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Feuerwerker Wortmann und andere Soldatengeschichten

Friedrich Wilhelm Hackländer: Feuerwerker Wortmann und andere Soldatengeschichten - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleFeuerwerker Wortmann und andere Soldatengeschichten
publisherGlobus Verlag G. m. b. H.
illustratorEmil Rumpf (1860 ? 1948
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080615
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Feuerwerker Wortmann

1.

Daß ich geboren wurde, wird mir der geneigte Leser hoffentlich auf's Wort glauben; ich kann für mein Dasein die besten Beweise beibringen, und lasse mir kein Haar von meiner Existenz wegdisputiren. Wenn bei meiner Geburt auch keine Zeichen und Wunder geschahen, wenn dieselbe weder durch Glockengeläute, Kanonendonner, Illuminationen noch sonstige Festlichkeiten und Gratulationen gefeiert wurde, so war sie doch von Ereignissen begleitet, welche ziemlich bemerkenswerth waren für das Haupt der Familie. Diese Würde behauptete damals mein Vater, Friedrich Wilhelm Wortmann, oder wie er in der Brigadeliste hieß, Wortmann III. Doch braucht man deßhalb nicht an eine fürstliche Abkunft zu glauben; mein Vater hieß einfach Wortmann III., weil es einen Unteroffizier Wortmann I. und II. gab.

Mein Vater war Unteroffizier in der 6. Fußkompagnie der 8. Artillerie-Brigade, hatte bereits sieben Jahre gedient, und deßhalb die silberne Schnalle, die er am blauen Bande auf der Brust trug; ferner hatte er eine Frau, und bereits zwei Töchter von fünf und sechs Jahren, als ich Mime machte in der Welt zu erscheinen. Meine Mutter war Marketenderin der 6. Kompagnie; man muß aber deßhalb nicht meinen, daß sie in Friedenszeiten mit einem Schnapsfläschchen herumgezogen wäre; bei ausbrechendem Kriege würde sie sich vielleicht auch dazu verstanden haben, vorderhand aber hielt sie eine »Restauration« in der Kaserne. Dies Wort hatte mein Vater auf die Thüre unserer Wohnung geschrieben, ein einziges großes Gemach, wo in einer Ecke die Familie Wortmann hinter einem rothkarrirten Vorhange schlief, der größte Theil aber dem oben genannten Geschäft gewidmet war. Im Hintergrund befand sich ein kleiner Schrank, dessen unterer Theil die festeren Nahrungsmittel enthielt, als Brod, Wurst und Schinken, oben hatte er eine Art Etagère, wo angenehme Flüssigkeiten, als Magen- und Ehestandsbitter, Kornbranntwein, Kümmel und Pomeranzen stand, womit der Soldat, so lange er Geld hat, sein zweites Frühstück zu beträufeln pflegt. Gegenüber befand sich ein großer Kochofen und nicht weit davon ein langer Tisch für wenigstens zwanzig Gäste; denn meine Mutter gab um 12 Uhr Table d'Hôte, das Couvert ohne Wein zu 18 Pfennige, Abends aber wurde nach der Karte gespeist. Daß an der Wand unseres Wohnzimmers das Portrait Sr. Majestät des Königs nicht fehlte, wenigstens ein höchst sonderbarer Kopf, der als Unterschrift besagten hohen Namen trug, brauchte ich eigentlich nicht zu erwähnen.

An jenem Tage nun, wo ich mich anschickte, in der Welt zu erscheinen, war Abtheilungsparade vor einem neu avancirten Major. In der Restauration mußte deßhalb der Kaffee schon in aller Frühe fertig sein und daher meine Mutter sehr zeitig aufstehen. Doch besorgte sie ihre Geschäfte wie bisher; nur als sie fertig war, als der letzte Mann sein Frühstück eingenommen hatte, als das Horn zum Heraustreten durch die Gänge lärmte, setzte sie sich auf eine kleine Bank, die neben dem Bette stand, faltete die Hände und sagte zu unserer Magd, Babett, während sie an den Himmel schaute – Babett spülte gerade die Tassen –: »Ich will Ihr was sagen, mir wird's ganz krämpfig und wuselig; spring' Sie doch hinüber und hol die Frau Hammer.« Das Alles habe ich natürlicherweise nur aus Traditionen, sowie auch, daß die mich speziell betreffende Sache einen höchst ungefährlichen und natürlichen Verlauf nahm. Etwas Eigenthümliches bezeichnet übrigens noch meinen Eintritt in die Welt; als Madame Hammer nämlich droben beschäftigt war, rief die Wache drunten: heraus! Die Musik dröhnte rauschend im engen Kasernenhofe, und unter unserem Fenster sagte ein Unteroffizier der Kompagnie: »Jetzt kommt der Major.« – – Damit trat ich in die Welt.

