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Sophie Friederike Brentano: Fiammetta - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
authorGiovanni di Boccaccio
titleFiammetta
publisherInsel-Verlag
translatorSophie Brentano
firstpub1806
senderwww.gaga.net
created20050222
projectid697c7d1d
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Zweites Buch

Fiammetta schreibt von dem Scheiden ihres Geliebten, seiner Abreise und ihrem aus dieser Trennung erfolgten Schmerz.

Ach!ihr geliebten, zartfühlenden Frauen! Während sich, wie ich euch vorhin sagte, in so leichtem, herzlich frohem Leben meine Tage aneinanderreihten, kein Gedanke an die Zukunft mich beunruhigte, schlich das feindliche Geschick mir mit leisen, sichern Tritten nach, bereitete mir sein tödliches Gift und stand, nicht erkannt von mir, voll unversöhnlichen Hasses schon dicht hinter mir. Es genügte ihm nicht, mich aus einer freien Herrin meiner selbst in eine Sklavin der Liebe verwandelt zu haben: kaum sah es, daß eine solche Knechtschaft mir entzückende Freude war, so sann es darauf, auf eine empfindlichere Art meine Seele zu verwunden. Und sobald der erwählte Augenblick erschienen war, bereitete es mir, wie ihr gleich hören werdet, seinen Wermutstrank. Ach! wider meinen Willen mußte ich davon trinken, und schnell war meine Lust in Trauern, das süße Lachen in bittre Tränen verwandelt.

Wenn ich mir diese Leiden zurückrufe, ja wenn ich nur denke, ein anderer hätte sie geschildert, so ergreift mich ein unendlich Mitleid mit mir selbst, alle Kräfte verlassen mich, unendliche Tränen füllen meine Augen und gestatten mir kaum, meine Absicht auszuführen.

Doch ich will, so schwer es mir auch ankommt, das, was nun einmal begonnen ist, bis ans Ende fortführen.

Es war zu der Zeit des Regens und der trüben Jahreszeit, als er und ich, wie wir immer pflegten, die länger verweilende, verschwiegene Nacht in meiner Kammer zubrachten. Auf dem reichsten Lager ruhten wir nebeneinander. Eine große Fackel, die einen Teil des Zimmers erhellte, gestattete ihm, seine Blicke an meinem Anblick zu erfreuen sowie mir an dem seinigen. Unsere Augen berauschten sich, während wir mit süßem Geschwätz uns unterredeten, in unendlicher Seligkeit; doch gleichsam von ihrem eigenen Licht trunken, weiß ich nicht, wie auf kurze Zeit, von dem trügerischen Schlaf besiegt, das Wort erstarb und die Augen sich schlossen. Und als dieser Schlummer, so süß und leise wie er gekommen war, mir entwich, trafen Klagetöne aus dem Mund des teuren Geliebten mein Ohr, und schon wollte ich, wegen seiner Gesundheit von tausend Sorgen gequält, schnell ihn fragen, was ihm fehle.

Aber ein neuer Rat hieß mich schweigen, und auf der andern Seite des Lagers vorsichtig eingehüllt, hörte ich mit geschärftem Blick und gespanntem Ohr ihm eine Zeitlang zu. Allein meine Ohren konnten kein vernehmliches Wort erlauschen, nur das erkannte ich deutlich, wie ängstliches Wimmern und Schluchzen ihn fast erstickte und Gesicht und Brust in Tränen gebadet waren. Ach! welche Sprache reicht hin, zu sagen, was bei solchem Schauspiel, dessen Ursache ich nicht kannte, in meiner Seele vorging?

Tausend Gedanken durchliefen in einem Augenblick mein Gemüt und endigten alle in einem, diesem nämlich: daß er wider Willen bei mir verweile und für ein anderes Weib glühe. Mehr als einmal schwebten mir die Worte auf den Lippen, ihn um die Ursache seines Schmerzes zu fragen, aber die Furcht, es möchte ihn beschämen, von mir in seinen Tränen überrascht worden zu sein, drängte sie wieder zurück. Mehr als einmal wandte ich auch meine Augen von ihm ab, aus Furcht, daß nicht eine der heißen Tränen, die ihnen entquollen, auf ihn fallen und ihm entdecken möchte, daß er von mir bemerkt worden sei.

O! wieviel Kunstgriffe dachte ich mir aus, um ihn sicher zu machen, daß er nicht beobachtet worden sei, und doch ward ich zuletzt von der Begierde, die Ursache seiner Tränen zu wissen, überwunden, und damit er sich zu mir wenden möchte, bewegte ich mich plötzlich, gleich einem, der von einem furchtbaren Traum geängstigt Schlaf und Traum auf einmal unterbricht, stöhnte einige klagende Töne hervor und schlang einen meiner Arme um seine Schultern.

