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Sophie Friederike Brentano: Fiammetta - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
authorGiovanni di Boccaccio
titleFiammetta
publisherInsel-Verlag
translatorSophie Brentano
firstpub1806
senderwww.gaga.net
created20050222
projectid697c7d1d
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Viertes Buch

Die Dame Fiammetta erzählt, wie es ihr zu Ohren gekommen, daß Panfilo eine Frau genommen, und schildert darauf, wie sehr sie an seiner Rückkehr verzweifelt und in Schmerzen gelebt habe.

Flüchtig und leicht waren bis dahin meine Schmerzen, ihr gefühlvollen Leserinnen, und süß meine Seufzer, im Vergleich mit den Leiden, zu deren Schilderung die traurige Feder, die träger schreibt, als das Herz empfindet, sich jetzt bereitet. Und gewiß, wenn ich's wohl erwäge, so scheinen die bis jetzt erlittenen Qualen eher die Leiden einer jungen müßigen Frau als einer Verzweifelnden zu sein; aber das Folgende wird euch von anderer Art erscheinen.

Darum stärkt eure Seelen, und laßt euch von diesen Worten nicht so sehr erschrecken, daß ihr, wenn das Vergangene euch schon schwer genug erscheint, das folgende Schwerste gar nicht zu wissen begehrt. Ach! wenn ich euch zur Mitempfindung meiner Schmerzen aufmuntere, so weniger, um euer Mitleid auf mich zu lenken, als um euch die Schlechtigkeit dessen, der sie alle verschuldet hat, recht lebhaft vor Augen zu stellen, damit ihr vorsichtiger werdet und lernet, nicht jedem Manne mehr zu vertrauen. Und so werde ich vielleicht mit einem Male eure Schuldnerin durch meine Erzählung und bezahle meine Schuld durch meinen Rat, und das, was mir Verderben war, wird euer Heil.

Ich war also, meine Freundinnen, mit den euch geschilderten Vorstellungen beschäftigt, bis endlich, da mehr als ein Monat über die bestimmte Zeit der Rückkehr verflossen war, eines Tages folgende Nachricht von dem geliebten Jüngling zu mir gelangte.

Mit frommer Seele war ich hingegangen, einige heilige Klosterfrauen zu besuchen, damit sie vielleicht durch ihre reinen Gebete Gott bewegen möchten, mir den Geliebten wiederzugeben oder sein Bild aus meiner Seele zu tilgen, auf daß ich endlich den verlorenen Frieden wiedererlangen möchte. Da geschah es, als ich bei diesen Frauen, deren Gespräche ebenso zart als klug und anmutig und die durch Verwandtschaft und lange Freundschaft fest mit mir verbunden waren, noch verweilte, daß ein Handelsmann dahin kam, welcher nicht anders wie dort Ulysses und Diomedes der Deidamia den Schwestern verschiedene köstliche Waren zu zeigen anfing. Dieser war, wie ich an seiner Sprache erkannte und er selbst auf die Fragen einer der Schwestern angab, aus dem Lande meines Panfilo.

Als nun viele seiner Waren gezeigt, einige davon für den verlangten Preis genommen und die andern zurückgegeben worden waren, da entspannen sich zwischen ihm und den Damen mancherlei artige Gespräche. Und während er die Bezahlung erwartete, tat eine der Schwestern, jung, von großer Schönheit, von edlem Blut und Sitten und eben dieselbe, welche ihn schon vorher gefragt hatte, wer er sei und woher, ihm die Frage: ob er wohl seinen Landsmann Panfilo jemals gekannt habe. O! wie kam diese Frage meinem heftigen Verlangen entgegen, wie feurig dankte ich ihr insgeheim, und wie spannte ich mein Ohr, die Antwort zu vernehmen!

Ohne Zögern antwortete der Kaufmann: »Wer möchte ihn wohl besser kennen als ich?« Worauf die junge Dame, welche vor Begierde brannte, mehr von ihm zu erfahren, weiter fragte: »Aber was ist denn jetzt aus ihm geworden?«

»O!« sagte der Kaufmann, »es ist schon eine geraume Zeit, seit ihn sein Vater, dem er von allen Kindern allein geblieben ist, in das väterliche Haus zurückberufen hat.«

»Und wie lange ist es,« fuhr die junge Dame zu fragen fort, »daß du die letzten Nachrichten von ihm hast?«

»Seit meiner Abreise«, erwiderte jener, »habe ich nichts von ihm gehört, welches ungefähr noch nicht völlig vierzehn Tage sein mögen.«

»Und wie ging es ihm damals?« fuhr die Dame fort; worauf der Kaufmann antwortete: »Sehr wohl! Ich kann euch auch erzählen, daß gerade an dem Tag meiner Abreise mit großer Festlichkeit in seinem Haus die Ankunft einer wunderschönen jungen Dame gefeiert wurde, die, soviel ich erfahren konnte, ganz kürzlich mit ihm vermählt worden war.«

Während der Kaufmann dies sagte, heftete ich meine Blicke, so bitter seine Worte mich auch im Herzen verwundeten, fest auf das Gesicht der fragenden Jungfrau; denn mit tiefer Verwunderung hatte ich schon lange überlegt, aus welchen Gründen sie so eifrig nach den genauesten Umständen eines Mannes fragen möchte, den, wie ich glaubte, außer mir kaum eine Frau kannte.

Und kaum hatte die Nachricht, daß Panfilo verheiratet sei, ihr Ohr berührt, so sah ich, wie sie die Augen niederschlug, wie eine hohe Röte in ihr Gesicht stieg und wie die Rede auf ihren Lippen erstarb. Ja, ich konnte deutlich sehen, wie sie nur mit allergrößter Mühe die Tränen, die schon in ihren Augen standen, zurückhielt.

Mich selbst aber überfiel bei dieser Nachricht ein ungeheurer Schmerz, den jedoch plötzlich ein anderer nicht schwächerer verdrängte, und kaum hielt ich mich zurück, mit herber Rüge der Jungfrau ihre Leidenschaft zu verweisen. Ich gönnte es ihr nicht, daß sie mit so sichtlichen Zeichen ihre Liebe zu Panfilo kundtat, und fürchtete beinah, daß sie gleich mir rechtmäßige Ursache haben möchte, sich über das Gehörte zu betrüben.

Doch hielt ich mich, obgleich mit großer Anstrengung, zurück. Ach! was kann wohl schwerer sein, als das geängstete Herz unter einem unveränderten Gesicht zu verbergen und gleichgültig zu scheinen, wenn man weit lieber weinen als zuhören möchte?

Aber die Jungfrau, welche vielleicht mit gleicher Anstrengung wie ich den Schmerz in das Innere zurückdrängte, nahm eine heitere, unbefangene Miene an und ließ sich die Erzählung von neuem bestätigen; aber je mehr sie fragte, desto mehr waren die Antworten ihren sowie meinen Wünschen zuwider.

Darauf ward der Kaufmann beurlaubt, und sie, welche unter einer ausgelassenen Lustigkeit ihre Traurigkeit verbarg, hielt mich mit mannigfaltigen Reden und Gesprächen weit länger, als ich wünschte, zurück.

Endlich waren wir mit unsern Gesprächen zu Ende und trennten uns. Mit zorn- und angsterfüllter Seele, zitternd gleich dem libyschen Löwen, wenn er die Jäger in ihrem Hinterhalt entdeckt hat, bald das Angesicht in Feuer, bald totenbleich, jetzt mit schleichendem Schritt und jetzt rascher dahineilend, als der weiblichen Zucht geziemt, kehrte ich in meine Wohnung zurück.

Und nun, da es mir vergönnt war, zu tun wie es mir ums Herz war, verborgen in meiner Kammer, begann ich bittre Tränen zu vergießen. Lange weinte ich, bis zuletzt der unendliche Tränenstrom einen Teil meines schweren Schmerzes hinweggeschwemmt und mir die Sprache wiedergegeben hatte. Da hub ich denn mit schwacher Stimme zu reden an:

›Nun weißt du ja die Ursache seines Fernbleibens, die du so sehnlich zu wissen begehrtest! Jetzt, unglückliche Fiammetta, jetzt weißt du, warum dein Geliebter nicht wiederkehrt, und du hast nun, was du so eifrig gesucht hast! Was verlangst du Arme noch mehr? Panfilo gehört dir nicht mehr an; gib sie nun auf, die Wünsche, ihn wiederzuhaben; löse die mit Unrecht gefesselte Hoffnung; bändige die gewaltige Liebe, und laß die tollen Gedanken. Glaube jetzt den Vorzeichen und deiner ahnungsvollen Seele und fange an, den Betrug der Männer zu erkennen. Du bist nun auf den Punkt gekommen, wohin alle, die zuviel vertrauen, zu kommen pflegen.‹

An diesen Worten entzündete sich mein Zorn von neuem, ich bezwang die Tränen und brach in folgende, nur allzu verwegne Worte aus:

›O ihr Götter! wo seid ihr? wohin wendet ihr jetzt eure Augen? wo ist jetzt euer Zorn? warum fällt er nicht auf den spottenden Verächter eurer Macht? O meineidiger Jupiter, schlummern jetzt deine Blitze? Wo sind sie, wer hat sie mehr verdient? Warum schleuderst du sie jetzt nicht auf den ruchlosen Jüngling, damit die andern an seinem Beispiel lernen, künftig dich zu fürchten und dich nicht fälschlich zum Zeugen anrufen! Du leuchtender Phöbus, wo sind jetzt deine Pfeile, die du mit Unrecht gegen Python wandtest? Willst du diesen verschonen, der dich so fälschlich und zum Zeugen seines Betrugs angerufen hat? Ihn beraube nun deines strahlenden Lichtes und sei ihm nicht minder feindlich gesinnt, als du es einst dem armen Ödipus warst!

O! all ihr andern Götter und Göttinnen, und du, o Amor, dessen Macht der falsche Geliebte verhöhnt, wie säumt ihr jetzt, eure Gewalten und euren Zorn zu verkündigen? Wie zögert ihr, Himmel und Erde gegen den Treulosen zu bewegen, der nun der Welt als Beispiel eines Betrügers lebt und sich bemüht, eure Macht zu vernichten und euch zu verhöhnen?

Schon oft haben weit geringere Verbrechen euren Zorn gereizt und haben euch mit minderm Recht zur Rache reif geschienen! wie zaudert ihr also jetzt? habt ihr doch kaum soviel Grausamkeiten in eurer Gewalt, um ihn zu strafen, wie er es verdient!

O ich Elende! warum ist es doch nicht möglich, daß ihr die Früchte seines Betrugs so wie ich empfinden könnet, damit sich auch in euch wie in mir die Lust zur Strafe entzünden möchte?

Jetzt, o ihr Götter, sendet einige von jenen Gefahren zu ihm, die ich sonst so sehr befürchtete; oder sendet sie alle, tötet ihn, auf welche Weise ihr nur immer wollt, damit ich in einem Augenblick zum letztenmal den höchsten Schmerz durch ihn finde; damit ein Augenblick euch und mich zugleich räche! O! gebt nicht zu, daß ich allein die Strafe seiner Sünden ausweinen muß und daß er, der euch und mich verhöhnt, nun in Freude und Ruhe sich mit der neuen Braut ergötze!‹

Darauf erinnerte ich mich, daß ich, zwar nicht minder zornentbrannt, aber mit weit mehr Tränen, meine Klagen an Panfilo richtete und ihm folgendes sagte:

›O! Panfilo, jetzt erkenne ich die Ursache deines Zögerns; jetzt sind mir deine Betrügereien offenbar; jetzt sehe ich, wer dich zurückhält und welche Pflicht! Während du feierlich Hymens heiligen Gebräuchen opferst, verzehre ich durch deine Reden und durch mich selbst Betrogene mich in Tränen; durch Tränen öffne ich dem Tod den Weg zu mir, der, von deiner Grausamkeit abgesandt, leicht der schmerzlichen Einladung folgen wird, und die Jahre, die ich um deinetwillen zu verlängern wünschte, werden nun durch dich schnell abgekürzt und geendet sein.

O Jüngling! verräterisch und zu meiner Qual erschaffen, mit welchem Herzen magst du wohl jetzt die neue Braut erwählt haben? Hattest du im Sinn, sie ebenso zu betrügen, wie du mich betrogen hast? Mit welchen Augen magst du sie betrachtet haben? Waren es dieselben, welche mich. Elende, allzu Leichtgläubige besiegten? Welche Treue hast du ihr gelobt? War es jene, die du mir verpfändet?

Sage, wie hast du dies wohl angefangen? Bedachtest du nicht, daß alles, was angelobt wird, nicht mehr als einmal angelobt werden kann? Welche Götter hast du zu Zeugen des neuen Bundes angerufen? die, welche Zeuge deines Meineids waren? Weh mir Unglücklichen, welche verkehrte Lust hat deine Seele so entzündet, daß du, der doch fühlte, daß er mein war, einer andern geworden bist! Weh! durch welche Schuld verdiene ich es, daß dich mein Schicksal so wenig kümmert? Wohin ist die flüchtige Liebe so bald geflohen? Ach! wie bedrückt das gefühllose Geschick die Bekümmerte so hart!

So hast du nun die mir mit deiner Rechten gelobte Treue, die betrogenen Götter, bei denen du mit so großem Eifer zurückzukehren geschworen hast, all deine lockenden Reden und deine Tränen – ach! sie benetzten nicht allein dein Gesicht, sondern auch das meinige –, dies alles hast du bereits den Winden übergeben. Leichten Herzens verachtest du mich um deiner neuen Gebieterin willen! O! wer hätte jemals glauben können, daß unter deinen Reden Falschheit sich verbergen könnte und daß Arglist dir die Tränen aus den Augen lockte? Ach! wie fern lag dieses mir, und so treu wie du dem Schein nach sprachst und weintest, so treu empfing ich Tränen und Worte als Wahrheit.

Und wenn du vielleicht mir antwortest, jene Tränen und Schwüre seien wahrhaft, jene Gelübde der Treue redlich gewesen, so will ich dir glauben. Welche Entschuldigungen aber kannst du finden, daß du das, was du so rein versprachst, so schlecht erfülltest? Etwa, daß die Holdseligkeit deiner neuen Gebieterin so groß war, daß sie dich alles vergessen ließ? Wie so schwach ist diese Entschuldigung! Laut verkündigt sie deine wankelmütige Seele. Und selbst wenn du bessere hättest, würden sie wohl genügen können? Sicherlich nicht. O Nichtswürdiger! War dir die heiße Liebe, welche ich für dich fühlte und noch wider meinen Willen fühle, nicht genug bekannt? Sie war es, und so weißt du auch, daß weit weniger Arglist nötig war, mich zu betrügen.

Du aber, damit nur deine Feinheit in hellerm Licht sich zeigen möchte, formtest deine Reden mit schlauer Kunst. Fühlst du jetzt nicht, wie so geringen Ruhm es dir bringt, ein junges Herz getäuscht zu haben, das dir unumschränkt vertraute? Ach! ich glaubte an dich wie an die Götter, bei denen du geschworen hast, und von ihnen erflehe ich, daß sie es den größten Ruhm deines Lebens sein lassen, ein Weib betrogen zu haben, das dich mehr liebte als sich selbst!

