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Ferdinand Kürnberger: Feuilletons - Kapitel 1
Quellenangabe
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typeessay
authorFerdinand Kürnberger
titleFeuilletons
publisherInsel Verlag
editorKarl Riha
year1967
correctorreuters@abc.de
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1848

Die Poesie und die Freiheit

Was zu den Zeiten unserer schimpflichen Geistesknechtschaft, da neben den Tyrannen Sedlnitzky und Metternich, die poetischen Gegenkönige der Despotie Moritz Hartmann und Alfred Meißner vielleicht ebenso tyrannisch in ihrem Bereiche das junge Deutschland beherrschten, was damals, sage ich, nur schon in den leisesten Zweifel zu ziehen, Frevel und bannfluchwürdiger Hochverrat gewesen wäre, das läßt sich jetzt unumwunden allen Ernstes in Frage stellen, nämlich der Satz: Kann die Freiheit Objekt der Poesie sein oder nicht? Ich würde gerne die Erörterung dieses Satzes unberührt auf sich beruhen lassen, denn wenn schon nicht ein terroristischer Fanatismus mit dieser Frage mich geradezu wütend zum Hause hinauswirft, so könnte ich doch geflissentlich eine lieblose Kränkung denjenigen damit zu beabsichtigen scheinen, die bereits darin ihre sicheren Lorbeeren errungen zu haben glauben, was dadurch neuerdings einer Prüfung und Untersuchung anheimgestellt wird. Zu meiner Entschuldigung aber will ich anführen, wie ich überhaupt zu dem angeregten Bedenken gekommen bin. Einfach dadurch, daß die Freiheit tatsächlich bisher noch keinen würdigen Sänger, nicht einmal ein einzelnes epochemachendes Lied zu ihrer Verherrlichung gefunden hat. Ja, dadurch sage ich, daß man die poetische Kraft unserer Zeit einer allgemeinen Erschlaffung und Nervlosigkeit zu beschuldigen Lust zeigt, indem man die alten Sänger der Freiheit trotz den zahllosen Anfragen: »Brutus schläfst du« größtenteils wirklich schlafen sieht, neue Posaunen aber für die Triumphe unserer Zeit vergebens erwartet werden. Das ist jedenfalls auffallend genug und reizt zum Nachdenken. Wie, sollte wirklich einer ganzen Generation, wir dürfen sagen, einer kraftvollen, rüstigen Generation alles poetische Vermögen plötzlich wie abgeschnitten sein? Glaube das, wer will, ich nicht. Wenn ich aber an der Fähigkeit der Personen nicht zweifle, so muß ich wohl notwendig an der Fähigkeit der Sache zweifeln. Und so entsteht denn, gerade aus bestem Grunde, meine frevelhafte Frage: Kann die Freiheit Objekt der Poesie sein oder nicht? Diese Frage zu machen, ist vielleicht der originellere Teil ihrer selbst, sie, sobald sie gemacht ist, mit Nein! zu beantworten, bedarf schon weniger. Denn einfach genug ist die Deduktion dazu. Was ist überhaupt Stoff aller Poesie? Der Affekt, die Leidenschaft, das Pathos. Ist aber dieser Stoff in der Freiheit vorhanden? Nein, dann täuschen wir uns nicht, wie wir uns allerdings lang genug getäuscht haben. Die Freiheit ist ja ganz und gar nichts Positives. Der Schluß war dieser: Kann uns die Sklaverei schon so göttliche Schwanenlieder entpressen, wie himmlisch werden wir erst für die Freiheit selbst singen. Aber wie falsch ist dieser Schluß? Die Sklaverei war eine Krankheit, die Freiheit ist Gesundheit. Die Krankheit weckt Laute in der tiefsten Brust, die Natur selber hilft sich mit Wehgeschrei, Angstausruf, Schmerzenston, Klagen, Seufzen und Stöhnen, das ist die Lyrik des Leidens; wem aber fällt es ein, seine Gesundheit zur Sprache zu bringen? Die Gesundheit ist etwas Gleichgültiges, so auch die Freiheit, ein Ding, das sich von selbst versteht, nur sein Abgang wird empfunden, sein Dasein nicht. Laokoon und