Meine Verstellung glückte, denn er verbarg seine Tränen, und schnell mit unendlicher Freudigkeit zu mir gewandt, sagte er mit lieblicher Stimme: »O! meine schöne Geliebte, sag, was erschreckt dich?«, worauf ich ohne Zaudern antwortete: »Es kam mir vor, als verlöre ich dich!« O! weh mir, daß meine Worte, die ich weiß nicht welcher Geist mir eingab, wahre und sichere Vorboten des Künftigen gewesen sind, wie ich es jetzt deutlich einsehe! Aber er antwortete: »Liebste Frau! nur Tod und nichts anderes kann machen, daß du mich verlierst!« Ein tiefer Seufzer folgte diesen Worten unmittelbar, und kaum hatte ich ihn um die Ursache seiner Traurigkeit gefragt, als aus seinen Augen von neuem reichliche Tränen gleich zwei Brunnen zu fließen begannen und die noch feuchte Brust überströmend bedeckten. Und noch eine lange Zeit verging, denn das Schluchzen verhinderte ihn zu sprechen, ehe er auf meine vielfachen Fragen etwas erwidern konnte.

Aber sobald er sich einigermaßen von dieser schmerzlichen Gewalt befreit fühlte, antwortete er mit oft unterbrochener Stimme: »Geliebteste Herrin, die ich mehr als alles liebe, wie meine Handlungen dir klar beweisen können, wenn meine Worte einigen Glauben verdienen, so kannst du gewiß sein, daß nicht ohne herben, bittern Grund meine Augen so reichlich Ströme von Tränen vergießen. Sooft mir das ins Gedächtnis kommt, was jetzt, da ich in solcher Freude mit dir bin, mich peinigt, so gräme ich mich einzig und allein darüber, daß es unmöglich ist, mich in zwei zu teilen; denn alsdann könnte ich der Liebe und der Pflicht mit einem Male genug tun und teils hier bleiben, teils dahin gehen, wohin die strengste Notwendigkeit mich mit Gewalt zieht. Da ich dies aber nicht vermag, so drückt eine schwere Betrübnis mein armes Herz, wie jeder sie fühlen muß, den von einer Seite die verratene Kindespflicht aus geliebten Armen reißt und von der andern die höchste Gewalt der Liebe zurückhält.«

Diese Worte drangen in mein gequältes Herz mit einer nie empfundenen Bitterkeit, und obgleich mein Verstand sie nicht vollkommen begriffen hatte, so waren sie doch von dem leider nur allzu aufmerksamen Ohr vernommen worden, und während sie, in Tränen verwandelt, durch die Augen wieder wegströmten, ließen sie doch ihren herben Stachel im Herzen zurück.

Das war die erste Stunde, in der ich Schmerzen empfand, die meine Freuden tödlich verwundeten. Dies war die Stunde, die mich Tränen ohne Maß vergießen ließ, Tränen, wie ich sie niemals vorher geweint hatte, Tränen, denen keines seiner Worte, seiner Tröstungen, so reichlich er diese auch vergoß, Einhalt zu tun vermochte.

Aber nachdem ich eine lange Zeit bitterlich geweint hatte, bat ich ihn nochmals, so innig es mir möglich war, daß er mir doch klarer und deutlicher sagen möchte, welche fromme Pflicht ihn aus meinen Armen riefe. Worauf er mir, ebenfalls nicht ohne Tränen, folgendes sagte: »Der unvermeidliche Tod, das letzte Ziel alles menschlichen Beginnens, hat erst kürzlich meinen Vater aller seiner Kinder beraubt und nur mich allein übriggelassen; er nun, ohne Gattin, gedrückt von der Last der Jahre, aller andern Aufmunterung beraubt und ohne Hoffnung, noch Kinder zu erhalten, fordert mich, den er nun schon seit mehreren Jahren nicht gesehen hat, auf, zu seinem Trost zu ihm zurückzukehren. Nun sind bereits mehrere Monate hingegangen, seit ich, um dich nicht lassen zu müssen, durch mancherlei Entschuldigungen diesen Bitten begegnet bin. Er aber, zuletzt der Ausflüchte müde, beschwört mich, bei meiner liebevoll in seinem Schoß gepflegten Kindheit, bei der Liebe, die er stets gegen mich gefühlt und die ich ihm schuldig bin, bei der Heiligkeit des kindlichen Gehorsams und bei allem, was er noch Ernsteres und Würdigeres kennt, daß ich komme, ihn wiederzusehen. Und dazu noch treibt er Freunde und Anverwandte an, mich feierlich zu mahnen, damit nicht, wenn er meinen Anblick noch länger entbehren müsse, sein gequälter Geist ohne Trost vom Leibe sich scheide.

Ach! wie gewaltig sind die Gesetze der Natur! Nur der großen Liebe, die ich zu dir trage, war es möglich, daß ich dieser frommen Pflicht nicht schon längst Genüge leistete. Daher habe ich bei mir beschlossen, nur mit deiner Einwilligung zu ihm zu reisen und zu seinem Trost einen kleinen Zeitraum bei ihm zu wohnen, aber da ich nicht begreife, wie ich ohne dich leben kann, und mich jetzt alles dessen erinnere, so darf ich wohl mit vollem Recht meinen Tränen freien Lauf lassen.«

Wenn jemals eine von euch, ihr Frauen, zu denen ich rede, heiß liebte und im gleichen Fall mit mir sich befand, so hoffe ich, daß sie allein begreifen wird, wie unendlich in jener Stunde die Qual meiner von seiner Liebe genährten und ohne Maß mit Gegenliebe entzündeten Seele war. Die andern können's nicht, denn da kein Bild hinreicht, um es ihnen begreiflich zu machen, so würde auch jedes Wort vergebens sein.

