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Ferdinand Lassalle

Georg Brandes: Ferdinand Lassalle - Kapitel 4
Quellenangabe
typebiography
authorGeorg Brandes
titleFerdinand Lassalle
publisherVerlag von H. Barsdorf
printrunDritte Auflage
year1894
correctorreuters@abc.de
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created20150716
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Zweite Abtheilung.
Lassalle als Agitator.

Als Agitator trat er aus seinem Zelte hervor. Dies Wort scheint für ihn geschaffen zu sein. Agitator in großem Sinne ist Der, welcher die Gabe besitzt, die toten Massen mit dem Leben seines Geistes zu durchdringen, welcher gleichzeitig zu beseelen und zu leiten vermag. Die Kunst des Agitators besteht darin, mit einem und demselben Schlage zu elektrisiren und zu discipliniren, und hiezu gehört nicht minder überlegener Wille, als überlegener Geist. Ein Agitator muß zugleich als Redner, als Schriftsteller, als Guerillahäuptling und als Feldherr wirken, er muß auftauchen bald hie und bald da, gleichzeitig an den verschiedensten Punkten handeln, Alle zugleich in Athem und im Zügel halten. Aber zu solch einem bewußten und plötzlichen, stoßweis elektrisirenden Handeln war Lassalle von je her angelegt gewesen! Worauf kam es hier an? Auf Willen, und abermals Willen! und der Wille war sein Leben. Auf stoßweise, aber- und abermals fortgesetzte Willensäußerungen! und der Wille war sein Beruf. Sein Beruf, sage ich; denn der Wille war seine tiefste Natur. Auf den ersten Blick scheint es, als habe sich in Lassalle's Leben bis hierher nur eine geringe Spur des Eigenthümlichen, Unbewußten in der Natur gezeigt, das man Beruf nennt. Er gehört zu den Wählenden, nicht zu den Berufenen. Wir sehen einen Zufall ihm auf seinem Wege begegnen; er wählt denselben mit der ganzen Leidenschaft seiner Seele und verwandelt ihn so in eine formelle Nothwendigkeit für sich, aber als eine Naturnothwendigkeit erweist derselbe sich nicht. Weder, wenn er um der Gräfin Hatzfeldt willen zufällig Sachwalter wird und fast ein Jahrzehnt seines Lebens auf ein Fach verwendet, das nicht seine Profession wird, noch wenn er als Philolog Jahre hindurch die härtesten klassischen Nüsse knackt, ohne doch das Studium des klassischen Alterthums zu seinem endgültigen Fache zu machen, noch wenn er gelegentlich als Dichter debütirt, noch wenn er als theoretischer Jurist sich in neues und altes Recht vergräbt, – in keinem dieser Fälle fühlt man, daß er einem Berufe gehorcht: er wählt sich eine Aufgabe und führt dieselbe durch. Aber definitiv will er weder gelehrter Jurist, noch dramatischer Dichter, noch klassischer Philolog, noch praktischer Rechtsanwalt sein. Es ist daher eine tiefe und schlagende Bemerkung, welche F. A. Lange über Lassalle geäußert hat, F. A. Lange, Die Arbeiterfrage, S. 248. »daß der juristische Stoff seines Hauptwerkes zwar mit ungemeiner Geisteskraft erarbeitet, aber doch immerhin eben zum Zweck dieser Leistung erarbeitet ist«. Man kann die von einem Willen willkürlich gestellte Aufgabe, im Gegensatze zu der Aufgabe, welche ein Beruf dem Manne stellt, nicht besser charakterisiren. Aber die Sache ist, wie schon angedeutet, daß eben dieser Wille sein Beruf war. Alles Wollen Lassalle's war immer von »agitatorischer« Natur gewesen, nicht im landläufigen Sinne des Wortes, sondern wenn man dasselbe in seiner Grundbedeutung nimmt. In dem Begriff » agitare« entgegengesetzt zu » agere« (handeln), liegt das beständige Erfassen neuer Ausgangspunkte, das wiederholte, rastlose, heftig und unruhig erneute Handeln. Sein äußeres Agitiren war nur das endliche Symptom der ununterbrochenen inneren Agitation, in welcher sein Wille gelebt hatte. Es war jene innere Agitation, die sein Leben war, und die sein Tod wurde. Nur in seinem Willen hatte er voll und ganz gelebt (wie Goethe nach seinem eigenen Bekenntnisse nur in seiner geistigen Produktion); und es war dieser Wille, der als reell, d. h. als auf bedeutungsvolle große Zwecke gerichtet, ihn unüberwindlich machte; als rein formell, d. h. wenn Alles für diesen Willen in dem Einen aufging, seinen Willen zu bekommen, ward er sein Schicksal, sein Fluch und zuletzt sein Tod. Seine Stärke war der Wille, so lange derselbe, stets wachsend, die Gelüste, Versuchungen, Triebe oder Zerstreuungen zurückdrängte oder überschattete, welche um ihn emporschossen, und welche im Gemüth des Jünglings allerdings seinen Studien und Plänen Hindernisse in den Weg legen konnten; derselbe wurde sein Unglück, als er, durch Widerstand aufs höchste gereizt, bei seiner letzten Liebesaffaire damit endete, Liebe, Vernunft, Mäßigung, Wirklichkeitssinn, und alle edlen und feinen Gefühle in seinem Gemüth zu ertödten. Vorläufig errichtete er sich ein Denkmal in der rastlosen Produktivität.

1.

Die Jahre 1862-64, die beiden letzten Lebensjahre Lassalle's umfassen denjenigen ganzen Theil seiner litterarischen Produktion, welchem er seinen europäischen Ruf verdankt. Es ist, als hätte er die Lebenskraft von zehn Jahren in diese zwei zusammen gedrängt. Man erstaunt, wenn man sieht, was er in dieser kurzen Zeit geschaffen hat. Zwischen dem März 1862 und Juni 1864 hat er nicht weniger als zwanzig Schriften verfaßt, von denen drei oder vier durch ihren Umfang sowohl wie durch ihren Inhalt ganze Bücher sind, und von denen die meisten trotz ihrer Kürze und Gemeinfaßlichkeit einen Gedankenreichthum enthalten und mit einer wissenschaftlichen Schärfe geschrieben sind, die sich sehr wenigen großen Büchern nachrühmen läßt. Die Reihenfolge der betreffenden Schriften ist diese:
1862: Herr Julian Schmidt, der Litterarhistoriker. – Über Verfassungswesen. – Arbeiterprogramm. – Die Philosophie Fichte's. – Die Wissenschaft und die Arbeiter. – Kriminalproceß, zweites Heft.
1863: Die indirekte Steuer. – Macht und Recht. – Was nun? – Kriminalproceß, drittes Heft. – Offenes Antwortschreiben. – Zur Arbeiterfrage. – Arbeiterlesebuch. – Die Feste, die Presse und der Frankfurter Abgeordnetentag. – An die Arbeiter Berlin's.
1864: Herr Bastiat-Schulze von Delitzsch, oder Kapital und Arbeit. – Hochverrathsproceß. – Erwiderung auf eine Recension. – Ronsdorfer Rede. – Kriminalproceß am 27. Juni.
Außerdem hat er zu derselben Zeit Rede auf Rede gehalten, mit einer Arbeiterdeputation nach der andern konferirt, sich aus einem Dutzend politischer Processe herausgewickelt, den allgemeinen deutschen Arbeiterverein gegründet, eine höchst ausgebreitete Korrespondenz geführt, und die Verwaltungsangelegenheiten des Vereins geordnet. Er scheint gleichsam in der Ahnung seines nahe bevorstehenden Todes seine Kraft bis über das menschliche Maß gesteigert zu haben.

Die wunderliche Anklage, welche nach Lassalle's Tode wider seine ganze Thätigkeit in dieser Periode gerichtet worden ist, die Beschuldigung des Mangels an Ursprünglichkeit, beruht entweder auf Mißverständniß oder auf einer mangelhaften Kenntniß der Schriften selbst, welche man beurtheilte. Während seine Feinde, so lange er lebte, die Wahrheit der von ihm geltend gemachten historischen Thatsachen und volkswirthschaftlichen Gesetze kecklich geleugnet hatten, sind sie nach seinem Tode auf das Gegentheil verfallen und haben wiederholt »den erstaunlichen Mangel an Originalität« hervorgehoben, welcher die von ihm vorgebrachten Daten kennzeichne, deren Wahrheit fast überall anerkannt wird. Was aber die volkswirthschaftlichen Thatsachen betrifft, auf welche Lassalle in dieser Periode seines Lebens aber- und abermals zurückkommt, so ist er so weit davon entfernt, sich für ihren Entdecker auszugeben, daß er vielmehr mit Leidenschaftlichkeit hervorhebt, es seien längst von der Wissenschaft anerkannte Wahrheiten, Sätze, die seit hundert Jahren von Kompendium zu Kompendium rollen, welche die Ausgangspunkte seines Raisonnements bilden, und welche von seinen Gegnern als Erfindungen von ihm behandelt werden. Was er seinen Angreifern vorwirft, ist niemals, daß sie kein Auge für seine Entdeckungen haben, sondern die nach seiner Ansicht großartige Unwissenheit, welche sie an den Tag legen, indem sie ihn des Vorbringens neuer und unerhörter Behauptungen (über das Lohngesetz und über die indirecten Steuern z. B.) beschuldigen »Die Männer der Wissenschaft haben sich so sehr die Hälse abgeschrieen die Jahrhunderte hindurch, daß es endlich auch bis zu den Ohren der Staatsregierung gedrungen ist. Nur Ein Staatsanwalt und Ein Gerichtshof haben sich unberührt gehalten von dem allgemeinen Geräusch, die Ohren mit Wachs verstopft wie Odysseus vor dem Gesang der Sirenen, und deshalb soll ich ins Gefängniß gehen? Wie unbillig!« Indir. Steuer, S. 95. Und was die allgemeine theoretische Grundlage der Agitation betrifft, so ist diese freilich Lassalle nicht absolut eigenthümlich, wenn auch eigenthümlich von ihm bearbeitet, allein er hat sich auch hinsichtlich derselben keine ihm nicht gebührende Ehre angemaßt. Seine Grundanschauung ist die bei der radikalen Fraktion der deutschen Demokratie von 1848 herrschende. Diese Fraktion (welche man nicht mit der oppositionellen Verfassungspartei verwechseln darf) nannte sich bald socialistisch, bald kommunistisch, und das (anonyme, von Marx und Engels verfaßte) »Manifest der kommunistischen Partei« enthält kurz zusammengedrängt und in den allarmirendsten Ausdrücken die Gedanken, welche Lassalle später in der zugleich entschiedensten und urbansten Sprachweise vortrug und entwickelte. Dieser alte Socialismus von 1848 liegt hinter Lassalle's ganzer Thätigkeit, und auf ihn führt er, der so spät wie möglich – erst in seiner allerletzten Rede, – und selbst dann nur mit höchstem Widerstreben, einräumt, daß man ihn Socialist nennen könne, schon aus rein politischen Gründen seine Ideen nicht zurück. Wo er endlich in einem einzelnen Punkte, bei der Erklärung von dem Wesen und der Entstehung des Kapitals, sich an Marx lehnt und dessen Lehre nur in geringem Grade modificirt hat, spricht er Dies offen und in den wärmsten Ausdrücken aus.

Wenn daher Marx, der sich während Lassalle's ganzer Thätigkeit stumm verhielt, nach dem Tode desselben nicht ohne Bitterkeit sein Prioritätsrecht auf Lassalle's volkswirthschaftliche Theorien geltend gemacht hat, so hätte er, ohne dem Dahingeschiedenen zu viel einzuräumen, hinzufügen können, daß die Originalität desselben als Agitator nicht in dem Theoretischen, sondern in dem Praktischen, in dem Verfahren und der Form bestand und bestehen mußte. Lassalle selber hat oft geäußert: während eine theoretische Leistung um so besser sei, je vollständiger sie alle, auch die letzten und entferntesten Konsequenzen ihres Princips ziehe, sei eine praktische Agitation umgekehrt desto mächtiger, je mehr sie sich auf den einzelnen ersten Punkt koncentrire, aus dem alles Andere folge. Theoretische Originalität an den Tag zu legen, ist hier mithin keine Gelegenheit. Die Kunst der Erreichung eines praktischen Resultats besteht darin, seine Kraft auf Einen Punkt zu sammeln und weder nach rechts noch nach links zu sehen; was hier theoretisch verlangt werden kann, ist also nur, daß dieser Punkt sich auf der theoretischen Höhe befindet, so daß wirklich alle Konsequenzen sich mit der Zeit einmal daraus ableiten lassen. Offenes Antwortschreiben, S. 31. – Kapital und Arbeit, S. 174, Anmerkung. Die wahre Eigenthümlichkeit der Lassalle'schen Bewegung besteht in dem Zusammentreffen von zwei Umständen: in ihrer Wissenschaftlichkeit und ihrer Gemeinfaßlichkeit, in dem Verein der Fähigkeit, kraft ihrer Popularität auf die große Mehrzahl der Nichtgebildeten zu wirken, mit der Fähigkeit, kraft ihrer wissenschaftlichen Tiefe auf die kleine Elite der Höchstentwickelten in dem Kreise der Gebildeten zu wirken. Düsseldorfer Proceß, S. 21. – Hochverrathsproceß, S. 33 Litterarisch betrachtet, zeigt diese Originalität sich in der Klarheit, mit welcher der Agitator die schwer erworbenen Resultate der Wissenschaft für einen Zuhörerkreis ohne alle wissenschaftlichen Voraussetzungen zusammen zu drängen vermag, d. h. in der plastischen Formbestimmtheit, welche jeder seiner Aeußerungen ihr Gepräge verleiht.