seine Söhne, von den Schlangen gemartert, befinden sich im Zustande des Pathos, sind Stoff für die Poesie; befreit sie von diesem Zustande, und sie werden drei ganz gewöhnliche Menschen. So sind auch Niobe und Philoktet hochpoetisch durch ihre Leiden, ohne diese sind sie's nicht. Der todeshungrige Ugolino kann ein Gegenstand für unsterbliche Gesänge sein, wer wollte aber behaupten, daß ein satter Magen die Begeisterung der Musen wecken kann? Und die Freiheit ist solch ein satter Magen. Sie ist Befriedigung, Erfüllung, Ergänzung, Vollständigkeit. Es ist kein Affekt, kein Pathos, keine Leidenschaft in ihr – es ist darum kein poetisches Element in ihr. Denn daß man sich nur recht darüber verständige; ich wiederhole es noch einmal: Falsch ist der Schluß, was in seinem Mangel schon poetisch ist, müsse noch um so poetischer in seinem Besitze sein. Gerade das Umgekehrte ist wahr. Was in seinem Abgang poetisch ist, muß in seinem Besitze prosaisch sein, und um so prosaischer hier, je poetischer es dort ist. Denn was schneidet tiefer in die Seele, tut weher, schmerzt inniger, als eben der Mangel des ganz Gewöhnlichen, Alltäglichen, des trockenen Bedürfnisses, des gemeinen Notwendigen? Nehmt mir die Luft, das Wasser, das Obdach, das Sonnenlicht, das Kleid oder einen meiner Sinne, und ich bin ganz gewiß ein Objekt für die tragische Poesie, denn das Schicksal hat mich zum Träger einer außerordentlichen Demonstration gemacht, es hat mir das allgemein – Menschliche entzogen, es hat mich ausgezeichnet vor dem ganzen Geschlechte der Lebendigen, es hat mich aus dem Bereiche der Wirklichkeit in das der Poesie versetzt. Gebt mir aber all diese Güter des Lebens wieder zurück, und ich würde sehr läppisch sein, wenn ich zeitlebens auf ihren Genuß ebensosehr Freudenhymnen machen wollte, als ich ihre Entbehrung in ununterbrochenen Elegien beweinen dürfte. Melchthal hätte sich offenbar nie daran erinnert, was für eine herrliche Sache es um ein Paar Augen sei; sie werden seinem Vater geraubt, und jetzt sind die Augen Gegenstand der Poesie: »O eine schöne Himmelsgabe ist das Licht der Augen« – und mit Recht legt der unglückliche Hirt in seinem Schmerze darum das meiste Gewicht auf die Kostbarkeit dieser Gabe, weil sie eine so gemeine ist: »Alle Wesen leben vom Lichte, jedes glückliche Geschöpf! Das Licht der Sonne, des Ärmsten allgemeines Gut usw.« Die Wahrheit, daß die allgemeinen Güter des Lebens nicht Gegenstand der Poesie sein können, hat gerade niemand stärker und nachdrücklicher als die Freiheitssänger selbst geltend gemacht; ich kann mich auf ihre eigenen Worte berufen, aber sie auch zugleich gegen sie kehren. War es in der jungen politischen Dichterschule Deutschlands nicht verrufen genug, den Mondschein zu besingen, den murmelnden Bach, die flötende Nachtigall, Feld und Flur, Wald und Wiese, jene Wiese, von der sich Heine ausdrückt, ein Deutscher kann dreißig Jahre lang das Plätzchen hinter seinem Geburtsorte besingen, wo seine Mutter Wäsche trocknete. Augenblicklich poetisch aber werden diese dürftigen Dekorationen des Lebens wieder, wenn ein gefangener Graf hinter dicken Eisenstäben nach einem Blümchen des Feldes schmachtet, oder nach einem Stückchen Himmelsblau, oder allen Ernstes von der Wiese schwärmt, wo seine Mutter Wäsche trocknete. Schon übler würden wir es nehmen, wenn er sein Gold und Silber, seine köstlichen Bankette oder sein Pharaospiel beklagte; das wäre kein urmenschlicher Laut mehr, das wäre nicht mehr psychologisch wahr; das Wertvolle kann für den Gefangenen jetzt keinen Wert haben, das Köstlichste hingegen ist ihm das, was ihm