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Gabriele D'Annunzio: Feuer - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorGabriele d'Annunzio
titleFeuer
publisherPaul Franke Verlag
addressBerlin
year
firstpub
translatorW. Gagliardi
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100524
projectid94d6341a
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Das Epiphaniasfest des Feuers

Stelio, klopft Ihnen das Herz nicht zum erstenmal?« – fragte die Foscarina mit schwachem Lächeln, die Hand des schweigsamen Freundes, der an ihrer Seite saß, leicht berührend. – »Ich sehe Sie ein wenig bleich und nachdenklich. Welch schöner, sieghafter Abend für einen großen Dichter!«

Mit einem Blick ihrer empfänglichen Augen umfaßte sie die ganze göttliche Schönheit, die der letzte Dämmerschein des Septemberabends ausströmte. In diesem leuchtend dunkeln Himmel umkränzten Lichtgirlanden, vom Ruder im Wasser erzeugt, die aufragenden Engel, die in der Ferne auf den Glockentürmen von San Marco und San Giorgio Maggiore schimmerten.

»Wie immer« –- fuhr sie mit ihrer süßesten Stimme fort – »wie immer ist alles Ihnen günstig. Welche Seele könnte sich an einem Abend, wie heute, den Träumen verschließen, die Sie durch Ihre Worte heraufbeschwören werden? Fühlen Sie nicht schon, wie die Menge bereit ist, Ihre Offenbarung zu empfangen?«

So umschmeichelte sie den Freund in zarter Weise, liebkoste ihn mit Schmeichelworten, hob seine Stimmung durch unablässiges Lob.

«Man konnte kein prächtigeres und ungewöhnlicheres Fest ersinnen, einen so reizbaren Dichter, wie Sie, aus dem elfenbeinernen Turm zu locken. Ihnen allein war die Freude vorbehalten, zum erstenmal zu einer Menge zu sprechen an einem so erhabenen Ort, im Saal des Großen Rates, auf der Tribüne, von dereinst der Doge zu der Versammlung der Patrizier sprach, das ›Paradies‹ des Tintoretto als Hintergrund und über sich den ›Ruhm‹ des Veronese.«

Stelio Effrena blickte ihr in die Augen.

»Wollen Sie mich berauschen?« – sagte er mit plötzlicher Heiterkeit. – »Das ist der Becher, den man denen reicht, die zum Tode geführt werden. Nun wohl, meine Freundin, ich gestehe Ihnen, mein Herz klopft ein wenig.«

Der Lärm geräuschvoller Zurufe tönte von dem Traghetto San Gregorio herüber, hallte wider über den Canale Grande und wurde von den beiden kostbaren Disken aus Porphyr und Serpentinstein zurückgeworfen, die das Haus der Dario schmücken, das geneigt steht, wie eine gealterte Courtisane unter der Pracht ihres Geschmeides.

Die königliche Gondel fuhr vorüber.

»Sehen Sie hier die unter Ihren Hörerinnen, der beim Beginn zu huldigen die Etikette Ihnen vorschreibt« – sagte die schmeichelnde Frau, auf die Königin anspielend. – »In einem Ihrer ersten Bücher, dünkt mich, gestehen Sie Ihren Respekt und Ihre Vorliebe für alles Zeremonielle. Eine Ihrer seltsamsten Phantasien hat einen Tag Karls des Zweiten von Spanien zum Motiv.«

Da die königliche Barke dicht an ihrer Gondel vorbeifuhr, grüßten die beiden. Die Königin wandte sich, als sie den Dichter der ›Persephone‹ und die große Tragödin erkannte, in unwillkürlicher Neugier: blond und rosig, von ihrem schonen unermüdlichen Lächeln verklärt, das sich in dem lichten Gewoge der buranesischen Spitzen verlor. An ihrer Seite saß die Herrin von Burano, Andriana Duodo, die auf der kleinen betriebsamen Insel einen Garten von Spitzen zog, in dem antike Blumen in wunderbarer Weise neu erstanden.

»Scheint es Ihnen nicht, Stelio, als ob das Lächeln dieser beiden Frauen einander gleicht wie Zwillinge?« – sagte die Foscarina und blickte auf das Wasser, das in der Furche der enteilenden Barke aufflammte, auf der der Widerschein des zwiefachen Lichts sich zu verlängern schien.

»Die Gräfin hat eine reine und herrliche Seele, eine jener seltenen venetianischen Seelen, in denen die alten Bilder sich lebendig spiegeln« – sagte Stelio mit Dankbarkeit. »Ich hege eine tiefe Bewunderung für ihre sensitiven Hände. Es sind Hände, die vor Entzücken beben, wenn sie eine schöne Spitze oder schönen Samt berühren, und sie verweilen darauf mit einer Anmut, die fast sich schämt, allzu weich zu sein. Eines Tages als ich sie durch die Säle der Academia begleitete, blieb sie vor dem ›Bethlehemitischen Kindermord‹ des ersten Bonifazio stehen (– Sie erinnern sich gewiß des grünen Gewandes bei der zu Boden geworfenen Frau, die der Soldat des Herodes eben töten will: ein unvergeßlicher Ton! –); sie blieb lange davor stehen, auf ihrem Gesicht leuchtete die Freude über diesen vollkommenen Genuß, dann sagte sie zu mir: ›Führen Sie mich fort, Effrena. Ich muß meine Augen auf diesem Gewand lassen und kann nichts anderes mehr sehen.‹ Ach, teure Freundin, lächeln Sie nicht! Sie war offen und aufrichtig, da sie so sprach: sie hatte in Wirklichkeit ihre Augen auf jenem Stückchen Leinwand gelassen, das die Kunst durch ein bißchen Farbe zum Mittelpunkt eines unendlich erhabenen Mysteriums gemacht hat. Und in Wirklichkeit führte ich eine Blinde, von tiefer Ehrfurcht ergriffen für diese bevorzugte Menschenseele, über die die Macht der Farbe eine solche Gewalt hatte, daß sie für einige Zeit jede Spur des alltäglichen Lebens verwischte und jede andere Mitteilung verbot. Wie wollen Sie das nennen? Den Kelch bis zum Rande füllen, dünkt mich. Das ist es zum Beispiel, was ich heute abend tun wollte, wenn ich nicht entmutigt wäre.«

Neues Rufen, stärker und anhaltender, erhob sich zwischen den beiden schützenden Granitsäulen, als die Prunkgondel bei der belebten Piazetta anlegte. Die schwarze und dichte Menge wogte dazwischen hin und her, und die leeren Nischen der herzoglichen Loggien füllte ein wirres Geräusch, wie das Brausen, das die Höhlen der Seemuscheln zu beleben scheint. Dann plötzlich stieg erneutes Rufen in die leuchtend klare Luft auf, brach sich oben an dem schlanken Marmorwald, erhob sich über die Köpfe der hohen Statuen, erreichte die Zinnen und die Kreuze und verlor sich in der abenddämmernden Ferne. Unveränderlich, erhaben über die Bewegung unter ihr, verblieb in der neuen Pause die vielfältige Harmonie der heiligen und profanen Gebäude. Und darüber zogen sich, wie eine leichte, bewegliche Melodie, die jonischen Modulationen der Bibliotheca hin, und erhob sich die Spitze des kahlen Turmes wie ein mystischer Schrei. Und diese stumme Musik der unbeweglichen Linien war so mächtig, daß sie die fast sichtbare Vision eines schöneren und reicheren Lebens erzeugte, die erhabener war als das Schauspiel der unruhigen Menge. Die Menge fühlte die Göttlichkeit der Stunde; und in dem jauchzenden Zuruf, den sie dieser neuen Form von Königshoheit zollte, die an dem antiken Ufer landete, dieser schönen blonden Konigin, die von einem unversiegbaren Lächeln verklärt war, strömte sie vielleicht das dunkle Sehnen aus, die engen Schranken des Alltagslebens zu durchbrechen und die Gaben der ewigen Poesie zu empfangen, die über diesen Steinen und diesen Wassern verstreut sind. Die habgierige und starke Seele der Väter, die den heimkehrenden Triumphatoren auf dem Meere zujubelten, erwachte unklar in diesen durch die öde Langeweile und die Drangsal der langen Tage niedergedrückten Menschen; es war darin etwas von der Luft, die noch von dem Flattern der mächtigen Kriegsbanner bewegt war, wenn diese gleich den Fittichen der Siegesgöttin nach beendetem Flug eingezogen wurden, oder von dem Knirschen der Helden, das unversöhnlich blieb, auch wenn das Geschwader in die Flucht geschlagen war.

»Kennen Sie Perdita« – fragte Stelio plötzlich – »kennen Sie irgendeinen anderen Ort der Welt, der in gewissen Stunden imstande ist, die menschliche Lebenskraft anzuregen und alle Wünsche bis zum Fieber zu steigern, wie Venedig? Kennen Sie eine gewaltigere Verführerin?«

Die Frau, die er Perdita nannte, hielt ihr Haupt geneigt, wie um sich zu sammeln, sie antwortete nicht; aber in allen Nerven fühlte sie das unbeschreibliche Beben, das die Stimme des jungen Freundes ihr verursachte, wenn sie plötzlich zur Offenbarerin einer leidenschaftlichen und ungestümen Seele wurde, zu der sie eine grenzenlose Liebe und eine grenzenlose Furcht zog.

»Frieden! Vergessen! Finden Sie diese Dinge dort unten im Grunde Ihres einsamen Kanals, wenn Sie heimkehren, erschöpft und fiebernd von der Luft des Parketts, die eine Bewegung von Ihnen zu frenetischem Jubel hinreißt? Ich für meinen Teil fühle, wenn ich auf diesem toten Wasser bin, mein Leben sich vervielfältigen mit schwindelnder Schnelle; und zu manchen Stunden scheint es mir, als ob meine Gedanken sich entzündeten, wie beim Ausbruch des Deliriums.«

»Die Kraft und die Flamme sind in Ihnen, Stelio« – sagte die Frau fast demütig, ohne die Augen zu erheben.

Er schwieg absichtlich, denn in seinem Geiste erstanden Bilder und leidenschaftliche Melodien, wie durch plötzliche Befruchtung, und er freute sich an dem Reichtum, der ihm unerwartet zuströmte.

Noch dauerte die Stunde des Vesperläutens, die er in einem seiner Bücher die Tizianische Stunde genannt hatte, weil dann alle Dinge gleich den nackten Geschöpfen dieses Künstlers in ihrem eigenen reichen Licht zu strahlen und fast den Himmel zu erleuchten schienen, statt ihr Licht von ihm zu empfangen. Aus seinem eigenen grünlichen Schatten tauchte der achteckige Tempel auf, den Baldassare Longhena einem Traume des Polifilo nachbildete, mit seiner Kuppel, seinen Voluten, mit seinen Statuen, seinen Säulen, seinen Pilastern, seltsam und prächtig, wie ein Meerschloß, das den gewundenen Formen der Muschel nachgebildet weißlich wie Perlmutter schimmert, und auf dem sich in den Höhlungen der Steine durch den feuchten Salzgehalt etwas Frisches, Silbriges und Funkelndes abgesetzt hatte, das die Vorstellung weckte von perlmutterfarbenen Muscheln, die sich auf den heimischen Wassern öffnen.

»Perdita« – sagte der Dichter, der sein ganzes Sein wie von einem geistigen Glücksrausch ergriffen fühlte, als er sah, wie seine Phantasien alles um ihn her belebten – »scheint es Ihnen nicht, als folgten wir dem Trauerzug des gestorbenen Sommers? In einer Trauerbarke ruht die Göttin des Sommers, in Gold gekleidet wie eine Dogaressa, wie eine Loredana, oder eine Morosina oder eine Soranza des leuchtenden Jahrhunderts, und der Trauerzug geleitet sie nach der Insel Murano, wo ein gebietender Geist des Feuers sie in einen opalschillernden Glasschrein betten wird, auf daß sie, in die Lagune versenkt, wenigstens durch ihre durchsichtigen Lider dem weichen Spiel der Algen zuschauen und sich einbilden kann, um den Körper noch immer das wollüstige Wogen ihres Haares zu spüren, während sie der Stunde der Auferstehung entgegenharrt.«

Ein unwillkürliches Lächeln erschien auf dem Gesicht der Foscarina, das von den Augen ausging, die die schöne Erscheinung in Wahrheit gesehen zu haben schienen. Dieses improvisierte Gleichnis – das Bild, wie der Rhythmus – gab in der Tat die Stimmung wieder, die rings umher über allen Erscheinungen lag. Wie der bläuliche Milchton des Opal voller verborgener Feuer ist, so barg das gleichmäßig bleiche Wasser des großen Beckens einen versteckten Glanz, den die Ruderschläge enthüllten. Jenseits des starren Waldes von Schiffen, die vor Anker lagen, stand San Giorgio Maggiore wie eine große rosenfarbene Galeere, den Bug der Fortuna zugewendet, die sie von der Höhe ihrer goldigen Sphäre an sich zog. Dazwischen öffnete sich der Kanal der Giudecca, gleich einem friedlichen Hafen, in den die auf Flußstraßen hergereisten Lastschiffe mit der Ladung frischen, gespaltenen Holzes zugleich den Geist der Wälder zu tragen schienen, die sich über ferne Ströme neigten. Und von dem Molo, wo über dem Doppelwunder der der Volksgunst geöffneten Säulengänge das rot und weiße Mauerwerk aufragte, bestimmt, die Gesamtheit der herrschenden Gewalten einzuschließen, dehnte sich das Ufer in weicher Bogenlinie den schattigen Anlagen, den fruchtbaren Inseln zu, als wollte es den Gedanken, der durch die kühnen Symbole der Kunst erregt war, mittels der natürlichen Formen zur Ruhe geleiten. Und fast, als gelte es die Beschwörung des Herbstes zu begünstigen, glitt eine Reihe mit Früchten hochbeladener Barken vorüber, großen schwimmenden Körben vergleichbar, die den Duft der Obstgärten über die Wasser trugen, in denen sich das unveränderliche Blattwerk der Giebel und Kapitäle spiegelte.

»Ist Ihnen, Perdita« – begann Stelio von neuem, indem er mit heller Freude auf die gelben Trauben und die lila Feigen blickte, die nicht ohne eine gewisse Harmonie vom Bug bis zum Steuer des Schiffes aufgespeichert lagen – »ist Ihnen eine höchst anmutige Eigentümlichkeit aus der Chronik der Dogengeschichte bekannt? Zur Bestreitung der Kosten für ihre Prunkgewänder genoß die Dogaressa einige Privilegien von dem Zoll der Früchte. Ist es nicht ein hübscher Einfall, Perdita? Die Früchte der Inseln kleideten sie mit goldenen Gewändern und gürteten sie mit Perlen. Pomona, die Arachne den Lohn reicht: eine Allegorie, die Veronese in das Deckengewölbe des Vestiario malen könnte. Ich freue mich, wenn ich mir die Dame auf den hohen diamantengeschmückten Schuhen vorstelle und dabei denke, daß sie etwas Herbes, Frisches zwischen den Falten ihres schweren Gewandes trägt: den Zins der Früchte. Welch frischen Duft erhält dadurch ihr Prunk! Nun, meine Freundin, stellen Sie sich vor, daß diese Trauben und diese Feigen des neuen Herbstes den Preis des güldenen Kleides zahlen, in das die tote Sommergöttin eingehüllt ist.«

»Welch köstliche Phantasie, Stelio!« – sagte die Foscarina, die, sich in ihre Jugend zurückversetzend, verwundert lächelte, wie ein Kind, dem man ein Bilderbuch zeigt. – »Wer nannte Sie doch eines Tages den Bilderreichen

»Ah, die Bilder!« – rief der Dichter, ganz ergriffen von befruchtender Glut der Empfindungen. – »Wie man in Venedig nur Musik empfinden kann, so kann man nur Bilder denken. Von allen Seiten strömen sie uns zahllos und mannigfaltig zu, sie sind wirklicher und lebendiger als die Menschen, die uns in den engen Gassen mit dem Ellbogen streifen. Wir können uns zu ihnen neigen, um die Tiefe ihrer verfolgenden Blicke zu erforschen, wir können die Worte, die sie zu uns sprechen werden, aus dem Schwung ihrer beredten Lippen erraten. Einige sind tyrannisch gleich herrischen Liebhabern und halten uns lange im Joch ihrer Macht. Andere wieder erscheinen uns ganz in Schleier gehüllt, wie die Himmelsbräute, oder fest gewickelt, wie die Neugeborenen, und nur wer es versteht, die Hüllen zu zerreißen, kann sie zu vollkommenem Leben erheben. Heute morgen, beim Erwachen schon, war meine Seele ganz voll davon. Sie glich einem schönen mit Chrysaliden beladenen Baum.«

Er hielt inne und lachte.

»Wenn heute abend sich alle öffnen« – fügte er hinzu – »so bin ich gerettet. Bleiben sie geschlossen, dann bin ich verloren.«

»Verloren?« – sagte die Foscarina, ihm mit Augen so voller Vertrauen ins Gesicht blickend, daß unermeßliche Dankbarkeit ihn erfüllte. – »Sie können sich nicht selbst verlieren, Stelio. Sie sind Ihrer selbst immer sicher. Ihr Schicksal tragen Sie in Ihren Händen. Ich glaube, daß Ihre Mutter niemals für Sie gezittert haben kann, nicht einmal in den schlimmsten Zeiten. Nicht wahr? Nur in Stolz erzittert Ihr Herz ...«

»Ach, teure Freundin, wie liebe ich Sie, und wie dankbar bin ich Ihnen hierfür!« – gestand Stelio aufrichtig, ihre Hand ergreifend. – »Sie sind es, die meinen Stolz nährt und mir die Illusion gibt, als besäße ich schon alle jene Gaben, nach denen ich unablässig strebe. Zuweilen dünkt es mich, als hätten Sie die Macht, den Dingen, die meiner Seele entspringen, irgendeine göttliche Eigenschaft mitzuteilen, so daß sie meinen eigenen Augen fern und anbetungswert erscheinen. Sie erzeugen zuweilen in mir das religiöse Staunen jenes Bildhauers, der, nachdem er am Abend die Bildsäulen der Gotter, noch warm von seiner Arbeit, und fast möchte ich sagen, noch mit dem Abdruck seines plastischen Daumens, in den Tempel gebracht hatte, sie am Morgen darauf auf ihren Piedestalen erblickte, eingehüllt in eine Wolke von Wohlgerüchen und aus allen Poren des spröden Stoffes, in dem seine vergänglichen Hände sie geformt, ihre Gottheit ausströmend. Wenn Sie in meine Seele dringen, ist es nur, um solche Begeisterung zu entfachen. Und so kommt es, daß jedesmal, wenn mir ein gütiges Geschick gestattet, an Ihrer Seite zu weilen, Sie mir unentbehrlich scheinen zu meinem Leben. Und dennoch kann ich in den allzu langen Trennungszeiten leben, und Sie können leben, obwohl wir beide wissen, welcher Glanz von der vollkommenen Vereinigung unserer beiden Leben ausgehen könnte. Und trotzdem, obwohl ich weiß, was Sie mir geben und mehr noch, was Sie mir geben könnten, betrachte ich Sie als für mich verloren, und in dem Namen, mit dem ich Sie so gerne nenne, will ich diese meine bewußte Empfindung ausdrücken und mein unendliches Bedauern ...«

Er unterbrach sich, da er das Beben der Hand fühlte, die er noch in der seinen hielt.

»Wenn ich Sie Perdita nenne« – fuhr er nach einer Pause mit leiserer Stimme fort – »so scheint es mir, als müssen Sie sehen, wie mein Wunsch Ihnen naht, den tödlichen Stahl in der keuchenden Flanke. Und gelingt es ihm dennoch, Sie zu fassen, so ergreift der Tod schon mit eisigem Erstarren die Spitzen seiner beutegierigen Finger.«

Sie empfand einen ihr wohlbekannten Schmerz bei diesen schönen und vollendeten Worten, die von den Lippen des Freundes mit einer Natürlichkeit flossen, die bewies, daß sie aufrichtig waren. Sie hatte auch vorher schon eine Unruhe und eine Furcht empfunden, die sie sich selbst nicht zu deuten wußte. Es schien ihr, als verliere sie das Bewußtsein ihres eigenen Lebens und sei in eine Art intensiven, blendenden Scheinlebens versetzt, in dem sie nur schwer atmen konnte. Hineingezogen in diese Atmosphäre, die die Glut einer Schmiede ausströmte, fühlte sie sich fähig, alle die Verwandlungen zu erdulden, die der Beleber an ihr vollzog, um sein beständiges Bedürfnis nach Schönheit und Poesie zu sättigen. Sie fühlte, daß ihr eigenes Bild in dem dichterischen Geist der toten Sommergöttin glich, die in dem opalschimmernden Schrein verschlossen ruhte, und zwar so deutlich, daß es greifbar schien. Und eine fast kindische Lust ergriff sie, sich in seinen Augen wie in einem Spiegel zu erblicken, um den Reflex ihres wirklichen Seins zu sehen.

Was ihren Schmerz noch peinvoller machte, war die Erkenntnis einer unbestimmten Übereinstimmung zwischen dieser Erregung und der Sehnsucht, die sich ihrer bemächtigte, sich in das phantastische Bild hinein zu versetzen, um ein erhabenes Geschöpf der Kunst zu verkörpern. Lockte er sie nicht hinauf, um in dieser Sphäre eines erhabeneren Lebens zu leben? Und damit sie ihrer Alltagspersönlichkeit ledig in die Erscheinung treten könne, bedeckte er sie nicht mit glänzenden Larven? –

Aber während es ihr nicht gegeben war, auf so angespannter Höhe zu verharren, es sei denn mit einer äußersten Kraftanstrengung, sah sie den andern sich dort mit Leichtigkeit behaupten, wie in seiner natürlichen Daseinssphäre, und sich ohne Ende an einer Wunderwelt freuen, die er in beständiger Schöpferkraft erneute.

Ihm war es gelungen, in sich selbst die innige Verbindung der Kunst mit dem Leben zu vollenden und im Innern seiner Wesenheit eine unversiegbare Quelle von Harmonien zu finden. Es war ihm gelungen, in seinem Geiste ohne Unterbrechungen die geheimnisvolle Eigenschaft lebendig zu erhalten, der das Werk der Schönheit entspringt, und so mit einem Mal die flüchtigen Erscheinungen seines wechselreichen Lebens in ideale Gestalten umzuwandeln. Auf diese seine Fähigkeit wies er hin, als er einer seiner Gestalten die Worte in den Mund legte: »Ich beobachtete in meinem eigenen Innern die beständige Genesis eines höheren Lebens, in dem alle Erscheinungen sich verwandelten, wie durch die Kraft eines Zauberspiegels.« Er war mit einer ungewöhnlichen Gabe des Wortes ausgestattet, und ihm gelang es im Augenblick, selbst die kompliziertesten Arten seiner Sensibilität mit einer Exaktheit und lebendigen Plastik in seine Sprache zu übersetzen, daß sie zuweilen, kaum ausgesprochen, nicht mehr zu ihm zu gehören schienen, durch die isolierende Kraft des Stils gegenständlich wurden. Seine klare und durchdringende Stimme, die die musikalische Figur jedes Wortes mit einer scharfen Kontur zu umziehen schien, verstärkte noch den Eindruck dieser Besonderheit seiner Sprache. So daß in denen, die ihn zum erstenmal hörten, ein aus Bewunderung und Abneigung gemischtes Gefühl entstand für ihn, der sich selbst in so bestimmten Formen offenbarte, die sich aus einem Willen zu ergeben schienen, der beständig darauf bedacht war, zwischen sich und den Außerhalbstehenden eine tiefe, unübersteigliche Kluft festzustellen. Aber da seine Sensitivität seinem Intellekt gleichkam, so war es für die, die ihm nahe standen und ihn liebten, ein leichtes, durch den Kristall seiner Rede hindurch die Wärme seiner leidenschaftlichen und ungestümen Seele zu empfangen. Sie kannten die unendliche Mannigfaltigkeit seiner Empfindungs- und Einbildungskraft, sie wußten, aus welchem Feuer die schönen Bilder erstanden, in die er die Wesenheit seines inneren Lebens umzuwerten pflegte.

Wohl wußte sie es, die er Pierdita nannte. Und wie der fromme Mensch vom Herrn den überirdischen Beistand für seine Erlösung erwartet, so schien sie darauf zu warten, daß er sie endlich in den notwendigen Gnadenzustand versetze, damit sie sich zu jenem Feuer erheben und darin verharren könne, zu dem sie getrieben wurde von einem tollen Wunsch, in Flammen aufzugehen und sich aufzulösen, aus Verzweiflung, auch die letzte Spur ihrer Jugend verloren zu haben, und in der Furcht, sich allein in grauer Einsamkeit zu finden.

»Jetzt sind Sie es, Stelio« – sagte sie mit ihrem schwachen, lauschenden Lächeln, indem sie ihre Hand sanft aus des Freundes Hand löste – »jetzt sind Sie es, der mich berauschen will.«

»Sehen Sie« - rief sie, um den Zauber zu brechen, auf eine schwerbeladene Barke deutend, die ihnen langsam entgegenkam – »sehen Sie Ihre Granatäpfel.«

Aber ihre Stimme klang bewegt. Und sie sahen in dem traumhaften Dämmerlicht auf dem Wasser, dessen zartes Silbergrün an die neuen Blätter der Flußweide gemahnte, die Barke vorübergleiten, hoch beladen mit der symbolischen Frucht, die die Vorstellung von reichen und verborgenen Schätzen erweckte, fast wie scharlachrote Lederschreine, die die Krone des königlichen Gebers zierte, einige geschlossen, andere über den innen angehäuften Edelsteinen halb geöffnet.

Mit leiser Stimme sprach die Frau die Worte, die Hades in dem erhabenen Drama an Persephone richtet, während die Tochter des Demeter von der verhängnisvollen Frucht genießt:

»Wenn du die Herbstzeitlose in der Blüte wirst pflücken auf den weichen Wiesen der Oberwelt, zur Seite deiner Mutter in dem blauen Peplon – und wenn die schönen Okeaniden dann eines Tages mit dir spielen werden, mit dir auf weichem Rasen –, dann wird in deinen unsterblichen Augen Unmut sich plötzlich zeigen, Unmut, des Ursach' Licht:
dein Herz wird schlagen, o Persephone, die große Seele, des tiefen Traumes eingedenk, Persephone, beraubt des unterirdschen Reichs. Du wirst die Mutter dann im blauen Peplon abseits im Schweigen Tränen weinen sehen.
Und du wirst zu ihr sprechen: – O Mutter, mich rufet in des Reiches Tiefe
Hades; mich rufet, fern vom Tag zu herrschen über Schatten,
Hades; mich ruft allein in nimmersatter Liebe Hades...«

»Ah, Perdita, wie Sie verstehen, Ihre Stimme zu beschatten!« – unterbrach sie der Dichter, der das Gefühl hatte, als ob eine melodische Nacht die Silben seiner Verse verdunkelte. – »Wie Sie verstehen, nächtlich zu werden vor Einbruch der Nacht! Erinnern Sie sich der Szene, in der Persephone hinabsteigen will in die Unterwelt, während der Chor der Okeaniden wehklagt? Ihr Gesicht gleicht dem Ihren, wenn es sich verdüstert. Regungslos in ihrem safranfarbenen Peplon neigt sie das gekrönte Haupt nach hinten, und es ist, als ob durch ihre blutlos gewordenen Adern die Nacht rinne und sich unter dem Kinn, in den Augenhöhlen, um die Nasenflügel verdichte und sie in eine düstere tragische Maske verwandle. Es ist Ihre Maske, Perdita. Die Erinnerung an Sie half mir die göttliche Gestalt heraufbeschwören, als ich an meinem Mysterium arbeitete. Das Bändchen von safranfarbenem Samt, das Sie fast immer um den Hals tragen, brachte mich auf die richtige Farbe für Persephones Peplon. Und eines Abends, als ich mich in Ihrem Hause von Ihnen verabschiedete, auf der Schwelle eines Zimmers, in dem die Lampen noch nicht angezündet waren (an einem stürmischen Abend des verflossenen Herbstes, wenn Sie sich erinnern), gelang es Ihnen durch eine einzige Bewegung, in meiner Seele das Geschöpf lebendig zu machen, das bis dahin noch verborgen ruhte; und dann verschwanden Sie, ohne die plötzliche Geburt zu ahnen, die Sie herbeigeführt, im inneren Dunkel Ihrer Unterwelt. Ach, ich war sicher, Ihr Schluchzen zu hören, und dennoch durchströmte mich eine unbezähmbare Freude. Ich habe Ihnen das nie erzählt, nicht wahr? Ich hätte Ihnen mein Werk widmen müssen, wie einer idealen Lucina.«

Sie litt unter dem Blick des Belebers; sie litt unter der Maske, die er auf ihrem Gesicht bewunderte, und unter der Freude, die sie in seinem Innern unablässig sprudeln fühlte wie einen unversiegbaren Quell. Sie litt unter ihrem ganzen Selbst; unter der Veränderlichkeit ihrer eigenen Züge; unter der mimischen Fähigkeit ihrer Gesichtsmuskeln und unter jener unfreiwilligen Kunst, die ihren Gesten die Bedeutung verlieh, und unter jenem ausdrucksvollen Schatten, den sie so oft auf der Bühne in einer Minute bangen Schweigens über ihr Gesicht breiten konnte wie einen wunderbaren Schleier des Schmerzes; und unter dem Schatten, der jetzt die Furchen füllte, die die Zeit in ihr nicht mehr junges Fleisch gegraben hatte. Sie litt grausam durch diese Hand, die sie anbetete. Durch diese Hand, die so zart und so vornehm war und ihr dennoch so weh tun konnte mit einem Geschenk oder einer Liebkosung.

»Glauben Sie nicht, Perdita« – sagte nach einer Pause Stelio, indem er sich dem lichten und gewundenen Gang seiner Gedanken hingab, der wie die Windungen des Flusses, die Inseln im Tal bilden, sie umgürten und ernähren, in seinem Geist einsame, dunkle Flecken ließ, von denen er wohl wußte, daß er dort in gelegener Stunde neue Schätze entdecken würde – »glauben Sie nicht an die gute Vorbedeutung der Zeichen? Ich spreche nicht von der Wissenschaft der Sterndeutung, noch von horoskopischen Zeichen. Ich meine, daß gleich denen, die glauben, sich mit den magischen Kräften eines Sternbildes in Verbindung bringen zu können, wir eine ideale Wechselbeziehung herstellen können zwischen unserer Seele und irgendeinem Gegenstand, der im Erdreich wurzelt, in der Weise, daß dieser, indem er allmählich unsere Wesenheit in sich aufsaugt und sich in unserer Einbildungskraft zu großer Bedeutung entfaltet, uns fast als die Verkörperung unserer unbekannten Schicksale erscheint und fast eine geheimnisvolle Gestalt annimmt, die in gewissen Zeitverhältnissen unseres Lebens in die Erscheinung tritt. Das, Perdita, ist das Geheimnis, unserer ein wenig verdorrten Seele wieder einen Teil der ursprünglichen Frische zuzuführen. Ich weiß aus Erfahrung, welch wohltätigen Einfluß die innige Verbindung mit einem im Erdreich wurzelnden Gegenstand auf uns ausübt. Es ist notwendig, daß unsere Seele von Zeit zu Zeit der Hamadryade gleich wird, um die frische Lebenskraft des mitlebenden Baumes in sich kreisen zu fühlen. Sie haben schon verstanden, daß ich mit meinen Worten auf die Äußerung anspiele, die Sie vorher beim Vorübergleiten jener Barke taten. Sie haben mit dunkler Kürze diese Gedanken ausgedrückt, als Sie sagten: ›Sehen Sie Ihre Granatäpfel!‹ Für Sie und für alle, die mich lieben, können es nur meine sein. Für Sie und für diese andern ist der Gedanke meiner Person unauflöslich mit der Frucht verknüpft, die ich mir zum Sinnbild erkoren, und auf die ich mehr ideale, bedeutungsvolle Eigenschaften gehäuft habe, als ihr Inneres Kerne birgt. Wenn ich in jener Zeit gelebt hätte, in der die Menschen beim Ausgraben der griechischen Marmorgötter in der Erde auf die noch feuchten Wurzeln der antiken Sagen stießen, so hätte mich kein Künstler auf der Leinwand darstellen können ohne den Granatapfel in meiner Hand. Von diesem Symbol meine Person trennen, es wäre dem arglosen Künstler gewesen, als löse er einen lebendigen Teil von mir; denn seiner heidnischen Auffassung würde es erschienen sein, als sei die Frucht mit dem Menschenarm verwachsen, wie mit ihrem natürlichen Zweig; er hätte, wie gesagt, von meinem Wesen keine andere Anschauung gehabt, als er sie von Hyacinthos oder Narcissus oder Ciparissus haben mußte, die ihm bald als pflanzliche Erscheinungen, bald in Jünglingsgestalt vorschweben mußten. Aber es gibt auch in unserer Zeit manchen lebhaften und phantasiebegabten Geist, der den Sinn meiner Erfindung begreifen und seinen vollen Wert würdigen kann. Sie selbst, Perdita, ziehen Sie nicht in Ihrem Garten einen schönen Granatbaum, um mich in jedem Sommer blühen und Früchte tragen zu sehen? Einer Ihrer Briefe, beflügelt wie ein göttlicher Bote, schilderte mir die anmutige Feier, in der Sie den ›effrenischen‹ Strauch mit güldenen Ketten schmückten, an dem Tag, an dem das erste Exemplar der Persephone an Sie gelangte. So habe ich also für Sie und für jene, die mich lieben, einen alten Mythos erneuert, indem ich mich in idealer und symbolischer Weise in eine Form der ewigen Natur verwandle, so daß, wenn ich tot sein werde (und die Natur wolle mir vergönnen, daß ich mich ganz und gar in meinem Werke offenbare, bevor ich sterbe!), meine Schüler mich unter dem Zeichen des Granatapfels ehren werden; und in der spitzen Form des Blattes und in der flammenden Farbe der Blüte und in dem rubinartigen Fleisch der Frucht werden sie manche Eigenschaften meiner Kunst erkennen, und ihre Intellekte werden von diesem Blatt, von dieser Blüte und von dieser Frucht wie durch posthume Ermahnungen ihres Meisters in ihren Werken zu dieser Klarheit, zu dieser Flamme und zu diesem inneren Reichtum geführt werden. Jetzt, Perdita, entdecken Sie den tiefen Sinn. Ich selbst bin durch Wahlverwandtschaft dazu geführt, mich entsprechend dem herrlichen Genius der Pflanze zu entwickeln, in der ich so gerne mein Trachten nach einem reichen und glühenden Leben versinnbildliche. Mir scheint, daß dieses mein pflanzliches Abbild imstande ist, mich zu überzeugen, daß meine Kräfte sich immer naturgemäß entwickeln, um auf natürlichem Wege das Ziel zu erreichen, für das sie bestimmt sind. ›Natur hat mich dazu bestimmt‹, war das Lionardische Motto, das ich auf das erste Blatt meines ersten Buches setzte. Nun wohl, der blühende und fruchttragende Granatbaum wiederholt mir unaufhörlich dieses einfache Wort. Und wir gehorchen nur den Gesetzen, die eingeschrieben sind in unsere Wesenheit. Und deshalb bleiben wir, trotz aller Zersetzung, unversehrt in einer Einheitlichkeit und Fülle, die unsere Freude sind. Es ist kein Mißklang zwischen meiner Kunst und meinem Leben.«

Er sprach voller Hingabe, fließend, fast, als sähe er den Geist der gespannt lauschenden Frau sich öffnen wie einen Kelch, um diesen Strom der Beredsamkeit in sich aufzunehmen und sich bis zum Rande zu füllen. Ein immer klareres intellektuelles Glücksgefühl ergriff ihn, gleichzeitig mit einem vagen Bewußtsein des geheimnisvollen Vorgangs, durch den sein Geist sich für den nächsten Ansturm bereitete. Dann und wann, während er sich zu der einsamen Freundin neigte und dem Ruderschlag lauschte, der das aus den unendlichen Lagunen aufsteigende Schweigen durchmaß, sah er, wie in einem Blitz, das Bild der vielköpfigen Menge, die sich in dem tiefen Saal zusammendrängte; und ein flüchtiger Schauder beschleunigte die Schläge seines Herzens.

»Es ist recht sonderbar, Perdita« – begann er wieder, seine Augen über die ferne, farblose Wasserfläche gleiten lassend, wo bei der niedrigen Flut der Meerschlamm schwärzlich zu schimmern begann, – »wie leicht der Zufall unsere Phantasie unterstützt, dem Zusammenströmen gewisser Erscheinungen bei einem uns vorschwebenden Ziel einen geheimnisvollen Charakter zu verleihen. Ich begreife nicht, warum die heutigen Dichter so voller Unwillen gegen die Vulgarität unserer gegenwärtigen Zeit sind und bedauern, zu früh oder zu spät geboren zu sein. Ich denke, daß jeder Mann von Intellekt, heute wie immer, seine eigene schöne Fabel im Leben schaffen kann. Man muß in das wilde Gewühl des Lebens mit demselben phantastischen Geist blicken, mit dem den Schülern Lionardos von ihrem Meister geraten wurde, die Flecke auf den Wänden, die Asche im Feuer, den Straßenkot und andere ähnliche Sachen zu betrachten, um darin ›Wunderbare Ersinnungen‹ und ›unendliche Dinge‹ zu finden. In derselben Weise, fügte Lionardo hinzu, werdet Ihr in dem Ton der Glocken jedes beliebige Wort und jeden Vokal hören. Dieser Meister wußte wohl, daß der Zufall – wie schon der Schwamm des Apelles beweist – immer Freund des genialen Künstlers ist. Für mich zum Beispiel sind die Leichtigkeit und die Anmut, mit der der Zufall die harmonische Entwicklung meiner Erfindung unterstützt, eine beständige Quelle des Erstaunens. Glauben Sie nicht, daß der finstere Hades seine Gemahlin die sieben Kerne essen ließ, um mir den Stoff zu einem Meisterwerk zu liefern?«

Er brach in sein jugendlich-frisches Lachen aus, daß die angeborene Lebensfreude, die ihm im Grunde eigen war, so deutlich offenbarte.