2.

Die Agitation formell betrachten, heißt bei Lassalle als Redner verweilen.

Von der Natur schien er in dieser Hinsicht nicht besonders günstig ausgestattet zu sein. Seine Stimme war in der Alltagsrede hoch und kreischend, und er stotterte ein wenig. Sobald er jedoch öffentlich auftrat, verschwanden diese Mängel, und seine Stimme klang stark und schön. Durch die Schriftstellerthätigkeit war er zum Redner gebildet worden, und Das scheint die beste Schule zu sein. Allerdings war es im alten Rom eine landläufige Behauptung, daß man nur durch Reden sich Fertigkeit im Reden erwerbe; aber schon Cicero, der in Allem, was Beredsamkeit anlangt, eine unanfechtbare Autorität besitzt, greift ( De oratore I, 33) diese Ansicht aufs heftigste an. Man könnte eben so gut sagen, meint Crassus in dem Dialoge Cicero's, daß man durch Schlechtsprechen sich am leichtesten Fertigkeiten im Schlechtsprechen erwerbe. »Nein,« fährt er fort, »die Hauptsache ist, recht viel schreiben. Schreiben ist das beste und vorzüglichste Lehr- und Bildungsmittel für den angehenden Redner. Ich glaube, daß es sich so verhält, wenn es eine Rede hervorzubringen gilt, die sich hinterher mit Gewinn lesen läßt. Damit die Rede für den Augenblick Eindruck mache, dürfte kaum eine schriftstellerische Vorschule erforderlich sein. Gambetta's Reden z. B., die, nach allen Zeugnissen zu urtheilen, beim Anhören so große Wirkung üben, wirken bei der Lektüre keineswegs stark; sie sind ehrlich und bieder, enthalten aber durchaus nicht Gedanken genug, um weithin zu interessiren, sind auch nicht so geformt, daß der Ausdruck litterarische Bedeutung hat. Es ist der hohe Standpunkt, von welchem alle Fragen betrachtet werden, die Schärfe und Neuheit der Gedanken, die mächtige Grundlage von Gelehrsamkeit, welche der Zuhörer ahnt, ohne daß der Redner sie zur Schau stellt, diese Vorzüge sind es, die im Verein mit der Kraft und Kürze des Stils den besten unter Lassalle's Reden einen dauernden litterarischen Werth geben.

Die Alten (Quintilian z. B.) theilten die Beredsamkeit in die asiatische und die attische, den blühenden und den »mageren« Stil ein. Nach diesem Eintheilungsprincip müßte man Lassalle's Beredsamkeit zweifelsohne als mager und muskulös bezeichnen, während z. B. Orla Lehmann's fließende und reiche Suada zu der erstgenannten Art gerechnet werden muß. In einem einzelnen bedeutungsvollen Punkte jedoch ist Lassalle nichts weniger als attisch, nämlich in seiner Vorliebe für die superlativischen Sprachwendungen. Es ist unglaublich, mit welcher Lust er sich auf den höchsten Spitzen der Adjektiva ergeht, mit welcher Leidenschaft er stilistische Felsblöcke, wie »das Ungeheure«, »das Gräßliche«, »das Immense«, aufsucht und aufeinander thürmt. Dies eine Mal hat Metternich's goldenes Wort: » Le Superlativ est le cachet des sots« sich nicht bewährt. Aber dies grobe Geschütz bleibt nicht minder plump, wenn es auch von einem talentvollen Manne benutzt wird. Derjenige deutsche Dichter, welcher sich am eingehendsten und genialsten mit Lassalle beschäftigt hat, ließ in meiner Gegenwart die herbe Aeußerung über ihn fallen: »Er hatte ja keinen Geschmack.« Das ist zuviel gesagt; allein daß sein Geschmack höchst unsicher war, läßt sich mit Recht behaupten. Er hatte erstaunlich wenig von der französischen Litteratur gelernt, wiewohl er mit großen Partien derselben bekannt gewesen sein muß. Ich habe schon bemerkt, daß er in seinem Drama keinen Anstand nahm, Ulrich von Hutten seine Größe in wahrhaften Rodomontaden schildern zu lassen. Wo er von den Rücksichten spricht, die ihm verbieten, das Leben eines geliebten Weibes an seine unsichere, von Gefahren bedräute Existenz zu fesseln, gebraucht er Ausdrücke wie:

Wenn ich in regellosem Laufe mit dem Erdball
Zusammenschmettere, zerstört in Hundert Stücken,

und um zugleich seine Größe und sein unglückliches Geschick zu malen, sagt er:

In einem Ostseehafen schiffte ich mich ein,
Doch nicht ertragen konnte mich das Schiff,
Zusammen brach es unter mir!

Gascognaden und Geschmacklosigkeiten! Zu einem solchen Mangel an Gefühl für das Komische in der Uebertreibung. findet sich zwar nirgends ein Seitenstück in den Lassalle'schen Reden; aber hin und wieder sind doch die Bilder, durch welche er am meisten imponiren will, so inkorrekt, daß sie barock werden. In seiner ersten »Assisenrede« spricht er von »der Erinnye des gemordeten Rechtsbodens«, in seiner Rede »Die Wissenschaft und die Arbeiter« (S. 3) sagt er, »der stolzragende Baum wissenschaftlicher Erkenntniß sei von einer Zeit, der andern in heiliger Ehrfurcht überliefert worden.« Ein gemordeter Rechtsboden, ein überlieferter Baum der Erkenntniß sind ohne Frage etwas starke Effekte; aber ein meisterhaftes Gemälde verträgt schon, daß der eine oder der andere Strich verzeichnet ist.

Ich sagte, Lassalle's Stil sei mager, die Bilder sind daher spärlich und kurz. Um so bewundernswerther sind sie in der Regel, wo sie vorkommen.

Niemals ist bei Lassalle das Bild nur Schmuck oder Zierrath, es enthält stets eine logische Erklärung des wahren Wesens der betreffenden Sache, führt also die Rede logisch weiter, während es gleichzeitig dazu dient, den Gedanken zu krystallisiren und die Leidenschaft der Hörer zu entflammen. Ein Beispiel: In seiner »Assisenrede«, hatte Lassalle einen schwierigen Punkt zudecken. Er hatte zu bewaffneter Vertheidigung der gestürzten Verfassung aufgefordert, die u. a. das allgemeine Wahlrecht enthielt. Er berief sich darauf, daß die Regierung durch ihren Staatsstreich den deutlich kundgegebenen Willen des Volkes verletzt und verhöhnt habe. Nun hatte aber das Volk durch Vornahme neuer Wahlen nach dem. Drei Klassen-Wahlgesetze vom 6. December anscheinend ja selbst die oktroyirte Verfassung anerkannt, und die Regierung, berief sich hierauf.

Lassalle widerlegt diese Behauptung: »Durch welchen Trugschluß will man den Unsinn uns plausibel machen, daß, weil das Volk wählte, um ein Organ, um Vorkämpfer zu haben, die ihm geraubte Freiheit wieder erkämpfen zu helfen, daß es den Raub dadurch anerkannt habe? Ich nehme das erste, beste Beispiel, meine Herren, daß mir in die Hände fällt. Wenn mir ein Räuber im Schlummer eine kostbare Damascenerklinge von der Seite reißt und mir seine schlechte Keule dafür liegen läßt, wenn ich auffahre, die Keule ergreife, dem Räuber nachsetze, um ihn damit totzuschlagen und mein Eigenthum wieder zu erlangen, – habe ich, weil ich die Keule gebrauchte, damit anerkannt, daß sie rechtmäßig gegen jenen Damascener eingetauscht worden sei?«

Mag dies Beispiel nun wirklich als »das erste beste« zur Hand genommen oder vielmehr nach sorgsamer Erwägung gefunden worden sein, mir erscheint es als das Muster eines Vergleichs. Weit entfernt, den Gang der Darstellung auszuhalten, und sich nicht damit begnügend, das Verhältniß, von welchem die Rede ist, aufzuklären, räumt das Bild eine Schwierigkeit aus dem Wege, die sonst nur durch eine längere logisch-politische Entwicklung hätte weg erklärt werden können; es dient nicht zum Schmuck der Rede, sondern verleiht ihr Flügel.

Zuweilen ist es Lassalle gelungen, den Gedanken so in eine einzige Metapher zusammen zu drängen, daß diese wie eine Art Quintessenz seines Ideenganges von Mund zu Mund gegangen ist. So z. B. wenn er, nachdem er in seinem »Arbeiterprogramm« den Zusammenhang zwischen der Idee des Arbeiterstandes und der Idee der gegenwärtigen Epoche entwickelt hat, ausruft: »Die hohe weltgeschichtliche Ehre dieser Bestimmung (zum herrschenden Stande bestimmt zu sein) muß alle Ihre Gedanken in Anspruch nehmen. Es ziemen Ihnen nicht mehr die Laster der Unterdrückten und die müßigen Zerstreuungen der Gedankenlosen, noch selbst der harmlose Leichtsinn der Unbedeutenden. Sie sind der Fels, ans welchen die Kirche der Gegenwart gebaut werden soll

Eben so, wie er mit einem plastischen Ausdrucke die Staatsphilosophie der Manchesterschule charakterisirt: »Die Bourgeoisie faßt den sittlichen Staatszweck so auf: er bestehe ausschließend und allein darin, die persönliche Freiheit des Einzelnen und sein Eigenthum zu schützen. Dies ist eine Nachtwächteridee, meine Herren, eine Nachtwächteridee deshalb, weil sie sich den Staat selbst nur unter dem Bilde eines Nachtwächters denken kann, dessen ganze Funktion darin besteht, Raub und Einbruch zu verhüten«.

Zu Cicero's Zeit ( De oratore II, 28) formulirte man die Aufgabe des Redner so: sie sei eine dreifache; er müsse den Zuhörer belehren, ihn gewinnen, und ihn zum Handeln bewegen. Um den Zuhörer zu gewinnen, heißt es bei Cicero, muß man sich im Lichte liebenswürdiger Menschlichkeit zeigen und – so wird recht naiv hinzugefügt – »Das wird dem Redner nicht schwer fallen, wenn er ein ehrenwerther Mann ist«; er muß nur die Ansichten und Neigungen der Zuhörer erforschen. Man weiß, zu welchen Mitteln der Redner im Alterthume griff, um das Publikum für sich zu gewinnen, und mit Hilfe welcher ganz ähnlichen Kniffe, Vorführung von weinenden Kindern etc., die Geschworenen heut zu Tage gerührt werden. Lassalle verschmäht seinen Richtern gegenüber nicht allein derartige captationes benevolentiae, sondern nimmt stets eine so stolze und schroffe Haltung an, daß er nur durch die Gemütsruhe und Seelengröße, welche er dem Urtheilsspruche gegenüber an den Tag legt, Diejenigen, von denen sein Schicksal abhängt, für sich gewinnen wollen kann. Ich habe Beispiele seines Vermögens angeführt, mit Hilfe des Bildes den Gedanken zu krystallisiren, und zu belehren; hier ist ein Beispiel der einzigen Art und Weise, wie er mit Hilfe des Bildes zu gewinnen sucht: »Ein Mann, welcher, wie ich Ihnen dies erklärt habe, sein Leben dem Wahlspruche gewidmet hat: »die Wissenschaft und die Arbeiter«, dem würde auch eine Verurtheilung, die er aus seinem Wege findet, keinen anderen Eindruck machen können, als etwa das Springen einer Retorte dem in seine wissenschaftlichen Experimente vertieften Chemiker. Mit einem leisen Stirnrunzeln über den Widerstand der Materie, setzt er, so wie die Störung beseitigt ist, ruhig seine Forschungen und Arbeiten fort. – Aber um der Nation und ihrer Ehre willen, um der Wissenschaft und ihrer Würde, um des Landes und seiner gesetzlichen Freiheit, um des Andenkens willen, das die Geschichte Ihren eigenen Namen meine Herren Präsident und Räthe, bewahren wird, rufe ich Ihnen zu: Sprechen Sie mich frei!«

Wo Lassalle endlich nicht darauf ausgeht, den Zuhörer zu belehren, noch darauf, ihn zu gewinnen, sondern ihn zum Handeln zu bewegen, da ist der Ton und das Bild durchgehends kriegerisch. Die Vorliebe für Gleichnisse, die von Kampf und Krieg hergeholt sind, ist durchaus überwiegend. An einer Stelle (»Was nun?«, S. 28) schließt er: »Dann also kein Versöhnungsdusel, meine Herren! Sie haben jetzt hinreichende Erfahrungen gesammelt, um zu sehen, was der Absolutismus ist. Dann also kein neuer Kompromiß mit ihm, sondern: den Daumen aufs Auge und das Knie auf die Brust

An einer andern Stelle ruft er dem Arbeiterstande Berlin's eine Aufforderung zu, sich seinem Verein anzuschließen, die ganz im Bulletinstile gehalten ist:

»Die wichtigsten Centren Deutschlands sind gewonnen. Leipzig und die Fabrikgegenden Sachsens sind für uns. Hamburg und Frankfurt am Main marschiren unter unserer Fahne.

