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Walther Siegfried: Fermont - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleFermont
authorWalther Siegfried
year1893
firstpub1893
publisherE. Albrecht & Co.
addressMünchen
titleFermont
pages284
created20180708
sendergerd.bouillon@t-online.de
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III. Aus Fermont's Papieren.

Aufzeichnungen Fermont's

9. October.

O, schlecht spielst Du Komödie mit einzelnen Figuren dieses Welttheaters, Du, allmächtiger Leiter, den sie Gott, Vorsehung, den höchsten Willen, und wie immer heißen, – schlecht fürwahr, indem Du wechselnden Geschlechtern Dein seit Jahrtausenden immer gleiches Schauspiel von Allweisheit und Allgüte aufführst! Dein altes, räthselvolles Wirrsalstück, für engbegrenzte Kreaturensinne klüglich ausgeputzt mit vielverschlungenen dunkeln Wegführungen, mit unerforschlichen Tiefsinnigkeiten, und wie gerade dienstfertiger Priester Mund das verworrene Menschenschicksal dem Betroffenen deuteln mag.

Millionen Rollen vergabst Du seit Beginn der Welt, Millionen vergibst Du noch heute, und – ihrer wie Wenige Offenbarungen Deiner Güte! Tausend davon sind gut, andere tausend leidlich gedacht, hunderttausende werden trotz lückenhafter Logik wenigstens von den Kreaturen gut gespielt; der Rest, und ihrer sind unzählige, findet sich allein aus feiger Scheu so sinnvoll ausgelegt, als es gelingen will. Dann aber bleiben ganz zuletzt noch welche übrig, die, unausgedacht von 30 Dir und lieblos einem Wesen zugetheilt, ein Zerrbild, ein erbärmlich sinnlos Zerrbild geben.

Der die zu spielen hat, quält sich mit seinem krüppelhaften Theile ab, versucht und krümmt und windet sich, bis er erkennt, was ihm geworden ist. Dann kommt Verzweiflung über ihn, und müde, in dem dunkeln Drange nach Erlösung, macht er solchem Pfuschwerk selbst ein Ende. Ich! – ich bin Träger einer solchen Rolle!

Aber hei! Du gabst sie diesmal einem Unbequemen! Einem, der nicht so schwach ist, Dir die unrühmliche Gestalt, die Dein erhabener Schöpferwille schuf, in thörichter Uebereile selber wegzuräumen, sobald sie Deinen Blicken Qual geworden ist, wie sie sich selber Qual sein muß. Ich spielte sie bis heute; ich habe auch die Kraft, sie bis zu End' zu spielen, und ich will es!

Trotz kocht in meinen Adern; Trotz und Stolz erhalten aufrecht. Und in den tiefsten Tiefen meines Innern bleibt ein Quell von dunkler Kraft, der mir's zum Schicksal macht, auch noch der Zukunft zu begegnen!

Der Menschen Städte habe ich jetzt verlassen. Des Ekels und der Schmerzen übervoll, vergrub ich mich in eine Oede.

Jetzt, ganz allein in dieser weiten Wildniß, steh' ich dir, Geschick! – was weiter? 31

 

11. October Nachts.

Der Sturmwind, der, von Norden brausend, des Herbstes letzte Wärme kältet, heult um meine Mauern. Ein passendes Gelaß für mich, wahrhaftig, dieses alte Feld-Kastell, das ich in tiefer Einsamkeit der Berge leer gefunden! Die dicken Mauern trotzten schon Jahrhunderten, die kleinen Scheibchen klirrten so wie jetzt wohl schon in ungezählten Stürmen, die in der Zeiten Lauf vom Hochgebirg herab durch dieses stumme Feld gerast sind. Wohl, daß ich Dich gefunden!

Manch einen Menschen, der sich ganz der Einsamkeit ergab, hast Du beherbergt, alter Klosterthurm, doch Keinen sicherlich vordem, wie mich. Die Andern kamen her, in Abgeschiedenheit zu beten und zu büßen; ich hause hier, zu höhnen und zu fluchen!