Und nun sage mir, Panfilo, habe ich jemals etwas getan, wodurch ich verdiente, mit so ausgesuchter Arglist von dir hintergangen zu werden? Ach! habe ich jemals eine andere Schuld gegen dich gehabt als eine törichte, abgöttische Liebe und eine Treue, die jeder andern Pflicht vergaß? Und diese Verbrechen, verdienten sie denn gerade von dir einer so harten Züchtigung?

Ja, es ist wahr, einer Schuld bin ich mir bewußt, durch welche ich den Zorn der Götter mit Recht auf mich gezogen habe. Das war, daß ich dich unseligen, jeder frommen Pflicht vergessenen Mann in mein Herz aufnahm, daß ich dir meine ganze Liebe schenkte und dir verstattete, in meinem Arm zu ruhen. Und doch, wie selbst die herabschauenden Götter mir bezeugen können, warst du bei weitem strafbarer als ich. Ihnen ist es bekannt, wie du mich in stiller Nacht im Schlaf überraschtest, und wie nur die Furcht, mir unauslöschliche Schande oder dir, den ich mehr als mich selbst liebte, den Tod zu bereiten, mir den Mund verschloß. Weh mir! daß die Götter nicht den Tag, welcher dieser Stunde vorausging, meinen letzten sein ließen, damit ich in unentweihter Zucht gestorben wäre!

Ach! welche Schmerzen, wie so bittre Qualen zerreißen meine Seele, indes du voll freudigen Mutes bei der jungen Braut verweilest und ihr zu ihrer Belustigung vielleicht deine vorigen Liebeshändel erzählen und mich ihr weit strafbarer schildern, meine Schönheit und Sitte herabsetzen wirst. Alle meine Vorzüge, die du sonst mit eifrigem Lob über alle Frauen zu erheben pflegtest, wirst du jetzt verächtlich nennen und nur einzig ihre Schönheit preisen. Ach! und alles, was ich von großer Liebe getrieben mit frommem Herzen für dich getan, wirst du nun als die Früchte einer wilden, üppigen Lust ihr darstellen!

Doch vergiß nicht, deiner lügenhaften Schilderung auch die Erzählung deiner eigenen Betrügereien beizufügen. Erzähle, wie du mich verlassen hast, obgleich du so hoch von mir geehrt und vorgezogen worden bist, damit deine Undankbarkeit in den Augen deiner Zuhörerin einen desto größern Umfang annehmen möge. Gedenke in deiner Erzählung, wie so viele edle Männer sich einst um meine Liebe beworben haben und auf welche Art. Wie ihre Liebe meine Tür mit Blumenkränzen umwand; ihre nächtlichen Kämpfe und ihre herrlichen Taten am Tag; und wie sie doch niemals mich von deiner falschen Liebe abwendig machen konnten; da du hingegen für eine Geliebte, die du kaum gekannt, mich schnell hingeben konntest. Und sie, wenn sie nicht arglos ist, wie ich es war, wird mißtrauisch gegen deine Küsse werden und sich vor deiner Falschheit, gegen die ich mich nicht zu schützen wußte, hüten. Sie bitte ich, so mit dir zu verfahren wie des Atreus Gattin mit ihm oder die Töchter des Danaus mit ihren neuen Männern oder Clytämnestra mit Agamemnon, oder zum mindesten wie ich selbst gegen meinen Gemahl handelte, der keine solche Kränkung verdiente; möge sie dir solches Unglück bereiten, daß ich gezwungen werde, deinem Schmerz Tränen zu weinen, so wie ich sie jetzt voll Mitleid meinem eigenen Jammer weine. Und wenn die Götter auf die Leiden irgendeines Sterblichen voll Mitleid niederblicken, so flehe ich sie an, daß dies alles für mich bald geschehen möge!‹

Indessen, so lebhaft mich auch diese Betrachtungen erregten und sooft der Gedanke an die ungeheure Kränkung nicht an diesem Tag allein, sondern auch an vielen der folgenden wiederkehrte, so peinigte mich die leidenschaftliche Unruhe, welche ich an der vorhin erwähnten Jungfrau wahrgenommen hatte, gleichfalls nicht wenig. Die Erinnerung daran erschuf mir einen neuen, nicht minder heftigen und herben Gram.

›Warum, o warum‹, rief ich, ›mich betrüben, daß der Geliebte fern von mir ist oder sich einer neuen Liebe ergeben hat? Kann ich wissen, ob selbst da, als er noch bei mir war, er nicht mir, sondern einer andern angehörte? O! ruchloser Jüngling, wie vielfach war deine Liebe geteilt oder fähig, verteilt zu werden! Leicht kann ich nun argwöhnen, daß so wie jene Jungfrau und ich (nun hast du diese Zahl noch durch eine vermehrt) von dir geliebt wurden, auch noch eine Menge anderer deiner Liebe teilhaftig waren, in deren ausschließlichem Besitz ich mich wähnte. Und so geschieht es, daß ich eine fremde Sache führe, indes ich nur meine eigenen Angelegenheiten zu bedenken glaube. Und wer kann wissen, ob nicht eine andere, der Gunst der Götter Würdigere, wegen erlittener Kränkungen Rache auf mich herabgefleht hat, so daß ich durch ihr Gebet jetzt so elend und schmerzensvoll bin? Aber sie, die ich nicht kenne, verzeihe mir, denn ich sündigte unwissend gegen sie, und Unwissenheit verdient Verzeihung.

Du aber, mit welchen Ausflüchten wirst du deine Untaten beschönigen? mit welchem Gewissen konn- test du sie ausüben? welche Liebe, welche Zärtlichkeit konnte dich dabei leiten? Schon oft habe ich sagen hören, das Herz könne nur einen Gegenstand auf einmal lieben; du aber zeigest, daß diese Regel für dich nicht gültig sei. Du fühltest große Liebe zu mir oder heucheltest sie. Hast du denn allen oder nur jener allein, die das, was du verborgen, so schlecht zu verhehlen wußte, dieselbe Treue, dieselben Schwüre, dieselben Tränen geweiht, mit denen du mich täuschtest? Wenn du es tatest, so magst du dich frei und sicher fühlen; du bist keiner verpflichtet, denn das, was man ohne Unterschied allen gibt, scheint mir keiner einzigen gegeben. Weh! wie ist es nur möglich, daß der, der so vielen das Herz raubte, selbst von keiner besiegt ward? Narcissus, der von vielen Geliebte und gegen alle gleich Unempfindliche, ward zuletzt in seine eigene Gestalt verliebt. Atalante, die Schnellfüßige, besiegte unerbittlich und streng alle ihre Liebhaber, bis endlich Hippomenes durch ein Meisterstück von List mit ihrem eignen Willen sie überwand. Aber warum die Beispiele der Alten anführen? Wurde ich selbst, deren Herz noch keiner besiegte, nicht von dir bezwungen?

Du allein also hast niemanden gefunden, der dein Herz bezwungen hätte? Ich kann dies nicht glauben und bin gewiß, daß auch du besiegt worden bist; und wenn du es warst, von wem es auch sei, warum kehrst du zu ihr, die so große Gewalt ausüben konnte, nicht wieder zurück? Und willst du dies nicht, so kehre zu jener Jungfrau wieder, deren Liebe stärker war als die Klugheit. Wenn ich elend sein soll, weil ich es deiner Meinung nach verdient habe, so laß doch meine Schuld nicht auch für andere verderblich werden! Kränke nicht so viele andere, wenn du mich strafen willst, so viele, die du, wie ich glaube, voll Erwartung und Hoffnung hier zurückgelassen hast, und laß dich von einer Gegenwärtigen nicht stärker fesseln als von so vielen Entfernten. Jene ist jetzt dein Eigentum; sie kann, wenn sie auch wollte, nicht aufhören, es zu sein. Sie also kannst du mit Sicherheit verlassen, sie bleibt dir doch; hierher aber eile, damit deine Gegenwart dir die erhält, welche sich noch von dir losreißen können.‹

So ergoß ich mein Leid in mannigfaltigen Klagen, die eitel waren, weil sie weder das Ohr der Götter noch das des geliebten, undankbaren Jünglings erreichten.

Dann geschah es zuweilen, daß ich plötzlich auf andere Gedanken geriet und zu mir selbst sprach: ›Warum, o Unselige, begehrst du, daß Panfilo zurückkehre? Glaubst du mit mehr Geduld und Leichtigkeit das in der Nähe zu ertragen, was in der Ferne dir schon unsäglich schwer ist? Ach! er bleibe und gönne dir durch seine Entfernung lieber noch den Zweifel an seiner Liebe, als daß seine Nähe dir die Gewißheit ihres Verlustes verkünde! So sei denn, armes Herz, wenigstens mit dem Bewußtsein zufrieden, daß noch andere gleiche Qualen erdulden, und genieße des Trostes, den alle Gequälten in dem Gedanken, Gefährten ihres Unglücks zu haben, zu finden pflegen.‹

Sehr schwer würde es mir werden, o meine Schwestern, euch recht deutlich zu schildern, mit wie brennendem Zorn, bittern Tränen und ängstlich beklommenem Herzen ich mich täglich solchen und ähnlichen Gedanken hinzugeben pflegte.

Aber wie die forteilende Zeit auch das Härteste und Schwerste zur Reife bringt und erweicht, so geschah es, daß mein Schmerz, der nicht mehr wachsen konnte und den höchsten Gipfel erreicht hatte, etwas milder zu werden begann. Kaum aber fühlte die Seele sich von dem drückenden Schmerz etwas freier, so kehrte die brünstige Liebe und die schwankende Hoffnung schnell mit feurigem Fluge zurück. Ach! diese neuen Bewohner veränderten bald die Wohnung, wo erst der Schmerz gehaust hatte. Nur verändert war mein Wille, und das erste Verlangen, meinen Geliebten, nur ihn, wiederzuhaben, erwachte aufs neue mit größter Gewalt. Ja, je schwächer die Hoffnung, ihn jemals wiederzusehen, war, desto stärker, unüberwindlicher ward meine Begierde darnach. Und wie die Flamme, wenn sie der Winde Hauch von mehreren Seiten anfacht, wächst und in heißerer Glut auflodert, so gewinnt auch die Liebe durch entgegengesetzte Gedanken neue Kraft und zeigt nur herrlicher ihre Allgewalt. Und so ward auch ich bald dahin gebracht, über die vorigen Gedanken Reue zu empfinden. Ich dachte an jedes Wort, das der Zorn mir eingegeben hatte, und gleich als hätte mich jemand gehört, war ich beschämt und rügte hart, daß mein Gemüt den heftigen Stürmen der Leidenschaft so sehr unterlegen und die Stimme der Wahrheit gar nicht mehr zu hören fähig gewesen war. Doch die Flammen der Leidenschaft erkalten schnell in den stillen Wellen der Zeit; alles wird wieder klar, und der Irrtum zeigt sich bald im vollen Licht. Und so sprach auch ich bei ruhiger gewordenem Gemüt: ›O! törichtes Herz, was beunruhigt dich doch so sehr? Wie kann dich eine bloße Möglichkeit mit so flammendem Zorn entzünden? Laß es wahr sein, was der Kaufmann sagte – was vielleicht gar nicht wahr ist –, laß ihn wirklich verheiratet sein; ist dies etwas so Großes, so Unerhörtes, das du gar nicht erwarten konntest? Die Pflicht will ja, daß in solchen Fällen die Jünglinge ihren Vätern gefällig sind. Wenn nun sein Vater es von ihm heischte, unter welchem scheinbaren Vorwand hätte er ihm Gehorsam verweigern können? Und glauben darfst du auch, daß nicht alle, die sich verheiraten und verheiratet sind, ihre Frauen lieben, wie sie andere Frauen lieben. Der allzu freie Umgang in der Ehe läßt die Liebe der Männer doch gar bald erkalten, wenn ihnen auch anfänglich die Gattin höchst liebenswert vorkam, und weißt du denn, ob es bei dieser der Fall war? Vielleicht ward Panfilo nur aus Zwang ihr Gatte, und vielleicht liebt er dich noch immer mehr als sie, und es fällt ihm schwer, bei ihr zu verweilen. Ja, wenn ihm die Gattin jetzt auch gefällt, so darfst du hoffen, daß sie ihm bald langweilig wird. An seiner Treue und an seinen Schwüren brauchst du deshalb nicht zu zweifeln. Er darf ja nur wieder in dein Zimmer hereintreten, und beide sind erfüllt. Flehe also nur zu den Göttern, daß Amor, der mächtiger ist als Schwur und feierlich Gelübde, ihn zwinge, zu dir zurückzukehren.

Und dann: Warum hat denn die Bestürzung jener Jungfrau dir soviel Argwohn gegen ihn eingeflößt? Bedenke doch, wie du selbst von so vielen Jünglingen unerhört geliebt wirst, die ohne Zweifel alle sehr erschrecken würden, wenn sie vernähmen, daß du dem einen angehörtest. So darfst du es also auch für möglich halten, daß viele ihn lieben und durch seinen Verlust ebenso schmerzlich betrübt sein würden wie du, obgleich aus ganz verschiedenen Gründen.‹

Auf solche Weise betrog ich mich selbst und kehrte zu meiner ersten Hoffnung zurück, und was ich kurz vorher mit vielen Verwünschungen erbeten hatte, davon begehrte ich nun inbrünstig das Gegenteil.

Doch hatte ich gleichwohl nicht die Kraft, mich der Freude wieder hinzugeben, vielmehr sahen andere nur allzuwohl, wie eine ewige Unruhe mein Gemüt und Angesicht beherrschte; und ich selbst wußte nicht, was ich tun sollte. Alles, was mich sonst so emsig beschäftigt hatte, war nicht mehr. Im ersten Eifer meines Zornes hatte ich die Steine, die mir als Denkmäler der merkwürdigen verflossenen Tage gedient hatten, weit weggeworfen, alle seine Briefe verbrannt und viele andere Sachen verdorben und vernichtet. Den Himmel und den Lauf der Gestirne zu beobachten gewährte mir keine Freude mehr, denn jetzt wohnten Zweifel an seiner Rückkehr in meiner Seele, wo sonst nur die frohste Gewißheit lebte. Die Lust an kurzweiligen Erzählungen und Geschwätz war gleichsam vorüber, auch wollte es die Jahreszeit, welche die Nächte sehr verkürzt hatte, nicht mehr gestatten. Ach! diese Nächte brachte ich entweder zum Teil oder auch wohl gänzlich ohne zu schlafen, fast immer weinend oder grübelnd hin. Und geschah es dann zuweilen, daß ich einschlief, so waren die Träume, die mich umschwebten, sehr verschieden; lieblich und zärtlich waren die einen, unsäglich traurig die andern. Festlichkeiten und Tempel waren mir öde und langweilig, und nur selten, wenn ich nicht umhin konnte, fand ich mich dort ein. Mein bleiches Gesicht verbreitete Melancholie über mein ganzes Haus und gab Veranlassung zu mancherlei Reden über mich. So ward ich in der ewigen Erwartung, ohne zu wissen was, immer stiller und trauriger. Meine zweifelnden, schwankenden Gedanken hielten mich den ganzen Tag in schwebender Ungewißheit: ob ich traurig sein sollte, ob froh. Kam aber die Nacht, so fühlte ich, daß sie die Zeit meiner Leiden sei.