früher das Ordinärste war. Nun frag' ich die politischen Dichter, ob sie in ihrem guten Rechte gestanden sind, als sie unter der Zensur die Freiheit besangen? Ohne Zweifel antworten sie Ja, und ich selber antwort' es mit. Daraus folgt aber, daß sie nicht mehr in ihrem Rechte stehen, wenn sie die Freiheit in der Freiheit selbst besingen. Es sind nur zwei dilemmatische Fälle möglich. Entweder ist die Freiheit etwas ungewöhnlich Köstliches, dann darf ihr Mangel nicht besungen werden, denn eine Elegie auf einen verlornen Diamanten wäre ein prosaisch Ding; oder die Freiheit ist etwas ganz Schlichtes, nackt Menschliches, allgemein Notwendiges, dann darf ihr Besitz nicht besungen werden, denn eine Hymne auf ein Stück Brot ist ein prosaischer Passus. Nun haben aber die Dichter den Mangel der Freiheit besungen, und mit Recht besungen, es folgt also daraus, daß sie die Freiheit als etwas Urmenschliches, Grundstoffliches, allgemein Notwendiges erkannt haben, das zur Verzweiflung bringt, wenn es fehlt, davon man aber niemand weiterspricht, wenn es da ist. Enfin! Man besingt nur die Braut, solange man sie nicht hat; niemand fällt es ein, seine Ehefrau zu besingen. Und so ist es. Die Freiheit war nie ein guter Stoff der Poesie, und wird es nie werden. Poesie ist das Reiche, das Überflüssige, das Schwelgerische, der Luxus, der Schmuck und die Zierde. Poesie ist das Sinnenbedürfnis, das Herzensbedürfnis; Freiheit aber ist mehr als das, Freiheit ist Lebensbedürfnis selbst. Poesie ist das Schöne, Freiheit ist das Wahre, Poesie ist das Glück, Freiheit das Recht. Poesie ist alles das, was mir ewig fehlen kann, was mir ewig unerreichbar bleiben kann, die Freiheit aber läßt sich besiegelt und verbrieft besitzen. Die Freiheit ist nur Stoff der Poesie, als verlornes Paradies; beim wiedergewonnenen Paradies aber schwankt der Dichter, seine Sterne erbleichen, er wird matt und singt im Invalidenton. Klagen wir also unsre Dichter nicht an, sondern wünschen wir uns und ihnen Glück dazu, daß sie diesen Ton nicht hören lassen. Ihr guter Genius warnt sie davor. Er könnte nur kalt, gemacht, affektiert, unnatürlich und gespreizt sein. Er könnte nicht aus dem Herzen kommen, denn Freiheit ist keine Herzenssache. Was soll mich an der Freiheit entzücken, begeistern, trunken machen? Daß ich nach einem tausendjährigen Umweg durch verfluchte Kulturübel und Zivilisationssünden nur dort wieder stehe, wo der halbnackte Germane in seinen zensurfreien Wäldern Eicheln aß? Welch ein Lump müßt' ich sein, wenn ich das so hoch anschlagen wollte! Nein, es ist gewiß ein ärmlicher Wicht, der mit der Freiheit viel Aufhebens macht. Der Mensch muß sich seiner ersten und natürlichen Rechte entwöhnt haben, den die Freiheit sonderlich überraschen und beglücken kann. Denn noch einmal und zum letzten Male sei es wiederholt, die Freiheit ist ja nichts, gar nichts, sie ist bloß die Abwesenheit der Unfreiheit. Und diese bloße Abwesenheit eines Übels sollt' ich poetisch besingen können? Wie denn? Es wäre doch gewiß das Geringste nur, wenn ich meinen Hymnus mit den Worten anfing: Freiheit, ich liebe dich! Und schon das wäre erlogen. Ich wenigstens habe mich nie der Phrase bedient: ich liebe die Freiheit, es käme mir ebenso vor, als ob ich sagte: ich liebe das Atemholen. Freiheit ist nichts als unbehindertes geistiges Atemholen. Ich brauche zum Dichten den Atem, aber ich werde nimmermehr den Atem selbst zum Gegenstand meiner Dichtung machen. Und diese Überzeugung, denk' ich, sei es nun bewußt oder unbewußt, nicht aber die Kraftlosigkeit der Poeten ist es, welche die neue Freiheit unbesungen läßt.

