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Walther Siegfried: Fermont - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleFermont
authorWalther Siegfried
year1893
firstpub1893
publisherE. Albrecht & Co.
addressMünchen
titleFermont
pages284
created20180708
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Notiz, ergänzende Erzählung, von Georg Brandt.

In kleinen Verhältnissen bleibt Nichts lange Geheimniß, und jener von Fermont gezüchtigte Schafhirt, der im gefährlichsten Augenblicke Zeuge gewesen war, daß zwischen Fermont und Eva etwas Tieferes bestanden, hatte rachgierig am richtigen Orte ausgebeutet, was er wußte. In Kurzem war Mathies der festen Ueberzeugung, jener Fremde sei der reichere Geliebte seines entflohenen Mädchens gewesen, und mit seinem Gelde sei sie schließlich – unbestimmt wohin – entwischt. Diese Ansicht bestärkten vollends noch die Knechte vom Karhof, die umso erboster waren, als sie von der Meisterin als einzige Auskunft den Verweis erhielten: sie hätten einer braven Dirn das Leben im Hause unmöglich gemacht.

In den ersten, auf diese Vorgänge folgenden Wochen scheint Fermont vollkommen abgeschlossen in seinem Thurm gelebt und Abends das Dorf nie betreten zu haben. Sonst wäre möglicherweise schon bälder erfolgt, was sich nun bis zum Ende des November in unheimlichem vergeblichem Auflauern verzögerte.

Von einem einzigen Sonntag in dieser Zeit besagt eine Notiz, daß er des Morgens mit Beppo noch 243 einmal auf ihrer alten Bank am Berghang gesessen habe, und im Uebrigen bekundet eine große Anzahl in jenen Wochen geschriebener Blätter und Auszüge aus naturwissenschaftlichen Werken, die er damals mit großer Gründlichkeit zu studiren begonnen hatte, daß er sich da aufs Neue einer Beschäftigung seines Geistes zugewendet hat, die sein ganzes Denken dem Alltag wieder völlig entzog. 244


Aufzeichnungen Fermont's

Sonntag, 27. November.

Im Nebelziehen und in der ungeheuren Stille des Hochwaldes saßen wir heute Morgen noch eine Weile auf unsrer Holzknechtbank am Berge droben, wohl denkend, es sei das letzte Mal in diesem Herbst! Beppo hielt gemüthvoll Rückschau über das, was er an diesem waldversteckten Plätzlein Alles erlebt habe und plauderte, halb nur für sich, halb auch zu mir, was er so gedacht, wenn er hier oben allein zuweilen auf mich gewartet habe. Immer wärmer und reicher wird dies Innere, je bewußter sich Beppo Rechenschaft zu geben lernt.

Als wir uns zum Gehen wandten, entdeckten wir in der rauhen rissigen Rinde der alten Föhre, die des Bänkleins Rücklehne bildet, eine große Rabenfeder, die fast senkrecht steckte.

»O schauen Sie nur!« rief Beppo – »wie kam die wohl hieher?« Er streichelte darüber hin. »Die muß jetzt bleiben! . . nicht wahr? . . zum Andenken, daß wir heute noch hier oben gewesen sind! Ich stecke sie noch fester ein, dann lassen wir den Winter drüber gehen, und wenn wir im Frühling das erste Mal wieder bis herauf gelangen, so muß sie da sein, 245 wie ein guter Bekannter, der unsre Bank die Zeit hindurch bewacht hat!« Und lachend bohrte er den Kiel der Feder tiefer in die Rinde.

»So, nun leb' wohl!« winkte er mit der Hand, als er sie befestigt hatte, und grüßte dann auch unsre Bank nochmals. »Und haltet gut zusammen, den langen Winter durch!«

– Als wir zu Thale kamen, sahen wir, daß das die letzte Frist gewesen war zum Abschiednehmen von der lieben Stelle. Denn aus der grauen Nebelluft begrüßten uns im Feld die ersten großen Flocken, und mit den Stunden zog ein immer dichterer Wintersturm her übers Land. Zu dieser Abendstunde deckt schon weiße Oede rings das Thal, und Gebirg und Hochwald sind im Schneegestöber verschwunden. 246


Notiz, ergänzende Erzählung, von Georg Brandt.

Am Abend des folgenden Tages, des 28. November, bei tiefem Schnee, trat Fermont nach der langen Pause zum ersten Male wieder im Dorfwirthshaus ein.

Sichtlich ganz mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, setzte er sich in eine leere Ecke, der Stube halb den Rücken zuwendend, und ließ sich da ein Abendessen geben. Er achtete nicht auf die andern, von Bauern besetzten Tische und las während des größten Theils des Abends in gleichgültigen Blättern, die herumlagen.

An einem entfernten Tische saß inmitten einer Anzahl Handwerksgesellen und junger Bauernbursche Beppo und beobachtete mit Spannung den Eindruck, den seines Freundes unerwartetes Erscheinen bei Mathies hervorbringen würde, der, wie immer am Abend, in seiner Fensterecke bei den Flößern und Holzknechten saß.

Der Bursche war bei Fermont's Anblick fahl geworden, und Beppo fing auch sofort einen scharfen Blick auf, der ihm selber galt. Er verstand jedoch sein Aufmerken unter einer gleichgültigen Miene gänzlich zu verbergen; deutlicher als je aber kündete ihm sein Instinkt heut Gefahr. Er ließ daher nicht 247 ab, den ganzen Abend hindurch des Mathies Gebaren zu verfolgen, der an den Gesprächen seiner Nachbarn kaum noch theilnehmend, fast ununterbrochen Fermont untenvor betrachtete. In seinen Augen, die er mit dem vorgeschobenen Federhute absichtlich beschattete, sprühte der Haß, der sich im Anblick des reicheren Nebenbuhlers stündlich schürte. Die Lippen waren farblos, der ganze Mensch zusammengekauert, wie eine sprungbereite Bestie!

Fermont kehrte der Stube nun fast ganz den Rücken zu, unbekümmert um Alles außer ihm. Er schien heute überhaupt nicht einmal daran zu denken, daß Mathies da sein könnte.

Beppo hatte ihm den Namen niemals wieder genannt, der Sache, um derenwillen er gelitten, seither mit keiner Silbe mehr Erwähnung gethan. Er hatte sich verhalten, als wäre ihm nie etwas bekannt gewesen. Selbst von dem wichtigen Erlebniß jener Nacht war infolge von Fermont's zornigem Auffahren nun kein Wort über seine Lippen gekommen. Er wollte nun schweigen, – schweigen, bis im Augenblicke wirklicher Gefahr ein lauter Warnruf seine unumgängliche Pflicht sein würde. Inzwischen blieb ihm nur dies doppelt scharfe Ueberwachen.

Fermont blieb sitzen, eine Stunde, eine zweite, bald lesend, bald in Sinnen vertieft.

Als er dann gegen zehn Uhr aufstand und seine Zeche bezahlte, merkte Beppo, wie Mathies sich vorsichtig ebenfalls rührte, sein Glas ganz sachte ein wenig beiseite schob, vom Tisch wegglitt und gleich 248 hinter Fermont die Stube verließ. Unauffällig wußte der Junge sofort auch nachzufolgen. Vor dem Hause hörte er noch Fermonts Tritte im Schnee, in der Richtung gegen die bekannte Gasse, die vom Dorfende zwischen den Mauern und Gehöften hindurch zum Feld hinausführte. Den Mathies aber sah er nicht.

