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Walther Siegfried: Fermont - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleFermont
authorWalther Siegfried
year1893
firstpub1893
publisherE. Albrecht & Co.
addressMünchen
titleFermont
pages284
created20180708
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Aufzeichnungen Fermont's

25. October.

Mir blieb dies eine wenigstens, dies größte aller Bücher, das untrüglich ewig wahre, darin zu lesen und daraus zu forschen: die Natur. Aus meines Thurmes Fenstern sehe ich den ewigen Himmel, zur Nacht durchschweife ich, sobald die Menschenbrut zur Ruh' gegangen, die stumme, große Welt der Berge. Das ist in höchster Fülle Alles, was mir jetzt noch etwas zu sein vermag.

Ist es auch starr in mir, so gibt mir doch Verachtung zu gewissen Stunden eine Art von Lebenswärme, und wenn des Hasses Flammen züngeln, wo einst Liebe loderte, dann wird's in meinem todten Herzen kurze Frist lebendig.

 

26. October
im Felsenthal der sieben Quellen
(Fermont's Notizbuch entnommen)

Gebirg und Wälder klingen laut von dieses Bergstroms tosendem Lied. Doch mir gilt's nicht zu rasten, nicht mein Ohr zu leihen Dem, was herrlich tönt. Aufwärts! Zu jenen höchsten starren Gründen strebe ich, wo alle letzten Laute so lebendiger Bewegung fern ersterben, und wo aus ewigem Schweigen oder 45 flüchtigen Sturmes Stimme meinem Lauschen ahnend Antwort werden mag.

Der wachsenden Gefahren spottend, die der Herbst hier bringt, betret' ich immer wieder diese schwindlig hohen Stätten, wo sich an wildgewaltigster Natur mir klarer des Alls Geschichte vom Entstehen und Schwinden offenbart und mir den Sinn des eigenen Daseins zu erdenken helfen soll.

Hinan! Der Trotz stählt meine Glieder, und die befreiende Sicherheit gibt meinen Sehnen Spannkraft: hier niemals einem Menschenbilde zu begegnen, dessen verhaßter Anblick mich erniedrigt, mich daran mahnend, daß ich Seinesgleichen bin. Ich will's nicht sein! Zu meinen Füßen kriechen will ich sehn aus wilden Höh'n, gleich niederen Insekten, dies Geschlecht, mit dem mein Inneres nichts mehr zu schaffen hat.


Die Wälder unter mir entschwinden und schrumpfen, dunkeln Flecken gleich, inmitten dieser großen Wirrniß von Gezack und Wänden, die stets wächst, zusammen. Des Seeleins Spiegel, den ich eben noch umwandert, schimmert matt herauf. Vor mir leckt grüßend schon der ewige Schnee herab in's todte Grau der Trümmerhalden, und leise tönt das Rieseln seinen Schutts aus Felsenrinnen.

Zerbröckeln seh' ich hier den Weltenbau in stiller Arbeit ungesehen stätiger Zerstörung, und die da ragen, Riesenungethüme aus Granit, scheinbar für Ewigkeiten festgehämmert, sie werden einst ein Schuttfeld werden, diesem gleich, worauf mein Fuß hier ansteigt. 46 Zerstieben wird, wenn seine Kruste morsch, zu seiner Stunde dieses ganze Rund des Erdballs, ruhmlos und kaum bemerkt, wie jener andern ungezählten Sterne einer, die wir zur Nacht, – als Zeitvertreib das Ungeheure noch mit kindischer Wünsche Spielerei begleitend – im Riesenraum des Aethers funkelnd fliegen, dann bersten, fallen und mit letztem Feuerzucken untergehen sehn!

. . . . . Es ziehen schwarze Wolken vor die Abendsonne, daß hier zum Kessel plötzlich nächtige Schatten dringen und oben jäh ein Strahlenmeer der Zacken Rund durchglastet. In schnellem Wechsel wehen heiß und kalt die Lüfte aus der Höhe. Das kündet Sturm. Der Dunst, der um die Gipfel webte, schwindet. Hart und scharf auf einmal treten rings die Wände näher. Es gilt den kleinen Schutzbau, den ich mir an sicherem Felsenort errichtet, schleunig zu erreichen. Dann mag der Gletschersturm von drüben seine wilden Weisen brüllen! Ich lausche ihm gern! Es ist so recht das Lied, das ein so harter Schöpfer passend seinen kleinen Kreaturen singen mag!

Horch! . . . . über mir welch Sausen in der Luft? welch knatternd Rollen? Ein Steinfall aus dem überhängenden Gewänd! Da schlägt er auf, vor mir, springt weiter, hüpft in Sätzen fort und rollt zur Tiefe . . . . Was regt sich plötzlich? springt dort auf, will fliehen vor dem unerwarteten Geschoß? Ein Lamm, das sich verstiegen! Es eilt dem Rand des Bergsees zu mit wilden Sätzen . . . . doch sieh! . . . . der Stein erreicht's, den Rücken ihm zerschmetternd, und erschlagen rollt es in die Fluth! 47

Warum erschlugst Du mich nicht, der ich es doch wünschte!

Achtlos zerstört so die Natur alltäglich ungezählte ihrer eigenen Geschöpfe! Solch einem Felsgestein gab sie das Wesen: zu verwittern und zu bröckeln. Es folgt nun den Gesetzen dieses Wesens, jedoch indem es folgt und eines Tages einen Klotz, der fertig abgebröckelt ist, zur Tiefe stürzen läßt, zerschlägt es plump ein anderes Gebild der Schöpfung, das scheinbar von viel höherer Art ist als es selber und drum auch viel werthvoller. Und in dies höhere Wesen wurde kein Gesetz gelegt, es vor den anderen Gesetzen jenes Steins zu schützen! So weist uns Schritt und Tritt den Widerstreit von Sinn und Unsinn im Geschaffenen!


Noch bleibt mir diese eine trotzige Wand da vor mir zu erklimmen, und meine letzte Höhe, drauf ich diese Nacht verbringe, ist erreicht! Wenn ich mein Auge rückwärts wende, strömt mir neue Kraft in alle Adern: o, wie so weit und hoch schon seh' ich mich getrennt von allem Menschenvolk! Die stummen Thäler hinter mir sind wie versunken, mit Dämmerschatten ganz erfüllt die tiefern Gründe, und jene Tannenwälder auf dem Vorgebirge ziehn nur wie schmale dunkle Bänder hin durch unkennbare hellere Massen. Wohlan, mein Fuß! Noch kurze Mühe!


Die Höhe ist erstiegen! Und da ich diesen stolzen Felsensitz betrete, sinkt dort, der schwarzen 48 Wolkenwand entglitten, die Sonne schon hinab. Der Flammenrand des rothen Feuerballs zerschneidet sich an jenem höchsten Felsenriff. Sie sinkt, sie sinkt, das All mit letzter Flammengluth durchlohend. Fahr' wohl! Ich miß Dich gern; ich bin ein Freund der Nacht! Und sie erwart' ich hier, zu Häupten dieses gluthige Urgebirg, zu Füßen Gletschermeere, die aus blauen Dünsten kommend, in's tiefe Thal hinab ihr schimmerndes Geschiebe dehnen, und um mich, rings aufgähnend, neue wüste Felsenthäler, zerrissene Schlünde, drin gewaltige Schatten weben, düster, trauervoll. Ein Anblick, gleich als schaute man in eine Unermeßlichkeit erloschener Welten.

Die Dämmerung legt sich eilend über Alles. Kurze Rast in meinem Bau – und meine nächtige Arbeit mag beginnen!



. . . . Nacht! schwarze, hehre Nacht, Dich such' ich in Verehrung, hassend Tag und Licht, anbetend Deine heilige Ruhe der höchsten Einfachheit! Du, Du bist meinen dunkeln Seelenkräften Wach- und Wirkenszeit. In Deinem schwarzen Schooße sinkt in Eins, was in des Tages rohem Blendelicht uns trügerisch verwirrt: der Raum, der unser Denken auf sich lenkend, es dem verboten kräftigen Forschen klug entzieht und fort in tausend Fernen leitend, um seine Macht bringt, die so leicht gefährlich. Verschwunden auch, so wie der Raum, das sinnenquälerische Vielerlei der wechselnden 49 Erscheinungsformen, und vor mir nur noch Eins: ein unbegrenztes, schwarzes Riesenblatt, darauf sich mit der Flammenschrift der Kreaturempörung schreiben kann, was, ungehindert, unser Denken zeugt.



. . . . Die Stunden ziehn, mit ihnen die Gedanken, die durch des Sturmes Wachsen mächtig angefacht, der Frage näher dringen, die im Busen brennt. Der alten Frage, die sich her aus dunkler Nacht vergangener Zeiten von Volk zu Volk, von Mensch zum Menschen bis zu mir gewälzt: warum wir hier sind und wozu wir leiden?