Ich sage also im allgemeinen, daß meine Seele, als ich dies hörte, aus mir zu fliehen strebte und, wie ich glaube, auch gewiß würde entflohen sein, wenn sie sich nicht in den Armen dessen gefühlt hätte, den sie am höchsten liebte. Gleichwohl blieb sie verzagend und dem schweren Schmerz erliegend, so daß ich lange Zeit kein Wort hervorzubringen vermochte. Aber als sie sich nach einiger Zeit gewöhnt hatte, den nie empfundenen Schmerz zu ertragen, gab sie den gequälten Lebensgeistern ihre einstigen Kräfte zurück; die starr gewordenen Augen flossen von Tränen über, und die Zunge war der Rede wieder mächtig. Ich wandte mich zu ihm, dem Gebieter meines Lebens, und sagte ihm folgendes:

»O! höchste, einzige Hoffnung meiner Seele, mögen meine Worte, mit der Kraft, deinen neuen Entschluß zu ändern, ausgerüstet, in dein Gemüt eindringen, damit, wenn du mich wirklich liebst, wie du versicherst, dein Leben und das meinige nicht vor der Zeit von dieser traurigen Welt vertilgt werden! Du, von Kindespflicht und Liebe bewegt, bist jetzt zweifelhaft über das, was du tun sollst. Aber gewiß, wenn deine Worte, mit denen du mir nicht einmal, sondern oft deine Liebe bestätigt hast, wahr gewesen sind, so gibt es keine Pflicht in der Welt, welche die Gewalt haben könnte, sich dieser entgegenzusetzen und, solange ich lebe, dich woanders hinzuführen, und höre, warum: Es ist dir kund genug, wie zweifelhaft die Erhaltung meines Lebens ist, sobald du das ausführst, was du gesprochen hast, da ich bis jetzt kaum einen Tag habe überleben können, an dem ich dich nicht sehen durfte. Und also kannst du gewiß sein, daß mit dir sich alle Lebensfreude von mir trennen wird, und dies wäre für den Augenblick genug. Wer zweifelt aber, daß nicht auch Trauer über mich komme, die vielleicht und gewiß mich töten wird? Wohl solltest du jetzt wissen, welch geringe Kraft ein zartes Weib besitzt, um solches Unglück mit Standhaftigkeit ertragen zu können!

Und wenn du mir vielleicht einwenden willst, daß ich in meiner Liebe noch größere Schwierigkeiten mit Kraft und Klugheit ertragen habe, so gestehe ich es dir zum Teil zu, aber der Fall war immer sehr verschieden von diesem. Kannst du behaupten, daß, wenn ein unüberwindliches Verlangen nach dir mich jetzt bezwungen hätte, ich es nicht hätte befriedigen können? Gewiß nicht! Bist du aber fern von mir, so wird dies nicht möglich sein. Überdies kannte ich dich anfänglich nur von Ansehen, achtete dich allerdings sehr hoch, jetzt aber weiß ich und fühle es, daß du noch weit liebenswerter bist, als ich gedacht hatte, und du bist der Meinige geworden, mit aller Gewißheit, womit Liebende von ihren Geliebten als die Ihrigen können erkannt werden. Und wer zweifelt, daß es nicht ein weit größerer Schmerz sei, das zu verlieren, was man besitzt, als das, was man zu besitzen hofft?

Aus all diesem siehst du, daß eine Trennung meinen Tod bedeuten würde. Wird die Pflicht gegen den alten Vater die Pflicht gegen mich besiegen, so wirst du meines Todes Ursache, und du wirst kein Liebender, sondern ein Mörder sein, wenn du jener folgest. Ach! kannst du wollen oder könntest du es übers Herz bringen, selbst wenn ich einwilligte, den wenigen Jahren, die dem alten Vater noch beschieden sind, mit der langen Reihe derer, die ich noch erwarten kann, ein Opfer zu bringen? Weh! welche ruchlose Frömmigkeit würde das sein! Hegst du den Glauben, o Panfilo, daß irgendein Mensch, wie groß auch sein Wert für dich sei, wäre er dir auch durch Verwandtschaft, Blut oder Freundschaft verbunden, dich liebe, wie ich dich liebe? Du irrst, wenn du dies glaubst.