Spähend bückte er sich zu Boden. Der Schnee hatte in der finstern Winternacht nur eine schwache ungefähre Helle. Doch vermochte Beppo von großen Schuhen zweite Spuren zu erkennen, die sich aber nicht nach der Gasse wendeten, sondern gleich zwischen den nächsten zwei Bauernhäusern verliefen. Das beruhigte ihn keineswegs. Aus der gähnenden Finsterniß grinste ihm überall bleich und voll Haß das eben gesehene Antlitz des Burschen entgegen und erfüllte ihn mit Angst.

Lautlos schlich er, Fermont's Spuren folgend, dorfaufwärts, bog gleich ihm in die Gasse und glitt ihm nah und näher, den schwachen knisternden Lauten seiner Schritte folgend. Behutsam im frischgefallenen weichen Schnee die eigenen Tritte wählend, gelangt er unbemerkt bis auf wenige Schritte hinzu. In jeden Häuservorsprung, in jede dunkle Thüre späht sein Auge: – – Nichts! Auch sieht er trotz steten Bückens nirgends fremde Fußspuren. Also hier ist Mathies noch nicht vorbei! Und hinter ihm? Er horcht: – Alles bleibt still. Er folgt, stets unhörbar in Fermont's Fußstapfen tretend, auf kaum vier Schritte. So nahe wie möglich will er bleiben, will Fermont bis ganz an den Thurm überwachen, will 249 ihm rufen, wenn er plötzlich etwas entdeckt. Doch ungestört geht Der vor ihm her, so nah – und doch ohne Ahnung, daß Jemand folgt. Sie kommen an dem alten, nicht mehr als mannshohen Gemäuer entlang, das zwischen zwei Häusern die Gasse begrenzend, eine Baumwiese einschließt. Es ist hier im Schatten so finster, daß man nichts mehr erkennt. Da plötzlich vernimmt Beppo dicht vor sich und neben seinem Ohr ein leises Knistern im Schnee. Es kommt von der Mauer! Einen Blick dahin – und er gewahrt, schwarz gegen den kaum etwas helleren Himmel, da oben in Kopfhöhe die Gestalt eines Mannes mit erhobenem Arm, eben bereit, herabzuspringen. Und Fermont – geht gerade unten vorbei! Entsetzt, keine Zeit mehr zum Schreien fühlend, in des Augenblickes tödtlicher Kürze nur noch dies Eine als Mittel zur Rettung des Freundes begreifend: stürzt Beppo sich selber mit einem verzweifelten Sprunge nach vorn, Fermont mit beiden Fäusten einen wilden Stoß in den Rücken versetzend, daß Dieser weithin vornüber fällt. Im gleichen Augenblick ist Mathies gesprungen und nun wirklich auf Beppo gerannt. Mit Blitzesschnelle hat er ein paar wüthende Stiche in den menschlichen Rücken geführt, den er gegriffen, – und ist mit einem abermaligen Satz über die Mauer verschwunden.

Ein dumpfer Schrei! Beppo dreht sich, den Rücken schüttelnd, nach Luft ringend, ein paar Mal um sich selber und bricht dann zusammen. Der Andere am Boden, der das in eines Augenblickes Kürze Geschehene noch gar nicht faßt, springt wieder auf, blickt um und 250 sieht noch eine schwarze Gestalt über die Mauer in die Finsterniß verschwinden.

Ein Augenblick tödtlicher Stille, in der er wie nach Besinnung suchend dasteht, – dann wirft er sich auf die Kniee zu dem Körper am Boden, der stöhnt und zu reden versucht. Fermont tastet, . . . beugt sich über ihn . . . und erkennt! Eine Sekunde stockt ihm vor Entsetzen der Athem. Dann ruft er um Hülfe . . . .

An den schweigenden Dorfhäusern verhallt bebend sein Schrei.

Es bleibt still, und der athemlos Horchende hört nur schauerlich leise die Flocken rings um sich her niedergleiten und die Brunnen der Gehöfte singend laufen in all der schlaftrunkenen Stille.

Endlich wird im nächsten Hause ein Fenster hell, und eine Männerstimme fragt, was geschehen.

»Ein Mord! Licht! Licht!« . . . . . .

Beppo lispelt. Fermont neben ihm, in den Schnee gekauert, hält sein Haupt im Arme und lauscht. Da spürt er, wie ihm vom Rücken des Jungen warmes Blut über den Arm hinrieselt. Er hebt ihn höher, er will ihn wenden, aber Beppo, fühlend, daß jede Bewegung sein Ende beschleunigt, wehrt ab und strengt sich abermals an zu sprechen. Seine Lippen murmeln, – doch Fermont versteht nicht.

»Ach . . Beppo! . . . noch einmal! was sagst Du? . . ich horche!«

Ein Mann mit einer Laterne erscheint, hinter ihm schon ein Weib mit einer zweiten. Das springt vor und leuchtet; dann schreit es voll Grausen auf. »Wer hat Das gethan?« 251

Fermont, noch wie betäubt, fängt erst an, einen Zusammenhang zu ahnen, und lauscht immerzu gespannt, das Ohr ganz dicht über die Lippen des sterbenden Jungen gebeugt, auf ein Wort, einen Ausruf. Doch Beppo schüttelt nur schwach den Kopf.

»So sag' mir nur, wie kamst Du daher? . . hinter mich, so dicht? Beppo, – sprich!«

Der Junge versuchte zu lächeln.

»Galt es mir?« schrie Fermont – »und Du kamst nur dazwischen?« . . . Heiß schlug es ihm über den Rücken, er errieth.

Und Beppo, wie erlöst, daß er, trotz seiner Ohnmacht zu reden, verstanden war, vermochte sich jetzt ein wenig emporzurichten. Ueber sein erbleichendes Antlitz ging's wie ein seliger Strahl. Doch plötzlich drehte sich sein Körper herum, und er verlor einen Augenblick völlig die Luft.

Auf der Seite liegend, kam er nochmals flüchtig zu Athem.

»Also um mich?« flüsterte ihm Fermont leise ins Ohr.

Da schlug er die Augen auf, wie verklärt, und mit letzter Anstrengung lispelte er: – »ich – wollte Sie . . . schützen!« Der Athem reichte nicht mehr. »So . . . . glücklich!« – hauchte er erlöschend. Sein Körper bäumte sich auf in Fermont's Arm, ein kurzer Kampf – und Beppo verschied.

Laut betend umstanden schon immer mehr Nachbarn die Beiden. Fermont's Rechte hatte dem Zusammengesunkenen die Kleider geöffnet und die Brust 252 zu befreien gesucht. Jetzt begegneten seine Finger einem harten Gegenstand, er fühlte ihn an: – sein Goldstück, das der Todte auf dem Herzen trug! Da stürzten ihm die Thränen aus den Augen. Ueberwältigt von so viel Liebe, die sich nun treu bis in den Tod erwiesen hatte, legte er den entseelten Körper sanft zurück und wandte sich hinweg.

Gassauf, gassab erschienen Menschen mit Lichtern, Gewirr und Murmeln nahte von überallher, und nach der heiligen Weihe eines Menschensterbens brach der Tumult los über die geschehene unerhörte That.


Mathies war, um jeden Verdacht von sich abzulenken, sofort ins Wirthshaus zurückgeeilt und hatte sich möglichst unbemerkt wieder in seinen Winkel gesetzt.