»Das preußische Rheinland geht bereits im vollen Sturmschritt voran.

»Mit Berlin wird die Bewegung unwiderstehlich.

»Wollt Ihr, Arbeiter Berlin's, die Verantwortung auf Euch laden, durch Eure Haltung diese große deutsche Bewegung, den Triumph Eurer gemeinsamen Sache zurückgeworfen zu haben?«

»Wollt Ihr, die Arbeiter der Hauptstadt, welche die Verpflichtung hätten, Allen voran zu marschiren, den Vorwurf aus Euch laden, die Letzten gewesen zu sein, die sich der Bewegung anschlossen?«

Ausdrücke, wie »Keulenschläge«, »Heerschau«, »Bataillone« »Eisenhand«, »eherner Griff«, »ehernes Gesetz« und ähnliche sind die bildlichen Ausdrücke, die aber- und abermals in seinen Reden wiederkehren. Von der Fortschrittspartei zu einer Versammlung ihres eigenen Arbeitervereins in Frankfurt eingeladen, gelingt es ihm in zwei auf einander folgenden Reden, die ihm ursprünglich feindlich gesinnten Zuhörer zu sich herüber zu ziehen. Er drückt Das folgendermaßen aus: »Ich schlug die Fortschrittsmänner in einer zweitägigen Schlacht, mit den Truppen, die sie mir selbst entgegenführten.« Angeklagt, eine Revolution haben machen zu wollen, definirt er die Revolution, die er nicht machen will, aber von deren Kommen er überzeugt ist, mit diesem Bilde: »Sie wird entweder eintreten in voller Gesetzlichkeit und mit allen Segnungen des Friedens, wenn man die Weisheit hat, sich zu ihrer Einführung zu entschließen bei Zeiten und von oben herab, – oder aber sie wird innerhalb irgend eines Zeitraums hereinbrechen unter allen Konvulsionen der Gewalt, mit wild wehendem Lockenhaar, erzne Sandalen an ihren Sohlen

Der Hauptgegenstand aller kriegerischen Ausbrüche Lassalle's, der, gegen welchen seine Polemik sich immer und unaufhörlich richtet, ist das Organ, der Diener und Beherrscher der modernen Bourgeoisie: die Tagesblätter. Wer seinen Stil studiren will, wo er, wie die Alten sagten, »zum Handeln aufreizt«, muß vor Allem aus seinen Kampf wider die Presse Acht geben. Derselbe zieht sich durch fast all' seine Schriften; ich citire als eine Probe des Tons und Stils von Lassalle's polemischer Beredsamkeit einige Sätze aus seiner Hauptbroschüre in dieser Richtung (»Die Feste, die Presse etc.«): »Die ganze Reihe persönlicher Koncessionen, welche die Zeitungsschreiber rein um ihres Geschäftes willen der Regierung machten, konnten sie natürlich nicht als solche eingestehen ... Blieb also Nichts übrig, als diese rein geschäftlichen Koncessionen als eben so viele neue Standpunkte des allgemeinen Geistes dem Volke vorzudemonstriren und aufzudrängen, sie als Entwicklungen und heilsame Kompromisse des Volkslebens darzustellen und so den Volksgeist selbst bis auf den Grad zu entmannen und zu verwässern, welcher für die Fortsetzung des lukrativen Zeitungsgeschäfts erforderlich war ... Wenn Jemand Geld verdienen will, so mag er Cotton fabriciren, oder Tuche, oder auf der Börse spielen. Aber daß man um schnöden Gewinnstes willen alle Brunnen des Volksgeistes vergifte und dem Volke den geistigen Tod täglich aus tausend Röhren kredenze, – es ist das höchste Verbrechen, das ich fassen kann! ... Ich nehme, die Seele voll Trauer, keinen Anstand zu sagen: wenn nicht eine totale Umwandlung unserer Presse eintritt, wenn diese Zeitungspest noch fünfzig Jahre so fortwüthet, so muß dann unser Volksgeist verderbt und zu Grunde gerichtet sein bis in seine Tiefen! Denn Ihr begreift: wenn Tausende von Zeitungsschreibern; diese heutige Lehrern des Volkes, mit hunderttausend Stimmen täglich ihre stupide Unwissenheit, ihre Gewissenlosigkeit, ihren Eunuchenhaß gegen alles Wahre und Große in Politik, Kunst und Wissenschaft dem Volke einhauchen, dem Volke, das gläubig und vertrauend nach diesem Gifte greift, weil es geistige Stärkung aus demselben zu schöpfen glaubt, nun, so muß dieser Volksgeist zu Grunde gehen, und wäre er noch dreimal so herrlich! Nicht das begabteste Volk der Welt, nicht die Griechen, hätten eine solche Presse überdauert! ... Ich habe Euch gezeigt, daß das Verderben der Presse mit Nothwendigkeit daraus hervorgegangen, daß sie unter dem Vorwand, geistige Interessen zu verfechten, durch das Annoncenwesen zu einer industriellen Geldspekulation wurde. Es handelt sich also einfach darum, diese beiden Dinge zu trennen, die ja auch Nichts mit einander zu thun haben. Insofern die Presse geistige Interessen vertritt, ist sie dem Volksschulredner oder Kanzelprediger vergleichbar; insofern sie Annoncen bringt, ist sie der öffentliche Ausrufer, der öffentliche Trompeter, der mit hunderttausend Stimmen dem Publikum anzeigt, wo eine Urkette verloren, wo der beste Tabak, wo das Hoff'sche Malzextrakt zu haben ist. Was hat der Prediger mit dem öffentlichen Trompeter zu thun, und ist es nicht eine Mißgeburt, beide Dinge mit einander zu verbinden? In einem socialdemokratischen Staate muß also ein Gesetz gegeben werden, welches jeder Zeitung verbietet, irgend eine Annonce zu bringen, und diese ausschließlich und allein den vom Staate oder von den Gemeinden publicirten Amtsblättern zuweist ... Halten Sie fest, mit glühender Seele fest an dem Losungswort, daß ich Ihnen zuschleudere: Haß und Verachtung, Tod und Untergang der heutigen Presse! Es ist Das eine kühne Losung, ausgegeben von Einem Manne gegen das tausendarmige Institut der Zeitungen, mit welchem schon Könige vergeblich kämpften! Aber so wahr Sie leidenschaftlich und gierig an meinen Lippen hangen, und so wahr meine Seele in reinster Begeisterung erzittert, indem sie in die Ihrige überströmt, so wahr durchzuckt mich die Gewißheit: der Augenblick wird kommen, wo wir den Blitz werfen, der diese Presse in ewige Nacht begräbt!«

Ich bin weit davon entfernt, das von Lassalle empfohlene Mittel gegen die Preßkorruption für wirksam oder selbst nur für durchführbar zu halten, aber die Indignation, welche in Lassalle wie ein glühendes Metall kochte, hat hier im Erstarren aus sich selbst die kräftigste oratorische Form angenommen.

Ich sagte, daß Lassalle, obschon zum Redner geboren, sich doch im Gebrauch des mündlichen Wortes durch die Uebung im Gebrauch des geschriebenen entwickelt hätte. Ihm gebrach es anscheinend an der Gabe der Improvisation, und er suchte sie niemals bei sich zu fördern, seine Reden waren sämmtlich vorher aufgeschrieben. Nichtsdestoweniger sprach er so gut, daß man eine Eingebung des Augenblicks in dem, was er sagte, zu hören vermeinte, und so frei, daß er, so bald er unterbrochen ward oder eine unvorhergesehene Interpellation beantworten mußte, das Improvisirte so in die vorbereitete Rede einzuflechten vermochte, daß nirgends eine Scheidelinie sichtbar ist. Cicero bemerkt über diese Gabe: »Wer von schriftstellerischer Uebung her sich der Redekunst zuwendet, hat den Vorzug, daß, selbst wenn er improvisirt, das Gesprochene wie das Geschriebene klingt ... Wie ein Fahrzeug, das in rascher Bewegung ist, wenn die Ruderer inne halten, doch von selbst weiter schießt, so wird auch im Strom der Rede, wo die schriftliche Aufzeichnung fehlt, das Wort denselben Schwung behalten, indem die Rede auf der Bahn des Geschriebenen weiter eilt.« Ein paar Beispiele von Lassalle's Geistesgegenwart unter solchen Verhältnissen:

In seiner Vertheidigungsrede vom 16. Januar 1863 hatte er nachgewiesen, daß alle Anklagepunkte auf Unwissenheit und Unverstand beruhten. Er rief aus: »Was kann ich für die litterarische Unbelesenheit des Staatsanwalts? für seine Unbekanntschaft mit Dem, was sich in allen Richtungen der Gegenwart bereits vollbringt und von der Wissenschaft auch bereits anerkannt und einregistrirt worden ist? Bin ich der wissenschaftliche Prügeljunge des Staatsanwalts?« Hier fiel der Staatsanwalt Lassalle in die Rede und verlangte mit größter Hitze, daß Demselben nun endlich das Wort definitiv entzogen werden solle, da diese Aeußerung »seinen Angriffen gegen den Staatsanwalt die Krone aufsetze.« Er schloß: »Ich beantrage deshalb, auf Grund des Artikels 134 des Zusatz-Gesetzes vom 3. Mai 1852, dem Angeklagten das Wort zu entziehen und ihn, wenn er jetzt noch zu antworten fortfahren sollte, aus dem Sitzungssaal zu entfernen.« (Sensation.)

Präsident. Dem Angeklagten ist nunmehr das Wort entzogen, jede weitere Aeußerung desselben also unstatthaft.

Angeklagter (lebhaft einfallend). Herr Präsident, ich muß hierüber einen Beschluß des gesammten Gerichtshofes extrahiren! Ich beantrage einen solchen, und verlange, daß mir zur Begründung dieses Antrages das Wort gegeben wird.

Staatsanwalt. Ich muß dagegen protestiren, daß der Angeklagte noch spricht, da ihm das Wort vom Präsidenten entzogen worden ist.

Angeklagter. Dies ist eine Verwechselung der Begriffe. Es ist mir das Wort au fond entzogen worden. Ich habe nun auf einen Beschluß des Hofes provocirt, und der Hof kann über eine so wichtige Sache gar nicht entscheiden, ohne mich zuvor darüber gehört zu haben.

Präsident. Der Angeklagte hat das Wort darüber, ob ihm das Wort zu entziehen sei.

Staatsanwalt. Dann bemerke ich wenigstens, daß der Angeklagte über nichts Anderes sprechen kann.

Angeklagter. Beruhigen Sie sich, ich werde bei der Stange bleiben.

Und nachdem er nun entwickelt hat, was sich im Grunde von selbst verstand, daß es unmöglich Beleidigung eines Andern sein könne, wenn man sich selbst die Bezeichnung »Prügeljunge« beilege, und daß, wenn Jemand z. B. in einer litterarischen Kontroverse zu seinem Gegner gesagt hätte: »Bin ich denn Ihr wissenschaftlicher Prügeljunge?«, dieser Gegner sicher von jedem Tribunal mit Lachen abgewiesen worden wäre, falls er eine Klage wegen beleidigter Ehre hätte anstellen wollen, fährt Lassalle ruhig und ungenirt in seiner unterbrochenen Vertheidigung fort. Die Wissenschaft und die Arbeiter, S. 43. – Kriminalproceß, zweites Heft, S. 15 ff. Die Situation ist shakespearisch. Man glaubt eine Scene zu lesen, wo Friedensrichter Schaal aus »König Heinrich IV.« Verhör hält.

Das ergötzlichste und interessanteste Beispiel jedoch, welches ich von Lassalle's Begabung für derartige Improvisationen geben kann, ist folgendes. In einer Rede, die er auf Einladung seiner Gegner in Frankfurt am Main hielt, zeigt er, daß einer der Schriftsteller, die wider ihn aufgetreten, selbst irgendwo in einem mittelmäßigen Werke genau Dasselbe gesagt hat, was er jetzt, da es von Lassalle gesagt wird, bestreitet.

Lassalle. Sie sehen, meine Herren! ein Lohn-Arbeiter ist für mich etwas sehr Ehrenwerthes, aber ein Lohn-Schreiber, – – Das ist eine ganz andere Sache! (Ordnungsruf. Großer Lärm. Aussprechen lassen! Schluß, Schluß! Nein, weiter reden!)

Präsident. Ich muß den Redner entschieden bitten, nicht Personen zu beleidigen. Diesmal hat er von einer Person gesprochen.

Lassalle. Es ist für mich eine ganz neue Erscheinung und zeigt, wohin wir gekommen sind, die Scene, die ich jetzt erlebt habe. Meine Herren, ich werde mich in der Freimüthigkeit meines Urtheils nicht irre machen lassen. (Anhaltendes Bravo.) Ueberdies bitte ich Sie, Eines zu bemerken: Ich habe hier kein Urtheil über eine Person abgegeben, sondern nur eine allgemeine Sentenz gesagt. Ich habe nicht gesagt, Herr Max Wirth ist ein Lohnschreiber, kein Mensch kann Das gehört haben. Ich berufe mich auf die Herren Stenographen ... Der Präsident hat nicht das Recht, den Sinn meiner Worte zu censiren. (Bravo aus dem Saal und von den Logen. Schluß, Schluß! Weiter sprechen!)