Nun hatte mein Vater auch von jeher den sehnlichsten Wunsch gehabt, einen Sohn zu besitzen. Seine beiden Mädchen hatte er sehr lieb, doch zupfte er sie oft an den langen Zöpfen und sagte seufzend: »Wenn mir nur eine von euch den Gefallen gethan hätte, und wäre als Bube auf die Welt gekommen.« Der Wunsch meines Vaters war nun also in Erfüllung gegangen, und auch meine Mutter war nicht wenig entzückt darüber. Ja, sie sah recht gläubig der alten Frau Hammer zu, als diese ihren Kalender hervorzog, Datum, Stunde und Himmelszeichen nachsah und befriedigt mit dem Kopfe nickte. »Der Junge,« sagte sie, »ist ein Schlaukopf, und hat sich eine gute Zeit erwählt. Glaub' Sie mir, Frau Wortmann, daß sie ihn draußen mit Musik empfingen, und daß der Unteroffizier im gleichen Augenblicke sagte: da kommt der Major! das hat was zu bedeuten; dem Buben können die Epauletten nicht fehlen.« – »Geb' es Gott,« seufzte meine Mutter, worauf sie die Augen schloß und in eine gelinde Ohnmacht verfiel.

Babett aber hatte nichts Eiligeres zu thun, als den Versuch zu machen, meinen Vater schon während der Parade auf eine schickliche Art von seinem Glück und meiner Ankunft in Kenntniß zu setzen. Zuerst trat sie an's Fenster und blickte in den Hof hinab, wo das Militär in Reih' und Glied aufgestellt war. Wohl sah sie meinen Vater, doch hatte er auf Kommando die Augen rechts gewendet, und nichts wäre im Stande gewesen, ihn ohne Befehl geradeaus sehen zu lassen. Endlich aber kam dieser Befehl, worauf mein Vater einen Augenblick flüchtig nach dem Fenster seiner Wohnung blickte. Babett wollte ihm nun telegraphiren, meine Mutter habe sich niedergelegt, zu welchem Ende sie den Kopf in die Hand legte und die Augen schloß. Ob das nun mein Vater verstanden, weiß ich nicht, die Magd nahm es aber an, und um hierauf das Geschlecht des Neugeborenen näher zu bezeichnen, hob sie ein Paar alte Hosen meines Vaters an dem Fenster in die Höhe. Dies Zeichen aber verstand er gar nicht, vielmehr schien er zu glauben, er habe statt seiner Paradebeinkleider ein Paar andere angezogen, und blickte deßhalb erschrocken auf seinen Anzug nieder, was ihm vom zugführenden Lieutenant einen gelinden Verweis eintrug.

Hätte sich Babett mit ihrem Telegraphiren begnügt, so wäre es dabei wohl geblieben; da sie sich nun aber einmal in den Kopf gesetzt hatte, ihrem Herrn die Nachricht von meinem Erscheinen und seinem Glück ohne Verzug zu melden, so eilte sie in den Kasernenhof hinab, schlich sich um die Front herum, und zupfte den kleinen Hornisten der hinter meinem Vater stand, am Rockschoß, ihm die wichtige Nachricht zuflüsternd. Der kleine Hornist hatte hierauf nichts Eiligeres zu thun, als sich seinem Unteroffizier zu nähern und ihm leise zu sagen: die Frau Unteroffizier droben habe soeben ein Kind gekriegt, und es sei ein Bube. Nun gibt es aber selbst im Leben eines königlichen Unteroffiziers Augenblicke, wo alle Bande der Subordination nicht im Stande sind, einen Ausruf des Schreckens oder der Freude zu unterdrücken. Dem Unteroffizier Wortmann ging es gerade so, und durch die feierliche Stille, die gewöhnlich bei dem großen Moment herrscht, wenn der inspicirende Offizier Montur, Lederzeug und Waffen untersucht, vernahm man plötzlich den ziemlich lauten Ruf: »Himmelsakerment! das ist ein Vergnügen.«