Von dem, was sich unter seinen Händen im letzten Augenblick noch zugetragen, hatte er keine Kenntniß, wohl aber verfolgte ihn eine in der Finsterniß und Erregung halb erfaßte unheimliche Vorstellung: als ob er in der blitzschnellen Flucht jener paar Augenblicke des Sprunges, des Zustoßens und der Rückkehr über die Mauer – ungewiß und doch! – etwas wie eine zweite Gestalt, ein wenig vor der getroffenen, hätte in den Schnee fallen und gleichzeitig mit dem Schrei des Gestochenen einen Laut von sich geben hören.

Indessen hatte er im frischen Schnee, auf den es nur sehr sachte weiterschneite, Spuren hinterlassen, die zuerst Blutflecken vom Reinigen der Hände zeigten 253 und dann sich gegen das Dorf hinwendeten. Die ersten herbeigeeilten Nachbarn folgten diesen Anhaltspunkten mit Laternen vom Orte des Verbrechens weg auf allen ihren Wegen, hinter mehreren Gehöften durch, dann wieder auf der mehrfach von andern Fußspuren durchkreuzten Dorfstraße, immerzu, bis zum Wirthshause. Dort wurde die blutige That gemeldet – und der Zusammenhang war schneller gefunden, als der Thäter geahnt. Seine schlecht verborgene Wuth der Enttäuschung, als er hörte, wer getroffen sei und daß somit seine Rache völlig mißglückt war, verrieth ihn vollends. Noch in der Nacht verbrachte man ihn, auf einen Schlitten gebunden, ins Amtsgefängniß des nächsten Dorfes.

Am folgenden Morgen wurde Fermont in seinem Kastell vernommen und um seine Beziehungen zu dem Mörder und dem Ermordeten befragt. Darauf führte man in seiner Gegenwart Mathies vor Beppo's Leiche. Der Bursche gestand nichts zu und leugnete nichts ab. Aber auf den Fremden, der dort unversehrt stand, schoß er aus seinem wuthfahl gewordenen Gesicht ganz unverhohlen vor Allen ein Blick voll tödtlichen Hasses hinüber.

Nachdem ermittelt worden war, daß er keine Helfer gehabt habe, wurde er nach dem Gefängniß zurückgebracht.

Von Fermont finden sich Blätter noch aus der gleichen Nacht nach dem furchtbaren Geschehniß. 254


Aufzeichnungen Fermont's.

28. November, Morgens 2 Uhr.

. . . Seit Stunden bin ich nun umhergeirrt in dieses Thurmes fühllosen Mauern, zum ersten Mal voll Grausen über die lautlose Einsamkeit einer Nacht. Mich schreckt der Stuhl, auf dem er saß! Mich schaudert vor dem Tisch, an dem er gegessen, mich schreckt das Knistern jedes Scheites in dem Kamin, davor er geweilt und das Knarren der Thüre, durch die er noch gestern getreten – Beppo! er! den ich soeben todt aus diesen Armen gegeben! Todt? – das warme Herz, dessen Hauch hier noch weht, das mir da drinnen eine Heimath geschaffen! Beppo ermordet! und furchtbar: erdolcht um meinetwillen!

Mich packt es . . . Verwirrung . . . Grausen!

Wie faß' ich es denn: ein Mensch vor Dir athmet und lebt! Sein fühlendes Herz schlägt, Dir spürbar, dadrinnen; es leuchtet der warme Abglanz davon auf seinem Antlitz und spricht hinüber zu Deinem Herzen. Ruhe und inneres Besitzen fühlst Du, wenn Du in dieses Auges Strahl schaust! Eine Minute wendest Du den Rücken – und all Das ist nicht mehr! Du hältst in den Armen, die noch eben das Leben hielten – ein erkaltendes Todtes! Ah, Schauder! Begreifst Du? fassest Du das, Menschenhirn? 255

O daß doch diese harten Mauern vor mir, die da im flackernden Feuerschein leuchten, sich verfinsterten, sich ins tiefste schwärzeste Dunkel einhüllten, und ich in ihnen plötzlich aufwachend, ins stille Tiefnächtige schauen möchte und erlöst aufschreien: »es war nur ein furchtbarer Traum!«

Aber nein – es ist! Wehe, es ist! Blut klebt an meinem Aermel! Blut eines Todten! . .

O treue große Seele in der geringen Gestalt! Heldenhaftes Opfer um mich!



Ich suche Dich, suche Dich wie im Irrwahn in diesem Gelaß! Ich glaube Dich zu sehen, zu fassen; denn ich muß mit Dir reden, ein Wort des Freundes zum Dank! Aber Todstille rings, Todstille draußen, tausendfach furchtbar mit des Baches klagendem Wellenziehn drunten. Und dies schaurige Chaos in mir, von Weh und zuckenden Gedanken!

Einsamkeit! O wie furchtbar bist Du mir in dieser Stunde! . . . . . .

Und doch! Ja! Laßt mich allein! Nur Eines ist für mich möglich – eben diese entsetzliche nächtige Stille! 256

 

29. November,
an Beppo's aufgebahrter Leiche.

So haben sie Dich mir nun überlassen, armes Kind, daß ich bei diesem Erdenrest von Dir verweilen mag, bis sie ihn meinen Augen auf immerdar entführen!

Ein Heiligthum scheint mir jetzt dies Gelaß, da es Dich so noch bergen darf; ein heilig Amt auch: Wache halten an eines Menschen Leiche, der getreu war bis zum Opfertod.

Wie viele Todte sah ich: Larven einstigen Lebens! Wie anders Du da vor mir, Beppo! Verklärung thront, wo bisher Fragen war und Kampf! Antwort, Erfüllung liegt auf diesen Zügen, die ich so oftmals fragend zu mir aufschauen sah. Und diese Antwort, die heißt: Frieden! Als sammelten die weihevollen ersten Stunden des Todesschlafs das ganze Wesen dieses jungen Lebens, die ganze Schönheit dieses Werks der Schöpfung, so liegt jetzt über dem bleichen Angesicht ein stilles Strahlen keuscher inniger Hoheit! Der Hoheit eines noch in unverdorbener Jugend auf ewig still gewordenen Menschenbildes! Kein Stand und keine Niedrigkeit mehr zu erkennen! Vermischt auch dieser Erde traurige Zufälligkeiten! Die rauhe 257 Arbeitshand verdeckt von Tannengrün und wenigen armen bunten Blumen, wie sie in dieser Winterszeit mitfühlendes Frauenvolk in den Hütten zusammengesucht und hergebracht. Das Haupt allein ist sichtbar, mit der unsagbaren Feinheit, die an Beppo rührte, und um die Lippen spielt, gleichwie aus Friedensseligkeiten herüber, ein triumphirendes Lächeln über den kurzen Schmerz des Todes. Kein Grauen mehr, kein Rest von dem Erlittenen! So hast Du, Armer, Niedriger, im Tode Deinen reinsten Adel still erreicht, und von dem Todtenangesicht prägt sich mir Deines Wesens höchstes Abbild dauernd in die Seele . . .


Da haben sie Dir Deinen bessern Kittel angezogen. Ich muß ihn fort und fort betrachten: das Symbol Deines irdischen Looses! Ach ja! das war das ärmliche Gewändlein, das Du auf Erden zu tragen hattest, – o Menschen! – und wie Hohes steckte darin!

Und Du – Du solltest jetzt todt sein und mit Deinem Tode fertig? Diese Gaben einer Seele, die in Fesseln der Niedrigkeit gebannt, so unentwickelt blieben, eine gefangene Kraft, – sie sollten todt sein, verloren auf immer?