Einst, da ich allein in meinem Zimmer war und viel geweint, viel mit mir selbst geredet hatte, ward ich auf einmal von einer Eingebung gleichsam ergriffen. Ich wandte meine Gebete zur Venus und sprach: ›O! du höchste, alleinige Schönheit des Himmels! mitleidige Göttin, allerheiligste Venus! Du, deren Bild mir einst, als meine Leiden begannen, festlich in dieser Kammer erschien, verleihe mir Trost für meinen Schmerz, und um deiner heiligen, innigen Liebe zu Adonis willen lindere meine unendlichen Qualen! Sieh, wie ich um deinetwillen jetzt erbebe, sieh, wie oft die furchtbare Gestalt des Todes schon vor meine bangen Blicke getreten ist. Sieh, ob mein redlicher Glaube soviel Leiden verdient hat, als ich nun dulden muß. Unbekannt mit deinen Pfeilen unterwarf sich mein junges, müßiges Herz bei dem ersten Wink ohne Widerrede deinem Willen. Du weißt, wieviel Glück mir von dir verheißen, und ich leugne es nicht, zum Teil auch wirklich geschenkt wurde; aber wenn du willst, daß ich diese Qualen, die du mir jetzt zuteilst, zu jenen verheißenen Gütern rechnen soll, so muß Himmel und Erde zugrunde gehen und eine neue Welt mit einer neuen Ordnung der Dinge sich gestalten. Ist es aber wirklich ein Unglück, wie ich es zu empfinden glaube, so laß, o huldreiche Göttin, das verheißene Glück nun erscheinen, damit von deinem heiligen Munde nicht wie von sterblichen gesagt werden könne, daß er zu lügen verstehe. – O! laß deinen Sohn mit seinen Pfeilen und seiner Fackel zu meinem Geliebten eilen, der jetzt fern von mir weilt; und ist vielleicht, meines Anblicks beraubt, sein Herz in Liebe zu mir erkaltet oder für eine andere entzündet, so fache die vorige Glut von neuem so heftig in ihm an, daß er sich von keiner Ursache abhalten lasse, zurückzukehren, damit ich von neuem Mut fasse und nicht unter so schwerem Leid hinsterbe! O göttliche Schönheit! laß meine Worte vor deine Ohren kommen, und wenn du in dem Geliebten nicht die vorige Glut entflammen willst, so reiß aus meinem Herzen die Pfeile, damit auch ich, gleich ihm, frei von solchen Ängsten meine Tage hinbringen könne !‹

So betete ich, und obgleich ich keinen Erfolg meiner Gebete sah, glaubte ich doch, daß sie noch erfüllt werden würden, und diese Hoffnung linderte einigermaßen meine Qual.

›O Panfilo!‹ rief ich oft, ›wo weilst du jetzt? Ach! ach! was tust du? findet die verschwiegene Nacht auch dich jetzt ohne Schlaf und bitter weinend, wie mich? Hält dich vielleicht die junge Braut in ihren Armen? Oder ruhst du, von weichem, süßem Schlaf umfangen, nicht gestört von der leisesten Erinnerung an mich? Weh! wie mag es doch geschehen, daß Amor zwei Liebende nach so verschiedenen Gesetzen beherrscht, da jedes so eifersüchtig liebt wie ich und vielleicht du! Ach! ich weiß es nicht, aber erfüllen auch dich solche Gedanken wie mich, so sag, welcher Kerker, welche Fesseln könnten dich halten, daß du sie nicht zerbrächst und zu mir eiltest? Ich wenigstens wüßte nicht, was mich hindern könnte, zu dir zu kommen, wenn nicht mein Geschlecht mir Schmach und Hindernisse mancherlei Art zuziehen würde. Aber du – was für Geschäfte dich auch abgehalten haben, jetzt müßten sie beseitigt und dein Vater müßte sich nun an dir gesättigt haben! Ach! die Götter wissen, wie oft ich um seinen Tod gefleht habe! Denn fast glaube ich, daß er die Ursache deines Bleibens ist oder doch der Grund deiner Trennung von mir. Aber ich zweifle nicht, daß meine Gebete um seinen Tod ihm nur das Leben verlängern, denn die Götter sind mir entgegen und erhören kein einziges! Ach! wenn deine Liebe so groß ist, wie ich einst glaubte, so überwinde den Willen der Götter und führe dich zu mir zurück!

Bedenke, wieviel Stunden ich einsam zubringe, in denen du mir treulich Gesellschaft leisten könntest. Gedenke der mannigfaltigen Freuden, die wir vereint genossen! Erinnerst du dich ihrer nur einmal, so bin ich gewiß, daß nie eine andere Frau dich mir rauben kann. Ja mehr als alles andere ist es dieser Glaube, der mir die Nachricht von der neuen Braut als falsch darstellt oder mir doch das feste Vertrauen gibt: ich dürfe, wenn sie auch wahr wäre, doch nicht fürchten, dich auf lange entbehren zu müssen. So kehre denn wieder, und wenn die liebliche Freude nicht genug Gewalt über dich hat, so führe die ernste Pflicht, mich vom schimpflichsten Tode zu befreien, dich zu mir zurück. Ach! wenn du jetzt zurückkämst, du würdest mich wohl kaum wiedererkennen, so sehr hat mich die Angst um dich entstellt. Aber ein kurzes Wiedersehen, ein Blick in deine schönen Augen würde mir bald reichlich wiedergeben, was unendliche Tränen mir genommen haben, und bald würde die Fiammetta, die du kanntest, zurückgekehrt sein. Ach komm, komm, mein Herz schreit nach dir und fordert dich zurück! Laß meine Jugend nicht hinwelken, da sie nur dir allein blüht! Ach! wenn du kämest, welchen Zügel würde ich meiner Freude anlegen, daß sie sich nicht der ganzen Welt verkündete! Und doch müßte ich mit Recht besorgen, daß unsere so lange verborgene Liebe nun auf einmal vor aller Augen entschleiert dastehen würde. Aber möchtest du nur kommen, um zu sehen, daß gewandte List und kluge Beherrschung dem Glücklichen ebenso hilfreich sind als dem Bedrängten. Ach! wärst du nur hier! und könnte es nicht anders sein, so möchte doch unser Geheimnis offenbar werden, denn ich traue mir zu, für alles Rat zu wissen, alles zu ertragen, nur deine Entfernung nicht!‹

So redete ich, und als ob er meine Worte gehört hätte, sprang ich plötzlich auf und lief ans Fenster, mich selbst mit dem Wahn betörend, als höre ich ihn wie sonst leise an meine Tür pochen. O! hätten die verschmähten Liebhaber dies gewußt, wie oft hätte ich von ihnen betrogen werden können! Aber vergebens ward das Fenster geöffnet und mit forschendem Blick nach der Tür geschaut. Wider Willen machten meine Augen mir den Selbstbetrug gewisser, und die kurze trügerische Fröhlichkeit wandelte sich schnell in schwere Beängstigung um. Und gleich einem Schiff im Sturm, dessen Mast zerbrochen ist und das, durch die wütende Gewalt der Winde mit geschwellten Segeln ins offene Meer hinausgetrieben, endlich ein Raub der schäumenden Wogen wird, so kehrte auch ich in gewohnter Weise zu den Tränen zurück und badete mich in bittern Strömen.

Dann wieder wollte ich mich zwingen, dem Gemüt einige Ruhe zu geben, mit verschlossenen Augen wollte ich den feuchten Schlaf herbeilocken und sprach bei mir selbst: ›O Schlaf! du lieblichste Ruhe der Natur, echter Friede der Herzen, du, den jede Sorge als ihren Feind flieht, komm zu mir und verscheuche mit deiner Süßigkeit ein wenig die bittern Sorgen aus meiner Brust! O du, der die müden Glieder stärkt und zu neuer Arbeit und Mühe geschickt macht, o warum kommst du nicht? Allen andern Wesen gibst du Ruhe, warum nicht auch mir, die ihrer mehr als alle andern bedarf? O wende dich weg von den Augen junger, glücklicher Schönen, die ihre Geliebten in den Armen haltend dich jetzt zurückstoßen und hassen! Kehre in meine Augen ein, bei mir, die allein und verlassen, von Tränen und Seufzern überwältigt, die nächtlichen Stunden vertrauert.

O du Bändiger der Schmerzen, du bessere Hälfte des Menschenlebens, schenke mir dich selbst zum Trost, und nur dann halte dich fern von mir, wenn Panfilo einst mit seinem süßen Geschwätz meine Ohren erquickt, die so begierig sind, ihn zu hören. O du müder Bruder des herben Todes, der Trug mit Wahrheit seltsam vermischt, komme und senke dich auf meine traurigen Augen: du, der einst die hundert des Wachens gewohnten Augen des Argus schloß, ach! schließe jetzt diese zwei, die sich so herzlich nach dir sehnen! Du Pforte des Lebens, Ruhe des Lichts und Gefährte der Nacht, du, der mit gleicher Huld den stolzen König wie den demütigen Sklaven besucht, senke dich auf meine traurige Brust und erfrische liebreich die sinkenden Kräfte. Süßer Schlaf, du, der das furchterfüllte Menschengeschlecht sich an des Todes lange Dauer gewöhnen lehrt, ergreife mich mit deiner Kraft und verjage die törichten Sorgen, mit denen meine Seele sich ohne Nutzen abmüht.‹

Zuweilen geschah es dann, daß dieser Gott, erbarmungsvoller als alle andern, zu denen ich betete, mir endlich die erflehte Gunst gewährte und mir nahte. Aber gleich als käme er nur aus Zwang und wider Willen, erschien er träg und schweigend, und ohne daß ich es wahrnahm, senkte er sich auf mein müdes Haupt, das seiner so sehr bedurfte, ihn willig aufnahm und sich ihm gänzlich hingab. Aber wenn auch der Schlaf mich besuchte, so kehrte doch nimmer der ersehnte Friede bei mir ein. Denn ach! statt der Gedanken und Tränen ängstigten mich nun unendlich furchtbare Traumgesichte. In Plutos Wohnung ist keine Furie, die sich mir nicht unter mannigfaltigen, schrecklichen Formen zeigte und mich mit mancherlei Übeln bedrohte. Ihr scheußlicher Anblick zerriß oft das zarte Gespinst des Schlafes, und ich war froh, von ihrem Anblick befreit zu sein. Mit einem Wort, seit der unseligen Nachricht von Panfilos Verheiratung verflossen wenig Nächte, wo mich der Schlummer wie sonst erquickt und mir, wie er ehedem pflegte, meinen Geliebten froh und lieblich hätte erscheinen lassen.

Eines aber schmerzte mich ohne Maß und tut es noch, daß nämlich mein teurer Gatte meine Tränen und meinen Jammer bemerkte, ohne die Quelle desselben zu erraten. Als er sah, wie die frische Blüte meines Angesichts ganz verblaßte und die klaren, leuchtenden Augen von einem tiefen, purpurnen Kreis umschattet und gleichsam meiner Stirn entwichen waren, so nahm es ihn oft wunder, woher dies wohl kommen möge. Und als er wahrnahm, daß ich Eßlust und Ruhe verloren hatte, fragte er mich, was wohl die Ursache davon sei. Dann gab ich zur Antwort, das Übel liege im Magen, der, ich wisse selbst nicht wie und wodurch, verdorben und die Ursache dieser entstellenden Magerkeit sei.

Ach, wie ehrlich vertraute er meinen Worten und glaubte mir alles! Er ließ mir eine Menge Heilmittel bereiten, die ich gebrauchte, um ihn zufriedenzustellen, nicht, weil ich mir Besserung von ihnen versprach. Kann irgendein Heilmittel für den Körper auch der Seele Genesung bringen? Ich glaube, keines. Ja, vielleicht ist es eher möglich, daß die geheilte Seele den Körper kräftigen kann. Für mein Übel gab es nur ein Mittel, und dies war zu weit entfernt, um wirksam sein zu können. Als aber der betrogene Gatte nun sah, daß all die vielen Mittel wenig, ja nichts fruchteten, war er noch zärtlicher für mich besorgt als sonst, und auf tausenderlei neue und erfinderische Weise bemühte er sich, meine Melancholie zu verjagen und den verlornen frohen Mut zurückzurufen. Aber vergebens war alles, was er tat.

Einige Male richtete er folgende Worte an mich: »Du weißt, Liebe, daß nicht weit von dem anmutigen Berg Falerno mitten in dem alten Cuma und Puzzuoli an den Ufern des Meeres die vergnügliche Stadt Baia liegt. Ihre Lage ist so, daß der Himmel auf keine schönere und anmutigere herabschaut. Die schönsten Gebirge, mit verschiedenem Gehölz und Reben bedeckt, umgeben sie, und die reizenden Täler beherbergen alle Tiere, die zur Jagd schicklich und erfreulich sind. Nicht weit davon liegt eine sehr große Ebene, wo Falken und andere Raubvögel gejagt werden. Auch ist nicht fern die Insel Placusa und Nisita, wo ein Überfluß von Kaninchen ist und das Grabmal des großen Misenos, das zu den Reichen des Pluto führt; auch sind dort die Orakel der Cumanischen Sibylle, der See Averno und der gemeinsame Platz der alten Spiele, die Teiche und der Berg Barbaro, diese eitlen und mühsamen Arbeiten des gottlosen Nero. Alle diese Denkmäler der ältesten Zeiten, die den jetzigen so neu sind, bieten nicht wenig Veranlassung, diese Insel zu sehen und zu bewundern. Und außer allem diesem gibt es dort eine unendliche Anzahl Bäder, die für alles wirksam sind und deren Besuch von der herrschenden milden Jahreszeit begünstigt wird. Dort lebt man nie, ohne sich mit edlen Frauen und Rittern in Festlichkeit und Freude zu ergötzen. Darum also, weil dein Magen in keinem gesunden Zustand ist und, soviel ich beurteilen kann, eine schwere Melancholie dein Gemüt bedrückt, so will ich, daß du zu beider Genesung mir dahin folgst. Ich bin gewiß, daß unsere Reise uns Gewinn bringen wird.«

Als ich dies hörte, fiel mir sogleich ein, ob nicht unterdessen der teure Geliebte zurückkehren und ich ihn dann nicht sehen würde, und dies verzögerte lange meine Antwort. Aber da ich sah, wie sehr mein Gemahl es wünschte, und bei mir dachte, daß jener, wenn er käme, mir gewiß dorthin folgen würde, so antwortete ich, ich sei bereit, seinem Willen zu folgen, und also reisten wir ab.

O! wie war das Heilmittel, welches mein Gemahl sich ausgesonnen, meiner Genesung so entgegen! Dort geschieht es nämlich höchst selten oder nie, daß einer, der mit gesundem Gemüt dahin kam, auch mit gesundem Gemüt zurückkehrt, wenn auch die Leiden des Körpers verschwinden. Wie dürften nun vollends Liebeskranke Genesung hoffen: dort in der Nähe der Meereswellen, aus deren Schoß Venus einst geboren ward, und in der Jahreszeit, die vor allem zu ihrem Dienst bestimmt ist, im lieblichen Frühling? Es darf keinen wundern, daß ich an mehreren Beispielen sah, wie auch die züchtigsten Frauen dort die weibliche Zucht mehr oder weniger beiseite setzten und sich in jeder Hinsicht mit mehr Freiheit betrugen wie an allen anderen Orten. Solche Erfahrungen machte nicht ich allein, sondern alle, die jemals mit diesem Ort bekannt wurden.