»Sehen Sie selbst, Perdita« – fuhr er lachend fort – »sehen Sie selbst, ob ich die Wahrheit sage. An einem der ersten Oktobertage des vergangenen Jahres war ich bei Donna Andriana Duodo in Burano eingeladen. Den Vormittag verbrachten wir in dem Spitzen-Park, am Nachmittag besuchten wir Torcello. Da ich damals schon angefangen hatte, mich mit dem Mythus der Persephone zu tragen, und das Werk schon im geheimen in mir Gestalt gewann, so hatte ich das Gefühl, auf stygischen Wassern zu schwimmen und in das ›jenseitige‹ Land zu gleiten. Nie habe ich reinere und süßere Todesfreuden empfunden, und dieses Gefühl verlieh mir eine Leichtigkeit, daß ich über die mit Asphodelos bewachsenen Wiesengründe hätte wandeln können, ohne eine Spur zu hinterlassen. Es war eine graue, feuchte und weiche Luft. Die Kanäle schlängelten sich zwischen den mit farblosen Gräsern bedeckten Sandbänken hindurch. (Sie kennen Torcello vielleicht bei Sonnenschein.) Aber inzwischen sprach, disputierte, deklamierte irgend jemand in dem Nachen des Charon! Ein klingendes Lob weckte mich. Mit einer Anspielung auf mich bedauerte Francesco de Lizo, daß ein vornehmer Künstler von so köstlicher Sinnlichkeit – das waren seine Worte – gezwungen sei, abseits zu leben, fern von der stumpfsinnigen und feindlichen Menge, und die Feste ›der Töne, der Farben und der Formen‹ im Palaste seines einsamen Traumes zu feiern. Und mit lyrischem Schwung erinnerte er an das glänzende gefeierte Leben der venetianischen Künstler, an die Zustimmung des Volks, die sie wie ein Wirbelwind zu den Gipfeln des Ruhmes emportrug, an die Schönheit, die Kraft und die Freude, die sie um sich her vervielfältigten, und die sich in zahllosen Bildern an den gewölbten Decken und an den hohen Wänden widerspiegelten. Da sagte Donna Andriana: ›Nun wohl, ich verspreche feierlich, daß Stelio Effrena sein Triumphfest in Venedig haben soll.‹ Die Dogaressa hatte gesprochen. In diesem Augenblick sah ich auf dem niedrigen, grünlich schimmernden Ufer, wie eine Halluzination, einen früchtebeladenen Granatbaum die endlose Eintönigkeit unterbrechen. Donna Orsetta Contarini, die neben mir saß, stieß einen Jubelschrei aus und streckte beide Hände ungeduldig danach aus. Es gibt nichts, was mich so entzückt, wie der reine und starke Ausdruck des Begehrens. ›Ich liebe die Granatäpfel über alles!‹ rief sie, als spürte sie schon den herb-lieblichen Geschmack auf der Zunge. Und sie war ebenso kindlich, wie ihr Name archaistisch! Ich war gerührt; aber Andrea Contarini schien die Lebhaftigkeit der Gattin ernsthaft zu mißbilligen. Er ist ein Hades, der, wie es scheint, kein Vertrauen hat in die von dem legitimen Gatten erprobte mnemonische Kraft der sieben Kerne. Aber auch die Bootführer waren gerührt und stießen die Barke ans Land, so daß ich als erster herausspringen konnte auf das Gras, und ich machte mich daran, den blutsverwandten Baum zu plündern. Man konnte hier mit heidnischem Mund die Worte des heiligen Abendmahls anwenden: ›Nehmet hin und esset; das ist mein Leib, der für euch gegeben ist; tut solches zu meiner Erinnerung.‹ Was meinen Sie dazu, Perdita? Glauben Sie nicht, daß ich erfinde. Ich spreche die Wahrheit.«

Sie ließ sich verführen von diesem freien und feinen Spiel, in dem er die Beweglichkeit seines Geistes und die Leichtigkeit seiner Redegabe zu erproben schien. Es war in ihm etwas Wogendes, Flackerndes und Mächtiges, etwas, das in ihr die zwiefache und verschiedenartige Vorstellung von Flamme und Wasser weckte.

»Nun« – fuhr er fort – »hat Donna Andriana ihr Versprechen gelöst. Geleitet von dem Geschmack antiker Prachtliebe, der sich in ihr so lebendig erhalten hat, hat sie in dem Dogenpalast eines jener wahrhaft fürstlichen Feste vorbereitet, wie man sie am Ausgang des Cinquecento feierte. Sie hat daran gedacht, die Ariadne des Benedetto Marcello der Vergessenheit zu entreißen, und läßt sie an demselben Ort klagen, wo Tintoretto die Tochter des Minos gemalt hat, in dem Augenblick, da sie von Aphrodite die Sternenkrone empfängt. Erkennen Sie nicht in der Schönheit dieses Gedankens die Frau wieder, die ihre lieben Augen zurückließ auf dem unvergleichlichen grünen Gewand? Und nun nehmen Sie dazu, daß diese Musikaufführung in dem Saal des Großen Rates ein antikes Seitenstück besitzt. In demselben Saale wurde im Jahre 1573 eine mythologische Schöpfung von Cornelio Frangipani mit Musik von Claudio Merulo zu Ehren des allerchristlichsten Heinrich III. aufgeführt. Gestehen Sie, Perdita, daß meine Gelehrsamkeit Sie verblüfft. Ach, wenn Sie wüßten, wieviel ich über diesen Gegenstand gesammelt habe. Wenn Sie einmal eine schwere Strafe verdient haben, werde ich Ihnen meine Rede vorlesen.«

»Aber diese Rede, werden Sie sie nicht heute abend halten auf dem Fest?« – fragte die Foscarina erstaunt und beunruhigt, in der Furcht, er möchte bei seiner bekannten Pflichtvergessenheit den Entschluß gefaßt haben, die allgemeine Erwartung zu enttäuschen.

Er verstand die Unruhe der Freundin und wollte sie nicht beschwichtigen.

»Heute abend« – antwortete er mit ruhiger Bestimmtheit – »werde ich bei Ihnen im Garten einen Sorbet nehmen und mich an dem Anblick des unter dem Firmament im Juwelenschmuck strahlenden Granatbaumes erfreuen.«

»Oh, Stelio! Was wollen Sie tun?« – rief sie aus und stand auf.

In ihrem Wort wie in ihrer Bewegung lag ein so lebhaftes Bedauern, und gleichzeitig rief sie eine so seltsame Vorstellung der wartenden Menge hervor, daß er davon betroffen war. Das Bild des schreckhaften Ungeheuers mit den zahllosen menschlichen Gesichtern tauchte wieder vor ihm auf zwischen dem Gold und dem dunkeln Purpur des gewaltigen Saales, und er fühlte im voraus den festen Blick und den heißen Atem auf seiner Person und bemaß plötzlich die Gefahr, der zu trotzen er beschlossen hatte, indem er sich einer einzigen momentanen Eingebung überließ, und er empfand Entsetzen über diese plötzliche Geistesverdunklung, diesen plötzlichen Schwindel.

»Beruhigen Sie sich,« – sagte er – »ich habe gescherzt. Ich werde ad bestias gehen; und ich gehe unbewaffnet. Haben Sie vorher das Zeichen nicht gesehen? Glauben Sie, daß es umsonst war, nach dem Wunder von Torcello? Auch als Warnung ist es mir einst erschienen, daß ich keine andern Pflichten auf mich nehme, als wozu Natur mich bestimmt. Sie wissen nun recht gut, liebe Freundin, daß ich nur von mir selbst sprechen kann. Ich muß also von dem Throne der Dogen herab zu der Versammlung von meiner teuren Seele sprechen, unter dem Schleier irgendeiner verführerischen Allegorie und mit dem Zauber einer schönen harmonischen Kadenz. Das werde ich ex tempore tun, wenn der Feuergeist des Tintoretto mir von seinem Paradies die Leidenschaft und den kühnen Mut mitteilt. Das Wagnis reizt mich. Aber auf welch sonderbaren Irrtum war ich verfallen, Perdita. Als die Dogaresse mir das Fest ankündigte und mich einlud, ihr die Ehre zu erweisen, machte ich mich daran, eine pomphafte Rede auszuarbeiten, weitschweifig und feierlich, wie einer der violetten Talare, die in den Glasschränken des Museo Civico eingeschlossen sind; nicht ohne einen tiefen Kniefall vor der Königin in der Einleitung und einen dichten Blätterkranz für das Haupt von Serenissima Andriana Duodo. Und für einige Tage gefiel es mir ganz besonders, in dem Geiste eines venetianischen Edelmannes aus dem 16. Jahrhundert zu leben, einer Zierde aller Wissenschaften, wie der Kardinal Bembo war, der der Schule der Uranici oder der Adorni angehörte, ein treuer Besucher der muranesischen Gärten und der asolanischen Hügel. Gewiß, ich fühlte eine Ähnlichkeit zwischen dem Bau meiner Perioden und den massiven Goldrahmen, die die Bilder in dem Saale des Rates einfassen. Aber ach, als ich gestern in der Frühe in Venedig eintraf und, über den Canale Grande gleitend, meine Müdigkeit in dem feuchten und durchsichtigen Schatten badete, und der Marmor noch seine nächtlichen heiligen Schauer ausströmte, fühlte ich, daß meine Aufzeichnungen wertloser waren als die toten Algen, die die Flut hereinspült, und sie schienen mir ebenso fremd wie die darin erwähnten und besprochenen Triumphe des Celio Magno und die Seegeschichten des Anton Maria Consalvi. Was also tun?«

Er forschte mit den Blicken umher am Himmel und auf dem Wasser, wie um eine unsichtbare Gegenwart zu entdecken, irgendeine plötzliche Erscheinung wahrzunehmen. Ein gelblicher Schimmer breitete sich dem Lido zu aus, der sich am Horizont in feinen Linien, wie die undurchsichtigen Adern im Achat, abzeichnete; weiter zurück nach Maria Della Salute war der Himmel mit leichten rosigen und violetten Dunstwölkchen bestreut, einem grünlichen, von Medusen bevölkerten Meere gleichend. Von den nahen Gärten sanken die Düfte des mit Licht und Wärme gesättigten Laubwerks so schwer nieder, daß sie fast aromatischen Ölen gleich auf dem bronzefarbenen Wasser zu schwimmen schienen.

»Fühlen Sie den Herbst, Perdita?« – fragte er die in Gedanken versunkene Freundin mit der Stimme des Weckers.

Die Vision der verblichenen Sommergöttin, in dem opalschillernden gläsernen Schrein verschlossen und in die Tiefe der algenreichen Lagune versenkt, tauchte wieder vor ihr auf.

»Er lastet auf mir,« erwiderte sie mit melancholischem Lächeln.

»Haben Sie ihn nicht gestern gesehen, als er sich über die Stadt senkte? Wo waren Sie gestern bei Sonnenuntergang?«

»In einem Garten der Giudecca.«

»Ich hier, auf der Riva. Scheint es Ihnen nicht so? Wenn menschliche Augen ein solches Schauspiel von Schönheit und Freude genießen durften, müssen die Lider sich für immer senken und fest versiegelt bleiben. Ich möchte heute abend von diesen intimen Stimmungen sprechen, Perdita. Ich möchte in meinem Innern die Hochzeit Venezias mit dem Herbste feiern, und mit einer Farbenharmonie, die nicht zurückstehen sollte hinter Tintorettos Farbenglanz auf seinem Bilde, die Hochzeit der Ariadne und des Bacchus, in dem Saale des Anticollegio: – himmelblau, purpur und gold. Gestern ganz plötzlich öffnete sich in meiner Seele der alte Keim eines Gedichts. Ich erinnerte mich des Bruchstückes eines vergessenen Poems, in neunzeiligen Strophen, das ich vor einigen Jahren begonnen hatte, als ich zum erstenmal im Anfang des Septembers zu Schiff nach Venedig kam. Die Allegorie des Herbstes war der Titel, nicht mehr mit Weinlaub bekränzt nahte der Gott, sondern mit Edelsteinen gekrönt, wie ein Fürst des Veronese, und flammende Leidenschaft in den wollüstigen Adern, in die meerentstiegene Stadt mit den marmornen Armen und den tausend grünen Gürteln einzuziehen. Damals hatte der Gedanke noch nicht die innere Reifekraft erreicht, die zu der künstlerischen Entfaltung notwendig ist, und instinktiv verzichtete ich auf die Anspannung des Geistes, die die Ausführung erfordert hätte. Aber da im lebendigen Geist wie in fruchtbarem Erdreich kein Samenkorn verloren geht, so ersteht er mir jetzt im gelegenen Augenblick von Neuem und verlangt mit einer Art Dringlichkeit nach Ausdruck. Welch geheimnisvolle und gerechte Mächte regieren die Sinnenwelt! Es war notwenig, daß ich diesen ersten Keim schonend behandelte, damit er heute in mir seine vervielfältigte Kraft ausbreiten konnte. Dieser Vinci, der mit seinem Blick jede Tiefe ergründet hat, hat zweifellos eine solche Wahrheit mit seiner Fabel von dem Hirsekorn ausdrücken wollen, das zur Ameise sagt: ›Wenn du so freundlich sein willst und meine Keimlust mich genießen lassen, so will ich mich dir hundertfältig wiedergeben.‹ Bewundern Sie diesen anmutigen Griff der Finger, die das Eisen zersplitterten! Ah, er ist immer der unvergleichliche Meister. Wie kann ich ihn vergessen, um mich den Venetianern hinzugeben?«

Plötzlich verließ ihn die heitere Selbstironie, die in seinen letzten Worten lag, und er schien ganz in seine Gedanken zu versinken. Mit geneigtem Haupt, in der ganzen Haltung etwas krampfhaftes, das der äußersten Anspannung seines Geistes entsprach, suchte er jetzt eine der geheimen Analogien zu entdecken, die die mannigfaltigen und verschiedenartigen Bilder mit einander verbinden sollte, die ihm wie in kurzen Zwischenpausen schnell aufeinander folgende Blitze erschienen. Er versuchte jetzt einige der Hauptlinien festzustellen, innerhalb deren die neue Gestaltung sich entwickeln sollte. So groß war seine Erregung, daß man die Muskeln seines Gesichts unter der Haut zittern sah; und das Weib, dessen Augen auf ihm ruhten, empfand den Widerhall dieses Schmerzes, wie sie ihn empfunden haben würde, wenn er vor ihren Augen mit übermäßiger Anstrengung hätte versuchen wollen, die Sehne eines Riesenbogens zu spannen.

»Es ist schon spät, die Stunde naht« – sagte er, von einem plötzlichen Schauder geschüttelt, wie von Angst gefoltert, denn von neuem war ihm das furchtbare Ungeheuer mit den zahllosen Menschengesichtern erschienen, das den gewaltigen Raum des akustischen Saales füllte.– »Ich muß beizeiten im Hotel sein, um mich umzukleiden.«

Und bei dem Neuerwachen seiner jugendlichen Eitelkeit dachte er an die Augen der unbekannten Frauen, die ihn heute abend zum ersten Male sehen würden.

»Nach dem Hotel Daniele« – befahl die Foscarina dem Ruderer.

Und während das gezahnte Eisen des Buges sich auf dem Wasser mit langsamem Schwanken, das den Anschein von etwas lebendig Tierischem hatte, wandte, empfanden beide, sie und Stelio, eine verschiedenartige, aber große Bangigkeit bei dem Gedanken, das unendliche Schweigen der Lagune, die schon unter der Herrschaft des Schattens und des Todes stand, hinter sich zu lassen, um sich zu der prächtigen und verführerischen Stadt zu wenden, in deren Kanälen sich wie in den Adern eines wollüstigen Weibes das nächtliche Fieber zu entzünden begann.

Sie schwiegen eine Weile, verzehrt von dem Aufruhr, der in ihrem Innern tobte und sie bis an die Wurzeln ihres Seins erschütterte, als gälte es, sie auszureißen. Aus den Gärten stiegen die Düfte und schwammen wie Öle auf dem Wasser, das hie und da in seinen Furchen einen Glanz wie alte Bronze zeigte. In der Luft lag es wie eine Vision von alter Pracht, die die Augen ebenso empfanden, wie sie beim Betrachten der durch die Jahrhunderte düster gewordenen Paläste in der Harmonie des unverwüstlichen Marmors den verblichenen Goldton empfunden hatten. Es schien, als ob an diesem zauberhaften Abend sich der Hauch und der Widerschein des fernen Orients erneute, den mit geblähten Segeln und gewölbten Flanken einst die mit schwerer Beute beladene Galeere herüberbrachte. Und alle diese Dinge erhöhten die Lebenskraft in ihm, der das ganze Weltall an sich ziehen wollte, um nicht mehr zu sterben, und in ihr, die ihre verdüsterte Seele auf den Scheiterhaufen werfen wollte, um rein zu sterben. Und beider Herzen klopften in steigender Bangigkeit, sie lauschten auf die Flucht der Zeit, als eilte das Wasser, auf dem sie dahinglitten, in eine furchtbare Klepsydra.

Beide fuhren zusammen bei dem plötzlichen Krachen einer Salve, die die Flagge grüßte, die auf dem Heck eines bei den Gärten vor Anker liegenden Kriegsschiffes eingezogen wurde. Sie sahen von der Höhe des schwarzen Molo die dreifarbige Fahne sinken und sich zusammenfalten wie ein Heldentraum, der sich verflüchtigt. Für einige Sekunden erschien das Schweigen noch tiefer, während die Gondel im düsteren Schatten hinglitt, die Flanke des gepanzerten Kolosses streifend.

Perdita, kennen Sie« – fragte unerwartet Stelio Effrena « »jene Donatella Arvale, die in der Ariadne singen wird?«

Seine Stimme, die in dem dunklen Schatten von dem Panzer zurückgeworfen wurde, hatte einen seltsamen Klang.

»Sie ist die Tochter des großen Bildhauers Lorenzo Ardale« – antwortete die Foscarina nach einem Augenblick des Zögerns. – »Sie ist eine meiner liebsten Freundinnen, und sie ist auch mein Gast. Sie treffen sie also bei mir nach dem Fest.«

»Donna Andriana sprach mir gestern abend von ihr mit sehr viel Wärme, wie von einem Wunder. Sie sagte mir, daß ihr der Gedanke, die Ariadne auszugraben, gekommen sei, gerade als sie von Donatella Arvale die Arie ›Come mai puoi – Vedermi piangere‹ so göttlich schön habe singen hören. Wir werden also in Ihrem Hause, Perdita, eine göttliche Musik haben. Wie ich danach lechze! Dort unten in meiner Einsamkeit höre ich während langer Monate keine andere Musik als das Meer in seiner ganzen Furchtbarkeit.«

Die Glocken von San Marco gaben das Zeichen des englischen Grußes; und das mächtige Dröhnen breitete sich in langen Wellen über den Spiegel des Wasserbeckens aus, zitterte in den Segelstangen der Schiffe, pflanzte sich weit, weit fort, der unendlichen Lagune zu. Von San Giorgio Maggiore, von San Giorgio dei Greci, von San Giorgio degli Schiavoni, von San Giovanni in Bragora, von San Moisé, von der Salute, von der Erlöserkirche, und nach und nach aus dem ganzen Bereich des Evangelisten, von den äußersten Türmen der Madonna Dell'Orto, von San Giobbe, von Sant'Andrea antworteten die ehernen Stimmen, vermischten sich zu einem einzigen gewaltigen Chor, breiteten über die stumme Vereinigung von Stein und Wasser eine einzige mächtige Kuppel aus unsichtbarem Metall, die in ihren Schwingungen das Funkeln der ersten Sterne zu zeugen schien. Eine unbegrenzte ideale Größe verliehen die heiligen Stimmen der Stadt des Schweigens in der Abendreinheit. Ausgehend von den Zinnen der Tempel, von den schroffen, dem Seewind geöffneten Zellen sprachen sie zu den bangenden Menschen die Sprache der unsterblichen Menge, die die Dunkelheit der tiefen Kirchenschiffe jetzt barg oder das flackernde Licht der Votivlampen geheimnisvoll bewegte; sie brachten den vom Tagewerk erschöpften Geistern die Botschaft der überirdischen Wesen, die ein Wunder verkündeten oder eine auf den Wänden geheimer Kapellen, in den Nischen der inneren Altäre dargestellte Welt versprachen. Und alle die Erscheinungen der trostspendenden Schönheit, von dem einstimmigen Gebet heraufbeschworen, erhoben sich auf diesem gewaltigen, klingenden Brausen, sprachen in diesem schwebenden Chor, bestrahlten das Angesicht der Zaubernacht.

»Können Sie noch beten?« – fragte leise Stelio und blickte auf die gesenkten und unbeweglichen Lider der Frau, die, die Hände auf den Knien gefaltet, ihr ganzes Wesen nach innen gewandt, dasaß.

Sie antwortete nicht, ja, ihre Lippen preßten sich noch fester aufeinander. Und beide hörten auf den Klangwirbel, sie fühlten die Bangigkeit und die Gefahr von neuem einsetzen, wie der nicht mehr vom Katarakt unterbrochene Fluß seinen eiligen Lauf wieder aufnimmt. Beide hatten ein unklares und dennoch fast bedrückendes Bewußtsein von der seltsamen Unterbrechung, in der unerwartet zwischen ihnen ein neues Bild aufgetaucht und ein neuer Name ausgesprochen worden war. Das Gespenstige der plötzlichen Empfindung, als sie in den Schatten des befestigten Kriegsschiffes getreten waren, schien in ihnen etwas wie ein abgesondertes Hemmnis hinterlassen zu haben, wie ein unbestimmter und dennoch beharrlicher Punkt inmitten einer Art undurchdringlicher Leere. Die Bangigkeit und die Hochflut ihrer Gefühle ergriff sie plötzlich mit erneuter Heftigkeit; und sie zog sie zu einander und umstrickte sie mit solcher Gewalt, daß sie nicht wagten, einander in die Augen zu blicken, aus Furcht, einer allzu brutalen Begehrlichkeit zu begegnen.

»Werden wir uns heute abend nach dem Fest nicht wiedersehen?« – fragte die Foscarina mit einem Beben in der erloschenen Stimme. – »Sind Sie nicht frei?«

Es trieb sie jetzt, ihn festzuhalten, ihn gefangen zu nehmen, als wollte er ihr entfliehen, als hoffte sie in dieser Nacht einen Liebestrank zu finden, der ihn auf immer an sie fesseln sollte! Und während sie fühlte, daß die Hingabe ihres Leibes jetzt zur Notwendigkeit geworden war, erkannte sie mit abscheulicher Klarheit, durch die Flamme hindurch, die sie ergriffen hatte, die Armseligkeit dieser so lange verweigerten Gabe. Und schmerzhafte Scham, gemischt aus Furcht und Stolz, schien die verblühten Glieder krampfhaft zusammenzuziehen.

»Ich bin frei; ich gehöre Ihnen« – antwortete der junge Mann mit leiser Stimme, ohne sie anzusehen. – »Sie wissen, daß für mich nichts dem gleichkommt, was Sie mir geben können.«

Auch er erbebte im Innersten seines Herzens, da er die beiden Ziele vor sich sah, nach denen an diesem Abend seine Kraft sich spannte wie ein Bogen: die Stadt und das Weib, beide verführerisch und unergründlich, müde vom zuviel leben, niedergedrückt vom zuviel lieben, und von ihm im Traum allzu sehr verherrlicht, und bestimmt, seine Erwartungen zu enttäuschen.

Für einige Augenblicke blieb seine Seele überwältigt von einer anstürmenden Flut von Bekümmernissen und Wünschen. Der Stolz und der Widerwille gegen seine harte und ausdauernde Arbeit, sein zügelloser und maßloser, in ein zu enges Feld gezwungener Ehrgeiz, seine bittere Unduldsamkeit gegen die Mittelmäßigkeit im Leben, sein Anspruch auf die Privilegien der Fürsten, die in ihm schlummernde Neigung zur Tat, die ihn der Menge als der besseren Beute zutrieb, der Traum einer größeren und gebieterischen Kunst, die einst in seinen Händen zum Signal des Lichts und zum Werkzeug der Unterjochung werden sollte, alle seine hochfliegenden und purpurnen Träume, alle seine unersättlichen Begierden nach Herrschaft, nach Ruhm und nach Genuß, stiegen in ihm auf, wirbelten wild durcheinander, blendeten und erstickten ihn. Und eine lastende Traurigkeit zog ihn zu der Liebe dieser einsamen und unsteten Frau, die für ihn in den Falten ihrer Kleider, stumm und gefaßt, die Raserei der fernen Menge zu tragen schien, aus deren kompakter Vertiertheit sie durch einen Schrei der Leidenschaft oder eine herzzerreißende Wehklage oder ein tödliches Schweigen den blendenden und göttlichen Schauer der Kunst geweckt hatte, ein unreines Verlangen trieb ihn zu dieser wissenden und verzweifelten Frau, in der er die Spuren aller Wollust und aller Seelenschmerzen zu entdecken glaubte, und zu diesem nicht mehr jungen Körper, der, erschlafft von all den Liebkosungen, ihm bisher unbekannt geblieben war.

»Ein Versprechen?« – sagte er, gesenkten Hauptes, ganz in sich zurückgezogen, um seine Bewegung zu bemeistern. – »Endlich!«

Sie antwortete nicht; aber sie heftete einen Blick auf ihn, aus dem eine fast wilde Glut brannte. Er sah ihn nicht.

Sie blieben im Schweigen, während das Dröhnen des Erzes mit solcher Stärke über ihre Häupter zog, daß sie meinten, es an den Wurzeln ihrer Haare zu fühlen wie einen körperlichen Schmerz.

»Leben Sie wohl« – sagte sie bei der Landungsstelle. – »Wir treffen uns beim Hinausgehen im Hof, beim zweiten Brunnen nach der Seite des Molo.«

»Leben Sie wohl« – sagte er – »und richten Sie es so ein, daß ich Sie unter der Menge herausfinde, wenn ich das erste Wort spreche.«

Ein wirrer Lärm drang von San Marco mit dem Läuten der Glocken herüber, breitete sich aus nach der Piazetta und verschwebte der Fortuna zu.

»Alles Licht auf Ihre Stirn, Stelio!« – wünschte ihm die Frau und reichte ihm mit leidenschaftlicher Gebärde ihre mageren Hände.

 

Als Stelio Effrena durch die südliche Tür in den Hof eintrat und die Scala dei Giganti besetzt fand von einer schwarz-weißen Menge, die sich auf und ab bewegte bei dem rötlichen Licht der in den eisernen Kandelabern befestigten Fackeln, empfand er einen plötzlichen Widerwillen und blieb im Torgang stehen. Er fühlte aufs schärfste den schreienden Gegensatz dieser mesquinen Eindringlinge zu diesen durch die ungewohnte Beleuchtung noch erhabener wirkenden Architekturen, in denen sich in so verschiedenartigen Harmonien die Kraft und die Schönheit der vergangenen Zeit offenbarten.

»O Jammer!« – rief er aus, sich zu den Freunden wendend, die ihn begleiteten – »Im Saale des Großen Rates, von der Loge des Dogen herab, ein paar Gleichnisse zu finden, um tausend gestreifte Vorhemden zu rühren! Laßt uns umkehren: wir wollen den Atem der andern Menge, der wahren Menge spüren. Die Königin hat den Palast noch nicht verlassen. Wir haben Zeit.«

»Bis ich dich nicht auf dem Podium sehe« – sagte lachend Francesco de Lizo- »bin ich nicht sicher, daß du sprechen wirst.«

»Ich glaube, Stelio würde die Loggia dem Throne vorziehen und lieber zwischen den beiden roten Säulen zu dem aufrührerischen Volke reden, das drohte, Feuer an die neuen prokurazien und die alte Bibliothek zu legen« –sagte Piero Martello, der der Vorliebe des Meisters für Meuterei und seinem aufwieglerischen Geist schmeicheln wollte, den er selbst affektierte, um ihm nachzuahmen.

»Ja, sicher« – sagte Stelio – »wenn die Rede dazu diente, eine unwiderrufliche Tat zu verhindern oder zu beschleunigen. Ich meine, das geschriebene Wort soll gebraucht werden, um eine reine Form der Schönheit zu schaffen, die das unbeschnittene Buch enthält und einschließt, wie ein Tabernakel, dem man sich nur naht aus freiem Willen, mit derselben festen Entschlossenheit, deren es bedarf, um ein Siegel zu brechen. Aber mir scheint, das gesprochene Wort, das zu einer Menge gesprochene Wort darf zum Endziel nur die Tat haben, und sei es selbst eine Gewalttat. Nur unter dieser einzigen Bedingung kann ein kühner Geist, ohne sich selbst herabzusetzen, durch die sinnliche Kraft der Stimme und der Gebärde mit der Menge in Verbindung treten. In jedem andern Fall ist sein Spiel Komödie. Darum reut es mich bitter, dieses Amt eines Schmuck- und Unterhaltungsredners angenommen zu haben. Ihr alle solltet bedenken, wieviel Demütigendes für mich in der Ehrung liegt, mit der man mich ausgezeichnet hat, und wie unnütz die Anstrengung ist, die mir bevorsteht. Alle diese fremden Leute, die sich für einen Abend ihren untergeordneten Beschäftigungen oder ihren liebsten Ruhestunden entzogen, kommen hierher, um mich zu hören, in derselben nichtigen und dummen Neugier, mit der sie kommen würden, um irgendeinen ›Virtuosen‹ zu hören. Für die Hörerinnen wird die Kunst, mit der meine Krawatte geschlungen ist, zweifellos weit wertvoller sein, als die Kunst meiner Satzbildung. Und schließlich wird die einzige Wirkung meiner Rede in einem durch die Sordine der Handschuhe gedämpften Händeklatschen oder in einem kurzen und sanften Beifallsgemurmel bestehen, wofür ich mit einer anmutigen Verbeugung danken werde. Scheint es euch nicht, als sei ich im Begriff, den Gipfel meines Ehrgeizes zu erreichen?«

»Du käst unrecht« - sagte Francesco de Lizo - »du sollst dir Glück wünschen, daß es dir gelungen ist, dem Leben einer unvergeßlichen Stadt für einige Stunden den Rhythmus der Kunst aufzuprägen und uns die Erkenntnis zu bringen, zu welcher Herrlichkeit die neuerstandene Vereinigung der Kunst mit dem Leben unser Dasein verschönern könnte. Der Mann, der das Festtheater errichtete, wäre er gegenwärtig, würde dich dieser Harmonie wegen loben, die er verkündigt hat. Aber das Wunderbare ist, daß – obwohl du abwesend warst und von nichts wußtest – das Fest in deinem Geist gedacht zu sein scheint, m deinem Sinne angeordnet, nach einer Zeichnung von dir. Das ist der beste Beweis für die Möglichkeit, den Geschmack wiederherzustellen und zu verallgemeinern, selbst bei den gegenwärtigen barbarischen Zustanden. Dein Einfluß ist heute viel größer, als du glaubst. Die Dame, die dich heute feiern wollte – dieselbe, die du die Dogaressa nennst – fragte sich bei jedem neuen Einfall: ›Wird es Stelio Effrena gefallen?‹ Wenn du müßtest, wie viele heute unter den jungen Leuten dieselbe Frage an sich richten bei der Prüfung ihres inneren Lebens!«

»Für wen, wenn nicht für diese, wirst du sprechen?« –sagte Daniele Glauro, der inbrünstige und unfruchtbare Asket der Schönheit, mit seiner vergeistigten Stimme, in der sich die weiße und unauslöschliche Glut seiner Seele widerzuspiegeln schien, die der Meister als die treuste bevorzugte. - »Wenn du auf dem Podium stehen und um dich blicken wirst, erkennst du sie leicht an dem Ausdruck ihrer Augen. Und es sind ihrer sehr viele, viele auch aus der Ferne hergekommen, und sie warten mit einer bangen Sehnsucht, die du vielleicht nicht begreifen kannst. Es sind die, die deine Poesie getrunken haben, die. die von deinem Traum entstammte Luft geatmet, die die Klaue deiner Chimäre gespürt haben. Es sind alle, denen du ein schöneres und stärkeres Leben versprochen, denen du die Umgestaltung der Welt verkündigt hast durch das Wunder einer neuen Kunst. Es sind ihrer viele, es sind viele, die du verführt hast mit deiner Hoffnung und mit deiner Freude. Nun haben sie sagen hören, daß du in Venedig sprechen wirst, im Dogenpalast, an einem der glorreichsten und herrlichsten Orte der Erde! Sie werden dich sehen und hören können zum erstenmal, umgeben von einer unerhörten Pracht, die ihnen als der für deine Natur geeignete Rahmen erscheint. Der alte Palast der Dogen, der Nächte und Nächte im Finstern blieb, erhellt sich nun plötzlich und wird lebendig. Du allein hast für sie die Macht gehabt, die Fackeln wieder zu entzünden. Begreifst du also ihre bange Erwartung? Und scheint es dir nicht, das; du nur für sie sprechen müßtest? Die Bedingung, die du selbst für den aufstelltest, der zu vielen spricht, kann erfüllt werden. Du kannst in ihren Seelen eine Bewegung erwecken, die sie auf immer den Idealen zuwendet und entgegenführt. Für wie viele von ihnen, Stelio, wird diese venetianische Nacht unvergeßlich bleiben!«

Stelio legte die Hand auf die vor der Zelt gekrümmten Schultern des mystischen Gelehrten und wiederholte lächelnd die Worte petrarkas: » Non ego loquar omnibus, sed tibi sed mihi et his ...«

Er sah innerlich die Augen seiner unbekannten Jünger erglänzen; und nun hörte er in seinem Innern mit vollkommener Klarheit, wie eine tonische Formel, den Ausdruck, mit dem er seine Nede einleiten würde.

»Einen Sturm in diesem Meere erregen« – fügte er, sich an piero Martello wendend, heiter hinzu – »wäre immerhin eine angenehmere Beschäftigung.«

Sie waren bei dem Eckpfeiler des Säulenganges angelangt, in enger Berührung mit der gleichgestimmten und geräuschvollen Menge, die sich auf der piazetta zusammendrängte, sich nach der Münze zu fortbewegte, vor den prokuratien verdichtete, den Uhrturm versperrte und alles überflutete wie eine formlose Woge, ihre Wärme dem Marmor der Säulen und der Wände mitteilend, gegen die sie in ihrem immerwährenden Fluten mit Macht andrängte. Von Zeit zu Zeit erhob sich in der Ferne am äußersten Ende des Platzes ein stärkeres Geräusch, das sich weiter fortpflanzte; und dann wieder fing es leise an, kam immer näher und stärker, bis es ganz in der Nähe wie ein Donner losbrach, und ein anderes Mal wurde es schwächer und schwächer, bis es ganz in der Nähe in einem Gemurmel verhallte. Die Bogen, die Loggien, die Spitzpfeiler, die goldenen Kuppeln der Basilika, die Attika der Logetta, die Architrave der Bibliothek erglänzten in zahllosen Flämmchen, und die Pyramide des ragenden Glockenturms, die mit den schweigsamen Gestirnen im Schöße der Nacht funkelte, wirkte auf die vom Geräusch trunkene Menge wie die Unendlichkeit des himmlischen Schweigens, beschwor das Bild eines Schiffers herauf, dem an der äußersten Lagune dieses Licht wie ein neuer Leuchtturm erschien, den Rhythmus eines einsamen Ruders, das auf dem schlafenden Wasser den Widerschein der Sterne bewegte, den heiligen Frieden, den dle Mauern eines Inselklosters umschlossen.

»Heute abend möchte ich mich mit der Frau, die ich begehre, zum erstenmal zusammenfinden, dort jenseits der Gärten, dem Lido zu, in einem schwimmenden Bett« – sagte der erotische Dichter Paris Eglano, ein blonder, bartloser Jüngling mit schönem purpurrotem lüsternem Munde, der einen Kontrast zu der fast ätherischen Zartheit seiner Züge bildete. – In einer Stunde wird Venedig irgendeinem unter dem Gondeldach verborgenen neronischen Liebhaber das dionysische Schauspiel einer Stadt gewähren, die sich im Delirium in Flammen setzt.«

Stelio lächelte, da er bemerkte, bis zu welchem Punkte seine Anhänger von seiner Wesenheit durchtränkt waren, und wie der Stempel seines Stiles sich ihren Intellekten aufgeprägt hatte. Das Bild der Foscarina leuchtete einen Augenblick vor seiner begehrlichen Seele, vergiftet durch die Kunst, wollüstigen Wissens voll, mit einem Zug von Reife und Verderbtheit um den beredten Mund, mit den fiebertrockenen Händen, die den Saft der trügerischen Früchte ausgepreßt hatten, mit den Spuren der hundert Masken auf dem Gesicht, das die Gewalt der tödlichen Leidenschaften geheuchelt hatte. So stellte er sie sich in seiner Begehrlichkeit vor; und sein Herz klopfte bei dem Gedanken, daß er sie in kurzem aus der Menge auftauchen sehen würde, wie aus dem Element, das ihr Untertan, und daß ihr Blick ihn in den notigen Rausch versetzen würde.

»Laßt uns gehen« – sagte er kurz entschlossen zu den Freunden. – »Es ist Zeit.«

Ein Kanonenschuß verkündete, daß die Königin das Schloß verlassen hatte. Eine große Bewegung ging durch die lebendige Masse, der ähnlich, die auf dem Meere dem Sturm vorangeht. Von der Riva San Giorgio Maggiore stieg mit lautem Zischen eine Rakete auf, erhob sich kerzengerade in die Luft wie ein Feuerstengel, warf eine donnernde Strahlenrose in die Höhe, neigte sich dann, teilte sich, zersplitterte in zitternden Funken, erlosch mit dumpfem Knall auf dem Wasser. Und der jubelnde Zuruf, der die schöne Frau auf dem Throne grüßte – der Name der weißen Sternblume und der reinsten Perle in einem einstimmigen Schrei der Liebe von dem Echo des Marmors zurückgeworfen – erweckte die Erinnerung an den Prunk der antiken Verlöbnisse, an den Triumphzug der Künste, die die neue Dogaressa zum Palast begleiteten, die endlose Woge der Heiterkeit, auf der Morosina Grimani zum Throne schwebte, leuchtend in ihrem Gold, während die Künste sich vor ihr neigten, reich beladen mit Gaben wie Füllhörner.