Burg bist Du mir und Wall zum Schutze wider Alles, was sich Menschengattung nennt, und eine Warte sollst Du werden, von der ich forsche, was scharf zu erkennen mir noch auf der Seele brennt, bevor die Spanne meiner Zeitlichkeit an's Ende kommt.

. . . . Der Wächter ruft von fern! Schon Mitternacht? . . Des Sturmes Wellen tragen mir vom Dorf den Klang herüber.

O Menschenvolk! das seine Zeit nach Wächterruf und Glockenschlägen mißt, derweil vor seiner Hütten Schwelle diese Schöpfung ihren Riesenathem zieht in unermessnen Weltminuten, und in den wilden Felsenburgen des Gebirgs der Sturm den Puls der Ewigkeiten schlägt! . . . . . 32

 

20. October.

Die Tage schleichen in der stummen Oede dieses Thurms. Das was vergangen, will mit fahlen Larven rings aus allen Ritzen grinsen und steigt mit höhnischem Triumph aus allen Büchern, die ich öffne.

Hebt Euch hinweg, Gespenster der vergangenen Leiden! Wegwischen will ich von der Tafel meines Lebens mit der eigenen Hand, was vor dem Tag gewesen, da ich diese Schwelle überschritt: der Oertlichkeiten Bilder und der Menschen Fratzen und all' das Tausendfache an Lug und Trug, das meinem Herzen widerfahren ist. Und alle Schuld und alles Lieben – ausgelöscht! Der theure Schatten selbst des Freundes – weggebannt! Erinnern zehrt; ich brauche Kraft.

Nur das Ergebniß des Gewesenen stehe hier und lebe weiter: mein Mensch von heute, der auch von der letzten Schwäche freigeworden ist: von jener unbestimmten Furcht, die aller Kreatur anhängt vor kommendem Geschehniß. Geschehniß jeder Art, das mich so lang als Macht beherrscht, es steht, seit ich zu viel gelitten, nur noch als ein Objekt vor meinem richtenden Blick. Fortan ist ihm nicht mehr Gewalt gegeben über mich; ich steh' darüber und betrachte. Und von dem Allem, was vordem geschah und abgethan ist, soll drum reine Tafel sein, ja, eine Tafel kalt und glatt, darauf sich eisig klar und nüchtern schreiben mag, was nun noch werden will! 33

 

21. Oktober.

Da lese ich die Bibel. Schön tönt sie noch immer; doch klingt sie heute an eine Seele, die keinen geschriebenen Worten mehr glaubt, die ihre eigene erlebte Geschichte besitzt und alles solchen schönen Tönens spottend, an Dem festhält, was sie in allzureichem Maaß tiefinnen selbst erfahren hat.

Wie stehn da Sprüche! Wieder und wieder lese ich – und wie so anders lese ich, als einst!

Drei insbesondere rühren meine Geister auf:

»Sei dankbar!« – steht geschrieben. – Dankbar?

»Bete an!«

und endlich: soll ich reuig sein und eingedenk der Schuld, die auf der Menschheit liegt! Oh! Dies Alles verwerfe ich, dies alles verhöhne ich! Gleich Elihu, dem Sohn Baracheel's, muß ich da rufen: »Siehe, mein Bauch ist wie der Most, der zugestopfet ist, der die neuen Fässer zerreißet. Ich muß reden, daß ich Odem hole; ich muß meine Lippen aufthun und antworten.« Betrachten will ich die Ordnung der Dinge jetzt und ferner, frei von jener Feigheit, die sie uns von Geburt auf eben durch diese tönende Bibel in die Seele pflanzen, und die nur ein Wort kennt: »Du sollst!« Ich sage heute: »Ich will!«

Betrachten will ich jedes Ding mit der Vernunft, die mir gegeben ist und nicht nach den geschriebenen Geboten. 34

