, daß ich sehr oft nach ihm gefragt habe. Darauf wollte er wissen, was ich begehre. Ich antwortete: ›Euer Wohl!‹ und fragte ihn sodann, wie der alte Vater sich befände, und wie es um seine übrigen Angelegenheiten stände, und was die Ursache seines langen Ausbleibens gewesen sei. Er antwortete: Seinen Vater habe er nie gekannt, weil er erst nach dessen Tode auf die Welt gekommen sei; seine Angelegenheiten stünden, Gott sei Dank, vortrefflich. Übrigens sei er noch niemals an diesem Orte gewesen und gedenke auch jetzt nur kurze Zeit hier zu verweilen. Diese Äußerungen setzten mich in Erstaunen, und es stieg der Verdacht in mir auf, daß ich betrogen sei. Deshalb begehrte ich seinen Namen zu wissen, den er mir auch ganz treuherzig sagte. Kaum hörte ich ihn, als ich erkannte, daß die große Ähnlichkeit des Namens mich und dich betrogen hatte.«

Beim Anhören dieser Worte schwand das Licht mir vor meinen Augen, alle Lebensgeister entflohen schnell aus Furcht vor dem Tode, und auf die Stufen hinsinkend, wo ich stand, blieb mir kaum noch so viel Kraft, um ein einziges schmerzliches Ach hervorzustöhnen.

Die unglückselige Alte und die anderen herbeigerufenen Dienerinnen trugen mich weinend wie tot in mein trauriges Zimmer auf mein Bett, suchten durch kaltes Wasser die entflohenen Lebensgeister zurückzurufen und wußten lange nicht, ob sie mich als lebend oder tot betrachten dürften. Aber als die verlorenen Kräfte zurückkehrten, fragte ich unter vielen Tränen und Seufzern die betrübte Amme noch einmal aus. Und da mir einfiel, wie vorsichtig und gewandt Panfilo stets zu sein pflegte, so glaubte ich, er hätte sich vielleicht der Amme, die er nie zuvor gesprochen hatte, nicht entdecken wollen. Deshalb bat ich sie, mir das ganze Wesen und Betragen des Mannes, den sie gesprochen hatte, auf das genauste zu schildern.

Die Amme bestätigte mir durch heilige Schwüre, daß sie mir die Wahrheit gesagt habe, und beschrieb mir dann in wohlgeordneter Rede die Gestalt und Bildung und vorzüglich das Gesicht und Betragen des Mannes. Und aus allem ward es mir vollkommen klar, daß es so sei, wie sie gesagt hatte. Da ich mich nun aller meiner Hoffnungen beraubt sah, versank ich wieder in den vorigen Jammer.

Gleich einer Wütenden stand ich auf, zerriß die Kleider der Freude, warf den teuren Schmuck von mir und verwirrte mit feindlicher Hand die schön geordneten Locken. Und in großer Trostlosigkeit fing ich an, bitterlich zu weinen und mit harten Worten die betrügerische Hoffnung und die lügnerischen Einbildungen zu verwünschen, die mir das Bild des geliebten Verräters so falsch geschildert hatten.

Mit einem Wort, ich war wieder so elend wie zuvor und fühlte ein noch weit heftigeres Verlangen nach dem Tode als vormals; auch würde ich ihn gewiß nicht wie ehemals vermieden haben, wenn nicht die Hoffnung auf die künftige Reise mich mit großer Gewalt im Leben zurückgehalten hätte.

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