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Sophie Friederike Brentano: Fiammetta - Kapitel 11
Quellenangabe
typenovelette
authorGiovanni di Boccaccio
titleFiammetta
publisherInsel-Verlag
translatorSophie Brentano
firstpub1806
senderwww.gaga.net
created20050222
projectid697c7d1d
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Schluss

Fiammetta redet ihr Buch an, gibt ihm Vorschriften, wie und wohin es sich wenden, auch, wen es vermeiden soll, und schließt.

Und du, o mein kleines Büchlein, das gleichsam auferstanden ist aus dem Grabe seiner Gebieterin und, was mir lieb ist, schneller zu seinem Ende gelangt als ihr Leid, gehe hin und stelle dich so, wie du von meinen Händen geschrieben und an vielen Stellen von meinen Tränen benetzt bist, den liebenden Frauen vor.

Und wenn sie dich, von Mitleid erfüllt, gerne aufnehmen, wie ich gewiß hoffe (hat anders nicht Liebe, seit ich elend geworden, ihre Gesetze verändert), so schäme dich nicht, in so geringem Kleide, als worin ich dich aussende, vor jede Frau, wie vornehm sie auch sei, zu treten, wenn sie nur nicht verschmäht, dich zu besitzen.

Dir gebührt kein anderes Gewand, wollte ich es dir gleich geben. Du mußt zufrieden sein, gleich meiner Zeit zu erscheinen, die als die unseligste dich und mich mit Elend umkleidet hat. So sei denn nicht wie andere besorgt um äußern Schmuck, das ist, um edle Decken mit bunten Farben bemalt und geziert, nicht um glänzenden Schnitt, reizende Gemälde oder prächtige Titel. Solche Dinge ziemen sich nicht für die schwere Klage, die du trägst; überlasse solches glücklicheren Büchern, wie die breiten, heitern Ränder, die bunten, fröhlichen Tinten und die geglätteten Papiere. Dir gebührt es, mit zerzaustem Haar, befleckt und mit Totenblässe gefärbt, zu wandeln, wohin ich dich sende, um in den Seelen derer, die dich lesen, ein heiliges Mitleid mit meinem Unglück zu erwecken; und sollte sich ein solches Gefühl in einem reizenden Antlitz aussprechen, o dann säume nicht, es zu würdigen, soviel du kannst, denn ich und du sind ja vom Unglücke so sehr nicht erniedrigt, daß wir nicht fähig wären, des Herrlichsten innezuwerden. Was uns aber geblieben ist, ist etwas, das kein Unglücklicher verlieren kann, nämlich Glücklicheren die Lehre zu geben, daß sie ihr Glück schonend behandeln und vermeiden, uns ähnlich zu werden. Diesen meinen Reichtum spende ihnen also aus, wenn du es vermagst, daß sie aus Furcht vor unserm Geschick alle Weisheit der Liebe erlangen mögen, den geheimen Fallstricken der Männer zu entgehen.

So gehe denn hin!

Welcher Schritt dir besser ziemt, ob rasch, ob bedächtig, weiß ich nicht, auch weiß ich nicht, in welche Gegend du dich zuerst wenden sollst, auch nicht, wie und von wem du aufgenommen werden wirst. Wie das Geschick dich leitet, so wandle; deine Bahn kann nicht sehr geordnet sein; dir umhüllt die trübe Zeit die Gestirne, und erschienen sie dir auch alle, so hat doch das ungestüme Schicksal dir in keines ein Zeichen des Heils geschrieben.

Und so entlasse ich dich, unsicher hin und her schwankend, gleich einem Fahrzeuge ohne Steuer und Segel, den Wellen ein Spiel, mit einigen Lehren, die du gebrauchen sollst, wie die Gelegenheit es heischt. Gelangst du in die Hände einer Frau, die so glücklich liebt, daß sie all unsere Qual verhöhnt und für wahnsinnig erachtet, so ertrage ruhig ihren Spott und Hohn, der der kleinste Teil unserer Leiden ist, rufe ihr aber ins Gedächtnis, daß das Schicksal wandelbar sei und daß es sie in kurzem traurig machen könne wie uns und uns freudig wie sie, und wie wir dann Hohn für Hohn zurückgeben könnten. Findest du aber eine, deren Augen beim Lesen nicht trocken bleiben, sondern sich mit vollen Mitleidstränen füllen, so sauge alle ihre Tränen ein und erhalte dir die heiligen Spuren mit denen der meinigen zugleich. Erzeige dich trauriger und frömmer noch als zuvor und bitte mit Demut, daß sie für mich den Gott anflehe, der mit vergoldeten Schwingen die ganze Welt in einem Augenblick durchstreift, auf daß er, von einem würdigeren Mund als meinem angefleht und andern milder gesinnt als mir, meine Qualen endlich lindere. Ich aber bitte für sie, wer sie auch sei, mit der eindringlichen Stimme, die den Unglücklichen verliehen ist, daß sie nie, nie in solches Elend kommen möge, daß ihr die Götter stets geneigt und gütig seien und ihr ihre Liebe lange glücklich erhalten mögen.