 

Eine Zeitschrift für Lyriker

Ein neues Journal von meiner Erfindung: Gratulieren Sie dem Jahrhundert zu seinem Fortschritt, der Literatur zu ihrer messianischen Epoche, der ganzen Menschheit zur Abhilfe eines längst gefühlten Bedürfnisses. Der Haupttreffer ist gemacht im Reiche der Entdeckungen, das glückliche Los ist gezogen. Es ist ein Gesellschaftslos, und Teilnehmer an dem Gewinn kann sein, wer Lust hat dazu. Sie erinnern sich, wir hatten das letztemal unter anderm von der Überschwemmung und von dem Segen an hiesiger Lyrik gesprochen. Das Thema zur Überschwemmung lag vor Ihren Fenstern, und das zur Lyrik noch näher – auf Ihrem Redaktionstische. Doch wozu die Umschweife? Sie waren ja beide eigentlich ein und dasselbe: Die lyrische Überschwemmung und die überschwemmende Lyrik; und dieses Thema glitt nicht tief unter Ihnen im Wellenpomp der majestätischen Donau dahin, sondern die Flut schlug bis an die hohen Pforten Ihres Bureaus, und keine Notschüsse und Rettungsboote halfen dagegen. Als ich von Ihnen wegging, dacht' ich der Sache ohne alle Metapher nach. Ein fatales Dilemma! Die Journale sind zu wenig, die Lyriker zu viel. Und diese wenigen Journale wollen so wenig als möglich aufnehmen, und diese vielen Lyriker so viel als möglich drucken lassen. Wie da zu helfen? Ich fand's. Hier ist mein Gedanke. Ich bitte mich zu entschuldigen, wenn er Folgen hat. Was sagt der weise Machiavell in Egmont von den Tollköpfen, von den Schwindlern und Schwärmern? Man erkenne sie förmlich an, man räume ihnen ein rechtliches Gebiet ein, man fasse sie in die Schranken der bürgerlichen Ordnung, und man wird sie unschädlich machen. O weiser Dichter! O gerechter Dichter! – Davon mache ich nun eine Applikation auf die Lyriker. Irren sie jetzt vogelfrei und heimatlos herum, wie die Flagellanten und Bilderstürmer (beides sind sie), so gebe man ihnen einen festen Wohnplatz; mißgönnt man ihnen jetzt ein Zehntel und Zwanzigstel des Journals, so überlasse man ihnen ein ganzes. Ja, ein Journal müßte gegründet werden, von rein lyrischem Inhalt; ein Journal, das nichts enthält als Gedichte, lauter Gedichte, Gedichte allein. Das ist mein Gedanke! Was sagen Sie dazu? Zunächst die einfache Frage: wer wird abonnieren? Die Lyriker selbst. Für das Recht, ihre Gedichte jahraus, jahrein gedruckt zu sehen, müßten sie abonnieren. Was ist natürlicher? Und wollten sie vielleicht nicht? Keine Frage! Das poetische Vatergefühl ist das zärtlichste, ist das aufopferndste von allen, und was wäre denn dieses Opfer? Etwa 1 Gulden für den Monat. Das ist wenig an sich, und bedenkt man, wieviel Kinder ein lyrischer Vater dafür versorgen könnte, so wüßte ich keine Kinderbewahranstalt auf Erden, die wohlfeiler zu stehen käme, als diese. Kurz mit der freiwilligen Teilnahme hätte es seine guten Wege, wenn nur die mögliche Anzahl überhaupt das nötige Abonnenten-Kontingent komplett machte? Wie viel braucht ein journalistisches Lokomotiv an Beheizung, um mit Anstand sich im Gange zu halten? Etwa tausend Abonnenten in runder Zahl? O mehr als zuviel! Tausend Lyriker wohnen in Wien in der kleinsten Gasse, und nun im ganzen Weichbild, in der ganzen Monarchie! Sur ma parole d'honneur! Mein lyrisches Blatt müßte die Times und die Morning Chronicle herausfordern können auf Pränumeranten-Zählung. Also die Sache rentiert sich, rentiert sich glänzend, und ich wollte, ich wäre Redakteur! Ans Werk denn! Die Fluten abgegraben aus unsern Journalen, und einen eigenen Entwässerungs-Kanal hergestellt, die Sperlinge verjagt aus unsern Gärten, und eine eigene Vogelhecke angelegt für sie! Und wissen Sie, Herr Doktor! was noch der Spaß wäre mit diesem Journale? Es könnte so schlecht sein, wie immer, kein Abonnent würde abfallen. Natürlich! damit gäbe er das Recht auf, sich selbst zu lesen; – so verschluckte denn jeder geduldig die unangenehmsten Pillen des andern, weil er sich wie das Kind auf den Apfel freute, der darnach käme; dieser Apfel aber wäre von ihm selbst. Sie sehen, es bände den Pränumeranten das stärkste Band der Natur an seinen Pränumerationsschein: das Band der Eigenliebe, das hielte fort bis zum blassen Tod, an ein Entrinnen wäre nie zu denken. Heiß' ich das eine Erfindung! Und ich habe sie gemacht! ich Glücklicher! ich selbst! Morgen lass' ich mich lithographieren. Übrigens gebe ich sie ganz uneigennützig der lyrisch leidenden Menschheit dahin, hülle mich bescheiden in mein Verdienst, oder bedinge mir höchstens als lebenslängliche Pension ein Freiquartier für meine eigenen Zöglinge in der künftigen Anstalt. Selige Aussicht! Indes bis dieser goldene Morgen anbricht, muß ich einstweilen schon mich noch bei den bestehenden Journalen zu Gaste bitten. Apropos, möchten Sie nicht die Güte haben, und nachstehendes lyrisches Gedicht von mir in Ihrem geschätzten Blatte aufnehmen? ...