»Sicherlich wird die Königin« – sagte Francesco de Lizo – »wenn sie deine Bücher liebt, alle ihre Perlen anlegen. Du wirst einen Wall von Edelsteinen vor dir haben: den ganzen Erbschmuck des venezianischen Patriziates.«

»Sich nur, Stelio« – sagte Daniele Glauro – »am Fuß der Treppe ist eine Gruppe von Schwärmern, die auf dein Vorbeigehen wartet.«

Stelio blieb bei dem von der Foscarina bezeichneten Brunnen stehen. Und während er sich über den ehernen Rand neigte, fühlte er gegen die Knie die Reliefs der kleinen Caryatiden und gewahrte ln dem dunkeln Spiegel den unbestimmten Widerschein der fernen Sterne. Für einige Augenblicke sonderte sich seine Seele ab, verschloß sich den umgebenden Geräuschen, Zog sich in diesen Schattenkreis zurück, aus dem ein kalter Hauch aufstieg, der die stumme Gegenwart des Wassers offenbarte. Und er empfand die Qual der geistigen Spannung und den Wunsch, anderswo zu sein, und das unbestimmte Bedürfnis, den Rausch noch zu überbieten, den die nächtlichen Stunden ihm versprachen, und im innersten Grunde seines Wesens eine geheime Seele, die gleich diesem Wasserspiegel unbeweglich, fremd und unberührbar blieb.

»Was siehst du?« - fragte ihn Piero Martello, sich auch über den Rand beugend, der von den Eimerseilen durch jahrhundertlange Benutzung abgeschliffen war.

»Das Gesicht der Wahrheit« – erwiderte der Meister.

In den Räumen, die sich an den Saal des Großen Rates schließen und einst von dem Dogen, jetzt von heidnischen, aus alter Kriegsbeute herrührenden Statuen bewohnt wurden, wartete Stelio Effrena auf das Zeichen des Festordners, um auf dem Podium zu erscheinen. Er lächelte ruhig zu den Freunden, die mit ihm plauderten, aber ihre Worte drangen an sein Ohr wie die vereinzelten Töne, die der Wind aus der Ferne ab und zu herüberträgt. Von Zeit zu Zeit offenbarte sich seine übermäßige Erregung durch eine unwillkürliche Bewegung, er näherte sich einer Statue und betastete sie krampfhaft mit der Hand, als wollte er einen empfindlichen Punkt herausfinden, um sie zu zerbrechen; oder er betrachtete mit gespannter Aufmerksamkeit eine Medaille, als gälte es, ein unentzifferbares Zeichen zu enträtseln. Aber seine Augen sahen nichts; sein Blick war nach innen gerichtet, dort, wo potenzierte Willenskraft die stummen Formen zum Leben erweckte, die durch die biegsame Stimme die höchste Vollkommenheit der Musik der Sprache erreichen sollten. Sein ganzes Wesen spannte sich krampfhaft, um die Darstellung der seltsamen Empfindung, die ihn beseelte, zum höchsten Grade der Intensität zu erheben. Da er nur von sich selbst und seiner Welt sprechen konnte, so wollte er wenigstens die glänzendsten und eigenartigsten Eigenschaften zu einer Idealgestalt zusammenfassen und den nacheifernden Geistern durch Bilder erläutern, von welch unwiderstehlicher Macht des Verlangens er durch das Leben getrieben wurde. Auch wollte er ihnen noch einmal beweisen, daß, um über Menschen und Dinge den Sieg zu erlangen, nichts so wertvoll ist als die Beharrlichkeit in der Selbstbegeisterung und in der Verherrlichung des eigenen Traumes von Schönheit oder Herrschaft.

Über eine Medaille des Pisanello geneigt, fühlte er den Puls seines Gedankens mit unglaublicher Schnelligkeit gegen die glühenden Schläfen klopfen.

»Sieh, Stelto« – sagte Daniele Glauro etwas abseits zu ihm mit jener frommen Ehrfurcht, die seine Stimme verschleierte, wenn er von seiner Religion sprach – »sieh, wie die geheimnisvollen Bande der Kunst auf dich wirken, und wie ein unfehlbarer Instinkt deinen Gedanken in dem Augenblick, da er sich offenbaren soll, zwischen so vielen Erscheinungsformen auf das reinste Exemplar, auf ein Gepräge des erhabensten Stils lenkt. In dem Augenblick, da du deinen Gedanken prägen willst, neigst du dich in Wahlverwandtschaft über eine Medaille des Pisanello, du findest dich im Zeichen dessen, der einer der größten Stilisten war, die je gelebt: die reinste hellenische Seele der ganzen Renaissance. Und siehe, gleich ist deine Stirn durch ein Licht gezeichnet.«

Es war das Bild eines Jünglings mit schönem, welligem Haar, einem Cäsarenprofil, apollinischem Hals, ein Typus der Anmut und Kraft, in reiner Bronze und so vollkommen, daß die Einbildungskraft ihn sich im Leben nur gefeit gegen jeden Verfall und unveränderlich vorstellen konnte, wie der Künstler ihn in diesen Metallkreis gebannt hatte für die Ewigkeit. – Dux equitum praestans Malatesta Novellus Cesenae dominus. Opus Pisani pictoris. – Und daneben war eine andere Medaille aus der Hand desselben Schöpfers, die das Bildnis einer Jungfrau darstellte mit schmächtiger Brust, einem Schwanenhals, die Haare nach hinten in einen tiefen Knoten zusammengeschlungen, mit hoher, zurückgehender Stirn, die schon dem Heiligenschein geweiht war: Gefäß der Keuschheit, für immer verschlossen, hart, scharf und durchsichtig wie der Diamant; diamantenes Gefäß, in das eine Seele geschlossen war, wie die Hostie dem Opfer geweiht. Cicilia Virgo filia Johannis Francisci primi Marchionis Mantuae.

»Siehst du« – fuhr der schmächtige Exeget fort, auf die beiden seltenen Münzen deutend – »siehst du, wie Pisanello mit der gleichen wunderbaren Geschicklichkeit verstand, die stolzeste Blume des Lebens und die keuscheste Blume des Todes zu pflücken. Hier ist das Bild des weltlichen Begehrens und das Bild der himmlischen Sehnsucht in derselben Reinheit des Stils wiedergegeben. Erkennst du hier nicht die Analogien, die deine eigene Kunst mit dieser Kunst verbinden? Wenn deine Persephone von dem Granatbaum in der Unterwelt die reife Frucht pflückt, so liegt auch in dieser begehrlichen Geste etwas Mystisches, denn unbewußt entscheidet sie ihr Schicksal, wenn sie die Schale teilt, um die Kerne zu essen. Der Schatten des Geheimnisses begleitet also ihre sinnliche Handlung. Damit hast du den Charakter deines ganzen Werkes gekennzeichnet! Keine glühendere Sinnlichkeit als die deine; aber deine Sinne sind so geschärft, daß sie, während sie die Erscheinungsform genießen, bis ins Innerste eindringen und dem Mysterium begegnen und davorzurückschaudern. Deine Vision dringt hinter den Vorhang, auf dem das Leben seine wollüstigen Gestalten gezeichnet hat, in denen du dir gefällst. Indem du so in dir vereinigst, was unvereinbar scheint, indem du mühelos die beiden Endpunkte der Antithese in dir verbindest, gibst du heute das Beispiel eines vollkommenen und übermächtigen Lebens. Das mußt du deinen Hörern mitteilen, denn vor allem ist es wichtig, daß dies zu deinem Ruhm anerkannt wird.«

Und er hatte die ideale Verbindung zwischen dem kühnen Malatesta, dem Führer der Edelleute, und der verzückten mantovanischen Jungfrau Cecilia Gonzaga mit demselben Glauben gefeiert, mit dem der gute Priester vor dem Altar seines Amtes waltet. Und um dieses Glaubens willen liebte ihn Stelio, und weil er in keinem andern diesen Glauben an das Vorhandensein der poetischen Welt so tief und so aufrichtig empfand, und schließlich, weil er in ihm häufig eine Art von offenbarendem Bewußtsein wiederfand und in seinen Erläuterungen zuweilen eine plötzliche Erleuchtung seines eigenen Werkes.

»Eben kommt die Foscarina mit Donatella Arvale« - verkündete Francesco de Lico, der die vorübergehende Menge beobachtete, die die Scala dei Censori heraufstieg und sich in dem Riesensaal zusammendrängte.

Da wurde Stelio Effrena von neuem von Bangigkeit ergriffen. Und das murmelnde Geräusch der Menge vermischte sich in seinem Ohr mit dem Klopfen seiner Pulse, wie in einer unbestimmten Ferne, und in diesem Getöse vernahm er wieder Perditas letzte Worte.

 

Das Geräusch schwoll an, wurde schwächer, hörte auf, während er sichern und leichten Schrittes die Stufen zum Podium hinaufstieg. Als er sich der Menge zuwandte, sah er mit geblendeten Augen auf das furchtbare Ungeheuer mit den zahllosen Menschenköpfen zwischen dem Gold und dem düstern Purpur des Riesensaales.

Ein plötzlich erwachter Stolz half ihm die Selbstbeherrschung wiedererlangen. Er verneigte sich vor der Königin und Donna Andriana Duodo, die ihm beide mit ihrem Zwillingslächeln zulächelten, wie von der vorübergleitenden Prunkgondel auf dem Canale Grande. Er bemühte sich, mit den Augen in dem Funkeln der ersten Reihen die Foscarino zu erkennen; er durchlief die ganze Versammlung bis zum Hintergrund des Saales, der nur noch wie ein schwarzer Streifen erschien, mit unbestimmten hellen Flecken untermischt. Und nun glich ihm die verstummte, erwartungsvolle Menge einem ungeheuren vieläugigen Fabeltier, dessen Brust ein leuchtender Schuppenpanzer bedeckte, und das sich unter den Riesenvoluten eines reichen und schweren Deckengewölbes, einem schwebenden Schatze gleich, schwärzlich ausdehnte.

Wundervoll war dieser chimärische Oberkörper, auf dem sicher manches Geschmeide glänzte, dessen Feuer schon unter demselben Himmel beim nächtlichen Gastmahl einer Krönungsfeier gefunkelt hatte. Das Diadem und die Perlenschnüre der Königin – die vielfachen Perlenschnüre der Größe nach geordnet wie Lichtbeeren, die die Vorstellung erweckten von dem wunderbaren, sichtbar keimenden Lächeln – ,die dunklen Smaragde von Andriana Duodo, einst dem Griffe eines grausamen Säbels entrissen, die Rubinen von Giustiniana Memo, in der unvergleichlichen Arbeit des Vettor Camelio, in der Form von Nelken gefaßt, die Saphire der Lucrezia Priuli, den hohen Stöckelschuhen entnommen, auf denen die erlauchte Zilia am Tage ihres Triumphes zum Throne geschritten war, die Beryllen der Orsetta Contarini, so zierlich in der Kunst Silvestro Grifos mit dem matten Gold vermischt, die Türkisen der Zenobia Corner, von einem niegesehenen bleichen Farbton, durch geheimnisvollen Zauber verwandelt in einer Nacht an dem feuchten Busen der Lusignana, die herrlichsten Juwelen, die die meerentstiegene Stadt in Jahrhundertfesten geschmückt hatten, alle hatten sich zu neuem Glanz entzündet auf dieser Brust des Fabeltiers, von der ein welcher Duft weiblicher Haut und weiblichen Hauches zu Stelio herüberströmte. Seltsam fleckig wirkte der übrige unförmliche Leib, der sich nach hinten fast schwanzartig ausdehnte, zwischen den beiden Riesengloben hindurch, die dem Bilderreichen die beiden ehernen Himmelskugeln in die Erinnerung riefen, die das geblendete Ungeheuer mit seinen Löwenklauen packt in der Allegorie des Giambellino. Und dieses ungeheure, tierische Lebewesen, das gedankenblind vor ihm saß, der allein in dieser Stunde denken mußte, mit jenem trägen Reiz der sphinxartigen Götzenbilder, vom eigenen Schweigen wie von einem Schilde gedeckt, der jede Schwingung auffangen und zurückwerfen kann, erwartete den ersten Schauer von dem allbeherrschenden Wort.

Stelio Effrena bemaß das Schweigen, in dem seine erste Silbe erzittern würde. Während das erste Wort den Weg zu seinen Lippen suchte, geleitet und gefestigt von seinem Willen gegen die instinktive Verwirrung, gewahrte er die Foscarina neben dem Geländer stehend, das die Himmelskugel umgab. Das bleiche Gesicht der Tragödin auf dem Hals, den kein Geschmeide zierte, und der reinen Form der nackten Schultern hob sich von dem Ringe mit dem Zeichen des Tierkreises ab. Stelio bewunderte das Künstlerische dieser Erscheinung. Und aus der Ferne seine anbetenden Blicke auf sie heftend, begann er mit abgemessener Langsamkeit zu sprechen, fast, als hätte er noch den Rhythmus des Ruders im Ohr.

»Ich glaubte kürzlich an einem Nachmittag – als ich heimkehrte aus den Gärten durch die sanfte Biegung der Riva degli Schiavoni, die der Seele der schwärmenden Dichter zuweilen wie irgendeine verzauberte goldene Brücke erscheinen könnte, die über ein Meer von Licht und Schweigen zu einem Traum von unendlicher Schönheit führt – ich glaubte, oder vielmehr, in meinen Gedanken wohnte ich einem innigen Schauspiel bei, dem hochzeitlichen Bunde des Herbstes mit Venedig unter den freien Himmeln.

Allüberall herrschte ein lebendiger Geist, ein Gemisch von leidenschaftlicher Erwartung und verhaltener Glut, der mich verblüffte durch sein Ungestüm, der mir jedoch nicht neu erschien, denn ich hatte ihn schon unter der fast toten Unbeweglichkeit des Sommers in irgendeiner Schattenzone verborgen gefunden, und ich hatte ihn auch zwischen dem seltsamen Fieberdunst des Wassers hier von Zeit zu Zeit zittern fühlen, wie einen geheimnisvollen Pulsschlag. – So trachtet in Wahrheit – dachte ich – diese reine Stadt der Kunst nach einer höchsten Stufe der Schönheit, die für sie ein alljährlich wiederkehrender Zustand ist, wie für den Wald das Blütentragen. Sie möchte sich selbst in einer vollen Harmonie offenbaren, fast als wäre jener Wille zur Vollkommenheit immer mächtig und bewußt in ihr, aus dem sie geboren wurde, und aus dem sie sich in den Jahrhunderten gestaltet hat, wie ein göttliches Wesen. Unter dem unbeweglichen Feuer des sommerlichen Himmels schien sie ohne Pulsschlag und ohne Atem zu sein, tot in ihren grünen Wassern; aber mein Gefühl trog mich nicht, wenn ich erriet, daß im geheimen ein Geist des Lebens in ihr sich rührte, der stark genug war, das höchste der alten Wunder zu erneuern.

So dachte ich, während ich dem unvergleichlichen Schauspiel beiwohnte, das ich vermöge eines liebebegabten und dichterischen Gemüts mit aufmerksamen Augen betrachten konnte, deren Blick sich mir in eine tiefe und andauernde Vision verwandelte ... Aber vermöge welcher Kraft könnte ich je meinen Hörern diese meine Vision der Schönheit und der Freude mitteilen? Kein Morgenlicht und keine Abendröte gleichen einer solchen Stunde des Lichtes auf den Steinen und Wassern. Das plötzliche Erscheinen der geliebten Frau im blühenden Frühlingswald ist nicht so berauschend wie die tägliche, unerwartete Offenbarung der heroischen und wollüstigen Stadt, die in ihren marmornen Armen den reichsten Traum der lateinischen Seele trug und erstickte.«

Die Stimme des Redners, klar und durchdringend und im Anfang fast frostig, schien sich sofort an den unsichtbaren Funken zu entzünden, die die gespannte geistige Anstrengung der Improvisation in seinem Gehirn erregen mußte, und die von seinem überfeinen Ohr aufs sorgfältigste geregelt wurde. Während die Worte frei von seinen Lippen flossen und die rhythmische Linie der Periode sich gleich einer in einem Zug aus freier Hand gezeichneten Figur schloß, empfanden die Hörer unter dem harmonischen Wortfluß das Übermaß der Spannung, welche diesen Geist marterte, und sie wurden davon ergriffen wie von einem jener kühnen circensischen Spiele, bei denen die ganze herkulische Willenskraft eines Athleten sich in der Spannung seiner Sehnen und in dem Anschwellen seiner Adergewebe offenbarte. Sie empfanden das Lebendige, das Warme, das Unmittelbare in dem so ausgedrückten Gedanken, und ihr Genuß war um so größer, als er unerwartet war, denn alle hatten von diesem unermüdlichen Streber nach Vollkommenheit den einstudierten Vortrag einer sorgsam und fleißig ausgearbeiteten Rede erwartet. Die Jünger wohnten mit tiefer Ergriffenheit diesem kühnen Versuch bei, fast als hätte er vor ihnen die geheimnisvolle Werkstatt enthüllt, aus der die Formen hervorgegangen waren, die ihnen so viele Freudengaben gewährt hatten. Und diese anfängliche Regung, die ansteckend wirkte, sich unendlich vervielfältigte und einstimmig wurde, strahlte auf ihn zurück, der sie hervorgerufen hatte. Es schien ihn zu überwältigen.

Das war die Gefahr, die er vorausgesehen. Er schwankte, wie unter dem Anprall einer starken Woge. Und für einige Augenblicke erfüllte dichte Dunkelheit sein Gehirn. Das Licht seines Gedankens erlosch wie eine Fackel beim Wehen des Windes. Seine Augen verschleierten sich, als wollte ein Schwindel ihn ergreifen. Er fühlte die Schmach der Niederlage, wenn er dieser Verwirrung nachgäbe. Und mit einer Art grausamer Selbstzüchtigung, mit einem Schlag, wie der Stahl gegen den Stein, entzündete sein starker Wille in diesem Dunkel den neuen Funken.

Mit seinem Blick und seiner Gebärde hob er die Seele der Menge empor zu dem Meisterwerk, das über die Deckenwölbung des Saales einen Sonnenglanz ergoß.

»Ich bin gewiß« – rief er aus – »ich bin gewiß, so erschien sie dem Meister Paolo, während er in seinem Innern das Bild der triumphierenden Herrscherin suchte. Ich bin gewiß, daß er bis in die innersten Fibern erschauerte und sein Knie beugte, wie in Anbetung des Wunders, das erschüttert und blendet. Und als er sie auf diesen Deckenhimmel malen wollte, um den Menschen sein Wunder zu offenbaren, er – der verschwenderische Künstler, der alle die ausschweifendsten Phantasien der Satrapen in sich zu vereinen schien, der wundervolle Poet, dessen Seele dem lydischen Flusse glich, den die Griechen so wohllautend Chrysorroa nannten und dessen goldreichen Gewässern eine Dynastie von Königen entstammte, Besitzer unerhörter Reichtümer – er, der Veroneser, verschwendete Gold und Edelsteine, kostbare Gewebe, Purpur und Hermelin, alle denkbare Pracht, aber er konnte das hehre Antlitz nur darstellen in einem Schattenkreis.

Nur um dieses Schattens willen verdiente der Veronese, in den Himmel erhoben zu werden!

Der ganze geheimnisvolle Zauber Venedigs liegt in diesem lebenswarmen und fließenden Schatten, der, kurz und dennoch unendlich aus lebendigen, aber unerkennbaren Teilen zusammengesetzt, eine Wunderkraft besitzt, wie jene Märchengrotten, in denen die Edelsteine Augen haben, und wo so mancher gleichzeitig die unvereinbar zwiefache Empfindung der Frische und der Glut verspüren kann. Dafür gebührt dem Veroneser der höchste Ruhm. Indem er die weltbeherrschende Stadt in menschlicher Gestalt darstellte, hat er verstanden, das Wesentliche ihres Geistes zum Ausdruck zu bringen: das – symbolisch ausgedrückt – nichts anderes ist als eine unauslöschliche Flamme, in einen Wasserschleier gehüllt. Und ich weiß von einem, der in dieser erhabenen Sphäre seine Seele lange Zeit untergetaucht hatte, und als er sie wieder dem Element entzog, war sie mit einer neuen Kraft begabt, und er arbeitete von da ab mit glühenderen Händen an seiner Kunst und an seinem Leben.«

War er nicht dieser eine? In dieser Bejahung seines Selbst schien er seine ganze Sicherheit wiederzufinden und sich nunmehr Herr seines Gedankens und seines Wortes zu fühlen. Die Gefahr war vorüber, und er war imstande, in den Zirkel seines Traumes das ungeheure, vieläugige Fabeltier zu ziehen, dessen Brust leuchtende Schuppen bedeckten, das bewegliche, vielgliederige Ungetüm, aus dessen Flanke, wie ein Sproß von ihm, die tragische Muse auftauchte, mit dem Haupt, das sich von dem Kreis der Gestirne abhob.

Seiner Gebärde folgend, hoben sich die zahllosen Gesichter auf zu der Apotheose. Die Binde von den Augen, sahen sie mit Staunen das Wunder, fast, als sähen sie es zum erstenmal, oder als sähen sie es in einem vorher nicht gekannten Lichte. Der große nackte Rücken der weiblichen Gestalt mit dem goldenen Helm hob sich mit so leuchtender, lebendiger Plastik von der Wolke ab, daß von ihm eine Verführung ausging wie von lebendigem Fleisch. Und von dieser über all den Dingen schwebenden leuchtenden Nacktheit, die Siegerin geblieben war über die Zeit, die alle die Heldendarstellungen der Belagerungen und der Schlachten unter ihr verdunkelt hatte, schien sich ein göttlicher Zauber zu ergießen, den die weichen Lüfte der Herbstnacht, die durch die offenen Balkone einströmten, noch süßer machten und das Blut erregten, fast wie die Duftwoge, die dem Rosenhag entströmt, während die hohen fürstlichen Damen dieses Hofes von der Balustrade zwischen den beiden gewundenen Säulen herab ihre in Leidenschaft glühenden Gesichter und ihre üppigen Busen zu ihren jüngsten weltlichen Schwestern herunterneigten.

In diesem Zauber befangen, strömte der Poet seine wohllautenden Perioden wie lyrische Strophen aus.

»Eine solche Flamme sah ich gestern auflodern in ungezügelter Gewalt und über Venedigs Schönheit einen nie gesehenen Ausdruck von Kraft ergießen. Die ganze Stadt entflammte vor meinen Augen in Begierde und erbebte in Bangigkeit, von ihren tausend grünen Gürteln umwunden, wie die Geliebte, die die Stunde der seligen Freude erwartet. Sie breitete ihre marmornen Arme dem spröden Herbst entgegen, dessen feuchter Hauch zu ihr drang, den Duft der fernen, mit dem köstlichen Tode ringenden Felder herübertragend. Sie spürte die leichten Dünste, die von den Ufern der stummen Lagune aufstiegen, und es schien ihr, als näherten sie sich ihr, heimliche Botschaften bringend. Sie lauschte in dem selbstgeschaffenen Schweigen gespannt auf die leisesten Geräusche, und der flüchtige Windhauch in ihren seltenen Gärten klang ihr wie eine melodische Cadenz, die über die Einfriedigungen hinausschwebte. Eine Art Erstarrung legte sich um die einsamen, gefangenen Bäume, die, entfärbt, in loderndem Feuer zu leuchten schienen. Das welke Blatt, das auf den vom Anlegen der Gondeln abgenützten Stein gefallen war, glänzte wie ein Edelstein; auf der Höhe der mit gelben Moosen geschmückten Mauer öffnete sich die in Reife geschwellte Frucht des Granatbaumes wie ein schöner Mund, dem ein herzliches Lachen die Lippen öffnet. Langsam und schwerfällig glitt eine Barke vorbei, hoch beladen mit Trauben wie das Faß, das zum Keltern bereit steht, und verbreitete über dem mit toten Algen bedeckten Wasser den luftigen Rausch der Weinlese und die Vision von sonnigen Weinbergen, die hellsingende Jugend bevölkert! Alle Dinge waren von tiefer Beredsamkeit, als ob ihrer sichtbaren Gestalt eine unsichtbare Bedeutung anhaftete und sie durch ein göttliches Vorrecht in der höchsten Wahrheit der Kunst lebten.«

»Gewiß also« – dachte ich – »gewiß lebt in der Stadt von Stein und Wasser wie in der Seele eines reinen Künstlers ein unwillkürliches und nie versiegendes Sehnen nach idealen Harmonien. Eine Art rhythmischer und dichterischer Intelligenz, scheint sie eifrig mit den Darstellungen beschäftigt, wie um sie einem Gedanken entsprechend zu gestalten und sie einem ersonnenen Ende nahe zu bringen. Sie scheint Wunderkraft in den Händen zu besitzen, um ihre Lichter und ihre Schatten zu einem beständigen Werk der Schönheit zu bilden, und sie scheint zu träumen, während sie ihr Werk schmückt, und aus diesem Traum – aus dem die vielfältige Erbschaft der Jahrhunderte in verklärtem Lichte leuchtet – spinnt sie das Gewebe der unnachahmlichen Allegorien, das sie einhüllt. Und da im Weltall nur die Poesie Wahrheit ist, so sieht der, der sie zu betrachten und kraft des Gedankens an sich zu fesseln versteht, davor, das Geheimnis des Sieges über das Leben zu erkennen.«

Bei diesen letzten Worten hatte er die Augen Daniele Glauros gesucht, und er hatte sie in Glück aufleuchten sehen unter der großen Denkerstirn, die eine ungeborene Welt zu wölben schien. Der mystische Gelehrte war dort, ganz nahe, mit seiner Schar: mit einigen jener unbekannten Jünger, die er dem Meister begierig und bangend geschildert hatte, voller Vertrauen und Erwartung, sehnsüchtig, die engen Schranken ihrer täglichen Knechtschaft zu durchbrechen und den freiwilligen Rausch der Freude und des Schmerzes kennen zu lernen. Stelio sah sie dort zu einer dichten Gruppe vereint wie einen Knäuel komprimierter Kräfte gegen die rötlichen Schränke gelehnt, in denen die zahllosen Bände einer vergessenen und ruhenden Wissenschaft begraben waren. Er unterschied ihre erregten und gespannten Gesichter, die vollen langen Haare, die in gleichsam kindlichem Staunen oder in sensitiver Heftigkeit zusammengepreßten Münder, die hellen oder dunklen Augen, deren Licht oder Schatten der Atem seiner Worte zu verändern schien, wie der Windhauch, der über ein Beet voll zarter Blumen weht. Es war ihm, als habe er ihre Seelen zu einer einzigen verschmolzen, und als könne er diese eine in seiner Hand schwingen oder in seiner Faust zusammenpressen oder zerreißen oder verbrennen wie ein leichtes Banner. Während des kühnen Auf- und Abschnellens seines Geistes bewahrte er eine seltsame Klarheit der äußeren Wahrnehmung, gleichsam eine getrennte Fähigkeit äußerlicher Beobachtung, die desto schärfer und deutlicher hervortrat, je beflügelter und wärmer seine Beredsamkeit wurde. Er fühlte allmählich die Anstrengung seines Geistes müheloser werden und seine Willenskraft durch eine freie Energie verdrängt, die gleich einem dunklen Instinkt in der Tiefe seiner Seele unter der Schwelle des Bewußtseins sich in einem geheimnisvollen, unerweisbaren Vorgang betätigte. Er erinnerte sich, wie ganz ähnlich in ungewöhnlichen Augenblicken – im Schweigen und der geistigen Erregung seines entlegenen Zimmers – seine Hand einen Vers auf das Papier geworfen hatte, der nicht seinem Gehirn zu entstammen, sondern von einer herrischen Gottheit diktiert zu sein schien, der das unbewußte Organ wie ein blindes Werkzeug gehorcht hatte. Ein ähnliches Wunder vollzog sich jetzt in ihm, als sein Ohr überrascht dem unerwarteten Tonfall der Worte lauschte, die seine Lippen sprachen. In der Gemeinschaft seiner Seele mit der Seele der Menge vollzog sich ein fast göttliches Mysterium. Etwas Großes und Starkes gesellte sich seinem gewohnten Empfindungsvermögen zu. Es schien ihm, als gewänne seine Stimme von Augenblick zu Augenblick an Kraft und Gewalt.

Er erschaute in diesem Augenblick die erträumte Erscheinung voll und lebendig in seinem Innern, und er schilderte sie in der Art der koloristischen Meister, die diesen Ort beherrschten, mit der Verschwendung des Paolo Veronese, mit der Glut des Tintoretto, in der Sprache der Poesie.

»Und die Stunde nahte, ja fast war sie schon gekommen, die Stunde des erhabensten Festes. Ein ungewohntes Licht breitete sich vom äußersten Horizont über den Himmel, als eilte der wilde Bräutigam auf einem Feuerwagen daher, sein purpurnes Banner schwingend. Und der Wind, den sein eiliger Lauf erzeugte, trug alle Düfte der Erde herüber und weckte bei den Wartenden auf dem Wasser, in dem vereinzelte Seegräser und Schilfe umherschwammen, die Vorstellung von den dichten, weißen Rosensträuchern, die sich nach und nach auflösen, wie Schneemassen, die gegen die Geländer der Gärten an den Brenta-Ufern sich verlieren. Das Bild des ganzen Ortes schien sich mir in der Kristalluft widerzuspiegeln gleich einer Fata Morgana der Wüste, und dieser Anblick der Natur lohnte es, die Auserlesenheit dieses Traumes von Kunst zu verherrlichen, denn keine Herbstpracht in Gärten und Wäldern war – in der Erinnerung – der göttlichen Beseelung und Verklärung des alten Steins vergleichbar.

Wahrlich, sollte sich nicht ein Gott der Stadt nahen, die sich ihm darbietet? fragte ich mich selbst, überwältigt von der Sehnsucht, dem Verlangen und dem Willen zu genießen, was die Dinge um mich her wie von einem rasenden Fieber der Leidenschaft ergriffen ausströmten. Und ich beschwor den gewaltigsten Künstler herauf, daß er mir in den kühnsten Formen und mit den glühendsten Farben den sehnsuchtsvoll erwarteten jungen Gott darstelle.

Und er nahte! Der umgekehrte Himmelskelch ergoß über alle Dinge eine Flut von Licht, die meine Augen erst nicht zu fassen vermochten. Sie überstrahlte an Glanz selbst die leuchtendste Pracht, die der entflammte Geist oder der unfreiwillige Traum ersonnen hatten. Wie eine unbekannte, veränderliche, metallische Materie, in die sich Myriaden von Bildern einer unbestimmten zerfließenden Welt abzeichneten, aus denen vermöge einer wunderbar mühelosen Zerstörungs- und Schöpfungskraft ein beständiges Rauschen immer neue Harmonien erzeugte, so erschien das Wasser. Der vielgestaltige und beseelte Stein, einem Wald und einem Volk vergleichbar – diese unermeßliche, stumme Masse, aus der der Genius der Kunst die geheimen Gedanken der Natur schöpfte, auf der die Zeit ihre Mysterien anhäufte, und in der der Ruhm seine Zeichen eingrub, durch deren Adern der menschliche Geist zum Ideal emporstieg, wie der Saft durch die Fasern der Bäume zur Blüte aufsteigt – der vielgestaltige und beseelte Stein nahm unter den beiden Wundern von einem Augenblick zum andern so intensive und neue Lebensgestalt an, daß es schien, als sei für ihn in Wahrheit das Naturgesetz gebrochen, und seine ursprüngliche Leblosigkeit erstrahle in wunderbarer Empfindungsfähigkeit.

Da erzitterte jeder Hauch wie in einem blitzartigen Aufleuchten. Von den Kreuzen auf der Höhe der vom Gebet geschwellten Kuppeln bis zu den feinen salzhaltigen Kristallen, die unter den Brückenbogen schwebten, erglänzte alles in jauchzendem Lichte. Und wie aus seinem Auslug der Matrose der unter ihm mit Ungeduld harrenden und wie ein Sturmwind bewegten Mannschaft den schrillen Schrei aus voller Lunge zuruft, so zeigte der goldene Engel auf der Spitze des höchsten Turmes endlich die flammende Verkündigung an.

Und er erschien. Er erschien auf einer Wolke sitzend, wie auf einem feurigen Wagen, den Saum seines Purpurmantels hinter sich schleifend, gebieterisch und sanft, zwischen den halbgeöffneten Lippen Waldesmurmeln und Waldesschweigen, die langen Haare um den starken Hals flatternd wie eine Mähne und mit nackter Titanenbrust, die dem Atem der Wälder sich anpaßt. Er neigte sein jugendliches Antlitz zu der schönen Stadt. Und von diesem Antlitz ging ein unsagbarer, nicht menschlicher Zauber aus, etwas von weicher und grausamer Bestialität, womit die Augen unter den schweren Lidern, aus denen tiefe Erkenntnis sprach, in Widerspruch standen. Und deutlich konnte man durch seinen ganzen Körper das ungestüme Klopfen und Rasen des Blutes verfolgen, bis in die Zehenspitzen der behenden Füße, bis in die äußersten Fingerspitzen seiner starken Hände, und etwas Geheimnisvolles war über sein ganzes Wesen gebreitet, das die Freude zu verbergen schien, wie die blühenden Trauben den Wein verbergen. Und all das rote Gold und der Purpur, den er mit sich trug, war wie die Kleider seiner Sinne – – –

Mit welch zuckender Leidenschaft in ihren tausend grünen Gürteln und unter ihren unermeßlichen Geschmeiden gab sich die schöne Stadt dem herrlichen Gotte hin!«

In die aufsteigende Region der Worte erhoben, schien die Massenseele plötzlich den Begriff der Schönheit erreicht zu haben wie einen nie zuvor erklommenen Gipfel. Und es ergriff sie fast wie Bestürzung. Die Beredsamkeit des Dichters wurde von dem Eindruck der ganzen Umgebung unterstützt: sie schien die Rhythmen, denen die ganze Kraft und die ganze Anmut der bildlichen Darstellungen folgten, wiederaufzunehmen und fortzusetzen. Sie schien die unbestimmten Harmonien zwischen den durch Menschenkunst geschaffenen Formen und den Eigenschaften der natürlichen Atmosphäre, in der sie fortbestehen, zusammenzufassen. Darum war die Stimme von solcher Gewalt, daher ergänzte so mühelos die Gebärde die Umrisse der Bilder, daher erhöhte die suggestive Macht des Tons bei jedem gesprochenen Wort die Bedeutung des Buchstabens. Es war hier nicht nur die übliche Wirkung einer zwischen dem Sprecher und dem Auditorium hergestellten elektrischen Verbindung, sondern auch der Zauber des wunderbaren Bauwerks, der durch die ungewohnte Berührung mit dieser zusammengedrängten und erregten Menschenmasse mit verstärkter Kraft wirkte. Die Erregung der Menge und die Stimme des Dichters schienen den vielhundertjährigen Mauern das ursprüngliche Leben wiederzugeben und in der kalten Kunstsammlung den ursprünglichen Geist zu erneuern: ein Knäuel mächtiger Gedanken, in den dauerhaftesten Materien zusammengefaßt und gegliedert, um den Adel eines Geschlechtes zu bezeugen.

Der Glanz göttlicher Jugend ergoß sich über die Frauen, wie in einem prunkhaften Alkoven; denn sie hatten in sich die Bangigkeit der Erwartung und die Wollust der Hingabe empfunden, wie die schöne Stadt. Sie lächelten in süßer Mattigkeit, fast erschöpft von einer überstarken Empfindung, mit den entblößten Schultern aus den Edelsteingirlanden emportauchend. Die Smaragden von Andriana Duodo, die Rubinen der Giustiniana Memo, die Saphire der Lucretia Priuli, die Beryllen der Orsetta Contarini, die Türkisen der Zenobia Corner, alle diese ererbten Juwelen, deren Feuer noch einen andern Wert als den des Materials besaß, wie der Schmuck des großen Saales noch einen anderen Wert als den Kunstwert barg, schienen auf die weißen Gesichter der Patrizierinnen den Widerschein eines heiteren und lockeren Lebens aus vergangener Zeit zu werfen; sie erweckten gleichsam in ihnen durch geheimnisvolle Kräfte den in dem tiefsten Grunde ihres Seins schlummernden Geist der Wollust, der dem Geliebten den in Myrrhen, Moschus und Ambra gebadeten Leib dargeboten und die geschminkten Brüste zur Schau getragen hatte.

Stelio sah diese weibliche Brust des ungeheuren vieläugigen Fabeltiers, auf der die Federfächer sich wollüstig auf und ab bewegten, und er fühlte, wie ein allzu heißer Rausch sich seines Gedankens bemächtigte, der ihn verwirrte und ihm fast lüsterne Worte einflößte, jene lebendigen, beinahe wesenhaften Worte, mit denen er die Frauen zu berühren verstand, wie mit liebkosenden und einschmeichelnden Fingern. Die von ihm erzeugte weitgehende Erregung, die nun auf ihn selbst mit vervielfältigter Kraft zurückstrahlte, erschütterte ihn so heftig, daß er das gewohnte Gleichgewicht verlor. Es schien ihm, als schwebe er über der Menge, ein hohler und klingender Körper, in dem die verschiedenen Resonanzen sich durch einen unbestimmten und dennoch unfehlbaren Willen erzeugten. In den Pausen wartete er angstvoll auf die plötzliche Kundgebung dieses Willens, während der innere Widerhall andauerte wie von einer Stimme, die nicht die seine war, und Gedanken ausgesprochen hatte, die für ihn völlig neu waren. Und dieser Himmel und dieses Wasser und dieser Stein und dieser Herbst, wie er sie geschildert, schienen nicht die geringste Zugehörigkeit zu seinen eigenen eben gehabten Empfindungen zu haben, sondern sie schienen einer Traumwelt anzugehören, in die er – während er sprach – wie in einer schnellen Aufeinanderfolge von Blitzen einen Blick getan.

Er staunte über diese unbekannte Macht, die in ihm wirkend die Grenzen des Einzelwesens aufhob und der einzigen Stimme die Klangfülle eines Chores verlieh.