Hier wird der größte Teil der Zeit müßig hingebracht, und wenn irgendeine Beschäftigung sie ausfüllt, so sind es verliebte Gespräche, welche die Frauen teils unter sich, teils in Gesellschaft von Jünglingen halten. Nur die köstlichsten Speisen reizen hier den Gaumen und die edelsten alten Weine, die in der Brust nicht allein die schlummernde Lebensflamme, sondern selbst die erloschene wieder zu entzünden vermögen. Auch wird jeder, der sie nahm, wohl wissen, wie unbeschreiblich die Wirkung jener Bäder auf den Körper ist. Hier schimmern die Ufer des Meeres, die anmutigen Weinberge, die Gärten und jeder Fleck Landes vom Glanz mannigfaltiger Feste, neuer Spiele, reizender Tänze, und alles tönt von unzähligen Instrumenten und vom Klang verliebter Gesänge wider, die ebenso häufig von Frauen wie von Jünglingen gedichtet und gesungen werden. Widerstehe also, wer da kann, der Gewalt des Liebesgottes hier, wo er in der Hauptstadt seines weiten Reiches, von Erde und Himmel begünstigt, leichter und glorreicher als irgend anderswo seine Kräfte übt und verherrlicht!

An einen solchen Ort, ihr mitfühlenden Frauen, führte mich mein Gemahl, um mich von meiner Liebe zu heilen. Aber kaum waren wir dort angelangt, als Amor gegen mich verfuhr wie gegen alle anderen auch und mein Herz zwar nicht bezwang, weil es ja schon ganz sein eigen war, aber es von neuem mit solcher Glut anfachte, daß alles Vorhergehende ein Geringes dagegen zu sein schien.

Und zwar wirkten nicht allein die erst angeführten Ursachen, sondern mächtiger als alles wirkte die Erinnerung; denn mehr als einmal war ich hier in Panfilos Begleitung gewesen, und als ich mich nun allein, ohne ihn sah, mußten Liebe und Leid natürlich noch unendlich in mir wachsen. Ich sah keinen grünen Berg, kein reizendes Tal, das ich nicht schon einst, von ihm und von andern begleitet, durchstrichen hätte. Hier hatten wir die hinterlistigen Netze getragen, die muntern Jagdhunde geführt, dort dem flüchtigen Wild Fallstricke gestellt und es erlegt, und so sah ich nichts, was nicht einst Zeuge von seiner und meiner Fröhlichkeit gewesen wäre. Ach! jedes Ufer, jeder Fels, jede kleine einsame Insel rief mir zu: »Hier warst du einst mit ihm! hier sprach er diese Worte der Liebe! hier küßte er dich!« So wurde jeder Gegenstand eine lebendige, mächtige Erinnerung an ihn, und mein Verlangen, ihn hier oder irgendwo anders wiederzusehen und in die verflossenen Zeiten zurückzukehren, ward brennender angefacht als je.

Weil es meinem Gemahl gefiel, begannen wir nun an den Freuden dieses Orts teilzunehmen. Oft verließen wir das Lager, ehe noch der Tag in seiner Klarheit erschienen war, bestiegen die mutigen Rosse und streiften zuweilen mit Hunden, zuweilen mit dem Federspiel und oft mit beiden in die benachbarten Gegenden, die sich zu jeder Art von Jagd eigneten. Hier verfolgten wir bald im schattigen Wald, bald im offenen Feld mit Emsigkeit unsern Raub, aber der Anblick so wechselreicher, fröhlicher Jagdszenen, die jedes andere Herz mit neuem, frischem Mut erfüllten, konnte in mir den schweren Schmerz nur wenig lindern. Sooft ich den schönen Flug oder den edlen Lauf eines Tieres sah, mußte ich unwillkürlich sagen: ›O Panfilo! wärest du jetzt hier und sähest dies, wie du sonst tatest!‹ Ach! wie bei solcher Erinnerung das verborgene Weh plötzlich wieder in mir aufwachte und mich so heftig bezwang, daß ich wie versteinert war, nachdem die Sorge ein wenig durch Zerstreuung und eigene Tätigkeit in mir geschwiegen hatte!

Oft entsanken in solchem Fall Bogen und Pfeile meiner Hand, und ich stand wie leblos da, die ich in dieser Kunst, ja selbst in der Kunst, die Netze zu stellen und die Hunde loszulassen, in Dianens Nymphen keine Meisterin fand. Es geschah auch oft, daß ich den Falken nicht losließ, bis er selbst von meiner Hand in die Höhe schoß, wenn ein schicklicher Raub in der Nähe war, gleichsam, als hätte ich alle Besinnung verloren; so wenig kümmerte mich jetzt das, was ich sonst mit größtem Eifer und Fleiß getrieben hatte. Hatten wir nun Täler und Berge und die weiten Ebnen durchstreift, so kehrten meine Gefährten und ich mit Beute beladen nach Haus zurück, wo uns fast immer fröhliche Feste erwarteten.

Oft wurde die Tafel auf den weichen Sand des Meerufers unter hohen Felsen, die sich weit über das Meer hinstreckten und den lieblichsten Schatten verbreiteten, gestellt, und wir nahmen unser Mahl in einer zahllosen Gesellschaft von Frauen und Jünglingen ein. Und noch ehe wir aufgestanden waren, erklang der Schall der Instrumente, dann erhob sich das junge Volk zum Tanz, an dem ich zuweilen gezwungen teilnehmen mußte. Aber bald fehlten mir die Kräfte, denn mein Geist war allzu betrübt und mein Körper allzu schwach; dann schlich ich mich in den Hintergrund zu den ausgebreiteten Teppichen, wo ich mich mit einigen andern still niedersetzte und leise zu mir sagte: ›O Panfilo! wo bist du?‹ Und wenn ich so den Klängen lauschte, die mit süßen Tönen mir bis in die Seele drangen, und zugleich an Panfilo dachte, dann überzog ein schreiender Mißlaut mir auf einmal Fest und Geräusch. Ach! die lieblichen Töne riefen jeden schlummernden Geist der Liebe wieder ins Leben zurück und stellten die fröhlichen Zeiten vor mein Gemüt, da ich mit nicht geringer Kunst in Gegenwart meines Geliebten und von Lobsprüchen begleitet liebliche Töne aus diesen Instrumenten hervorzurufen pflegte. Nun, da ich ihn nicht sah, hätte ich gern traurige Seufzer weinend aus ihnen hervorgelockt, wenn die Schicklichkeit es mir erlaubt hätte. In derselben Weise pflegten auch die verschiedenen Gesänge, die andere sangen, auf mich zu wirken. Geschah es zuweilen, daß ein Lied auf meine Leiden Bezug hatte, so hörte ich es mit der größten Aufmerksamkeit an, ich sehnte mich, es zu erlernen, damit ich künftig auf eine geordnete und verborgene Weise mich vor jedermann beklagen und mit fremden Worten die Geschichte meines eigenen Unglücks schildern könne. Hatte nun der Tanz mit seinen vielfachen Ringen und Kreisen die jungen Frauen ermüdet, so kamen alle, sich zu uns zu setzen, und die frohen, anmutigen Jünglinge sammelten sich von selbst um uns, gleichsam einen Kranz bildend.

Niemals sah ich hier oder anderswo solchen lieblichen Kreis, daß er mich nicht an jenen Tag mahnte, an dem ich Panfilo zum erstenmal gesehen, wie er hinter den andern stand und mich mit seinem Blick gefangennahm, und immer erhob ich die Augen und schaute unter ihnen umher, als hoffte ich, ihn auch jetzt in gleicher Stellung wiederzusehen. So umherspähend, bemerkte ich zuweilen einige, die mit sehr verständlichen Blicken ein Verlangen aussprachen. Diese beobachtete ich mit ängstlich forschendem Auge, durch die vergangene Zeit in solcher Sprache erfahren. Leicht konnte ich voneinander scheiden, welche liebten und welche scherzten, und bald fand ich die einen, bald die andern lobenswert. Dann sagte ich wohl zu mir selbst: ›Wäre es nicht besser für mich gewesen, wenn ich wie sie unter Scherz und Lachen mir die Freiheit des Herzens erhalten hätte?‹ Doch bald verdammte ich diese Gedanken und rief: ›Nein! was für Schmerzen ich auch erdulden muß, ich bin doch zufrieden, treu geliebt zu haben.‹

Dann wandte ich mich mit Augen und Betrachtung wiederum zu den fröhlichen, anmutigen Gebärden der jungen Liebhaber, und der Anblick derer, die ich als wahr und aufrichtig Liebende erkannte, gewährte mir gleichsam etwas Trost. Ich achtete sie deswegen höher, und wenn ich sie lange mit voller, ganzer Seele beobachtet hatte, sagte ich leise: »O! glückselig ihr, die ihr nicht wie ich des Anblicks eurer selbst beraubt seid! Ach! so wie euch jetzt zumute ist, so pflegte auch mir einst zu sein. Möge eure Glückseligkeit lange dauern, damit ich allein den Sterblichen ein Denkmal des Jammers bleiben könne. Damit mir wenigstens, wie einst der Dido, die Unsterblichkeit eines traurigen Nachruhms zuteil werde, wenn Amor durch den bittern Schmerz über den Geliebten das Ziel meiner Tage beflügelt.« Und von neuem begann ich die verschiedenen Gruppen um mich her aufmerksam zu beobachten. O! wie oft sah ich Jünglinge überall unruhig mit ihren Blicken umherschweifen, und wenn sie ihre Gebieterinnen nicht fanden, Fest und laute Fröhlichkeit verschmähen und still und schwermütig hinwegschleichen. Ihr Anblick zwang mir mitten in meinem Leiden ein Lächeln ab, obgleich nur ein mattes; es freute mich, die Unglücksgefährten zu sehen, deren Gefühle ich durch meine eigenen nur allzu genau kannte.

Dies also, ihr Lieben, war die ganze Wirkung, welche die milden Bäder, die wilde Jagd und die mit tausend Festlichkeiten und Glanz erfüllten Meeresufer auf meine trauernde Seele hatten. Und da mein blasses Aussehen, die ewigen Seufzer, der Mangel an Eßlust und Schlaf dem betrogenen Gemahl und den Ärzten genugsam zeigten, daß mein Übel unheilbar sei und daß sie mein Leben verloren geben müßten, so kehrten wir nach der verlassenen Stadt zurück. Aber dadurch, daß auch hier die Jahreszeit mancherlei frohe Festlichkeiten hervorrief, wurden mir nur neue Qualen bereitet. Es geschah mehr als einmal, daß junge Bräute mich bald als Verwandte und Freundin, bald als Nachbarin ganz besonders einluden, ihre Hochzeitsfeier mit begehen zu helfen, und mehr als einmal nötigte mich mein Gemahl mit freundlicher Gewalt, daran teilzunehmen, in der Hoffnung, meine ewige Melancholie zu zerstreuen.

An solchen Tagen mußte ich die lange ungebrauchten schimmernden Kleider und den köstlichen Schmuck wieder hervorsuchen und die vernachlässigten Locken, deren wallendes Gold vormals von jedem gepriesen, jetzt der Asche gleich geworden war, so gut ich konnte, festlich zieren. Und wenn dann die Erinnerung mächtig in meine Seele drang, wie sie einst den einzigen mehr als jede andere Schönheit zu entzücken pflegten, dann fühlte sich das gequälte Herz von einer neuen Schwermut erfüllt. Ja, ich vergaß mich zuweilen selbst ganz und gar und nahm erst nach langer Pause den herabgefallenen Kamm endlich wieder auf, durch meine Dienerin wie aus tiefem Schlaf erweckt, um das vergessene Geschäft zu vollenden. Ach! wenn ich hierauf, wie junge Frauen pflegen, meinen Spiegel wegen des angelegten Putzes befragte und er mir mein Bild so schrecklich wiedergab, wie es wirklich war, wenn ich dann der verlornen Schönheit und der vormaligen Gestalt gedachte, ach! dann wandte ich mich erschrocken ab und zweifelte, ob die Gestalt, die der Spiegel mir zeigte, nicht eher die einer höllischen Furie sei als die meinige. Wenn ich nun endlich äußerlich geschmückt, aber im Herzen wie immer dunkel und freudenlos, mit den anderen zu den fröhlichen Festen ging: ach! da waren sie nur den anderen fröhlich! Denn das weiß der, dem nichts verborgen ist: für mich geschah seit der Abreise meines Geliebten nichts, was mir nicht Veranlassung zu neuer Trauer gegeben hätte. War ich nun auf dem Hochzeitsfeste angekommen, so erschien ich, so verschieden auch Ort, Zeit und Umstände sein mochten, immer nur auf dieselbe Weise, im Gesicht nämlich erlogne Heiterkeit und im Herzen die tiefste Trauer. Was mir auch begegnen mochte, Freudiges und Trauriges, ich war geneigt, in allem die Ursache zur Betrübnis zu finden. An dem Versammlungsort, an dem wir von den anderen sehr ehrenvoll empfangen wurden, pflegte ich die Blicke allenthalben herumschweifen zu lassen, nicht, als hätte ich Verlangen, den mannigfaltigen Schmuck zu betrachten, der von allen Seiten leuchtete und strahlte, nein, weil ich mich selbst mit dem süßen Gedanken täuschte, als würde ich hier vielleicht den Geliebten sehen, wie früher so oft. Und wenn ich ihn nun nicht sah, dann schien mir mein Unglück gewisser als vormals, und wie übermannt setzte ich mich still unter die anderen und vermied die angebotenen Ehrenbezeigungen, die mir jetzt gleichgültig waren, ohne ihn, um dessentwillen allein sie mir vormals wert gewesen waren.

Und wenn nun die Neuvermählten angekommen, die stolze Pracht der festlichen Tafeln hinweggenommen war und, bald von der Stimme eines festlichen Gesanges geleitet, bald nach dem Schall verschiedener Instrumente, der Tänze mannigfaltige Form begann und von dem Jubel hochzeitlicher Feier jeder Winkel des Hauses erklang, dann mischte auch ich mich wohl in die bunten Kreise, um nicht stolz, sondern gefällig zu erscheinen. Aber bald setzte ich mich wieder nieder und überließ mich meinen traurigen Gedanken.