Nein, nein!

Sollte nicht in dieser Stunde, in diesem Anblick, diesem blutigen Weh in meiner Brust für mich die Offenbarung liegen: daß es ein Leben nach dem Tode gibt? Ach wahrlich, mir scheint jetzt, es könne nicht anders sein!

Ich muß, ich muß Dich wiedersehn, Du armer Freund, und Du – Du mußt mich wieder erkennen! 258 Die Treue, die Dich für mich in den Tod getrieben hat, mußt Du gelohnt erleben mit all der Liebe und dem ungeheuren Sehnsuchtsdrang zu Dir, die jetzt mein Inneres übergroß erfüllen. O Beppo, bleiches, stilles Bild, mein Herz ist Liebe, all mein Fühlen Dank: daß Du mir so den Menschen offenbart hast. Dein Tod wird meines Lebens Umkehr werden. Vor Deinem Antlitz, über das der bleiche winterliche Sonnenstrahl da gleitet, wie stiller Glorienschein erzitternd auf der Stirn, vor diesen Lippen, die zu Einem, der Dir mit ein wenig Güte begegnete, im Tode noch zu sagen scheinen: »für Dich!« – vor diesen auf ewig geschlossenen Augen, die meiner wilden Seele Ruhepunkte und Friedenstiefen waren, und vor dem reinen Hauch von Schmerz und Milde, der wie ein leiser Schatten zwischen Deinen Brauen lagert, faßt mich ein unermeßlich großes, heiliges Wollen an. Und meine Seele weitet sich und füllt sich ganz mit ungesprochenen Gelübden. Die Stunde hier an Deiner Leiche wird mir zum Gebet!

O Beppo! – – ich gelobe . . . . . . . 259

 

30. November.

Nun haben sie ihn in das Grab gesenkt! Bild dieses Tages, folge mir durchs Leben, daß ich an Dir hinfort die Flamme immer neu entzünde, die mich zum Thun treibt Dessen, was ich heute schwor.

. . . Die paar Gesellen, seine Kameraden hier im Dorfe, hatten für den jählings Hingerafften eine Leichenfeier veranstaltet, und der unerhörte Fall, daß hier ein fremder junger Bursche im Dorf ermordet worden war, hatte alles Volk in die Kirche geführt. Nicht ohne wirkliche Theilnahme sah ich Alt und Jung den schlicht bekränzten Sarg da vorn betrachten.

Einer der Ersten am Ort, glitt ich unbemerkt in eine leere Bank. An meine Linke kam ein Nachbar Beppo's, ein betagter Bauer, und rechts ein Schustergeselle. Ich ließ die Augen ab und zu nach dieses Burschen beschränkt-nachdenklichem Gesicht hinüberstreifen, das bald nur brütete, bald wieder, sichtlich angewandelt von dumpfen ungefähren Reflexionen, auf den Sarg hinstarrte. Er schien mich nicht zu kennen, auch viele Andere nicht. So ahnte auch wohl Keiner in dem ganzen Raume, was meine innere Stellung zu dem Todten war.

Das alte Kirchlein füllte sich gedrängt mit Menschen, und – ein Widerspruch, der mir Unwillen 260 gegen mich selbst erregen wollte, ward mir in dieser Stunde offenbar: je blutiger mein Inneres litt, desto zerstreuter irrten meine Blicke, desto ungehöriger schweiften meine Gedanken umher und beschäftigten sich mit Dingen, die zu der Stimmung dieses Augenblicks in grellem Mißklang standen. Ich sah, wie auf der Orgelempore ein Chor von Schülern und von Handwerksgesellen sich um den Lehrer sammelte. Ich sah die gelbe halbverfärbte Brüstung mit ihrer alten werthvollen Arbeit an, ich betrachtete den ganzen weit mehr weltlichen als kirchlichen Prunk, den das verblichene Rokoko des Kirchleins mit goldenem Gitterwerk und buntbemalten Kranzgewinden um mich spannte . . . Dann tauchte auf einmal Eva vor mir auf, und ich gewahrte, wie durch die furchtbaren Erlebnisse der letzten Tage diese Leidenschaft, noch ehe sie nur vom lautesten Toben ins Verklingen überzugehen Zeit gehabt hatte, mit einem Male stumpf, entrückt, fast todtgeschlagen war. Nur dieses Heute sah ich, – Jenes rührte an mein Empfinden, wie das Hören einer wilden alten Mähr . . . Dann wieder beachtete ich, fast gegen meinen Willen, Alles, was während der Dauer des Gottesdienstes vorging. Das seltsam Drastisch-Feierliche dieses Kircheneifers im gemeinen Volk, das gröhlend handwerksmäßige Absingen der Leichenchöre, die Umstandsgesichter der Singenden droben, die ab und zu vom Heft weg über die Brüstung herunter nach dem Sarge schielten, von flüchtigen Empfindungen des Mitleids, von vorübergehendem Bewußtsein des Augenblicks erfaßt . . . 261

Ich sah die sonderbaren hochgelegenen Kirchenfenster an, sah wie am Himmel draußen schwarze Wolken und Sonnenblicke wechselten, wie die grellen Strahlen manchmal plötzlich stechend über all' die Köpfe droben schienen, wie es dann immer düsterer ward, bis schwere brütende Wolkenschatten Alles umhüllten.

Und was ich wahrnahm an dem stumpfen Menschenvolk umher, führte mich zur Erkenntniß: wie ich bei Beppo, der mit seinem Wesen so überzeugend dorthin gehört, wo er in meinem Umgang sich befunden, – doch ganz vergessen hatte und nie mehr gefühlt, aus welcher Sphäre er ja eigentlich jeweilen wieder zu mir kam.

Wie tief stand hier vor meinem Empfinden plötzlich die Welt, aus der er hervorgegangen, in der er vordem einzig gelebt, und die ihm als einem der Ihrigen hier nun die letzten Ehren erwies! Welch eine feine Seele war er gegen Diese!

Und während ich auf jenes gelbe Kreuz im schwarzen Bahrtuch starrte, und während fort und fort lateinische Gebete eintönig über die Menge und um meine Ohren klangen, verloren sich meine Gedanken zu dem unbekannten Ort, wo er nun weilte. Eine Art erleuchteter Gewißheit überkam mich plötzlich, während meine Augen Tuch und Deckel zu durchdringen und das stille Antlitz in seiner gestrigen Verklärung zu schauen suchten: daß Beppo lebe! Mehr als das: ich wußte auf einmal auch, daß er mich sah! . . dasitzen sah und um ihn trauern, daß er, wo immer er sei, verstand, über den Bildungsgrad, 262 den er im Leben besessen, mit einer von allen Banden irdischer Beschränktheit losgelösten Seelenkraft bis in die feinsten Tiefen verstand, was in meinem Innern um seinetwillen vorging!

Da, mitten in dieser völligen Versunkenheit gewahrte ich, daß der Schlußchor zu Ende ging und daß zu den bebenden Tönen der baufälligen Orgel das Glockenklingen vom Thurme droben sich zu gesellen begann, durch Mauern, Wind und geschlossene Fenster gedämpft.