Präsident. Wissen Sie nicht, meine Herren, daß wir hier eine Versammlung haben, auf die halb Deutschland blickt? Lassen Sie es nicht dahin kommen, daß die Bemerkung gemacht werden muß, die Versammlung konnte nicht abgehalten werden, weil die Arbeiter nicht genug parlamentarischen Takt besaßen. Ich habe Herrn Lassalle unterbrochen, weil er das Wort »Lohnschreiber« in Verbindung mit Herrn Max Wirth gebracht hat. Kein Mensch wird daran zweifeln, obschon vielleicht der Wortlaut nicht der war. Deshalb habe ich das Recht, den Herrn Redner aufmerksam zu machen, künftig Aehnliches zu unterlassen.

Lassalle. Ich muß dem Präsidenten wiederholt bemerken, daß ihm nur die Censur über die parlamentarische Ausdrucksweise, niemals aber über den Sinn der Rede zusteht. Darauf beruht eben die ganze Freiheit der Rede, daß man etwas andeutet, ohne es mit direkten Worten zu sagen, daß man jeden beliebigen Sinn mit parlamentarisch erlaubten Ausdrücken sagt; darauf beruht die Freiheit der Rede, wie die Gewandtheit des Redners. Wie wollen Sie sonst, wenn Sie über irgend Etwas oder irgend Jemanden eine schlechte Meinung haben, wie wollen Sie diese mittheilen? (Großer Beifall aus dem Saal und den Logen.) Ich habe Ihnen also bewiesen, daß Herr Wirth in seinem Werke genau Dasselbe sagt, was ich sage. Vielleicht kommen nun in diesem Werke – denn ich habe es nicht gelesen – auch andere Stellen vor, in denen wieder das Gegentheil gesagt ist ... Sie könnten sich wundern, wieso ich, wenn ich das Buch nicht gelesen, in der Lage war, Ihnen die betreffende Stelle darin nachweisen zu können. Ich bin Ihnen daher Aufklärung darüber schuldig. In der That, als dies Buch erschien, kam es mir zur Hand. Aber als ich einige Seiten durchblättert, entdeckte ich sehr bald den gedankenlosen Zusammenstoppler und warf das Buch unwillig fort, da ich keine Zeit habe, so werthlose Zusammenstoppelungen zu lesen. Jetzt aber schickte mir ein Freund dies Buch und bezeichnete mir jene Stelle. – Ich will hier eine Bemerkung machen, da sich der Herr Präsident an meiner Ausdrucksweise gestoßen hat. Wenn ich mich ungeschminkt ausspreche, so werde ich deshalb nicht persönlich, denn ich bleibe streng bei der Sache; ich werde blos grob, und das ist ein ungeheurer Unterschied. Grob muß, kann und darf ich sein, und Das werde ich Ihnen beweisen. Grob muß jeder Vertreter einer großen Sache gegen alle Solche sein, die sich fälschend zwischen ihn und seinen großen Zweck werfen, und ich bin entschlossen, mit geistigen Keulenschlägen Jeden zu Boden zu schlagen, der sich zwischen Sie und mich fälschend drängt. In Ihrem Interesse also muß ich grob sein, und eben so kann und darf ich es sein, denn wenn Herr Max Wirth, der mir später ja antworten kann, auch eben so grob sein wollte gegen mich, so wäre dennoch ein ungeheurer Unterschied zwischen Dem, was er sagt, und Dem, was ich sage. Wenn er mich z. B. gleichfalls einen gedankenlosen Zusammenstoppler nennen wollte, wie ich ihn, so würde Das nur das ungeheure Gelächter aller Männer der Wissenschaft erregen, die mich kennen. Aber wenn ich ihn so nenne, so weiß jeder Mann von Fach, wie ungeheuer wahr Das ist, und jedes meiner Worte trifft ihn wie mit Keulenschlägen! (Großer Beifall.) Arbeiterlesebuch, S. 15, ff.

Ist nicht dieser Passus, in welchem übrigens das Wort »ungeheuer« dreimal hinter einander vorkommt, ein wahres Muster oratorischer Wucht und Geistesgegenwart? Nicht in der (an dieser Stelle äußerst dünnen) Verschleierung des persönlichen Angriffs, auf welcher nach Lassalle's hier gegebener Definition die Gewandtheit des Redners beruht, tritt die Beschaffenheit seines Talents zu Tage, sondern in der Weise, wie er gegen die Zurechtweisung Front macht. Sein Stil zeigt nicht eine einzige der Eigenthümlichkeiten, welche Schriftsteller kennzeichnen, die durch den Druck einer Regierung oder einer feindseligen Stimmung zu strenger Selbstbeherrschung genöthigt sind. Solche Schriftsteller sprechen meist zu der Einbildungskraft, welche der nackte Ausdruck hemmt, der verschleierte aber in Thätigkeit setzt. Der Leser, welcher weiß, wie sehr der Schriftsteller sich in Acht nehmen muß und wie wenig von seiner eigentlichen und tiefsten Meinung er sagen darf, liest mit Aufmerksamkeit und es bildet sich zwischen ihm und dem Autor ein heimliches Bündniß. Der Eine verhehlt, was er meint, der Andere, was er versteht. Von Dergleichen ist bei Lassalle kaum die Rede. Er sagt Alles gerade heraus, sagt Alles gerade bis zu dem Punkte, wo nach seiner Ueberzeugung die Strafe des Gesetzes für Aufreizung der Zuhörer oder für Hochverrath Anwendung finden könnte. Er appellirt mit anderen Worten nicht an die Phantasie, sondern an den Willen und die Energie.

Man hat jetzt Proben von dem Stil und Ton, aber es verlohnt der Mühe, von der ästhetischen Seite seiner Reden einen Blick auf ihre logische Struktur zu werfen. Die Rhetoren des Alterthums lehrten: was die Anordnung des Stoffes und der Beweisgründe betreffe, so sei das höchste Gesetz das, sich keine Gelegenheit, einen tiefen Eindruck zu machen, entschlüpfen zu lassen. Man kann sagen: wäre dies Gesetz nicht früher erfüllt worden, so hätte Lassalle es primitiv entdeckt, er, dessen specielle Gabe es war, mit sicherer Geistesgegenwart die Gelegenheit beim Schopfe zu fassen und sich ihrer zu bemächtigen. Die Alten sagten ferner: worauf es in einer Rede vorzüglich und vor Allem ankomme, sei, den eigentlichen Streitpunkt festzusetzen, die Thatsachen zu bestimmen und ihnen ihre rechte Bezeichnung zu geben. Auf diesem Gebiete ist Lassalle ein Meister, und seine Methode lehrreich. Die Gabe, welche hier erfordert wird, ist Wirklichkeitsgefühl, und Wirklichkeitsgefühl heißt bei dem politischen Redner politischer Blick. Der politische Blick läßt sich nach meiner Ansicht als ein Blick für den Schwerpunkt definiren. Zu erkennen, wo dieser unter den politischen Machtverhältnissen liegt, ist die erste Bedingung, um eingreifen zu können. Die politische Anlage läßt sich daher in Uebereinstimmung hiemit als das Vermögen definiren, diesen Schwerpunkt zu verändern. Die Mittel zu erkennen, durch welche der Schwerpunkt verrückt werden kann, ist also die zweite Bedingung, um politisch wirken zu können. Die dritte und letzte ist, diese Mittel in seiner Gewalt zu haben und sich auf ihren Gebrauch zu verstehen.

In genauer Uebereinstimmung mit der stilistischen Eigenthümlichkeit bei Lassalle, Alles rein herauszusagen, steht die realistische Eigenthümlichkeit bei ihm, daß er überall die nackte Thatsache hervorhebt und sie ausspricht. Das logische und reelle Fundament seiner Agitation ist beständig eine Entschleierung, ein Zunichtemachen des Scheins. Ich wähle als Beispiel eine Rede, wo er seine eigene Praxis zur politischen Theorie erhebt. Es war Lassalle seltsam mit der Verfassungsbroschüre ergangen, in welcher er hervorgehoben hatte, daß Verfassungsfragen ursprünglich immer Machtfragen seien. Inmitten des Verfassungskonfliktes 1862 veröffentlicht, hatte sie besonders im Lager der Regierung Aufsehen erweckt: der Kriegsminister desavouirte sie und sprach im selben Athemzug ihren leitenden Gedanken ans; Der Ministerpräsident Herr von Bismarck gebrauchte Wendungen, die auf ganz Dasselbe hinausliefen, was Lassalle gesagt hatte; die reaktionäre Kreuzzeitung widmete ihr einen Leitartikel und nannte sie in ihrer Sprache »die Rede eines seiner Zeit vielgenannten revolutionären Juden, der mit richtigem Instinkt den Nagel auf den Kopf getroffen«. Indem Lassalle jetzt in einer zweiten Broschüre (»Was nun?«) die Mittel in Erwägung zieht, welche die Kammer habe, um einer so fest entschlossenen und so mächtigen Regierung gegenüber ihren Willen durchzusetzen, zeigt es sich, daß das natürlichste Mittel, eine allgemeine Steuerverweigerung zu dekretiren, durchaus unwirksam sein würde. Unfehlbar, wie es in England wäre, wo die Armee von verschwindender Bedeutung ist, wo die reellen Machtmittel also auf Seiten der Nation sind, und wo man im Vertrauen hierauf auch wirklich sich weigern, und ungestraft weigern würde, die Steuern zu zahlen, bedeutet dies Mittel gar Nichts in Preußen, wo Keiner wagen würde, die Drohung zur Ausführung zu bringen. Hier würde ein solcher Kammerbeschluß also nur ein Schlag in die Luft sein. Was sei also zu thun? Lassalle findet, daß es nur Ein Mittel gebe, ein so unfehlbares wie einfaches, ein Mittel, das er so definirt: » aussprechen Das, was ist«. Dies ist das Mittel, das er selbst während seiner ganzen Agitation angewandt hat. Es ist nach seiner Auffassung das gewaltigste politische Mittel. Es war, wie Fichte konstatirt hat, ein Lieblingsmittel des ersten Napoleon. Es hat sich in unseren Tagen als eins der am häufigsten von Bismarck gewählten erwiesen. Indem Lassalle nun das Mittel an dem gegebenen Falle erprobt, zeigt er, daß die Anwendung desselben den Absolutismus unmöglich macht. Was in Preußen damals bestand, war Absolutismus als Schein-Konstitutionalismus. Weshalb in dieser heuchlerischen Form? Weil die Kontrerevolution nach 1848, überall wo sie das Willkürregiment wieder aufrichtete, es für nöthig befand, dem Zeitgeiste, d. h. der unorganisirten Volksmacht, eine Einräumung zu machen. Selbst Napoleon III. gab sich nach dem Staatsstreich eine Deputirtenkammer, selbst Oesterreich, das zuerst 1849 die Verfassung kassirt hatte, richtete aus freien Stücken die konstitutionelle Form wieder auf. Lassalle schließt hieraus, daß Preußen bei seinem kräftigen Bürgerstande konstitutionelle Formen gar nicht entbehren könne. Es handle sich also darum, falls die Regierung bei ihrem Uebermuthe beharre, sie zu zwingen, allen derartigen Formen zu entsagen, und Das, meint Lassalle, könne erreicht werden, wenn die Kammer nur »ausspräche Das, was ist«. Gesetzt also, die preußische Kammer erließe folgenden Beschluß: »In Erwägung, daß die Regierung Ausgaben, deren Genehmigung die Kammer verweigert hat, eingestandenermaßen nach wie vor fortsetzt; in Erwägung, daß es unter diesen Umständen der Vertreter des Volkes unwürdig ist, der Regierung behilflich zu sein, den Schein eines verfassungsmäßigen Zustandes aufrecht zu halten, – beschließt die Kammer, ihre Sitzungen auf unbestimmte Zeit und zwar auf so lange auszusetzen, bis die Regierung den Nachweis antritt, daß die verweigerten Ausgaben nicht länger fortgesetzt werden«, so müßte die Regierung sich entweder zum Nachgeben entschließen, oder sich auch formell vor aller Welt als Das zeigen, was sie sei: als nackter Absolutismus. Lassalle weist nach, daß sie letzteres weder kann noch will. Sie kann es nicht, denn wie Talleyrand schon gesagt hat: » On peut tout faire avec les bayonnettes excepté s'y asseoir«, zu einer soliden und dauernden Unterlage dauern die Bajonette nicht. Sie will es nicht: denn eine Regierung, die ein so großes Budget aufbringen muß, eine Regierung, die so dasteht unablässig mit der Hand in Jedermanns Tasche, muß doch wenigstens den Schein annehmen, Jedermanns Zustimmung dabei zu haben. Sie will es ferner nicht, weil sie bei jedem Konflikt mit dem Auslande sich ja den übermüthigsten und unerträglichsten Verhöhnungen von Seiten der andern Mächte aussetzen würde, wenn sie in einem offenen und permanenten Widerspruch mit ihrem eigenen Volk stände, und also ihre Schwäche vor Niemandem mehr verbergen konnte.