Ich dachte daran, wie feierlich und herrlich einst das Fest gewesen war, das diesem ähnlich mir zu Ehren gefeiert ward, und wie ich damals einfach und frei, ohne die leiseste Melancholie, frohen Mutes die Huldigungen der andern empfing. Und wenn ich nun jene Zeiten mit den gegenwärtigen verglich und ihre ungeheure Verschiedenheit bedachte, dann überkam mich der Schmerz, und mich befiel das heftigste Verlangen, in lautes Weinen auszubrechen, wenn nur der Ort es erlaubt hätte. Sah ich nun, wie die Jünglinge und Frauen sich zusammen ergötzten, dann traten mir frühere, ähnliche Bilder vor die Seele, in denen Panfilo auf mancherlei Weise, meisterlich geübt in solchem Spiel, mich angeschaut und frohe Liebeskünste getrieben hatte. Dann schmerzte es mich mehr, ihn zu missen, als nicht mehr Königin des Festes zu sein. Still lauschte ich den Liebestönen der Gesänge und seufzte, weil auch sie nur vom Vergangenen sprachen, und mit unendlichem Unmut das Ende des Festes herbeiwünschend, brachte ich, mit mir selbst unzufrieden, angstvoll die Zeit hin. Gleichwohl beobachtete ich alles um mich her, und wenn nun die Menge von Jünglingen sich um die ruhenden Frauen versammelte, um sich an ihrem Anblick zu erfreuen, dann nahm ich ganz bestimmt wahr, wie sie mich ansahen und bei meinem Anblick unter sich leise mancherlei Bemerkungen machten, aber nicht leise genug, als daß nicht ein großer Teil ihrer heimlichen Reden mir zu Ohren gekommen wäre.

»Ei!« sagten sie untereinander, »betrachtet einmal diese junge Frau, der an Schönheit sonst keine andere in unsrer Stadt sich vergleichen konnte, und sieh, was jetzt aus ihr geworden ist! Bemerkst du wohl, wie ihr ganzes Wesen so völlig verloren und versunken zu sein scheint? Was mag wohl die Ursache davon sein?« Und wenn sie dies gesagt hatten, sahen sie mich mit sanftem, demütigem Wesen an, als wären sie von meinem Leiden gerührt, und entfernten sich, voll frommen Mitleids, um mich mir selbst zu überlassen und mich nicht durch ihre Blicke zu beschämen. Und wieder fragten andere: »Weißt du, ob diese Dame etwa krank gewesen ist?«, und dann antworteten sie sich selbst: »Sie muß es wohl gewesen sein, weil sie so äußerst mager und farblos geworden ist; wie schade ist es doch, wenn man ihre einstige Schönheit bedenkt!« Andere gab es, die tiefere Einsichten in die Natur meiner Leiden hatten und meinten: »Die ungewöhnliche Blässe dieser jungen Frau zeugt von einem heftig in Liebe entflammten Herzen, denn keine Krankheit ist so verzehrend als allzu heftige Liebe. Ganz gewiß liebt sie, und wenn dem so ist, wie grausam ist dann der Mann, der ihr solche Qual verursacht, daß sie ganz entstellt ist.« Ach! wenn ich solche Worte hörte, so war es mir unmöglich, einen Seufzer zurückzuhalten! Mußte ich bei Fremden mehr Mitleid finden als bei ihm, der mir am meisten hätte zeigen müssen? Und nach diesem Seufzer bat ich mit leiser Stimme voll Demut die Götter, diese Mitleidigen zu segnen.

Meine Sittsamkeit aber stand bei manchem dieser Jünglinge in so großem Ansehen, daß sie mich entschuldigten und sagten: »Verhüte Gott, daß man von dieser Dame glauben sollte, die Liebe beherrsche sie auf solche Weise! Sie ist züchtiger als irgend eine andere und hat sich nie der Liebe empfänglich gezeigt. Von allen Liebhabern kann keiner sich in Wahrheit je ihrer Liebe rühmen. Und Liebe ist wahrhaftig keine Leidenschaft, die sich lange verhehlen läßt.« ›Ach!‹ sagte ich dann zu mir selbst, ›wie weit, wie weit sind diese doch von der Wahrheit entfernt. Weil ich nicht gleich einer Törin meine Liebe den Augen und Zungen der Männer hingebe, halten sie mich von aller Liebe frei.‹

Oft auch sah ich edle Jünglinge sich mir nähern, Jünglinge von schöner Gestalt und anmutigem Wesen, die wohl vormals durch Blicke und auf mancherlei Weise versucht hatten, meine Augen zu verführen und mich für ihre Wünsche zu gewinnen. Diese entfernten sich, nachdem sie meine furchtbare Veränderung eine Zeitlang beobachtet hatten, wahrscheinlich sehr zufrieden, daß ich vormals ihre Liebe nicht erhört hatte, und sagten: »Dahin ist der Glanz und die Schönheit dieser Frau!« Warum sollte ich euch, ihr Frauen, verhehlen, da wohl alle hierin mit mir gleich empfinden, daß, obschon mein Geliebter, um dessentwillen meine Schönheit mir über alles teuer war, nicht gegenwärtig war, es mir doch unendlich schwer aufs Herz fiel, als ich hörte, daß ich sie verloren hatte?

Oft wurden in dem Kreise der Frauen mancherlei Gespräche über die Liebe geführt. Aber wenn ich hier mit großer Aufmerksamkeit aufmerkend von fremden Liebeshändeln hörte, so ward ich gar bald überzeugt, daß keine Liebe so heiß, so verschwiegen und so schmerzvoll sei als die meinige, obgleich die Anzahl der Glücklicheren und Unwürdigeren groß genug war. Auf solche Weise brachte ich bald mit Anschauen und bald mit Anhören dessen, was um mich her vorging, still und nachsinnend die flüchtige Zeit hin. Hatten nun die Damen eine Zeitlang gesessen und geruht, so luden sie mich wohl ein, zum Tanz mit ihnen zu gehen. Aber vergebens! – Ja! wenn ich die jungen Frauen und Jünglinge leicht dahineilen sah, das Herz von jedem anderen Gedanken leer und nur auf den Tanz gerichtet, teils um sich als Meister in dieser anmutvollen Kunst zu zeigen, teils von Cytherens Flammen zum Tanz getrieben, und ich allein zurückblieb, dann betrachtete ich mit neidischem, feindseligem Herzen die neuen Bewegungen und lieblichen Weisen, in denen viele Frauen sich jetzt hervortaten. Und oft genug geschah es, daß ich sie schmähte und tadelte, obgleich ich nichts mehr wünschte, als mich womöglich ebenso zu zeigen, wenn Panfilo gegenwärtig wäre.

Ach! sooft sein Bild in meine Seele zurückkehrte und -kehrt, war und ist es stets der Schöpfer einer neuen Melancholie. Das Bild dessen, der – die Götter wissen es – der großen Liebe nicht wert ist, die ich für ihn gefühlt habe und fühle!

Hatte ich nun diesen Tänzen lange Zeit mit schwerem Herzen zugesehen und waren sie mir endlich höchst langweilig geworden, so erhob ich mich unter irgendeinem Vorwand aus dem Gewühl, und voll Sehnsucht, den angehäuften Schmerz auszuweinen, suchte ich mir auf eine schickliche Weise einen einsamen Ort aus. Hier, wo ich den Tränen freien Lauf verstattete, fanden die törichten Augen ihren Lohn für die eingesogenen Eitelkeiten. Aber diese Tränen flossen nicht ohne einige Worte voll blitzenden Zorns, und mein elendes Geschick tief einsehend und fühlend, kehrte ich meinen Grimm gegen das Schicksal und redete es so an:

»O Fortuna! furchtbare Feindin jedes Glücklichen und der Elenden einzige Hoffnung! Du bewegst und erschütterst Königreiche und leitest alle weltlichen Händel. Deine Hand erhebt und erniedrigt, wie deine törichte Laune es gebeut. Um jedem alles zu sein, beglückst du ihn durch das eine und schlägst ihn durch das andere nieder; du belädst nach verliehener Seligkeit das Herz mit neuen, schweren Qualen, damit die Sterblichen sich ja in ewiger Hilflosigkeit fühlen, immer nach dir rufen und auf den Altären deiner blinden Gottheit opfern. Du aber, blind und taub und die Klagen der Unglücklichen nicht achtend, du ergötzest dich mit deinen Auserwählten. Lachend und schmeichelnd umarmen sie dich mit vollem Herzen, bis sie zuletzt, durch einen unerwarteten Schlag von dir zerschmettert, mit tiefem Schmerz erkennen, wie schnell du deine Launen wechseln kannst.

Ach! ich Unselige bin unter diesen letzten und weiß nicht einmal, durch welche Schuld ich deinen Unwillen auf mich geladen habe oder was mir in deinen Augen geschadet hat! Weh mir! wer je den Mächtigen vertraut hat und sich mit leichtgläubiger Seele der Freude hingibt, der spiegle sich an mir, die ich aus einer freien, stolzen Frau zur niedrigsten Sklavin herabgesunken bin: ja und was das ärgste ist, von meinem Gebieter verschmäht und verachtet wurde. Vielleicht gabst du, o Fortuna, noch nie ein so vollständiges, meisterhaftes Beispiel deiner Launenhaftigkeit, um das liebefreie Herz zu warnen, als in meinem Schicksal.

Ich ward von dir, o Wankelmütige, in der Welt mit einem Überfluß aller Güter empfangen, wenn anders Adel und Reichtümer Güter zu nennen sind; ja, was noch mehr ist, du ließest mich hierin immer zunehmen, und niemals hast du in dieser Hinsicht deine Hand von mir abgezogen. Es ist wahr, daß ich diese Güter unausgesetzt in dem vollkommensten Grade besessen, daß ich sie aber auch als vergänglich betrachtet und gegen die natürliche Anlage der Frauen stets den freigebigsten Gebrauch davon gemacht habe.

Aber noch wußte ich nicht, daß du auch eine Göttin der Leidenschaft seist, wußte nicht, daß du so großen Einfluß in Amors Reichen hättest, bis ich durch deinen Willen plötzlich von Liebe entzündet wurde, entzündet für den Mann, den du und niemand anders mir vor Augen führtest, da ich von dem Gefühl der Liebe am allerfernsten zu sein glaubte. Kaum aber merktest du, daß mein Herz mit unauflöslichen Banden gefesselt sei, so versuchtest du, Wankelmütige, mir schon auf mancherlei Weise Leiden zu verursachen. Mehr als einmal gabst du meinen Nachbarn eitle und verderbliche Anschläge ein, mehr als einmal zogst du die Augen auf uns, damit unsere Liebe kund werden und so aufhören müsse. Sehr oft kamen auf dein Geheiß schändliche, gehässige Worte von dem geliebten Jüngling mir zu Ohren, so wie ihm von mir Reden, die, wenn sie geglaubt worden wären, notwendig hätten Haß erzeugen müssen. Aber niemals hatten sie den von dir beabsichtigten Erfolg; denn wenn du auch als eine Göttin die äußeren Begebenheiten nach Gefallen lenkst, so hast du doch über die Eigenschaften des Gemüts keine Gewalt. Und so hat dich unser Wille in dieser Hinsicht jedesmal überwunden.

Aber was gewinnt der, welcher sich dir widersetzt? Tausend Mittel stehen dir zu Gebote, um deinen Feinden zu schaden, und was dir auf geradem Weg nicht gelingt, weißt du doch durch Umwege zu erreichen. Da du in unsere Herzen nicht den Keim der Feindschaft werfen konntest, hast du dich bemüht, sie durch etwas Ähnliches mit dem heftigsten Schmerz und Gram zu erfüllen. Gleich feindselig gegen ihn gesinnt wie gegen mich, wußtest du es einzurichten, daß eine weite Entfernung den geliebten Mann von mir trennt. Weh mir! wie konnte ich ahnen, daß in solch entferntem Ort, durch soviel Meer, Berge, Täler und Flüsse von mir geschieden, die Quelle meines Jammers entspringen sollte? Dein Werk war es! Ach! ich glaubte es nie, und doch ist es so! Und so zweifle ich nicht, daß er, so weit von mir entfernt, mich noch ebenso liebt, wie ich ihn, den ich mehr als alles liebe!

Was aber nützt es uns? Ist wohl die Gestalt unsrer Liebe von Feindschaft unterschieden? Ach, sie ist es in nichts! Nur unser Gefühl hat nichts gegen deine feindselige Gewalt vermocht. Du hast mir mit ihm all mein Entzücken, all mein Gut, all meine Freude genommen; diesen folgten die Feste, der Schimmer, die Schönheit und das frohe Leben, und an ihrer Statt ließest du mir Tränen, Trauer und unerträgliche Angst. Aber daß ich ihn nicht liebte, konntest du nicht bewirken und kannst es nicht! O! wenn ich, jung wie ich noch bin, etwas gegen deine Gottheit verbrach, so hätte das Alter der Einfalt mich entschuldigen sollen! Wenn du mich gleichwohl strafbar finden wolltest, warum rächtest du dich gerade auf diese Weise? Du Ungerechte hast in ein fremdes Gebiet Eingriff getan! Was haben die Angelegenheiten der Liebe mit dir zu schaffen?

Von deiner Hand empfing ich hohe, schöne und prächtige Häuser, weit verbreitete Felder, mannigfaltige Herden; du gabst mir Schätze aller Art. Warum tat sich dein Zorn nicht durch Feuer oder Wasser, durch Raub oder Tod an diesen Dingen kund? Du hast mir all die Güter gelassen, die mich so wenig trösten können, als jene Gabe des Bacchus des Midas Hunger zu stillen vermochte, aber das einzige, was mir mehr wert war als die ganze Welt, hast du mir entführt und geraubt. O! verflucht jene Pfeile der Liebe, die selbst Phöbus verwunden und nur dich schonen. Ach! wenn sie dich jemals verletzt hätten, so wie sie mich jetzt durchbohren, vielleicht würdest du dann mit mehr Milde und Überlegung gegen Liebende verfahren. Aber sieh, wie du mit mir umgegangen bist, reich, edel und mächtig wie ich bin, ist die Elendeste meines Landes jetzt glücklicher als ich. Ach! mein Unglück ist nur allzu offenbar! Jetzt, wo jedes Wesen froh ist und sich festlich schmückt, weine nur ich allein; aber nicht heute erst fängt mein Trauern an, nein! schon so lange dauert es, daß dein schwerer Zorn doch endlich besänftigt sein sollte.

Doch alles verzeihe ich dir gern, wenn nur deine Gnade meinen Geliebten so mächtig wieder mit mir vereinigt, wie du ihn mir entführt hast. Oder wenn dein Eifer noch nicht abgekühlt ist, so entlade ihn an allem, was mir noch übriggeblieben ist. Aber sei mitleidig gegen mich, du Grausame!

Du siehst, was aus mir geworden ist, wie ich gleich einem Märchen des Volkes in jedem Munde geführt werde, da vormals ein feierlicher Ruf nur meine Schönheit zu verkünden pflegte. O! fang endlich an, Erbarmen mit mir zu haben, damit ich dich freudig loben und mit lieblichen Worten deiner Majestät huldigen möge. Ihr verspreche ich – und alle Götter mögen Zeugen sein –, daß, wenn du das erbetene Geschenk mir gütigst gewährst, ich von Stund an zu deinen Ehren mein Bildnis reich geschmückt in einem deiner Tempel opfern werde, geziert mit dieser Unterschrift: ›Dies ist Fiammetta, welche Fortuna aus dem Abgrund unsäglichen Jammers zu dem Gipfel der Freude geführt hat!‹, und ein jeder wird es sehen und dich preisen.«

In diesen und vielen anderen Reden ergoß sich mein Schmerz und meine Sehnsucht, und alle endigten in bitteren Tränen. Wer hätte es wohl für möglich gehalten, ihr liebenden Frauen, daß die Brust eines jungen Weibes so viel Trauer verschließen könnte!