Wahrlich! keiner liebt dich so wie ich! Also je mehr ich dich liebe, desto mehr Pflichten hast du gegen mich. Deshalb gib mir, als der Würdigeren, den Vorzug, und redlich gegen mich entschlage dich jeder andern Pflicht, welche dieser widerstreitet. Laß deinen alten Vater in Ruhe, und wie er vormals lange ohne dich gelebt hat, so mag er, wenn es ihm gefällt, auch künftig ohne dich leben, und wo nicht, so mag er sterben. Schon viele Jahre lang, wenn ich recht gehört habe, schwebt die Hand des Todes über ihm, und er verweilt schon länger auf dieser Welt als ziemlich ist. Und wenn sein Leben beschwerdevoll ist, wie das Leben der Greise zu sein pflegt, wirst du nicht deine Pflicht gegen ihn weit besser erfüllen, wenn du ihn sterben lässest, als wenn du ihm durch deine Gegenwart sein kümmerliches Leben verlängerst? Aber mir, die ohne dich eigentlich noch nicht gelebt hat und ohne dich nicht wird leben können, mir kommt es wohl bei meiner Jugend zu, zu erwarten, daß ich noch viele Jahre in Freuden mit dir lebe.

Ja, wäre deine Reise von der Art, daß sie bei deinem Vater solche Wirkungen hervorbrächte wie einst der Trank der Medea bei Jason, so wollte ich deine Frömmigkeit gerecht nennen und ihre Ausübung fördern, so hart es mir auch fiele; aber von solcher Art wird sie nicht sein, kann sie nicht sein, du weißt es wohl.

Oder wenn du vielleicht mehr Grausamkeit hegest, als ich glaube, und dich um mich, die du doch ohne allen Zwang, aus freier Wahl geliebt hast und liebest, so wenig kümmerst, daß du meiner Liebe jene an den Greis verschwendete Treue vorziehen willst, mit dem dich nur der Zufall verbunden hat, so sei doch mindestens gegen dich selbst mitleidsvoller als gegen mich oder ihn. Und du, welcher – wenn deine Blicke und deine Worte mich nicht betrogen haben – sich mehr tot als lebend glaubte, sobald dich die Umstände irgendeine Zeit ohne mich zu sein zwangen, glaubst du, daß es dir möglich sein würde, jetzt solch eine lange Zeit ohne mich hinzubringen?

O! um der Götter willen, habe acht auf dich, und wenn es wahr ist, was ich von andern gehört habe, daß ein langer Schmerz den Menschen töten kann, so bedenke, daß diese Trennung dir den Tod zu geben vermag; diese Trennung, die dir unerträglich ist, wie deine Tränen und das Schlagen deines Herzens, das ich unruhig in der Brust klopfen fühle, bezeugen! Und wenn es dir auch nicht den Tod bringt, so wird dir doch ein Leben, schlimmer als der Tod, beschieden sein. Ach! wie ist seit dieser Stunde mein liebendes Herz von Mitleid gegen mich selbst und gegen dich so bedrängt und zerrissen! Darum flehe ich dich an, sei nicht so töricht, dich aus Pflicht gegen irgendeine Person, wer es auch sei, einer ernsten und schweren Gefahr auszusetzen.

Bedenke, daß der nichts in der Welt besitzt, wer sich nicht selbst liebt. Dein Vater, gegen den du jetzt so fromm empfindest, hat dich nicht darum der Welt gegeben, damit du selbst Ursache würdest, dich ihr zu nehmen. Und wer zweifelt, daß er, wenn es erlaubt wäre, ihm unsere Lage zu eröffnen, als ein weiser Mann nicht vielmehr sagen würde: bleibe! Und wenn ihn die Billigkeit nicht dazu bewegte, so würde es das Mitleid tun, und glaube, daß er dir hiervon den stärksten Beweis geben würde.

Deshalb fasse deinen Entschluß der Entscheidung gemäß, welche er selbst fällen würde, wenn unser Verhältnis ihm bekannt geworden wäre und hätte werden dürfen, und eben nach diesem seinem eigenen Urteil gib deine Absicht, fortzugehen, auf, die dir und mir gleich verderblich ist.

Gewiß, mein liebster Gebieter, müssen die bereits angeführten Gründe dich noch weit mächtiger zurückhalten, wenn du noch dazu bedenkst, an welchen Ort du gehst. Denn ob du gleich nach deiner Vaterstadt reisest, für die sonst natürlicherweise ein jeder Mensch Liebe fühlt, so trifft es sich doch, wie ich bereits aus deinem Mund gehört habe, daß dir die deinige sehr verhaßt ist.

Denn, das waren deine Worte gegen mich, deine Vaterstadt ist voll von prächtigen Worten und kindischen Handlungen. Man dient dort nicht tausend Gesetzen, sondern so vielen Meinungen, als es Menschen dort gibt. Alles trägt Waffen und erzittert sowohl vor bürgerlichem als vor fremdem Krieg. Ein stolzes, bitteres, langweiliges Volk bewohnt sie, und sie ist voll von zahllosen Sorgen. Alles Dinge, die sich schlecht mit deinem Gemüt vertragen. Diese Stadt dagegen, die du dich anschickst zu verlassen, ist, wie du wohl weißt, anmutig, friedlich, reich, prächtig und von einem einzigen König beherrscht. Alles Eigenschaften, die, wenn ich dich nur einigermaßen kenne, vollkommen nach deinem Sinne sind. Diese Stadt, worin du außer allen diesen hier angeführten Dingen mich findest, die du an keinem andern Orte der Welt finden wirst.