 

Friedrich Hebbel als Lyriker

Seit der Genuß aus dem Leben und die Naivität aus dem Affekte verschwunden ist, ersetzt Beschauung und Reflexion die Stelle des lyrischen Inhalts. Man sollte darum kaum über das Einzelne einer modernen Erscheinung absprechen, sondern vielmehr eine historisch-kritische Charakteristik der ganzen Richtung unternehmen. Dort ist es fast unvermeidlich, parteiisch und dürftig zu erscheinen, hier tritt die Persönlichkeit zurück, und der innerste Kern des Gesamtzustandes wird mit klarem Verständnis dargelegt. Der Kritiker zeigte sich hier nicht nur tadelnd und unzufrieden, sondern er wiese auch die Notwendigkeit der so gestalteten Kunstgebarung nach, und hierin läge die eigentliche Dokumentierung seines Berufes, hierin sein Schutz vor dem Verdachte einer subjektiven Befangenheit, und seine Versöhnung nach außen. Bevor mir nun eine solche umfassende Entwicklung der Zeitlyrik überhaupt, die ich allerdings im Sinne habe, zu unternehmen vergönnt sein wird, muß ich mich darauf beschränken, von gegenwärtiger Einzel-Erscheinung zunächst nur das kurze »Wie« und nicht das weitführende »Warum« auszusprechen. Hebbel hat in seinen Gedichten – wie immer – etwas Statuarisches. Er singt wie der Geist im Don Juan. Das Leben kehrt nicht bei ihm ein, wie die Radien im Mittelpunkte; er ist ein umgekehrter Lyriker, er wandelt ins Leben hinaus, wie ein gefaßter Spaziergänger, wird selber von nichts berührt, sondern berührt dieses oder jenes, hängt hie und da seine Votivtafeln auf, zum Zeichen, daß er dagewesen – so findet er kursorisch, kontemplativ die Welt ab. Ihm begegnet es nicht, daß ihn irgendein Moment erfüllte, daß er ganz in seiner Sache stünde, daß die Gegenwart sein Inhalt und er ihre Form wäre. Diese lyrische Überwältigung kennt er nicht – er ist nie der Funke zwischen Stahl und Stein, er muß nie! Könnte er einen Augenblick glauben, daß das Glück wirklich Glück, das Unglück wirklich Unglück, das Leben wirklich Leben sei, könnte er sich täuschen, so wäre er ein Dichter. Aber das kann er nicht; ihm hat das Leben keinen Schein, und somit keine Poesie. Ein junges Mädchen sieht er als Greisin, eine volle Rose als Staub, denn »so weit im Leben ist zu nah dem Tod«, der Mensch ist ihm »eine Nessel, die über seinem eigenen Grabe wuchert«, »der Wunsch verzehrt zu werden ist des Lebens einziger Gehalt«, und »alles Leben ist gefrorne Liebe«. Wer nur erst so weit ist – wer das Dasein als Interims-Theater und das Nichtsein als eigentliche Substanz der Welt betrachtet – warum verfaßt der nicht lieber einen Kommentar zum »Systeme der Natur«, anstatt Gedichte? Man wird mich belehren: Der Vernichtungsgedanke sei ja eben das Element des modernen