Das also war der geheimnisvolle Lohn, den die Offenbarung der Schönheit dem täglichen Dasein der hungernden Menge geben konnte; das war der geheimnisvolle Wille, den der Dichter verleihen konnte, wenn er der fragenden Massenseele, die den Wert des Lebens erkennen und auch einmal sich aufschwingen wollte zum ewigen Gedanken, Antwort gab. – In dieser Stunde war er nur die Brücke, auf der die Schönheit den Menschen, die sich in einem durch Jahrhunderte menschlichen Ruhms geweihten Orte versammelt hatten, die göttliche Gabe des Vergessens brachte. Er tat nichts anderes, als die sichtbare Sprache, in der die alten Künstler das Streben und die Inbrunst des Geschlechts ausgedrückt hatten, in die Rhythmen des Wortes zu übersetzen. Und für eine Stunde mußten diese Menschen die Welt mit anderen Augen betrachten, sie mußten mit einer anderen Seele fühlen, denken und träumen.

Das war die höchste Gabe der offenbarten Schönheit; es war der Sieg der befreienden Kunst über die Jämmerlichkeiten, die Unruhen und die Ödigkeit der gemeinen Tage. Es war die glückliche Ruhepause, in der der Stachel des Schmerzes und der Notdurft aufhört und die geschlossenen Hände des Schicksals sich langsam zu öffnen scheinen. In Gedanken durchbrach er diese Mauern, die die erregte Menge wie in einen heroischen Kreis zusammendrängten, in einen Kreis von roten Dreiruderern und von befestigten Türmen und sieghaften Flotten. In der Begeisterung seines neuen Gefühls schien der Raum ihm beengt. Und wiederum zog es ihn zu der wirklichen Menge, zu der ungeheuren Vielheit mit einer Seele, die er vorher hatte fluten sehen in der marmornen Enge, und deren Geschrei aufgestiegen war in die Sternennacht, an der sie sich berauschte wie an Blut oder an Wein.

Und nicht nur zu dieser Menge, zu unendlichen Mengen schweiften seine Gedanken. Und erbeschwor sie herauf, zusammengedrängt in großen Theatern, beherrscht von dem Gedanken der Wahrheit und der Schönheit, stumm und gespannt vor dem großen Bühnenraum, der sich auf einen wunderbaren Prospekt des Lebens öffnete, oder dem plötzlichen Glanz, den ein unsterbliches Wort ausstrahlte, mit Entzücken zujubelnd. Und der einst gehegte Traum von einer erhabeneren Kunst zeigte ihm von neuem die Menschen, ergriffen von Ehrfurcht vor den Dichtern, als denen, die allein es vermögen, auf Augenblicke die Sorgen der Menschen zu unterbrechen, den Durst zu stillen, Vergessen zu bringen. Und zu leicht erschien ihm die Aufgabe, die er erfüllte. Denn von dem Odem der Menge angeweht, hielt sein Geist sich für fähig, Gigantisches zu erdichten. Und das Werk, das er noch formlos in seinem Innern nährte, gab ein ungestüm zuckendes Lebenszeichen von sich. Indessen sahen seine Augen von dem Kreis der Gestirne die tragische Muse sich abheben, mit der Stimme der Verkünderin, die in den Falten ihrer Gewänder für ihn das andächtige und stumme Entzücken der fernen Mengen Zu tragen schien.

Fast erschöpft von dem intensiven Leben, das er in der Pause gelebt, Hub er mit gedämpfter Stimme wieder zu sprechen an.

»Wer sieht nicht« – begann er von neuem – »wer sieht nicht in dieser Erscheinung, die für mich zu jener Stunde so lebendig und wirklich war, daß sie mir fast greifbar schien, – wer von meinen Hörern sieht nicht die bedeutungsvolle symbolische Übereinstimmung?

Die gegenseitige Leidenschaft Venezias und des Herbstes, die beide zum höchsten Gipfel ihrer sinnlich wahrnehmbaren Schönheit steigert, hat ihre Ursache in einer tiefgehenden innerlichen Verwandtschaft: Venedigs Seele, die Seele, mit der die alten Künstler die schöne Stadt bekleideten, ist herbstlich.

Als ich die Ähnlichkeit des äußeren Schauspiels mit dem innern entdeckte, vermehrte sich mein Entzücken unsagbar. Die unabsehbare Menge der unvergänglichen Formen, die die Kirchen und die Paläste bevölkert, antwortete von ihren Plätzen den Harmonien des Tageslichtes mit einem so vollen und mächtigen Akkord, daß er in kurzem der dominierende wurde. Und – da das Licht des Himmels sich mit dem Schatten ablöst, aber das Licht der Kunst in der Seele des Menschen unauslöschbar andauert – als das verschwenderische Licht auf den Dingen verblich, fand mein Geist sich allein und verzückt unter den Wunderwerken eines idealen Herbstes.

Als solcher erscheint mir die Kunstschöpfung, die zwischen der Jugendlichkeit des Giorgione und dem Alter des Tintoretto liegt. Sie ist purpurn, vergoldet, üppig und ausdrucksvoll, wie die Erdenpracht unter dem letzten stammenden Sonnenstrahl. Wenn ich an die heißblütigen Schöpfer so gewaltiger Schönheit denke, stellt sich meinem Geist das Bild des Pindarschen Fragments dar: – ›Als die Centauren die Kraft des Weins, der süß wie Honig, kennen lernten, der die Menschen bezwingt, verbannten sie von ihrem Tisch alsobald die weiße Milch; und sie beeilten sich, den Wein aus silbernen Hörnern zu trinken...‹ –

Niemand auf der Welt kannte und würdigte den Wein des Lebens besser als sie. Einen leuchtenden Rausch wirkt er in ihnen, der ihre Macht vervielfältigt und ihrer Beredsamkeit eine befruchtende Tatkraft mitteilt. Und in den schönsten ihrer Geschöpfe scheint ihr eigener ungestümer Pulsschlag weiter zu leben und durch die Jahrhunderte fortzudauern, wie der Rhythmus der venetianischen Kunst selbst.

In wie reinem und poetischem Schlummer ruht die heilige Ursula auf ihrem jungfräulichen Lager! Ein tiefes Schweigen liegt über dem einsamen Raum, in dem die frommen Lippen der Schlafenden sich noch im Gebet zu bewegen scheinen. Durch die offenen Türen und Fenster dringt das schüchterne Morgenlicht und fällt auf das in die Ecke des Kissens geschriebene Wort. Infantia lautet das schlichte Wort, das das Haupt der Jungfrau wie mit Morgenfrische zu umgeben scheint: Infantia. Die schon dem heidnischen Fürsten verlobte und dem Martyrium geweihte Jungfrau schläft keusch, unschuldig und inbrünstig; ist sie nicht die Verkörperung der Kunst, wie sie die Vorläufer in der Reinheit ihrer naiven Auffassung erschauten? Infantia. Das Wort beschwört all die Vergessenen um dieses Kissen der Jungfrau: Lorenzo Veneziano und Simone von Cusighe und Cantarino und Jacobello und Meister Paolo und den Giambono und Semitecolo und Antonio und Andrea und Quirizio von Murano und die ganze arbeitsame Familie, für die die Farbe, die dann mit dem Feuer wetteifern sollte, in den Hochöfen der glühenden Insel vorbereitet wurde. Aber würden sie nicht selbst einen Schrei der Bewunderung ausgestoßen haben bei dem Anblick des Blutes, das der von dem Pfeil des schönen heidnischen Schützen durchbohrten Brust der Heiligen entströmte? So rotes Blut in einem Mägdlein, das sich von weißer Milch genährt! Das Blutbad gleicht fast einem Jubelfest: die Schützen tragen die auserlesensten Waffen, die reichsten Kleider, die gewähltesten Stellungen zur Schau. Und der Goldhaarige, der mit so kühner Anmut die Märtyrerin mit seinem Pfeil durchbohrt, scheint er nicht wahrlich der jugendliche Eros zu sein, vermummt und ohne Flügel?

Dieser zierliche Mörder der Unschuldigen (oder vielleicht einer seiner Brüder) wird sich morgen, wenn er den Bogen niederlegt, dem Zauber der Musik hingeben, um einen Traum der süßesten Wollust zu träumen.

Wohl ist es Giorgione, der ihm die neue Seele einstößt und sie mit unstillbarer Begierde entflammt. Die verführerische Musik ist nicht die Melodie, die noch gestern sich von Engelsharfen durch die gewölbten Bogen über die strahlenden Throne ergoß oder sich in dem Schweigen der heiteren Fernen aufloste in den Visionen des dritten Bellini. Sie steigt auch jetzt bei der Berührung frommer Hände aus der Tiefe des Klavichords auf, aber die Welt, die sie erweckt, ist eine Welt der Freuden und der Schmerzen, hinter denen sich die Sünde verbirgt.

Wer mit verständnisvollen Augen das Konzert gesehen hat, kennt ein ungewöhnliches und unwiderrufliches Moment der venetianischen Seele. Durch eine Farbenharmonie – deren bedeutungsvolle Gewalt unbegrenzt ist, wie das Mysterium der Töne – erzählt der Künstler uns von dem ersten Aufruhr einer begehrlichen Seele, der das Leben plötzlich als ergiebige Erbschaft erscheint.

Der Mönch, der am Klavichord sitzt, und sein älterer Gefährte haben keine Ähnlichkeit mit jenen, die auf dem Bilde des Vittorio Carpacci in St. Giorgio degli Schiavoni vor dem gezähmten Löwen des heiligen Hieronymus fliehen. Ihre Wesenheit ist stärker und vornehmer; die Atmosphäre, in der sie atmen, ist erhabener und reicher, günstig für das Ersprießen einer großen Freude oder einer großen Traurigkeit oder eines stolzen Traums. Welche Noten mögen die schönen und sensitiven Hände den Tasten, auf denen sie verweilen, entlocken? Verführerische Noten ohne Zweifel, wenn sie vermögen, in dem Musizierenden eine so gewaltige Veränderung hervorzubringen. Er ist bei der Mitte seines irdischen Daseins angelangt, losgelöst schon von der Jugend, schon im Begriff, abwärts sich zu neigen, und nun erst offenbart sich ihm das Leben, geschmückt mit allen Gütern, wie ein Wald, der purpurne Apfel in Fülle trägt, deren frischen Samt seine auf andere Werke gerichteten Hände niemals kennen lernten. Da seine Sinnlichkeit schlummert, so fallt er nicht unter die Herrschaft eines einzigen verführerischen Bildes, obwohl er ein unklares Sehnen empfindet, in dem das Bedauern das Verlangen besiegt, während sich auf dem Gewebe der Harmonien, die er sucht, die Vision seiner Vergangenheit - wie sie hätte sein können und nicht war - gleich einem phantastischen Wahngebilde zusammengefügt. Der Gefährte, schon auf der Schwelle des stillen Alters stehend, errät den inneren Sturm; und sanft und schwer berührt er mit der Gebärde des Friedenbringers die Schulter des Leidenschaftlichen. Aber auch hier findet sich, auftauchend aus dem warmen Schatten, wie die Verkörperung des Begehrens, der Jüngling mit dem Federhut und dem unbeschnittenen Haarwuchs: die feurige Blume der Jünglingszeit, die Giorgione unter dem Einfluß jenes wunderbaren hellenischen Mythus geschaffen zu haben scheint, aus dem die Idealgestalt des Hermaphroditen hervorging. Er ist hier gegenwärtig, aber fremd, abgesondert von den andern, wie der es ist, den nichts kümmert als sein eigenes Wohl. Die Musik erhöht seinen unaussprechlichen Traum und scheint seine Genußfähigkeit unendlich zu vervielfältigen. Er weiß, daß er Herr jenes Lebens ist, das die beiden anderen flieht, und die Harmonien, die der Spielende anschlägt, scheinen ihm nur das Präludium seines eigenen Festes zu sein. Sein Blick ist gespannt seitwärts gewandt, als wollte er etwas verführen, was ihn verführt. Sein geschlossener Mund ist wie ein Mund, der das Gewicht eines noch nicht gegebenen Kusses trägt. Seine Stirn ist so hoch, daß nicht der dichteste Kranz sie beschatten würde, aber wenn ich an seine versteckten Hände denke, stelle ich sie mir vor, wie sie die Blätter des Lorbeers zerpflücken, um seine Finger in ihrem Wohlgeruch zu baden.«

Die Hände des Weckers veranschaulichten die Gebärde des Brünstigen, als preßten sie in Wahrheit den Saft aus dem aromatischen Blatte; und die Stimme verlieh der heraufbeschworenen Gestalt ein so plastisches Leben, daß die jungen unter seinen Hörern vermeinten, ihr unaussprechliches Begehren verkörpert, ihren geheimsten Traum von ununterbrochener und endloser Lust offenbart zu sehen. Von einer inneren Verwirrung ergriffen, empfanden sie eine dunkle Erregung verhaltener Leidenschaften und sahen neue Möglichkeiten, hielten jetzt eine schon aufgegebene und ferne Beute für greifbar. Stelio erkannte sie, hier und dort, durch die ganze Lange des Saales, gegen die großen rötlichen Schränke gelehnt, in denen die zahllosen Bände einer Vergessenen und unfruchtbaren Wissenschaft begraben waren. Sie standen in den Gängen, die um den Saal liefen; wie ein lebendiger Saum schienen sie die kompakte Masse einzufassen, und wie bei einer im Winde wehenden Fahne die Enden am stärksten flattern, so erzitterten sie beim Hauche der Poesie.

Stelio erkannte sie; einige erkannte er an der Eigentümlichkeit der Haltung, an der übermäßigen Ergriffenheit, die sich in den gepreßten Lippen oder in dem Zucken der Augenlider oder in den erglühenden Wangen offenbarte. Auf den Gesichtern einiger, die den offenen Balkonen zugewandt waren, erriet er den Zauber der Herbstnacht und die Wonne der aus der algenbedeckten Lagune aufsteigenden Brise. Die Blicke anderer zeigten ihm durch einen Strahl der Liebe, der aus ihnen hervorbrach, eine Frau, hingegossen auf ihrem Platze sitzend, gleichsam entkräftet von einem geheimen Genuß, mit einem unbeschreiblichen Ausdruck unkeuscher Erschlaffung, mit einem weichen, schneeweißen Gesicht, in dem der Mund sich wie eine feuchte Honigzelle öffnete.

Eine seltsame Klarheit war über ihn gekommen, und die Dinge erschienen ihm mit ungewohnter Deutlichkeit, wie in einer fieberhaften Halluzination. Alles lebte in seinen Augen ein intensiveres Leben: die Bilder der Dogen, die um den dazwischen weißlich schimmernden Fries laufen, atmeten wie die kahlköpfigen Alten dort im Hintergrunde, die er dann und wann sich mit gleichmäßiger Bewegung den Schweiß von den blassen Stirnen trocknen sah. Nichts entging ihm; nicht das beharrliche Tropfen der schwebenden Wachsfackeln in die bronzenen Gefäße, die das Wachs wie Bernstein auffingen; nicht die wundervolle Feinheit einer beringten Hand, die das Taschentuch auf die schmerzenden Lippen preßte, wie um einen brennenden Schmerz zu lindern; nicht der leichte Schal, der um nackte Schultern gezogen wurde, die in Kälte erschauerten vor dem kühlen Nachtwind, der durch die offenen Balkone hereinströmte. Und während er die tausend Augenblicksbilder bemerkte, bewahrte er dennoch in seiner Vision die Vorstellung von dem unübersehbaren vieläugigen Fabeltier, von der mit leuchtenden Schuppen bedeckten Brust, aus dessen Flanke die tragische Muse auftauchte, deren Haupt sich abhob aus dem Kreis der Gestirne.

Immer wieder kehrte sein Blick zurück zu der verheißenen Frau, die sich ihm zeigte, gleichsam die lebendige Stütze einer Sternenwelt. Er war ihr dankbar, daß sie diese Art und Weise gewählt hatte, um ihm so in dem Augenblick der ersten Zusammengehörigkeit zu erscheinen. Er sah jetzt nicht mehr die Geliebte einer Nacht in ihr, den in langen Liebesgluten gereiften Körper, erfahren in allen Künsten der Wollust; sondern er sah in ihr das bewundernswerte Werkzeug der neuen Kunst, die Verkünderin der großen Poesie, sie, die in ihrer wechselvollen Persönlichkeit das kommende Gedicht der Schönheit verkörpern, die den Völkern mit ihrer unvergeßlichen Stimme den Weckruf bringen sollte. Nicht des verheißenen Genusses halber, sondern wegen der Verheißung des Ruhmes verband er sich ihr jetzt. Und das Werk, das er in sich trug, formlos noch, erbebte noch einmal in zuckendem Leben.

»Wer von meinen Hörern« – fuhr er fort – »wer von meinen Hörern sieht nicht eine Ähnlichkeit zwischen diesen drei Giorgioneschen Symbolen und den drei Generationen, die zu einer Zeit leben, die die Morgenröte des neuen Jahrhunderts verklärt? Venedig, die sieghafte Stadt, offenbart sich in ihren Augen wie in der Herrichtung eines überherrlichen Festgelages, bei dem der ganze in Jahrhunderten des Krieges und des Handels angesammelte Reichtum in unbeschränktem Maß vorgeführt werden soll. Welche reichere Quelle der Wollust könnte das Leben der unersättlichen Begierde öffnen? Es ist eine Stunde des Aufruhrs, fast schwindelnder Erregung, die ihrer Reichhaltigkeit willen einer Stunde heroischer Gewalt gleichkommt. Verführerische Stimmen und Lachen scheinen von den Hügeln von Asolo herüber zu tönen, wo herrlich und in Freuden die Tochter San Marcos regiert. Domina Aceli, die in einem Myrtenhain auf Cypern den Gürtel der Aphrodite auffand. Und hier der Jüngling mit den weißen Federn scheint sich dem Feste zu nahen wie ein Anführer, gefolgt von seiner zügellosen Schar, und all die heiße Brunst brennt hier in Gestalt der Fackeln, deren Flamme ohne Unterlaß ein Sturmwind schürt.

So beginnt dieser göttliche Herbst der Kunst, dessen leuchtendem Glanz die Menschen sich immer mit innerer Erregung zuwenden werden, so lange in der menschlichen Seele die Sehnsucht wohnt, die engen Schranken des gemeinen Lebens zu durchbrechen, um ein intensiveres Leben zu leben oder eines edleren Todes zu sterben.

Ich sehe Giorgione herausragen aus diesem Wunderlande, ohne jedoch, was sterblich an ihm ist, zu erkennen; ich suche ihn in dem Mysterium der glühenden Wolke, die ihn umfließt. Er scheint mehr ein Mythus denn ein Mensch zu sein. Kein Dichterschicksal auf Erden gleicht dem seinen. Man weiß nichts oder fast nichts von ihm; und es gibt Leute, die sogar seine Existenz ableugnen. Sein Name ist in keinem Buche eingetragen, und es gibt Leute, die ihm kein Werk mit Sicherheit zuschreiben. Und dennoch scheint die ganze venetianische Kunst sich an seiner Offenbarung in Begeisterung entflammt zu haben, der große Vecellio scheint ihm das Geheimnis zu verdanken, in die Adern seiner Geschöpfe leuchtendes Blut zu gießen. Wahrlich, Giorgione bedeutet für die Kunst das Epiphaniasfest des Feuers. Er verdient es, ein zweiter Prometheus, ›Feuerbringer‹, genannt zu werden.

Wenn ich die Schnelligkeit erwäge, mit der die heilige Gabe von Künstler zu Künstler übergeht und von einer Farbenglut in die andere, so steigt unwillkürlich in meinem Geiste das Bild eines jener Fackelfeste auf, mit denen die Hellenen das Andenken des Titanensohnes des Japetos feiern wollten. Am Tage des Festes brach eine Schar junger athenischer Edelleute im schnellsten Laufe von Ceranikos nach Kolonos auf. Und der Anführer schwenkte eine Fackel, die man am Altar eines Sanktuariums entzündet hatte. Erloschen durch die ungestüme Bewegung des Laufes überreichte er sie dem Gefährten, der sie während des Laufes wieder entzündete; und dieser dem Dritten, und der Dritte dem Vierten, und so fort, immer im schnellen Lauf, bis der Letzte sie, noch rotglühend, am Altare des Titanen niederlegte. Dieses Bild hat für mich in seinem wilden Ungestüm etwas Bezeichnendes für das Fest der koloristischen venetianischen Meister. Ein jeder von ihnen, auch die minder ruhmreichen, hielt, und wenn nur für einen Augenblick, die heilige Gabe in Händen. Und mancher unter ihnen, wie der heilige Bonifazius, der verherrlicht zu werden verdient, scheint mit den unversehrbaren Händen die innere Blüte des Feuers gepflückt zu haben.«

Und er pflückte mit seinen Händen die bildliche Blüte in der Luft, wie von der unsichtbaren Höhe der Woge, die die heiße Seele des Fabeltiers dem Dichter, von dem es jetzt besiegt war, entgegentrug. Und seine Augen schweiften hinüber zu dem Himmelsglobus; stumm wollte er diese feurige Gabe jener Frau darbringen, die dort unten den göttlichen Sternenkreis der Tiere hütete. »Dir, Perdita!« Aber die Frau lächelte einer entfernt sitzenden Gestalt zu; sie lächelte zuwinkend.

Und diesem Lächeln folgend, traf sein Blick die Unbekannte, die ihm plötzlich aus einem Schattenkreis entgegenleuchtete.

War nicht vielleicht sie das musikalische Geschöpf, dessen Name von dem Panzer des Schiffes zurückgeworfen worden war in dem schweigenden Schatten?

Fast schien sie ihm ein Gebilde seiner Phantasie, plötzlich erzeugt in dem Teil seiner Seele, wo die visionäre Empfindung, die ihn im Schatten des Panzerschiffes unerwartet überkommen hatte, gleichsam ein unbestimmter isolierter Punkt geblieben war.

Für einen Augenblick war sie schön, schön wie in ihm die noch nicht ausgedrückten Gedanken.

»Eine Stadt, der solche Schöpfer eine so machtvolle Seele schufen« – fuhr er fort, sich leichtbeschwingt von der Woge der Empfindungen emportragen lassend – »wird von der Mehrzahl heute nur als eine große tote Reliquienkammer betrachtet oder als eine Zuflucht des Friedens und Vergessens!

Wahrlich, ich kenne keinen andern Ort der Welt - Rom ausgenommen –, wo ein starker und ehrgeiziger Geist besser die Tatkraft seines Intellekts anregen und alles Drängen seines Wesens nach dem Höchsten betätigen könnte, als auf diesem regungslosen Wasser. Ich kenne keinen Sumpf, der imstande wäre, in den menschlichen Pulsen ein heftigeres Fieber zu erzeugen, als jenes, das uns zuweilen plötzlich im Schatten eines schweigsamen Kanales überfällt. Nicht, wer im reifen Korn tiefe Mittagsruhe unter der glühenden Hundstagsonne hält, fühlt ungestümer das Blut gegen die Schläfen pochen, als wir, deren Blicke zuweilen von dem andrängenden Blut verdunkelt wurden, wenn wir uns über das Wasser neigten, um allzu gespannt zu suchen, ob wir nicht durch Zufall auf dem Grunde irgendein altes Schwert oder ein altes Diadem entdeckten.

Dennoch, kommen sie nicht hierher wie zu einem Zufluchthafen, die gebrechlichen Seelen und die eine heimliche Wunde zu verbergen haben, und die einen entgültigen Verzicht leisten, und solche, die eine erschlaffende Liebe entnervte und die das Schweigen suchen, nur um darin unterzugehen? Vielleicht erscheint ihren trüben Augen Venedig wie eine barmherzige Stadt des Todes, umarmt von einem einschläfernden stagnierenden Wasser. In Wahrheit bedeutet ihre Gegenwart nicht mehr, als die vereinzelten Algen, die um die Treppen der Marmorpaläste fluten. Sie erhöhen den seltsam krankhaften Hauch, den sonderbar fiebrigen Geruch, auf dem so süß ist zuweilen nach einem arbeitsvollen Tag das Gefühl der eigenen Überfülle zu wiegen, das zuweilen der Sehnsucht gleicht.

Aber nicht immer erbarmt sich die Verwandlungsreiche des Wahnes derer, die zu ihr als Friedensvermittlerin stehen. Ich weiß von einem, der inmitten seiner Ruhe entsetzt zusammenzuckte, wie jener, der, bei der Geliebten ruhend, ihre weichen Finger auf seinen müden Lidern fühlend, plötzlich Schlangen in ihren Haaren zischen hörte – – –

Ach, wenn ich zu sagen vermöchte, welch wundergleiches Leben für mich unter ihren tausend grünen Gürteln und unter ihren unermeßlichen Schätzen zu pulsieren scheint! Alltäglich saugt sie unsere Seele auf: und bald gibt sie sie uns wieder, unversehrt und frisch und neu, fast möchte ich sagen, in ursprünglicher Neuheit, auf der die Spuren der Dinge morgen mit unaussprechlicher Klarheit eingegraben sein werden, und bald gibt sie sie uns wieder, unendlich verfeinert und gefräßig, wie Glut, die alles zerstört, was ihr nahe kommt, so daß wir zuweilen des Abends unter der Asche und den Schlacken irgendwelche ungewöhnliche Sublimierung auffinden. Sie überzeugt uns alltäglich von dem Vorgang der Entstehung unserer Art: ein ewiges Streben, über sich selbst hinauszugehen; sie zeigt uns die Möglichkeit eines Schmerzes, der sich verwandelt in anspornende, durchdringende Tatkraft; sie lehrt uns, daß der Genuß das sicherste uns von der Natur gebotene Mittel zur Erkenntnis ist und daß, wer mehr gelitten, weniger wissend ist, als wer mehr genossen.«

Ein Gemurmel des Widerspruchs wurde hier und dort beim Publikum laut, bei diesem Satz, der allzu gewagt schien; die Königin schüttelte leicht den Kopf zum Zeichen ihrer Mißbilligung; einige Damen bekundeten einander durch Blicke ein anmutiges Entsetzen. Dann wurde alles übertönt durch das jugendliche Beifallsrufen, das von allen Seiten mit brausendem Ungestüm dem dargebracht wurde, der mit so offenem Wagemut die Kunst lehrte, vermittelst des Genusses zu höheren Lebensformen sich aufzuschwingen.

Stelio lächelte, als er die Seinen erkannte. Es waren deren viele: er lächelte, da er den Erfolg seiner Lehre sah, die schon bei mehr als einem Geist die Wolken der erschlaffenden Traurigkeit verjagt hatte und in mehr als einem die Feigheit unnützer Tränen getötet und mehr als einem für immer Verachtung der jammernden Klagen und des weichen Mitleids eingeflößt hatte.

Er war froh, noch einmal das Prinzip seiner Lehre ausgesprochen zu haben, die dieser Kunstseele, die er verherrlichte, auf natürliche Welse entquoll. Und die sich in eine Einöde zurückgezogen hatten, um ein trauriges Wahnbild anzubeten, das nur im Spiegel ihrer verschleierten Augen lebte; und jene, die sich zum König einer Königsburg ohne Fenster gemacht hatten, wo sie seit Menschengedenken einer Verkündigung harrten; und jene, die glaubten, unter Trümmern die Bildsäule der Schönheit ausgegraben zu haben, und es war nur eine verwitterte Sphinx, die sie mit ihren endlosen Rätseln quälte; und jene, die allabendlich in ihren Türen standen, um den geheimnisvollen Fremden mit dem gabengeschwellten Mantel kommen zu sehen, und in bleicher Erwartung das Ohr an die Erde legten, um den Schritt zu hören, der sich zu nähern und dann zu entschwinden schien: kurz alle, die ein in Ergebung getragenes Herzeleid unfruchtbar machte oder ein verzweifelter Stolz verzehrte, die ein nutzloser Eigensinn verhärtete, oder denen immer getäuschte Erwartung den Schlaf raubte, alle, alle hätte er rufen mögen, auf daß sie ihr Übel erkannten, in dem Glanze dieser alten und doch immer neuen Seele.

»Wahrlich« – sagte er mit jubelnder Stimme – »wenn das ganze Volk auswanderte, seine Häuser verließe, von fernen Gestaden gelockt, heute wieder, wie es schon in seiner heroischen Jugend verführt wurde von der Meerenge des Bosporus zur Zeit des Dogen Pietro Ziani, und kein Gebet mehr das tönende Gold der Mosaikhallen vibrieren ließe, und kein Ruder mehr mit rhythmischem Schlage die stille Andacht des stummen Steins fortsetzen würde, Venedig würde dennoch immer eine Stadt des Lebens bleiben. Die idealen Schöpfungen, die ihr Schweigen hütet, leben in der ganzen Vergangenheit und in der ganzen Zukunft. Wir entdecken in ihnen immer neue Übereinstimmungen mit dem ragenden Bau des Universums, unerwartetes Sichbegegnen mit dem gestern geborenen Gedanken, deutliche Verkündigungen für das, was in uns nur ein Vorgefühl ist, offene Antworten auf das, was wir noch nicht zu fragen wagen. Sie sind einfach und dennoch überreich an sinnbildlichen Bedeutungen; sie sind kindisch und dennoch in glänzende Tuniken gekleidet. Würden wir uns auf unbestimmte Zeit in ihren Anblick vertiefen, so würde sie nie aufhören, mit den verschiedenartigsten Wahrheiten unseren Geist zu erfüllen. Wenn wir sie jeden Tag besuchten, so würden sie uns jeden Tag ein anderes, unerwartetes Schauspiel bieten, wie die Meere, die Flüsse, die Wiesen, die Wälder, die Felsen. Zuweilen dringt, was sie uns sagen, nicht bis zu unserm Intellekt, aber sie offenbaren sich uns in einer Art unbewußter Glückseligkeit, in der unsere Wesenheit zu erzittern und sich in ihren innersten Tiefen zu weiten scheint. An einem hellen Morgen werden sie uns den Weg weisen, der zu dem entlegenen Wald führt, wo die Schöne, in ihr geheimnisvolles Haar gehüllt, seit undenklichen Zelten uns erwartet.

Woher kommt ihnen diese unbekannte Macht?

Von der keuschen Naivität der Künstler, die sie schufen.

Diese großen Männer kannten nicht die unermeßliche Gewalt der Dinge, die sie zum Ausdruck brachten. Mit Millionen von Wurzeln in das Leben eingegraben, nicht nur gleich Bäumen, sondern ausgedehnten Wäldern gleich, saugten sie unendliche Elemente in sich auf, um sie umzugießen und in Ideal-Arten zu verdichten, deren Besonderheiten ihnen unbekannt bleiben, wie der Saft des Apfels dem Zweig, der ihn trägt. Sie sind die geheimnisvollen Pfade, durch die das nieversiegende Sehnen der Natur nach Gebilden befriedigt wird, die fehlerlos zu prägen ihr nicht gelingt. Darum, dieweil sie das Werk der göttlichen Mutter fortsetzen, verwandelt sich ihr Geist in ein Ebenbild des göttlichen Geistes, wie Lionardo sagt. Und da die schöpferische Kraft ihren Fingern zufließt, unaufhörlich, wie der Saft in den Knospen der Bäume, so schaffen sie in Freude.«

Die ganze glühende Sehnsucht des Künstlers nach dieser olympischen Gabe, sein ganzer Neid auf diese gewaltigen, niemals ermüdenden, niemals Zweifelnden Bildner der Schönheit, sein ganzer Durst nach Glück und Ruhm offenbarten sich in dem Ausdruck, den er in die zuletzt gesprochenen Worte legte. Wieder lag die Seele der Vielheit im Banne des Dichters, widerspruchslos, gespannt und vibrierend, wie eine einzige aus tausend Saiten gewundene Saite, bei der jede Resonanz bis ins Unendliche weitervibrierte, die dunkle Empfindung regte sich in ihr, als trage sie eine unklare Wahrheit in ihrem Innern, die der Dichter plötzlich in der Gestalt einer frohen Botschaft enthüllte. Sie fühlte sich nicht mehr fremd an diesem geweihten Ort, in dem eines der glänzendsten Menschenschicksale so tiefe Spuren seines Glanzes hinterlassen hatte; sondern sie fühlte um sich und unter sich den vielhundertjährigen Molo in seinen tiefsten Grundmauern leben, als umwehten ihn die nicht mehr im Schatten der Vergangenheit reglosen Erinnerungen gleich den freien Lüften im bewegten Walde. Jetzt in dem Zauberschweigen, das die Wunder der Poesie und des Traumes ihr brachten, schien sie die unzerstörbaren Zeichen der ersten Generationen wieder in sich selbst aufzufinden, gleichsam ein vages Abbild der entlegenen Aszendenz, und ihr Recht auf eine alte Erbschaft zu erkennen, der man sie beraubt hatte: auf jene Erbschaft, die der Bote ihnen als noch unversehrt und wieder erreichbar ankündigte. Sie empfand die ungeduldige Angst dessen, der im Begriff steht, wieder in den Besitz eines verlorenen Gutes zu gelangen. Und in der durch die offenen Balkone hereinfunkelnden Nacht, während schon der rote Widerschein der feurigen Lohe sichtbar wurde, die das unten liegende Wasserbecken aufnehmen sollte, schien die Erwartung einer prädestinierten Wiederkehr zu schweben.

In dem klingenden Schweigen erreichte die einsame Stimme den Gipfel.

»In Freude schaffen! Das Kennzeichen der Gottheit! Der Geist auf seiner Hohe vermag nicht eine siegreichere Tat zu ersinnen. Die Worte selbst, die sie bezeichnen, tragen den Glanz der Morgenröte.

Und diese Künstler schaffen mit einem Mittel, das in sich selbst ein jubelndes Mysterium ist: mit der Farbe, die die Kraft des Stoffes scheint zur Lichtwerdung.

Und der neue Musiksinn, den sie von der Farbe haben, macht, daß ihre Schöpfung die engen Grenzen der symbolischen Gebilde sprengt und zur hohen Offenbarung einer unendlichen Harmonie wird.

Niemals erscheint uns der Ausspruch Lionardo da Vincis, dem die Wahrheit eines Tages mit ihren tausend geheimen Gesichten wie in einem Blitz sich erschloß, so treffend, als vor ihren großen symphonischen Bildern: – › Die Musik darf nicht anders genannt werden, denn Schwester der Malerei‹ – Ihre Malerei ist nicht nur stumme Poesie, sie ist auch stumme Musik. Darum erscheinen uns die vornehmsten Forscher auserlesener Symbole, sie, die in die Reinheit der grüblerischen Stirnen die Merkmale eines inneren Weltalls legten, fast trocken, im Vergleich zu diesen großen unbewußten Musikern.

Wenn Bonifacio in der Parabel des reichen Epulonen auf einem Feuerton die mächtigste Farbenharmonie anstimmt, in der sich je die Wesenheit einer wollüstigen und stolzen Seele offenbarte, so fragen wir nichts nach dem blonden Herrn, der, den Tönen lauschend, zwischen den beiden wundervollen Courtisanen sitzt, deren Gesichter leuchten wie durchsichtige Bernsteinlampen, sondern das stoffliche Symbol übergehend geben wir uns mit Inbrunst der Zauberkraft hin, die diese tiefen Akkorde heraufbeschwört, in denen unser Geist heute das Vorgefühl zu empfinden scheint eines schönen schicksalschwangeren und herbstgoldenen Abends, der sich über einen Hafen breitet, still wie ein Becken duftenden Öles, in den in seltsamem Schweigen eine Galeere, von Oriflammen bewegt, einlenken wird wie ein Nachtfalter in den geäderten Kelch einer großen Blume.

Werden wir sie nicht in Wahrheit an einem glorreichen Abend mit unseren sterblichen Augen am Dogenpalast landen sehen?

Erscheint sie uns nicht wie an einem prophetischen Horizont in der Allegorie des Herbstes, die Tintoretto uns darbietet gleich einem erhabenen Bild, erschaffen aus unserm Traum von gestern?

Am Ufer sitzend, in Erwartung der Gottheit, empfängt Venetia den Ring aus der Hand des jungen, rebengeschmückten Gottes, der niederstieg zum Wasser, während darüber in der Luft die Schönheit schwebt, mit einem Sternenkranz den wunderbaren Bund zu krönen.

Sehet das Schiff in der Ferne! Eine Botschaft scheint es zu künden. Sehet den Schoß der symbolischen Frau! Den Keim einer Welt vermag er zu tragen.«

Der rauschende Beifall wurde übertönt von dem jugendlichen Jauchzen, das wie ein Orkan aufstieg zu ihm, der vor den unruhigen Augen eine so große Hoffnung aufblitzen ließ, zu ihm, der einen so leuchtenden Glauben an den verborgenen Genius der Rasse bewies, an die aufsteigende Kraft der von den Vätern überkommenen Ideale, an die souveräne Würde des Geistes, an die unzerstörbare Macht der Schönheit, an all die hohen Werte, dle die neueste Barbarei verachtet. Die Jünger drängte es zu dem Meister mit überströmender Dankbarkeit, mit ungestümer Liebe. Das flammende Wort hatte ihre Seelen gleich Fackeln entzündet, ihren Lebenssinn fast bis zum Fieber gesteigert. In jedem einzelnen lebte die Schöpfung Giorgiones wieder auf, der Jüngling mit den schönen weißen Federn, im Begriff, sich der unermeßlichen erworbenen Beute zu nähern; und in jedem von ihnen schien sich die Genußfähigkeit unendlich vervielfältigt zu haben. Ihr Schrei war ein so deutlicher Ausdruck ihres inneren Aufruhrs, daß der Befruchter bis ins Innerste davon erschüttert wurde, und eine Woge plötzlicher Traurigkeit ihn übermannte, als er an die Asche dieses flüchtigen Feuers dachte, dachte an das grausame Erwachen des kommenden Tages. Gegen wie schwere und unwürdige Hemmnisse mußte diese furchtbare Lebensgier ankämpfen, dieser leidenschaftliche Wille, dem eigenen Schicksal die Flügel der Siegesgöttin zu leihen und mit aller Seinskraft der höchsten Vollendung zuzustreben!