»Sei dankbar Deinem Schöpfer; bete an; und fleh' in Reue Deiner Sünden um die ewige Gnade.«

»Dankbar« – hätt' ich zu sein? Wofür? Als Kreatur? Daß ich erschaffen worden bin, da ich es ja doch nicht begehrte? Daß ich zu solcher traurigen Stufe im All bestimmt bin: Staub zu sein, um einst zum Staub zurückzugehn? Nun freilich, Demuth käme mir wohl zu, bei solchem niedern Elend! Jedoch ein Funken Stolz, der höherer Art ist, als mein zeitlicher Staub, glüht tief in mir und flammt empor und sengt die falsche Demuth weg.

»Anbeten« dann. Warum anbeten? Wenn ich ein so Geringes bin im All, was darf da einem Gotte daran liegen, ob ihm ein solches winziges Wesen huldige oder nicht! Und da er mich in meiner Winzigkeit so unverhältnißmäßig leiden läßt, wieso hätte ich da anzubeten? Soll ich so thun, als ob ich in den Daseinsqualen Schöpfergüte sähe? Thäte ich das, ich müßte mich verachten über solcher Heuchelei!

Und endlich »reuig, eingedenk der Schuld, die auf der Menschheit liegt«! Wer hat die Schuld? Die Menschheit, die seit tausend tausend Jahren leidet? Ein erstes Menschenpaar soll sie auf uns geladen haben. Doch wenn's so ist: was gehen uns die Sünden an, die tausende von Jahren, eh' wir nur geboren sind, begangen wurden? Jedoch wir büßen. Und das soll ewige Gerechtigkeit bedeuten!

O Macht, die uns erschaffen, warum, wenn Du unser Loos so widersinnig gestaltet hast, beließest Du uns jenen kleinen Funken, der den Widersinn so 35 unliebsam beleuchtet, der Vernunft heißt und uns nimmer ruhen läßt in unsrem zugetheilten wirren Loos? Ein Räthsel ist mir das, wie wir, die hier auf eine flüchtige Spanne Zeit in sonst so engbegrenztem und unfreiem Zustand auf die Welt gesetzt sind, eben diesen Funken doch besitzen. Fast muß es mich bedünken, diese Gabe der Vernunft und eigener selbstständiger Gedanken, die sich in einigen Muthigsten unter Deinen Geschöpfen bis zu den furchtlos schauerlichsten Anklagen gegen die Grausamkeit und die Widersprüche in Deinen Einrichtungen erkühnen, sei nicht eine absichtliche Mitgift in unser Erdendasein. Mir ahnt: als sei sie ein bei der Menschenerschaffung nur von Dir vergessenes Ueberbleibsel einer geistigen Kraft, aus der wir Menschenwesen hervorgegangen, und in der wir, ehe wir Menschen wurden, irgendwo geheimnißverhüllt in einem ungebundenen Zustand schwammen.

Wie dem auch sei: wir haben sie! Und ist sie mir gegeben, so will ich sie auch brauchen! Wäre sie mir nicht bestimmt, warum denn ließest Du sie uns? Mag es ein Frevel sein, durch sie zur Klage gegen Dein Walten zu gelangen, mag Dir ihr scheulos kühnes Prüfen als ein neues Naschen vom verbotenen Baume der Erkenntniß gelten, – gut, so zerschmettere mich! Hier steh' ich und verachte, kraft ebendieser mir gelassenen Vernunft, so vielen Widersinn in Deiner Welt und so viel rohe Willkür Deiner Einrichtungen!

Ha! wenn ich wirklich denken könnte, der dreiste Griff in den verbotenen Baum zöge mir im nächsten Augenblick Vertreibung zu aus dieser Welt, – der 36 faden Schattenfratze jenes einstigen Eden, – ich frevelte mit Lust! So würde doch schon bald ein Ende! Die Folter kann nicht größer sein, die nachher käme, als meines Herzens traurige Erloschenheit, als meines Denkens stechendes Brennen und als das Bohren meiner doppelschneidigen Zweifel, meiner giftigen, pfeilspitzen Fragen. Was könnte mir noch Hölle sein, nachdem ich Mensch gewesen!