Gedichtes, und die Poesie höre darum nicht auf zu sein, weil sie nicht mehr poetisch sein könne. Zugestanden. Ich akzeptiere diesen Vernichtungsgedanken, denn ich erkenne, daß auch er die Fähigkeit, schön zu sein, nicht ausschließt. Schön wird der Vernichtungsgedanke, indem wir ihn von einer überwiegenden Kraft getragen sehen, schön wird er durch des Dichters gewaltige Persönlichkeit, durch die Großheit des menschlichen Charakters, die ihm entgegengesetzt wird. Aber dieser Heros ist's, den wir erwarten, und der in Hebbel zum dritten Male – nicht erschienen ist. Lenau hat unter dem Vernichtungsgedanken bis zum Tode schmerzlich gelitten, Heine hat ihn mit Affektation burschikos insultiert, »und wem es just passieret, dem bricht's das Herz entzwei«, Hebbel sieht ihm mit stoischer Apathie kalt und indifferent ins Auge, ist nicht mächtig, sondern nur gleichgültig gegen ihn, erlöst uns nicht davon, indem er zeigt, daß ihn ein Mensch tragen kann, sondern deckt bloß sein Vorhandensein ruhig auf mit der Neutralität eines Leichenbeschauers, überläßt seine Aufgabe uns, überläßt es jedem einzelnen, daraus zu machen, was er will. Doch sagt man mir weiterhin, der Vernichtungsgedanke brauche auch nicht schön zu sein, Schönheit habe überhaupt aufgehört, Zweck der Poesie zu sein, und die Wahrheit trat an ihre Stelle, wie es Schiller in den Künstlern längst schon vorausgesagt – so habe ich weiter nichts mehr zu erwidern, aber an diese Stelle setze ich das große Fragezeichen unserer Zeit. Diese wenigen Winke genügen wohl, den Geist der modernen Poesie, inbegriffen die Hebbelschen Gedichte, anzudeuten. Ihre erschöpfende Würdigung liegt in einer Tiefe, die man sich eher hüten muß, zu viel als zu wenig aufzudecken, weil eine Revolutions-Geschichte, wenn sie nicht empören soll, nie in einzelnen Zügen denunziert, sondern immer als Ganzes doziert werden muß. Und eine solche Geschichte ist die der neueren Dichtkunst. Davon also ein andermal. Schließlich nur noch einiges über den sprachlichen Bau dieser Gedichte. Könnt' ich ihn loben, so wäre es mit einem Worte geschehen; aber ich muß ihn tadeln, und das fordert mehrere Worte, denn das fordert Belege. Gleich die erste Strophe des ersten Gedichtes ist unschön in dieser Hinsicht; sie heißt:

»Schwül wird diese Nacht. Am Himmelsbogen
Ziehn die Wolken dichter sich zusammen,
Breit beglänzt von Wetterleuchtens Flammen
Und von roten Blitzen scharf durchzogen.«

Wie schleppend, dem einzigen Objekte »Wolken« eine Ausmalung von zwei ganzen langen Versen nachzutragen, und es von diesem Gefolge noch durch drei Füße abzuschneiden! Wie nervlos, wie ausgeflossen wird dadurch der ganze Rhythmus! In demselben Gedichte, dritte Strophe, heißt es:

»Doch die Herzen sind voll Angst und zittern
Vor den zwei sich kreuzenden Gewittern,
Deren Donnergrüße bald erschallen.«

Dessen, deren, denen, welchen, müssen notwendig in der Gedichtsprache gänzlich unbekannt sein. Wer nicht fühlt, was für ein ganzer Gottsched von Langweile seinen grammatikalisch-prosaischen Zopf in diesem »Deren« schüttelt, dem wird's vergebens gepredigt. Eine erst nach Goethe emporgekommene Form, dem Substantiv sein Epitheton mit einer Wiederholung des Artikels nachzuschleppen, wiederholt sich auch hier gar zu häufig. Z. B. in einem einzigen kürzeren Gedichte dreimal:

»Ihre Kleider, ihre weißen« –
»Mit dem Christusbild, dem blassen,« –
»Kommt die Mutter still, die greise usw.«

Das klingt läppisch. Über alle Beschreibung schülerhaft erscheint mir im Gedichte: »Das Kind« die Konstruktion. Worte reichen hier nicht aus! – man schlage nach! – Das Buch der Epigramme enthält manch frische, unverkümmerte Dichterblicke; dagegen ist es durch eine ganz neue, auffallende Fehlerhaftigkeit im Metrum entstellt, über die ich mich nicht genug verwundern konnte. Seit wann ist es Sitte, die zweite Hälfte des Pentameters mit Trochäen zu konstruieren, wie die erste? Die abgängige Silbe vermißt sich so schmerzlich, wie vielleicht nur das Ohr selber. Sind wir im Verderbnis der verfallenden Kunst so tief, wo die spätere Generation sogar die äußere Technik der früheren vergißt, oder steckt irgendeine reformatorische Intention in diesen Mißlauten? Aber was gäbe es hier zu reformieren? Wäre es kein unveränderliches Gesetz der Natur, daß die Geschwindigkeit des fallenden Körpers, die Masse des rollenden Falls sich immer vergrößert und so auch der Pentameter mit vollen, geflügelten Daktylen zu Ende läuft, und nur in der ersten Hälfte den langsamen Trochäus haben darf? Ich dächte doch! Solche Mängel anders als mit drei Worten zu rügen, mag zu weitläufig scheinen, und ich hätte es auch nicht getan, wenn man an Hebbel nicht eben die Vollendung der Sprache, die Schönheit der Form ausdrücklich zu preisen fände, da es denn not tut, der Phrase mit Gewalt Einhalt zu tun.

 

Der Radikalismus auf dem Naschmarkt

Sie hat ihn erreicht die strafende Nemesis! Auf den Ruinen seiner Butten sitzt er im Schurzfell und in der Manchester-Jacke, der niedergeschmetterte Markttyrann und hält Reflexionen über den Gang der Weltgeschichte. Neben Guizot und Metternich der Dritte! seufzt er mit einem düstern Blick über seine zertretenen Äpfel, die zahllos das Schlachtfeld bedecken! Furchtbarer Anblick! Die Sonne des 28. März hat sein System gestürzt, blutig steht dieser Tag in den Annalen des Naschmarktes! Freundlicher Leser, ich könnte dir ein Haus auf der Wieden zeigen, und in diesem Haus eine Wohnung – Louis Philippe wäre glücklich, sie zu besitzen, eine merkwürdige Wohnung! In der Beletage zieht sich eine Reihe der prächtigsten Zimmer hin. Samt bekleidet die Wände, reiche Teppiche die parkettierten Fußböden, brillante Trumeau-Spiegel in strahlend kostbaren Goldrahmen, das prächtigste Ameublement in Mahagoni, schwellende Diwans, Silberschätze, Lüster, Lampen, Bilder, wohin du blickst – Comfort und Luxus, glänzende Entfaltung eines fürstlichen Wohlstandes. Und fragst du mich, welche Revenuen diese Herrlichkeiten ins Dasein zauberten, so antworte ich: der schmutzigste, gemeinste Wucher, und fragst du mich, wer der Sultan dieser asiatischen Prunksäle ist, so antworte ich (ich weiß nicht, ob mich die ganze deutsche Zunge versteht, aber der Wiener kennt seine Pappenheimer), ich antworte: ein Abfasser! Vorkäufer nennts der Wiener Magistrat in seinen Edikten, der gute Magistrat! Von Jahr zu Jahr werden die Vorkäufer fetter, ihre Wohnungen prächtiger, ihre Obligationen zahlreicher, ihr Geldstolz brutaler. Vorkäufer ist nämlich ein Mann aus dem untersten Pöbel, ein Bengel, der oft nicht lesen und schreiben kann, dafür aber um so überschwänglicher das Rechnen versteht. Mit saffianlederner Brieftasche und pfundledernem Gewissen ausgerüstet, zieht er früh morgens den Bauern, welche Lebensmittel nach der Stadt fahren und sie eigentlich in der Stadt auf den Marktplätzen verkaufen sollten, bis vor die Linien Wiens entgegen, ersteht in Bausch und Bogen die ganze Fracht. Das nennt man abfassen. Auf dem Markte verkauft er dann seine Beute in größeren oder kleineren Mengen an die Viktualienhändler, Fragner, Greißler genannt, macht mit der größten Schamlosigkeit Preise, die alles Maß überschreiten. Der Bauer sieht dabei müßig zu, wartet bloß, bis sein Wagen leer wird und lernt bei dieser Gelegenheit die Kühnheit des städtischen Wuchers.