Aber die Nacht begünstigte die jugendliche Raserei. Alle die Träume von Herrschaft, Wollust und Ruhm, die Venedig in ihren marmornen Armen einst gewiegt und dann erstickt hatte, alle erstanden wieder aus den Grundmauern des Palastes, strömten ein durch die offenen Balkone, erzitterten wie ein wiedererstandenes Volk unter den gewaltigen Voluten dieses Deckenhimmels, der, reich und schwer, einem schwebenden Schatz glich. Die Kraft, die auf der weiten Wölbung und an den hohen Wänden die Muskulatur der dargestellten Götter, Könige und Helden schwellte, die Schönheit, die der Nacktheit der dargestellten Göttinnen und Königinnen und Dirnen wie sichtbare Musik entströmte, die menschliche Kraft und Schönheit, durch Jahrhunderte der Kunst geläutert, verbanden sich harmonisch zu einem einzigen Bild, das die Berauschten mit ihren wirklichen, lebendigen Augen vor sich zu sehen meinten, von dem neuen Dichter geschaffen.

Und ihren Rausch strömten sie aus in dem Jubelschrei zu ihm, der ihren verschmachtenden Lippen den Becher Weines geboten hatte. Alle sahen nunmehr die unverlöschliche Flamme durch den Wasserschleier. Und mancher sah sich schon dabei, die Blätter des Lorbeers zu brechen, um die Finger im Wohlgeruch zu baden; und mancher war schon entschlossen, das alte Schwert und das alte Diadem auf dem Grunde eines schweigenden Kanales zu finden.

 

Stelio Effrena war in den anstoßenden Räumen der Sammlung allein geblieben mit den Bildwerken; er fühlte einen Widerwillen gegen jede andere Berührung, er fühlte das Bedürfnis, sich zu sammeln und die ungewohnte Erregung zu besänftigen, in der sein ganzes Wesen sich gelöst und ergossen zu haben schien. Von den eben gesprochenen Worten war keine Spur in seinem Gedächtnis geblieben; von den eben geschauten Bildern kein Abglanz. Nur im Innersten seiner Seele brannte jene Feuergarbe weiter, die er zu Ehren des ersten Bonifazius entzündet und die er mit den eigenen unversehrbaren Händen gefaßt hatte, um sie der geliebten Frau zu reichen. Er dachte daran, wie in jenem Augenblick spontaner Hingabe die Frau sich abgewendet und wie er an Stelle des ausweichenden Blickes ihr Lächeln als Wegweiser gefunden hatte. Es war, als ob der Rausch im Augenblick des Verflüchtigens sich in ihm von neuem verdichten und die unbestimmte Gestalt jenes musikalischen Geschöpfes annehmen wolle; und als ob dieses nun, die Feuergarbe mit der Gebärde der Herrscherin tragend, auftauchte aus seiner inneren Bewegung, wie aus der unaufhörlichen Brandung eines sommerlichen Meeres. Und wie um dieses Bild zu verklären, drangen aus dem nahen Festsaal die ersten Töne von Benedetto Marcellos Symphonie zu ihm, deren fugierter Satz sofort einen Charakter großen Stiles verriet. Ein Gedanke, voll, klar und stark wie eine lebendige Persönlichkeit, entwickelte sich mit zunehmender Machtfülle. Und er erkannte in dieser Musik die Kraft desselben Prinzips wieder, um das er wie um einen Thyrsus die Kränze seiner dichterischen Begeisterung gewunden hatte.

Und nun tauchte der Name auf, der schon im schweigenden Schatten gegen den Panzer des Schiffes widergeklungen, jener Name, der sich in der ungeheueren Woge der Abendglocken verloren hatte wie ein rätselvolles Blatt; und er schien seine Silben dem Orchester wie ein neues Thema aufzugeben, das die Streichinstrumente ergriffen. Die Violinen, Violen und Violoncelli sangen ihn um die Wette; unvorhergesehene heroische Trompetenstöße verherrlichten ihn; endlich schmetterte ihn das gesamte Orchester mit einstimmiger Gewalt in den Freudenhimmel hinaus, an dem später die Sternenkrone erglänzen sollte, die Ariadne von der goldenen Aphrodite dargeboten wird.

Stelio empfand in der Pause eine eigentümliche Verwirrung, gleichsam einen religiösen Schrecken, angesichts dieser Verkündigung. Er verstand, welchen Wert es für ihn hatte, sich in diesem unschätzbaren lyrischen Moment allein unter makellosen und stummen Bildnissen zu finden. Ein Saum desselben Geheimnisses, das ihn schon unter den Flanken des Kriegsschiffes gestreift hatte, wie ein flüchtiger Schleier einen streift, schien jetz vor seinen Augen zu schweben in diesem einsamen Zimmer, das doch dem menschlichen Treiben so nahe war. – So schweigt am Meeresgestade, ganz dicht bei der Brandung, eine Seemuschel. – Wieder glaubte er wie schon in anderen außergewöhnlichen Stunden seines Lebens die Gegenwart seines Schicksals zu fühlen, das dastand, um seinem Wesen einen neuen Impuls zu geben und vielleicht eine wundervolle Willenskraft in ihm zu lösen. Und während er die Mittelmäßigkeit all der tausend dunkeln Geschicke bedachte, die über den Köpfen der Menge schwebten, die jetzt den Erscheinungen einer idealen Welt hingebend zugewandt war, gefiel er sich darin, abseits jene glückverheißende, dämonische Gestalt anzubeten, die ihn hier heimlich zu besuchen kam, um ihm im Namen einer unbekannten Geliebten ein ungewolltes Geschenk zu reichen.

Beim plötzlichen Erklingen der menschlichen Stimmen, die den unüberwindlichen Gott mit triumphierendem Zuruf grüßten, fuhr er zusammen:

»Es lebe der Starke, es lebe der Große ...«

Der geräumige Saal dröhnte wie ein riesiger in Schwingungen versetzter Resonanzboden; und der Widerhall pflanzte sich fort durch die Scala dei Censori, durch die Scala d'Oro, durch die Gänge und Hallen, durch die Vorsäle und Galerien, bis zu den Kellergewölben, bis zu den Fundamenten des Palastes, wie ein donnernder Jubel, der in die helle Nacht hinausjauchzte:

»Es lebe der Starke, es lebe der Große,
Der Sieger des niedergezwungenen Indien!«

Es schien, als wolle der Chor den wundervollen Gott begrüßen, dessen Erscheinung der Dichter über die meerentstiegene Stadt heraufbeschworen hatte. Es schien, als ob der Saum seines Purpurmantels sich in diesem Stimmklang zitternd bewegte, gleichwie Flammen in kristallnen Röhren. Das lebendige Bild schwebte losgelöst über die Menge, die es doch mit ihrem eigenen Traume nährte.

»Es lebe der Starke, es lebe der Große ...«

In dem machtvollen fugenartigen Satze wiederholten die Bässe, Altstimmen und Soprane den jubelnden Zuruf an den Unsterblichen mit den tausend Namen und mit den tausend Blumenkränzen, ihn, »der aus unaussprechlichem Bündnis geboren«, ihn, »der einem Jüngling in der ersten Jugend gleicht«. Der ganze antike dionysische Rausch schien aus diesem göttlichen Chor aufzusteigen und sich zu verbreiten. Die ganze Lebensfülle und Lebensfrische im Lächeln des sorgenlösenden Bacchus, der allen Kummer aus den Herzen der Menschen scheucht, jubelte in einem Ausbruch von Freude heraus. Es flammten und knisterten die unauslöschbaren Fackeln der Bacchantinnen. Wie im orphischen Hymnus beleuchtete ein Widerschein der Feuersbrunst die Stirn des Jünglings, die von dunkeln Haaren gekrönt war. »Als die Wut des Feuers die ganze Erde überflutet hatte, war er es allein, der die prasselnden Wirbel der Flamme bezwang.« Wie in den Gesängen des Homer atmete hier der unfruchtbare Schoß des Meeres, hörte man das abgemessene Geräusch der zahlreichen Ruder, die das wohlgebaute Schiff nach unbekannten Ländern führten. Und wieder erschien plötzlich auf den Flügeln des Gesanges vor den Menschen der Blühende, der Fruchttragende, der den Sterblichen sichtbare Heilbringende, Dionysos der Befreier, und für sie kränzte er jene Nacht mit Glück wie einen übervollen Kelch, für sie breitete er von neuem alle sichtbaren Güter dieser Welt.

Der Gesang wuchs an Macht; die Stimmen verschmolzen in der Begeisterung. Der Hymnus feierte jetzt den Bezwinger von Tigern und Panthern, von Löwen und Leoparden. Mänaden schienen hier zu jauchzen mit zurückgeworfenen Köpfen, mit gelösten Haaren und lockeren Gewändern, Zimbeln schlagend und Schellen schüttelnd: – Evoë!

Aber plötzlich quillt aus dem heroischen Wohlklang ein breiter pastoraler Rhythmus, der den thebanischen Bacchus mit der reinen Stirn heraufbeschwört, auf der milde Gedanken wohnen:

»Ihn, der die Rebe in engen Banden der Ulme paart
und das Weinlaub befruchtet...«

Zwei einzelne Stimmen besangen in Sextenfolge ihre Vermählung, die schmiegsame Umschlingung der grünen Ranken und Zweige. Das Bild des Lagunenschiffes, das mit Trauben beladen war wie die Bütte, die zum Keltern bereit steht, das die Worte des Dichters schon vor die Augen der Menge gezaubert hatte, erstand von neuem vor ihnen. Und es war, als ob der Gesang von neuem das Wunder verrichte, des Zeuge der kluge Steuermann aus Medien war. »Und es floß ein süßer und milder Wein durch das schwarze und schnelle Schiff ... Und es schoß eine Weinrebe empor bis hinauf in die Segel; und unzählige Trauben hingen herab. Und dunkler Efeu rankte sich um den Mast und war von Blüten ganz bedeckt. Und alle Ruderpflöcke trugen Blumenkränze ...«

Jetzt nahm das Orchester das Thema der Fuge auf und verarbeitete es in schöner Durchführung, während die Stimmen in gleichmäßigem Rhythmus über dem Orchestergewebe schwebten. Und wie ein leichter Thyrsus über der bacchantischen Menge geschwungen wird, so setzte jetzt eine einzelne Stimme wieder mit der hochzeitlichen Melodie ein, aus der die ganze Anmut der ländlichen Vermählung lachte.

»Der Ulme und der Rebe
Lebensspendender, befruchtender
Erhalter, er lebe!«

Die Solostimmen erweckten so die Vorstellung schreitender Thyriaden, die in trunkenem Taumel wollüstig ihre mit Trauben und Weinlaub geschmückten Stäbe schwingen, in lange, krokusgelbe Gewänder gehüllt, mit glühendem Antlitz und erbebend wie jene Frauen des Paolo, die sich von luftigen Balkonen neigen, den Gesang zu trinken.

Aber aufs neue erklang der heroische Freudentaumel mit dem leidenschaftlichen Ungestüm des Finale. Das Gesicht des sieghaften Gottes blitzte wieder auf zwischen den rasend geschwungenen Fackeln. Einen letzten, aufs höchste gesteigerten Jubel schmetterten Chöre und Orchester hinein in das vielköpfige, unübersehbare Ungetüm, hinaus unter die schwebende Pracht dieses Himmels, mitten in den Kreis von roten Dreiruderern und von festen Türmen und sieghaften Flotten.

Der Besieger von Indien,
Der Bezähmer aller Meere,
Der Bändiger der wilden Tiere,
Er lebe!

Stelio Effrena war auf die Schwelle getreten; mitten durch die Menge, die sich vor ihm teilte, war er in den Festsaal gedrungen; dicht neben dem Podium, auf dem Chor und Orchester aufgestellt waren, blieb er stehen. Mit unruhigen Blicken suchte er vergeblich die Foscarina in der Nähe des Himmelsglobus. Der Kopf der tragischen Muse ragte nicht mehr in den Kreis der Gestirne. Wo weilte sie? Wohin hatte sie sich zurückgezogen? Konnte sie ihn sehen, ohne daß er sie sah? – Eine unbestimmte Unruhe quälte ihn; und die Vision der Abenddämmerung auf dem Wasser, zugleich mit den Worten ihres letzten Versprechens, tauchte dunkel vor seiner Seele auf. Er betrachtete die offenen Balkone und dachte, daß sie vielleicht hinausgetreten sei in die nachtfrische Luft und daß sie vielleicht, über das Geländer geneigt, die Wogen der Musik über ihren kühlen Nacken gleiten fühlte und sie genösse wie Schauer, die von heißen Küssen herrühren.

Aber die Erwartung der Offenbarung durch jene Stimme überwog jede andere Empfindung, schlug jede andere Unruhe nieder. Er merkte, daß plötzlich eine tiefe Stille im Saal entstanden war, gerade wie in dem Augenblick, da er die Lippen geöffnet hatte, um die erste Silbe zu sprechen. Gerade wie vorher schien das veränderliche und unbeständige Ungeheuer mit den tausend menschlichen Gesichtern sich schweigend zu sammeln und seines Inhalts zu begeben, eine neue Seele zu empfangen.

In seiner Umgebung hörte er jemanden den Namen Donatella Arvale flüstern. Er sah auf das Podium, über die Violoncelli hinweg, die gleichsam eine braune Hecke bildeten. Die Sängerin blieb unsichtbar, verborgen hinter dem zarttönenden und rauschenden Walde, aus dem die schmerzreiche Harmonie aufsteigen sollte, die Ariadnes Klage begleitet.

In die gespannte und empfängliche Stille ertönte jetzt das Präludium der Violinen. Ihrer flehenden Klage einten die Violen und Violoncelli ein tieferes Weh. War nicht, nach der phrygischen Flöte und der berecynthischen Schellentrommel, nach den orgiastischen Instrumenten, deren Klänge die Vernunft verwirrten und zur Raserei aufstachelten, war da nicht die heilige dorische Leier, ernst und süß, die harmonische Stütze des Gesanges? So wird aus dem geräuschvollen Dithyrambus das Drama geboren. Die große Umwandlung des dionysischen Kultus – die Raserei des heiligen Festes, die zum schöpferischen Enthusiasmus des tragischen Dichters wird – schien in dieser musikalischen Aufeinanderfolge dargestellt. Der feuerstammende Hauch des tracischen Gottes hatte einer erhabenen Kunstform Leben gegeben. Lorbeerkranz und Dreifuß, die dem siegreichen Dichter als Preis zuerteilt wurden, hatten den geilen Bock und den Korb mit attischen Felgen abgelöst. Äschylos, selbst Hüter eines Weinberges, war vom Gotte besucht worden, der ihm seinen Flammengeist eingehaucht hatte. Auf dem Hange der Akropolis, dicht neben dem Heiligtum des Dionysos, war ein marmornes Theater entstanden, das das auserwählte Volk in sich aufnehmen konnte.

So schloß sich unversehens in dem inneren Erleben des Dichters der Kreislauf der Jahrhunderte, indem er sich bis in die dunkeln Fernen der früheren Mysterien verlor. Jene Kunstform, nach der jetzt der Zwang seines Genius, geleitet durch die dunkeln Instinkte der menschlichen Menge, ihn drängte, sie erschien ihm in der Heiligkeit ihrer Anfänge. Der göttliche Schmerz Ariadnes, der wie ein melodischer Schrei aufstieg aus dem rasenden Bacchantenchor, ließ von neuem das Werk zuckend erbeben, das er in sich barg, formlos noch, aber schon lebensfähig. Weiter suchte er mit den Augen im Kreise der Gestirne die Muse mit der Stimme der Verkünderin. Da er sie nicht finden konnte, wendete er die Blicke wieder dem Wald von Instrumenten zu, aus dem die Wehklage stieg.

Und jetzt trat zwischen den zierlichen Bogen, die in abwechselnder Bewegung über die Saiten strichen und sich wieder erhoben, dabei glänzend wie lange Plektren, die Sängerin hervor, aufrecht wie ein Blütenstengel, und wie ein Blütenstengel sich leise wiegend auf der zarten Harmonie. Die Jugend ihres geschmeidigen und kraftvollen Körpers schien durch das Gewebe ihres Kleides zu leuchten wie Flammen durch zartes, durchsichtiges Elfenbein. Die Bogen, die um ihre weißglänzende Erscheinung sich hoben und senkten, schienen die Töne der in ihr schlummernden Musik aus ihr herauszuziehen. Als ihre Lippen sich öffneten, kannte Stelio, noch ehe der Ton gebildet war, die Reinheit und Macht ihrer Stimme; gleichsam als ob er eine kristallene Statue vor Augen hätte, aus deren Innerem er den Strahl eines lebendigen Quelles aufsteigen sähe.

»Wie konntest du je
Mich weinen sehen ...«

Die Melodie uralter Liebe und uralten Schmerzes stoß mit so reinem, so vollem Ausdruck von diesen Lippen, daß sie für die ins Ewige verschwebende Seele sich sofort in ein geheimnisvolles Glücksgefühl umsetzte. War das die göttliche Klage der Minostochter, der betrogenen, die vergebens von dem einsamen Strande von Naxos ihre Arme nach dem goldgelockten Gastfreund ausstreckt? Die Fabel versank, die Empfindung für die Zeit war gelöscht. Die ewige Liebe und der ewige Schmerz der Götter und Menschen sprachen aus dieser wundervollen Stimme. Der nutzlose Jammer über jede verlorne Freude, die tiefste Klage über alle flüchtigen Güter, das letzte Gebet zu jedem Segel, das sich auf weiten Meeren verliert, zu jeder Sonne, die sich hinter Bergen verbirgt, und das unerbittliche Sehnen, und das Versprechen des Todes – das alles tönte in dem einsamen, hehren Gesang; aber durch das Wunder der Kunst verklärt zu erhabener Wesenheit, die die Seele in sich aufnehmen konnte, ohne zu leiden. Die einzelnen Worte lösten sich auf, verloren jede Bedeutung, wandelten sich in tönende Offenbarungen grenzenloser Liebe und grenzenlosen Schmerzes. Wie ein Kreis, der sich, ob auch geschlossen, dennoch unaufhörlich weitet, mit dem Herzschlag des allgemeinen Lebens, so hatte die Melodie die schrankenlose Seele umsponnen, die sich nun mit ihr in unermeßlichem Glücke weitete. In der vollendeten Ruhe der Herbstnacht breitete sich der Zauber durch die offnen Balkone über die regungslosen Wasser, stieg hinauf zu den wachsamen Sternen, über die unbeweglichen Masten der Schiffe, über die heiligen Türme, die von stummen Erzgestalten bewohnt waren. Während der Zwischenspiele neigte die Sängerin ihr junges Haupt und schien leblos zu werden wie eine Statue, schneeweiß mitten in dem Wald von Instrumenten, zwischen dem Auf und Nieder der langen Plektren, vielleicht nicht mehr der Welt bewußt, die ihr Gesang in wenig Augenblicken verwandelt hatte.

Stelio war heimlich in den Hof geflüchtet, um sich der lästigen Neugierde zu entziehen, und stand im Schutze des Schattens verborgen, und von dort erspähte er, ob nicht die beiden Frauen, die Schauspielerin und die Sängerin, die bei der Zisterne sich treffen sollten, oben auf der Scala dei Giganti unter der Menge auftauchten.

Er fühlte, daß seine Erwartung von Augenblick zu Augenblick quälender wurde, indes der ungeheure Lärm zu ihm drang, der sich an den äußeren Mauern des Palastes erhoben hatte und sich in dem vom Widerscheine der Flammen erhellten Himmel verlor. Eine beinah schreckliche Freude schien sich über die meerentstiegene Stadt in die Nacht hineinzugießen. Es schien, als ob ein ungestümer Atemzug plötzlich die enge Brust geweitet hätte, und als ob ein Überschwang sinnlichen Lebens die Adern der Menschen schwelle. Die Wiederholung des Bacchantenchores, der die Sternenkrone besang, mit der Aphrodite das Haupt der Ariadne schmückt, dieser erhabene Ruhmeshymnus, auf den das brausende, orgiastische Geschrei der Bacchanten folgte, hatte der unter den offenen Balkonen auf dem Molo dichtgedrängten Volksmasse den Schrei entlockt. Auf die Steigerung des Finale, auf das vom Chor der Mänaden, der Satyrn und Faune unisono herausgeschmetterte Wort » Viva!« war der Chor des Volkes draußen wie ein gewaltiges Echo in die Lagune von San Marco geklungen. Und es hatte den Eindruck geweckt, als ob in diesem Augenblick die dionysische Raserei, eingedenk der in heiligen Nächten verbrannten uralten Wälder, das Zeichen gegeben hätte zu dem Feuermeer, in dem zum Schluß Venedigs Schönheit erstrahlen sollte.

Paris Eglanos Traum wetterleuchtete durch Stelios Sehnen: Das Schauspiel des flammenden Wunders, das dem schwimmenden Bett der Liebe sich darbietet. Donatella Arvales Bild haftete vor seinem inneren Blick: die geschmeidige junge Gestalt mit den kräftigen, schöngeschwungenen Hüften, wie sie heraustrat aus dem klingenden Wald, inmitten der wechselnden Bewegung der Plektren, die die Töne, die in ihr noch verborgen schlummerten, herauszuziehen schienen. Und mit seltsamem Bangen, in das sich fast ein Schatten von Schrecken mischte, beschwor er das Bild der andern herauf: vergiftet durch die Kunst, beschwert durch wollüstiges Wissen, mit dem Zug von Überreife und Verderbtheit um den beredten Mund, mit den von zweckloser Glut trockenen, heißen Händen, die aus betrügerischen Früchten den Saft ausgepreßt hatten, mit den Spuren von hundert Masken in dem Gesichte, das die Wut tödlicher Leidenschaften geheuchelt hatte. Und in dieser Nacht endlich sollte ihm, nach langem Begehren, das Geschenk dieses Körpers werden, der, nicht mehr jung und durch so viele Liebkosungen erschlafft, ihm bis dahin unbekannt geblieben war. Wie hatte er noch eben an der Seite der schwelgenden Frau gezittert und gebebt, als sie auf dem Wasser, das ihnen beiden in schreckhaftem Laufe dahinzugleiten schien, der schönen Stadt entgegenfuhren! Ach, warum trat sie ihm jetzt entgegen, begleitet von der anderen Versucherin? Warum stellte sie neben ihr erbarmungloses Wissen den reinen Glanz dieser Jugend?

Mit innerem Erbeben entdeckte er oben auf der marmornen Treppe, beim Scheine der qualmenden Fackeln, die Gestalt der Foscarina, in dem Gedränge so dicht an Donatella Arvale geschmiegt, daß sie beide zu einem weißleuchtenden Körper zu verschmelzen schienen. Sein Blick folgte ihnen, wie sie die Stufen hinabstiegen, so gespannt, als ob sie mit jedem Schritt den Fuß an den Rand eines Abgrundes setzten. In den kurzen Stunden hatte die Unbekannte innerhalb seiner Vorstellungswelt schon ein so intensives Leben gelebt, daß ihr Herannahen ihm eine Verwirrung und Bestürzung verursachte, nicht unähnlich der, die er empfunden haben würde, wenn die lebendige Inkarnation irgendeiner aus seiner Kunst geborenen Idealgestalt ihm plötzlich entgegengetreten wäre.

Langsam stieg sie herab in dem Menschengewoge, das ihr Gesang für einige Augenblicke auf den Gipfel der Glückseligkeit emporgetragen hatte. Der Dogenpalast hinter ihr, von hellem Licht und wirrem Lärmen erfüllt, erweckte die Vorstellung von einer jener märchenhaften Auferstehungen, die plötzlich unzugängliche, inmitten von Wäldern schlummernde Königsschlösser verwandeln, in denen königliches Lockenhaar in der Einsamkeit wuchs, vom Schweigen der Jahrhunderte genährt, einem unvergänglichem Weidenbaum am Strome des Vergessens gleichend. Die beiden wachenden Giganten schimmerten rot bei der Glut der Fackeln; der Giebel des goldenen Portals erglänzte von kleinen Flämmchen; jenseits des nördlichen Flügels ragten die fünf Kuppeln der Basilika in den Himmel wie riesige, mit Edelsteinen reich geschmückte Bischofsmützen. Und das ungeheure Geschrei stieg und stieg durch all die marmornen Gebilde, unwiderstehlich wie das Brausen des Orkans gegen die starken Mauern von Malamokko.

In diesem nie erhörten Festestaumel, in diesem Kontrast ungewohnter Erscheinungen sah Stelio Effrena die beiden Versucherinnen sich seiner Begierde nahen, beide aus der Menge hervorschreitend wie aus der Umarmung eines Ungeheuers. Sein Wunsch malte ihm eine seltsame Verschmelzung vor, von der er glaubte, sie könne sich mit der Leichtigkeit der Träume und mit der Feierlichkeit einer liturgischen Zeremonie verwirklichen. Er glaubte, Perdita bringe ihm diese wundervolle Beute zu einem geheimnisvollen Zweck von Schönheit, zu irgendeinem erhabenen Lebenswerke, an dem sie selbst mit ihm gemeinsam schaffen wollte. Er glaubte, Perdita werde in der Nacht wundersame Worte zu ihm sprechen. Und über seine Seele glitt wieder die unbeschreibliche Melancholie, die er empfunden hatte, als er, über den bronzenen Rand geneigt, den Wiederschein der Sterne in diesem dunklen Spiegel unten betrachtet hatte, und er wartete auf ein Ereignis, das in der Tiefe seines Wesens jene geheimnisvolle Seele aufrühren sollte, die gleich diesem Wasserspiegel unbeweglich, fremd und unzugänglich blieb. Er verstand an der schwindelnden Schnelligkeit seiner Gedanken, daß er sich im Zustand der Gnade befände, im Hereinbrechen jener göttlichen Raserei, in die ihn nur die Wunder der Lagune versetzen konnten. Mit einem Vorgefühl von Trunkenheit trat er aus dem Schatten den beiden Frauen entgegen.

»Ach, Effrena –« sagte, beim Brunnen anlangend, die Foscarina – »ich hoffte kaum noch, Sie hier zu finden. Wir kommen spät, nicht wahr? Aber wir waren in die Menge geraten, ohne Entrinnen ...«

Und sich lächelnd an die Gefährtin wendend, fügte sie hinzu:

»Donatella, hier ist der Herr des Feuers.«

Lächelnd, aber ohne zu sprechen, erwiderte Donatella Arvale Stelios tiefe Verneigung.

Die Foscarina zog sie fort, indem sie hinzufügte:

»Wir müssen unsere Gondel suchen. Sie wartet an der Ponte della Paglia auf uns. Begleiten Sie uns, Effrena? Man muß den Augenblick benutzen. Die Menge drängt nach der Piazetta; die Königin entfernt sich durch die Porta della Carta.«

Ein einstimmiger, langgezogener Schrei begrüßte die Erscheinung der blonden, perlengeschmückten Königin oben auf der Treppe, wo einst der gewählte Doge im Angesicht des Volkes die Insignien seiner herzoglichen Würde empfing. Noch einmal wurde der Name der weißen Sternenblume, der reinsten Perle, vom Marmor als Echo zurückgeworfen. Jubelnde Blitze prasselten zum Himmel auf. Tausend flammende Tauben flatterten als Boten des Feuers von den Zinnen von San Marco.

»Das Epiphaniasfest des Feuers!« rief die Foscarina bei diesem blendenden Schauspiel, während sie dem Molo zuschritt.

Und an ihrer Seite standen Donatella Arvale und Stelio Effrena wie gebannt; und sie blickten sich an mit geblendeten Augen. Und ihre Gesichter, von dem Widerschein des Feuers entzündet, glühten, als ob sie über einen Schmelzofen oder über einen Krater gebeugt ständen.

 

Der Schein der unzähligen buntfarbenen, flüssigen Feuergarben verbreitete sich über das Firmament, glitt über das Wasser hin, wand sich an den Masten der Schiffe hinauf, bekränzte Kuppeln und Türme, verschönte das Gebälk, schlang sich um Statuen, schmückte Kapitale mit Edelsteinen, machte jede Linie reich und verklärte den Anblick all der heiligen und profanen Architekturwerke, in deren Umfassung das tiefe Wasser dalag wie ein Zauberspiegel, der all diese Wunder vervielfältigte. Die geblendeten Augen unterschieden nicht mehr die Grenzen und das Wesen der Elemente, sondern waren in einer grenzenlosen und ewig wechselnden Täuschung befangen, in der alle Formen, in vibrierendem Äther schwebend, ein lichtvolles und fließendes Leben lebten, sodaß die schlanken zierlichen Schiffe auf dem Wasser und die Myriaden goldener Tauben am Himmel miteinander an Leichtigkeit im gleichen Fluge zu wetteifern und die Gipfel unkörperlicher Gebilde zu berühren schienen. Was in der Dämmerung wie ein silberner Palast erschienen war, dessen Bauart den gewundenen Formen der Meeresgebilde nachgebildet schien, das war wahrhaftig ein Tempel, von den flinken Genien des Feuers erbaut. Das war wahrhaftig, ins Gigantische übertragen, eines jener labyrinthischen Gebilde, die das Feuer auf den Kaminrosten hervorzaubert, in deren hundert Spalten und Rissen doppelköpfige Auguren der spähenden Jungfrau rätselhafte Zeichen geben; das war, ins Gigantische übertragen, eins jener zerbrechlichen, rosenroten Königsschlösser, an deren tausend Fenstern für einen Augenblick die Salamander-Prinzeßchen sich blicken lassen und dem in Sinnen versunkenen Dichter wollüstig zulachen. Rosenfarben wie der westliche Mond strahlte auf der anstoßenden dreifachen Loggia die von Atlanten auf den Schultern getragene Kugel der Fortuna und verdunkelte mit ihrem Glanz ein Heer von Trabanten. Von der Ria, von San Giorgio, von der Giudecca aus trafen in der Höhe mit unaufhörlichem Prasseln Garben von flammenden Raketen zusammen, die sich oben zu Rosen, Lilien, paradiesischen Blumen erschlossen und hoch in der Luft einen Garten bildeten, der sich wieder auflöste, um in immer reicheren, immer seltsameren Formen neu zu erstehen. Es war wie eine schnelle Wechselfolge göttergleicher Frühlinge und Herbste. Ein endloser, sprühender Regen von Blüten und Blättern fiel aus diesem himmlischen Garten nieder und hüllte alles in seine goldenen Funken. Von weitem, gegen die Lagune zu, zwischen den Lücken, die sich in dem Gewimmel öffneten, sah man eine bewimpelte Flotte sich nahen, einen Schwarm von Segelschiffen. So mochten jene ausgesehen haben, von denen der üppige Schläfer träumte, der in seinem letzten Schlaf auf einem Bette dahinfuhr, erfüllt von tödlichen Düften. Und wie jene Schiffe, so mochten auch diese mit Tauwerk versehen sein, das aus den Haaren geraubter Sklavinnen gewunden war, ganz triefend von duftigem Öl; und wie jene hatten sie den Schiffsraum vollbeladen mit Myrrhen und Narden, mit Benzoë, mit Zimt, mit köstlichen Harzen, mit tausend Wohlgerüchen und mit Sandelholz, mit Zedern und mit Terpentinbäumen, mit hochgeschichteten duftenden Hölzern jeder Art. Wo diese bewimpelten Schiffe erschienen, beschworen die unbeschreiblichen Farben der Flammen diese Düfte und diese Spezereien herauf. Azurblau, grün, bläulichgrün, krokusgelb, violett, in verschwommenen Nuancen, schienen diese Flammen aus einer unterirdischen Feuersbrunst heraufzulodern und sich zu nie gesehenen Färbungen zu sublimieren. So loderten vielleicht im Altertum in der Wut der Plünderung die verborgenen Becken mit Essenzen, bestimmt, die Frauen der syrischen Fürsten im duftenden Bade aufzunehmen. Und so nahte sich jetzt, in dem Wasser, das übersät war von schmelzenden Körpern, die unter dem Kiel knirschten, die prächtige und verderbengeweihte Flotte langsam der Lagune, als wären ihre Steuermänner trunkene Träumer, die sie heranführten, damit sie angesichts des auf der Säule thronenden Löwen im Feuer sich verzehre wie ein gigantischer geweihter Scheiterhaufen, durch den das Innerste von Venedig für alle Ewigkeit mit betäubenden Wohlgerüchen erfüllt werden sollte.

»Das Epiphaniasfest des Feuers! Der unvorhergesehene Kommentar zu Ihrer Dichtung, Effrena! Die Stadt beantwortet den Akt Ihrer Anbetung mit einem Wunder. Sie brennt ganz und gar in ihrem Wasserschleier. Sind Sie zufrieden? Sehen Sie um sich! Tausende goldener Granatäpfel hängen überall.«

Die Schauspielerin lächelte, das Gesicht vom Fest erhellt. Jene eigentümliche Heiterkeit schien sich ihrer bemächtigt zu haben, die Stelio gar wohl kannte, und die in ihm stets die Vorstellung weckte, wie wenn in einem tiefen, verschlossenen Hause plötzlich hastige Hände alle in ihren Rahmen verquollenen Fenster und Türen mit dumpf knirschendem Ton aufrissen.

»Man muß Ariadne preisen« – sagte er – »weil sie in diese Harmonie den erhabensten Ton gebracht hat.«

Er hatte diese Worte nur gesprochen, um die Sängerin zum Reden zu veranlassen, um endlich den Klang dieser Stimme kennen zu lernen, losgelöst von der Weihe des Gesanges. Aber seine Schmeichelei verlor sich in dem erneuten Geschrei der Menge, die sich über den Molo ergoß und jedes Verweilen unmöglich machte. Er war den beiden Freundinnen beim Einsteigen in die Gondel behilflich; dann setzte er sich auf das Bänkchen ihnen gegenüber. Und der lange dreizackige Schiffschnabel tauchte in den funkelnden Zauber.

»Nach dem Rio Marin, durch den Canalazzo« – befahl die Foscarina dem Ruderer. »Sie wissen, Effrena, wir haben zum Nachtessen einige Ihrer besten Freunde: Francesco de Lizo, Daniele Glauro, den Fürsten Hoditz, Antimo della Bella, Fabio, Molza, Baldassare Stampa ...«

»Wir haben also ein Gastmahl« – unterbrach sie Stelio.

»Leider nicht das von Kana!«

»Aber wird denn Lady Myrta mit ihren Windspielen à la Paolo nicht dabei sein?«

»Selbstverständlich fehlt Lady Myrta nicht. Haben Sie sie nicht im Saal gesehen? Sie saß in einer der ersten Reihen, ganz in Ihren Anblick verloren.«

Während sie so miteinander sprachen, blickten sie sich in die Augen und gerieten plötzlich beide in tiefe Verwirrung. Und die Erinnerung an die überreiche Dämmerstunde, die sie auf demselben Wasser, das von dem nämlichen Ruder durchfurcht wurde, gemeinsam verlebt hatten, füllte ihre Herzen bis zum Rande, wie eine Woge trüben Blutes; und jene plötzliche Angst packte sie wieder, die sie beide empfunden hatten, als sie das Schweigen der Lagune, die schon tm Bereiche des Schattens und des Todes lag, hinter sich gelassen hatten. Und ihren Lippen widerstrebten die leeren trügerischen Worte, und ihre Seelen befreiten sich von dem Zwange, sich aus Klugheit vor diesem vergänglichen Tand des festlichen Lebens zu neigen, dem sie jetzt keinen Wert mehr zuerkennen konnten, da sie versenkt waren in die Betrachtung der wunderbaren Gestalten, die aus der Tiefe ihrer Seele emporstiegen im nie geschauten Glanze unversieglichen Reichtums, ähnlich jenen funkelnden Schätzen, die das sprühende Licht im nächtlichen Wasser offenbarte.

Aber da sie schwiegen wie damals, als sie sich dem Kriegsschiff mit der gesenkten Flagge genähert hatten, fühlten sie auf ihrem Schweigen die Gegenwart der Sängerin schwerer lasten, als sie damals schon ihren Namen empfunden hatten: und diese Last wurde nach und nach fast unerträglich. Und dennoch erschien sie Stelio, der doch Knie an Knie mit ihr saß, fern wie vorher im Walde der Instrumente: fern und unbewußt wie vorher in der Seligkeit des Gesanges. Und sie hatte noch immer nicht gesprochen!

Einzig um den Klang ihrer Stimme zu hören, fragte Stelio fast schüchtern:

»Werden Sie noch einige Zeit in Venedig bleiben?«

Er hatte nach Worten gesucht, hatte sie hin und her überlegt; und alle, die sich ihm auf die Lippen gedrängt hatten, hatten ihn beirrt, waren ihm doppelsinnig vorgekommen, zu lebhaft, zu verfänglich, geeignet, zahllose Möglichkeiten zu befruchten, grade wie tausende von Wurzeln aus unbekanntem Samen sich entwickeln. Und es schien ihm, als ob Perdita keines dieser Worte hören könnte, ohne daß ihre Liebe noch trauriger würde dadurch.

Und erst, als er diese harmlose Frage ausgesprochen, bemerkte er, daß auch hinter ihr sich eine Unendlichkeit von Wünschen und Hoffnungen bergen konnte.

»Ich muß morgen reisen« – erwiderte Donatella Arvale. – »Eigentlich dürfte ich schon heute nicht mehr hier sein.«

Ihre Stimme, so klar und so stark in der Bewegung des Gesanges, war leise, maßvoll, wie in zarten Schatten getaucht, und weckte die Vorstellung des kostbarsten Metalles, das in weichsten Samt gebettet ist. Ihre kurze Antwort beschwor vor der Phantasie einen Ort mit Qualen herauf, in den sie zurückkehren mußte, um sich einer wohlbekannten Marter zu unterziehen. Ein schmerzvoller Wille, wie ein in Tränen gestähltes Eisen, schimmerte durch den Schleier ihrer jugendlichen Schöne.