Laß also dein beängstigendes Vorhaben und sinne auf bessern Rat; bedenk, ich bitte dich, dein eigenes Leben, bedenk das meinige und bleib!«

Während ich so redete, war der Strom seiner Tränen immer mehr angewachsen, und mit seinen Küssen trank ich ihrer viele. Nach langem Seufzen antwortete er mir folgendes:

»O! höchstes Gut meiner Seele! Ich erkenne recht gut die unwiderlegbare Wahrheit deiner Worte, und jede Gefahr, die du mir schilderst, steht deutlich vor mir. Aber um dir, nicht so, wie ich wünschte, sondern wie die gegenwärtige dringende Notwendigkeit es erfordert, kurz zu antworten, so sage ich dir, daß ich wohl glaube, du dürfest mir es nur zugestehen, mit einem kurzen Schmerz eine große und lang verjährte Schuld zu tilgen. Du kannst wohl denken, ja du mußt gewiß sein, daß, sosehr mich auch die Pflicht gegen den alten Vater immer bewegt und bewegen muß, mich die Pflicht gegen uns selbst nicht minder, sondern noch weit mehr erschüttert. Ja, wäre es erlaubt, unser Verhältnis zu entdecken, so würde ich mich hinlänglich entschuldigt glauben, weil ich voraussetzen darf, daß nicht allein mein Vater, sondern auch jeder andere das, was du sagst, als wahr anerkennen würde und ich um deinetwillen den alten Vater ohne meinen Anblick lassen könnte. Da aber unser Verhältnis ein Geheimnis bleiben muß, so sehe ich nicht, wie ich ohne die schwerste Schmach und Rüge diese Pflicht, welche am Tage liegt, unerfüllt lassen möge. Und um diesem Schimpf zu entgehen und meiner Pflicht Genüge zu leisten, wollen wir dem Schicksal das Glück von drei oder vier Monaten opfern, nach deren Verlauf, ja noch ehe sie vollendet sind, du mich ohne allen Zweifel mit neuer Freude zurückkehren sehen wirst. Und wenn der Ort, wohin ich gehe, so widerwärtig ist, wie du ihn schilderst – und er ist es im Vergleich mit diesem wirklich, weil du hier bist –, so muß dir dies ja sehr erwünscht sein, wenn du bedenkst, daß, wenn auch keine anderen Gründe mich an diese Stadt fesselten, doch die Abneigung gegen jene mich gewaltsam zwingen würde, bald wieder hierher zurückzukehren.

So willige denn ein, daß ich von dir gehe, und wie du bis jetzt über meinen Ruhm und Vorteil gewacht hast, so lerne nun um meinetwillen Geduld, damit ich dich durch diese ernste Begebenheit ganz erkennen und in Zukunft sicher wissen lerne, daß immer meine Ehre dir lieber sei als mir selbst.«

Er hatte dies gesprochen und schwieg, als ich wieder folgendermaßen zu sprechen anhub:

»Klar genug erkenne ich nun, daß dein im Herzen gefaßter Entschluß unabänderlich ist, und kaum scheint es mir, daß du nur bedenken willst, welche Seelenangst du mir zurückläßt, wenn du dich von mir entfernst, und wie ich keinen Tag, keine Nacht, keine Stunde ohne tausend Qualen sein werde. In unaufhörlicher Angst um dein Leben werde ich sein und Gott bitten, es, so lang du selbst willst, über meine Tage hinaus zu verlängern. Nicht soviel Sandkörner sind am Meer noch am Himmel Sterne, als jeder Tag die Lebendigen mit bedenklichen und gefahrvollen Zufällen bedrohen kann, und diese alle werden, wenn du dich entfernst, mich erschrecken und ängstigen. Ach! wie traurig ist mein Leben! Ich schäme mich, dir das zu sagen, was mir in den Sinn kommt! Aber da es mir nach allem, was ich gehört habe, als möglich erscheint, so bin ich gezwungen, es dir doch zu sagen.

Wenn du in deinem Lande, wo es, wie ich mehr als einmal gehört habe, eine zahllose Menge schöner Frauen geben soll, die mit anmutiger Sitte geziert würdig sind zu lieben und geliebt zu werden, wenn du eine derselben sähest, die dir gefiele und um derentwillen du mich vergäßest, o sprich, was würde dann mein Leben sein? O! wenn du mich so liebst, wie du sagst, bedenke, wie dir zumute sein würde, wenn ich dich für einen andern hingeben wollte, etwas, das nie geschehen kann, weil ich lieber von meiner eigenen Hand sterben wollte!

Aber ich schweige hiervon, damit ich nicht durch die Erwähnung einer Sache, deren Wirklichkeit mir schrecklich sein würde, die Götter zu trauriger Vorbedeutung reizen möge.