Ein bengalischer Tiger und Großkophta dieser Vorkäufer-Raubhorde hatte nun seit längerem seinen Sitz im untern Teile des Naschmarktes, nahe dem Starhembergschen Freihaus. Ungestraft trieb er sein Handwerk zur Zeit des alten Regimes und wurde reich und grob, angesichts der magistratischen Verbote. Da kam die Wiener Revolution und der Drang nach Reformen erwachte auch in den Herzen der Greißler. Des Räubers Wagenburg wurde gestürmt, die Geschirre zertrümmert, die Äpfelladung zertreten und verschüttet, kein einziger geraubt oder gegessen. Es war eine Demonstration, die den ganzen Vormittag über die Aufmerksamkeit der Wiedner höchlichst in Anspruch nahm. Der Vorkäufer-Tyrann flüchtete, überließ den Sieg willig der gerechten, obwohl etwas türkischen Justiz.

Heute wiederholten sich diese Angriffe in großartiger Entwicklung und Machtentfaltung. Die Äpfelwagen sind im Sturm genommen, die Butten zerschlagen. Was noch übrig blieb, steht im Schutz der herbei geeilten Nationalgarde und wird von den Bauern zu den Ur-Preisen verkauft.

»Keine Vorkäufer mehr«, ist die Parole, ist das Reformgeschrei, wovon der ganze Markt widerhallt. Und gewiß eine zahlreiche Bevölkerung spricht damit eines seiner ernstesten Bedürfnisse aus. Wer Mittel genug hat, um seine Küche zu jedem Preis zu bestellen, mag allerdings auf diese Volks-Angelegenheit herabblicken. Der Zwischenhandel und der Vorkauf waren früher die Hauptursache der so unerschwinglich hohen Markt- und Ladenpreise für Tausende unserer Mitbürger. Aus den wucherischen Händen des Vorkäufers empfing der Viktualienhändler seinen Lager-Vorrat, aus den Händen des Viktualienhändlers bezieht seine Lebensmittel halb Wien.

Dies war die Quelle, aus der in unzähligen Adern und Äderchen das Mißvergnügen durchs ganze Volk floß, ein Mißvergnügen, das um so gefährlicher sein mußte, als es gerade die schlagfertige Masse der sogenannten unteren Stände am lebhaftesten reizte. Mit großer Erbitterung wurde bisher die Accise als der Blutsauger der bürgerlichen Finanzen bezeichnet, aber fast scheint sich gegenüber dem Wucher-System des Vorkaufs die Unschuld derselben herauszustellen.

Welch dringende Forderung, dem Unwesen des Vorkaufes endlich energisch Einhalt zu tun! Schlimm genug, daß ein scandalöser Krawall darauf aufmerksam machen mußte! Schlimm genug, daß wir als dessen Advokaten auftreten mußten! Die Pflicht zum Guten besteht in der wirklichen Tat, nicht in der komödienhaften Pantomime von sorglosen Verboten.

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