»Morgen!« – rief Stelio, seinen aufrichtigen Kummer nicht verbergend. – »Haben Sie gehört?«

»Ich weiß« – sagte die Foscarina, Donatellas Hand liebevoll ergreifend. – »Ich weiß; und es ist furchtbar traurig für mich, sie abreisen zu sehen. Aber sie darf sich nicht auf allzu lange Zeit von ihrem Vater entfernen. Sie wissen vielleicht gar nicht ...«

»Was?« – fragte Stelio lebhaft. – »Ist er krank? Es ist also wahr, daß Lorenzo Arvale krank ist?«

»Nein, er ist müde« – erwiderte die Foscarina, mit einer vielleicht unwillkürlichen Bewegung an die Stirn, aus der Stelio die entsetzliche Drohung verstand, die über dem Genius dieses Künstlers schwebte, der fruchtbar und unermüdlich geschienen hatte wie ein alter Meister, wie ein Della Robbia oder ein Verrocchio. – »Er ist nur müde ... nur müde ... Er braucht Ruhe und Linderung. Und der Gesang seiner Tochter bringt ihm Linderung ohnegleichen. Glauben Sie nicht auch an die Heilkraft der Musik, Effrena?«

»Gewiß« – antwortete er – »Ariadne besitzt eine göttliche Gabe, mit deren Hilfe ihre Macht alle Grenzen überschreitet.«

Ariadnes Name war ihm unwillkürlich auf die Lippen gekommen, wie um der Sängerin zu zeigen, als was er sie sah; denn es schien ihm unmöglich, die übliche vom weltlichen Brauch vorgeschriebene Anrede vor den wirklichen Namen des Mädchens zu setzen. Er sah sie rein und einzigartig, losgelöst von den kleinlichen Banden der Konvention, ein eigenes in sich abgegrenztes Leben lebend, ähnlich einem erhabenen Kunstwerk, auf das der Stil sein unverletzliches Siegel gedrückt hat. Er sah sie isoliert wie jene Figur, die durch einen vertieften, scharfen Umriß hervorspringt, dem alltäglichen Leben fremd, in ihr geheimstes Denken festgebannt; und schon empfand er vor der Intensität dieser konzentrierten Spannung eine Art leidenschaftlicher Ungeduld, nicht unähnlich der eines ungeduldigen Mannes vor einem hermetischen Verschluß, der ihn reizt.

»Ariadne hatte für ihre Schmerzen die Gabe des Vergessens« – sagte sie – »die fehlt mir.«

Eine vielleicht unbewußte Bitterkeit klang durch ihre Worte, aus denen Stelio die Sehnsucht nach einem durch nutzlosen Schmerz weniger belasteten Leben herauszuhören glaubte. Durch eine intuitive Erkenntnis erriet er in ihr den Zorn gegen die Sklaverei, den Abscheu vor dem Opfer, zu dem sie sich zu zwingen schien, den brennenden Wunsch, sich zur Freude zu erheben, und die Bereitschaft, wie ein schöner Bogen von starker Hand gespannt zu werden, die es verstünde, sich damit zu einer gottlichen Eroberung zu waffnen. Er erriet, daß sie keine Hoffnung auf Genesung des Vaters mehr hegte, und daß sie darunter litt, nichts mehr zu sein, als die Hüterin eines erloschenen Feuers, eines Aschenhaufens ohne Funken. Und das Bild des großen, tödlich getroffenen Künstlers stand vor ihm; nicht so, wie er war, denn nie hatte er seine vergängliche Hülle gesehen; sondern wie er ihn sich vorstellte nach den Typen von Schönheit, die sein Genius in unvergänglichem Marmor und in Bronze zum Ausdruck gebracht hatte. Und er sah sie unverwandt an, erstarrt in elnem Schrecken, der eisiger war, als ihn die grausigsten Bilder des Todes hervorrufen. Und seine ganze Kraft und sein ganzer Stolz und all seine Wünsche schienen in ihm zu ertönen wie ein Bündel Speere, die von dräuender Hand geschüttelt werden; und es war keine Fiber in ihm, die nicht bebte.

Da lüftete die Foscarina das Leichentuch, das auf einmal, mitten im Glanze des Festes, die Gondel in einen Sarg verwandelt hatte.

»Sehen Sie, Effrena« – sagte sie, auf den Balkon vom Hause der Desdemona deutend – » die schöne Nineta, die die Huldigung der Serenade zwischen ihrem Affen und ihrem Hündchen entgegennimmt.«

»Ach, die schone Nineta!« – rief Stelio und schüttelte die traurigen Gedanken von sich ab, verneigte sich lächelnd gegen den Balkon und sandte mit lebhafter Herzlichkeit der kleinen Dame, die den Musikern lauschte, von zwei silbernen Leuchtern erhellt, um deren gebogene Arme Kränze aus den letzten Rosen gewunden waren, seinen Gruß. – »Ich hatte sie noch nicht wieder gesehen. Sie ist das süßeste und anmutigste kleine Tier, das ich kenne. Was für ein Glück hatte dieser gute Hoditz, als er sie hinter dem Deckel eines Harmoniums entdeckte, als er einen Antiquitätenladen in San Samuele durchstöberte. Zwei Glücksfälle an einem Tag: die schöne Nineta und ein von Pordenone gemalter Deckel. Von dem Tage an war die Harmonie seines Lebens voll. Ich wünschte wirklich, daß Sie sich sein Nest ansähen! Sie würden das, was ich Ihnen heut beim Sonnenuntergang sagte, aufs wundervollste bestätigt finden. Das ist ein Mensch, der, seinem angebornen Geschmack für das Zarte, Feine folgend, es verstanden hat, mit vollendeter Kunst sich sein kleines Märchen zu schaffen, in dem er so glückselig lebt wie sein mährischer Ahn in dem Arkadien von Roßwald. Was für wundervolle Dinge weiß ich von ihm!«

Eine große, mit bunten Laternen geschmückte Barke, vollbesetzt mit Musikanten und Sängern, hielt unter Desdemonas Haus. Das alte Lied von der kurzen Jugend und der Vergänglichkeit der Schönheit klang süß hinauf zu der kleinen Dame, die zwischen ihrem Affen und ihrem Hündchen mit kindlichem Lächeln zuhörte – wie auf einem Stich von Pietro Longhi.

Do beni vu ghavé
Belezza e zoventù
Co i va no i torna più,
Nina mia cara...

»Scheint Ihnen nicht dies vielmehr die wirkliche Seele von Venedig zu sein, Effrena, während die, die Sie der Menge gezeigt haben, in Wahrheit nur Ihre eigene war?« – sagte die Foscarina, leise den Kopf wiegend nach dem Rhythmus der weichen Melodie, die den ganzen Canale Grande erfüllte und in der Ferne von den andern Barken widerklang.

»Nein, so verhält es sich nicht« – antwortete Stelio. –»In unserm Innern lebt, wie ein flatterhafter Schmetterling, der auf der Oberfläche unsrer tiefen Seele gaukelt, ein kleines Seelchen, ein kleinwinziger Spaßgeist,der uns oft verführt und zu schmeichlerischen und inferioren Vergnügungen überredet, zu kindischem Zeitvertreib, zu leichter Musik. Dieses flatternde Seelchen existiert auch in ernsten und leidenschaftlichen Naturen, gerade so, wie Sie der Person des Othello jenen Clown beigesellt sehen; und zuweilen fälscht es unser Urteil. Was Sie jetzt auf den Gitarren trällern hören, ist das Seelchen von Venedig; aber Venedigs wahre Seele enthüllt sich einzig im Schwelgen und noch schreckvoller – seien Sie dessen sicher – zur Mittagsstunde im Hochsommer, wie der große Pan. Und doch, vorher, dort auf der Lagune von San Marco, glaubte ich, Sie hätten sie einen Augenblick in dem ungeheuren Flammenmeer vibrieren sehen. Sie vergessen um der Rosalba willen Giorgione!«

Um die Barke der Sänger scharten sich Boote voll schmachtender Frauen, die sich der Musik in hingebender Bewegung neigten, als wären sie im Begriff, zwischen unsichtbaren Armen ohnmächtig hinzusinken. Und rings um diese konzentrierte Wollust zitterten die vom Wasser widergespiegelten Laternen wie ein Gewinde buntfarbiger, leuchtender Wasserrosen.

Se lassaré passar
La bela e fresca etá,
Un zorno i ve dirá
Vechia maura;
E bramaré, ma invan
Que che ghavevi in man
Co avé lassar scampar
La congiontura.

Das war wirklich das Lied der letzten Rosen, die um die gewundenen Arme des Kandelaber dahinwelkten. Es zauberte vor Perditas Seele den Totenzug des dahingestorbenen Sommers, den opalschimmernden Schrein, in den Stelio den süßen, in Gold gekleideten Leichnam geschlossen hatte. Sie sah ihr eigenes Bild in dem vom Herrn des Feuers festverschlossenen Glassarg, tief unten im Grunde der Lagune, auf weiten Wiesen von Seetang. Ein plötzlicher Schauder lief über ihre Glieder; Schrecken und Ekel vor ihrem der Jugend baren Körper schnürten sie Zusammen. Und als sie sich ihres vorher gegebenen Versprechens erinnerte, als sie daran dachte, daß noch in dieser selben Nacht der Geliebte seine Erfüllung heischen könne, krampfte sie von neuem zusammen im Schauder einer schmerzhaften, aus Angst und Stolz gemischten Scham. Ihre erfahrenen und verzweifelten Augen bohrten sich in die Frau an ihrer Seite, sie spürten ihr auf den Grund, sie blickten sie durch und durch, und sie erkannten die verborgene, aber sieghafte Kraft, die unberührte Frische, die quellreine Gesundheit und jene unbeschreibliche Liebesfähigkeit, die wie ein Aroma von den keuschen Körpern reiner Jungfrauen strömt, wenn ihre Blüte die volle Reife erlangt hat. Die geheime Wahlverwandtschaft, die dieses Geschöpf schon an den Wecker band, schien sich ihr zu offenbaren; es war ihr, als ob sie die Worte erriete, die er im Schweigen an sie richtete. Sie empfand eine wilde, unerträgliche Qual mitten in der Brust, sodaß ihre Finger mit einer unwillkürlichen Bewegung krampfhaft die schwarze Schnur der Armlehne umklammerten, und man den kleinen metallenen Greifen, mit dem sie befestigt war, kreischen hörte.

Stelio, der sie unruhig beobachtete, war diese Bewegung nicht entgangen. Er verstand diese wütende Qual und erduldete sie selbst für einige Augenblicke auf das heftigste mit; aber vermischt mit einer beinah zornigen Ungeduld. Denn sie durchkreuzte und unterbrach wie ein störender Schrei eine Dichtung voll transzendentalen Lebens, die er eben in sich gestaltet hatte, um die Widersprüche zu versöhnen, um jene neue Gewalt zu bezwingen, die sich ihm darbot wie ein Bogen, der gespannt werden will, und zugleich um den würzigen Duft dieser üppigen Vollreife nicht zu verlieren, die das Leben mit jeder Fülle befruchtet hatte, den Genuß dieser leidenschaftlichen Hingabe und dieses leidenschaftlichen Glaubens, durch die sein Geist wie durch einen zündenden Zaubertrank geschärft, und sein Stolz wie durch nie endendes Lob genährt wurde. ›Ach, perdita,‹ dachte er, ›warum hat sich aus deinen unzähligen irdischen Lieben nicht ein reiner, übermenschlicher Geist der Liebe sublimiert? Ach, warum hat meine Begierde endlich den Sieg über dich davontragen wollen, da ich doch wußte, daß es zu spät; und warum lassest du es zu, daß ich in deinen Augen die Gewißheit des bevorstehenden Besitzes in einer Flut von Zweifeln lese, die doch nicht dahin führen werden, die niedergeworfene Schranke wieder aufzurichten? Obgleich wir beide wohl wußten, daß der ganze Adel unsrer langen Verbindung grade in dieser Schranke liegt, haben wir sie nicht aufrecht zu erhalten verstanden; und in der zwölften Stunde werden wir blindlings dem Gebot einer trüben, nächtlichen Stimme erliegen. Und doch habe ich vorher, als dein Haupt in jenen Sternenkreis ragte, in dir nicht mehr die Geliebte meiner Sinne, sondern die verkündende Muse meiner Poesie gesehen; und die ganze Dankbarkeit meiner Seele galt der Verheißung des Ruhmes, nicht der Verheißung der Lust. Du, die mich immer versteht: verstandest du das nicht? Hast du nicht selbst mit wundervoller Divinationsgabe auf dem Strahle deines Lächelns meinen Wunsch zu jener blühenden Jugend getragen, die du für mich auserwählt, für mich gehegt hast? Als du an ihrer Seite die große Treppe herabkamst, sahest du nicht aus wie jemand, der ein Geschenk bringt oder eine unerwartete Verkündigung? Nicht unerwartet vielleicht, Perdita, nicht unerwartet; denn ich erhoffte von deiner unendlichen Weisheit irgendeine unerhörte Tat ...‹

»Wie glücklich ist die schöne Nineta zwischen ihren Affen und ihrem Hündchen!« – seufzte die verzweifelte Frau, indem sie ihren Kopf zurückwandte nach dem leichten Liedchen und dem lachenden Balkon.

La zoventù xe un fior
Che apena nato el mor,
E un zorno guanca mi
No sarò quela.

Auch Donatella Arvale wendete den Kopf zurück, und gleichzeitig mit ihr Stelio Effrena. Und das leichte Schiffchen trug, ohne auf den Grund zu sinken, das schwerlastende Geschick dieser drei über das Wasser und über die Musik.

E vegna quel che vol,
Lassé che vaga!

Über den ganzen Canale Grande, in der Ferne von Barken wiederholt, tönte das Lied der vergänglichen Lust. Auch die Ruderer, fortgerissen von dem Rhythmus, einten ihre Stimmen dem fröhlichen Chor. Diese Freude, die dem Dichter in dem ersten Ausbruch der auf dem Molo dicht gedrängten Menge schrecklich erschienen war, war jetzt maßvoller geworden, milder und abgetönter, sie blühte in Anmut und üppigen Scherzen. Venedigs Seelchen wiederholte das Ritornell von der Flüchtigkeit des Lebens, spielte die Gitarre dazu und tanzte zwischen den bunten Gewinden der Laternen.

E vegna quel che vol,
Lassè che vaga!

Plötzlich flammte vor dem roten Palazzo der Foscari, da wo der Kanal die Biegung macht, ein großer Bucentaur auf, wie ein Turm, der in Flammen steht. Und wieder schossen neue Blitze zum Himmel. Und neue leuchtende Tauben stiegen vom Deck auf, bis über die Loggien hinauf, huschten über die marmornen Bildwerke, schlugen zischend ins Wasser, vermehrten sich hier in zahllosen Funken und schwammen rauchend obenauf. Längs der Seitenwände, auf dem Hinter- und Vorderdeck spieen gleichzeitig tausend Feuerfontänen, sie verbreiteten sich, flossen ineinander und beleuchteten mit glühendem Rot den ganzen Kanal nach allen Seiten hin, bis zu San Vitale, bis zum Rialto. Der Bucentaur entschwand den Blicken, in eine purpurrote, krachende Wolke verwandelt.

»Nach San Polo, nach San Polo!« rief die Fascarina dem Ruderer zu, indem sie ihren Kopf duckte wie vor einem Gewitter und beide Ohren mit den Handflächen vor dem Getöse schützte.

Und Donatella Arvale und Stelio Effrena sahen sich wieder mit geblendeten Augen an. Und ihre Gesichter, von dem Widerschein entzündet, glühten, als ob sie über einen Hochofen oder über einen Krater gebückt ständen.

Die Gondel bog in den Rio di San Polo ein und verlor sich im Schatten. Ein eisiger Schleier senkte sich plötzlich auf die drei Schweigsamen. Unter den Brückenbogen hörten sie wieder den Takt des Ruders; und der Lärm des Festes schien unendlich fern. Alle Häuser waren dunkel; der Glockenturm ragte stumm und schweigsam in die Sterne; das Campiello del Remar und das Campiello del Pistor lagen verödet, und das Gras atmete in Frieden; die Bäume, die über den Mauern der kleinen Gärtchen hingen, fühlten, wie die Blätter an den zum heiteren Himmel hochgereckten Zweigen starben.

 

»So hat denn wenigstens für einige Stunden in Venedig der Rhythmus der Kunst und der Pulsschlag des Lebens im gleichen Takte vibriert« – sagte Daniele Glàuro, indem er seinen Kelch, an dem der heilige Deckel fehlte, erhob. – »Es sei mir gestattet, auch im Namen zahlreicher Abwesender, die Dankbarkeit auszusprechen und die inbrünstige Empfindung, die die drei Personen, denen wir dies Wunder verdanken, zu einem einzigen Bilde von Schönheit zusammenschmelzen: unsre Gastgeberin, die Tochter von Lorenzo Arvale, und der Dichter der Persephon!«

»Warum auch die Gastgeberin, Glàuro?« – fragte lächelnd, mit anmutigem Erschrecken, die Foscarina. – »Ich habe, geradeso wie Sie, Freude empfangen, nicht gegeben. Man soll Donatella bekränzen und den Dichter. Ihnen beiden gebührt der Ruhm.«

»Aber Ihre schweigende Gegenwart vorhin, in dem Saale des Großen Rats, dicht bei dem Himmelsglobus« – erwiderte der mystische Doktor « «war nicht minder beredt als Stelios Worte, nicht minder musikalisch als Ariadnes Gesang. Und wieder einmal haben Sie im Schweigen Ihre eigene Statue, die nun zusammen mit dem Worte und mit dem Gesang in unserer Erinnerung leben wird, gÖttergleich gemeißelt.«

Mit geheimem, tiefinnerem Schauer sah Stelio Effrena wieder das veränderliche und unbeständige Ungeheuer vor sich, aus dessen Flanken die tragische Muse mit dem in den Sternenkreis ragenden Haupte auftauchte.

»Das ist wahr! Das ist richtig!« – rief Francesco de Lizo. – »Ich hatte denselben Gedanken. Wer immer Sie ansah, erkannte, daß Sie der lebendige Mittelpunkt dieser idealen Weltwaren, von der jeder von uns – von uns Getreuen, von uns Nächststehenden – fühlte, daß sie aus seinem eigenen Sehnen entstand, während er dem Worte, dem Gesang und der Symphonie lauschte.«

»Jeder von uns« – sagte Fabio Wolza – »fühlte,daß in Ihrer Gestalt, die im Angesicht des Dichters die Menge beherrschte, eine ungewohnte und grandiose Bedeutung liege.«

»Es schien, als ob Sie allein bei der geheimnisvollen Geburt einer neuen Gedankenwelt Beistand leisteten« – sagte Antimo della Bella. – »Alles ringsum schien sich zu beseelen, um diese Gedankenwelt ins Leben zu rufen, die uns nun bald offenbart werden wird, zum Lohn dafür, daß wir sie mit so unerschütterlichem Glauben erwartet haben.«

Der dichterische Erwecker fühlte mit einem neuen Schauer in seinem Innern die Zuckungen des Werkes, das er in sich trug, noch formlos und doch schon lebenskräftig; und seine ganze Seele drängte sich mit ungestümer Gemalt, wie übermannt von lyrischer Ergriffenheit, nach der befruchtenden und belebenden Kraft, die von dem dionysischen Weibe ausströmte, zu dem die Lobhymnen dieser begeisterten Bewunderung aufstiegen.

Sie war mit einem Male wunderschön geworden, ein dunkelnächtiges Geschöpf, das auf goldenem Amboß von Leidenschaften und Träumen gestaltet worden, ein atmendes Bildnis unsterblicher Götter und urewiger Rätsel. Auch wenn sie unbeweglich war, auch wenn sie schwieg, schienen ihre wundervollen Töne, ihre unvergleichlichen Bewegungen um sie herum zu leben und unbestimmt zu vibrieren, wie Melodien um die Saiten, die sie wiederzugeben pflegen, wie Reime um das geschlossene Buch, in dem die Liebe und der Schmerz sie aufzusuchen pflegen, um sich daran Zu berauschen oder Trost zu finden. Antigones heroische Treue, Cassandras prophetische Raserei, Phädras verzehrendes Fieber, Medeas Wildheit, das Opfer der Iphigenie, Myrrha vor dem Vater, Polyxena und Alceste angesichts des Todes, Cleopatra, veränderlich wie Wind und Flamme, Lady Macbeth, die seherische Mörderin mit den kleinen Händen, und diese weißen Lilien ganz betaut mit Blut und Tränen, Imogen, Julia, Miranda und Rosalinda, Jessica und Perdita, die süßesten Geschöpfe und die schrecklichsten und die prachtvollsten, sie alle waren in ihr, sie bewohnten ihren Körper, sie blitzten aus ihren Augen, sie atmeten aus ihrem Mund, der den Honig kannte und das Gift, den edelsteinfunkelnden Pokal und die Schale aus Baumrinde. So schien sich, räumlich und zeitlich unbegrenzt, die gegebene Form des Stoffes und des Lebens zu erweitern und zu verewigen; und dennoch entstanden diese unendlichen Welten unvergänglicher Schönheit einzig und allein aus einer Muskelbewegung, aus einer Andeutung, einem Wink, einem Gesichtszug, aus einem Schlagen der Augenlider, aus einer schwachen Veränderung der Farbe, einer leichten Neigung der Stirn, aus einem flüchtigen Spiel von Licht und Schatten, aus einer erstaunlich lebhaften Ausdrucksfähigkeit, die in dem gebrechlichen, schwachen Körper wohnte. Die Genien selbst der durch die Poesie geheiligten Orte schwebten über ihr und Zauberten rings um sie buntwechselnde Bilder. Die staubige Ebene von Theben, das steinige Argolis, die verdorrten Myrten von Trözen, die heiligen Ölbäume von Kolonos, der triumphierende Kydnos, das fahle Gefilde von Dunsinan, Prosperos Höhle und der Ardennenwald, blutgetränkte Länder, von Schmerzen durchwühlt, und Länder, die durch einen Traum umgewandelt oder durch ein unauslöschliches Lächeln verklärt sind, – sie alle erschienen hinter ihrem Haupt, entfernten sich wieder und schwanden. Und andere ferne Länder, neblige Gegenden, nordische Steppen, ungeheure Kontinente jenseits der Ozeane, durch die sie wie eine unerhörte Kraft inmitten der betäubten Menge geschritten war, das Wort und die Flamme vor sich hertragend, schwanden hinter ihrem Haupte; und weiter das menschliche Gewimmel samt Bergen und Strömen und Golfen und verderbten Städten, uralte, ausgestorbene Geschlechter, starke Völker, die nach der Weltherrschaft strebten; neue Geschlechter, die der Natur ihre geheimsten Kräfte entreißen, um sie in ihren eisernen und kristallnen Häusern der allmächtigen Arbeit nutzbar zu machen; die Ansiedelungen verkommener Rassen, die auf jungfräulichem Boden sich zersetzen und verfaulen; all die barbarischen Massen, denen sie wie eine erhabene Offenbarung des lateinischen Genius erschienen war, all die unbekannten Scharen, denen sie die göttliche Sprache Dantes gesprochen hatte, all die zahllosen menschlichen Herden, von denen auf einer Woge wirrer Hoffnungen und Ängste das Sehnen nach der Schönheit zu ihr aufgestiegen war. Da war sie, das Geschöpf aus hinfälligem Fleisch und Bein, den traurigen Gesetzen der Zeit unterworfen; und eine unermeßliche Fülle wirklichen und geträumten Lebens lastete auf ihr, erfüllte die Atmosphäre um sie herum, pulsierte mit dem Rhythmus ihres Atems. Denn nicht nur in der Welt der Dichtung hatte sie ihre Wehrufe ertönen lassen, ihre Seufzer erstickt, sondern auch in der Alltagswelt. Sie hatte leidenschaftlich geliebt, gekämpft, gelitten um sich selbst, um ihre Seele, um ihr Blut. Welche Art von Liebe, von Kämpfen, von Seelenschmerzen? Aus welchen Abgründen von Melancholie hatte sie die Erhabenheit ihrer tragischen Kraft gewonnen? Aus welchen Quellen von Bitternis hatte sie ihren freien Genius getränkt? Sie war ohne Zweifel Zeuge des grausamsten Elends, der düstersten Verzweiflung gewesen; sie hatte heroische Anstrengungen gekannt und Mitleid und Entsetzen und die Schwelle des Todes. All ihr Dürsten brannte in Phädras Raserei, und in Imogens Demut zitterten all ihre Zärtlichkeiten. So machten Leben und Kunst, die unwiderrufliche Vergangenheit und die endlose Gegenwart, sie tief, beseelt und geheimnisvoll; sie hoben ihre schwankenden Schicksale weit über die menschlichen Grenzen hinaus; sie machten sie zur Genossin der Tempel und Haine.

Und sie war hier, atmend, unter den Augen der Dichter, die sie einzig sahen und doch verschieden.

»Ach! ich will dich besitzen wie in einer ungeheuren Orgie; wie einen Thyrsus will ich dich schwingen; wachrütteln will ich in deinen erfahrnen Sinnen all die göttlichen und die ungeheuerlichen Dinge, die dich belasten, die vollendeten und die noch in dir gären und wachsen wie in heiliger Reifezeit –« so sprach der dichterische Dämon des Erweckers, und er erkannte in dem Mysterium des anwesenden Weibes die überlebende Kraft des primitiven Mythus, die wiedererneute Geburt der Gottheit, die alle Kräfte der Natur in einen gärenden Boden gesenkt und mit dem Umgestalten der Rhythmen Sinn und Geister der Menschen in ihrem enthusiastischen Kultus auf den Gipfel der Freude und des Schmerzes erhoben hatte. »Wie werde ich es genießen, wie werde ich es genießen, daß ich auf sie gewartet habe! Der Wechsel der Jahre, der Aufruhr der Träume, die Erregungen des Kampfes, die Schnelligkeit der Triumphe, die Unreinheit ihrer Liebe, die Bezauberung der Poeten, der jubelnde Zuruf der Völker, alle Wunder der Erde, die Langmut und die zornige Wut, das Verweilen im Schmutz, die blinden Flüge, alles Schlimme und alles Gute, das was ich weiß und das was ich nicht weiß, das was du weißt und das was du nicht weißt: alles, alles gehört zur Überfülle meiner Liebesnacht.«

Er fühlte, wie er erbleichte, dem Ersticken nahe. Die Begierde hatte ihn mit wildem Ungestüm an der Gurgel gepackt, um ihn nicht wieder loszulassen. Und sein Herz quoll über von demselben heißen Sehnen, das sie beide empfunden hatten, als sie im dämmernden Abend dahinfuhren über das Wasser, das ihnen mit rasendem Lauf fortzuströmen schien.

Und wie so plötzlich die ins Unermeßliche gesteigerte Vision von Orten und von Vorgängen ihm entschwand, erschien das dunkelnächtige Geschöpf noch tiefer mit der von tausend grünen Gürteln umwundenen und mit ungeheurem Geschmeide geschmückten Stadt verknüpft. In der Stadt wie in der Frau erkannte er eine niemals vorher erschaute Kraft der Ausdrucksfähigkeit. Die eine wie die andere loderten in der Herbstnacht, durch die Adern wie durch die Kanäle dasselbe Fieber jagend.

Hinter Perditas Kopf leuchteten die Sterne, wiegten sich die Bäume, dunkelte tief ein Garten. Von den offnen Balkonen wehten frische Himmelslüfte herein, bewegten die Flammen der Kandelaber und die Kelche der Blumen, strichen durch die Türen, blähten die Vorhänge auf und belebten das ganze alte Haus der Capello, in dem die letzte große Tochter San Marcos, die die Völker der Erde mit Ruhm und Gold bedeckt hatten, die Reliquien der republikanischen Herrlichkeit aufgespeichert hatte. Die Zimmer waren bis zum Übermaß angefüllt mit Galeonen, türkischen Schilden, Köchern aus Leder, bronzenen Helmen, samtenen Schabracken, die von jenem wunderlichen Cesare Darbes herstammten, der die Kunstkomödie gegen die Goldonische Reform hochgehalten und die Agonie der durchlauchtigsten Republik in einen Lachkrampf verwandelt hatte.

»Ich verlange nichts, als dieser Idee bescheiden zu dienen« – sagte die Foscarina zu Antimo della Bella, mit leichtem Beben in der Stimme, denn Stelios Blick war dem ihren begegnet.

»Sie allein könnten ihr zum Triumph verhelfen« – sagte Francesco de Lizo. – »Die Seele der Menge gehört Ihnen für alle Ewigkeit.«

»Das Drama kann nichts anderes sein als ein Gottesdienst oder eine Botschaft« – entschied jetzt Daniele Glàuro. – »Die Vorstellung muß wieder feierlich werden wie eine kirchliche Handlung, die die beiden wesentlichen Elemente eines jeden Kultus in sich vereinigt: die Person, in der, auf der Szene wie vor dem Altar, das Wort eines Verkünders Fleisch und Blut wird; die Gegenwart der Menge, die stumm wie im Tempel …«

»Bayreuth!« unterbrach ihn Fürst Hoditz.

»Nein, der Janikulus« – rief Stelio Effrena, plötzlich aus seinem fiebernden Schweigen auffahrend – »ein römischer Hügel. Nicht aus Holz und Ziegel in Oberfranken: wir wollen ein Theater aus Marmor auf dem römischen Hügel haben.«

Die überraschende Opposition in seinen Worten schien fast von einer leichten Geringschätzung diktiert.

»Bewundern Sie nicht Richard Wagners Werke?« fragte mit einem flüchtigen Runzeln der Augenbrauen, das für einen Augenblick ihr verschlossenes Gesicht beinahe hart erscheinen ließ, Donatella Arvale.

Er sah ihr in die Augen; und er fühlte, was sich da verborgen feindselig im Wesen der Jungfrau aufbäumte, und er empfand selbst gegen sie die gleiche unbestimmte Feindseligkeit. Und er sah sie wieder isoliert, ihr eigenes eng umgrenztes Leben lebend, in ein tiefgeheimstes Denken festgebannt, fremd und unverletzlich.

»Richard Wagners Werk« – erwiderte er – »ist auf germanischem Geist begründet und von speziell nordischer Beschaffenheit. Seine Reform gleicht in gewissem Sinne der von Luther angestrebten. Sein Drama ist nichts als die feinste Blüte eines Volksstammes, als die wundervoll ergreifende Zusammenfassung all der Sehnsuchten, die die Gemüter der nationalen Musiker und Dichter quälten, von Bach zu Beethoven, von Wieland zu Goethe. Wenn Sie sich seine Musikdramen vorstellen an den Gestaden des Mittelmeeres, zwischen unsern hellen Oliven-, zwischen unsern hohen Lorbeerbäumen, unter der Glorie des lateinischen Himmels, so würden Sie sie erbleichen und vergehen sehen. Da es – nach seinem eigenen Worte – dem Künstler gegeben ist, eine noch gestaltlose Welt kommender Vollendung erglänzen zu sehen und ihrer im Wunsch und in der Hoffnung prophetisch zu genießen, so verkünde ich die Herankunft einer neuen, oder einer wieder erneuten Kunst, die durch die starke und ehrliche Einfachheit ihrer Linien, durch ihre kraftvolle Anmut, durch die Glut ihres Geistes, durch die reine Kraft ihrer Harmonien das ungeheure ideale Gebäude unsres auserwählten Volkes fortführen und krönen wird. Ich bin stolz darauf, ein Lateiner zu sein; und – verzeihen Sie es mir, o träumerische Lady Myrta, verzeihen Sie es mir, o sinniger Hoditz – ich erkenne in jedem Menschen von fremdem Blute einen Barbaren.«

»Aber auch er, Richard Wagner, stammt, wenn man den Faden seiner Theorien verfolgt, von den Griechen« – sagte Baldassare Stampa, der, eben erst von Bayreuth heimgekehrt, noch ganz in der Ekstase lebte.

»Das ist ein ungleicher und wirrer Faden« – erwiderte der Meister. – »Nichts ist so weit von der Orestiade entfernt wie die Nibelungentetralogie. Die Florentiner aus der Casa Bardi sind weit tiefer in den Geist der griechischen Tragödie eingedrungen. Ehre der Camerata des Grafen von Vernio!«

»Ich habe immer geglaubt, die Camerata wäre eine müßige Vereinigung von Gelehrten und von Schönrednern« – sagte Baldassare Stampa.

»Hast du das gehört?« – wandte sich Stelio an den mystischen Doktor. – »Wann hat man je auf der Welt einen glänzenderen Brennpunkt geistigen Lebens gesehen? Jene suchten im griechischen Altertum den Geist des Lebens; sie trachteten danach, alle menschlichen Kräfte harmonisch zu entwickeln, mit allen Mitteln der Kunst den ganzen Menschen zu offenbaren. Giulio Caccini lehrte, daß zur Vollendung des Musikers nicht allein Spezialkenntnisse gehören, sondern die Gesamtheit aller Dinge. Die rotblonde Haarmähne von Jacopo Peri, von Zazzerino, flammte im Gesang gleich der Apollos. In der Vorrede zur Darstellung von Seele und von Körper setzt Emilio del Cavaliere dieselben Ideen über die Bildung des neuen Theaters auseinander, die in Bayreuth zur Anwendung kamen; mit inbegriffen die Vorschriften über die vollkommene Stille, das unsichtbare Orchester und die Vorzüge des verdunkelten Raumes. Marco da Gagliano preist, gelegentlich seiner Lobrede eines festlichen Schauspiels, das Zusammenwirken aller Künste, ›derart, daß zugleich mit dem Verstande auch allen edleren Sinnen geschmeichelt wurde durch die angenehmsten Künste, die der menschliche Geist nur erfinden konnte‹ – Das genügt wohl?«

»Bernino« – sagte Francesco de Lizo – »ließ in Rom eine Oper aufführen, für die er selbst das Theater baute, die Dekorationen malte, die zum Schmuck nötigen Statuen meißelte, die Maschinerien erfand, den Text dichtete, die Musik komponierte, die Tänze arrangierte, die Schauspieler unterwies, und in der er selbst tanzte, sang und deklamierte.«

»Genug, genug!« – rief Fürst Hoditz lachend. – »Der Barbar ist geschlagen.«

»Es ist noch nicht genug« – sagte Antimo della Bella. – »Den allergrößten Reformator gilt es noch zu feiern, den seine Liebe und sein Tod zum Venezianer stempeln, ihn, der ein Grabmal in der Kirche dei Frari hat, zu dem man wallfahrten sollte: den göttlichen Claudio Monteverde.«

»Eine heroische Seele von reinster italienischer Prägung!« – stimmte verehrungsvoll Daniele Glàuro bei.

»Er vollbrachte sein Werk im Sturm, liebend, leidend, kämpfend, allein mit seinem Glauben, mit seiner Leidenschaft, mit seinem Genius« – sagte langsam die Foscarina, wie versenkt in die Vision dieses schmerzensreichen und mutvollen Lebens, das mit seinem heißesten Herzensblute die Geschöpfe seiner Kunst genährt hatte. – »Sprechen Sie uns von ihm, Effrena.«

Stelio erbebte, als ob sie ihn unversehens berührt hätte. Wieder hatte die schöpferische Kraft dieses offenbarenden Mundes eine ideale Gestalt aus unbeschreiblicher Tiefe heraufbeschworen, die wie aus einem Grabe vor dem Poeten erstand, Farbe und Hauch des wirklichen Lebens annehmend. Der alte Violaspieler trat vor die Versammlung, glühend und traurig im Schmerz um die verlorene Liebe, wie der Orpheus seiner Dichtung.

Das war eine Offenbarung des Feuers, gewaltiger und blendender als die, die vorher die Lagune von San Marco entzündet hatte: eine flammende Lebenskraft, herausgestoßen aus dem innersten Schoße der Natur gegen das Bangen der Massen: ein gewaltiger Lichtgürtel, ausgeströmt von einem unterirdischen Himmel, um die geheimsten Gründe des menschlichen Willens und des menschlichen Begehrens zu durchleuchten; ein nie erhörtes Wort, aufgestiegen aus dem Urschweigen, um das auszusprechen, was als ewiges und ewig-unsagbares im Herzen der Welt lebt.

»Wer möchte von ihm sprechen, wenn er selbst zu uns sprechen kann?« – sagte der Dichter, verwirrt, unfähig, den wachsenden Tumult zu beherrschen, der in seinem Innern schwoll wie ein Meer von Sehnsucht.

Und er blickte auf die Sängerin; und er sah sie, wie sie ihm während der Pause erschienen war in dem Walde der Instrumente, weiß und blutlos wie eine Statue.

Aber der einmal heraufbeschworene Geist der Schönheit mußte sich durch sie offenbaren.

»Ariadne!« – fügte Stelio leise hinzu, wie um sie aufzuwecken.

Ohne zu sprechen, erhob sie sich, schritt auf eine Tür zu und ging in das Nebenzimmer. Man hörte das Rauschen ihres Kleides, den leisen Klang ihrer Schritte und das Geräusch des Klaviers, das geöffnet wurde. Alle waren stumm und gespannt. Ein musikalisches Schweigen nahm den leergebliebenen Platz in der Tafelrunde ein. Nur einmal bewegte ein Windhauch die Flammen und spielte mit den Blumen. Dann schien alles wieder unbeweglich und bangend in der Erwartung. »Laßt mich sterben!«

Plötzlich wurden die Seelen fortgerissen von einer Gewalt, die dem blitzgleichen Adler glich, von dem Dante im Traume bis zum Feuer getragen wurde. Sie erglühten gemeinsam in der urewigen Wahrheit, sie hörten die Melodie der Welt durch ihre leuchtende Ekstase klingen.

»Laßt mich sterben!«

War es wieder Ariadne, die in neuen Schmerzen weinte? Wieder Ariadne, die zu neuem Martyrium emporstieg?

»Und was sollte
Mich trösten
In so hartem Geschick,
In so bittrem Martyrium?
Laßt mich sterben!«

Die Stimme schwieg; die Sängerin kam nicht wieder zum Vorscheine. Die Arie von Claudio Monteverde grub sich in die Erinnerung mit unvergänglichen Linien.

»Gibt es irgendeinen griechischen Marmor, der es zu einer naiveren und zugleich fester umrissenen Vollendung des Stiles gebracht hätte?« – sagte Daniele Glàuro leise, als fürchte er, die musikalische Stille zu unterbrechen.

»Aber welcher irdische Schmerz hat auch je so geweint?« – stammelte Lady Myrta, die Augen voll Tränen, die ihr über die Falten des armen blutlosen Gesichts herunterliefen, während ihre von der Gicht entstellten Hände zitterten, als sie sie trocknete.