Der Fluch, der Adam traf: fortan den Kampf mit Allen, Tod für jedes Wesen, und Krankheit, Noth und Schmerzen für die Meisten! – wie könnte er heute grausiger lauten für Den, der nochmals einen Griff nach den verbotenen Früchten wagte? Das Aergste, was an Strafen zu vergeben ist, hast Du, indem Du dieses Loos auf unsere Väter schleudertest, Du droben, Dir selber schon vorweggenommen, und Nichts bleibt übrig, was Du von Bußen noch vermehrt auf neue Frevler häufen könntest! Denn Diese tragen schon den zehnfach tausendfach vermehrten Fluch, wie er sich durch die zehnfach tausendfach gewachsene Schuld der wechselnden Geschlechter aufeinanderthürmte. Drum dürfte Dich selbst ein Feiger heute trotzig höhnen; um wieviel ungescheuter ich, der endlich frei von Furcht! 37

 

24. October.
am Donnersaß, über dem Felsenthal der sieben
Quellen. (Fermont's Notizbuch entnommen)

Im Osten naht die Dämmerung, die Nacht entweicht.

Wie war mir leichter hier, in dieser wilden, nächtigen Welt der Felsen; so leicht in völliger Starrheit meiner Seele! In diesem fährlichen Steigen mußten die Gedanken rasten.

Nun fegt von Morgen schon ein erstes kaltes Wehen über diese höchste Zinne, die, Werk einer Urgewalt, die einst das All geschüttelt, so herrlich trotzig in die Lüfte ragt. Die Wolken, wenn sie durch dies Felsenrund in schwefligem Gebräu zur Höhe ziehn, verweilen an dem kühnen Rand, darauf ich stehe.

. . . Noch ist der Felsenkessel unter mir umflort; doch dort, zur Rechten in der Tiefe, weicht der finstre Dunstkreis, und in seltsam riesenhafter Weite gähnt die Welt herauf. In Schwarz gehüllt die Thäler, über fernen Bergen kaum geahnte Schimmer, und flüssig glänzend im gespenstisch blassen Licht des untergehenden Mondes: Seen und Flüsse, geheimnißvoll ihr zitternd Bild entfaltend auf dem Dunkel . . . .

. . . Die Gipfeleinsamkeit um mich wird grauer, heller. Von oben schießt ein zuckend fahles Leuchten in die Dämmerkühle, Orion steht zu Häupten, und ich muß hinab! . . . .

. . . Der Morgensturm wächst hurtig, braust aus allen Schlünden. Huiih! Hörst Du dort die Lawine 38 donnern? Da drüben, unter mir, dröhnt sie zu Thal. Welch' Brüllen, Krachen und Zermalmen in dem erhaben schonungslosen Sturz! Oh! auch einmal so Gott zu sein! Gott oder Teufel! Macht! nur Macht!

Zu fluchen: – und gleich dieser rollten zehn Lawinen in die Tiefe und peitschten Seen und Ströme auf!

Zornfunkelnd hinunterzublicken auf das menschliche Gezücht: – und Blitze führten stracks zur Erde und brennten seine Städte, seine Dörfer nieder!

Zu reden: – Donnerkeile schlügen drauf hinab, Pest schliche über ihre Stätten hin, vom Ekelhauch gezeugt, den hassend über sie mein Mund ausstieße, – und wenn ich stampfte, so zerkrachten die Planeten rings in Staub, das All mit ihrem Unrath füllend und die Wolken purpurn färbend vom verspritzten Blut zerstörten Lebens! Oh! so, so möcht' ich einmal Gott sein oder Teufel! . . . . Aber nur ein Mensch? Nur Kreatur? So ganz abhängig von der Macht, die uns erschaffen, wie ohne Lust: dies aufgezwungene niedere Sein zu enden, aus schnöder Ungewißheit über das, was sein wird, endeten wir dieses Sein! Und so, gebunden, abzuwarten, so zu treiben in unsres Denkens uferlosem Meer! Ein Erdenwurm – und doch begabt zu denken! . . . 39

 

24. Oktober.

»Hiob antwortete und sprach: »Ja, ich weiß fast wohl, daß also ist, daß ein Mensch nicht rechtfertig bestehen mag gegen Gott.