Ich fuhr empor aus all' der träumenden Zerstreutheit, die meinen Schmerz umsponnen, und erwachte zu plötzlicher, voller, grausamer Klarheit des Augenblicks. Der Schlußakkord klang von der Orgel. Lang zog er hin durch den Raum. Noch herrschte einen Augenblick tiefste Stille, während er schon anfing zu verhallen. Das Volk ringsum hörte ich leise noch für sich beten. Ich aber lauschte immerfort diesem Ton, diesem letzten, horchte ihm angstvoll nach und fühlte, wie die Brust sich mir dabei zusammenschnürte.

Als aber nun das erste zage Flüstern, das Rauschen der Kleider von Denen hörbar wurde, die sich zum Gehen regten, – in diesem unmeßbar kurzen Nichts von Zeit, da dies Letzte, dies Allerletzte, was Beppo noch hienieden gegolten, der müde altersschwache Orgelton, verzitterte, unwiederkehrbar dort verklang, – wo die Menschen sich erhoben, davonzugehn von dieser Stätte, hinaus, zum neuen Weiterleben, da schauerte durch mein Inneres, was keine Sprache 263 faßt! Abgrund von Weh und bitterem Betrachten! Ich, der ich sonst Furchtbarem zu trotzen gewohnt bin, zauderte in dieser Sekunde, mich zu rühren, bebend vor der nächsten! Solange nur ein Hauch, eine Schwingung nur von Ton im Raum zu zittern schien, blieb ich regungslos, als fühlte ich damit noch ein Atom von Beppo selber durch die Lüfte gehn.

Die Nachbarn drängten und nun mußte ich den Platz verlassen. Jetzt wußte ich: Dich umdrehn, die Kirche voller Menschen schauen und Dein großes heiliges Leid am Tageslicht hinschleppen zum wartenden Grab! Ins Vergangene verhaucht war mit dem Ton ein theures Dagewesenes, – die Geschichte einer Menschenseele.

. . . Draußen grauer Morgen, Nebel und Frost, wehende schwarze Gewänder und Glockenläuten. Was weiter gekommen, – mechanisch habe ich es angeschaut. Ich hatte meine Stunde hinter mir, und meine Seele hatte sich nach innen abgeschlossen. 264

 

1. December.


»Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras; er blühet wie eine Blume auf dem Felde.

Wenn ein Wind darüber gehet, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr.« 265


 

3. December, Mitternacht.

Im Kirchhof an dem frischen Grab erwartete ich heute die Nacht. Ein plötzliches Verzweifeln hatte mich zur Dämmerzeit hinausgetrieben. In meinen verödeten Mauern war es mich angekommen, als schwebte ein Hauch von meines Todten Wesen umher und wüchse und schwölle an, die Seele umschlingend, zum Ersticken. Ein unerträgliches Bedürfniß, ihn zu sehen, der da im Leeren gegenwärtig schien, hatte mich erfaßt, so wild wie plötzlich ausgebrochener Wahnsinn.

So, qualgetrieben, schlich ich im Zwielicht um das Dorf zum Kirchhof. Der lag bereits in völliger Einsamkeit und Stille. Ich öffnete das alte Thörlein, schloß es wieder sorgsam hinter mir und ging auf jenes arme schwarze Holzkreuz zu, das sie ihm aufgerichtet haben. Dort kauerte ich neben seinem frischen Hügel nieder, darauf die dürftigen Kränze halberfroren lagen. Doch stärker krallte sich hier die Verzweiflung in meine Seele. Todt, leer und stumm geworden fühlte ich Alles, was ein tiefer Inhalt, der mir ohne Suchen zugefallen war, noch eben warm erfüllt hatte.

Ich starrte brütend in die aufgeworfene Erde. Und weh! – so hart geschmiedet und durch Uebermaaß von Leid gefestet meine Seele ist, so stolz sie 266 schon dem Menschenumgang sonst entsagte: hier fiel sie noch einmal in Sehnsuchtsraserei nach einem Menschen! Ja! nach diesem einen schlichten Erdenwanderer, der, einen Abgrund weit von mir getrennt durch Herkunft, Lebensinhalt und Streben, mir Freund und Bruder geworden war durch seiner Menschenseele reine Kraft. Und Der – Der hatte mich geliebt! Dieser Eine! Einmal noch war neben dem gluthigen Schein verderblicher und vergänglicher Leidenschaften ein reines Licht in die dunkeln Irrwege meines Lebens gefallen. Ein Licht von seltsamem Schimmer, das mir die Dinge in besonderer Beleuchtung gezeigt und dort auch hell gemacht, gleichsam von untenher, wo ich sonst niemals hingeleuchtet hatte, die Dinge zu besehen, an denen mich mein Lebensweg vorbeigeführt. Jetzt war auch Das erloschen, und es wollte mir scheinen, einen Augenblick, als nahe sich die alte Nacht, die vordem meine Seele erfüllt. Gefühl von Elend überkam mich. An Stelle meines Trotzes von einst: Verwaisung und Hülflosigkeit.

. . Ein Rauschen über mir schreckte mich auf: ein Rabenflug, der heimwärts zog. Ich blickte um mich her. Die Sonne war untergegangen. Die Grabsteine, die hundertjährige Mauer, der riesige nackte Christus an seinem wettergrauen Kreuz, die zerbröckelnde Kapelle – das Alles schien mir in dem schwefligen Dämmerlicht einen so ungewohnten Anblick zu bieten, – den schreckhaften Anblick, den die Dinge annehmen, wenn die großen Wendepunkte unsres Lebens eintreten und die schaurigsten Erschütterungen unsrer Seele 267 sich vollziehen. Ich blickte auf die Stelle drüben unter dem Christus, wo damals Beppo gestanden hatte, und mit erdrückender Fülle jagten sich in meiner Seele die Bilder des Erlebten zwischen damals und jetzt. Der schwere Kranz, den das gläubige Volk zu Allerseelen dem Erlöser ums Kreuz geschlungen hatte, war zur Linken entglitten und hing nun, wie etwas Zerrissenes, lieblos Vergessenes, in die leere Winterluft. Ein riesenhaft trostloses Bild.

Die Dämmerung floß allmälig über in die Nacht. Ich hüllte mich in meinen Mantel. Fort – konnte ich nicht! Denn dieser Ort war mir der einzige mögliche Aufenthalt.

Mein Auge schweifte zu den kühlen Höhen, wo im Aether, kalt und fern, zwei erste Sterne funkelten, und verweilte dort, als vermöchte es so der unermeßlichen Traurigkeit hier unten zu entfliehn. Und in den immer bleicheren Luftunendlichkeiten suchte es nach einem Zeichen, einer Antwort, die ihm Trost gewähren möchte. Jedoch als Räthsel flimmerten heute wie je und wie ewig die Gestirne, gesteigert nur in dieser reinen Winterluft zu übergewöhnlichem Glanz.

Beppo dort droben wußte jetzt! Ich aber rieth hier unten weiter!

. . Die Stunden rannen stumm. Die tiefe Nacht war da. Ich wandelte, mir selber ein Gespenst, mit der Unmöglichkeit, die Stätte zu verlassen, dem alten Gemäuer im Innern des Kirchhofs rings entlang. Mein Leben zog an mir vorüber. – – Durch die 268 Stille der Nacht erklang des Wächters alte Weise, die er im schlafenden Dorfe sang. Bald schreckte mich sein nahender Tritt. Langsam, gewichtigen Schrittes ging er außen vorbei und stieß im Gehen mit seinem Spieß taktmäßig auf den hartgefrorenen Boden. Dann ward es wieder still. Einmal entfloh mit leisem Trippeln seiner Hufe scheu ein Wild, das sich bis auf die Straße her verlaufen hatte und plötzlich schreckte, weil ein Windstoß kam und das dünne Kreuz auf dem Kapellendächlein blechern leis erklirren ließ. Auf fernen Höfen schlugen ab und zu die Hunde an . . So sank die Nacht in immer spätere Stunden.