In hundert Religionen von Geschlechtern zu Geschlechtern fabeln sie als Antwort jenen überkommenen Satz vom Sturz des bösen Geistes, eines Satans, aus den ersten Himmeln, vom Fall der Kreatur und von dereinstigem erlöstem Auferstehn im sieghaft hellen, Alles offenbarenden Licht am Ende unsrer Tage. Doch das ist mir nur tönend schöne Sage! Und mit der Sage ist des Lebens Räthsel nicht zu lösen. Sich selbst im Weben und im Wandel der Natur betrachten, ist das einzige Forschen, und unsern Geist weltabgetrennt zum Höchsten steigern, hiezu einziges Mittel!

Nun, Mitternacht, die Du der Seele dunkle Bande lösest, die Du, was schlief und Bann trug rings im All, durch die flüchtige Macht der stillsten Stunde freigibst, die Du im Menschengeist, der Dich durchwacht, das Ahnen an die höchste Grenze führst, ihn heller sehen 50 lässest, was sonst dunkel schwimmt im Unbegriffenen: enthüll' mir das Geheimniß meines Seins!




Es naht gen Morgen.

Stund' um Stunde drang ich tiefer und dachte schon nach dieser langen brünstigen Arbeit der Gedanken: ich wär' in heißem Kampf, ich als der Erste, dem Punkte des Erkennens näher. Doch, da ich diesem tiefen nächtigen Dunkel, das mich so lange auf mich selbst beschränkt und streng gesammelt hielt und mich bedünken ließ, als wüchse ich an meinem Denken selbst in's Ungeheure, auf einmal dort die ersten Fernen schwach entdämmern sehe, was geht da in mir vor? Die Brust mit Eis erfüllend regt sich unverhofft ein Neues, Fremdes, langsam erwachend neben meinem heißen Eigenen; wie eine Binde sinkt es mir urplötzlich wieder von den lichtentwöhnten Augen: daß ich mit all' dem wilden Forschen, Denken, Rechten, in dem ich mich noch eben in der Finsterniß so groß und einzig wähnte, ja nur ein stäubchengroßes Einzelwesen bin in dieser weiten Welt, die da aufdämmert! Und wie ich das erfasse, mit dem schmerzlich zuckenden Erwachen meiner kalten Tagsvernunft, wie ich vor mir nun blaß, dann heller Höhen und Züge, Thäler und weite Fernen auferstehen sehe, fliegt auch mein Denken – ach! – schon weit und schwindlig weiter, sagt mir, daß ich ja nur ein Einziger bin von Millionen, die von Anbeginn der Welt bis heute schon das Selbe fühlten, dachten, fragten, 51 was mich diese lange Nacht hindurch erfüllt, und daß sich millionenfach vor meinem Dasein schon in ihnen dieses Gleiche auch gespiegelt und gestaltet hat. Und weiter: daß zu dieser gleichen Stunde wohl noch ungezählte Andere an ungezählten andern Orten dieser Welt sich in den gleichen Fragen mühen und das Gleiche leiden. Und weiter: daß ja diese Erde nur ein einziger ist von Millionen anderer Planeten, auf denen vielleicht wieder Kreaturen leben, und daß, was dort und hier gefragt wird seit Beginn der Sternenschöpfung, der höchsten Macht nur Zucken eines Augenblicks bedeutet im Zeitenmaaße ihrer Ewigkeiten, und daß diese Ewigkeiten, die wir ahnend fassen, wiederum Sekunden nur in andern schwindligeren Ewigkeiten sind. Und dann: daß gar am Ende aller dieser Enden jeder Frager wieder nur so viel gewußt, wie ich jetzt weiß: daß wir nichts sind, nichts wissen können!

Weh mir, weh! . . .

So ist nun alle Arbeit dieser Nacht umsonst! Ich bin mit diesem ersten Morgenstrahl zu Nichts zerschmettert, ich bin mit all' dem riesengroßen Leid und Fragen nur ein Staub im All! Verzweiflung und ohnmächtige Raserei will mich erfassen: daß unsrem Denken solch ein Fluch anhängt! daß es verdammt ist, wenn es je in unermüdlich hartem Ringen etwas Erstes zu erfassen, zu erkennen glaubt, gleich darauf zu sehn, wie sich dies Eine unversehens tausendfach in's All vermehrt, und wächst und weiter wächst ins Grenzenlose!

So steht ein Mensch, der sich schon weit gedrungen wähnte, zurückgeschleudert, weit vom Punkte des 52 Erkennens, auf's Neue wurmgleich, elend da, genarrt durch eben jene schwer erworbene Flugkraft der Gedanken, die ihm zum Finden seiner Antwort Mittel werden wollte. Ein bloßes Spielzeug, grausam angelegt und uns gegeben, daß es den eigenen Spieler schlage, ist die Gabe eigener forschender Gedanken also?

Oh! mein vermessener Wahn!



später

. . . . Doch sei's! Was würde uns ein weiteres Forschen außer unsrem Erdball fördern! Ahnt uns doch stark genug, daß es wie hier, so durch die ganze Schöpfung sei. Würd' es uns auch gelingen, auf dem Sturmwind durch das All zu fliegen und forschend Stern um Stern und Sonn' und Monde zu umkreisen: wir fänden, das getrau' ich mir nun wohl zu wissen, dort so wie hier nur Flüche, Thränen, Fragen, und Werden und Verwesung wär' Anfang und Ende, wie bei uns! Und Alles könnte uns nur wiederholen: daß wir hülflose kleine Wesen sind im Banne einer riesengroßen Macht, geringe Theile eines ungeheuren Ganzen, die sich überheben, wenn sie sich so wichtig dünken, daß sie mit dem Schöpfer rechten wollen um ihr Loos.

Ich steig' zu Thal, so dunkel wie ich hergekommen bin. Doch ich ergebe mich noch nicht! Das wäre Feigheit! und ich hasse Feigheit wie die Menschen!

Die eine alte Frage schrei' ich Dir erst recht empor: warum, wenn wir nur Stäubchen sind, ward uns denn 53 dieses Weiterdenken eingeboren, ein Theil Unsterbliches gegeben, das mit den engen Grenzen dieser Zeitlichkeit nicht stillzufrieden rechnen kann noch will? Die Kreatur durch solches Streben über ihre Grenzen friedlos zu machen: oh! welch ein verruchter Widerspruch zu ihrer Nichtigkeit!

Und weiter, unbarmherziger Gott: warum, wenn wir nicht mehr bedeuten, und unser Einzelloos Dir so unendlich nichts in Deinem großen Weltgedanken ist, warum denn war es Deiner Hand, da Du uns schufst, so grausam angelegene Sorgfalt, uns eine Seele in dies schnellvergängliche Staubgebäude einzupflanzen, die so unendlich mannigfach und kunstreich grad zum Leiden eingerichtet ist? Wenn unsre Leiden, unsre Daseinsqualen wirklich »nichts« bedeuten in dem Riesenall, weßhalb denn müssen sie uns durch Vermittlung einer so beschaffenen Seele unverhältnißmäßig schwer und furchtbar scheinen, uns so drücken, daß sie eine arme Kreatur zum Schrei verzweifelter Empörung gegen Dich und Deine Allmacht treiben? Warum? Damit Du ihr dann höhnisch grell die Schwächlichkeit der Wuth so eines Stäubleins an den Riesenmaaßen Deines ungeheuren Weltalls zeigen kannst? Grausamer Gott! Grausame Räthsel!

Nicht einmal jenen Trost hast Du in die sichtbare Entwicklung der Welt und der Menschen hineingelegt, das Leiden der Einzelkreatur zu versüßen, jenen Trost gewisser höherer Erkenntniß, der da spräche: Dulde muthig, mein Geschöpf; denn Deine Noth trägt Andern Früchte; es ist ein tiefer, weiser Sinn darin, und nichts 54 von dem, was Du durchleidest, geht verloren! Ein Kampf ist Alles, folgenreich gedämpft für die Erleichterung aller Spätern, und dankbar werden diese Deiner einst gedenken, erkennend, was von ihrer Lust aus Deinem Leid erwuchs.

Das Gegentheil! Noch schärfer machst Du unsere Qual mit Deinem düstern Fluch: daß sich die Schuld und Strafe mehren solle von Geschlechtern zu Geschlechtern! Wir leiden also –einzig weil es Dir gefällt, und rathen, nichts ergründend, ewig weiter an den alten Räthseln! O dies ohnmächtige Gefühl! . . .

Es tagt. Ich muß geschlagen weichen! Schon röthet leis die Sonne alle Gipfel.

O zehnmal wehe über diese unglückselige Nacht!