Wie man weiß, bediente sich die damalige »Fortschrittspartei« keineswegs des ihr so von Lassalle angewiesenen Mittels. Ob die Anwendung desselben heilsam für Deutschland gewesen wäre, ist sicher mehr als zweifelhaft. Die Frage ist hier nur, ob es wirksam gewesen wäre, und ob es im Allgemeinen wirksam sein könnte. Ich für meinen Theil bezweifle Das keinen Augenblick. Für mich ist es klar, daß dies einfache Hausmittel: auszusprechen Das, was ist, mit anderen Worten den thatsächlichen Zustand zu denunciren, die einzige Brücke ist, auf welcher das ohnmächtige Recht zur Macht gelangen kann. Die Macht stützt sich überall, wo sie nicht Geistesmacht ist, und wo Geistesmächte nichtsdestoweniger anerkannt werden, also in allen sogenannt civilisirten Ländern, nothwendig auf einen Schein oder eine Lüge, und das sicherste wenn auch langsame Mittel, die brutale Macht zu besiegen, wird daher immer die Aufklärung darüber sein, daß sie formell anerkennt, was sie reell verfolgt. Es handelt sich darum, sie an den Punkten zu unterminiren, wo sie als Geistesmacht erscheint. Hier jedoch kommt es nur darauf an. daß dies Mittel dasjenige Lassalle's war, und daß dieser Standpunkt: der Bruch mit dem Schein, die logisch reelle Grundlage all seiner Reden und seiner ganzen Agitation ist. Wie dieser Schein nun auf jedem Punkt näher zu definiren ist (der Schein, als ob das Recht, nicht die Macht herrsche; der Schein, als könnte die deutsche Bourgeoisie im Ernst demokratisch genannt werden; der Schein, als würden die indirekten Steuern hauptsächlich von den besitzenden Klassen gezahlt; der Schein, als sei die Lage gewisser Klassen im Verhältniß zu der anderer Klassen besser geworden, nur weil sie sich im Vergleich zu der Lage desselben Standes in früheren Jahrhunderten verbessert hat etc. etc.), einerlei, wie der Schein näher bestimmt werden mag, als Scheinfreiheit, Scheinfreisinnigkeit, Scheinwohlstand oder als was immer: Lassalle's polemischer und oratorischer Ausgangspunkt ist stets die Enthüllung des Scheinzustandes. Ich halte diesen Ausgangspunkt für sehr glücklich. Ich glaube, wie er, daß die Scheinfreiheit das schlimmste, tödtlichste Gift für die Freiheit ist, und das Nichts so entmannt und abstumpft wie diese, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil das Gut, das erreicht werden soll und muß, schon durch sie erreicht zu sein scheint, und weil in Folge dessen nothwendigerweise alle Die, deren Pflicht es wäre, für die Erreichung jenes Gutes zu kämpfen, sich jetzt mit gemächlicher Selbstzufriedenheit auf die faule Haut legen. Zwingt man dagegen die Scheinfreiheit, sich selbst zu enthüllen, all' ihre antiliberalen Konsequenzen zu ziehen, so ist Aussicht, Das zu erreichen, worauf es bei allen geistigen Kämpfen ankommt: die Indifferenten zu gewinnen und so Viele, wie möglich, unter dem Druck leiden zu lassen, den man selbst empfindet. Aber Das kann man nur, wenn man, wie Lassalle im Gegensätze zu der »Fortschrittspartei,« sich niemals durch die Drohungen des Gegners schrecken läßt, immer trotzt, so lange bis ihm nur die Wahl bleibt, entweder dieselben durch eine Verfolgung wahr zu machen, welche weit Mehrere aufbringt, als den Einzelnen, den sie trifft, und welche die Aureole des Scheinliberalismus um das Haupt des Verfolgers herunter reißt, oder auch nachzugeben, so ungern er sich dazu entschließt, um die Aureole ganz zu bewahren »Was nun?« und »Die Feste, die Presse etc.«, S. 11. Selbstverständlich jedoch hat dies Mittel nur Werth, wenn man Recht hat; denn wenn man für die Sache des Unrechts und der Unwahrheit das Martyrium sucht, um an das Mitleid der gedankenlosen Menge zu appelliren, wie die katholische Geistlichkeit es heutigen Tags, übrigens klug und muthig genug, in Preußen und der Schweiz thut, so werden die Aussichten auf Sieg dadurch gewiß nicht erhöht. Jede Unwahrheit hat ihre Märtyrer wie ihre Apostel. Aber das noch so freimüthige Aussprechen »Dessen, was nicht ist,« ist auf die Dauer die hoffnungsloseste Politik von der Welt.

Wir haben gesehen: Was Cicero als den entscheidenden Ausgangspunkt des Redners bezeichnet: die Thatsachen zu bestimmen und ihnen die richtige Benennung zu geben, ward als Princip von Lassalle befolgt. Dies ist die Grundlage, auf welcher er den logischen Bau seiner Rede errichtet. Diesen selbst muß man in seiner Beweisführung studiren. Ich will denselben durch ein Beispiel charakterisiren, und wähle seine Rede über »die indirekte Steuer«.

Er war angeklagt, durch Das, was er in seinem Vortrage »Arbeiterprogramm« über die indirekten Steuern gesagt hatte, nämlich daß sie vorzugsweise von den Unbemittelten gezahlt würden, die niederen Klassen zu Haß und Verachtung wider die Besitzenden aufgereizt zu haben. Er häuft jetzt 50 Seiten lang mit sicherer Beherrschung eines sehr bedeutenden wissenschaftlichen Materials die Aussprüche großer Staatsökonomen und eine Menge statistischer Data zusammen, welche die Richtigkeit seiner Behauptung, ja, die Milde seiner Ausdrucksweise bestätigen. Er weist nach, daß die Armuth einen viel größeren Umfang habe, als man allgemein annehme:

»Also 11,400 Personen im ganzen Staate mit über 2000 Thaler Einkommen, und, diese inbegriffen, 44,400 Personen im ganzen Staate mit über 1000 Thaler Einkommen. Das ist der Status der gesellschaftlichen Bilanz!

»Nicht wahr, meine Herren, Das würden Sie nie geglaubt, nie für möglich gehalten haben, wenn es hier nicht in amtlichen Publikationen vorläge?

»Es ist dieselbe lächerliche kleine Handvoll Menschen mit ihren Familien, die in allen Städten alle Theater, alle Concerte, Gesellschaften, Bälle, Kränzchen, Restaurationen und Weinstuben füllen, vermöge ihrer Ubiquität den Schein einer Wunder wie großen Anzahl erregen, nur an sich denken, nur von sich sprechen, die sich dünken die Welt zu sein, und, indem sie allein über alle Zeitungen und alle Fabrikanstalten der öffentlichen Meinung disponiren, wahrhaftig alle Andern dahin bringen, es zu glauben und sich einreden zu lassen, daß sie, diese 11,000 oder diese 44,000 die Welt sind!

»Und unter dieser winzigen Handvoll Leute, die sich allein regt, allein bewegt, allein spricht, schreibt, perorirt, nur ihre eigenen Interessen kennt und verficht, und sich so sehr einredet, Alles zu sein, daß sie sich wahrhaftig sogar noch einredet, sie sei es, welche die Steuern aufbringe, – unter dieser Handvoll Menschen windet sich in stummer, unaussprechlicher Qual, in wimmelnder Zahl das unbemittelte Volk, die siebzehn Millionen, producirt Alles, was uns das Leben verschönt, macht uns die unerläßliche Bedingung aller Gesittung, die Existenz des Staates, möglich, schlägt seine Schlachten, zahlt seine Steuern – und hat Niemand, der seiner gedächte und es vertrete! ...

»Gerechtigkeit also für diese Klasse, meine Herren, und knebeln sie nicht den Mund Derjenigen, der ohnehin so Vereinsamten, die für sie das Wort ergreifen!« Vgl. zur Bestätigung der Lassalle'schen Angabe über die geringe Zahl einigermaßen gut situirter Staatsbürger Lange's Berechnungen über die Vertheilung der Fleischwaaren (F. A. Lange, die Arbeiterfrage, S. 188, ff.). Die indirekten Steuern werden übrigens in Deutschland jetzt mehr und mehr eingeschränkt.

Nachdem Lassalle nun solchermaßen konstatirt hat, daß Alles, was er über die direkten Steuern gesagt, auf unantastbaren Thatsachen beruht, weist er nach, daß sogar die Staatsregierung, welche ihn jetzt anklage, unter dem Ministerium Manteuffel ganz Dasselbe, nur in noch stärkeren Ausdrücken gesagt habe. Das Ministerium Manteuffel suchte durch einen Gesetzesvorschlag dem Steuerdrucke, der auf den niederen Ständen lastete, abzuhelfen; aber der Vorschlag scheiterte. Die höheren Stände hetzten aus allen Kräften die öffentliche Meinung gegen das Gesetz auf, wobei Die, denen alle Mittel, die öffentliche Meinung zu fabriciren, zu Gebot standen, natürlich leichtes Spiel hatten, und als der Gesetzentwurf an die erste Kammer gelangte, ward er verworfen. Die Regierung erklärte dann mit einem schweren Seufzer, sie müsse auf die Reform verzichten, da die öffentliche Meinung noch nicht hinlänglich vorbereitet sei, sie anzunehmen. Lassalle weist ferner nach, daß der Direktor des statistischen Bureaus, der königlich preußische Geheime Regierungsrath Engel, vor wenigen Monaten in einem Vortrage genau Dasselbe, wegen dessen er angeklagt sei, gesagt habe. Er legt mit Erlaubniß des Geheimraths Engel einen Brief vor worin Dieser seine Uebereinstimmung mit ihm erklärt – »Es ist also geradezu eine Staatsdoktrin, die ich verkünde, meine Herren!« Er hebt weiter hervor, daß der Hauptgrund, der zu Gunsten der indirekten Steuern geltend gemacht zu werden Pflege, darin bestehe, daß das niedere Volk bei der direkten Steuer das Bewußtsein habe, daß es steuere, während es bei der indirekten Steuer sich einbilde, dem Krämer zu bezahlen, was es in Wahrheit dem Staate entrichte. Es sei also ein im höchsten Grade heilsames, staatsmännisches und nothwendiges Thun, dem gemeinen Manne die Verderblichkeit dieser Steuer bloszulegen. Aber, wendet man ein, nicht der Umstand, daß Dergleichen gesagt wird, sondern daß es Arbeitern, Ungebildeten gesagt wird, ist strafbar. Lassalle fragt, ob diese »Ungebildeten« denn nicht ein Faktor der gesetzgebenden Gewalt seien, und ob sie denn blind in die Wahlurne greifen sollten, ohne zu wissen, was und worüber sie entscheiden. Lassalle entbricht sich aus allen angeführten Gründen nicht, auszusprechen, daß die Frage entstehe, ob nicht selbst die gegen ihn gerichtete Anklage ein gewaltsames Vorgehen gegen die Verfassung enthalte. Was er bezweckt hat, war nur, die theoretische Grundlage für eine gesetzliche und friedliche Agitation zu Gunsten des allgemeinen und direkten Wahlrechts zu liefern; denn wenn, wie immer gesagt wird, die Lasten entsprechende Rechte zu Folge haben müssen, – »warum üben dann die ärmeren Klassen nur ein Drittel des Stimmrechts aus, während sie fünf, sechs, zehn und zwanzig Mal so viel als die Wohlhabenden steuern?«

Und hier giebt er in wenigen beredten Sätzen seinen politischen Grundgedanken:

»Von zwei Dingen Eins, meine Herren! Entweder der reine Absolutismus – oder das allgemeine Wahlrecht! Ueber diese beiden Dinge kann man bei verschiedenen Ansichten streiten, aber was zwischen ihnen liegt, ist jedenfalls unmöglich, unfolgerichtig und unlogisch.

»Der absolute Eine, durch seine Lage allen Klassengegensätzen entrückt und weit über die Gesellschaft und alle gesellschaftlichen Interessen gestellt, konnte wenigstens möglicherweise dem allgemeinen Interesse, dem Interesse der unendlichen Mehrheit sich widmen. Ob und inwieweit er es that, hing von dem Zufall persönlicher Einsicht, Begabung und Charakterrichtung ab. Er konnte es wenigstens thun, und war durch seine Stellung daran erinnert, es zu sollen. Und so war denn in der That die Devise des alten Absolutismus in seiner guten Zeit: Nicht durch das Volk, Alles für das Volk.

»Diese Zeit ist vorüber. Es ist die Zeit des Konstitutionalismus eingetreten, d. h. die Zeit, in welcher die Gesellschaft, sich für mündig haltend, selbst die Entscheidung über ihre Interessen in die Hand nehmen will. Von diesem Augenblicke an ist es eine logische Unmöglichkeit, ein handgreiflicher Widerspruch, eine brennende Ungerechtigkeit, diese Entscheidung in die Hand der Minorität, in die Hand der wohlhabenden Klassen der Gesellschaft zu legen. Diese nicht über die gesellschaftlichen Interessen hinausgestellten, vielmehr gerade in dem Kreuzfeuer dieser Interessen stehenden Klassen können gar nicht anders, als jene Gewalt der Entscheidung in ihrem gesellschaftlichen Interesse anwenden und somit das allgemeine Interesse, das Interesse der unendlichen Mehrheit der unteren Stände, ihrem Eigeninteresse aufopfern.« (»Die indirekte Steuer,« S. 50 und 110.)