Solltest du aber in dem verliebten Kreise schöner Frauen, aus einer Hand in die andere wandernd, endlich zu meiner Feindin gelangen, der Räuberin unseres Gutes, so fliehe unverzüglich wie von einer unheiligen Stelle, verbirg dich gänzlich ihren diebischen Augen, damit sie, meine Qual zum zweitenmal nachempfindend, sich nicht von neuem an meinem Schaden freue. Sollte sie dich aber gleichwohl mit Gewalt zurückhalten und sehen wollen, so zeige dich ihr also, daß sie meines Unglücks nicht lachen, sondern weinen müsse und, tief im Gewissen gerührt, mir den Geliebten zurückgebe. O! welch ein seliges Mitleid würde dies sein, und wie gesegnet deine Mühe!

Die Augen der Männer fliehe, kannst du aber ihre Blicke nicht vermeiden, so sage: »O! undankbares Geschlecht, welches der einfältigen Frauen spottet, dir ziemt es nicht, das Heilige zu sehen!« Gelangst du aber zu ihm, der der Schöpfer meiner leiden ist, so rufe ihm von weitem zu und sprich: »O! du unbiegsamer Eichstamm, fliehe und beschimpfe mich nicht mit deiner Hände Berührung! Deine gebrochene Treue ist ja die Ursache von allem, was ich tragen muß! Willst du mich aber mit menschlichem Gemüt lesen, vielleicht in Erkenntnis der Schuld gegen sie, die dem Zurückkehrenden verzeihen möchte, so komm und betrachte mich! Willst du aber dieses nicht, so scheue dich, die Tränen zu sehen, die durch dich geflossen, besonders wenn du, sie zu vermehren, bei deinem Willen beharrst!«

Hörst du aber vielleicht, daß eine Frau sich über deine einfältigen und roh geordneten Worte verwundert, so sage ihr, daß sie, die Gebildete, dich sogleich von sich weise, denn zierliche Reden können nur in klaren Gemütern und in heitern, ruhigen Tagen gedeihen. Sage, wie du dich vielmehr verwunderst, daß Verstand und Hände zu dem, was du ordnungslos erzählt hast, genug Kraft gehabt haben, da Liebe und Eifersucht das traurige Gemüt in stetem Kampf erhalten und das feindliche Schicksal den Streit durch trübe Wolken begünstigt hat.

Vor aller Nachstellung darfst du, wie ich glaube, sicher sein, denn kein Neid wird dich mit scharfem Zahn verwunden.

Sollte aber, was ich nicht glaube, ein Unglücklicherer dich beneiden, so lasse dich geduldig verwunden. Doch weiß ich nicht, an welcher Stelle du noch eine Wunde tragen könntest, da ich dich von den Schlägen des feindlichen Schicksals so ganz zermalmt sehe. Keiner könnte dich schwer beleidigen oder dich von der Höhe in die Tiefe herabreißen, da du die tiefste Tiefe bereits bewohnst. Und wäre es dem Schicksal nicht genug, uns an die Oberfläche der Erde gefesselt zu haben, und wollte es uns noch unter dieselbe herabziehen, so sind wir ja an Leiden so gewöhnt, daß diese Schultern, die das Schwerste getragen haben und noch tragen, wohl auch das Leichtere erdulden können, und deshalb gehe kühnlich dahin, wohin das Schicksal dir gebietet. So lebe denn! Niemand kann dir dies rauben! Und bleibe den Glücklichen wie den Elenden ein ewiges Bild von den Qualen deiner Gebieterin.

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