Hast du nun in deiner Seele fest beschlossen zu reisen, so geziemt es mir, da, wie du weißt, mir nichts anderes gefällt, als dir zu gefallen, notwendigerweise auch das zu wollen, was du willst. Jedoch kann es sein, so flehe ich dich an, wenigstens darin meinem Willen zu folgen, daß du dein Weggehen noch einige Zeit aufschiebst, damit ich es mir lebhaft vorstellen und durch den immerwährenden Gedanken daran möge ertragen lernen, ohne dich zu sein. Und dies wird dir gewiß nicht schwer werden, da selbst die Jahreszeit meiner Bitte günstig ist. Siehst du denn nicht, wie der mit ewigem Dunkel bedeckte Himmel der Erde das schwerste Verderben, Wassergüsse, Schnee, Stürme und furchtbare Donnerschläge droht? Und weißt du nicht, daß durch die immerwährenden Regengüsse jedes kleine Bächlein jetzt zu einem großen Strom angewachsen ist? Wer liebte sich selbst wohl so wenig, daß er bei so feindlicher Witterung sich auf einen weiten Weg zu machen gedächte?

Und also erfülle hierin meinen Willen, und wenn du diesen nicht achtest, so folge wenigstens deiner Pflicht. Laß diese traurigen, dunklen Tage vorübergehen und erwarte die neue Jahreszeit, wo du dann mit mehr Vergnügen und weniger Gefahr dich auf die Reise begeben kannst und wo ich dann, mit dem traurigen Gedanken vertraut geworden, geduldiger deine Rückkehr erwarten kann.«

Er zögerte nicht, auf diese Reden zu antworten, sondern sagte: »Liebste Frau, die ängstlichen Qualen und die mannigfaltigen Sorgen, in denen ich dich wider meinen Willen zurücklasse und die mich selbst ohne allen Zweifel begleiten werden, können einzig und allein durch die freudige Hoffnung einer baldigen Rückkehr gemildert werden. Und nicht weise ist es, um das, was mich in jeder Jahreszeit treffen kann, besorgt zu sein und vor dem Tod zu zittern oder vor künftigen Ereignissen, die mir verderblich, aber vielleicht auch erfreulich sein können. Wohin der Zorn oder die Gnade der Götter einen Menschen beruft, dahin ziemt es ihm, es mag ihm gut oder es mag ihm übel gehen, auch zu folgen. Deshalb laß uns alle diese Dinge ohne Zeitverlust in ihre Hände geben; sie wissen besser, was uns frommt, und nur allein darum laß uns bitten, daß es uns zum Guten sich wende.

Aber daß ich jemals einer andern Frau gehöre als Fiammetta, das könnte, wenn ich es auch wollte, Jupiter selbst kaum möglich machen; mit so festen Banden hat Amor mein Herz in deine Fesseln geschmiedet. Und davon sei überzeugt: eher wird der Erdboden Sterne tragen und der Himmel, von Stieren durchpflügt, reifes Korn erzeugen: als daß Panfilo jemals einer andern Frau gehören wird als dir.

Meine Abreise, wie du begehrst, noch eine Zeitlang aufzuschieben, würde ich, wenn ich es für nur im geringsten zuträglich für dich und mich hielte, mit größerer Bereitwilligkeit tun, als du es begehrst. Aber hieße diesen Zeitraum verlängern nicht unsern Schmerz vergrößern? – Wenn ich jetzt reise, so werde ich zurückgekehrt sein, noch ehe der Zeitraum verflossen ist, den du verlangst, um nur das Leiden ertragen zu lernen, und es wird vorüber sein, ehe du dich darauf vorbereitest. Du wirst bei meiner wirklichen Abwesenheit die Trauer empfinden, die du bei dem bloßen Gedanken daran empfinden wolltest. Und wegen der Feindseligkeiten der Witterung sei unbesorgt. Schon durch mehrere Erfahrungen damit vertraut, werde ich heilsame Vorkehrungen dagegen zu treffen wissen, und wollte Gott, daß ich sie schon bei der Rückkehr anwenden müßte, wie ich bei der Abreise davon werde Gebrauch machen.

Darum rüste dich mit starker Seele, das zu tun, was, da es einmal geschehen muß, weit besser schnell getan und mit raschem Entschluß überschritten als mit Trauern und Furcht erwartet wird.«

Meine Tränen, denen meine Worte vorher gleichsam einen Damm gesetzt hatten, strömten jetzt, da ich andere Antwort erwartet hatte und diese hören mußte, doppelt stark hervor. Und auf seine Brust das sorgenschwere Haupt gelehnt, verharrte ich lange Zeit, ohne etwas weiter zu sagen. Mancherlei Dinge gingen durch meinen Kopf, und ich wußte nicht, ob ich seine Rede billigen oder mißbilligen sollte. Aber, ach! welche Frau würde auf seine Worte eine andre Antwort zu geben gehabt haben als diese: ›Handle nach deinem Gefallen und kehre bald zurück!‹ Gewiß keine. Und ich, nicht ohne bittern, schweren Schmerz und viele Tränen, antwortete dies nach langer Pause, mit dem Zusatz: wenn er mich bei seiner Rückkehr noch am Leben fände, so wäre dies ohne Zweifel etwas Großes und Wunderbares zu nennen.

Nach diesem Gespräch trockneten wir unsere Tränen; eines fand sich durch das andere getröstet, und wir setzten der Trauer für diesmal ein Ziel. Und nach seiner Gewohnheit kam er vor seiner Abreise, die auf wenige Tage darnach festgesetzt war, noch mehr als einmal zu mir, obgleich wir uns in Wesen und Mut sehr verändert gegen sonst wiedersahen.