 

29. October.

. . . Ich liege wie gebrochen auf dem harten Lager. Die Sonne, scheint mir, hat nun auch ihr Licht für mich verloren, wie sie schon längst den Glanz verlor. Dem Schein des Tags den Eintritt wehrend, verhülle ich die Fenster und sperre mich in's Innere meines Thurms, zu brüten. So abgesperrt, das düstere Getäfer meines hohen Wohngemachs, das trotzig rauhe Mauerwerk, das hundertjährige Gebälk der Decke wechselnd zu betrachten, ist jetzt das Einzige, was mir Ruhe giebt. Gedanken, wenn sie kommen, scheuche ich. Empfinden – kann mein Inneres nichts mehr als den dumpfen Grimm, der mir von meiner fehlgeschlagenen letzten Hoffnung blieb. 55

Vorbei nun auch der Wahn des Forschens! Denn ach, das Höchste forschen wollen heißt sich mühen: die harte Schale einer tauben Nuß zu brechen!

Weh! – –

 

Blatt ohne Datum
(mit großen unsichern Zügen, als wäre
es im Dunkeln geschrieben worden)

. . . . . Geliebter Schatten! bist Du es, der mir im Dämmerlicht zu nah'n versucht?

Meine Seele, die in leeren Einsamkeiten schauerte, umweht es plötzlich wie ein Hauch von Tröstung. So kam es einst von Dir! Und in dem tief hereingesunkenen Abenddunkel, nachdem ich stundenlang von meiner Warte ausgeschaut in all' die weiße Winteröde dieses Feldes, schwebt es wie bläulich Flimmern über's Land daher und scheint sich wie Gestalt vom kalten Duft zu lösen. Um mein Gehirn, das von dem Brüten müde, will sich ein träumend Kreisen spinnen, die Sinne fängt es an zu schläfern, doch vor der Seele Augen wird's gespenstisch licht: – Geliebte Züge, ja, Ihr seid's! . . . ich sehe Euch . . . ich fange an Euch zu erkennen! Weh mir! zürnt nicht, wenn ich entsetzt vor Euch mein Haupt verhülle! Was sollt, was wollt Ihr mir denn noch? Zu dieser Stunde und an diesem Ort! Mich trösten? Mildes zu mir sprechen, wie vordem? Noch jetzt? Oh! damit ist's vorbei!

Nie wieder darf ich Euer Bild vor meine Seele halten, weil neuer Schmerz um Euch mich meine letzte 56 Kraft zum Bleiben kostet. Sei drum barmherzig, auferstandenes Bild des Freundes, und schwinde! Dorthin entschwinde, von wo Du Dich mir ungerufen nahst: in jenes Reich, wo Alles weilen muß, was die Zurückgebliebenen willensstark »vergessen« heißen, – und wecke niemals mehr in diesem kaltgewordenen Herzen die Trauer um Dich, das meinem leiblichen Aug' auf immerdar verloren!

. . . Es schaut mich an! Es steht noch da! . . . eindringlich will es sich in meine Seele bohren! Ach fort! Ein Licht! ein lohend' Feuer angezündet! das diesen herzbeklemmenden Spuk der Dämmerstunde scheuche! . . . . 57


I. Brief Fermont's an Mme. Jane ***

11. November.

Liebe Freundin!

Daß Sie mir schrieben, hat mir wohlgethan, weil es mich lehrte, daß ein Mensch sich doch nie völlig selber überantwortet bleibt auf einem schwarzen Punkte seines Lebens. Doch was Sie mir geschrieben: möchten Sie mir ohne Zürnen glauben, daß ich davon gar nichts weiß. Mir könnten alle Weisesten der Erde jetzt schreiben, was sie Hirn und Herz mir sagen hießen: es würde mir nichts bedeuten. Mein Geist nimmt nichts mehr auf, als was ich etwa Tag für Tag durch eigenes Leben noch finde. Ich werde Ihre Briefe später wieder lesen und werde vielleicht auch fassen, was Sie sagen, wenn mein Herz die Taubheit dann verloren hat für Anderer Worte. Aber heute, jetzt? – – – Verwundern Sie sich vielmehr, wie ich selbst es thun muß, daß ich in diesem Augenblick, ich weiß nicht wie, getrieben werde überhaupt zu schreiben. Denn dunkler nur und immer dunkler folgen sich die Schatten, die mein verfehmtes Leben schrittweis in die letzte Nacht zu treiben suchen. 58

Die erste Zeit der Einsamkeit, da ich in dieser großen Urnatur in heißem Forschen lag nach einem Endzweck alles dessen, was wir in unsrem Erdendasein vorzustellen und zu leiden haben, hat mich statt Licht zu schaffen, tiefer nur und ganz tief in die innere Finsterniß geworfen. Höchstes Erkennen sollte mir den Weg zu einem Gleichgewicht der Seele bahnen, das ich nun noch auf meine Weise suchen mußte, wie der Verdurstende die Quelle, die er irgendwo vorhanden ahnt, nachdem mich unsre Religion geäfft und mich in der Verzweiflung Krallen gelassen. Jenes Bibelprophetenthum, das mir mit willkürlichen Darstellungen das Seiende erklären, mit Kindermärchen, deren weise, schöne Grundgedanken heute der Bestätigung und morgen grellem Widerspruch im All begegnen, den Abgrund übernebeln wollte, der vor dem klaren Menschendenken klaffend nach wie vor in unser Dasein gähnt!

Doch was ich suchte, fand ich auch auf diesem andern Wege nicht. Mein Mühen konnte mich nur Eines lehren: daß die wenige Erkenntniß, das stückweise Wissen, das uns erreichbar ist, kein Glück, kein Gleichgewicht der Seele gibt, und daß am Ende alles heißen Ringens gleichviel dasteht wie zu Anbeginn: im Hirn ein kreiselnd buntes Ahnen, das sich dem ätzenden Verstand in scheinbar sicherer Erkenntniß, ja, oft hellerleuchtet, heute so darlegt, um morgen dem Gemüth – das Gegentheil zu scheinen!

Genarrt, betrogen bin ich also auch durch dieses Forschen in dem Buch der Schöpfung, und mit dem edlen dänischen Freunde frage ich: »Warum, warum 59 schütteln wir, Narren der Natur, uns so furchtbarlich mit Gedanken, die unsre Seele nicht erreichen kann?«

Alt möchte ich jetzt am liebsten sein, auf daß es bald ein Ende nähme. Doch meines Körpers Jugend will nicht schwinden, wie die der Seele schwand. Ich denke oft, ich müßte die Erscheinung eines Greises bieten, zerrüttet und zerbrochen; aber das Gebäude hält fest, und ein paar graue Haare an den Schläfen sind die einzigen Verräther, daß im Innern Elend ist.

Ich sage Elend, weil ich nichts mehr zu erstreben habe. Ich las in Ihrem Brief ein Wort von einem Streben, und ging das auch nicht tiefer ein in meinen Sinn, so tönt's doch nach: Annäherung an meinen Vollwerth. Ha! Ein schönes Streben! Jedoch bei mir: wozu? Ich bin zu strebensmüde, um Derlei noch zu wollen. In allen frühern Zuständen meines Lebens, die immer durch die Liebe, in der oder jener Form und Aeußerung, herbeigeführt und geleitet waren, nahmen die Dinge der Welt jeweilen eine neue Erscheinung für mich an, und ich entnahm ihnen Neues. Ich lebte in ihrem Wechsel unzählige Male zu neuer höherer Thätigkeit auf, und alles vordem Gewesene erschien mir jedesmal matt gegen die Gluth des augenblicklich Seienden. Mein jetziger Zustand, von jeder Liebe abgelöst, von kaltem Haß und stolzem Trotz allein erhalten, ist anders, zeitigt nichts. Er drängt nach keinem Thun, er ist der Zustand eines blutlosen Gespenstes, das nur ein starres, innen dumpfes Haupt noch schütteln kann, und das zu jeder Regung, die aus alter Gewohnheit des 60 Menschseins noch erwachen möchte, sofort mit Eiseskälte zischelt: wozu doch!

Keine Hoffnung und keine Anläufe mehr, diesmal, liebe Madame Jane! Nur noch die Kraft des Trotzes: abzuwarten.

Ich sage Ihnen dies Alles, um wahr zu sein, selbst im Bewußtsein, Ihnen weh zu thun. Ich empfinde es als die größte Wohlthat unserer Freundschaft, daß ich mich vor Ihnen nicht zu beschränken brauche, daß ich zu Ihnen reden kann, so wie michs treibt. Was ist uns eine Legion von Freunden, die immer nur bis zu einem gewissen Punkte verstehn, gegenüber einem Einzigen, der bis zum Aeußersten folgen kann!

Ihnen brauche ich stets nur die volle Wahrheit zu sagen, irgendwelche Wahrheit aus dem menschlichen Leben, und ich weiß, sie wird verstanden, ob Sie mir darauf antworten oder nicht. Sie wird verstanden, weil auch Sie gelitten haben.

Da liegt es! Gelitten haben: – das ist eine Sprache zwischen auserwählten Menschen, die stumm Alles verstehend, sogar Vieles stumm mitzutheilen vermag. Wohl mir, daß Sie diese besitzen!