In dem von Gedankenjagd und Seelenleid durchwühlten Innern aber fing es zu fiebern an und in den Fiebern überhell zu werden. Die schwarze Erde, die den Todten deckte, ward zum Untergrund, auf dem sich plötzlich klar und deutlich Beppo selber zeichnete. Ich sah aus seinem blassen braunen Angesicht den tiefen Blick auf mir verweilen, den Blick der letzten Tage, der mir – ach! ein allzuspät errathenes Räthsel – auf der Seele brennt. Als seltsam hatte ich ihn wohl empfunden, diesen Blick, als ungewöhnlich! Ich hatte auch gefühlt, daß hinter ihm sich etwas barg mit zarter Scheu und mühsam noch zurückhielt, was in Beppo's Innerem arbeitete. Jedoch ich schwieg und wollte warten, bis er selber reden würde. Weh über dieses Warten! Das Geschehene hat mich furchtbar aufgeklärt, bevor er selbst dazu kam, noch einmal zu reden. Die bange Furcht der treubesorgten Seele war's gewesen, die hinter diesem Blick gezittert hatte, 269 mit dem er mich umhüllte, mich förmlich einschloß. Ein stummes Beschützen! stumm zu sein verdammt, weil ich ihm rauhe Worte gab, als er mir jenes erste Mal sein richtiges Ahnen, seine wohlbegründete Besorgniß vorzubringen suchte.

Erbitterung über mich selbst stieg in mir auf, daß ich ihm Das gethan, und jene Grübeleien begannen mein Inneres zu zerwühlen, die an den frischen Gräbern gleich unguten Dünsten, die der Verwesung entsteigen, der Zurückgebliebenen Seelen zu erfüllen versuchen. In meine heilige Trauer stürmte wirres Selbstanklagen und wollte sich ein häßliches Rütteln am Geschehenen schleichen. Doch Beppo's Bild, das vor mir stehen blieb, als wäre es körperhaft dem Grabesschooß entstiegen, ward selbst zum Tröster. Denn während ich es festhielt mit den höchsten Kräften meiner Seele, trat an die Stelle jenes tiefen bangen Blicks – all meine Selbstvorwürfe wie mit einem Strahl verscheuchend – wiederum der kindliche, vertrauensvolle Ausdruck seiner schönsten Stunden, das Leuchten jenes Glückempfindens, wenn ich zuweilen herzlich gegen ihn gewesen war. In meinem Ohr, in meinem Herzen fingen allzumal die kleinsten Worte, die bedeutungslosesten Züge seines Wesens an aufzuerstehen. Und sie belebten jetzt die klardastehende Gestalt, und über dem Versenken in das Auferstandene zerging mir alles Wirkliche umher in Nichts. Mein Sein ging auf: mit tausend Poren überkörperlicher Art des Augenblickes Inhalt in mich einzufangen, des Todten wiedererschienenes Bild zu trinken, das überstark verlangende Seelenkräfte dem 270 Nichts da abgetrotzt. Und meine Wacht am Grabe ward mir in wunderthätiger Einkehr nun zur Linderung, zur ersten, die seit langen Jahren in mein Herz gekommen war. Thränen lösten endlich wieder einmal auf, wohlthätig wahre Thränen, was ein überhärtet standhaft Herz jahrelang an Schmerzen in sich trug. Ein heilig Schauern – und von meinen Lippen floß Gebet.


Als ich mich von dem Grab erhob und auf den Füßen stand, da war mir's wie im Traum. Vom Christus drüben baumelte wie Glockenläuten leis der Kranz im Wind, und aus dem Mauerschatten drunter, wo einst Beppo gestanden. kam es mir zu wie ein versöhnliches Flüstern. Geborgen lag ja hier der Vielgejagte, nun ruhend von seiner Erdenwanderschaft, nach kurzem Traum von Glück, und durfte – ein hohes Loos! – im Opfertod, der Schlichte als ein Held von hinnen gehn.

Wo wäre ehrlicher an seinem Grabe getrauert worden, als an diesem Ort von mir?

Im Herzen Leere, doch im Sinn getröstet, wandte ich mich zum Gehen und kehrte durch die tiefverschwiegene Nacht zum Thurm zurück.

. . . Und nun, da schon die Mitternacht gekommen, tret' ich noch einmal auf den Söller, mich an der Himmelsruhe vollends still zu schauen. Das stumme ferne Flimmern ist jetzt bleicher. Ueber der Erde, die ihr erstes Schneegewand nochmals verloren, und über den Bergen schwebt ein Duftkreis, lichtgewoben, magischen Wesens voll, von keiner Farbe, die man nennt. 271 Ein Duft, der meinem Auge das sonst Wohlbekannte zu entrücken scheint und es zu mystischer Hehre wandelt, – vergleichbar jenem andern Duft: der in der Zeiten grauer Ferne Geschehenes umwebt in erhabene Mähren. Und durch die Weite, in der eisigen Schöpfungsstille, ergeht ein sehnend starkes Rauschen.

Ja, nun wird's still in mir, und mein geringes Menscheneinzelleid will fast ersterben in dem Uebergroßen ringsumher. Denn zu der Menschenseele reden hier Jahrtausende mit ihrem Inhalt stillerhaben aus der Winternacht.

Ihr Rauschen wird mir heilige Sprache, ihr Funkeln wird mir heiliges Leuchten, und meine Lippen flüstern stille Anbetung.

O ewig wunderthätige Trostgewalt der Nacht! 272


 

4. December.

Mathies hat sich in der Nacht in seinem Kerker aufgehängt!

Die eigenmächtige grausige Lösung wirkt auf mich befreiend! Denn vor mir stand als unvermeidliches Schreckgespenst dies schwächliche, elende, irdische Gericht, dem ich noch Rede stehen sollte. Was sich zu stummem heiligem Kultus zu erheben drängte: das Gedenken an den Todten, der für mich gestorben, – das sollte da Zug um Zug durch einige zum Richteramt bestellte Alltagsmenschen plump hervorgefragt und dem verständnißlosen Deuteln nüchterner Erwägung preisgegeben werden!

Davor hat mich nun unverhofft der Mörder selber behütet.

Er war ein Bösewicht, den ich beinah bewundern muß, seit ich ihn sah und über ihn dachte. Ein Mensch, nein, besser: ein dämonisch schönes Raubthier, das in sich ein Vollkommenes darstellte, in dessen Wesen einem tiefer Blickenden Nothwendigkeit erkennbar wurde. Er kannte nichts und hatte nichts gelernt: als in Wagniß jeder Art – und bisher meist mit frechem Glück! – nur völlig nach Instinkten handeln. Das ist auch, was den Bann der so 273 beschaffenen Naturen auf die Andern übt, und was in Eva's Herzen Bewunderung für ihn und Leidenschaft und Abscheu miteinander weckte! Jetzt, da sein Schicksal sich mit der verfehlten Mordthat endlich wendete, hat diese sieggewohnte Bestie auch nach rohem Instinkt den Schluß gemacht!