Hat er Lust mit ihm zu hadern, so kann er ihm auf tausend nicht eins antworten.

Er ist weise und mächtig; wem ist es je gelungen, der sich wider ihn geleget hat!

Er versetzt Berge, ehe sie es inne werden, die er in seinem Zorn umkehret.

Er beweget ein Land aus seinem Ort, daß seine Pfeiler zittern.

Er spricht zur Sonne, so gehet sie nicht auf und versiegelt die Sterne.

Er thut große Dinge, die nicht zu forschen sind, und Wunder, deren keine Zahl ist.

Siehe, wenn er geschwind hinfähret, wer will ihn wieder holen? Wer will zu ihm sagen: Was machst Du?

Er ist Gott, seinen Zorn kann Niemand stillen, unter ihm müssen sich beugen die stolzen Herren.

Wie sollte ich denn ihm antworten und Worte finden gegen ihn?

Wenn ich auch gleich Recht habe, kann ich ihm doch nicht antworten, sondern ich muß um mein Recht flehen.

Will man Macht, so ist er zu mächtig; will man Recht, wer will mein Zeuge sein?

Sage ich, daß ich gerecht bin, so verdammet er mich doch; bin ich fromm, so macht er mich doch zu Unrecht.

Das ist das Eine, das ich gesagt habe: Er bringet um Beide, den Frommen und den Gottlosen.« 40


I. Brief der Mme. Jane *** an Fermont

Paris, 22. October.

Ihr Brief liegt vor mir, lieber Freund. Ach, viel mehr Todtenschein als Brief! So ist es denn so weit gekommen, daß Sie vor dem Leben unter Menschen fliehn? Verzweifelnd schreien Sie auf diesem Punkt: »es ist genug!« und werfen den letzten Rest von Kampflust und die letzte Scheu vor einem Höchsten fort und – blasphemieren! In Einsamkeit und Menschenhaß vergraben, die Faust gen Himmel geballt, wollen Sie den Gott, der Sie und mich erschaffen, in abgeschiedener Wildniß zum »Fertigdichten Ihrer Pfuscherrolle« herausfordern? Das kalte Grab einer reichen Menschenseele – so kommen Sie mir vor!«

Daß Sie so viele Stufen durchzumachen bekommen, mein armer Bruder, bis Ihr großes Wesen zu seiner letzten Läuterung gelangt, das, das beweine ich. Sie so tief in Gram gestreckt zu sehen durch die stärkere Hand von oben, daß Sie, dessen Eigenwesen höchste Liebe ist, sich in Verwirrung allzugroßer Qual an das Leugnen aller Liebe, an die kalte Blasphemie, als an den letzten stolzen Halt einer tiefgebeugten 41 Mannesseele krallen! Es sei! So will's der Augenblick. Dem, der zu viel gelitten hat, scheint ja Blasphemie Erleichterung. Doch weiß ich Eins, das ist ewig wahr, und Sie entgehen seiner heiligen Regel nicht: der Kreis der Wandlungen einer strebenden Menschenseele ist ein begrenzter; er wiederholt sich ähnlich, seit die Welt besteht und schließt sich, wenn er seinen Ring vollendet hat. Die Stelle, wo Sie heute stehen, ist näher dem befreienden Punkte, als die Stadien, die Sie schon verlassen haben. Und da ich unerschütterlich von der Zweckmäßigkeit der Menschengeschicke überzeugt bin, so vermag ich auch den furchtbaren Augenblick, in den Sie mich durch Ihren Brief hineinziehn, vertrauend zu überwarten.