Fermont. 61


Aufzeichnungen Fermont's

27. November.

Schnee hatte schon das Thal bedeckt, die Gebirge verhüllt und mich seit Wochen ganz im Innern meines Thurms gehalten, als gestern noch einmal ein lauer Sturm kam, der die weiße Decke am Boden wieder fleckenweise schmelzen ließ. Da war ich heute, spät am Nachmittag, hinausgegangen.

Nach einer Weile fand ich mich von einem angebahnten Holzpfad, dem ich durch die Felder entlang gegangen, schon ziemlich fern vom Dorfe, wider meinen Willen auf die Landstraße hinausgerathen. Ich sah vor mich und sah zurück. Kein lebendes Wesen zeigte sich mir weit und breit. So folgte ich der großen Straße eine Weile in der Richtung gegen den nächsten Ort. Sie lief, voll Schmutz und Wasser und halbgetrockneten groben Kies, am Rande besäumt mit ungeschmolzenem Schnee, ein Stück gradaus, auf's tiefe feuchte Blau der Hänge zu, die drüben starr wie Mauern aus der weißen Erde ragten. Zur Rechten und zur Linken Reihen kahler Bäume, die von dem steten Windstrich dieses Orts gespensterhaft geformt, gleich ausgegrabenen, moderfeuchten Gerippen in der Thauluft standen und 62 ihre triefenden Aeste alle nach der gleichen Richtung wie tastende Arme vorwärts reckten.

Mit Mühe ging sich's durch die harten kantigen Kieselbrocken und durch den halbgeschmolzenen Schnee.

Als nun die Straße um den Vorsprung einer Bergwand bog, gewahrte ich vor mir, jedoch in ziemlicher Entfernung, noch ein zweites Wesen. Ein Wesen, das sich mühsam fortbewegte und das mir erst als Mensch erkennbar wurde, als ich noch näher zugesehn. Das hinkte und das quälte sich da vorn so weiter: ein Leib, getragen von zwei Beinen, die ohne Halt am Knie nach innen zu gekrümmt, sich Schritt für Schritt in Winkeln voreinander schoben. Mit seinem Stocke, den er weit vom Körper in den Boden stemmte, schien dieser Wanderer mehr zu rudern, als sich bloß zu stützen, und schob sich derart langsam fort.

Ich rückte ihm unbemerkt näher. Er trug einen langen Ueberrock von schäbigem dunklem Stoff, einen hohen Hut von verjährter Form und schwarze Beinkleider, die vor Alter grün erschienen. Unter dem linken Arme hielt er ein Paket, in Wachstuch kläglich eingeschnürt; wohl seine ganze Habe! Und so häßlich flatterte sein rother Judasbart im Wind und so jämmerlich schwankte er vor mir her, seine Straße fürbaß! Wohin? So düster, so traurig, so hoffnungslos auch Alles um ihn her: verlogenes Lenzahnen im Herbst. Ein Herrgottsbild ragte am Wege, von rothem Dächlein beschützt. Der Krüppel ging achtlos daran vorüber.

Bald bog die Straße zum zweiten Male um die Felsen. Da fegte ein Wind vom Tiefland jäh daher 63 und ließ des armen Fremdlings Rockschöße wirr um seine Beine flattern. Mit Mühe versuchte er schleunig sein Bündel in den andern Arm zu bringen, den Stock zu stemmen und das Kleid mit der Linken zusammenzuhalten, um nicht zu fallen, als schon sein Hut vom Wind erfaßt und ihm vom Kopf gerissen, weithin im Bogen feldeinwärts flog. Baarhäuptig stand er plötzlich da, das rothe Haar zerzaust vom Sturm. Er hielt sich mühsam mit dem Stock am Platze und sah dem schwarzen Punkte nach, rathlos. Kein Laut kam über seine Lippen. Allein im weiten Feld, – er hatte mich noch nicht gesehn – was blieb ihm übrig, als mit seinen elenden Beinen dort in's Feld zu hinken, dem rollenden Hute nach! Fast wie ein Knäuel glitt er im nächsten Augenblicke über das Bord des Straßengrabens, warf unten zornig sein Bündel nieder und trat schon, seine Arme und den Stock zur Nachhülfe in der Luft herumwerfend, in's schneeige Feld. Da hielt es mich nicht mehr. Ob auch ein Mensch, was für ein kläglicher war Dieser! Ich rief ihm zu, zu bleiben, rannte durch die schneebedeckte Ackererde, die sich mir in dicken Klumpen an die Schuhe hängte, weit in das Feld hinein, bis ich an einem Buschwerk den armseligen Filz erreichen und ihn dem armen Teufel wiederbringen konnte.

Der hatte sich noch kaum zur Straße heraufgearbeitet. Mit Aechzen kletterte er eben aus dem Graben. Er nahm den Hut ab, kurz, und sah mich an: – ein zum Erbarmen widerwärtiger Geselle; ein wahres Schreckbild von gemeiner Häßlichkeit, dabei klug, 64 ja selbst durchtrieben. Sein Dank klang wie ein giftiges Murren, und die Börse, die ich in seine Hände leerte, rief auf seinen bittern Zügen einen Ausdruck wach, so überrascht, grimassenhaft, wie ihn nur die Gesichter zeigen, die längst verlernten einer Freude Spur zu malen.

Ich kehrte um und ging den Weg langsam zurück, den ich gekommen war. Und zu dem Alten, was ich hergetragen, trug ich ein Neues mit fort. Das bärtige gelbe Angesicht dieses Krüppels mit dem Vorwurf auf den bösen Zügen ließ mich nimmer los. Welch eine neue Grausamkeit der Schöpfung, die ich da geschaut: der Gang durch dieses Leben noch am Körper jämmerlich erschwert! Und ich, und ich, der mit gesunden Gliedern meine Straße wanderte, ich schleppte schon so überviel des Elends durch die Welt!

»Krankheit und Schmerzen,« rief ich, angefaßt vom Ekel, – »o letztes, niedrigstes, entwürdigendstes aller Leiden! Rohes Fehlwirken der elenden nothwendigen Maschine, die uns ohne unser Zuthun gegeben ward, und die uns also ohne unsre Schuld den Dienst versagen kann! Von allen innern Schmerzen liegen die Bedingungen noch gewissermaßen in unserer Hand, im Körperlichen aber sind wir, schuldlos und ohnmächtig, nur von der Willkür Dessen abhängig, der uns ohne unsern Willen baute. Und wenn von seelischen Leiden Alles seinen Werth besitzen, seine Weihe haben mag, und ihrer nur der Höhere fähig ist, so ist des Körpers Siechthum trostlos, ist ein erbärmliches, demüthigendes Fehlen jener ersten Bedingniß zum Dasein, die doch an sich zum 65 Mindesten jedwedem Geschöpfe unverkürzt und ungestört in's Leben zugetheilt sein sollte. Den Körper aber auch noch unvollkommen mitzugeben und ihn zu einer Quelle von besonderem Elend zu gestalten, das – das ist ein Gedanke im Schöpfungsplan, den ich nicht fasse, dem ich keine Deutelungen suche, der mir nur roh und grausam ist.

Was kann solch einer Kreatur die ganze Schöpfung nützen, wenn sie ihr eigenes Schöpfungsstück, der Leib, elend und unbefähigt macht zum Leben? Was kann ihr, wenn sie sich in Schmerzen windet, der Menschengeist und aller Wille zur Entwicklung nützen? Und wo ist die Gerechtigkeit? Den Einen trifft ein solches Loos, und um ihn her gehn Hunderte in völliger Gesundheit, gerade so verdienstlos am Gesundsein, wie er schuldlos ist an seiner Qual!

Ihr Philosophen, die Ihr diese Schöpfung als vernünftig preiset, und Ihr, gewandte Prediger der Gottesgüte, die Ihr überall süße Tröstung wisset, antwortet hier!

»Ausnahmen, unglückselige, vom sonst so wundersamen Ganzen«, – so sagen die Einen! »Ein unerforschlicher Rathschluß,« dann die Andern, – »der hier durch Leiden eine Seele zur Entwicklung führen will.«

O Hirngespinnst, dies Alles! sage ich; bequeme Uebertölpelung der Gedanken, die sich gar gern von den unabänderlich vorhandenen Grausamkeiten in der Schöpfung wegleiten lassen. Ein allzuschreckliches Leiden, das nicht nur Stunden und Tage, nein, das 66 Monate selbst und Jahre dauert, während darum her die Menge heil und danklos in den Tag hineinlebt, diese Geißelung eines Einzelnen ist nicht Erziehungsnothwendigkeit, oft nicht einmal Erziehungsmöglichkeit. Denn der Elende kommt vor Qualen kaum bis zu Gedanken und hat nicht Kraft, nicht Freiheit mehr zu Anderem, als sich von einer Stunde zu der nächsten das Unerträgliche noch so erträglich wie möglich zu machen.