Wenn die heiße Jahreszeit eine unerträgliche Hitze verbreitete, geschah es oft, daß ich mit mehreren anderen Frauen in einer pfeilschnellen, mit vielen Rudern ausgerüsteten Barke die Meereswellen durchschnitt und unter Spiel und Gesängen die fernen Klippen und Felsen und die von der Natur selbst ausgehöhlten Grotten der Berge aufsuchte, um dort die Kühlung zu genießen, die Schatten und Wind erquickend verbreiteten. Ach! die Glut des Körpers zu lindern, standen die herrlichsten und besten Mittel in meiner Macht; aber alles dies konnte den Brand der Seele nicht löschen, der vielmehr noch durch sie vermehrt ward. Denn wenn die äußeren Gluten gekühlt waren, die den zarten Körper unerträglich angriffen, so gewannen auf der Stelle die verliebten Bilder freieren Spielraum und gaben neuen Brennstoff für Cytherens Flammen.

Hatten wir nun die kühlen Plätzchen gefunden, so vergnügten wir uns nach unserer Laune; wir schauten überall umher und gesellten uns bald zu der einen, bald zu der andern Gesellschaft von Frauen und Jünglingen, die jeden Felsen, jedes Ufer, das im Schatten irgendeines hohen Gebirges vor den Sonnenstrahlen sicher war, anmutig belebten. O! wie erfrischend, wie entzückend ist ein solches Vergnügen für ein gesundes Gemüt! Hier sah man viele schneeweiße, aufs zierlichste gedeckte Tafeln, deren köstlicher Anblick allein genügt hätte, den leckersten und gesättigtsten Gaumen von neuem zu reizen und lüstern zu machen. Dort zeigte sich ein fröhlicher Trupp, der sein Morgenmahl einnahm, und frohe, muntere Stimmen luden uns, wenn wir vorübergingen, ein, an ihrer Freude teilzunehmen; wir aber stiegen, nachdem wir unser Mahl mit größter Festlichkeit verzehrt und nach aufgehobenen Tafeln uns einigemal in dem Wirbel heiterer Tänze ergötzt hatten, in die zierlichen Barken, die uns schnell bald da-, bald dorthin ruderten.

An einigen Plätzen zeigte sich nun ein für die Augen der Jünglinge höchst reizendes Schauspiel. Junge blühende Mädchen gingen, bis auf ein leichtes seidenes Gewand entkleidet, Arme und Füße nackt, tief ins Wasser, um von den harten Steinen die Meeresmuscheln zu lösen, und oft geschah es bei diesem Geschäft, daß ihre reine Schönheit sich im vollen Glanz zeigte. Andere stellten den versteckten Fischen mit Netzen nach. Aber warum sich mit der genauen Zergliederung aller dort üblichen Vergnügungen abmühen, da man doch niemals damit zu Ende kommen würde!

Mag ein jeder, der Geist und Phantasie hat, sich diese Freuden so mannigfaltig und groß als möglich denken, und kann er selbst hingehen, so wird er eitel Jugend und Lust dort finden, wenn er nicht selbst sie genießen kann.

Dort fühlen sich alle Gemüter neu belebt und frei. Der Anreizungen, es zu sein, sind so viele und so mächtige, daß kaum irgendein Verlangen unerfüllt bleibt. Auch ich bekenne, hier stets eine erlogene Fröhlichkeit auf dem Gesicht gezeigt zu haben, um die Gefährtinnen nicht zu stören, obgleich die Seele an den alten Schmerzen festhielt. Aber wie hart, wie schwer dieses ist, kann jeder bezeugen, der jemals an Herzenspein gelitten hat.

Wie hätte mir wohl das Herz leicht werden können, da ich mich ohne Aufhören erinnern mußte, wie ich einst meinen Geliebten hier gesehen hatte und wie er jetzt in so weiter Entfernung von mir war und ich ohne Hoffnung, ihn wiederzusehen! Wenn ich auch kein anderes Leid gehabt hätte als die ewige Arbeit des Geistes, die mich unaufhörlich mit Zweifel und Verdacht gegen ihn erfüllte, wäre dies allein nicht schon unendlich groß gewesen? Das heftige Verlangen, ihn wiederzusehen, hatte mir die Besinnung so sehr geraubt, daß, so gewiß ich auch wußte, er sei an keinem von jenen Orten anzutreffen, ich ihn doch allenthalben aufzusuchen bemüht war!

Keine von den zahllosen Barken, die hier, nach allen Seiten hinfliegend, an dem kühlen Busen des Meeres wie die Sterne am klaren, blauen Schoß des Himmels glänzten, kam an, ohne daß ich mit Blicken und Annäherung die erste gewesen wäre, ihre Gesellschaft auszuspähen.

Kein Ton irgendeines Instruments erklang – obgleich ich wohl wußte, daß er nur in einem Meister war –, daß ich nicht mit Auge und Ohr zu erforschen gesucht hätte, wer der Spieler sei, oft von dem Wahn betört, er könne es sein, den ich suchte! Kein Ufer, kein Felsen, keine Grotte war, wo ich nicht umherspähete; keine Gesellschaft blieb unbetrachtet. Ach! diese ebenso eitle wie unendliche Hoffnung erfüllte mich mit zahllosen Seufzern, die sich, wenn die Hoffnung entfloh, gleich als hätten sie sich in der Höhle meines Gehirns gesammelt und müßten nun herausdringen, in bittre Tränen auflösten und durch meine traurigen Augen davonflohen. Und so löste sich die erlogne Fröhlichkeit stets in nur allzu wahre Trauer auf.

Aber nicht allein durch hochzeitliche Feste und durch die Anmut der Meeresufer gewährte unsre Stadt ihren Bürgern vor allen andern Städten Italiens Freude und Ergötzlichkeit, sondern durch einen Überfluß mannigfaltiger Spiele gab sie ihren Bewohnern bald auf diese, bald auf jene Art neuen Anlaß zur Lust. Und vor allen Dingen tat sie sich in glänzenden Turnieren hervor.

Es ist nämlich von alters her Brauch bei uns, daß, wenn die traurige Zeit des Winters vorüber ist und der Frühling mit seinen Blüten und jungen Kräutern der Erde ihre verblichenen Reize wiederbringt, wenn er die Herzen des jungen Volks mit lebhafterm Verlangen entzündet und durch seinen Hauch zu einer kühnern Erklärung ihrer Wünsche begeistert, daß in diesen Tagen die edlen Frauen zu den ritterlichen Spielen geladen werden, wo sie sich in ihrem köstlichsten Schmuck und in ihren prächtigsten Kleidern versammeln.

Reicher und edler waren gewiß nicht die Schwiegertöchter des Priamus in dem Gefolge der andern phrygischen Frauen, wenn sie in ihrem kostbarsten Schmuck vor ihrem Schwiegervater festlich erschienen, als die Bürgerinnen dieser Stadt. Wenn sie in großer Anzahl, jede so schön als sie nur sein konnte, in den Theatern versammelt waren, so zweifle ich nicht, daß, wäre irgendein geistvoller Fremdling erschienen und hätte den stolzen erhabenen Anstand, die edlen Sitten und die königlichen Gewänder betrachtet, er sie nicht für Frauen der neueren Zeit, sondern für die wirklichen, noch einmal auf die Welt zurückgekehrten Besitzerinnen jener alten Pracht gehalten haben würde. Diese hier würde durch ihre hohe Gebärde und Rede der Semiramis zu vergleichen sein, jene in dem prächtigen Schmuck der Cleopatra; eine andere würde ihre Schönheit für die Helenas ausgeben können, und wie sollte diese, allen ihren Bewegungen und ihrem Wesen nach, nicht der Dido gleichgeachtet werden können?

Aber warum versuche ich sie unter fremden Bildern darzustellen, da eine jede schon durch sich selbst mehr mit göttlicher als mit menschlicher Majestät glänzte? Und ich Elende hörte, ehe ich meinen Geliebten verlor, die Jünglinge mehr als einmal untereinander streiten, ob ich wohl mehr der Jungfrau Polyxena, ob mehr der cyprischen Venus zu vergleichen sei. Und wenn einige von ihnen behaupteten, es sei zuviel, mich mit einer Göttin zu vergleichen, so antworteten die andern, es sei zuwenig, mich einer sterblichen Frau gleichzustellen.

An solchem festlichen Orte, in so großer, stattlicher Gesellschaft verweilt man nicht lange unbeschäftigt auf seinen Sitzen, schweigt nicht lange oder ist traurig. Wenn die älteren Männer sich einige Zeit an dem köstlichen Anblick der Jugend ergötzt hatten, faßten sie die zarten Hände der Frauen, tanzten und sangen mit lauter Stimme Gesänge zum Preis ihrer Liebe. Auf solche Weise verschwanden die blühenden Stunden des Tages, die die Freude in tausenderlei Gestalten ergriffen, und wenn die Sonne ihren Wagen abwärts lenkte und ihre brennenden Strahlen milderte, dann erschienen Ausoniens edle Fürsten in einem Aufzuge, der ihrer hohen Abkunft würdig war. Eine Zeitlang verweilten sie, um die Schönheit der Frauen und ihre Tänze zu betrachten und zu preisen; dann entfernten sie sich mit der ganzen männlichen Jugend, den Rittern und Pagen, bis sie nach kurzer Zeit in einem von dem ersten durchaus verschiedenen Aufzug mit großem Gefolge zurückkehrten. Welche Sprache hat so schimmernde Beredsamkeit, soviel Reichtum auserlesener Bilder, um die edle Kleidung, den mannigfach prächtigen Aufzug würdig beschreiben zu können: nicht Homer, nicht Vergil vermöchten es, obgleich sie tausend griechische, trojanische und römische Sitten und Gebräuche in ihren Gesängen schildern konnten.

Und so will ich mich denn bestreben, denen, die solches Schauspiel nie gesehen, mit leichten Zügen doch ein blasses Bild davon zu entwerfen. Auch steht das mit dem Inhalt dieser Blätter im Zusammenhang und wird nicht vergebens sein, denn die Einsichtsvollen werden daraus nur noch mehr erkennen, daß keine Frau der Vorzeit und der Gegenwart jemals soviel Beständigkeit im Schmerz bewiesen hat wie ich, weil selbst die Herrlichkeit so mannigfaltiger und auserlesener Gegenstände ihn keinen Augenblick lang mit ihrem fröhlichen Schein unterbrechen konnte.

Auf Rossen so schnell im Lauf, daß sie nicht allein die andern Tiere, sondern auch die Winde hinter sich zurückließen, sahen wir die Fürsten ankommen. Ihre blühende Jugend, ihre auserlesene Schönheit und ihr wunderbar adliges Wesen machten ihren Anblick unendlich anmutig für alle Zuschauer. Sie erschienen in Gewändern von Purpur oder indischen Stoffen, vermischt mit goldenen oder vielfarbigen Streifen; köstliche Perlen und schimmernde Steine waren reichlich über ihre Kleider sowie auf den Schmuck ihrer Rosse ausgestreut. Ihre blonden Locken, die über die blendend weißen Schultern herabflossen, waren mit einem goldenen Reif oder einem Kranz von frischem Laub geziert, der das Haar auf dem Scheitel zusammenhielt; ein leichter Schild bewaffnete ihre linke Hand, eine Lanze die rechte, und so begannen sie beim Schall toskanischer Trompeten einer hinter dem andern in langer Reihe und alle auf gleiche Art gekleidet ihre Spiele vor den Damen. Der aber erntete das meiste Lob, dem es am besten gelang, mit zum Boden gesenkter Lanzenspitze, hinter dem Schilde verborgen, vorüberzufliegen, ohne die geringste unnötige und ungeschickte Bewegung auf dem Rosse zu machen. An solchen stattlichen Festen, solchen anmutigen Spielen muß ich Unselige Anteil nehmen! Wie kann ich es ohne den schwersten Gram, da das Anschauen dieser Dinge mir ja ins Gemüt ruft, wie ich einst unter unseren ehrwürdigen Rittern meinen Geliebten sitzen sah, dessen ausgezeichnetes Verdienst und seltene Vorzüge ihm, obgleich noch in jungen Jahren, solchen Ehrenplatz erwarben. Dem jungen Daniel gleich, als er mit den alten Priestern Susannas Recht untersuchte, stand er unter jenen ernsten, mit der Toga bekleideten Rittern. Der eine von ihnen hätte in seiner strengen Hoheit für Cato, den Zensor, gelten können, während andere so edle Züge besaßen, daß die Phantasie sich den großen Pompejus kaum anders denken konnte. Andere von stärkerem Körperbau glichen dem afrikanischen Scipio oder Cincinnatus. Sie alle sahen nun dem Lauf der Fürsten zu, erinnerten sich ihrer eigenen Jugend und rühmten bald den einen, bald den andern, während der kluge Panfilo ihren Aussprüchen Beifall gab und die spielenden Jünglinge und tapfern Greise mit den Heroen des Altertums verglich. O! dieses anzuhören war mir sowohl seinetwegen, der es sagte, als ihretwegen, die es aufmerksam anhörten, und meiner Mitbürger wegen, von denen es gesagt ward, so teuer, daß ich noch jetzt mit Freuden daran denke!

Von unseren jungen Fürsten, die in ihrem Äußeren ein echt königliches Gemüt zeigten, pflegte er zu sagen, daß sie dem arkadischen Parthenopäus gleich wären, der zarten Alters, von seiner Mutter gesendet, in prachtvollstem Schmucke zu Thebens Zerstörung kam. Der andere, dicht hinter ihnen reitende, schien ihm der anmutige Ascanius zu sein, den Vergil in seinen Gesängen so würdig verherrlicht. Den dritten verglich er mit Deiphobus; den vierten wegen seiner Schönheit dem Ganymed. Und so wußte er auch der reiferen Schar, die nun folgte, nicht minder anmutige Gleichnisse anzupassen.

Hier erschien einer mit rotem Bart und blondem Haar, das über die weißen Schultern herabfiel. Der Scheitel mit einem frischen Kranz von grünem Laub geziert, mit dem feinsten Stoff bekleidet, der so dicht anschloß, daß der natürliche Umfang der Glieder um nichts vergrößert erschien, geziert mit mancherlei künstlichem, von Meisterhand verfertigtem Schmuck, einen Mantel über die rechte Schulter, von goldener Spange gehalten, die linke Seite vom Schilde bedeckt und in der rechten Hand eine leichte Lanze tragend, schien er in seinem ganzen Wesen dem großen Hector gleich zu sein. Ihm auf dem Fuß folgte ein anderer in gleichem Gewande und mit nicht minder kühnem Antlitz; den einen Saum des Mantels über die Schulter geworfen und mit der Linken meisterhaft sein Pferd regierend, dünkte es Panfilo, daß dieser den Namen eines zweiten Achill würdig führen könne. Den Folgenden hörte ich ihn Protesilaus nennen. Er hatte die Lanze geschwungen, den Schild auf den Rücken geworfen und die blonden Haare in einen durchsichtigen Schleier – vielleicht ein Geschenk der Geliebten – gebunden. Hierauf erschien ein anderer. Ein leichter Hut bedeckte sein Haupt, sein Angesicht war braun, sein Bart breit, sein Anstand kühn und wild. Diesen nannte er Pyrrhus. Nahte sich aber einer mit lieblichem, blondem, glattem Angesicht und zierlicher geschmückt als die übrigen, dann verglich er ihn dem trojanischen Paris oder dem Menelaus.