Der strenge Geist des Asketen und diese weiche, empfindsame, in einen alten, kranken Körper gebannte Seele legten Zeugnis ab für ein und dieselbe Kraft. So hatten vor beinahe drei Jahrhunderten in dem berühmten Theater zu Mantua sechstausend Zuhörer ihr Schluchzen nicht zurückhalten können; und die Dichter hatten an die lebendige Gegenwart Apollos auf der neuen Bühne geglaubt.

»Hier, Baldassare« – sagte Stelio Effrena – »ist es einem Künstler unserer Rasse mit den einfachsten Mitteln gelungen, den höchsten Gipfel jener Schönheit zu berühren, der sich der Deutsche in seiner unklaren Sehnsucht nach dem Vaterlande des Sophokles nur ganz selten genähert hat.«

»Kennst du die Klage des kranken Königs?« – fragte ihn der Jüngling mit den langen goldenen Haaren, die er wie ein Erbteil der venezianischen Sappho, der »erhabenen Gasparra«, der unglücklichen Freundin Collaltinos, trug.

»Die ganze Qual des Amfortas ist in einer Motette, die ich kenne, ›Peccantem me quotidie‹ schon enthalten; aber mit welch' lyrischer Gewalt, mit welch' machtvoller Einfachheit! Alle Kräfte der Tragödie sind hier, ich möchte fast sagen, sublimiert, wie die Instinkte der Menge in einem heroischen Herzen. Die so viel ältere Weise Palestrinas scheint mir um ebensoviel reiner und kraftvoller.«

»Aber der Kontrast zwischen Kundry und Parsifal im zweiten Akt, das Motiv der Herzeleide, die leidenschaftlich bewegte Violinfigur, das Motiv des Schmerzes, der frommen Weise des Liebesmahles entnommen, Kundrys Sehnsuchtsmotiv, das prophetische Thema der Verheißung, der Kuß auf den Mund des reinen Toren, der ganze qualvolle und berauschende Widerstreit zwischen Wunsch und Abscheu ...

›Die Wunde! – Die Wunde! –
Sie brennt in meinem Herzen. –
... Nun blutet sie mir selbst –‹

Und über der verzweiflungsvollen Raserei der Versucherin dle Melodie der Demut:

›Laß mich an seinem Busen weinen,
Nur eine Stunde dir vereinen,
Und, ob mich Gott und Welt verstößt,
In dir entsündigt sein und erlöst!‹

Und Parsifals Antwort, in der in so feierlicher Großartigkeit das Motiv des Toren wiederkehrt, der von jetzt an in den verheißenen Helden umgewandelt ist:

›In Ewigkeit
Wärst du verdammt mit mir
Für eine Stunde
Vergessens meiner Sendung
In deines Arms Umfangen!‹ –

Und Kundrys wilde Ekstase:

›So war es mein Kuß,
Der welt-hellsichtig dich machte?
Mein volles Liebes-Umfangen
Läßt dich dann Gottheit erlangen!
... Laß mich dich Göttlichen lieben,
Erlösung gabst du dann mir.‹

Und der letzte Kraftaufwand ihres dämonischen Wollens, der äußerste Versuch der Verführung, das wütende Flehen und Sichanbieten:

›Nur eine Stunde mein, –
Nur eine Stunde dein:
Und des Weges –
Sollst du geleitet sein!‹ –

Weltverloren blickten sich Stelio und Perdita in die Augen; in einem Augenblick vermischten sie sich, besaßen und genossen sich und vergingen vor Wonne, wie auf einem Lager der Wollust und des Todes.

Die Marangona, die größte Glocke von San Marco, klang in die Mitternacht. Und wie schon beim Abendläuten glaubten sie wieder das Dröhnen des Metalls in ihren Haarwurzeln zu spüren, wie ein Erschauern ihres eigenen Fleisches. Wieder glaubten sie, über ihre Häupter den ungeheuren Wirbelwind von Tönen dahinbrausen zu hören, aus dem sie plötzlich, von dem einstimmigen Gebet heraufbeschworen, die Erscheinung der trostspendenden Schönheit hatten auftauchen sehen. Alle Zauberbilder des Wassers, und das Hangen und Bangen des heimlichen Wunsches, das Sehnen, die Verheißung, das Auseinandergehen, und das Fest und das schreckensvolle Ungeheuer mit den zahllosen menschlichen Gesichtern, und der große Himmelsglobus, und der donnernde Beifall, und die Symphonie, und der Gesang, und die Wunder des Feuerwerks, die Fahrt durch den klingenden Kanal, das Lied von der kurzen Jugend, der Kampf und die stille Qual in der Gondel, der plötzliche Schatten auf den Geschicken der drei, das durch reiche Gedanken verschönte Gastmahl, die Verheißungen, Hoffnungen und stolzen Gefühle, alle Pulsschläge des starken Lebens erneuerten sich im gleichen Rhythmus in ihnen, beschleunigten sich und waren tausendfältig und waren einzig. Und sie hatten die Empfindung, als ob sie über alle menschlichen Grenzen hinaus gelebt hätten, und als hätten sie in diesem Augenblicke vor sich eine unbekannte Unendlichkeit, die sie in sich aufnehmen könnten, wie eine Quelle einen Ozean; denn sie schienen leer, da sie so viel gelebt hatten; sie dürsteten, da sie so viel getrunken hatten. Eine leidenschaftliche Vorstellung hatte sich ihrer reichen Seelen bemächtigt. Die eine glaubte, im Reichtume der andern ins maßlose zu wachsen. Verschwunden war die Jungfrau. Die Augen der verzweifelten und heimatlosen Frau wiederholten: »Mein volles Liebes-Umfangen – läßt sich dann Gottheit erlangen! – Laß mich dich Göttlichen lieben, – Erlösung gabst du dann mir. – Nur eine Stunde mein! – Nur eine Stunde dein!« –

Und das Weihefestspiel entwickelte sich inzwischen weiter in der beredten Darstellung des Enthusiasten. Kundry, die wütende Versucherin, die Sklavin der Begierde, die Höllenrose, die Urteufelin, die Verfluchte, erschien jetzt am frühen Frühlingsmorgen; sie erschien demütig und bleich, im Kleide der Gralsbotin, das Haupt gebeugt, den Blick erloschen, mit rauher, abgebrochener Stimme nur das eine Wort hervorbringend: »Dienen ... dienen!« –

Das Motiv der Einsamkeit, das Motiv der Demut und das Motiv der Reinigung bereiteten um ihre Unterwürfigkeit den Karfreitagszauber vor. Und nun nahte Parsifal, in schwarzer Waffenrüstung, mit geschlossenem Helme und gesenktem Speer, träumerisch zögernd. »Der Irrnis und der Leiden Pfade kam ich; – soll ich mich denen jetzt entwunden wähnen, – da dieses Waldes Rauschen wieder ich vernehme...« Hoffnung, Schmerz, Reue, Erinnerung, Verheißung, sehnsüchtiger Glaube an das Heil schienen aus geheimnisvoll heiligen Melodien die ideale Hülle zu weben, in die der Tor, der reine, der verheißene Held, ausersehen, die unheilbare Wunde zu schließen, sich hüllen sollte. »Werd' heut' ich zu Amfortas noch geleitet?« Er drohte, in den Armen des Alten ohnmächtig umzusinken. »Dienen – dienen!« – Das Motiv der Demut breitete sich im Orchester wieder aus, die ursprüngliche, heftig bewegte Figur besiegend. »Dienen!« Die treue Magd hat Wasser herbeigeholt, hat sich demütig und glühend vor Eifer niedergekniet und die geliebten Füße gewaschen. »Dienen!« Die treue Magd hat ein goldenes Fläschchen aus dem Busen gezogen und mit dem Balsam die geliebten Füße gesalbt, dann hat sie diese mit ihren schnell aufgelösten Haaren getrocknet. »Dienen!« Zur Sünderin neigte sich der Reine, das milde Haupt mit dem reinen Elemente netzend. »Mein erstes Amt verricht' ich so: Die Taufe nimm und glaub' an den Erlöser!« Kundry senkte das Haupt tief Zur Erde, heftig weinend, erlöst vom Fluche. Und nun löste sich aus den letzten tiefen Harmonien des Rufes an den Erlöser mit übermenschlicher Süße die Melodie des Karfreitagszaubers, und schwoll an und breitete sich aus:

»Wie dünkt mich doch die Aue heut so schön! –
Wohl traf ich Wunderblumen an,
Die bis zum Haupte süchtig mich umrankten;

Doch sah ich nie so mild und zart
Die Halme, Blüten und Blumen ...«

und berauscht betrachtet Parsifal Flur und Aue, lachend im Tau des Frühlingsmorgens.

»Ach, wer könnte je diesen erhabenen Augenblick vergessen?« rief der Enthusiast, über dessen hageres Gesicht ein Strahl jener Wonne zu leuchten schien. »Wir alle waren, in dem tiefen Dunkel des Theaters, in eine vollkommene Unbeweglichkeit gebannt, wie eine einzige kompakte Masse. Es schien, als ob in allen Adern das Blut stockte, um zu lauschen. Die Musik stieg aus der geheimnisvollen Tiefe in eine Vorstellungswelt von Licht; die Töne wandelten sich in Frühlingssonnenstrahlen, sie erzeugten sich mit dem Jubel des Grashalmes, der die Erde spaltet, des Blumenkelches, der sich öffnet, des Zweiges, der Knospen ansetzt, des Insekts, dem Flügel wachsen. Und die ganze Unschuld der Dinge, die werden, nahm von uns Besitz; und die Seele lebte von neuem, ich weiß nicht, was für einen Traum der fernen Kindheit... Infantia, das Wort Vettor Carpaccios. Ach, Stelio, wie hast du es vorher verstanden, dieses Wort vor unserer Greisenhaftigkeit auszusprechen! Und wie hast du es verstanden, uns den Schmerz einzuflößen über den Verlust, und zugleich die Hoffnung, mit Hilfe der mit dem Leben unlöslich verbundenen Kunst das Verlorene zurückzugewinnen!«

Stelio Effrena schwieg; er fühlte sich wie erdrückt von dem Gewicht des gigantischen Werkes jenes barbarischen Schöpfers, den Baldassare Stampas Enthusiasmus im Gegensatz zu der glühenden Gestalt des tragischen Dichters der Ariadne und des Orpheus heraufbeschworen hatte. Eine Art instinktiven Grolles, dumpfer Feindseligkeit, die mit dem Intellekt nichts zu tun hatte, regte sich in ihm gegen diesen zähen Germanen, dem es gelungen war, die Welt in Flammen zu setzen. Auch dieser hatte, um den Sieg über die Menschen und die Dinge davonzutragen, nichts anderes getan, als sein Bild zu verklären und seinen eignen Traum von herrschender Schönheit zu verherrlichen. Auch er war zur Menge gegangen als zur liebsten Beute. Auch er hatte sich in gewaltiger Selbstzucht geübt, immer wieder, ohne Unterlaß, über sich selbst hinauszugehen. Und jetzt hatte er auf dem bayrischen Hügel einen Tempel für seinen Gottesdienst.

»Die Kunst allein kann die Menschen zur Einheit zurückführen« – sagte Daniele Glàuro. – »Ehren wir den erhabenen Meister, der auf ewig für diesen Glauben Zeugnis abgelegt hat! Sein Festspielhaus, obgleich nur aus Holz und Ziegeln, unvollkommen und eng, hat eine erhabene Bedeutung. Dort lebt das Kunstwerk nur als Religion, die unter einer lebendigen Form zu den Sinnen spricht. Das Drama wird Gottesdienst.«

»Ehren wir Richard Wagner« – sagte Antimo della Bella. – »Aber, wenn anders diese Stunde als eine Verkündigung und als eine Verheißung denkwürdig bleiben soll, die wir von dem erwarten, der vorher der Menge das geheimnisvolle Schiff zeigte, so müssen wir als Schutzherrn wieder den heroischen Geist anrufen, der durch Donatella Arvales Stimme zu uns gesprochen hat. Als der Dichter des Siegfried den Grundstein zu seinem Festspielhaus legte, da weihte er es deutschen Hoffnungen und deutschen Siegen. Das Theater des Apoll, das sich schnell auf dem Janikulus erhebt, dort, von wo einstmals die Adler herniederflatterten, um Weissagungen zu künden, das sei die monumentale Offenbarung des Gedankens, dem unsere Rasse durch ihren Genius entgegengeführt wird. Wir wollen die nationalen Vorzüge kräftigen, durch die die Natur unsere Rasse ausgezeichnet hat.«

Stelio Effrena schwieg, durchrüttelt von wirbelnden Gewalten, die mit einer Art blinder Wut in ihm arbeiteten, ähnlich jenen unterirdischen Kräften, die vulkanische Länder in die Höhe heben, sie spalten und umformen, neue Berge schaffen und neue Abgründe. Alle Elemente seines inneren Lebens, von diesem Sturme gepackt, schienen sich aufzulösen und zu gleicher Zeit zu vervielfältigen. Großartige und schreckliche Bilder glitten durch diesen Aufruhr, begleitet von Wogen von Musik. Tiefste Gedankenkonzentration und gänzliche Zersplitterung wechselten in schneller Folge, wie elektrische Entladungen in einem Ungewitter. Ab und zu war es ihm, als höre er Geschrei und Gesang durch eine Tür, die sich unaufhörlich weit öffnete und wieder schloß; es war, als ob kurze Windstöße ihm abwechselnd das Geschrei eines Blutbades und die Klänge einer Apotheose aus der Ferne zutrügen. Plötzlich sah er, mit der Intensität einer Fiebervision, das verdorrte und verhängnisvolle Land, in dem er die Geschöpfe seiner Tragödie leben lassen wollte; er fühlte in sich den ganzen Durst dieses Landes. Er sah den sagenhaften Brunnen, der einzig die öde Dürre unterbrach, und auf dem zitternden Quell die reine Unschuld der Jungfrau, die dort sterben sollte. Auf Perditas Gesicht fand er das Antlitz der Heldin, in ihrer Schönheit durch einen wunderbar ruhigen Schmerz verklärt. Dann wandelte sich die frühere Dürre der Ebene von Argos in Flammen; der Quell des Perseus flutete wie ein wallender Strom. Das Feuer und das Wasser, die beiden Urelemente, ergossen sich über alle Dinge, löschten alle Zeichen aus, breiteten sich aus, schweiften umher, kämpften, siegten, redeten, fanden das Wort, fanden die Sprache, um ihr innerstes Wesen zu offenbaren, um die unzähligen Sagen Zu erzählen, die aus ihrer Ewigkeit geboren waren. Die symphonische Dichtung drückte das Drama der beiden Urseelen auf dem Theater des Universums aus, den pathetischen Kampf der beiden großen lebendigen und bewegten Wesenheiten, der zwei kosmischen Willensbetätigungen, wie ihn der Hirt Arya sich vorstellte, als er mit unschuldigen Augen auf hoher Ebene die Vorgänge erschaute. Und nun erhob sich aus dem eigensten Mittelpunkt des musikalischen Mysteriums, aus der tiefsten Tiefe des symphonischen Ozeans, die von der menschlichen Stimme getragene Ode und stieg zur höchsten Höhe. Das Beethovensche Wunder erneute sich. Die beflügelte Ode, der Hymnus brach hervor aus der Tiefe des Orchesters, um in gebieterischer Weise die Freude und den Schmerz des Menschen zu singen. Nicht der Chor, wie in der Neunten, sondern die einzelne, die beherrschende Stimme: die Deuterin, die Botin der Menge. »Ihre Stimme, ihre Stimme! Sie ist verschwunden. Ihr Gesang schien das Herz der Welt zu erschüttern; und sie war jenseits des Schleiers« – sagte der Dichter, während er wieder die kristallene Statue vor Augen hatte, in deren Innerem er die Goldader der Melodie hatte aufsteigen sehen. – »Ich will dich suchen; ich werde dich finden; ich werde mich zum Herrn deines Geheimnisses machen. Du sollst, auf den Gipfel meiner Harmonien emporgetragen, meine Hymnen singen.« Jeder unreine Wunsch war von ihm abgefallen, und er betrachtete die Hülle der Jungfrau wie ein heiliges Gefäß, wie die Hüterin eines gottlichen Geschenks. Er hörte, vom Irdischen gelöst, die Stimme aus der Tiefe des Orchesters dringen, um den Teil der urewigen Wahrheit zu künden, der im vergänglichen Tun, im flüchtigen Ereignis lebt. Die Ode begrenzte das zufällige Erlebnis mit Licht. Und nun, gleichsam um den über »das Jenseits des Schleiers« hingerissenen Geist zum Wechselspiele der Erscheinungen zurückzuführen, kündete sich auf dem Rhythmus der sterbenden Ode eine Tanzfigur an. In den viereckigen Ausschnitt der Bühne wie in die Schranken einer Strophe gebannt, ahmte die Tänzerin, für einen kurzen Augenblick dem traurigen Gesetz der Schwere enthoben, mit den Linien ihres Körpers das Feuer nach und das Wasser und den Wirbel und die Bewegung der Sterne. »Die Tanagra, Blume von Syrakus, ganz aus Flügeln bestehend, wie die Blume aus Blumenblättern!« So zauberte er vor sein Auge das Bild der Sizilianerin in ihrem jungen Ruhme, die die antike Tanzkunst wieder auferweckt hatte, wie sie zu der Zeit gewesen war, als Phrynichos sich rühmte, er trage so viele Tanzfiguren in sich, wie das sturmgepeitschte Meer in einer Winternacht Wellen aufrühre. Die Schauspielerin, die Sängerin und die Tänzerin, die drei dionysischen Frauengestalten, erschienen ihm als die vollkommenen und fast göttlichen Werkzeuge seiner Dichtungen. Im Wort, im Gesang, in der Bewegung, im Zusammenklang verkörperte sich mit unglaublicher Schnelligkeit sein Werk und lebte ein übermächtiges Leben vor der ganz und gar bezwungenen Menge.

Er schwieg, in diese ideale Welt versunken, mit aller Anspannung überlegend, welchen Kraftaufwandes es bedürfen werde, um sie zu offenbaren. Die Stimmen seiner Umgebung drangen wie aus weiter Ferne zu ihm.

»Richard Wagner behauptet, daß der einzige Schöpfer eines Kunstwerks das Volk ist« – sagte Baldassare Stampa – »und daß der Künstler nur die Schöpfung des unbewußt schaffenden Volkes aufgreifen und zum Ausdruck bringen kann...«

Das außerordentliche Gefühl, das ihn mit Staunen erfüllt hatte, als er vom Throne der Dogen zum Volke gesprochen, nahm von neuem Besitz von ihm. In die Gemeinschaft seiner Seele mit der Seele der Menge hatte sich etwas Geheimnisvolles gemischt, etwas beinahe Göttliches; das Gefühl, das er für gewöhnlich von sich selbst hatte, war unendlich größer, machtvoller geworden; eine unbekannte Kraft schien in ihm entstanden zu sein, die die Grenzen seiner Sonderpersönlichkeit verwischte und seiner einzelnen Stimme die Machtfülle eines Chores verlieh. Heimlich verborgen schlummerte also in der Menge eine Schönheit, aus der nur der Dichter und der Held Blitze ziehen konnten. Wenn diese Schönheit sich durch eine plötzliche Kundgebung offenbarte, im Theater oder auf dem Marktplatz oder im Kriegslager, dann schwoll in einem Strome von Freude das Herz dessen, der es verstanden hatte, sie durch seine Verse, seine Rede oder sein Schwert zum Leben zu erwecken. Das Wort des Dichters, zum Volke gesprochen, war also eine Tat wie das Vollbringen des Helden. Es war eine Tat, die aus dem Dunkel der begrenzten Seele mit einem Schlage Schönheit schuf, wie etwa ein wundervoller Bildhauer mit einem einzigen Griff seiner schöpferischen Hand aus einer Tonmasse eine göttliche Statue zu formen vermag. Das Schweigen, das wie ein heiliger Vorhang das vollendete Gedicht bedeckte, hörte auf. Nicht mehr durch körperlose Symbole wurde der Inbegriff des Lebens offenbart, sondern das ganze volle Leben selbst manifestierte sich in dem Dichter, das Wort wurde Fleisch, der Rhythmus beschleunigte sich in einer atemlos pochenden Form, die Idee kam in der Fülle ihrer Kraft und ihrer Freiheit zum Ausdruck.

»Aber Richard Wagner glaubt« – sagte Fabio Molza – »daß das Volk aus all denen besteht, die ein gemeinsames Elend empfinden; verstehen Sie? ein gemeinsames Elend ...«

›Der Freude entgegen, der ewigen Freude entgegen!‹ dachte Stelio Effrena. ›Das Volk besteht aus all denen, die ein dunkles Bedürfnis empfinden, sich mit Hilfe der Dichtung aus dem täglichen Kerker zu erheben, in dem sie dienen und leiden.‹ Verschwunden waren die engen städtischen Theater, in deren erstickender, mit unsauberen Dünsten geschwängerter Hitze die Schauspieler vor einem Haufen von Schlemmern und Dirnen das Amt des Spaßmachers versehen. Auf den Stufen des neuen Theaters sah er die wirkliche Volksmenge, die ungeheure, einmütige Menge, deren Witterung vorher zu ihm aufgestiegen war, deren Lärmen er vorher gehört hatte in der marmornen Muschel, unter den Sternen. In den rohen und unwissenden Seelen hatte seine Kunst, obwohl unverstanden, vermöge der geheimnisvollen Macht des Rhythmus einen gewaltigen Aufruhr gezeugt, ähnlich dem des Gefangenen, der im Begriff ist, von harten Fesseln befreit zu werden. Das Glück der Befreiung verbreitete sich nach und nach selbst bei den Verworfensten; durchfurchte Stirnen hellten sich auf; Münder, an Flüche gewöhnt, öffneten sich dem Wunder, und die Hände endlich – die rauhen, durch Arbeitswerkzeuge abgenutzten Hände – sie streckten sich in einmütiger Bewegung nach der Heldin, die ihren unsterblichen Schmerz hinauf zu den Sternen sandte.

»In der Existenz eines Volkes, wie des unsrigen« – sagte Daniele Glàuro – »zählt eine große Kundgebung der Kunst weit mehr als ein Bündnisvertrag oder ein Steuergesetz. Das, was unsterblich ist, gilt mehr, als was vergänglich ist. Die List und Kühnheit eines Malatesta sind für alle Ewigkeit in eine Medaille des Pisanello eingeschlossen. Von Macchiavellis Politik ist nichts übrig geblieben als die Kraft seiner Prosa ...«

›Das ist wahr,‹ dachte Stelio Effrena, ›das ist wahr. Italiens Glück ist unzertrennlich von dem Schicksal der Schönheit, deren Mutter es ist.‹ So erglänzte ihm jetzt wie hereinbrechende Sonne die leuchtende Wahrheit über jenes göttliche, ideale und ferne Vaterland, in dem Dante einst wandelte. ›Italien! Italien!‹ Wie ein Schrei der Erhebung brauste über seine Seele dieser Name, der die Erde berauscht. Sollte sich aus dem mit so viel Heldenblut gedüngten Schutt die neue Kunst nicht erheben können, wurzelstark, mit kräftigen Zweigen? Sollte sie nicht all die latenten Kräfte der altererbten Fähigkeiten der Nation in sich aufnehmen können und eine bestimmende, neuaufbauende Macht im dritten Rom werden, um den Männern an der Regierung die Unwahrheiten zu weisen, die sie zur Richtschnur für jedes neue Grundgesetz nehmen müßten? Treu den alten Instinkten seiner Rasse, hatte Richard Wagner das Sehnen der germanischen Völker nach der heroischen Größe des Reiches vorgefühlt und hatte ihm seine Kraft geliehen. Er hatte die prachtvolle Gestalt Heinrichs des Voglers heraufbeschworen, wie er sich unter der tausendjährigen Eiche erhebt: »Was deutsches Land heißt, stelle Kampfesscharen – dann schmäht wohl niemand mehr das deutsche Reich!« – Bei Sadowa, bei Sedan hatten die Kampfesscharen gesiegt. Das Volk und der Künstler hatten mit demselben Ungestüm, mit derselben Ausdauer das glorreiche Ziel erreicht. Derselbe Sieg hatte das Werk des Eisens und das Werk der Kunst gekrönt. Der Dichter hatte, wie der Held, einen Akt der Befreiung vollbracht. Seine musikalischen Gestalten hatten geradeso dazu beigetragen, die Volksseele zu begeistern und ihr Ewigkeit zu verleihen, wie der Wille des Reichskanzlers, wie das Blut des Soldaten.

»Er ist schon seit einigen Tagen hier, im Palazzo Vendramin- Calergi« – sagte Fürst Hoditz.

Und das Bild des barbarischen Schöpfers bekam plötzlich Leben, die Züge seines Gesichts wurden sichtbar, die blauen Augen glänzten unter der geräumigen Stirn, und die von Sinnlichkeit, Stolz und Verachtung umspielten Lippen schlossen sich fest über dem kräftigen Kinn. Sein kleiner, vom Alter und vom Ruhm gebeugter Körper richtete sich auf, wuchs mit seinem Werke ins Gigantische, nahm das Aussehen eines Gottes an. Sein Blut strömte wie ein Sturzbach im Gebirge, sein Atem wehte wie der Wind im Walde. Mit einem Male überflutete ihn Siegfrieds Jugend, sie ergoß sich, sie leuchtete in ihm, wie die Morgenröte in einer Wolke. »Dem Impulse meines Herzens folgen, meinem Instinkte gehorchen, der Stimme der Statur in mir lauschen: Das ist mein oberstes, mein einziges Gesetz!« Das Heroenwort klang wieder, aus der Tiefe hervorbrechend, den jungen und gesunden Willen ausdrückend, der in steter Harmonie mit den Gesetzen des Weltalls über alle Hindernisse und Feindschaften siegreich triumphiert. Und nun stieg die feurige Lohe, die Wotan mit seines Speeres Spitze dem Felsen entlockt, rund herum empor. »Ha, wonnige Glut! – Strahlend offen – steht mir die Straße. – Im Feuer mich baden! – Im Feuer zu finden die Braut!« - Alle Vorstellungen des Mythos leuchteten auf, verdunkelten sich. Brünnhildes Flügelhelm blitzte in der Sonne. »Heil dir, Sonne! »- Heil dir, Licht! – Heil dir, leuchtender Tag! – Lang' war mein Schlaf; – Wer ist der Held, – der mich erweckt?« – Alle Vorstellungen taumelten durcheinander, lösten sich auf. Plötzlich erstand von neuem, auf schattigem Gefilde, Donatella Arvale, die Jungfrau, so wie sie da unten erschienen war in dem Purpur und Gold des unermeßlichen Festsaales, die Feuerblume mit der Gebärde der Herrscherin tragend. »Siehst du mich nicht? – Wie mein Blick dich verzehrt,– Erblindest du nicht? – Wie mein Arm dich preßt, – Entbrennst du nicht? – Fürchtest du nicht – Das wildwütende Weib?« – Jetzt, da sie abwesend war, gewann sie wieder ihre traumhafte Macht. Unendliche Melodien schien das Schweigen zu gebären, das ihren leer gebliebenen Platz in der Tafelrunde eingenommen hatte. Ihr verschlossenes Gesicht barg ein unlösliches Geheimnis. »So berühre mich nicht, – Trübe mich nicht: – Ewig licht – Lachst du aus mir, – Dann selig selbst dir entgegen; – Liebe – Dich, – Und lasse von mir!« – Wieder packte eine leidenschaftliche Ungeduld den Erwecker, wie auf dem fiebernden Wasser, und er fand, daß die Abwesende dazu geschaffen war, wie ein schöner Bogen gespannt zu werden von starker Hand, die es verstünde, sich damit zu einer erhabenen Eroberung zu wappnen. »Erwache – Wache, du Maid! – Lebe und lache, – Süßeste Lust! – Sei mein! sei mein! sei mein!« –

Sein Geist war unwiderstehlich hingerissen in den Kreislauf dieser von dem germanischen Gotte geschaffenen Welt, diese Visionen und Harmonien überwältigten ihn, die Figuren des nordischen Mythos verdrängten die seiner Kunst, seiner Leidenschaft, verdunkelten sie. Sein Wunsch und seine Hoffnung sprach die Sprache des Barbaren. »Lachend muß ich dich lieben, – Lachend will ich erblinden; – Lachend laß uns verderben, – Lachend zugrunde gehn! – ... Leuchtende Liebe, – Lachender Tod!« – Der Jubel der kriegerischen Jungfrau auf dem von Flammen umloderten Felsen erreichte die höchste Höhe; der Schrei der Wollust und der Freiheit stieg bis zum Herzen der Sonne. Ach, was hatte er nicht ausgedrückt, welche Höhen und welche Tiefen hatte er nicht berührt, dieser furchtbare Aufwiegler der menschlichen Seele? Welche Gewalt hätte sich der seinen vergleichen können? Welcher Adler hätte hoffen können, höher zu fliegen? Das Riesenwerk war vollendet, hier, inmitten der Menschen. Und weit über die Erde klang der letzte Chor des Gral, der Heilsgesang: »Höchsten Heiles Wunder: – Erlösung dem Erlöser!« –

»Er ist müde« – sagte Fürst Hoditz – »sehr müde und gebrochen. Darum haben wir ihn nicht im Dogenpalast gesehen. Er ist herzleidend ...«

Der Riese wurde wieder Mensch, ein kleiner, vom Alter und vom Ruhme gebeugter Körper, abgenutzt von der Leidenschaft, ein Sterbender. Und Stelio Effrena hörte wieder in seinem Innern Perditas Worte, dle die Gondel in eine Bahre verwandelt hatten: die Worte, die einen andern großen, ebenfalls zu Tode getroffenen Künstler heraufbeschworen, Donatella Arvales Vater. »Der Name des Bogens ist Leben, und sein Werk ist der Tod.« Der junge Mann sah vor sich den vom Siege gezeichneten Weg, dle lange Kunst, das kurze Leben. »Vorwärts! Vorwärts! Immer höher und höher hinauf!« In jeder Stunde, in jedem Augenblick mußte man arbeiten, kämpfen, sich festigen gegen Zerstörung, Verkleinerung, Vergewaltigung, Ansteckung. In jeder Stunde, in jedem Augenblick muß man das Auge fest auf sein Ziel gerichtet halten, all seine Kräfte, ohne Rast und ohne Ruh', darauf verwenden. Er fühlte, daß der Sieg ihm notwendig war wie der Atem. Eine wütende Kampfeslust erwachte in diesem beweglichen lateinischen Blute bei der Berührung mit dem Barbaren. »Jetzt ist es an Ihnen, zu wollen,« hatte der am Eröffnungstage von der Bühne des neuen Theaters gerufen, »im Zukunftskunstwerk wird die Quelle der Erfindung niemals versiegen.« Die Kunst war unendlich, wie die Schönheit der Welt. Für die Kraft und für den Wagemut keine Grenze. Suchen, finden, immer weiter und weiter. «Vorwärts! Vorwärts!«

Eine einzige, riesengroße, gestaltlose Woge ballte jetzt all das Sehnen und Bangen dieser rasenden Phantasien zusammen, drehte sich in einem Strudel herum, hob sich in einem Wirbelwind empor, schien sich zu verdichten, das Wesen der plastischen Materie anzunehmen und der gleichen unerschöpften Kraft zu gehorchen, die die Wesen und die Dinge unter der Sonne gestaltet. Eine munderbar schöne und reine Form erstand aus dieser Arbeit und lebte und leuchtete in einem kaum zu ertragenden Glück. Der Dichter sah sie, er empfing sie in seinen reinen Augen, er fühlte sie im Mittelpunkte seines Geistes wurzeln. »Ach, sie ausdrücken zu können, sie den Menschen zu offenbaren, sie für die Ewigkeit in ihrer Vollendung festzuhalten!« Ein erhabener Augenblick, ohne Wiederkehr. Alles verschwand. Das gewöhnliche Leben drehte sich im Kreise; die flüchtigen Worte klangen von weit her; die Erwartung zuckte; der Wunsch erstarb.

Und er sah auf das Weib. Hinter Perditas Kopf erglänzten die Sterne, wiegten sich die Bäume, dunkelte ein Garten. Und die Augen der Frau sagten noch immer: »Dienen, dienen!«

 

Die Gäste waren in den Garten hinuntergegangen und hatten sich auf den Fußwegen und unter den Laubgängen zerstreut. Die Nachtluft war feucht und lind, so daß die zarten Augenlider eine Empfindung hatten, als ob ein flüchtiger Mund sich ihnen nahe, um sie sanft zu kosen. Die versteckten Jasminblüten dufteten betäubend im Dunkel, und auch die Früchte dufteten schwerer als in den Obstgärten auf den Inseln. Eine lebendige Kraft von Fruchtbarkeit ging von diesem kleinen Stückchen blühender Erde aus, das in seinem Wassergürtel wie in ein Exil gebannt dalag. So lebt die Seele in der Verbannung ein intensiveres Leben.

»Soll ich hier bleiben? Soll ich wiederkommen, wenn die andern gegangen sind? Sprechen Sie! Es ist spät.«

»Nein, nein, Stelio. Ich bitte Sie! Es ist spät, zu spät. Sie haben es selbst gesagt.«

Ein tödlicher Schrecken lag in der Stimme der Frau. Sie zitterte im Dunkel, mit entblößten Schultern, mit entblößten Armen, und sie wollte sich verweigern und wollte besessen werden, und sie wollte sterben und wollte von diesen männlichen Händen gepackt werden. Sie bebte; die Zähne in ihrem Munde schlugen aufeinander. Sie versank in einem eisigen Strome; er flutete über sie hinweg und machte sie erstarren von den Haarwurzeln bis in die Fingerspitzen. Alle ihre Gelenke schmerzten sie, ihre Glieder schienen sich zu lösen,und ihre Stimme erstarb vor Entsetzen in den erstarrten Kiefern. Und sie wollte sterben, und sie wollte von dieser männlichen Leidenschaft gepackt und niedergeworfen werden. Und über ihrem Entsetzen und über ihrer Eiseskälte und über ihrem der Jugend baren Fleische schwebte jenes grausame Wort, das der Geliebte selbst gesprochen, und das sie selbst wiederholt hatte: »Es ist spät, zu spät.«

»Ihr Versprechen, Ihr Versprechen! Ich will nicht länger warten, ich kann nicht, Perdita.«

Das wollüstige Wasserbecken, das dagelegen wie ein Busen, der sich anbietet, die in Schatten und Tod verlorene Lagune, die im Fieber der Dämmerung glühende Stadt; das in unsichtbaren Wirbeln dahinflutende Wasser, der vibrierende Goldton des Himmels; das erstickende Sehnen, die zusammengepreßten Lippen, die gesenkten Augenlider, die heißen Hände: Das alles erstand in seiner ganzen Fülle neu bei der Erinnerung an das stumme Versprechen. Er begehrte diesen abgrundtiefen Körper mit einer wilden Glut.

»Ich kann nicht länger warten.«

Von weit, weit her kam ihm diese schwüle Glut; von den entferntesten Anfängen, von der ursprünglichen Bestialität der plötzlichen Vermischungen, vom uralten Mysterium der heiligen Bacchanalien. Wie der von Gott ergriffene Schwarm, Bäume entwurzelnd, den Berg herunterstürmte, mit immer blinderer Wut weiter raste, immer neue Rasende mit sich riß und den Wahnsinn überall auf seinem Wege verbreitete, bis er zu einer ungeheuren menschlichen und bestialischen Masse geworden war, die von einem ungeheuerlichen Willen beseelt wurde: so riß der brutale Instinkt, in maßlosem Aufruhr tn ihm brausend und kochend, alle Vorstellungen seines Geistes in seinen Wirbel. Und er begehrte in der wissenden und verzweifelten Frau diejenige, die durch die ewige Unterdrückung ihrer Natur gebrochen, die bestimmt war, in den plötzlichen Zuckungen ihres Geschlechts zu unterliegen, die das Fieber, das im Lichte der Bühne sie brannte, in nächtlicher Wollust löschte, die brünstige Schauspielerin, die aus den Delirien der Menge in die Gewalt des Mannes überging, das dionysische Geschöpf, das wie in der Orgie den geheimnisvollen Gottesdienst mit dem Akt des Lebens krönte.

Seine Begierde war krankhaft, maßlos; sie enthielt das Leben der besiegten Massen und den Rausch der unbekannten Liebhaber und die Vision orgiastischer Vermischungen; sie war aus Grausamkeit, Groll, Eifersucht, Poesie und Stolz gemischt. Er empfand es schmerzlich, daß er die Schauspielerin niemals nach einem großen Triumph auf der Bühne besessen hatte, noch warm von dem Hauche des Publikums, schweißbedeckt, keuchend und bleich, mit den Spuren der tragischen Seele, die in ihr geweint und geschrien hatte, auf dem verzogenen Gesichte noch die feuchten Tränen dieser ihr fremden Seele. Wie in einem Blitze sah er sie hingestreckt, voll von jener Kraft, die dem Ungeheuer das Geheul entrissen hatte, zuckend wie die Mänade nach dem Tanze müde und dürstend, aber voller Begierde, genommen und durchrüttelt zu werden, sich in einem letzten Krampfe zusammenzuziehen, in gewaltsamer Umarmung zu erliegen, um endlich in tiefem, traumlosem Schlaf Ruhe zu finden. – Wieviele Männer waren wohl aus der Menge herausgestiegen, um sie zu umarmen, nachdem sie, in der Masse verloren, nach ihr geschmachtet hatten? Ihr Wunsch war aus dem Wunsche von Tausenden zusammengesetzt, ihre Lebenskraft war tausendfältig. Es drang mit der Wollust dieser Nächte etwas von dem trunkenen Volke, von dem verzauberten Ungeheuer, in den Schoß der Schauspielerin.