Damit einfach nicht rechnen zu wollen aber, wie Andere thun, daß dies so Schreckliche nicht Ausnahme ist, daß vielmehr Tausende von solchen Unglückseligen unter uns leben und daß ein Jeder von uns so ein erlesener Märtyrer des Erdendaseins werden kann, ist wie so Vieles, wiederum einzig Kreaturenfeigheit.

Oh! schreien soll man es zum Himmel, wie entsetzenswürdig diese rohe Gewalt an Wehrlosen ist, diese Körperknechtschaft, die das abhängige Elend des Geschöpfes nutzlos an den Pranger streckt.

Wo bleibt dabei die Menschenwürde? Wenn alles Andere in ihren Schranken ertragen werden kann, – hier sinkt der Mensch, von Qualen übermannt und keines Stolzes mehr fähig, zuweilen gar zum Thier herab, das hülflos brüllt und hinfällt und verdirbt, wie es eines Wesens seiner hohen Gattung nimmer würdig ist. O Menschen! und nun mit frommer Gaukelei dies unerbittlich Wahre übermänteln wollen! mit Philosophieen, höherer Auffassung, erhabenen Faseleien diese eine scheußliche Thatsache überschmücken und verhüllen, die als Abschluß eines jeden Daseins kommt, 67 und sei es noch so hoch, so würdig, ja so heilig gewesen! Nein! ehrlich sein, und in Empörung und Entsetzen rufen: »Widerspruch und Grausamkeit!« – –

Ich schaute mich um, nachdem ich in solchen Gedanken eine Strecke weit gerathen war. In der Ferne sah ich den Krüppel auf einem Kieshaufen am Wege sitzen. Er schien noch immer das Geld zu zählen. Jetzt erhob er sich, und die Maschine seines Körpers schob sich, eine hin und her arbeitende Masse, ihres Weges weiter.

Der vielleicht auch – soll sich zu nähern suchen an seinen persönlichen Vollwerth? Haha! Fürwahr, die Natur hilft ihm so gütig dazu! Wie er vorwärts kommt auf seinen leiblichen Beinen, das ist sein einziges Trachten! Und ein solches Elend: Quelle der Entwicklung? Haha! Dergleichen brutales Elend! . . .



28. November, da es Abend wird.

. . . Weiß die Erde, tiefgrau die Luft, Sturmsingen um meine Mauern und immerfort, seit Stunden gleich, das flatternde Wehen der Flocken, still, still an den Scheibchen vorüber, einhüllend Feld und Thurm. Tiefstill auch alles drinnen.

Ein Feuer flackert in dem hohen Kamin. Sonst Dämmerung im ganzen Gelaß. Jetzt kehrt der dunkle Winter ein. Du, stumme, tief verschlossene Zeit, sei mir willkommen! 68


Brief Georg Brandt's an Fermont.

1. December.

Ihr Blatt Betrachtungen ohne Anfang und Schluß, das Sie mir kurz nach Ihrem Erlebniß im nächtigen Gebirge gesandt haben, mein lieber Fermont, war mir dennoch mehr als Brief. Indem Sie mich so mitten in Ihre Gedankenwelt einen Blick thun lassen, geben Sie mir die Möglichkeit, Ihnen als Freund vielleicht nützlicher zu sein, als wenn es auf der Oberfläche erneuter Bezeugungen meiner tiefen Sympathie für Sie hätte bleiben müssen. Dennoch sage ich Ihnen vor Allem, daß Ihre neue Lage diese hätte steigern müssen, wenn das noch möglich gewesen wäre.

Ich bin in Vielem, was Ihr Blatt enthält, Ihrer Ansicht.

Daß Sie im Christenthum nicht mehr und vielleicht nie wieder den Trost finden können, den es tausend Andern gibt, fühle ich Ihnen völlig nach. Der Punkt der Erbsünde gerade ist mit daran schuld, daß auch ich diese ganze Trosttheorie für die peinlichen Widersprüche im Leben weglegen mußte. Auch jene andere, 69 ursprünglich von der Kirche ausgegangene, dann aber auch in freieren philosophischen Gewändern genugsam weitergebotene willkürliche Deutung, die man in Fällen empörender Mißhandlung einzelner Kreaturen durch das Schicksal vorbringt, kann ich nicht annehmen: daß die strenge Züchtigung einzelner Individuen ohne jedes besondere Verschulden einem überirdisch und übermenschlich weisen Gedanken entspringend, nach irgend einem gewissen Punkte hin die höchste Entwicklung der Betroffenen bezwecke!

Diese Auslegung kann ich bei meinem Wesen, dem der Schmerz jeder Kreatur nahe geht, schon nicht vertragen, und vollends vermag ich sie mit meinem vernünftigen Denken und meinem Gefühl für Rechtlichkeit nicht zu vereinbaren.

Ich glaube vielmehr, daß die Welt nach einmal bestehenden, großen, ewigen Gesetzen ihren Lauf nehmen muß, und daß innerhalb dieser Gesetze eben manche schlimmen Combinationen möglich sind. Und da will ich mich lieber als Bürger und einsichtiger Einzeltheil dieses gewaltigen Ganzen auf den männlicheren Standpunkt stellen, zu sagen: und wenn mich eine der schlimmsten Combinationen treffen sollte, dann will ich, so traurig das auch wäre, nicht hadern, sondern ich will eingedenk sein, daß zum Bewegen eines so ungeheuren Gefüges, wie diese Schöpfung ist, die bestehenden Gesetze nothwendig waren und wohl noch immer von allen denkbaren die besten und vollkommensten sind, und daß gegenüber dem Erhabenen, was sie wirken, ein Einzelner nicht das Recht zum Murren 70 wider das Ganze hat, wenn ihn fatalerweise das Loos trifft, in das mögliche und unvermeidliche Gegeneinanderreiben so mannigfaltiger treibender Kräfte zu gerathen.

Nichtsdestoweniger verehre ich eine Anzahl Menschen und preise sie glücklich, die ohne deswegen denkstumpf oder gedankenfeige zu sein, den einen oder den andern der ersten Glauben festhalten, ja sogar mit einem sonst unbestreitbar hellen Denken in vollen Einklang zu bringen verstehen.

Da uns Beiden gerade Das versagt ist, sollten wir schärfer oder verblendeter sein, als Jene?

– Der zweite Punkt in Ihrem Blatte, daß Sie in Allem, was Sie in Ihrer Einsamkeit beobachten, denken und forschen, zur Zeit immer nur jenes eine Resultat zu finden vermögen: es sei auf Schritt und Tritt nur Widersinn und Grausamkeit in den Ordnungen der Schöpfung, – das eben tröstet mich und läßt mir Ihren Zustand noch nicht so verzweifelt erscheinen, wenn er auch für Sie den Zustand der Verzweiflung bedeutet. Es tröstet mich, weil er nicht eine jener hoffnungslosen Stufen darthut, die anhaltendes Unglück im Leben eines Menschen zuweilen herbeiführt, und die zum Elend ihres Trägers und der Menschen, die ihn lieben, nicht nur andauern, sondern wirklich bleiben können, weil sie aus starken, tief erlebten und darum dem Betroffenen truglos feststehenden Wahrheiten gegründet sind. Die Ihrige zeigt in ihrer Basis, mich beglückend, Irrthümer! Und diese werden Sie nicht weiter dulden, sobald Sie sie erst selber zu fühlen ruhig 71 genug geworden sind. So hoch, wie Sie in Ihrem Leben ausgegangen, mußten Sie allerdings nach dem, was Sie erlebt, so tief herunterstürzen. Jedoch gerade an der brennenden Schärfe Ihrer Aeußerungen erkenne ich, daß das ein Punkt ist, von dem Sie sicherlich zurückkommen werden. Vielleicht nie wieder auf den Weg des Christenthums und seiner Art von Vertröstung auf eine ausgleichende Gerechtigkeit, die sich einst enthüllen werde, jenseits der Grenzen dieses Lebens, aber auf eine Anschauung der Welt und eine Auffassung unseres Seins und seiner richtigen Erfüllung, die auf abermaliger Erkenntniß der ewigen Zweckmäßigkeit beruhen wird, wenngleich der Endzweck selber nicht für uns ergründbar ist.

Wie kenne ich Sie groß und klar nach Ihrem wahrsten Wesen, Fermont! Ist es mir also nicht mit Recht Gewähr, daß das nur augenblickliche Verzweiflung sein kann und in der Verzweiflung Irrweg, wenn ich von Ihnen als Beleg der Widersinnigkeiten in der Schöpfung z. B. die Erzählung lese, wie auf einer Ihrer Wanderungen ein fallender Stein vor Ihren Augen jäh ein Lamm erschlug!