Sehen Sie, mein armer Freund, ich habe je länger ich lebe, desto deutlicher zu erkennen geglaubt, daß man in den unerklärlichsten Schicksalsgängen den Schlüssel des Räthsels, ob Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit vorwalte, immer in eben der Zweckmäßigkeit findet, mit der, oft lange nicht begriffen, dem einzelnen Individuum da gerade die Umstände zugetheilt sind, die seine größte Kraft sich entwickeln und entfalten lassen; jene Umstände, durch die von Stufe zu Stufe ein Mensch sich seinem Vollwerth naht. Und fehlt je diese Frucht nach einer abgelaufenen Lebensstrecke, und war das Leiden leere Pein, so liegt der Fehler nur am Individuum, das sich nicht ehrlich zu seinem Schicksalsgange stellte, ihm nicht entnehmen mochte, was drin lag.

Sie, Fermont, sind ein Mensch vor tausend andern; so ist auch Ihr Schicksal vor tausend andern 42 eines, und wird einst wohl auch den Abschluß finden, der ihm zugehört.

Doch, nicht wahr? – predigen ist kein Trost für den, der einstweilen noch mit frischen Qualen kämpft, und ich habe an mir selbst erlebt, wie predigendes Widerlegen nur bewirkt, daß man sich doppelt fest in seine Stimmung zu vergraben Bedürfniß fühlt und sich nur gefährlicher in seinen Gründen verstockt.

Wir leben ja; so hoffe ich auch zu erleben, was meine innere Stimme mir sagt in aller Traurigkeit.

Wenn Sie von dieser ersten Zeit erwachend, zu tasten anfangen werden, wie das Leben nun zu Ihnen steht und Sie zum Leben, so werden Sie mit Staunen fühlen, daß Sie höher stehen, als zuvor, daß sich in Ihrem Innern ein Neues kundgibt, etwas, was einem Nähergerücktsein an eben diesen Vollwerth versöhnend gleichen will. Und dies sei heute meine einzige schwache Tröstung für Sie (obschon als solche vielleicht noch zu früh, sei es wenigstens eine Abweisung der furchtbaren Blasphemien, die Sie mir geschrieben): der Seelenfrieden – und dieses ist die einzige wahre Glückseligkeit des Individuums hienieden, – richtet sich, das glauben Sie mir, seinem letzten Grunde nach immer wieder nur nach Einem: nach dem heimlichen Gefühl, wie nahe oder wie fern man seinem persönlichen Vollwerth steht. Denn diesen zu erreichen ist das Befreiendste und Beglückendste, was der Kreatur verliehen ist! Und was sein Vollwerth sei, begreift doch ein Jeder ahnend, und jeder Ernste stellt sich auch den seinigen vor. 43

Damit aber ist auch der Regulator seines Glückes schon in seiner Brust! Und da nun diese göttliche weise Einrichtung besteht, für jeden Menschen, der ehrlich gegen sich selbst sein will, so ist auch jede Ungerechtigkeit in den Lebensloosen ausgeschlossen, ja, im tiefsten Leiden kann diese einzig wahre Glückseligkeit sogar am höchsten sein!

Leben Sie weiter, lieber Freund, und die Frucht auch dieser letzten schmerzvollsten Stufe wird sich Ihnen eines Tages offenbaren.

Mehr – habe ich Ihnen heute nicht zu geben. Aber meine schwesterliche Liebe, meine hohe Achtung vor Ihrem Wesen und mein volles Verständniß für Ihren Zustand umgeben Sie in all Ihrer Einsamkeit beständig als stumme, freundliche Genossen. Ich bitte nicht, Sie möchten mir bald wieder von sich reden; ich weiß, Sie werden es immer dann thun, wenn Sie es können.

Und Gott, der alles Geschaffene liebend leitet, flehe ich an, er möge Sie gnädig führen.

Jane. 44


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