Aber nun war die Nacht gekommen, welche die letzte meines Glücks sein sollte, und wir brachten sie mit mancherlei Gesprächen hin, nicht ohne viel Tränen. Sie schien mir, obgleich sie der Jahreszeit nach unter die längsten gehörte, unbeschreiblich kurz zu sein. Und schon begann der Tag, der Feind der Liebenden, das Licht der Sterne zu verlöschen, als ich, da meine Augen seinen Strahl wahrnahmen, ihn fest umarmte und ihm sagte: »O! mein süßer Geliebter, sag, was raubt dich mir? Welcher Gott schüttet mit solcher Gewalt seinen Zorn über mich aus, daß man noch bei meinem Leben sagen kann: Panfilo ist nicht da, wo seine Fiammetta weilet? Weh mir, nun weiß ich nicht, wohin du gehst! Werde ich dich noch einmal wieder umarmen? Ich fürchte, es wird nimmer geschehen!«

Ich weiß nicht, welche Macht mein Herz mit kläglicher Weissagung so zu sprechen zwang, und unter herben Tränen, von ihm getröstet, küßte ich ihn zu verschiedenen Malen, bis nach mehreren innigen Umarmungen uns endlich das wachsende Licht des neuen Tages zur Trennung zwang.

Und schon war er im Begriff, mir die letzten Küsse zu geben, als ich unter Tränen folgende Rede begann: »Mein Gebieter, der Augenblick ist nun da, wo du mich verläßt, und du versprichst mir, bald zurückzukehren. Gib mir durch dein feierliches Wort die völligste Gewißheit hierüber, damit ich deine Versprechungen nicht für leere Reden halte, sondern im festen Vertrauen der Zukunft still harrend einigen Trost finden möge.«

Da vermischte er seine Tränen mit den meinigen, hing sich kraftlos von der schweren Seelenbürde des Schmerzes an meinen Hals und sagte mit schwacher Stimme: »Gebieterin! ich schwöre dir beim leuchtenden Phöbus, der jetzt gegen unsere Wünsche mit allzu schnellem Schritt herbeinahet und unsere Trennung beschleunigt, dessen Strahlen mich auf meinem Wege geleiten sollen, ich schwöre dir bei meiner unauflöslichen Liebe zu dir, bei der Kindespflicht, die mich jetzt von dir trennt, daß der Mond nicht viermal wechseln soll, bevor du mich, wenn es Gott gefällt, wiederum zu dir zurückkehren siehst!«

Hier faßte er meine rechte Hand mit der seinigen, und nach der Seite hingewandt, wo die geheiligten Bilder unsrer Götter dargestellt zu sehen waren, sagte er: »O! ihr allerheiligsten Götter, die ihr als Herrscher über dem Himmel und der Erde waltet, euch rufe ich zu Zeugen des gegenwärtigen Versprechens und der mit meiner Rechten gelobten Treue an! Du, Amor, dem solche Schwüre wohlbekannt sind, sei jetzt hier zugegen, und du, selige Wohnung, die mir köstlicher ist als den Göttern ihr Himmel, so wie du die geheime Vertraute unserer Liebe gewesen bist, so sei auch jetzt die Bewahrerin meines gegebenen Wortes, und wenn ich durch meine eigene Schuld dagegen fehle, so soll der göttliche Zorn sich an mir kundtun, wie ehemals Ceres gegen Erysichthon, Diana gegen Actäon oder Juno gegen Semele sich zornig bewiesen hat!« Und als er dies gesagt hatte, umarmte er mich mit Inbrunst, und mit gebrochner Stimme sagte er zuletzt: »Lebe wohl!«

Aber ich, ganz bezwungen von ängstlichem Weinen, vermochte kaum das Geringste darauf zu antworten; gleichwohl tat ich mir Gewalt an und stieß traurig folgende Worte hervor: »Möge Jupiter die meinen Ohren versprochene und meiner rechten Hand mit der deinigen gelobte Treue im Himmel so bestätigen, wie einst Isis die Gebete Teletusens, und sie, wie ich wünsche und du begehrest, auch auf Erden wahr machen!«

Und als ich ihn hierauf bis an die Tür meines Palastes begleitete und ihm Lebewohl sagen wollte, schwand mir plötzlich das Wort von meiner Zunge und der Himmel vor meinen Augen.