»Seien Sie nicht grausam, oh, seien Sie nicht grausam!« – flehte die Frau, die den Tumult in seinen Augen las, in seiner Stimme hörte. – »Oh, tun Sie mir nichts zuleide!«

Unter dem gierigen Blicke des Mannes zog sich ihr Fleisch zusammen in dem Abwehren einer schmerzlichen Scham. Sein Wunsch traf sie wie eine tödliche Verwundung. Sie wußte, wieviel Herbes und Unreines in diesem plötzlichen Begehren war, und für wie tief vergiftet und verdorben er sie hielt, von Liebe beschwert, in allen Lüsten erfahren, eine umherirrende, unersättliche Versucherin. Sie erriet den dumpfen Groll, die Eifersucht, das schändliche Fieber, das sich plötzlich in dem sanften Freunde entzündet hatte, dem sie so lange Zeit hindurch all ihr Bestes und Edelstes gewidmet hatte, den Wert ihrer Gaben durch ein hartnäckiges Verbot verteidigend. Alles war jetzt verloren, alles war plötzlich verwüstet, wie ein schönes Reich in der Gewalt rebellischer, rachsüchtiger Sklaven. Und wie in der letzten Agonie, wie im Augenblick des Verscheidens, übersah sie ihr ganzes hartes und stürmisches Leben, ihr Leben voll Kampf und Schmerz, voll Irrungen und Wirrungen, voll Leidenschaft und Triumph. Sie fühlte seine Schwere und seine Hemmungen. Sie erinnerte sich des unauslöschlichen Gefühls von Freude, von Schreck und von Befreiung, das sie empfunden, als sie sich zum erstenmal dem Manne hingegeben hatte, der sie, in ferner Jugendzeit, betrogen hatte. Und mit wildem, stechenden Schmerze trat vor ihre Seele das Bild der Jungfrau, die sich zurückgezogen hatte, die verschwunden war, und die vielleicht dort oben in dem einsamen Zimmer träumte oder weinte oder sich schon angelobte und hingestreckt dalag und sich freute, daß sie sich angelobt hatte. »Es ist spät, zu spät!« Das unwiderrufliche Wort schien ihr unaufhörlich im Gehirn zu dröhnen wie das Tönen der ehernen Glocke. Und sein Wunsch traf sie wie eine tödliche Verwundung.

»Oh, tun Sie mir nichts zuleide!«

Sie flehte, weiß und zart wie der Schwanenflaum, der ihre nackten Schultern und ihre bebende Brust umsäumte. Ihre Kraft schien von ihr genommen, schwach und wehrlos schien sie zu werden, und eine geheime zarte Seele schien in sie eingezogen zu sein, die gar leicht zu toten, zu zerstören, ohne Blutvergießen hinzuopfern war.

»Nein, Perdita, kein Leid!« – stammelte er, plötzlich erschüttert von dieser Stimme, und vor diesem Anblick bis ins Innerste ergriffen von einem menschlichen Mitleid, das aus derselben Tiefe stammte, aus der jener wilde Trieb hervorgebrochen war. – »Verzeihen Sie mir, verzeihen Sie mir!«

Er hätte sie in seine Arme nehmen, sie wiegen, sie trösten mögen, er hätte sie weinen sehen mögen und ihre Tranen trinken. Es schien ihm, als ob er sie gar nicht kannte, als hätte er vor sich ein fremdes, unendlich demütiges und schmerzensreiches, ganz widerstandsloses Wesen. Und sein Mitleid und seine Reue glichen ein wenig dem Gefühl, das man empfindet, wenn man, ohne es zu wollen, einen Kranken, ein Kind, ein kleines unschuldiges, einsames Geschöpf gekränkt oder verletzt hat.

»Verzeihen Sie mir!«

Er hätte vor ihr niederknien, ihre Füße im Grase küssen, irgendein kindisches Wort sagen mögen. Er beugte sich nieder, er berührte ihre Hand. Sie zuckte vom Kopf bis zu den Fußspitzen/ sie sah ihn mit weitgeöffneten Augen an; dann senkte sie die Augenlider und blieb unbeweglich. Der Schatten unter den Wimpern wurde tiefer, er zeichnete die sanftgeschwungene Linie der Wangen. Von neuem versank sie in dem eisigen Strom.

Man hörte die Stimmen der Gäste sich im Garten zerstreuen; dann entstand eine große Stille. Man hörte den Kies unter einem Fuße knirschen; dann wieder die große Stille. Undeutliches Lärmen kam aus der Ferne von den Kanälen. Es schien plötzlich, als ob der Jasmin starker dufte, wie ein Herz seine Schläge beschleunigt. Die Nacht schien trächtig von Wundern. Die ewigen Kräfte walteten in Harmonie zwischen Erde und Sternen.

»Verzeihen Sie mir! Wenn mein Wunsch Sie leiden macht, dann will ich ihn noch einmal ersticken; ich werde es noch einmal über mich gewinnen, zu verzichten, Ihnen zu gehorchen, Perdita, Perdita, ich will alles vergessen, was Ihre Augen mir sagten, dort oben, bei all den nutzlosen Worten ... Welche Umarmung, welche Liebkosung könnte uns je inniger vermischen? Die ganze Leidenschaft der Nacht hetzte uns und warf eins dem andern zu. Ich habe Sie ganz in mich aufgenommen, wie ein Meer... Und jetzt scheint es mir, als könnte ich Sie nicht mehr von meinem Blute trennen, und als könnten auch Sie sich nicht mehr von mir losreißen, und als sollten wir gemeinsam irgendeiner Morgenröte entgegengehen ...«

Er sprach demütig, strömte sich ganz in seinen Worten aus, ein vibrierendes Gefäß, das von Augenblick zu Augenblick alle wechselnden Empfindungen des dunkelnächtigen Geschöpfes aufzunehmen schien. Er sah vor sich nicht mehr eine körperliche Form, undurchdringliches, dumpfes Fleisch, den schweren Kerker des Menschen, sondern eine Seele, die sich in einer Folge von Erscheinungen, ausdrucksvoll wie Musik, offenbart hatte, ein über alle Grenzen zartes und mächtiges Empfindungsvermögen, das in dieser Hülle in stetem Wechsel die keusche Hinfälligkeit der Blume schuf, und die Kraft des Marmors, und die Wucht des Blitzes, und jeden Schatten und jedes Licht. – »Stelio!«

Sie hatte den Namen unendlich leise hingeflüstert; und doch lag in diesem sterbenden Hauch aus den bleichen Lippen eine Unendlichkeit von Jubel und von Staunen, mehr als im lautesten Schrei. Sie hatte die Liebe gehört in dem Tone des Mannes: die Liebe, die Liebe! Sie, die so oft seinen schönen und klingenden Worten gelauscht hatte, die in klaren Tönen dahinfluteten, und die darunter gelitten hatte wie unter einer Marter und einem Spiel, sie sah jetzt durch diesen neuen Ton plötzlich ihr eigenes Leben und das Leben des Alls in verklärtem Lichte. Ihre Seele schien sich umzuwandeln: jedes Hemmnis sank auf den Grund, verschwand in einem endlosen Dunkel; und in die Höhe stieg etwas Leichtes und Lichtes, etwas Freies und Reines, das sich ausbreitete und leuchtete wie ein morgendlicher Himmel. Und wie die Woge des Lichtes in stummer Harmonie vom Horizonte zum Gipfel aufsteigt, so glitt die Vorstellung des Glückes um ihren Mund. Ein unbeschreibliches Lächeln verbreitete sich über ihn, ganz unbeschreiblich, so daß ihre Lippen zitterten wie Blätter im Windhauch, und ihre Zähne glänzten wie Jasmin im Sternenlicht.

»Alles ist versunken, alles ist verschwunden. Ich habe nicht gelebt, ich habe nicht geliebt, ich habe nicht genossen, ich habe nicht gelitten. Neu bin ich geboren. Ich kenne nichts als diese Liebe. Ich bin rein. Ich möchte sterben in der Wollust, die mich erwecken wird. Die Jahre und die Ereignisse sind über mich hingegangen, ohne den Teil meiner Seele zu berühren, den ich dir aufbewahrt habe, jenen geheimen Himmel, der sich jetzt plötzlich geöffnet und jeden Schatten besiegt hat, und der einzig da ist, um die Kraft und die Süße deines Namens aufzunehmen. Deine Liebe rettet mich; mein volles Liebesumfangen läßt dich Gottheit erlangen ...« Worte süßen Rausches stiegen auf aus ihrem befreiten Herzen, aber ihre Lippen wagten nicht, sie auszusprechen. Und sie lächelte, lächelte schweigend, mit ihrem unbeschreiblichen Lächeln. »Ist es nicht so? Sprechen Sie! Antworten Sie mir, Perdita! Fühlen nicht auch Sie diese Notwendigkeit, die stark ist von all unseren Entsagungen, von der ganzen Beständigkeit unserer Erwartung der verheißenen Stunde? Ach, mir scheint, Perdita, daß meine Hoffnungen und meine Ahnungen nichts mehr zu bedeuten hätten, wenn diese Stunde nicht wäre. Sagen Sie es mir, daß Sie das Morgenrot nicht mehr erleben könnten ohne mich, wie ich es nicht könnte ohne Sie! Antworten Sie mir!«

»Ja, ja ...«

Rückhaltlos gab sie sich in dieser einen, schwachen Silbe. Ihr Lächeln erlosch; der Mund wurde schwer und gewann in dem bleichen Gesicht einen beinahe harten Umriß, als ob er vom Durst gepeinigt würde, unersättlich und geschaffen, an sich zu ziehen, zu nehmen, zu behalten. Und der ganze Körper, der im Schmerz und im Entsetzen hinsterben zu wollen schien, richtete sich auf, als ob ihm ein neues Knochengerüst erwüchse und gewann seine fleischliche Macht zurück und wurde von einer stürmischen Flut durchwogt; er wurde von neuem begehrenswert und unrein.

»Wir wollen nicht länger zaudern. Es ist spät!«

Er zitterte vor Ungeduld. Die Raserei gewann wieder die Oberhand in ihm; das Verlangen packte ihn wieder mit Tigerkrallen an der Gurgel.

»Ja« – wiederholte die Frau, aber mit ganz verändertem Ausdruck, Auge in Auge mit ihm, verlangend und gebieterisch, als ob sie jetzt sicher wäre, den Liebestrank zu besitzen, der ihn endgültig an sie fesseln sollte.

Er fühlte sein Herz von der ganzen Wollust durchdrungen, die diesem erfahrenen Fleisch zu eigen war. Er sah sie an und erbleichte, als ob sein Blut zur Erde niederströme, um die Wurzeln der Bäume zu tränken, im Traume, außerhalb der Zeit, er allein mit ihr.

Sie stand unter dem mit goldenen Ketten geschmückten und mit Früchten schwer beladenen Baum, und von all ihren Gliedern strömte ein Fieber aus, wie von den Lippen der Atem strömt. Dieselbe Schönheit, die sie plötzlich an der Tafelrunde durchglüht hatte und die aus tausend geistigen Kräften bestand, erneute sich in ihr, aber noch intensiver, aus der Flamme geboren, die nicht erlischt, und aus der Glut, die nicht verdorrt. Die köstlichen Früchte hingen über ihrem Haupte wie die Krone eines spendenden Königs. Und der Mythos vom Granatenbaum gewann wieder Leben, wie beim Vorübergleiten der übervollen Barke auf den abendlichen Wassern. – Wer war sie? Persephone, die Königin der Schatten? Hatte sie dort gelebt, wo alle menschlichen Leidenschaften nur ein Spiel des Windes in dem Staube einer Straße ohne Ende erschienen? Hatte sie unter der Erde die Welt der Quellen behütet und die Wurzeln der Blumen gezählt, die so bewegungslos waren wie das Blut in einem versteinerten Körper? War sie müde oder war sie trunken von den Tränen und dem Lachen und den menschlichen Lüsten, und davon, daß sie, eines nach dem andern, alle sterblichen Dinge berührt hatte, um sie erblühen, sie vergehen zu machen? Wer war sie? Hatte sie die Städte wie eine Geißel geschlagen? Hatte sie für die Ewigkeit mit ihrem Kusse die Lippen geschlossen, die da sangen, die Schläge herrischer Herzen aufgehalten, Jünglinge mit ihrem dem Schaume des Meeres gleichen salzigen Schweiße vergiftet? Wer war sie? Wer war sie? Welche Vergangenheit hatte sie so bleich gemacht, und so glühend und gefahrvoll? Hatte sie schon alle ihre Geheimnisse gekündet und alle ihre Gaben gegeben? Oder konnte sie den neuen Geliebten, für den das Leben, der Wunsch und der Sieg in eins verschmolzen, noch mit neuen Gaben überraschen? – Das alles, und mehr noch, viel mehr, wurde traumhaft hervorgerufen durch die zarten Adern in ihren Schläfen, die sanfte Wellenlinie ihrer Wangen, ihre breiten Hüften und den tiefen, fast meeresdunkeln Schatten, der das Element war, in dem dieses Antlitz lebte, wie das Auge in seinem eigenen feuchten Glanz lebt.

»Alles Gute und alles Schlimme, das, was ich weiß, und das, was ich nicht weiß; das, was du weißt, und das, was du nicht weißt; alles, alles war für die Fülle unserer Liebesnacht.« Leben und Traum waren eins. Sinne und Gedanken waren wie Weine, die in einem Gefäß zusammengemischt sind. Ihre Kleider, das nackte Gesicht, ihre Hoffnungen und Blicke wurden eins mit den Pflanzen des Gartens, mit der Luft, mit den Sternen, mit der Stille. Die geheime Harmonie, in der die Natur die Verschiedenheiten und Gegensätze vermischt und verborgen hat, wurde offenbar.

Hehrer Augenblick, ohne Wiederkehr. Ehe noch die Seele sich dessen bewußt war, machten die Hände die Bewegung des Besitzergreifens, berührten das Fleisch, das süße, kühle, zogen es an sich und genossen es.

Als die Frau die Hände des Mannes auf ihren nackten Armen fühlte, wandte sie den Kopf ins Dunkel, als ob der Schreck sie überwältigte. Zwischen den erlöschenden Augenlidern, Zwischen den ersterbenden Lippen glänzten das Weiße der Augen und ihre weißen Zähne wie Dinge, die zum letzten Male erglänzen. Dann, plötzlich, hob sie den Kopf wieder in die Höhe, belebte sich wieder; ihr Mund suchte den Mund, der sie suchte. Der eine preßte sich auf den andern. Kein Siegel war je stärker. Der Baum und die Liebe bedeckten die beiden Entrückten.

Sie lösten sich; sie blickten sich an, ohne sich zu sehen. Sie sahen nichts mehr. Sie waren blind. Sie hörten ein schreckliches Dröhnen, als ob das Brausen der ehernen Glocke zwischen ihren eigenen Stirnen von neuem ertöne. Dann konnten sie den dumpfen Schlag einer Frucht hören, die von dem Zweige, den sie in ihrer leidenschaftlichen Umarmung erschüttert hatten, ins Gras fiel. Sie schüttelten sich, wie um etwas abzuwerfen, das sie beschwerte. Sie sahen sich wieder, sie wurden wieder klar. Sie hörten die durch den Garten zerstreuten Stimmen der Freunde, das undeutliche ferne Geräusch auf den Kanälen, auf denen vielleicht die festlichen Züge von vorhin heimkehrten.

»Nun?« fragte der junge Mann, bis ins innerste Mark verbrannt von diesem Kuß aus Sinnenglut und Seele.

Die Frau bückte sich, um den Granatapfel aus dem Grase aufzunehmen: Er war reif, beim Fallen hatte er sich geöffnet, und der blutrote Saft lief heraus, badete die heiße Hand und befleckte das helle Keid. Mit der Vision der beladenen Barke, der bleichen Insel und der Asphodeloswiesen kamen dem Gedächtnis der Liebenden die Worte des Erlösers wieder in den Sinn: »Dies ist mein Leib ... Nehmet hin und esset!«

»Nun?«

»Ja.«

Mit einer instinktiven Bewegung preßte sie die Frucht in der Faust, als ob sie sie ausdrücken wollte. Der Saft tropfte heraus und lief über ihr Handgelenk. Ihr ganzer Körper krampfte sich zusammen und vibrierte nur noch um einen feurigen Kern, in dem einzigen Verlangen, zu unterliegen. Von neuem versank sie in dem eisigen Strome, er überflutete sie und machte sie von den Haarwurzeln bis in die Fingerspitzen erstarren, ohne doch den feurigen Kern zu löschen.

»Nun? Sprechen Sie!« drängte der Mann in beinah schroffem Ton; denn er fühlte den Wahnsinn wieder aufsteigen und von weither die Witterung der Orgie zurückkehren.

»Gehen Sie mit den anderen – kommen Sie dann zurück... Ich werde Sie am Gitter des Gradenigo-Gartens erwarten.«

Sie erbebte in dem traurigen Leben der Sinnenlust, die Beute einer unwiderstehlichen Gewalt. Wie in einem Blitze sah er sie wieder hingestreckt, in Schweiß gebadet, zuckend wie die Mänade nach dem Tanz. Sie sahen sich wieder an, aber sie konnten den bestialischen Blick ihrer lüsternen Begierde nicht ertragen. Sie litten. Sie trennten sich.

Sie ging den Stimmen der Dichter entgegen, die ihre ideale Macht entzückt gepriesen hatten.

 

Sie war verloren; auf ewig verloren. Sie lebte noch, vernichtet, gedemütigt und verwundet, als ob sie mitleidslos mit Füßen getreten worden wäre; sie lebte noch, und die Sonne ging auf, und die Tage fingen wieder an, und die frische Meeresflut strömte wieder in die schöne Stadt, und Donatella lag rein auf ihrem Kopfkissen. In endloser Ferne verlor sich die doch so nahe Stunde, in der sie den Geliebten am Gitter erwartet, seine Schritte in der beinah tragischen Stille der einsamen Straße gehört und gefühlt hatte, wie ihre Knie unter ihr brechen wollten und ihr Kopf sich wieder mit dem schrecklichen Dröhnen anfüllte. Endlos ferne war diese Stunde; und dennoch beharrten, unterhalb des Bebens, das die Liebeszuckungen in ihrem Fleisch Zurückgelassen, die Eindrücke dieser Erwartung mit seltsamer Deutlichkeit in ihr: Die Kälte des Eisens, an das sie ihre Stirn gelehnt hatte, der betäubend scharfe Geruch, der vom Grase aufstieg, die feuchtwarme Zunge von Myrtas Windspielen, die geräuschlos gekommen waren, um ihre Hände zu lecken.

»Leb' wohl, leb' wohl!«

Sie war verloren. Er hatte sich von diesem Bette erhoben wie vom Bette einer Courtisane, beinahe fremd geworden, beinahe ungeduldig, angelockt von der Frische der Dämmerung, von der Freiheit des Morgens.

»Leb' wohl!«

Vom Fenster aus sah sie ihn an der Riva stehen und in kräftigen Zügen die frische Luft einatmen; dann hörte sie ihn mit klarer, ruhiger Stimme in der tiefen Stille nach dem Gondoliere rufen.

»Zorzi!«

Der Mann schlief am Boden der bewegungslosen Gondel; und dieser menschliche Schlaf glich ganz dem Schlafe des Schiffes, das sein eigen. Als Stelio ihn mit dem Fuße berührte, fuhr er aus dem Schlaf empor, sprang nach hinten und packte das Ruder. Der Mann und das Schiff erwachten gleichzeitig, in der nämlichen Bewegung, wie ein zusammenhängender Körper, bereit abzustoßen ins Wasser.

»Ihr Diener, Herr!« – sagte Zorzi mit gutmütigem Lachen, indem er den Himmel, der hell zu werden begann, betrachtete. – »Man merkt's, daß es jetzt Zeit wird, loszurudern.«

Gegenüber dem Palaste wurde die Tür einer Werkstätte geöffnet. Es war eine Steinmetzwerkstatt, in der aus Steinen aus dem Val di Sole Stufen gehauen wurden.

›Um aufwärts zu steigen!‹ dachte Stelio, und sein abergläubisches Herz freute sich der guten Vorbedeutung. Der Name des Bergwerks auf dem Schild schien ihm zu strahlen. Das Bild einer Treppe bedeutete ihm sein eigenes Aufsteigen. Er hatte sie im verlassenen Garten schon auf dem Wappen der Gradenigo gesehen. ›Aufwärts, immer höher aufwärts!‹ Die Freude sproßte allerorten wieder hervor. Der Morgen befeuerte das Wirken der Menschen.

›Und Perdita? Und Ariadne?‹ Er sah sie wieder auf der marmornen Treppe, beim Lichte der qualmenden Fackeln, so eng aneinander geschmiegt in dem Gewühl, daß eine mit der andern verschmolz in demselben leuchtenden Weiß, beide Versucherinnen hervorgegangen aus der Menge, wie aus der Umarmung eines Ungeheuers. ›Und die Tanagra?‹ Die Syrakuserin mit den langgeschnittenen Augen schien ihm in der Ruhe mit der Mutter Erde verwachsen, wie die Figur eines Basreliefs mit der Fläche, in die sie gemeißelt ist. ›Die dionysische Dreieinigkeit!‹ Er stellte sie sich vor, losgelöst von jeder Leidenschaft, frei von allem Bösen, wie die Schöpfungen der Kunst. Die Oberfläche seiner Seele bedeckte sich mit glänzenden, rasch wechselnden Bildern, wie ein Meer, das von geblähten Segeln bedeckt ist. Sein Herz litt nicht mehr. Mit dem Heraufsteigen des Lichts verbreitete sich ein herb-frisches Gefühl von Erneuerung über sein ganzes Sein. Die Glut des nächtlichen Fiebers wich völlig mit der frischen Brise. Was sich rings um ihn ereignete, ereignete sich auch in ihm. Mit dem neuen Morgen wurde er wiedergeboren.

»Jetzt nützt dir dein Licht nichts mehr« – murmelte verschmitzt der Ruderer, indem er die Laterne an der Gondel auslöschte.

»Über San Giovanni Decollato nach dem Canale Grande!« – rief Stelio ihm im Niedersetzen zu.

Und während das Vorderteil der Gondel sich nach der Rio die San Giacomo dall'Orio wendete, drehte er sich um, um den Palast zu betrachten, der bleiern im Schatten lag. Ein erleuchtetes Fenster wurde dunkel, wie ein Auge, das erlischt. Sein Herz klopfte heftig, die Wollust durchströmte wieder seine Adern; Bilder von Tod und von Schmerz überwogen alle andern. Die alternde Frau war da oben allein zurückgeblieben, mit der Miene einer Sterbenden; die ernste Jungfrau bereitete sich, an den Ort ihrer Martern zurückzukehren. Er verstand es nicht, zu bemitleiden, nur zu verheißen. Aus der Überfülle seiner Kraft schöpfte er die Vorstellung, als könne er diese beiden Geschicke durch seine Freude umwandeln. Sein Herz litt nicht mehr. Jedes Bangen wich dem harmlosen Vergnügen, das die Vorgänge des erwachenden Morgens seinen Augen bereiteten. Das über die Gartenmauern wuchernde Blätterwerk, in dem die Sperlinge schon anfingen zu zwitschern, versteckte ihm Perditas Blässe. In der Wellenbewegung des Wassers verloren sich die schwellenden Lippen der Sängerin. Was sich rings um ihn ereignete, ereignete sich auch in ihm. Die Wölbung und der Widerhall der Brücken, die schwimmenden Wasserpflanzen, das Girren der Tauben waren wie sein Atem, wie seine Zuversicht und wie sein Hunger.

»Vor dem Palazzo Vendramin-Calergi halte an« – befahl er dem Ruderer.

Im Vorbeifahren längs einer Gartenmauer riß er ein paar zierliche Pflanzen aus, die dort zwischen den dunkelroten, in der Färbung geronnenen Blutes glänzenden Ziegelsteinen blüten. Die Blumen waren violett und so ausnehmend zart, daß man sie kaum fühlte. Er dachte an die Myrten, die am Golf von Ägina wachsen und die hart und starr sind wie eherne Stauden; er dachte an die düstern Zypressenhaine, die die steinigen Gipfel der toskanischen Hügel krönen, und an die hohen Lorbeerbäume, die die Statuen in den römischen Gärten schirmen. Bei solchem Denken erschien ihm nun die Spende dieser herbstlichen Blumen allzu kärglich für den, der es verstanden hatte, seinem Leben den großen Sieg zu verleihen, den er ihm verheißen hatte.

»Lege an der Riva an.«

Der Kanal war einsam, der uralte Strom des Schweigens und der Poesie. Der grünliche Himmel spiegelte sich darin mit seinen letzten, erbleichenden Sternen. Der Palazzo hatte auf den ersten Blick ein lustiges Aussehen, wie eine gemalte Wolke, die auf dem Wasser ruhte. Der Schatten, in den er noch getaucht war, hatte etwas Sammetartiges, die Schönheit einer prächtigen und weichen Sache. Und so wie sich von tiefem Sammet ein Kunstwerk abhebt, so offenbarten sich langsam die Linien der Architektur in den drei korinthischen Säulenordnungen, die mit einem Rhythmus von Kraft und von Anmut bis zum Giebel stiegen, wo Adler, edle Renner und Weinkrüge, die Sinnbilder vornehmen Lebens, mit den Rosen der Loredan abwechselten. Non nobis, Domine, non nobis.

Das große, kranke Herz schlug hier. Das Bild des barbarischen Schöpfers tauchte von neuem auf: die blauen Augen glänzten unter der geräumigen Stirn, die von Sinnlichkeit, Stolz und Verachtung umspielten Lippen preßten sich über dem kräftigen Kinn zusammen. – Schlief er? Konnte er schlafen? Oder war er, mit all seinem Ruhme, schlaflos? – Der junge Mann dachte an die seltsamen Dinge, die er von ihm hatte erzählen hören. – War es wahr, daß er nicht anders schlafen konnte, als am Herzen seiner Frau, in engster Verschlingung mit seiner Frau, und daß er selbst im Greisenalter dieses Bedürfnis nach der Berührung der Liebe bewahrt hatte? – Er dachte an Lady Myrtas Erzählung, die in Palermo die Villa d'Angri besucht hatte, wo die Schränke des von dem Alten bewohnten Zimmers einen so betäubenden Duft von Rosenöl bewahrt hatten, daß er einem noch Schwindel erregte. Er sah den kleinen müden Körper, in prunkvolle Decken gehüllt, mit Edelsteinen geschmückt, parfümiert wie ein Leichnam, der für den Scheiterhaufen hergerichtet ist. – Hatte vielleicht Venedig ihm, wie schon früher Albrecht Dürer, den Geschmack an der Wollust und am Prunk beigebracht? Im Schweigen der Kanäle hatte er gewißlich den glutheißesten Hauch seiner Musik vorüberfluten hören: die totbringende Leidenschaft von Tristan und Isolde.

Jetzt pochte das große, kranke Herz hier; die gewaltig brausende Leidenschaft kam hier zur Ruhe. Der Patrizierpalast mit den Adlern, den edlen Rennern, den Weinkrügen und den Rosen war verschlossen und stumm wie ein vornehmes Grabgewölbe. Und über diesem Marmor entflammte sich der Himmel im Hauch der Morgenröte.

»Erlösung dem Erlöser!« Und Stelio Effrena warf die Blumen vor das Portal.

»Vorwärts! Weiter!«

Durch diese plötzliche Ungeduld angefeuert, beugte sich der Gondoliere auf das Ruder. Das schlanke Schiff schoß wie ein Pfeil über das Wasser. Der ganze Kanal war von der Seite her lichtübergossen. Ein fahlrotes Segel glitt geräuschlos vorbei. Das Meer, die fröhlichen Fluten, das Gekreisch der Möwen, der Wind des offenen Wassers tauchten vor seinem Wunsche auf.

»Rudre zu, Zorzi! Durch den Rio dell'Olio nach der Veneta Marina« – rief der junge Mann.

Der Kanal erschien ihm zu eng für den Atem seiner Seele. Der Sieg war ihm fortan so notwendig wie der Atem. Aus dem nächtlichen Sinnentaumel erwacht, wollte er am hellen Lichte des Morgens, an dem herben Dufte des Meeres die Stärke seiner Natur prüfen. Er war nicht müde. Um seine Augen herum empfand er eine Frische, als ob er sie im Morgentau gebadet hätte. Er empfand kein Bedürfnis, sich auszuruhen, und das Wirtshausbett flößte ihm Schauder ein, wie ein niedriggemeines Lager. »Das Deck eines Schiffes, der Geruch von Teer und von Salz, das Schlagen eines roten Segels ...«

»Rudre zu, Zorzi!«

Die Kräfte des Gondoliere verdoppelten sich. Die Gabel kreischte von Zeit zu Zeit unter der Anstrengung. Der Fondaco dei Turchi flog vorbei, in seinem wundervollen vergilbten und verblaßten Elfenbeinton an das übriggebliebene Portal einer verfallenen Moschee erinnernd; der Palazzo Cornaro und der Palazzo Pesaro zogen vorüber, die beiden düsteren Kolosse, von der Zelt geschwärzt wie von dem Rauche einer Feuersbrunst; und die Ca'd'Oro, dies göttliche Spielzeug aus Stein und Luft; und endlich zeigte der Ponte di Rialto seine geräumige Wölbung; er wogte schon von volkstümlichem Leben, mit seinen vollgestopften Buden und seinem Geruch nach Gemüsen und Fischen einem riesengroßen Füllhorn gleichend, das über die Ufer hin seinen Überfluß an Land- und Seefrüchten ergießt, um damit die königliche Stadt zu speisen.

»Ich habe Hunger, Zorzi, großen Hunger« – sagte Stelio lachend.

»Gutes Zeichen, wenn solche Nacht hungrig macht; die Alten macht's schläfrig« – meinte Zorzi.

»Lege an!«

Er kaufte sich Trauben aus Vignole und Feigen aus Malamocco, auf einer Schüssel von Weinblättern zierlich hergerichtet.

»Rudre weiter!«

Die Gondel wendete unter dem Fondaco dei Tedeschi; durch enge und dunkle Kanäle glitt sie nach dem Rio di Palazzo. Die Glocken von San Giovanni Chrisostomo, von San Giovanni Elemosinario, von San Cassiano, von Santa Maria dei Miracoli, von Santa Maria Formosa, von San Lio klangen fröhlich in den Morgen hinein. Der Lärm des Marktes mit seinen Fisch-, Gemüse- und Weingerüchen verlor sich in den ehernen Grüßen. Zwischen den noch schlummernden Marmor- und Steinmauern, unter dem hellen Streifen des Himmels wurde der Wasserstreifen vor dem eisernen Bug immer leuchtender, als ob die Fahrt ihn entzünde. Und dieses Anwachsen des Glanzes erweckte in Stelio die Vorstellung einer flammenden Geschwindigkeit. Er mußte an den Stapellauf von Schiffen denken, die beim Hinuntergleiten ins Meer durch die Reibung Flammen erzeugen: das Wasser rundum raucht, das Volk jubelt Beifall und applaudiert ...

Ein plötzlicher, instinktiver Gedanke lenkte ihn nach dem glorreichen Ort, an dem, wie ihm schien, die Spuren seiner lyrischen Begeisterung und der Widerhall des großen bacchantischen Chores noch haften mußten. »Es lebe der Starke ...!« Die Gondel streifte den machtvollen Seitenflügel des Dogenpalastes, der kompakt dalag wie eine einzige Masse, von Meiseln behauen, die ebenso geschickt waren, Melodien zu finden, wie die Plektren der Musiker. Er umfaßte das gewaltige Bauwerk mit seiner ganzen neugebornen Seele; er hörte wieder den Klang seiner eigenen Stimme und das Brausen des Beifalls; er sah wieder das gewaltige, tausendäugige Ungeheuer, den Rumpf bedeckt mit glänzenden Schuppen, eine schwärzliche Masse unter den mächtigen goldnen Voluten; und sich selbst stellte er vor, über die Menge schwingend, wie einen konkaven klingenden Körper, von einem geheimnisvollen Willen bewohnt. Er sagte: »Mit Freude schaffen! Das ist das Attribut der Gottheit. Es ist unmöglich, auf dem Gipfel der Geistigkeit eine sieghaftere Tat auszudenken. Schon die Worte, die sie ausdrücken, haben den Glanz der Morgenröte ...«

Er wiederholte es sich selbst, der Luft, dem Wasser, den Steinen, der alten Stadt, dem jungen Morgenlicht: »Mit Freude schaffen! Mit Freude schaffen!«

Als die Gondel unter der Brücke durchgefahren und in den glänzenden Wasserspiegel geglitten war, hatte er in einem tiefen Atemzug mit seiner Hoffnung und seinem Mut die ganze Schönheit und die ganze Kraft seines früheren Lebens zurückgewonnen.

»Finde mir eine Barke, Zorzi, eine Barke, die ins offene Meer geht!«

Er brauchte einen noch weiteren Atemzug, und den Wind, den Salzgeschmack, den Meeresschaum, geblähte Segel und den dem unermeßlichen Horizonte zugewandten Bugspriet.

»Nach der Veneta Marina, finde mir eine Fischerbarke, eine Barke aus Chioggia!«

Er bemerkte ein großes rot und schwarzes Segel, das eben gehißt worden war, und während es den Wind auffing, sich blähte, stolz wie eine alte republikanische Standarte mit dem Löwen und dem Buch.

»Dort! Dort! Hole sie ein, Zorzi!«

Ungeduldig gab er mit den Händen Zeichen zu warten.

»Ruf der Barke zu, daß sie auf mich warten soll!«

Der Mann am Ruder, erhitzt und schweißtriefend, stieß einen Signalschrei aus, zu den Männern am Segel gewendet. Die Gondel flog wie ein Rennboot bei einer Regatta. Man hörte das Keuchen der kräftigen Brust.

»Bravo, Zorzi!«

Aber auch er keuchte, als ob es gelte, sein Glück zu erreichen, ein seliges Ziel, die Gewißheit eines Königreiches.

»Wir sind durchs Ziel,« sagte der Ruderer, während er sich die kochheißen Handflächen rieb, mit einem herzlichen Lachen, das seine ganze Person zu erfrischen schien. »Seht, was für ein wunderlicher Einfall!«

Die Bewegung, der Ton, die volkstümliche Schlagfertigkeit, die dumm-erstaunten Gesichter der Fischer, die sich über die Brüstung lehnten, der Widerschein des Segels, der das Wasser blutrot färbte, der herzhafte Geruch nach frischem Brot, der aus einem Backofen kam, der Geruch von Pech, das in einer benachbarten Werft zu sieden anfing, das laute Rufen der Arsenalarbeiter, die an ihre kriegerische Arbeit gingen, die ganze starke Ausdünstung dieses Hafens, in dem noch die alten Galeeren der durchlauchtigsten Republik verfaulten und die Panzer von Italiens Kriegsschiffen unter dem Hammer erdröhnten: alle diese harten und gesunden Dinge erweckten in dem Herzen des jungen Mannes einen Sturm von Fröhlichkeit, der sich in einem herzhaften Lachen Luft machte. Er und der Ruderer lachten einstimmig zusammen an der Breitseite der ausgebesserten und beteerten Fischerbarke, die das lebendige Aussehen eines guten Lasttieres hatte, die rauhe Haut gefurcht von Beulen und Narben.

»Was wollt Ihr?« fragte der älteste der Schiffer, indem er sein bärtiges und verbranntes Gesicht, in dem außer einigen weißen Stoppeln und den grauen Augen unter den vom Salzwind umgestülpten Lidern nichts Helles war, dem schallenden Gelächter zuwandte. »Was wollt Ihr, Herr?«

Das Großsegel schlug und knarrte wie eine Fahne.

»Der Herr möchte an Bord steigen« – erklärte Zorzi.

Der Mastbaum kreischte von oben bis unten.

»Er soll nur heraufkommen; da braucht's nichts weiter!« meinte der Älteste einfach; und er wendete sich um, um die Strickleiter zu nehmen.

Er befestigte sie in halber Hohe hinten am Schiff. Sie war aus einigen abgenützten Pflöcken und einem einzigen am Ende geteilten, mürben Strick verfertigt. Aber selbst diese schien Stelio, wie alle Einzelheiten des plumpen Schiffes, eine merkwürdig lebendige Sache. Als er seinen Fuß darauf setzte, schämte er sich förmlich seiner glänzenden und seinen Schuhe. Die große harte, mit blauen Figuren tätowierte Hand des Schiffers half nach und zog ihn mit einem Ruck an Bord.

»Die Trauben und Feigen, Zorzi!«

Der Ruderer reichte ihm von der Gondel aus die Schüssel aus Weinblättern.

»Möge es sich Euch in Blut verwandeln!«

»Und das Brot?«

»Unser Brot ist noch ganz warm,« sagte ein Schiffer und hob dabei den schönen, runden und hellen Brotlaib in die Höhe; »es kommt grad' eben aus dem Ofen.«

Der Hunger, zusammen mit dem guten Weizen, mußte ihm einen köstlichen Geschmack verleihen.

»Ihr Diener, Herr! Und guten Wind!« rief der Ruderer und grüßte zum Abschied.

»Frischauf!«

Das lateinische Segel blähte sich purpurn, mit dem Löwen und dem Buch. Die Barke legte sich vor den Wind, den Bug San Servolo zuwendend. Das Ufer schien sich zu krümmen, wie um sie abzustoßen. Im Kielwasser mischten sich die Strömungen, die eine blaugrün, die andere rosenrot, einen opalschimmernden Strudel hervorbringend; dann wechselten sie schillernd in allen Farben, als ob das Fahrwasser ein flüssiger Regenbogen wäre.

»Abfallen!«

Das Fahrzeug drehte mit großer Gewalt. Ein Wunder vollzog sich. Die ersten Strahlen der Sonne glitten über das schlagende Segel, vergoldeten die Engel auf den Glockentürmen von San Marco und von San Giorgio Maggiore, entzündeten die Kugel der Fortuna und krönten die fünf Bischofsmützen der Basilika mit leuchtenden Blitzen. Die meerentstiegene Stadt war Königin auf dem Wasser mit all seinen gepeitschten Segeln.

»Heil dem Wunder!« Ein Gefühl übermenschlicher Kraft und Freiheit schwellte das Herz des jungen Mannes, wie der Wind das für ihn wunderbar verklärte Segel schwellte. Er stand in der purpurnen Pracht des Segels wie in der Pracht seines eigenen Blutes. Ihm schien, als ob das ganze Mysterium dieser Schönheit die siegreiche Tat von ihm gebieterisch verlange. Er fühlte sich fähig sie zu vollbringen. »Mit Freude schaffen!«

Und die Welt war sein eigen.

 

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