Nun steht mir nichts im Weg. Ich kann dran denken, diesem Thurm und diesem Thale Lebewohl zu sagen, – dem Winkel Erde, wo mir ein vermeintliches verborgenes Endasyl zur bloßen neuen Spanne meiner Wanderzeit geworden ist und mich zu neuem wildem, aber heilendem Erleben führte. Ja! wunderbar fällt Schlag auf Schlag ein großes Geschehen in mein abgeschiedenes Leben und hämmert mächtig, einem offenen Geiste laut verständlich, für mich ein neues Geschick aus höherer Bestimmung!

Wie wirkt der Schmerz um diesen Todten, der mir höchste Liebeskraft im Menschen offenbarte, so anders auf mein Herz, als alle Schmerzen, die vordem mein Loos gewesen! Mit seiner Kraft hat er mich aus der langgewahrten trotzig unheiligen Stimmung nun in eine heilige geführt. Er läßt mich, der ich bisher über allzu vielem Leid den Himmel höhnte und unter neuen Schlägen neue giftgetränkte Fragen aufwärts sandte, in still andächtigen, verehrungsvollen Schauer sinken, und läßt mich noch ein spätes Mal auf jene Stimme horchen, die aus entrückten Höh'n zu Zeiten wieder und wieder zu Dem zu reden versucht, der ihr sein Ohr verschlossen hat . . . . 274


Stelle aus einem Briefe Fermont's an Mme. Jane ***

vom 9. December.

(Die Erzählung der Geschehnisse geht voran.)


. . Eine ewige Wahrheit hat mir all dies hier Erlebte zu zwingender Erkenntniß geoffenbart: der Mensch kann nicht, wie ich gewähnt, die Grenzen seines Menschseins trotzigkühn durchbrechen und einsam, menschenfern, mit dem forschenden Verstand allein sein Leben leiten! Es lebt und waltet neben ihm als zweite Macht, die Alles immer wieder regelt: das Gemüth! Und wo die erste Kraft ihn trostlos läßt und ihm auf ein mit Noth entwirrtes Räthsel sofort hundert neue thürmt, da ist die zweite da, die Lücken friedlich auszufüllen.

Sie, andern, eigenen Gesetzen folgend, die vom Ewigen und Höchsten stammen, ist nicht berechenbar mit kühlen Geisteskräften und läßt aus dunklem, warmem Quell den Ehrlichen täglich, stündlich ahnen, was er soll. Und thut er das, so ist für ihn die zugemessene Spanne Zeitlichkeit auch zu ertragen. Denn aller Unmuth seines stolzen, fluggehemmten 275 Geistes wird durch sie in die beste Weisheit umgewandelt, indem sie ihm die Kraft zur ruhigen Beschränkung leiht: innerhalb der Grenzen seines Menschthums, in all' seinem vermeintlichen Unwerth einer Einzelkreatur, zum Mindesten den Vollwerth dieser angewiesenen Stellung zu erstreben, – ein echter »Mensch« zu sein!

Nun geht mein ganzes Forschen darauf aus: mir zu bestimmen, in was mein echtes Menschsein zu bestehen habe, und mir will scheinen, vorab darin: daß ich, entsagend für mein Theil, die Frucht des ungewöhnlichen Erlittenen – den Einblick in die dunkeln Tiefen menschlichen Ringens nach dem Seelenfrieden, der so viel Andern verborgen bleibt – den Hülfsbedürftigen zu gute kommen lasse. Den geistig Aermern, die auch dasein müssen, und denen jene Einsicht nicht erwuchs. Hinauszugehen scheint mir Pflicht, auf neues Wandern und im Geschicke Derer, die ich auf dem Weg mit Lebenslast beladen, hülflos treffe, den Punkt zu suchen, wo sie ihrer Entwicklung nach im Augenblicke stehn. Da helfend einzugreifen, indem ich ihnen das Was und das Warum von Dem aufdecke, was sie quält, und ihnen dann die Last dadurch erleichtere, daß ich, zum Freunde werdend, ihnen daran schleppen helfe.

So mag mir selber Kraft erwachsen, Das zu tragen, was mein Leben fürder bringt! In solchem engeren Zusammensein mit Andern, leidend Tastenden, werde ich mein eigenes Weh immer wieder als einen kleinsten Theil vom Weh der ganzen Welt erkennen und werde 276 stetsfort sehn, wie ich ein Kind bin jener ewigen Ordnung, die sich mir geoffenbart,– gleich allen Andern, und gleich jeglichem geschaffenen Ding. Und dann auch wird das Gefühl des gänzlichen Alleinseins schwinden.

Weiter – denke ich heute nicht!

Dem Weiterleben will ich auch die Antwort auf die Frage überlassen, die mir nach all dem Unerhörten, was bereits mit mir geschah, nun laut im Herzen tönt: ob es wohl etwas gibt, noch weiter und noch höher als das Jetzige, was mir zu lernen, zu erreichen vorbehalten ist?

Ob für mich einst vielleicht an Stelle jenes ersten angelernten Christenthums, das ich verloren, doch noch ein Glauben wiederkehrt, das ich durch eigenes Fühlen, durch noch weiteres Denken, durch noch mehr Erleben mir zu eigen mache, und das ich dann bewußt besitzen werde, weil es tiefeigene Errungenschaft bedeutet? . . . Ob ich aus meinem jetzigen Punkte – der Resignation ohne Bitterkeit – einst abermals hinausgeschleudert werden muß, um solch ein letztes Mögliches zu erlangen? . . .

Mein Erstes muß jetzt sein: den Vater meines Beppo aufzusuchen, ihm zu sagen, welch einen Edlen er sein Kind genannt, – und für des armen, nun einsam gewordenen Zimmermannes Alter an des Sohnes Stelle zu sorgen . . . . . . 277



Aus einem Brief der Mme. Jane *** an Fermont.

Paris, 13. December.



. . . Sie (Eva) ist am 3ten Morgens abgereist, nachdem sie, ehe sie hieherkam, noch zwei Wochen lang bei Freunden in ihrem Lande die Schiffszeit abgewartet hatte.

Ich habe von ihr den Eindruck einer nicht gewöhnlichen Persönlichkeit bekommen, und ich verstand, als ich sie diese Tage hindurch um mich hatte, wie sie unter unglücklichen äußern Umständen zur Märtyrerin ihrer merkwürdigen Schönheit hat werden können. Auf ihren Zügen ruht auch, wie ein Schatten, das ungefähre Bewußtsein dieses Looses.

Von Ihnen sprach sie wenig, jedoch das Wenige mit der Verehrung wie vor etwas Höherem, durch dessen Interesse und Schutz sie sich erhoben fühlt. Und was mehr als Verehrung war, verbarg sie mit der zartesten Scheu. Und dennoch fühlte ich, daß mehr da war! Es ist die einzige Lösung gewesen, lieber Freund, daß dieses Mädchen gleich und 278 unwiderruflich so weit aus Ihren Augen entrückt wurde, da sie doch selber nicht unverletzt aus Dem hervorgegangen ist, was Sie mir »ein verfluchtes Nocheinmalaufstehn Ihres alten Dämons« nennen!

Bemühen Sie sich, zu vergessen!

Welch Mächtigeres hat inzwischen doch dies Mächtige übertönt! So tiefgewaltig, daß Sie mir in Ihrem Briefe schreiben: Sie können sich nicht länger mehr der Ueberzeugung verschließen, ein besonders absichtsvoll gelenkter Theil im Schöpfungsganzen zu sein.