Doch es wäre unnötig, hierüber noch mehr zu sagen. Genug, er wußte in dieser langen Reihe Agamemnon, Ajax, Ulysses, Diomedes und jeden andern berühmten und preiswürdigen Helden des Altertums vor unsere Augen zu führen. Und weil er diese Namen nicht nach Gutdünken verteilte, sondern das Zutreffende seiner Vergleiche mit annehmlichen Gründen bewies, so war das Anhören seiner sinnreichen Reden ebenso genußreich wie der Anblick derer, von denen die Rede war. Hatte sich nun der schimmernde, fröhliche Zug zwei- oder dreimal den Zuschauern gezeigt, so begannen die Spiele. Aufrecht in den Steigbügeln stehend, mit der Spitze der leichten Lanze, die sie alle in gleicher Richtung trugen, gleichsam an dem Boden hinstreifend, ließen sie ihre Rosse schneller als der Wind hinfliegen, und die Luft ertönte von dem Geschrei des rundum versammelten Volkes, von vielen Glocken und Instrumenten und dem Geräusch der rückwärts fliegenden Mäntel, die sie, um besser und stärker laufen zu können, frei ließen.

Und wenn man sie so sah, erwarben sie sich in den Herzen der Zuschauer ein würdiges Lob. O wie viele Frauen, die den Gatten, den Geliebten oder den nahen Verwandten unter dieser Schar erblickten, sah ich schon in dem höchsten Genuß der Freude! Und nicht diese allein, auch die Fremden sah ich entzückt von solchem Schauspiel. Nur ich allein blickte und blicke traurig umher; zwar sehe ich den Gemahl und mit ihm die Verwandten, aber ich sehe den Geliebten nicht unter der ritterlichen Schar und erinnere mich, daß er fern ist.

Alles, was ich ansehe, gewährt mir nur Stoff zu neuen Schmerzen. Ist wohl in dem Tartarus selbst eine Seele mit so viel Pein beladen, daß sie nicht bei dem Anblick solcher Freuden eine Ahnung von Lust empfände? Ach, gewiß keine! Von Orpheus' Leier mit lieblicher Gewalt ergriffen, konnten sie auf eine Zeitlang ihrer Qualen vergessen; aber ich, bei tausend Klängen, tausend Ergötzlichkeiten, von schimmernden, vielgestalteten Festlichkeiten umgeben, vermag es nicht, meine Schmerzen – ich will nicht sagen zu vergessen – ach! nur ein wenig leichter zu fühlen. Und wenn ich auch bei diesen und ähnlichen Festen unter einer erlogenen Heiterkeit die innere Qual verbarg, was half es mir, da die Nacht, die mich allein fand, mir grausam den Betrug vergalt und ich jeden am Tage zurückgehaltenen Seufzer mit tausend Tränen büßen mußte!

Dies alles erweckte mancherlei Gedanken in mir und ließ mich vorzüglich die Nichtigkeit der irdischen Freuden einsehen, die viel leichter schaden als erfreuen. Jedesmal, wenn ich von solchem Fest zurückgekehrt war, eiferte ich mit Recht gegen den weltlichen Schein und sagte: ›O! glückselig der, welcher im einsamen Dorf vom freien Himmel umgeben unschuldig wohnt! Ihm, der über nichts nachsinnt, als wie er dem Wild verderbliche Fallstricke legen solle oder Schlingen den einfältigen Vögeln, ihm kann kein schwerer Kummer die Seele verwunden, und wenn vielleicht eine schwere Arbeit seinen Körper abspannt, so streckt er sich augenblicklich auf den frischen Rasen und ersetzt durch Schlaf die verlorenen Kräfte wieder. Das lachende Ufer des rauschenden Flusses oder den Schatten des hohen Waldes wählt er, um zu ruhen, da hört er die girrenden Vögel von süßen Liedern erzittern und die flüsternden, vom lauen Wind gerührten Zweige ihre Noten melodisch begleiten.

Warum, o Glück, hast du mich zu einem Leben berufen, wo deine umworbenen Gaben so schwer durch Kummer aufgewogen werden? Ach! was soll mir der Paläste Hoheit, des Lagers Reichtum, der Verwandtschaft Glanz, wenn doch die Seele von Angst gequält in unbekannten Gegenden nach dem Geliebten herumirrt und den ermüdeten Gliedern keine Ruhe gönnt?

O! wie ist es so süß, so erquickend, mit ruhiger und freier Seele an den Ufern schäumender Ströme zu wandeln und auf dem zartsprossenden Rasen leichten Schlummer zu finden, den der hurtige Bach mit seinen süßen, murmelnden Tönen ohne Furcht unterhält! Dieser unbeneidete Schlummer, der auf den armen Bewohner des Dorfes herabsinkt, ist viel begehrenswerter als der erst durch mancherlei Mittel herbeigelockte, der durch die schnellen Sorgen der Städte oder den Lärm einer zahlreichen Familie bald unterbrochen wird. Wenn jenen zuweilen der Hunger überfällt: die von den geliebten Bäumen gebrochenen Früchte verjagen ihn bald, und die jungen Kräuter, die aus freier Willkür der Erde entsprossen, bieten gleichfalls eine leckere Kost an. Und o! wie süß ist es ihm, seinen Durst in dem klaren Wasser zu stillen, das er mit hohler Hand aus der Quelle oder dem Bache schöpft! O unseliges Beginnen und Sorgen der Weltleute, da die Natur zum Unterhalt ihrer Menschen alles auf das leichteste hervorbringt und bereitet!

Mit einer zahllosen Menge von Speisen wähnen wir den Körper zu sättigen und nehmen nicht wahr, wie häufig durch sie die Säfte weit eher verdorben als erhalten werden, und mit den künstlichen, die uns aus Gold und köstlichen Vasen entgegenduften, schlürfen wir meistens ein kühles Gift ein, oder Venus hat zu unserm Verderben den Trank gemischt, oder er erhitzt den Trinker in dem Maße, daß er durch unbedachte Worte und Handlungen sich ein elendes Leben oder einen schimpflichen Tod bereitet.

Der Einsame hingegen findet in den Satyrn, Faunen, Dryaden, Najaden und Nymphen eine unschuldige Gesellschaft. Er weiß nicht, wer Venus ist oder ihr vielgestaltetes Söhnlein; und wenn er sie kennt, so empfindet er ihre Flamme als roh und ohne Liebreiz.

Ach! warum hat es den Göttern nicht gefallen, daß auch ich sie niemals anders kennenlernte, daß ich in einfachem Umgange und ländlicher Sitte mein Leben hinbrachte! Dann würde das unheilbare Leid, das ich jetzt dulde, fern von mir geblieben sein; meine Seele, gesund und ohne Flecken wie mein Ruf, würde sich nicht sehnen, an den weltlichen Herrlichkeiten teilzunehmen, noch würde sie bei ihnen die Angst empfinden, die sie jetzt fühlt, die den hinfliehenden Lüften gleichen.

Jenem Glücklichen sind all die hohen Mauern, die festen, wohlverwahrten Häuser, die zahlreiche Verwandtschaft, die weichen Betten, die schimmernden Gewänder, die schnellfüßigen Rosse und hundert andere Dinge, die um den besten Teil des Lebens betrügen, keiner Mühe wert. Er, der von keinem verderbten Menschen aufgesucht wird, bringt sein Leben in einsamer Wildnis unschuldig zu. Ohne in hohen Palästen ungewisse Ruhe zu suchen, begehrt er nichts als Luft und Licht, und der Himmel ist Zeuge seines schuldlosen Lebens. O! wie wird ein solches Leben in unseren Tagen doch so verkannt, mit Unrecht verachtet und als ein Übel geflohen, da es doch vielmehr als das Erste und Köstlichste von allen begehrt werden sollte! So, denke ich, war das Leben des Weltalters, das die Wiege von Menschen und Göttern zugleich war. Ach! kann ein Leben freier, unschuldiger und vortrefflicher sein, als jene es führten und heute noch der Mensch, der fern von den Städten in einsame Wälder flieht? O, glückselig wäre die Welt, wenn Jupiter nie den Saturn verjagt, wenn noch jetzt das goldne Zeitalter mit seinen keuschen Gesetzen herrschte und alle den ersten Menschen gleich lebten! Wer ihren einfältigen Sitten treu blieb, dessen Herz ist nie von der blinden Wut der verderblichen Venus entflammt wie meines; wer bereit ist, auf den Gipfeln der Berge zu wohnen, ist keinem Despoten unterworfen, keinem wetterwendischen Volk, keinem treulosen Haufen, keinem verpesteten Neid und auch der wankelmütigen Gunst Fortunens nicht, der ich so fest vertraute, daß ich nun mitten im Wasser vor Durst sterben muß! Dem niedern Stande ist heitere Ruhe verliehen, und groß ist es, ohne die Großen leben zu können. Wer an der Spitze wichtiger Geschäfte steht oder zu stehen wünscht, der folgt eitler Ehre und vergänglichen Reichtümern und ist fast immer die Beute treuloser Menschen. Der allein ist frei von Furcht und Hoffnung und kennt nicht das Gift des verheerenden Neides, der in einsamer Hütte wohnt; er fühlt nicht den vielgestaltigen Haß, nicht die unheilbare Liebe, nicht die Verbrechen des gemischten Volkes der Städte; er zittert nicht vor jedem Gerücht und bemüht sich nicht, erlogene Worte zu finden, um in ihren Netzen treuherzige Menschen zu bestricken.

O! wie gut ist es, arm zu sein und auf der Erde hingestreckt in Sicherheit sein Mahl zu verzehren! Selten oder niemals kehren große Verbrechen in kleine Hütten ein. Es gab keinen Durst nach Gold in jenem frühen Zeitalter, und kein geweihter Stein war Schiedsrichter, um die Felder der ersten Menschen zu teilen. Sie durchkreuzten noch nicht das Meer mit kühnem Fahrzeug, jeder kannte nur seine eigenen Ufer. Keine starken Bollwerke, kein tiefer Graben, keine himmelhohe, mit vielen Türmen prangende Mauer umgürtete ihre Städte; noch waren die grausamen Waffen von ihren Helden nicht erfunden und geübt, und sie hatten noch keine Maschine, die mit schweren Steinen die verschlossenen Tore zerbrach. Wenn ja zuweilen ein kleiner Krieg sie entzweite, so kämpfte der nackte Arm, und starke Baumäste und Steine waren ihre Bundesgenossen. Damals war die leichte, behende Lanze noch mit keinem eisernen Haupte bewaffnet; das scharf schneidende Schwert umgürtete keine Hüfte; der wehende Federbusch zierte keinen leuchtenden Helm.

Aber was mehr und besser als dies alles war, – Amor war noch nicht geboren; und so konnten die keuschen Herzen in ruhiger Sicherheit schlagen, die seitdem von ihm, der gefiedert die Welt durchfliegt, gequält werden. Weh mir! daß mich Gott nicht einer Welt gab, deren Kinder mit wenigem vergnügt und ganz furchtlos nur einfache Fröhlichkeit kannten! Und wenn von allem Guten aus jener Unschuldssphäre mir nur das einzige gefolgt wäre, daß ich nie die quälende Liebe gekannt, nie diese schweren Seufzer der Pein verhaucht hätte, so würde ich schon darum weit glücklicher sein als in dieser Zeit des Vergnügens und der Feste.

Ach! warum erwachte der rasende Durst nach Gewinn in der Menschenbrust! Er gebar den übereilten Zorn, und die von Üppigkeit verweichlichten Gemüter brachen die ersten heiligen, leicht zu befolgenden Verträge, die die Natur ihren Kindern gegeben hatte. Nun kam der Trieb nach Herrschaft mit seinen blutigen Verbrechen! Der Schwächere ward ein Raub des Stärkeren, und die Gewalt galt für Gesetz.

Sardanapal erschien; durch ihn ward Venus, deren Reinheit Semiramis schon angetastet, entheiligt, und auch der Ceres und dem Bacchus huldigte er in neuen, fremden Formen. Es kam der schlachtendürstende Mars, der tausend neue Tode erfand. Seitdem wurden alle Länder mit Blut getränkt und selbst die Wellen des Meeres davon gerötet. Die schwersten Verbrechen drangen nun von allen Seiten in die Wohnungen der Menschen ein, und bald war die größte Ruchlosigkeit nicht mehr ohne Beispiel. Der Bruder mordete den Bruder, den Vater der Sohn, den Sohn der Vater; der Gatte fiel durch die Hand der Gattin, und das unschuldige Blut der Kinder ward mehr als einmal von ihren eigenen ruchlosen Müttern vergossen. Und so haben die Reichtümer den Geiz, die Hoffart, den Neid, die Üppigkeit und jedes andere Laster in ihrem Gefolge herbeigeführt. Und mit allem diesem kam das Haupt, die Quelle jedes Übels, der Urheber aller Verbrechen in die Welt, die unbeherrschte Liebe, durch die die Gemüter zerstört, zahllose Städte verwüstet und blutige Schlachten geschlagen worden sind und unter deren Joch noch jetzt so viele seufzen. Ach! alle anderen schrecklichen Wirkungen der Liebe mögen ungenannt bleiben; denn ihre gegen mich bewiesene Tücke dient hinlänglich als Beispiel ihrer Macht und ihrer Grausamkeit, durch die sie mich so unumschränkt beherrscht, daß ich meinen Sinn keinem andern Gegenstande zuwenden kann!‹

Wenn ich nun alle diese Dinge für mich überlege und bedenke, daß alles, was ich getan, vor Gott sehr strafbar und daß meine Buße hart sein müsse, so wird meine Angst einigermaßen erleichtert durch den Gedanken an die weit größeren Verbrechen, die von andern verübt worden sind und die mich beinah als schuldlos erscheinen lassen. Die Betrachtung der Leiden, die andere erduldet haben, trotzdem sie gewiß nicht mit den meinigen verglichen werden können, zeigt mir, daß ich nicht die erste und einzige Unglückliche bin. Dies macht mich stärker, meinen eigenen Schmerz zu ertragen, dessen Ziel und Ende ich oft von Gott erflehe, sei es in meinem Tod oder in des Geliebten Rückkehr. So geringen Trost hat mir das Glück bei so großem Kummer gelassen. Doch verstehet hier nicht unter Trost, was die Schmerzen stillt, wie man sonst wohl darunter versteht. Das Schicksal trocknet wohl zuweilen meine Tränen, aber ein Lächeln schenkt es mir nie! Und so fahre ich in der Schilderung meiner Leiden fort. Da ich vormals unter den jungen Frauen meiner Stadt mit ausgezeichneter Schönheit glänzte, pflegte ich bei keinem der Feste, die in unseren heiligen Tempeln gehalten werden, zu fehlen, auch schien meinen Mitbürgern ohne mich keines schön zu sein. Kehrten nun diese Feste wieder, so erinnerten meine Dienerinnen mich stets daran, und auch jetzt noch legten sie, der alten Ordnung folgend, meinen edlen Schmuck bereit und sagten: »Komm, Gebieterin, und schmücke dich! Die Feierlichkeit im Tempel beginnt, und nur du fehlst zu ihrer Verherrlichung!« Ach! dann wandte ich mich oft voll Wut, dem gereizten Eber gleich, der sich gegen die Hunde kehrt, zu ihnen, und mit gequälter Seele und einer Stimme, die aller Lieblichkeit beraubt war, rief ich ihnen zu: »Weg von mir, ihr verächtlichsten Genossen unseres Hauses, tragt all diesen Schmuck weit weg! Das einfachste Gewand reicht hin, meine entkräfteten Glieder zu verhüllen, und keine von euch rufe mir wieder Tempel und Feste ins Gedächtnis, wenn meine Gunst euch lieb ist!«