Sie nehmen sich aus dem Gesetze des Steins und dem des Lammes schnell den hochwillkommenen Beweis vom Unsinn im Walten der Natur! Das hätten Sie zu anderer Zeit niemals gethan! Sie wären höher gegangen, als wie der Schein des Augenblicks die Sache dargestellt, und hätten mit mir gesagt: man soll nicht lamentiren, wenn das Gesetz der Schwere, das in diesem Falle einen Stein aus großer Höhe mit 72 schwerer Wucht zur Erde brachte, in einem zufälligen unglücklichen Zusammentreffen von Umständen ein Unheil anrichtete, sondern man soll, wie ich es eben vorhin dargelegt, auch hier vom höheren Gesichtspunkte aus betrachtend, sich vergegenwärtigen: wie so gar nichts dieser eine Vorfall doch bedeutet gegenüber all' dem Herrlichen und Großen, was allein dies eine gewaltige Gesetz der Schwere überall in der Schöpfung wirkt und schafft.

Sehn Sie, mein lieber Freund, von diesem einen wunden Punkt in Ihrem Blatte ausgehend, den ich Ihnen hier aufdecke, kann ich rechnen, daß Ihnen jede fernere eigene Entdeckung: wie Ihre jetzige Beobachtungsart Ihnen nur die eine Seite an den Dingen zeigt, ein Schritt zum Ausweg wird aus Ihrem Zustand. Denn die Wahrheit – in diesem Falle die Zweckmäßigkeit im Weltganzen – offenbart sich ja auch dem Verstocktesten immer wieder mit Macht, wenn er nur die Augen offen behält. Sie wird sich Ihnen um so bälder zeigen, als Sie ja ferner eng mit der Natur zusammenleben.

So hoffe ich bestimmt! Ganz sicher kann ich es nicht wissen. Es gab ja Riesengeister, die, einmal zu tief getroffen, sich nie wieder beugten vor Dem, was als ewig geoffenbarte Wahrheiten dastand. Aber deren Herz war kalt im Dauern dieses Trotzes, und das Rechten mit Gott hat sie nichts von sich geben lassen, was der Menschheit zum Trost oder zum Fortschreiten gedient hätte. Und was nicht diese Früchte trägt, erscheint mir ein trostloses dürres Ackerland, und gleißten 73 seine Schollen gleich wie Edelsteine. So dringen auch Sie in diesen Zeiten wohl hinan zu jenem Riesentrotz; doch ist Ihre Seele zu warm von Anfang her, als daß ich bei Ihnen an ein starres Erkalten in selbstischer Vergrabenheit glaubte.

– Auf Ihren dritten Punkt komme ich zum Schlusse auch noch. Trotzdem Sie sich also nach den letzten enttäuschten Anstrengungen Ihres Forschens weniger als je ein Bild von dem machen können, was mit dem Tode kommen wird, so ist es Ihnen doch auch unmöglich, so sehr es Ihnen im Augenblick erwünscht wäre: an ein völliges Aufhören unseres Wesens zu denken? Das kann kein denkender Mensch, lieber Fermont! Und sollte das nicht an sich schon Zeichen sein eines geheimnißvollen Zusammenhanges der Kreatur mit einer spätern Dauer, mit »Unsterblichkeit«?

Ich habe mein System der »Monaden«, über das Sie mich oft genug auslachten, wohl weil es damals unbeholfen noch im Anfang steckte, gerade in den Zeiten, seit wir uns nicht mehr gesehen, in einer Weise weitergedacht und mir zurechtgelegt, daß es mir heute für sich allein, ohne die übrigen Haltpunkte, die ich noch obendrein besitze, eine breite, solide Grundlage zu einem tüchtigen Leben und ein immer lebendiger Sporn zum Streben sein würde. Das aber ist, was für die innere Wahrheit einer Weltanschauung am besten spricht!

Werden Sie es überhaupt lesen, wenn ich es Ihnen hier zum Schluß darlege? Wenn nicht, so ist die Mühe klein gewesen, es Ihnen zu schreiben; wenn Sie es aber wirklich durchgehen, so finden Sie vielleicht doch 74 diesen oder jenen Gedanken darin, der Ihrem eigenen Denken, ob in Uebereinstimmung oder durch Widerspruch, schneller zu Gestalt verhilft. Sollte es nach Philosophie riechen, so halten Sie es meiner Ungeübtheit zu gute, derartigen Stoff niederzuschreiben. Mündlich würde ich Ihnen einen solchen lebensvoller machen können.

So hören Sie: ein Untergehen hoher, durch ein ganzes Menschenleben und durch ein reiches Streben entwickelter Seelenkräfte kann ich mir, nach allen übrigen erkennbaren Gesetzen der Natur, niemals und unter keinen Umständen denken. Ich nehme daher an, das Ding, das wir Seele nennen und das einem Gesammtwesen, Mensch genannt, während seiner Lebensdauer vorsteht und es regiert, sei eine einfachste Kraft, wie man sie unter der Bezeichnung »Monade« zu verstehen gewohnt ist. Diese Monade, die auf ihrem Wege durch das All eine Anzahl untergeordneter Monaden, nehmen wir an Staubwesen, an sich gezogen und in ihrer Gesammtheit zu einem Menschen gestaltet hat, wird, wenn diese vorübergehend eingegangene Verbindung sich wieder auflöst, also mit unsrem Tode, niemals verloren gehen können. Sie wird nur jene Untermonaden wieder entlassen, selber aber als dominirende durch ihre innere Kraft den diesmaligen kurzwährenden Zustand überdauern und unverloren weiter schweben durch das All, als eine Obermonade, – die Philosophen nannten es »Weltmonade«.

Aus dieser neuen Wanderung wird sie sich gelegentlich abermals mit andern, die sie anzieht, zu einem Gesammten verbinden müssen, und zwar diesmal 75 nun zu einem höheren, wenn sie sich im vorigen Zustand gebührend entwickelt hat; zu einem niedrigeren wohl nur dann, wenn sie die ihr innewohnende Kraft nicht ausgenützt hat und dort unter sich selbst gesunken ist. Drum kann ich mir auch höhere Naturen denken, als wir sind, höhere Existenzen als das Monadenstadium, das sich »Menschendasein« nennt, – und kann mir umgekehrt vorstellen, daß wir vor diesem Stadium ein Dasein geführt, das eine Stufe niedriger gestanden hat.

Zum Glauben an dieses Wandeln und Wechseln unsrer Daseinsformen führte mich besonders auch eine Erscheinung, die mir sonst ganz unerklärlich wäre: die mysteriösen Erinnerungen, die uns zuweilen wie aus einem dunklen Schooß aufsteigen, wie ein Nachklingen eines abgelaufenen Zustandes; – seltsame Früchte einer Gedächtnißkraft, die diesen Obermonaden innewohnen muß.

Auf diese Wahrnehmung bauend, wäre weiter zu denken: daß wir nach unserem Tode auch Erinnerung an unser jetziges Sein bewahren, somit gleichsam doch Fortdauer der Persönlichkeit besäßen (»Unsterblichkeit der Seele«, wie die Bibel lehrt). Und so auch weiter: wenn wir zu immer höheren Verbindungen und Daseinsformen gelangten, müßte jene Kraft des Gedächtnisses an abgelaufene Zustände, die jetzt, beim Menschenstadium, noch so dunkel und so selten ist, sich ebenfalls entwickeln, und wir würden, an der letzten und höchsten Stufe unserer steigenden Zustände angelangt, auf die Fähigkeit eines vollen historischen Rückblicks über alle 76 unsere Wanderungen durch das All und über alle durchgemachten Wandlungen rechnen können.

Läßt mich nun die geringe Stufe, die ich zur Zeit als Mensch in diesem Entwicklungsgange des Monadengedächtnisses noch einnehme, auch recht bescheiden über die Wichtigkeit meines derzeitigen Daseins denken, so gibt mir andererseits die Idee frohe Kraft: daß ich desto schneller zu höheren und beglückenderen Zuständen gelangen werde, je besser meine Monade ihr Menschenstadium, dies Leben auf der Erde, zu ihrer Entwicklung ausnützt. Diese Idee stimmt mich muthig, und hauptsächlich läßt sie mich endlich gelassen tragen, daß ich, solange ich in dieser Verbindung mit Staub lebe, auch nur das begreifen kann, was dieser Staubgesammtheit zu fassen verliehen ist. Dies Gewähren von Seelenruhe aber ist die Hauptsache, die ich von einem Weltanschauungs-System verlangen muß! Unser Aller Leiden hier, zu dem so Wenige die richtige Geduld finden können, ist ja schließlich doch nichts Anderes, als daß unsre Seele in ihrer Eigenschaft als etwas Ewiges sich in der Staubgebundenheit beengt fühlt und sich nach Befreiung sehnt. Vereint mit ihren jetzigen Untermonaden leidet sie das Gleiche, was ein vornehmer Geist, vorübergehend unter gemeine gerathen und an sie gebannt, unter deren niedrigem Wesen leiden müßte. Weiß er jedoch, daß einst ein Ausweg sicher nach oben führt, so trägt er das einstweilen Unvermeidliche viel leichter! –

Ich möchte Ihnen wünschen, Fermont, daß was ich hier in Kürze von meinen Ideen angedeutet habe, 77 auch vor Ihrem Denken Wahrscheinlichkeit gewinnen könnte. Dann dürfte ich hoffen, ein nächstes Mal von Ihnen zu hören, was meinen Gefühlen für Sie weniger schmerzlich wäre, als Ihr düsteres Blatt.