Wenn hiebei ein stolzer Sinn, wie der Ihre, auch noch einen Augenblick im innern Widerstreite steht: ob er Das nun als Trost, als ein Geborgensein in guter Hand, oder als Demüthigung empfinden soll, so muß ich es begreifen. Jedoch auch Das wird sich bei Ihnen klären.

Ja, wahrlich! Wer noch vermöchte an der zielbewußten höhern Führung zu zweifeln, wenn ihm auf die einstige Herausforderung des Schöpfers zum Weiterdichten seiner Rolle solche laute Antwort wird!

Nennen Sie den Punkt, auf dem Sie heute stehen, nun so, und nenne ich ihn anders, – was Sie auf anderem Wege da erreicht, ist doch das Gleiche, was ich im Christenthum zu sehen gewohnt bin. Was Ihnen alles je Erlebte da zuletzt gebracht: die Religion der Nächstenliebe, – vor bald zweitausend Jahren hat sie schon im Orient der stille Mann gelehrt und in sich selbst verkörpert, zu dem sich seither Millionen Menschen froh bekennen. Sie – wollen heute nur noch 279 nicht den Namen führen, mein Freund! Aber was Sie durch Ihres ehrlichen Herzens und Ihres heißen Fühlens Schmerzenswege jetzt neu und vollbewußt geworden sind: mitleidig mild ein Mensch, der Andere stützt, – ich nenne es schon heute: Christ!

Um Ihres Todten rührende Gestalt schwebt eine Aureole! Und was Sie durch ihn erlebt und auf dem Grunde gelesen, das wird, das muß bald seine Früchte tragen!

Im Ueberschauen alles Dessen aber, was die letzten Wochen über Sie heraufgeführt, sage ich voll neuer staunender Ehrfurcht: »Wunderbar sind Deine Wege, Herr!« 280



Letzte Aufzeichnung Fermont's.

16. December.

Noch einmal, ehe ich dieses Thal verlasse, mußte ich meinem Herzen eine Wallfahrt gönnen, noch einmal in der Höhe rasten über dieser Landschaft, die ihre gewaltige Geschichte bekommen hat vor meinem Herzen.

Die Erde hat ihr Schneekleid wieder verloren und dämmert in dem gleichen Brauen wie vor Wochen. Die Wege sind aufs Neue gangbar, und also trieb es mich mit innerer Gewalt, – so sehr das Herz mir schon beim bloßen Denken an die Stätte blutete, noch einmal nach der Bergbank hinzuwandern.

. . In Morgennebeln stieg ich waldempor. Veronika's Hütte lag wie ein verlassenes Kerkerlein, draus eine Seele sich erlöst und froh zum Himmel aufgeschwungen, dort unter mir am See. Die hundertjährigen Bäume breiteten ihre Aeste kahl darüber her, und durch das Gärtlein, um das verlassene Bienenhäuschen wehten stumm die Nebelschauer. Kein Laut hangauf, hangab, als hier und dort ein schweres leises Tropfen, wo ein Baum noch ein paar letzte Blätter hatte, daran die Nebelstäubchen sich zu Wasser sammelten.

. . Von weitem, zwischen den drei alten Tannen droben, sah einen Augenblick durch's Nebelwehn die 281 Bank herab: – mir wie ein Stich ins Herz! Ich blickte fortan nicht mehr vor mir auf im Steigen; ich konnte diesen Anblick nicht ertragen. Mir war, als müßte ich meine Brust zusammenpressen, müßte blind und taub bis ganz zur Stelle gehn. Doch schon die wohlbekannten braunen Nadeln, die nach dem weggeschmolzenen Schnee den Hochwaldboden weich bedeckten, das altgewohnte Knistern all' der Föhrenzäpfchen und der dürren Aestchen, die mein Fuß im Gehen zertrat, weckten Vergangenes in mir auf und riefen mir wach: wie wir noch erst zu Zweit am Sonntagmorgen hier emporgestiegen.

Dumpf vor mich hin, gelangte ich weiter, weiter . . . Da stand ich plötzlich vor der Bank. Ich wußte, daß mich unerbittlich dort ein Martyrium erwartete, daß ich sie aber trotzdem noch einmal aufsuchen mußte, eh' ich von dannen ziehen könnte. Denn ich liebe es, meinem Herzen stets den Muth abzuverlangen: ein Jedes gründlich auszukosten, was das Schicksal mir bestimmt; so einzig wird mir Freiheit: abzuthun und dann hinauszugehn, die Brust bereit zu Neuem!

Nun, da die Bergbank greifbar vor mir stand, war mir ihr Anblick minder furchtbar zu ertragen, als ich gefürchtet. Das Kleinere, Zufällige, was an Vergangenes mahnt, war wiederum weit schmerzlicher, als das Allgemeine, Große: – die Rabenfeder war noch da! Und diese zu erblicken, ja! schnitt mir so in die Seele, daß ich sie hastig herausriß und an meinem Busen barg. Dann, noch die Hand am klopfenden Herzen, setzte ich mich und blickte um mich 282 in die wohlvertrauten Tannen. Die Nebel zogen durch die hohen Stämme, zogen wallend herauf am Berg, verhüllten bald die Aussicht und bald ließen sie mich wie durch Vorhangrisse ein Stück vom fernen Dorf und von der Landschaft sehn. Eine lange Weile schaute ich vor mir nieder, von hier hinunter auf die kleine Welt, die auf dem engen Raum doch so vollkommen die große umfaßte und wiedergab mit all' dem gleichen Kampf und Leid, mit Gut und Bös, mit Haß und Liebe; die Mord und Leidenschaftsgewalt gezeigt, wie je das größere Weltall draußen! Und eine große, inhaltreiche Stunde des Beschauens hielt mich fest . . . . . .

Dann hoben sich langsam meine Blicke und gingen abermals hinaus in das meerweite morgendliche Nebelgrauen. In mir war's still geworden und ergeben. Und meine Seele füllte sich nur groß und weit mit einem sanften Gefühl von der Traurigkeit aller Dinge auf Erden.

All' das Geschehene mit Beppo, Eva und Veronika fing an, vor mir in der kreiselnden Unendlichkeit der Millionen feinen Nebelstäubchen wie etwas Schweres zu versinken, und weiter und weiter hinabzugleiten, unaufhaltsam, wie in eine Tiefe, die sich plötzlich aufgethan: hinab ins unersättliche, ewig unfüllbare Urmeer alles Gewesenen.

Da fühlte ich: Die Stunde ist gekommen, einen Strich zu ziehn! . . . . . .

Ich ließ der letzten Thräne, die mein Schmerz verlangte, ihren Lauf, dann sah ich schärfer in das 283 graue Meer hinaus. In meinem Innern drängte jetzt ein Neues mächtig über das Entschwindende empor und rührte sich mit seiner eigenen Kraft. Zu wirken ungeduldig, regte sich das Gewonnene, des langen wilden Leidens reife Frucht: Verstehen – Mitleid – Menschenliebe.

Noch einen Augenblick verweilte ich, dann stand ich auf und wandte mich gefesteten Gemüths von dieser heiligen Stätte. Und jenem Weisen gleich, von dem geschrieben steht, rief ich erkennend und entschlossen aus: »Einst trug ich meine Asche in diese Berge – nun will ich mein Feuer in die Thäler tragen!« 284


Schlußnotiz.

Hier enden die Aufzeichnungen aus dem Kastell.

 

*   *   *

 

Am 17. Juli des darauffolgenden Jahres hat Adrian Fermont unter ergreifenden Umständen den Tod bei einer aufopfernden That gefunden.

 

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