Man verschmähe indeß nicht, bei dieser Gelegenheit einen Blick auf Lassalle's strategische Kunst zu werfen: er benutzt immer jeden Angriff auf frühere Aeußerungen von ihm, um seine Laufgräben noch eine Strecke weiter vorzurücken.

Es galt, die Wahrheit seiner älteren Behauptung zu beweisen, daß die indirekte Steuer vorwiegend von den Unbemittelten gezahlt werde. Er zeigt zuerst durch Citate, daß tendenzlose Nationalökonomen massenhaft hierüber einig sind, sodann, daß seine eigene Darstellung dieser Thatsache die mildesten Ausdrücke gewählt, demnächst, daß die Regierung, die ihn anklagt, Dasselbe, wie er, gesagt, endlich daß sie, so gut wie er, dem Mißstande abzuhelfen gesucht hat, aber an Vorurtheilen gescheitert ist.

Es galt besonders, die Zulässigkeit des Aussprechens solcher Sätze vor der unbemittelten Menge zu beweisen. Er zeigt, daß das Vorurtheil, an welchem die Regierung gescheitert ist, gerade das der Menge war, daß er also durch Bekämpfung desselben der Regierung in die Hände arbeite, daß er also eher die Bürgerkrone als das Gefängniß verdiene. Er, gegen den der Satz, daß die größeren Lasten die größeren Rechte bedingen, als Argument vorgebracht wurde, zeigt endlich, daß selbst dieser Gedanke zur Ertheilung des allgemeinen Stimmrechts, für das er kämpft, führen müsse.

Allen Vertheidigungsreden Lassalle's gemeinsam ist dies Anhäufen von Zeugnissen in Betreff eines einzelnen, mit der höchsten Energie festgehaltenen Streitpunktes, die anklagende Haltung, die von der Defensive rasch zum Angriff übergehende Taktik und der durchgängige Nachweis, wie schlecht die Anklageakte begründet sei. In seiner Kritik der Ankläger, Advokaten, Richter bei den früheren Instanzen behandelt er all' diese untergeordneten geistigen Größen als Schwächlinge, als zaghafte Tröpfe, und prügelt den Einen mit dem Andern. Und der anwesende Gerichtspräsident spielt dabei gewöhnlich dieselbe Rolle wie die Gerichtsdiener in »Viel Lärm um Nichts.« Hat er die Anklage auf einen Rechtsbruch reducirt, so ruft er aus, als wäre er der Richter: »Inzwischen – audiatur et altera pars!«, oder er sagt: »So ist die Anklage sinnlos, ich will sie schärfer begründen, als der Staatsanwalt es gethan hat« (»Die Wissenschaft und die Arbeiter,« S. 39 und 41), oder er fällt persönlich über den Staatsanwalt her. Schon in seiner »Assisenrede« verliest er ein besonderes Schreiben, das er seinem ersten Ankläger zugestellt hat, um Denselben aufs bestimmteste aufzufordern, in Person die Anklage gegen ihn zu vertreten, da er ihn zur Rechenschaft zu ziehen gedenke; und den Richtern gegenüber fügt Lassalle hinzu: »Sie sehen, meine Herren, ich versuchte sein Ehrgefühl mit Peitschehieben aufzustacheln, daß er mir heute Rede stehen möge. Es war vergeblich.« In seiner Rede, »Die Wissenschaft und die Arbeiter« verschafft er sich den Triumph, daß er gegen den Staatsanwalt, der ein Sohn Schelling's, des berühmten Philosophen, war, beständig die allerfreisinnigsten Aeußerungen des Vaters citirt, woraus zur Belustigung der Zuhörer ein höchst possierliches Gezänk zwischen »Schelling dem Vater« und »Schelling dem Sohne« entsteht. Mit Einem Worte, nirgends ist Lassalle so in seinem Elemente, wie auf der Anklagebank. Sie ist die Rednerbühne, die ihm seinen scharfen Witz verleiht und all' seine Gaben unter die Waffen ruft. Denn diese Gaben waren ihrer Natur nach polemisch, und erst »unter den Waffen« entfalteten sie ihre ganze Kraft.

Er saß während dieser zwei Jahre in ideellem Verstande beständig auf der Anklagebank. Angegriffen, wie er es war, von allen Seiten, mit tausend Stimmen, in tausend Blättern wurde jedes Wort, das er schrieb und sprach, Polemik. Selbst die große zusammenhängende Entwicklung seiner Ideen, welche das Buch »Kapital und Arbeit« enthält, ist unter einem wahren kriegerischen Furor, unter einer solchen Erbitterung und mit solcher Leidenschaftlichkeit gegen Schulze-Delitzsch und die Mittelmäßigkeit, welche er nach Lassalle's Meinung vertritt, abgefaßt, daß das Buch einem höhnischen und schimpfenden Pasquill gleicht. Aber deutlich genug hat diese eindringliche Lebendigkeit der polemischen Form einen Vortheil gehabt, dessen Lassalle sich sehr wohl bewußt war, und der zum Theil den unerquicklichen und polternden Ton der Darstellung, ihre Unruhe und Ungleichmäßigkeit gut macht, – den nämlich, daß, wie er selbst gesagt hat, Hunderte und Tausende dies Buch lesen werden, die kalt und theilnahmslos an einer dickleibigen systematischen Darstellung seiner Ideen vorübergegangen wären.

3.

Was waren dies für Ideen? Woher stammen sie zunächst, und wo liegt ihre Quelle? Welche Umgestaltung haben sie bei Lassalle erfahren?

Die Ideen waren die Traditionen des revolutionären Deutschlands von 1848, wie sie in dem, im Februar 1848 zu London veröffentlichten »Manifest der kommunistischen Partei« und überhaupt in den socialistischen Schriften von Marx und Engels zum Ausdruck gelangten. Ihre historische Quelle liegt in den socialen Revolutionsversuchen der Reformationszeit. – In seinem Romane »In Reih' und Glied« hat Spielhagen der Agitation Leo's die Traditionen aus der Zeit des Bauernkrieges (den Bundschuh) zum Hintergründe gegeben. Sein Held wächst Ruf mit Erzählungen von den Kämpfen jener Tage. Das ist von dem Dichter richtig, ja vortrefflich empfunden und gedacht; denn so bald gegen das Jahr 1848 socialistische Reformvorschläge in Deutschland zur Sprache kamen, erwachten gleich die Erinnerungen an die gewaltsamen Klassenkriege, zu denen die Reformation den Anstoß giebt, und die sie vergeblich zu beherrschen sucht. Ein Blick auf diese inneren Kämpfe, wie dieselben von den deutschen Revolutionären der Jahre 1848 bis 1850 aufgefaßt wurden, ist daher nöthig, um das Verhältniß der modernen socialen Revolution zu ihrer geschichtlichen Vorgängerin und ihre Stellung zu ihrem geschichtlichen Hintergründe zu erkennen.

Die Auffassung der Reformationszeit von Seiten der radikalen Partei war 1848 folgende: In jenem Zeitalter gab es drei große Lager: das konservativ-katholische Lager, die bürgerlich-gemäßigte lutherische Reform und die revolutionäre Partei (Bauern und Plebejer), deren Forderungen am schärfsten durch Thomas Münzer ausgesprochen wurden. Luther und Münzer repräsentiren nach ihrer Doktrin, wie nach ihrem Charakter und Auftreten, Jeder vollständig seine Partei. Als Luther 1517 zuerst gegen die katholische Kirche auftrat, hatte seine Opposition durchaus noch keinen bestimmten Charakter. Ohne über die Forderungen der früheren bürgerlichen Ketzerei hinaus zu gehen, schloß sie keine einzige weitergehende Richtung aus, und konnte es auch nicht. Im ersten Moment mußten alle oppositionellen Elemente vereinigt, mußte die entschiedenste revolutionäre Energie angewandt, mußte die Gesammtmasse der bisherigen Ketzerei gegenüber der katholischen Rechtgläubigkeit vertreten werden. Gerade so waren die liberalen Bourgeois noch 1847 revolutionär, nannten sich Socialisten und schwärmten für die Emancipation der Arbeiterklasse.

Die kräftige Bauernnatur Luther's machte sich in dieser Ersten Periode seines Auftretens in der ungestümsten Weise Luft: »Wenn ihr (der römischen Pfaffen) rasend Wüthen einen Fortgang haben sollte, so dünkt mich, es wäre schier kein besserer Rath und Arznei, ihm zu steuern, denn daß Könige und Fürsten mit Gewalt dazu thäten, und einmal des Spiels ein Ende machten, mit Waffen, nicht mit Worten. So wir Diebe mit Schwert, Mörder mit Strang, Ketzer mit Feuer strafen, warum greifen wir nicht vielmehr an diese schädlichen Lehrer des Verderbens, als Päpste, Kardinäle, Bischöfe und das ganze Geschwärm der römischen Sodoma mit allerlei Waffen und waschen unsre Hände in ihrem Blut?« Aber dieser erste revolutionäre Feuereifer dauerte nicht lange. Als das ganze deutsche Volk in Bewegung gerieth, als Bauern und Plebejer in seinen Aufrufen wider die Pfaffen, in seiner Predigt von der christlichen Freiheit das Signal zur Erhebung wider ihre Unterdrücker sahen, während ihre Gewalthaber nur die Macht der Hierarchie brechen und sich aus der Konfiskation des Kirchengutes bereichern wollten, und als Luther seine Wahl treffen mußte, da zauderte er, der Schützling des Kurfürsten von Sachsen, der von seinen Schmeichlern umgebene angesehene Lehrer, keinen Augenblick: er ließ die populären Elemente der Bewegung fallen und schloß sich der bürgerlichen, adligen und fürstlichen Suite an. Die Aufrufe zum Vertilgungskampfe gegen Rom verstummten, und er predigte jetzt, wie die preußische Nationalversammlung 1848 dem Staatsstreiche gegenüber, die friedliche Entwicklung und den passiven Widerstand.

Auf Hutten's Einladung, zu ihm und Sickingen auf die Ebernburg, den Mittelpunkt der Adelsverschwörung gegen Pfaffen und Fürsten, zu kommen, antwortete Luther: »Ich möchte nicht, daß man das Evangelium mit Gewalt und Blutvergießen verfechte. Durch das Wort ist die Welt überwunden worden, durch das Wort ist die Kirche erhalten, durch das Wort wird sie auch wieder in den Stand kommen, und der Antichrist, wie er Seines ohne Gewalt bekommen, wird ohne Gewalt fallen.« Auf diese Worte läßt Lassalle in seinem »Franz von Sickingen« Hutten mit der Schwertreplik antworten. – Die Wendung, welche von hier an in Luthers Leben eintrat, das Markten und Feilschen um die beizubehaltenden oder zu reformirenden Institutionen und Dogmen, das ganze widerwärtige Diplomatisiren, Koncediren, Intriguiren und Vereinbaren, dessen Resultat die Augsburgische Konfession war, schwebte den getäuschten Radikalen 1848 als eine Art Prototyp all' der Vereinbarungsversuche und Kompromisse vor, deren Zeugen sie in dem Treiben der deutschen Nationalversammlungen gewesen waren. In dem spießbürgerlichen Charakter der officiellen Reformation sahen sie ein Analogon zu den Versuchen der bürgerlichen Parteien, zwischen Radikalismus und Restauration hin und her zu laviren.

Aber auch zu dem reaktionären Umschläge der Bourgeoisie fand man in der Reformationsgeschichte eine Parallele: Als der Bauernkrieg losbrach, und zwar in Gegenden, wo Fürsten und Adel größtentheils katholisch waren, suchte Luther eine vermittelnde Stellung einzunehmen. Er griff die Regierungen entschieden an: sie seien Schuld am Aufstand durch ihre Bedrückungen; nicht die Bauern setzten sich wider sie, sondern Gott selbst; der Aufstand sei freilich auch ungöttlich und wider das Evangelium, darum rathe er beiden Parteien, nachzugeben und sich gütlich zu vertragen. – Als aber der Aufstand, trotz dieser wohlmeinenden Vermittlungsvorschläge, sich rasch ausdehnte, sogar protestantische Gegenden ergriff und der bürgerlichen Reform schnell über den Kopf wuchs, als die entschiedenste Fraktion der Insurgenten unter Münzer in Luther's nächster Nähe, in Thüringen, ihr Hauptquartier aufschlug, – nur noch ein paar glückliche Kämpfe, und ganz Deutschland stand in Flammen, – da galt kein Besinnen mehr. Gegenüber der Revolution wurden alle alten Feindschaften vergessen, und Bürger und Fürsten, Adel und Pfaffen, Luther und Papst verbanden sich »wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern«. »Man soll sie zerschmeißen, würgen und stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund todtschlagen muß,« schrie Luther. »Darum, liebe Herren, loset hie, rettet da, steche, schlage, würge sie, wer da kann; bleibst Du darüber todt, wohl Dir, seligeren Tod kannst Du nimmermehr überkommen.« Man soll nur keine falsche Barmherzigkeit mit den Bauern haben, mit denen Gott selbst keine Barmherzigkeit habe. Nachher würden die Bauern selber Gott danken lernen, wenn sie die eine Kuh hergeben müßten, auf daß sie die andere in Frieden genießen könnten. »Lasset nur die Büchsen unter sie hausen, sie machen's sonst tausendmal ärger.« – War, frug man, ein großer Unterschied zwischen dieser Sprache und derjenigen, welche Deutschlands und Frankreichs weiland socialistische und philanthropische Bourgeois redeten, als das Proletariat nach den Märztagen seinen Antheil an den Früchten des Siegs reklamiren kam? Die Junitage in Paris, da die Arbeiter zu. Tausenden niederkartätscht wurden, lieferten den Kommentar zu diesem Texte.