In allen Lagen Ihrer »Monade« mit aufrichtiger Wärme Ihnen zugethan

Ihr Georg Brandt. 78


Stelle aus einem Antwortbrief Fermont's an Georg Brandt

vom 10. December.


. . . . . . . . Ich habe es vorderhand überhaupt aufgegeben, noch ein System erdenken zu wollen, um zu existiren! Ich lebe, ich nähre mich, das ist Alles, was ich noch thue; und weiter – warte ich ab, was von selber wird.

Das Eine aber will ich Ihnen zum Dank für so viel freundschaftliche Trostbemühung doch hier sagen: daß mir von allem Denkbaren Ihre Darstellung von der Fortdauer einer Monade am Ehesten zusagen würde. Denn ich kann Ihnen nachfühlen, daß diese Idee, mit Geist und innerer Wärme zum System herausgebildet, die Kraft in sich tragen mag, einen Menschen zu tüchtiger Ausfüllung seiner Lebensdauer anzufeuern und ihn in stetem Streben zu erhalten. Neben Ihrem Argument einer seelischen Gedächtnißfähigkeit – jener unerklärbaren, dunkeln Erinnerungen an etwas wie ein schon einmal durchlebtes Dasein – wüßte ich für Ihre Annahme noch einen andern 79 Anhaltspunkt zu nennen: die sonderbare Gabe unserer Vernunft! die in so grellem Gegensatze zu der übrigen Geknechtetheit und Beschränkung unserer Fähigkeiten steht, und die sich neben dem unleugbaren Bestehen von Widersprüchen im Regimente des sonst so klugen Schöpfers – von Widersprüchen, die sie erfaßt und rebellirend beleuchtet, – ganz unbegreiflich ausnimmt.

Diese vergessene Fackel, die in des Gefangenen Hand den Kerker unsrer Zeitlichkeit durchforschen hilft, will mir zuweilen ebenfalls Beweis und Erbtheil einer abgelaufenen Vorstufe scheinen, wenn auch im Gegensatz zu Ihrer Annahme, einer freieren, aus der wir zum Menschendasein gekommen wären als zu einem Prüfungsstudium, darin wir zu bewähren hätten: ob die unsrer Monade innewohnende ewige Kraft auch ächt und in den mißlichsten Zusammensetzungen mit geringeren Elementen unverderbbar sei.

Aber ich will das hier nicht weiterführen. Wozu denn wüßte ich heute, wie ja doch alles Philosophiren endet? . . . 80



Aufzeichnungen Fermont's

Vom gleichen Datum im Tagebuch.

. . . . Ich habe heute abermals einen Brief geschrieben und hinausgesandt. Verwunderlich! Und lese jedesmal, was mir zwei Menschen schreiben, die noch meiner denken, und die von Außen ab und zu an meine Thür zu klopfen wagen, im gütigen Wahn: mich aufzurichten!

O, sehr verwunderlich!

Warum mir das nur möglich wird?

Vielleicht gerade, weil zu Zeiten diese Wahrnehmung, daß draußen immer noch die Welt besteht, daß stets noch Menschen da sind, die im Leben schwimmen, die starre Wollust meiner Einsamkeit erhöht! . . .

 

15. December Abends.

Die Winterstarre hält die Welt nun ganz umfangen. Ein Blick zur Abendzeit hinaus in's Thal und zu den Höhen hinüber weist mir jeden Tag den gleichen todten, grünen Himmel. Und ungeheuerlich und hart zieht auf dem lichteren Grunde das schreckhaft dunkelblaue Felsgebirge seine zackigen Linien. Die 81 Wolkenstreifen, die gen Abend dort von jenem höchsten Gipfel aus in's Leere ziehen, wie Dämpfe, die dem Krater eines Vulkans entsteigen, sie scheinen, wenn sie sich emporgedehnt, in diesem Eisraum bald zur Unbeweglichkeit erstarrt und bleiben so am Himmel stehen, ehern, unverändert, derweil die immer tiefere Dämmerung ihnen ihre Färbung wechselt, sie immer fahler werden und erlöschen läßt, wie Körper, die von unbestimmt woher, von unten, fernherauf aus schon versunkenen Feuerwelten noch beleuchtet würden, bis mit der niedersinkenden Nacht ihr todtes Grau mit dem des ganzen All zusammenfließt. Dann dehnt sich überall einförmig öd und kalt das gleiche Leichentuch.

Ein Bild des Unerbittlichen, Gesetzgemäßen, Ewigen in der Natur!

 

19. December in der Dämmerung.

. . . Wie im Kamin die Scheite roth verglühn! Fast ließ ich über meinem Sinnen ihren Brand erlöschen . . . Ein neuer Wurf hinein – und das entschlafene Feuer lodert auf!

O Flamme, Flamme! Einzige Genossin meiner langen Tage, und meiner tiefeinsamen Nächte leis gespenstische Musik, ich liebe Dich! Die Sprache Deines Knisterns und die Sehnsucht Deines Lohens lerne ich verstehn! Und da vom Luftzug angefacht, die lichten Gluthen jetzt auf's Neue wirbeln, und feurige Funken rastlos aufwärts fliegen, ist mir, als schaute ich darin ein Abbild alter eigener Qual. 82

Ihr flammet da so sehnend schnell, Ihr loht so wild und flackert strebend, als wolltet Ihr im höchsten Feuerglühn des kurzen Augenblicks, der Euch zu sein vergönnt ist, die Ewigkeit einholen und auskosten, die Euer Wesen Euch versagt.

Ganz so wie ich gethan, da einst in mir noch Flamme war, der Liebe und der Sinnen Flamme, die aus dem gleichen Durst nach Ewigkeit so wild und so verderblich überschlug.

O führt mein Denken nicht mehr auf dies Räthsel hin, das zwar noch lauter als viel andere unsres Daseins Antwort heischt: das Räthsel unsrer Sinnlichkeit und ihres Sehnens, – der Riesenkraft, der eine Stätte ward in unsrem Leib, und zugleich schnöd und friedenraubend jenes widersinnige Verbot, sich ihrem Trieb und Wesen folgend auszuleben! Ist's doch längst abgethan für mich, wenn ich auch für die Andern keine Antwort fand!

Denn, niedrig, wie die Sittenrichter schreien, erkannte ich in mir die Sinnenliebe nie. Mir war dabei, als trachtete mein Mensch in jeder Wohlgestalt, die er umschlang, mit Gier ja nur ein Stück von jenem Ungeheuren zu erfassen, was ihm fehlte, – als wollt' er jedem Wesen, das er an sich riß, ach, nur ein Kleinstes geben von der Gluthgewalt, die in der Seele unbegehrt vorhanden war und tobte, – und trinken in dem einen Augenblick des völligen Genügens, trinken von der Ewigkeit, die er begehrte, und flüchtige Erlösung finden von des Daseins Bann! Nichts Anderes vermocht' ich je als Kern der Sinnenlust 83 zu finden, als übermächtige Liebe zu geschaffener Schönheit.

Das wäre thierisch?

O! nothgedrungener Ausweg war es einer Sehnsuchtsflamme, die gleich so mancher andern Kraft in mir, aus etwas Höherem und Gewaltigem stammt, dem ich noch angehöre, und die sich hier verirrt und eingekerkert fühlt. Drum spott' ich für mein Theil des Fluchs, der auf der Sinnenliebe lastet! Ward sie in mich gelegt, so mag sie auch bestehn!

Denn, wie Virgil zu Dante sagt im Fegefeuer:

»So, wie die Flamm' emporglüht zu den Höhn,
Durch ihre Form bestimmt, dahin zu streben,
Wo ihre Stoffe minder schnell vergehn,
So scheint der Geist der Sehnsucht nur zu leben,
Der geistigen Bewegung, die nicht ruht,
Bis, was er liebt, sich zum Genuß ergeben!« 84


 

31. December,
da sie vom Dorfe, fernher durch die stille
Mitternacht, das neue Jahr ausrufen.

Könnt' ich zurück den Strom der Jahre gehn,
Zum ersten Quell, wo Thrän' und Lust entstehn,
Ich würde mich vor solcher Rückfahrt hüten
Durch die verfall'nen Ufer welker Blüthen;
Ich ließ' ihn weiter fließen, wie er fließt,
In's namenlose Meer, das Alles schließt.
                      *   *   *   *
Die Unterirdischen – was sind sie jetzt?
Millionen, zu vermengtem Lehm zersetzt,
Der Asche der Jahrtausend' auf dem Pfad,
Den dies Geschlecht betritt und einst betrat?
Wie, oder wohnen sie, fern von der Helle,
Ein jeder einsam in der engen Zelle?
Gibt's eine Sprache drunten? ein Gefühl
Hauchlosen Daseins, dunkel, brütendschwül
Wie Einsamkeit der Mitternacht? – O Erde!
Wo ist das Gestern? warum gab's ein Werde?
Du bist der Todten Erbtheil, – wir sind bloß
Luftblasen – und zu Deinem tiefen Schooß
Verborgen liegt der Schlüssel in der Gruft,
Dem Ebenholzthor volkserfüllter Kluft,
Wo ich im Geiste wandeln möcht' und sehn'
Wie unsre Element' im All verwehn,
Und dunkle Wunder schaun und offenbaren
Den Urstoff großer Herzen, die einst waren.
                      *   *   *   *
                                      Aus Lord Byron's Fragment:
                                      »Could I remount the river«. 85


II. Brief der Mme. Jane *** an Fermont.

Paris, 27. December.