Der kleine Hornist prallte erschreckt zurück, und mein Vater, sich seines Verbrechens klar bewußt, stand wie eine Bildsäule, ohne eine Muskel des Gesichts zu rühren. Während der Parade wurde der ungeheure Frevel nicht geahndet, als aber der Major die Kaserne verlassen hatte, als die Kompagnie meines Vaters, welche die Wache zu geben hatte, noch allein drunten stand, trat der Hauptmann vor die Front, legte beide Hände über die Stelle seines Körpers zusammen, wo er einen Bauch hätte haben können, riß die Nasenlöcher auf, wobei sich sein struppiger Bart drohend in die Höhe lehrte, und sagte mit einem Blick himmelwärts: »So was ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen, Unteroffizier Wortmann, ist Er denn rein des Teufels?« Mein Vater wollte sich entschuldigen, doch fuhr der Hauptmann zornig fort: »Halten Sie gefälligst Ihr Maul, Herrrr Unteroffizier Wortmann! Ich sehe Ihrem ganzen Habitus an, Sie haben heute Morgen wieder einmal zu stark gefrühstückt. Bei einer Parade vor dem Herrn Oberstwachtmeister mit »Himmelsakerment« dreinfahren! Ist so was in der ganzen Weltgeschichte erhört? Sehen Sie, meine Herren,« sprach er leiser zu den Offizieren, die ihn schaudernd umstanden, »das hätte man zu meiner Zeit thun sollen. Da hätte mein ehemaliger Hauptmann so einen Mann augenblicklich aus dem Glied nehmen und hätte ihm vor der ganzen Kompagnie plein pouvoir geben lassen. Es ist nicht meine Schuld, daß sich die Zeiten geändert. – Herr Lieutenant v. Schwenkenberg,« fuhr er darauf lauter fort, »der Unteroffizier gehört zu Ihrem Zuge, strafen Sie ihn, damit er sich nicht mehr untersteht, die feierliche Stille einer Parade zu unterbrechen. – Ich sage Ihnen, plein pouvoir hätte er gekriegt.« Damit fuhr er zum Kasernenhofe hinaus, begleitet vom ersten Lieutenant der Kompagnie. – Er war ein heftiger Mann, der Kapitän, hätte seinem Dienstalter nach schon längst Major sein können, und war deshalb, so oft ein neuer Vorgesetzter erschien, von der allerschlechtesten Laune.

Einen starken Gegensatz zu ihm bildete der Zugführer, Lieutenant v. Schwenkenberg. Es war das ein langer, schlotteriger Offizier, dem der Schneider keine Uniform eng genug machen konnte; jeder Rock hing in verdrießlichen Falten von seinen Schultern herab wie von einem Kleiderständer, und dazu war keine Halsbinde so hoch, um seinen Hals gehörig zu bedecken, was der ganzen Figur wenig Soldatisches gab. Seinen Degen trug er so locker, daß die Spitze der Scheide beständig mit seinen Stiefelabsätzen zusammenschlug, wozu auch sein Gang nicht wenig beitrug; denn er schwankte wie eine lange Signalstange bei starkem Winde. Seine Redeweise paßte übrigens vortrefflich zu seinem Aeußern, er sprach so langsam und schleppend wie möglich, und um sie schriftlich richtig auszudrücken, hätte man zwischen jedes Wort einen Gedankenstrich setzen müssen. »Na, – Sie haben es gehört, Unteroffizier Wortmann,« sagte er, »wenn ich – auch freilich – nicht so sehr – von der Heiligkeit – einer Parade überzeugt bin, – wie der Herr Hauptmann, – so begreife ich – doch nicht, wie es einem – gedienten Unteroffizier – einfallen kann, während des Stillstehens – laut zu sprechen. – Was haben Sie eigentlich gesagt?«

Mein Vater wollte etwas erwiedern, doch unterbrach ihn der Lieutenant, indem er fortfuhr: »Nun ja, Sie haben gesakermentert – das kann in der Welt schon vorkommen, – selbst im Gliede denkt man zuweilen so etwas, – wenn es lange dauert, – wenn Einen der Schuh drückt – oder ein Floh sticht, – – ich kenne das, aber laut werden darf man es nicht lassen. Und wer es doch – laut werden läßt, – der verdient Strafe. – Sie haben das gethan, – und ich kann nicht weniger thun, – als Ihnen dafür eine – Strafwache zu geben. Beziehen Sie also sogleich die Kasernenwache, und damit Punktum. – Aus einander treten! – in die Kaserne.«

So feierte denn mein Vater meinen Eintritt in die Welt mit einer Strafwache, woran ich die unschuldige Ursache war. Dabei hatte der Unteroffizier Wortmann auch noch so viel Pflichtgefühl, daß er vom Kasernenhofe direkt in die Wachtstube ging; den kleinen Hornisten schickte er hinauf, ließ meiner Mutter vermelden, was sich zugetragen, und bat zu gleicher Zeit, ihm den Neugeborenen, wenn es thunlich sei, später auf ein paar Augenblicke herunter zu bringen.