Luther hatte der plebejischen Bewegung ein mächtiges Werkzeug in die Hand gegeben durch die Uebersetzung der Bibel. In der Bibel hatte er dem feudalisirten Christenthume der Zeit das Abbild des bescheidenen Christenthums der ersten Jahrhunderte entgegen gehalten, und die Bauern hatten dies Werkzeug benutzt. Jetzt kehrte Luther es gegen sie, und stellte aus der Bibel einen wahren Dithyrambus auf die von Gott eingesetzte Obrigkeit zusammen: das Fürstenthum von Gottes Gnaden, der passive Gehorsam, selbst die Leibeigenschaft wurde mit der Bibel sanktionirt. Nicht nur der Bauernaufstand, auch die ganze Auflehnung Luther's selbst gegen die geistliche und weltliche Autorität war hierin verleugnet. Hatte man nicht auf ganz ähnliche Weise 1848 die Aufständischen erschossen und sie ins Zuchthaus gesandt im Namen des Christenthums, d. h. sich auf eine Religion stützend, die in ihrem ursprünglichen Keime krasser Kommunismus war?

Luther gegenüber stand der plebejische Revolutionär Thomas Münzer, dessen Vater, als Opfer der Willkür eines Adligen, am Galgen gestorben war. Seine Gelehrsamkeit in der damaligen Theologie verschaffte ihm früh den Doktorgrad, trotzdem aber behandelte er Dogmen und Ritus der Kirche mit der größten Verachtung. Noch ehe Luther so weit zu gehen wagte, schaffte er die lateinische Sprache beim Gottesdienste gänzlich ab. Anfangs galten seine Angriffe nur der Klerisei, und wie Luther forderte er zum Einschreiten mit dem Schwerte auf, aber seine theologisch-philosophische Doktrin griff alle Hauptpunkte nicht nur des Katholicismus, sondern des Christenthums überhaupt an. Er lehrte unter mystischen Formen einen fast modernen Pantheismus, und verwarf die Bibel sowohl als ausschließliche, wie als unfehlbare Offenbarung. Die eigentliche, die lebendige Offenbarung sei die Vernunft, die zu allen Zeiten und bei allen Völkern existirt habe; der heilige Geist, von dem die Bibel spreche, sei eben die Vernunft; der Glaube sei Nichts anders, als das Lebendigwerden der Vernunft im Menschen, und daher könnten auch die Heiden den Glauben haben. Durch diesen Glauben werde der Mensch vergöttlicht und selig, der Himmel sei daher nichts Jenseitiges, das Reich Gottes sei schon hier auf Erden zu errichten. Eben so gebe es auch keinen Teufel, als die bösen Lüste und Begierden der Menschen, Christus sei ein Mensch gewesen wie wir, und sein Abendmahl ein einfaches Gedächtnißmahl. Dem entspricht sein sociales Programm: Eine Gesellschaft ohne Klassen-Unterschiede, ohne Erbrecht und ohne eine den Gesellschafts-Mitgliedern fremde Staatsgewalt.

Der Bruch Münzer's mit Luther und seiner Partei war schon lange vorhanden. Luther hatte nothgedrungen manche Kirchenreformen selbst annehmen müssen, die Münzer, ohne ihn zu fragen, angeführt hatte, und schon im Frühjahr 1524 hatte Münzer an Melanchthon geschrieben, er und Luther verstünden die Bewegung gar nicht, sondern suchten sie im biblischen Buchstabenglauben zu ersticken: »Liebe Brüder, laßt euer Warten und Zaudern, es ist Zeit, der Sommer ist vor der Thür. Wollet nicht Freundschaft halten mit den Gottlosen, sie hindern, daß das Wort nicht wirke in voller Kraft. Schmeichelt nicht euern Fürsten, sonst werdet ihr selbst mit ihnen verderben. Ihr zarten Schriftgelehrten, seid nicht unwillig, ich kann es nicht anders machen.« Luther's wiederholte Herausforderungen zu einer theologischen Disputation lehnte Münzer ab; er antwortete: wenn Luther aufrichtig sei, so solle er seinen Einfluß dahin verwenden, daß die Chikanen gegen Münzers Drucker und das Gebot der Censur aufhörten, damit der Kampf ungehindert in der Presse ausgefochten werden könne. Jetzt trat Luther öffentlich als Denunciant gegen ihn auf. In seinem »Brief an die Fürsten zu Sachsen wider den aufrührischen Geist« erklärte er Münzer für ein Werkzeug des Satans und forderte die Fürsten auf, einzuschreiten und ihn zum Lande hinaus zujagen. Vergl. Friedrich Engels: Der deutsche Bauernkrieg in der Marx'schen Revue »Neue Rheinische Zeitung«, Heft 5 u. 6, S. 21 ff.

Auf ähnliche Weise hatte in der französischen Nationalversammlung vor und während der Präsidentschaft Louis Napoleon's die sogenannte liberale Majorität ihre Vergangenheit verleugnet. Sie hatte beständig nur ein einziges Wort gegen die Minorität losgedonnert: »Socialismus!« Für socialistisch ward selbst der bürgerliche Liberalismus erklärt, für socialistisch die bürgerliche Aufklärung etc. Es war socialistisch, eine Eisenbahn zu bauen, wo schon ein Kanal vorhanden war, und es war socialistisch, sich mit dem Stocke zu vertheidigen, wenn man mit dem Degen angegriffen wurde. »Die Bourgeoisie«, sagt Marx (Der achtzehnte Brumair des Louis Bonaparte, S. 26) »hatte die richtige Einsicht, daß alle Waffen, die sie gegen den Feudalismus geschmiedet, ihre Spitze gegen sich selbst kehrten, daß alle Bildungsmittel, die sie erzeugt, gegen ihre eigene Civilisation rebellirten ... Was sie aber nicht begriff, war die Konsequenz, daß ihr eigenes parlamentarisches Regime, daß ihre politische Herrschaft überhaupt nun auch als socialistisch dem allgemeinen Verdammungsurtheil verfallen mußte ... Wenn sie in jeder Lebensregung der Gesellschaft die ›Ruhe‹ gefährdet sah, wie könnte sie an der Spitze der Gesellschaft das Regime der Unruhe, ihr eigenes Regime, das parlamentarische Regime behaupten wollen, dieses Regime, das nach dem Ausdrucke eines ihrer Redner im Kampfe und durch den Kampf lebt? Das parlamentarische Regime lebt von der Diskussion, wie soll es die Diskussion verbieten? Der Rednerkampf auf der Tribüne ruft den Kampf der Preßbengel hervor, der debattirende Klub im Parlament ergänzt sich notwendig durch debattirende Klubs in den Salons und in den Kneipen. – Wenn ihr auf dem Gipfel des Staates die Geige streicht, was könnt ihr Andres erwarten, als daß die drunten tanzen? – Indem also die Bourgeoisie was sie früher als ›liberal‹ gefeiert, jetzt als ›socialistisch‹ verketzert, gesteht sie ein, daß ihr eigenes Interesse gebiete, sie der Gefahr des Selbstregierens zu überheben, um nur die Ruhe im Lande wieder herzustellen.« – Die Anwendung der französischen Verhältnisse auf Deutschland liegt nahe, die Anwendung von Luther's Verhalten auf das Gebühren der deutschen Bourgeoisie in jener kritischen Zeit ergiebt sich nicht minder von selbst.

Man fühlte, daß man in einer Periode lebte, welche die Arbeit der Reformationszeit wieder aufnahm. In theologischer Hinsicht wurde die Reformation von Strauß fortgesetzt, in politischer und socialer Beziehung gedachte die demokratische Partei ihre unvollendeten Gedanken und Pläne wieder aufzunehmen. Aber diese Partei hatte zu Wenig von der Reformation gelernt. Sie vergaß, daß, so weit dieselbe gelungen, sie nur deshalb gelungen war, weil sie begrenzt und beschränkt geblieben in ihrem Verneinen sowohl wie in ihrer Schlußmethode, und weil sie, obschon ausgegangen von einem starken und lebendigen sittlichen Gefühl, es verstanden hatte, die politischen Leidenschaften und Mächte auf ihre Seite hinüber zu ziehen. Sie hatte in dem Zweikampf gesiegt, weil sie das politische Interesse der Mächtigen zum Sekundanten hatte. Die Revolution von 1848 war dagegen rein idealistisch und abstrakt radikal. Sie wollte auf Einen Schlag Alles verwandeln. Aus diesem Grunde blicken die »alten Socialisten« Marx und Engels auf die Bauernkriege zurück und verherrlichen sie. Lassalle wird, gleich ihnen, von diesen Kämpfen angezogen, aber er betrachtet sie mit größerer Geistesüberlegenheit und mit einem geschichtlicheren Blick. Er bemerkt, daß die Bauern, gebunden, wie sie es waren, an die Ideen des Mittelalters, den Grundbesitz, das ökonomische Princip des Mittelalters, zur Bedingung der Theilnahme an der Staatsgewalt machten, während es ihnen gar nicht einfiel, daß der Mensch lediglich als Mensch ein Recht haben könne, an der Staatsregierung Theil zu nehmen. Und im Gegensatze zu Marx und Engels verweilt Lassalle in seinen Studien mit Vorliebe bei den aristokratischen Aufständen der damaligen Zeit, bei der Adelserhebung unter Sickingen, und aus seinen Studien in dieser Hinsicht geht sein Drama »Franz von Sickingen« hervor. Auf dies für Lassalle's Psychologie so wichtige Dokument müssen wir daher noch einen Blick zurückwerfen. In der Vorrede zu demselben berührt er den Irrthum, als sei das reformatorische Bewußtsein mehr oder minder von Luther geschaffen worden. Er weist nach, daß es nicht allein vor Luther's Zeit existirte, sondern daß es auch von einer, aus der Wiedergeburt der Wissenschaften herrührenden, freien, menschlichen Begeisterung erfüllt war, die erst von Luther in das enge Bett der einseitigen theologischen-dogmatischen Richtung eingedämmt wurde, daß ferner dies vor der Reformation existirende, reformatorische Bewußtsein größer weiter, freier und humaner war, als sein eigenes Produkt, die Reformation. In einem Briefe Hutten's an den Grafen Nuenar über Luthers erstes Auftreten heißt es z. B.: »Sie fangen an, sich unter einander zu vernichten ... So weißt Du vielleicht noch nicht, daß sich neulich zu Wittenberg in Sachsen eine Partei gegen das Ansehen der Päpste erhoben hat, während eine andere den päpstlichen Ablaß vertheidigt. Von beiden Seiten wird alles Mögliche versucht und aus allen Kräften gestritten. Die Anführer beider Parteien sind Mönche, und beide schreien, heulen, klagen, so laut sie können. Neulich haben sie sogar zu schreiben angefangen. Nun werden Satzes Schlüssel und Artikel gedruckt und verbreitet. So hoffe ich, daß sie sich gegenseitig zu Grunde richten werden ( sic spero fiet, ut mutui interitus causas sibi invicem praebeant). Als mir neulich ein Bruder des Bettelordens hievon erzählte, habe ich ihm geantwortet: ›Fresset euch auf, auf daß ihr gegenseitig von einander aufgefressen werdet‹ ( consumite, ut consumamini invicem). Denn ich wünsche, daß sich unsere Feinde auf das Aeußerste unter einander zerfleischen und aufreiben.«

Es ist also nicht die theologische, sondern die ethische und politische Reform, welche die beiden Helden des Lassalleschen Stückes, Hutten und Sickingen, repräsentiren, und auf daß das Stück in jeglicher Hinsicht ein Vorbild für das spätere Schicksal des Dichters sei, endet Ulrich damit, sich den Führern der Bauernerhebung anzuschließen und Franz zu überreden, sich an die Spitze der aufrührerischen Bauern zu stellen.

4.

Der Vortrag über Verfassungswesen, den Lassalle in Berlin gehalten, hatte die Aufmerksamkeit der Arbeiter auf ihn hingelenkt. Noch mehr wurde ihre Aufmerksamkeit durch den Vortrag über den Zusammenhang der gegenwärtigen Geschichtsperiode mit der Idee des Arbeiterstandes erweckt, den er am 12. April 1862 im Berliner Handwerker-Verein in der Oranienburger Vorstadt hielt. So kam es, daß, als zu Anfang 1863 ein Central-Komitee zusammentrat, um einen allgemeinen deutschen Arbeiterkongreß nach Leipzig zu berufen, die von der Fortschrittspartei stark umworbenen, aber unschlüssigen Führer sich an Lassalle mit der Aufforderung wandten, ihnen seine Ansichten über die Bahn auszusprechen, welche die Arbeiterbewegung am füglichsten und vortheilhaftesten einzuschlagen habe.