O wie oft ward mir dann hinterbracht, daß viele Edle den Tempel mehr um mich zu sehen als aus Andacht besucht, und wenn sie mich nicht gefunden, unruhig zurückgekehrt seien mit dem Bemerken, daß ohne mich das Fest keine Festlichkeit sei. Dennoch geschah es zuweilen, daß ich mit meinen edlen Gefährtinnen hinzugehen gezwungen ward. Dann erschien ich ganz einfach in meiner gewöhnlichen Kleidung und suchte nicht wie früher in den Reihen zu schimmern. Demütig lehnte ich die ehemals erwünschten Ehrenbezeigungen ab und setzte mich unter die übrigen Frauen auf die unbemerktesten Sitze. Und indem ich hier meinen Schmerz so gut als ich nur konnte verhehlte, brachte ich die Zeit mit dem Anhören dieser und jener Gespräche hin. Ach! wie oft vernahm ich ganz in meiner Nähe die Worte: »Wie seltsam, daß diese Dame, die sonst die größte Zierde unserer Stadt war, jetzt auf einmal so demütig geworden ist? Welcher göttliche Geist hat sich über sie ergossen? Wo sind die edlen Gewänder, wo der hohe Anstand? Wo ist die auserlesene Schönheit geblieben?« ›Alles dies,‹ – so hätte ich gern auf die Fragen geantwortet, wäre es mir nur vergönnt gewesen – ›alles dies und noch mehr, was viel köstlicher ist, hat der Geliebte bei seiner Abreise mit sich hinweggenommen!‹

Die Frauen umringten mich voll Neugier im Tempel, und mit verstelltem Angesicht mußte ich auf ihre mannigfaltigen Fragen antworten. Eine verwundete mich mit folgender Rede:

»O Fiammetta, wie setzest du doch mich und die anderen Frauen in so endloses Erstaunen, da wir nicht wissen, aus welchen Gründen du deine köstlichen Kleider, den teuren Schmuck und viele andere deiner Jugend angemessene Dinge auf einmal so ganz vernachlässigst! Auch wenn du noch ein Mädchen wärest, dürftest du doch in solchem armseligen Aufzuge nicht erscheinen. Und glaubst du etwa, daß du das Versäumte einst in späterer Zeit nachholen könntest? Sei vernünftig und gib deinem Alter sein Recht! Hüte dich, daß der ehrbare Anzug, den du jetzt trägst, dir nicht einst in Zukunft fehlen möge! Sieh, wie eine jede von uns, die wir doch älter sind als du, mit Meisterhand geschmückt und künstlerisch in edle Stoffe gekleidet ist; auf gleiche Weise geschmückt, ziemt es auch dir, dich zu zeigen!«

Dieser und den andern Frauen, welche auf meine Antwort warteten, gab ich mit demütiger Stimme folgende Erklärung:

»In diesen Tempel kommt man, um entweder Gott zu gefallen oder den Menschen. Wer in der ersten Absicht kommt, der bedarf nur eines mit Tugenden gezierten Gemütes, mag dann auch ein härenes Kleid den Körper bedecken. Will man aber den Menschen gefallen, so gebe ich zu, daß, da der größte Teil derselben vom falschen Schein geblendet doch einmal das Innere nach dem Äußeren beurteilt, der Schmuck zweckmäßig sei, den ihr jetzt tragt wie ich früher. Mir aber liegt diese Sorge nicht am Herzen, sondern ich betrauere die ehemalige Eitelkeit und begehre nichts, als dem Auge des Höchsten zu gefallen, indem ich mich den eurigen so mißfällig als möglich darzustellen suche.«

Und bei diesen Worten preßte eine innere Wahrheit Tränen aus meinen Augen, die in Strömen mein blasses Gesicht badeten, und mit leiser Stimme sagte ich zu mir selbst: ›O! Gott, der du in unsere Herzen schauest, rechne mir die unwahren Worte, so ich eben geredet, nicht als Sünde an, denn du siehest, daß nicht die Lust zu betrügen, sondern die Notwendigkeit, meines Kummers Grund zu verhehlen, mir solche eingegeben hat! Ja, ich verdiene vielmehr, daß du mich belohnst, weil ich allen deinen Geschöpfen ein gutes Beispiel gebe! Ach! die Lüge ist mir selbst die allergrößte Pein, und nur mit größter Anstrengung der Seele bringe ich sie hervor; aber mehr kann ich nicht!‹

O! wie oft, ihr Frauen, haben fromme Tränen meine Ruchlosigkeit gelohnt! Wie oft sagten die umherstehenden Frauen, daß ich aus der weltlichsten Frau die heiligste geworden sei. Ja, ich weiß, daß mehrere den Glauben hegten, ich sei so fest mit Gott dem Allerheiligsten verbunden, daß ich um keine Gabe, welche es auch sei, ihn je vergeblich bitten würde. Und mehr als einmal kamen fromme Leute zu mir wie zu einer Heiligen, ohne zu ahnen, welch ein Gemüt mein trauerndes Gesicht verbarg und wie himmelweit meine Wünsche von meinen Worten verschieden waren! O betrügerische Welt des Scheins! wieviel mehr als die wahren, redlichen Gemüter vermögen in dir die täuschenden Gesichter, wenn die Handlungen verborgen bleiben! Ich, eine weit größere Sünderin als andere, ward für eine Heilige gehalten, weil ich den Schmerz über eine unrechtmäßige Liebe unter dem Schleier züchtiger Worte verbarg. Aber Gott ist es bekannt, daß ich der ganzen Welt den wahren Grund meiner Traurigkeit enthüllt haben würde, wenn es hätte sein dürfen.

Hatte ich nun auf die Fragen der einen geantwortet, so begann, als meine Tränen kaum getrocknet waren, eine andere aufs neue:

»O Fiammetta, sprich, wohin ist doch der liebliche Reiz deines Angesichts entflohen, wohin der Glanz deiner blühenden Farben? Kaum bemerkt man jetzt unter deiner Stirn die Augen, die einst gleich zwei Morgensternen leuchteten, jetzt aber von purpurnen Kreisen tief umschattet sind. Die goldenen Locken, sonst von Meisterhänden reizend geordnet, warum sind sie jetzt verhüllt, vernachlässigt und kaum noch sichtbar? O! sag uns die Ursache soldier Veränderung, denn die Verwunderung darüber quält uns unaufhörlich.«

Diese Frage fertigte ich mit wenigen Worten ab und sagte: »Es ist eine weltbekannte Wahrheit, daß die Schönheit eine hinfällige Blume ist, deren Reiz mit jedem Tage geringer wird. Die Frau, die ihr vertraut, findet sich zuletzt auf das betrübendste gekränkt und vernichtet. Der, welcher sie mir auf kurze Zeit gegeben, hat sie auch genommen und kann sie mir wiedergeben, wenn es anders sein Wille ist.«

Als ich dies gesagt hatte, konnte ich meine Tränen nicht länger zurückhalten. In meinen Schleier gehüllt, flossen sie reichlich herab, und leise klagte ich bei mir selbst:

›O Schönheit, du gefährliches Gut der Sterblichen! flüchtiges Geschenk, das schneller kommt und flieht als die bunten, lieblichen Wiesenblumen, die hohen Bäume mit ihrem grünen Blätterschmuck, die zur süßen Zeit des Frühlings hervorsprossen und die der brennende Atem des Sommers bleicht und vernichtet. Wenn die heiße Jahreszeit sie verschont, so müssen sie im Herbst dahinsterben. So auch du, Schönheit! Tausend Zufälle lauern auf dich, um dich mitten in deiner Blüte zu zerstören, und wenn dir auch die Jugend treu bleibt, so führt das reifere Alter dich trotz allen Widerstandes unerbittlich hinweg. O! Schönheit, du schnell dahinfließende Welle, die nie wieder zu ihrem Quell zurückkehrt, welcher Vernünftige sollte auf dich zerbrechliches Gut wohl sein Vertrauen setzen? Weh mir! wie habe ich dich einst geliebt! wie warst du mir Elenden so teuer! Wie sorgfältig habe ich dich gepflegt! Jetzt aber verwünsche ich dich gerechterweise. Du bist die erste Quelle meiner Leiden! du besiegtest zwar zuerst das Herz des teuren Geliebten, aber du hattest nicht Kraft genug, ihn zu halten oder den Entfernten wiederzubringen. Ohne dich würden mich die süßen Augen des Geliebten nicht begehrungswert gefunden haben, hätte er nie danach gestrebt, von mir begehrt zu werden, und würde ich nichts von aller dieser Pein wissen. Folglich bist du allein Ursache und Ursprung alles meines Unglücks. O! glückselig, die ohne dich von der Stille des Dorfes umschlossen sind! Mit keuschen Herzen bleiben sie den heiligen Sitten treu und können ohne den grausamen Stachel der Leidenschaft mit freier Seele ihre Tage verleben. Du aber beunruhigst andere und durch sie uns selbst und bringst uns mit Gewalt dahin, unsere teuersten Pflichten zu verletzen. O seliger Spurinna! – ewigen Ruhmes würdig! du kanntest deine Neigung und zerstörtest deshalb mit strenger Hand in dem Frühling des Lebens die Blume der Schönheit, weil du lieber wegen deiner Tugend von den Weisen geliebt werden wolltest als durch deine Schönheit einer lüsternen Jugend gefallen. Ach! wäre ich deinem Beispiel gefolgt, so wären all diese Schmerzen, diese Gedanken und Tränen mir erspart geblieben, und mein Leben würde seine erste rühmliche Reinheit bewahrt haben.‹

Hier unterbrachen mich die andern Frauen wieder und tadelten meine übermäßigen Tränen.

»O Fiammetta!« sagten sie, »was bedeutet wohl dieser ungeheure Schmerz? Verzweifelst du an der Barmherzigkeit Gottes, und glaubst du, er sei nicht gnädig genug, dir deine kleinen Vergehen auch ohne soviel Tränen zu vergeben? Ein solches Beginnen heißt ja eher den Tod suchen als die Vergebung. Erhebe dich, trockne dein Gesicht und merke auf die heiligen Gebräuche unserer Priester, durch die sie den höchsten Göttern dienen.«

Bei diesen Worten trocknete ich meine Tränen und richtete mich auf. Aber ich schaute nicht im Kreise umher, wie ich sonst wohl pflegte, um meinen Panfilo zu sehen oder um zu wissen, ob seine Augen nach mir blickten, oder um das Urteil der Umstehenden über mich in ihren Blicken zu lesen! Vielmehr zu ihm gewendet, der zum Heil aller sich selbst dahingegeben, betete ich mit inniger Seele für Panfilo und für seine Rückkehr mit folgenden Worten: ›O! Du erhabenster Regierer des höchsten Himmels, du Heil der ganzen Welt, setze nun endlich meinem schweren Leiden ein Ziel und endige meine Qualen. Sieh, wie kein Tag mir ohne Angst vergeht und wie das Ende eines Unglücks stets der Anfang eines andern ist! Ich hielt mich einst für glücklich, denn ich kannte mein Elend nicht und brachte die Tage hin mit der eitlen Sorge, meine Jugend zu schmücken, die doch von der Natur bereits über das Maß geschmückt worden war. So beleidigte ich dich unwissend. Zur Strafe unterwarfest du mich der unauflöslichen Liebe, erfülltest mein Gemüt, an so große Sorgen nicht gewöhnt, schon dadurch mit Kummer. Und zuletzt hast du ihn, den ich mehr als mich selbst liebe, von mir getrennt, und seit dieser Trennung wachsen unaufhörlich von allen Seiten Gefahren hervor, die meinem Leben drohen. Ach! wenn die Unglücklichen von dir erhört werden, so neige dein mitleidiges Ohr zu meinen Bitten, gedenke der vielen Sünden nicht, die ich gegen dich begangen habe, sondern sieh das wenige Gute – wenn ich jemals Gutes vollbrachte! – gnädig an, und erhöre seinetwegen meine Bitten und meine Opfer! Was ich begehre, ist dir so leicht zu gewähren und würde mich so unendlich glücklich machen! Was ich suche, ist nur einzig und allein, daß mir Panfilo wiedergegeben werde. Ach! ich erkenne nur allzuwohl, wie selbst diese Bitte vor deinem Auge, du allergerechtester Richter, unrecht ist! Aber deiner Gerechtigkeit selbst muß es besser erscheinen, das kleinere Übel vor dem größeren zu erwählen. Du, dem nichts verborgen ist, weißt, wie keine Macht in der Welt das Bild des geliebten Jünglings und der geschehenen Dinge aus meiner Seele zu reißen vermag und wie die Erinnerung an beides mich unter großen Schmerzen schon so weit gebracht hat, daß ich, um ihr zu entfliehen, schon den Tod begehrt habe, und wie nur noch der Funke von Hoffnung auf deine Güte meine Hand zurückgehalten hat, den Streich zu vollführen. Wenn es nun ein geringeres Übel ist, den Geliebten wie ehemals zu besitzen als mit dem Leib auch die traurige Seele zu töten: ach! so kehre er zurück und werde wiederum mein.

O! achte doch mehr auf die lebenden Sünder, die sich noch zu dir wenden können, als auf die toten, die keine Hoffnung zur Erlösung mehr haben. Und wolle lieber einen Teil als das Ganze deiner Geschöpfe verlorengehen lassen! Kann mir aber dieses nicht bewilligt werden, so gewähre mir, was das letzte Ziel jedes Übels ist, ehe ich vom Übermaß des Schmerzes bezwungen mit raschem Entschluß mir es selbst erwähle! Mögen meine Gebete zu dir hinaufdringen, und wenn sie dich nicht rühren können und einer unter den Seligen ist, der einst hienieden die Flamme der Liebe gleich mir empfand, so empfange sie dieser! Er biete sie dem Gott dar, der sie von mir nicht anzunehmen würdigt, damit ich Gnade finden möge, erst fröhlich auf der Erde und nach dem Ende meiner Tage dort oben bei euch selig leben könne und vorher noch allen Sündern zeigen möge, wie es ihnen geziemt, dem andern zu verzeihen und ihm hilfreich die Hand zu reichen !‹

Als ich diese Worte gesagt hatte, legte ich wohlriechenden Weihrauch und würdige Opfer auf die Altäre, um die Götter meinen Bitten für mein und Panfilos Wohl geneigt zu machen. Und als die heiligen Gebräuche nun zu Ende waren, verließ ich mit den anderen Frauen den Tempel und kehrte in meine traurige Wohnung zurück.

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