Unterdessen hatte Babett einen Zettel an die Stubenthüre geklebt, auf welchem zu lesen stand, es werde heute kein Mittagstisch gehalten, zum Abend aber gebe es Kartoffeln mit Specksauce. Gegen 3 Uhr desselbigen Tages wurde ich denn, dem Befehl meines Vaters gemäß, hinter in die Wachtstube getragen. Glücklicherweise war es ein warmer Maitag, auch hatte mich Madame Hammer tüchtig eingewickelt. In der Wachtstube drunten qualmte ein ziemlich schlechter Tabak, doch hüstele ich nicht im Geringsten, was mein Vater als eine gute Vorbedeutung nahm, daß ich später etwas Tüchtiges werde ertragen können. Man legte mich auf den Tisch, schob mir das Ende eines der Wachtmäntel unter den Kopf, und dann wurde ich von sämmtlichen Anwesenden nach Gebühr betrachtet und gelobt. Madame Hammer versäumte nicht, meinen Eintritt in die Welt unter rauschenden Musikklängen gehörig zu schildern, und als sie erzählte, Unteroffizier Kübeck habe in diesem Augenblicke gerufen: dort kommt der Major! so rieb sich mein Vater vergnügt die Hände, und der Kompagnieschneider, ein etwas liederliches Subjekt, welcher ebenfalls eine Strafwache hatte, meinte, es könne nicht ausbleiben, aus mir müsse einmal was Großes werden. Den Soldaten gefiel das ebenfalls absonderlich gut, und wie oft kleine Ursachen Schuld daran sind, daß man einen Beinamen erhält, der einem Zeitlebens bleibt, so nannten sie mich Wortmann's Major oder auch schlechtweg den Major, unter welchem Namen ich bald in der ganzen Kaserne bekannt wurde. Unmöglich kann ich hierbei übergehen, daß dieser Beiname später zu sonderbaren Verwechslungen häufig Veranlassung gab, und zuweilen einem unschuldigen Soldaten einen strengen Verweis, wenn nicht eine Strafe eintrug. Der Hauptmann hatte gut verbieten, mich nicht mit dem Namen des Vorgesetzten zu benennen; dies Verbot wirkte gerade entgegengesetzt, und man konnte häufig hören, der Major sei ein ganz nichtsnutziger Kerl, und er habe z. B. in Nr. 24 eine Fensterscheibe eingestoßen. Das Schlimmste aber passirte einem armen Rekruten. Ich war damals drei Jahre alt, und da Noth kein Gebot kennt, ich auch den Unterschied zwischen einem gewissen Orte und der Kasernentreppe noch nicht vollkommen zu würdigen verstand, so passirte mir eines Tages auf letzterer etwas Menschliches, wenige Augenblicke vorher, als der Hauptmann dieselbe betrat. Natürlich war sein Zorn über alle Beschreibung. Der unglückliche Treppenkalfakter du jour – so hieß der Mann, welcher reinigen mußte, – wurde augenblicklich citirt, der Hauptmann schrie ihn nach seiner gewohnten Weise an, worauf Jener in großer Verlegenheit erwiederte: das werde wahrscheinlich der Major wieder einmal gethan haben. – Ein kleiner Arrest war sein Loos.

Der Tag meiner Geburt sollte übrigens für meinen Vater noch recht unangenehm werden. Als ich in der Wachtstube auf dem Tische lag und betrachtet wurde, führte das Unglück abermals den Hauptmann in die Kaserne; vielleicht hätte er nichts Unrechtes bemerkt, doch fing ich in dem Augenblicke, als er an der Wachtstubenthür vorbeischritt, mörderisch an zu schreien, weßhalb er eintrat, mit zusammengeschlagenen Händen die Entweihung des Lokals gewahr wurde, und meinem armen Vater einen vierundzwanzigstündigen Arrest dictirte, zu dem er auch sogleich abgeführt wurde. Doch bestand er seine Strafe guten Muthes, in der Freude des Herzens, daß ich, sein Stammhalter und Erbe, geboren sei.

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