Und wie die gebrochene Rose auf freiem Felde unter grünen Blättern von den Sonnenstrahlen getroffen auf einmal hinwelkt und ihre glühende Farbe verliert, so sank auch ich halbtot in die Arme meiner Dienerin, und erst nach ziemlich langer Zeit fühlte ich, treulichst von ihr gepflegt, mit kühlendem Balsam gerieben, mich in diese traurige Welt zurückgerufen endlich wieder. Noch hoffte ich, daß er an meiner Tür sei, und wie der wütende Stier, wenn er den tödlichen Streich empfangen hat, sich sinnlos aufrafft und hoch emporspringt, also riß auch ich mich auf und lief fast ohne etwas zu sehen fort. Ich breitete die Arme aus, und in dem Wahn, meinen Gebieter zu umfassen, umarmte ich die Dienerin und rief mit schwacher, tausendfach von Tränen gebrochner Stimme aus: »O! mein Leben, lebe wohl!« Die Dienerin erkannte meinen Irrtum und schwieg. Aber als ich nun zu mir selbst gekommen war und meinen Irrtum erkannte, hielt ich mich nur mit Anstrengung zurück, nicht zum zweitenmal in die vorige Ohnmacht zu verfallen.

Der Tag verbreitete jetzt nach allen Seiten seine Klarheit. Als ich mich nun in meinem Zimmer ohne Panfilo sah und mich darüber verwunderte, lange um mich blickte und mich nicht besinnen konnte, was mit mir vorgegangen sei, fragte ich die Dienerin, was aus ihm geworden wäre, und weinend antwortete sie: »Es ist schon lange, seit Ihr hier in seinen Armen ruhtet und der kommende Tag ihn unter unzähligen Tränen gewaltsam von Euch getrennt hat.«

Worauf ich sagte: »So ist er denn wirklich abgereist?« »Ja«, antwortete die Dienerin. Weiter fragte ich: »Jetzt sage mir, wie sah er aus, als er wegging?« Sehr bekümmert antwortete sie: »In meinem Leben habe ich noch kein so betrübtes Gesicht gesehen als das seinige.«

Darauf fuhr ich fort: »Sage mir auch: was tat er, und welche Worte sagte er bei seinem Weggehen?«

»Als Ihr einer Toten gleich in meinen Armen laget, indes Eure Seele ich weiß nicht wo herumirrte, und er, sobald er Euch in solchem Zustand sah, Euch in seine Arme nahm, forschend, ob sich noch Leben in Eurer Brust rege oder ob die erschrockene Seele schon entflohen sei, da fühlte er das heftige Schlagen Eures Herzens, und ich glaube, daß er weinend wohl hundertmal und mehr Euch durch seinen Abschiedskuß ins Leben zurückrufen wollte. Darauf aber, als er Euch noch immer unbeweglich wie Marmor daliegen sah, trug er Euch hierher, und noch Schlimmeres befürchtend, küßte er mehr als einmal Euer Angesicht und sagte unter heißen Tränen:

›O! ihr höchsten Götter! wenn mit meinem Scheiden irgendeine Schuld verbunden ist, so ergehe euer Gericht über mich, nicht über diese Unschuldige! Sendet ihr die entflohene Seele zurück, damit durch die letzte Gunst, uns beim Scheiden noch einmal zu sehen, den letzten Kuß zu geben, das letzte Lebewohl zu sagen, sie und ich getröstet werden!‹

Aber als Ihr darauf noch immer nicht wieder zu Euch kamt, schien er lange nicht zu wissen, was er tun sollte; er legte Euch behutsam aufs Ruhebett, und den von Wind und Regen gepeitschten Meereswellen gleich, die bald vordringen, bald zurückkehren, verließ er Euch, ging bald mit trägem Schritt bis an die Schwelle des Zimmers, schaute dann aus dem Fenster, wo der drohende Himmel über sein Verweilen zürnte, und kehrte dann schnell zu Euch zurück, wo er von neuem Euch mit den süßesten Namen rief, Tränenströme vergoß und Euer Angesicht küßte.

Endlich aber, da er dies einigemal wiederholt hatte und sahe, daß er nicht länger bei Euch verweilen dürfe, umarmte er Euch und sagte: ›O! süßeste Herrin, du einzige Hoffnung des traurigen, tiefgebeugten Herzens, die ich bei gewaltsamer Trennung mit ungewissem Leben zurücklassen muß, Gott gebe dir den verlornen Trost zurück und erhalte dich mir, daß wir uns ebenso glücklich hier wiedersehen mögen, wie das bittere Scheiden uns jetzt trostlos voneinander trennt!‹

Und wie er diese Worte sagte, flossen seine Tränen unaufhaltsam mit solcher Heftigkeit, daß sein lautes Schluchzen mich oft befürchten ließ, nicht allein unsre Hausgenossen, sondern auch die Nachbarn würden es hören. Jetzt aber, von der feindseligen Tageshelle gezwungen, konnte er nicht länger verweilen und sagte halb von Tränen erstickt: ›Leb wohl!‹ Und gleichsam durch unsichtbare Gewalt hinweggezogen, stampfte er mit dem Fuß stark gegen die Türschwelle und trat aus Eurem Haus. Und als er auf der Straße war, hätte man sagen sollen, daß er kaum zu gehen vermöge, so zögernd waren seine Schritte; er wandte sich oft um und schien zu hoffen, daß Ihr wieder zu Euch kommen und ich ihn rufen würde, damit er Euch noch einmal sähe.«

Hier schwieg die Dienerin, und ich, o ihr Frauen, blieb, wie ihr denken könnt, schmerzlich betrübt über die Abreise des teuren Geliebten, untröstlich und in Tränen, allein.

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