Mein lieber Freund!

Wenn ich Ihre dunkeln und immer dunkleren Ergüsse lese, wie sie in diesem zu Ende gehenden Jahre sich folgten, so fällt es mir unter dem vollen Eindruck immer zuerst schwer, mir zum Troste vorzustellen, daß Sie, ob noch so alt an seelischer Erfahrung und noch so starr in Ihrem Groll, doch Gott sei Dank noch jung sind an Jahren, und daß die lange Strecke, die nach menschlichem Ermessen noch vor Ihnen liegt, ja Mittel genug bergen kann, jene Wandlung und Heilung Ihres Innern herbeizuführen, an die Sie heute nicht glauben können und für die auch in mir die Hoffnung geringer sein müßte, sähe ich Sie älter.

Doch scheint ja wiederum ein Stadium bei Ihnen absolvirt seit dem ersten Brief aus Ihrem Kastell. Ein Stadium, das, so schmerzvoll sein Ergebniß ist, so schließen mußte, um zu Besserem zu führen. Und, wie von Ihrer starken ungestümen Natur Alles heftiger 86 und deßhalb auch schneller durchlebt wird, als von Andern, so sind Sie auch da in Monaten durch eine Epoche hindurch und zu ihrem letzten Punkte gelangt, für die manche Andere Jahre ihres Lebens in aufreibendem Denken verlieren müssen.

Sie haben also forschen wollen, ob Sie nicht in höherem Wissen eine Macht entdeckten: Ihnen Glück zu schaffen. Und nun haben Sie mit Verzweiflung gefunden, was Alle, die vor Ihnen so geforscht, auch fanden: die Gewißheit, daß unsrem Menschengeiste nur ein Geringes zu erkennen verliehen ist. Das aber endgültig zu wissen, macht Sie nicht glücklicher, und Sie sehen sich wieder am gleichen Punkte angelangt, von wo Sie ausgegangen. Die Schlange des Zweifelns und Grübelns beißt sich in den eigenen Schwanz, indem sich so der Kreis dieses über die Menschenbestimmung hinausgreifenden Denkens auch für Sie unerbittlich und ergebnißlos geschlossen hat.

Und nun, mein armer Freund, scheint Ihnen, es stehe weiter nichts mehr zu erforschen da im weiten Leben, was einen andern, neuen Weg zum Seelenfrieden könnte finden lassen?

Und dennoch gibt es einen, Fermont, der köstlich und untrüglich ist! Aber ach, die diesen bereits gefunden haben, können Sie nicht zu sich holen, weil er Dem allein sich dauernd öffnet, der ihn selber redlich sucht. Nur hoffen kann ich, aber hoffen wenigstens, daß Sie nach und nach, und sei es sogar gegen Ihren Willen, noch einmal nach ihm hingeleitet werden, – auf diesen einzig richtigen, den Sie so 87 lange schon für einen kindischen Irrweg halten: den Weg des Glaubens.

Sehn Sie doch her, wie so viel glücklicher ich auf ihm gestellt bin, als Sie im stolzen Verharren innerhalb der Grenzen der kalten Vernunft! Wie viel geborgener bin ich, als Sie, ob er mir gleich auch nichts von »sicherem Wissen« bietet. Dies sichere Wissen! Was denn steht einem Menschen fester, als was er, Andern freilich unbeweisbar, tief in seinem Innern als Wahrheit fühlt? Und wäre mein Weg selbst Irrthum, müßte ich nicht einen Irrthum segnen, der meinem Herzen die heilige Kraft gibt: in seinem Glücklichsein von keinem äußern Schicksal mehr abzuhängen? Müßte ich nicht einen Irrthum über alles Andere stellen, der mir die Fähigkeit des Aufschwungs zu Gott verliehen hat, der mich zur Bewunderung seiner Werke und Gesetze führte und mich die Liebe zu ihm als einem Vater und das Vertrauen auf ihn für jeden Fall meines Lebens gewinnen ließ? alle jene Dinge, die mir den innern Frieden sichern.

Ist – sagen Sie mir – Der nicht viel besser dran, der also steht, als Jener, der das Alles von sich weist und stolz und mühsam, außer Zusammenhang mit »diesem gedankenlosen bequemen Gottesglauben der Christen« und seinem Grundsatz: daß Alles, was uns geschehe, als von Gott gesandt, auch gut sei, – seine mageren Brocken mit Forschen zusammensucht, Weisheitsstäubchen, die ihm das Gleichgewicht gegen das Leben in die Seele schaffen sollen? Damit ein Jeder von diesen stolzen Geistern am Ende bekennen muß, wie Sie, 88 mein armer Freund: es war doch nichts mit meinem Weg, und ich bin immer noch und neuerdings unglücklich!

Wenn ich Ihnen nun auch alles Das hier zeige, was mich beglückt, Sie auf die Fährte weisend, die mich Solches finden ließ, so werden Sie diese doch nicht ohne Weiteres gegen die Ihre eintauschen können, die Sie im Leeren haben verlaufen sehn. Denn der Weg des Glaubens läßt sich nicht aus Vernunft wieder betreten. Das weiß ich, und meine Absicht konnte darum auch niemals die einer Bekehrung sein. Ein Mensch wie Sie »entwickelt« sich, er »bekehrt« sich nicht!

Aber vielleicht wenden Sie, nachdem Sie meinen Gewinn gesehn, wenigstens Ihre Gedanken nicht mehr hartnäckig von solcher Auffassung des Lebens ab und versuchen es hie und da auch wieder einmal unter dem Gesichtspunkte des Christenthums zu prüfen. Und dann mag Sie die Zeit doch lehren, daß auch für Sie der Glaube noch sein Beglückendes haben könnte, und Sie trachten nach ihm.

Es dauert lange, mein Bruder, bis man wieder zum ersten Beten zu einem Gott gelangt, den man einmal verworfen hat! Diese Erfahrung liegt in meinem eigenen Leben.

Darum werde ich Sie begreifen, auch wenn mein heißer Wunsch noch lange auf Erfüllung warten muß und ich an dieser Grenze zweier Jahre noch nicht hoffen darf, das kommende Neue trage Sie schon sichtliche Schritte in dieser Richtung vorwärts. Wenn es auch erst in Jahren ist, es wird schon sein zu seiner Zeit! Das ist mein Glauben! 89

Ihnen das zu sagen, Sie mit der Hand dahin zu weisen, ist Alles, was ich auf Ihren letzten Brief hin thun kann. Noch mehr Worte zu schreiben, wäre für heute ohne Werth. Sie fühlen ja wohl, was in den wenigen liegt von unveränderlicher Liebe einer Schwester.

Und weiter: Gott mit Ihnen!

Jane. 90


Notiz von Georg Brandt

Bis gegen den nahenden Frühling fehlen nun von Fermont jegliche Kundgebungen seines Denkens und Fühlens. Keine Briefe sind vorhanden aus den ersten folgenden Monaten, keinerlei Aufzeichnungen. Es scheint ein Stadium gänzlicher Erstarrung bei ihm gewaltet zu haben, oder in der grabähnlichen Winterstille seines Thurms ein vages dumpfes Denken, dessen Dämmerwesen er nicht aufzuzeichnen Bedürfniß hatte. Ein völliges Aufgehen in seinem dunkeln Seelenzustande mag in jener Zeit eine natürliche Forderung seiner hartgeprüften Natur gewesen sein, und außer den zwei Personen aus dem Orte, durch die er sich besorgen ließ, was das tägliche Leben erforderte, die aber Beide für ihn völlig bedeutungslos geblieben sind, hat ihn da auch Niemand zu sehen bekommen.

Wie ein erstes Erheben des Hauptes nach langem Insichverlorensein, wie ein langsames Aufwachen aus 91 einem bleiernen Schlaf, in den ein Geist aus allzu großer Erschöpfung unfreiwillig versinken mag, finden sich gegen das Frühjahr, mit jenen ersten Tagen, wo ein neues Werden von Außen unabweisbar auch durch die Fenster des alten Kastells eindrang, zum ersten Mal wieder ein paar vereinzelte Notizen. 92


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