Lassalle schickte dem Komitee ein »Offenes Antwortschreiben«, in welchem er mit großer Klarheit und Schärfe sein, dem Schulze-Delitzsch'schen direkt entgegengesetztes Programm darlegte; sein Wort machte einen starken Eindruck, und kurz darauf war der allgemeine deutsche Arbeiter-Verein gegründet.

Es würde Zeitverschwendung sein, Lassalle's volkswirthschaftliche Grundgedanken in der chronologischen Ordnung zu entwickeln, in der sie von ihm in Agitationsreden und Proceßverhandlungen dargelegt wurden. Ich gebe hier eine zusammengedrängte Uebersicht derselben, wie sie in all' seinen Schriften zerstreut vorkommen.

Als echter Hegelianer sieht Lassalle den zurückgelegten Theil der Weltgeschichte in drei Epochen getheilt, von welchen die beiden ersten Gegensätze bilden, während die letzte die bleibenden Elemente beider vereint. Er geht davon aus, daß alle geschichtliche Entwicklung von einer Gemeinschaft ausgegangen sei, und daß ohne eine solche gar keine Kultur hätte entstehen können. Die gesammte alte Welt und das ganze Mittelalter suchten die menschliche Solidarität oder Gemeinsamkeit in Gebundenheit oder Unterwerfung. Die französische Revolution von 1789 und die von ihr beherrschte Geschichtsperiode suchten die Freiheit in der Auslösung aller Solidarität und Gemeinsamkeit, obschon Freiheit ohne Gemeinsamkeit Willkür ist. Die neue Zeit endlich, die nach seiner Ansicht von 1848 datirt, sucht die Solidarität in der Freiheit. Beiläufig bemerkt, ist es interessant zu beobachten, wie wenig ein philosophirender Historiker der Hegel'schen Schule sich abschrecken läßt, zu Gunsten zweier einander ergänzenden Kategorien die Weltgeschichte in drei gleich bedeutungsvolle geschichtliche Zeiträume einzutheilen, von denen der eine fünf- bis sechstausend Jahre, der zweite kaum sechzig währt. Es scheint einfacher und natürlicher, in der Entwicklung nach 1848 eine einfache Fortsetzung der 1789 begonnenen zu sehen, als, zu Gunsten der Hegel'schen Trilogie und des Umschlags des Begriffes, der zweiten Weltperiode einen so kurzathmigen Verlauf zu gewähren.

Lassalle hat darum nicht minder Recht, von der menschlichen Solidarität als von einem Faktum auszugehen. Er kommt zu dem Schlusse, daß sie sich wohl verkennen, aber nicht aufheben lasse, und daß sie, wenn die Gesellschaftseinrichtungen sie nicht anerkennen und regeln, gleichwohl fortexistire, nur daß sie dann als rohe Naturmacht erscheine und mit dem auf sich selbst angewiesenen Einzelnen Ball spiele. Die gesellschaftlichen Zusammenhänge (die Konjunkturen) schleudern dann dem Einen Reichthum zu, stürzen den Andern in Armuth, und treiben mit dein Fleiß und der Arbeit des Einzelnen ihr Spiel. Er betont daher, daß Diejenigen, welche diesen Zufall zu beschränken und zu beseitigen suchen, weit entfernt davon, die Freiheit und Verantwortlichkeit des Einzelnen aufheben zu wollen, vielmehr dieser Freiheit erst Raum und Boden schaffen wollen, sich vernünftig zu bethätigen. Das Hauptunglück ist nun nach seiner Ansicht, daß, während die günstigen Konjunkturen in der Regel nur einen äußerst geringen und vorübergehenden Einfluß auf die Lage des Arbeiterstandes haben, die ungünstigen Konjunkturen dagegen mit zermalmender Wucht auf den Unbemittelten zurückfallen. Unmittelbare Verminderung des Lohnes, Reduktion seiner Beschäftigung, gänzliche Arbeitsstockung sind die Schläge, welche die ungünstige Konjunktur und die durch die geringe Konkurrenz der Spekulanten herbeigeführte Ueberproduktion auf den Rücken der Arbeiter fallen läßt.

Die in Frankreich von Bastiat, in Deutschland von einem der Führer der Fortschrittspartei Schultze-Delitzsch repräsentirte volkswirthschaftliche Richtung hatte den gegenseitigen Austausch der Erzeugnisse als das ganze Geheimnis der Volkswirthschaft betrachtet. Hiergegen macht Lassalle nachdrücklich geltend, daß die menschliche Gesellschaft und die menschliche Arbeit in unseren Tagen nicht darin bestehe, daß die Menschen neben einander hinleben und nur ihre individuellen Arbeitsprodukte umtauschen, sondern daß die Produktion eine gemeinschaftlich kooperative sei – durch die streng in einander eingreifende Thätigkeit Mehrerer geschehe, während die Distribution (die Vertheilung der erzeugten Produkte) nicht gemeinschaftlich, sondern individuell sei: d. h. das Produkt geht nicht nur als Gegenstand, sondern auch als Werth dazu über, das individuelle Eigenthum des Unternehmers zu sein. Es ist also der Unternehmer, welcher sich die Arbeit persönlich einträglich macht, indem er sämtliche Arbeiter, die im Verein das Produkt zu Stande gebracht haben, nach dem Lohngesetze abfindet, das sich unter diesen Umständen entwickeln muß, nämlich nach demjenigen, das in den Werken von Marx und in der Agitation Lassalle's eine so entscheidende Rolle spielt, nach der von Lassalle's Alltagsgegnern schlankweg geleugneten, aber von den meisten hervorragenden Nationalökonomen zugestandenen Ricardo'schen Regel, daß der Lohn durchschnittlich auf den Betrag beschränkt sein wird, der nach den Lebensgewohnheiten des betreffenden Volkes absolut nothwendig dazu ist, die Existenz zu fristen und das Geschlecht fortzupflanzen. Um diesem Punkt wird der wirkliche Tagelohn in Pendelschwingungen gravitiren, ohne sich lange darüber erheben oder darunter hinabsinken zu können. Es ist also die in unseren Tagen bestehende durchgängige Gemeinsamkeit in der Produktion im Verein mit jenem äußersten Individualismus in der Vertheidigung, was nach Lassalle's Auffassung den tiefen Widerspruch in der heutigen Gesellschaft bildet.

Die patriarchalische Tausch-Oekonomie hatte das Verhältniß so geschildert, als ob Jeder zunächst producire, was er für den eigenen Bedarf gebraucht, und dann idyllisch nur den Ueberschuß dieser Produkte, die er nicht mehr für sich gebraucht, gegen die Erzeugnisse Anderer umtausche. Lassalle fragt spöttisch, ob die Trauermodenmagazine etwa zunächst für die Todesfälle in der eigenen Familie arbeiten, und dann, wenn diese zu spärlich ausfallen, die übrig bleibenden Trauerstoffe gegen andere Stoffe umtauschen?

Dieselbe nicht ganz tendenzlose ökonomische Richtung hatte die Lehre in Umlauf gesetzt, das Zurücklegen sei die einzige Quelle der Kapitalbildung; Lassalle weist nach, wie unverständig die Annahme sei, daß etwas rein Negatives, das Sparen, das Nichtverzehren, die Quelle der volkswirthschaftlichen Kapitalbildung sein könnte. Welche Arbeitsprodukte, fragt er, können denn überhaupt »verzehrt« und also nicht gespart werden? Getreide, Fleisch, Wein und ähnliche Konsumtibilien. Und diese Dinge, welche verzehrt werden können, müssen sogar meistens mehr oder weniger bald verzehrt werden, weil sie in der Regel ein sehr langes »Gespartwerden« nicht vertragen. Wirft man nun aber einen Blick auf jene anderen Arbeitsprodukte, in welchen wirklich der hauptsächliche Kapitalreichthum der heutigen Gesellschaft besteht, also z. B. auf die Dampfmaschinen, die Bodenameliorationen, die Häuser, die Rohmaterialien aller Art, wie Eisenstangen, Erz- und Kupferklumpen, Ziegeln, Steinblöcke etc., ließen sich diese wieder »verzehren« und also »nicht sparen«? und ist es vernünftig, die Kapitalisten so eifrig für das Verdienst zu bekränzen, daß sie alle diese Dampfmaschinen, all diesen Guano, all' diese Erzklumpen und Steinblöcke nicht aufgefressen haben? Oder will man hervorheben, daß sie sie nicht verkauft haben? Aber für Den, welcher nationalökonomische Vorträge und nicht einen privathwirtschaftlichen Kursus schreibt, ist es selbstverständlich von gar keinem Belang, ob diese Dinge Peter oder Paul gehören. Nur ein Mißverstehen der Adam Smith'schen, hundert Jahre alten Definition des Kapitals als »aufgehäufter Arbeit« hat zu der Ersparungs-Theorie geführt.

Statt der unwissenschaftlichen Versuche, das Kapital als eine ewige Naturnothwendigkeit darzustellen, untersucht nun Lassalle, wie Kapitalien in Wirklichkeit geschichtlich entstanden sind.

In der alten Zeit konnte Der, welcher hundert Sklaven besaß, recht wohl das Produkt der Arbeit von sechzig Sklaven verzehren, und das der Arbeit von den übrigen vierzig aufhäufen. Nichts desto weniger war es kein »Sparen«. Im Mittelalter konnte der Herr auf dieselbe Art die Arbeit seiner Leibeigenen aufhäufen. Es war ebenfalls kein »Sparen«. Dann kam die Revolution von 1789, und die Arbeit ward rechtlich für frei erklärt. Aber man kann, wie bekannt, keine Arbeit ohne Geräthschaften und ohne Mittel zur Selbsterhaltung während der Arbeit, d. h. ohne vorhergethane Arbeit, ohne Kapital, beginnen, und die Folge davon ist, daß der Arbeiter nach wie vor dem »Herrn« seinen Arbeitsüberschuß, den über seinen nothwendigen Unterhalt hinausgehenden Arbeitsertrag, abliefern muß. Die vorgethane, die todte Arbeit, das Kapital, erdrückt in jeder Gesellschaft, die, wie die heutige, unter dem Gesetze der freien Konkurrenz und der Selbsthilfe producirt, die lebendige Arbeit. »Man hat uns vorgeworfen, wir wollten das persönlich erworbene, selbsterarbeitete Eigenthum abschaffen, das Eigenthum, welches die Grundlage aller persönlichen Freiheit, Thätigkeit und Selbständigkeit bilde. Sprecht ihr von dem kleinbürgerlichen, kleinbäuerlichen Eigenthum, welches dem bürgerlichen Eigenthum vorherging? Wir brauchen es nicht abzuschaffen, die Entwickelung der Industrie hat es abgeschafft und schafft es täglich ab. Und schafft etwa die Lohnarbeit, die Arbeit des Proletariers ihm Eigenthum? Keineswegs. Sie schafft das Kapital d. h. das Eigenthum, welches die Lohnarbeit ausbeutet ... Unter Freiheit versteht man innerhalb der jetzigen bürgerlichen Produktionsverhältnisse den freien Handel, den freien Kauf und Verkauf. Fällt aber der Schacher, so fällt auch der freie Schacher. Ihr entsetzt Euch darüber, daß wir das Privateigenthum aufheben wollen. Aber in Eurer bestehenden Gesellschaft ist das Privateigenthum für neun Zehntel ihrer Mitglieder aufgehoben; es existirt gerade dadurch, daß es für neun Zehntel nicht existirt. Ihr werft uns also vor, daß wir ein Eigenthum aufheben wollen, welches die Eigenthumslosigkeit der ungeheuren Mehrzahl der Gesellschaft als nothwendige Bedingung voraussetzt«.
Karl Marx, Kommunisten-Manifest, 1848.
Die eigenen Produkte seiner Arbeit erwürgen den Arbeiter, seine Arbeit von gestern steht wider ihn auf, schlägt ihn zu Boden und raubt ihm seinen Arbeitsertrag von heute. Die Arbeit des wilden Indianers (seine Jagd) wirft keinen Ueberschuß ab; nur unter der Theilung der Arbeit wirft die Arbeit einen Ueberschuß ab, und die Theilung der Arbeit setzt, um möglich zu sein, immer schon wieder eine vorhergegangene Kapitaliensammlung voraus. Die getheilte oder vereinte Arbeit und die durch sie bedingte Kultur war zuerst und lange nur in der Form der Sklaverei, in der Form gewaltsamer Unterwerfung und Vereinigung möglich. Allein unsere Zeit, zu deren Aufgabe es gehört, der Sklaverei in ihren verschiedenen Formen ein Ende zu machen, muß, nach Lassalle's Ansicht, wenn sie auch diesem Verhältniß noch lange kein Ende machen kann, doch wenigstens den Anfang des Endes machen.

Haben die Kapitalien sich nun solcher Art geschichtlich nicht durch Sparen und eben so wenig durch individuelle Arbeit gebildet, so bilden sie sich heutigen Tags eben so wenig auf diese Weise. Sie bilden sich durch die gesellschaftlichen Zusammenhänge. Der Kapitalgewinn ist so weit davon entfernt, ein Lohn für Entbehrungen zu sein, daß er manch liebes Mal entsteht, ohne daß der Kapitalist einen Finger rührt oder sich den geringsten Genuß versagt, so beim Steigen der Grundstücke, der Eisenbahnaktien. – Um nicht zugeben zu müssen, daß die Arbeit allein Werthe schafft, erfand Bastiat den »Dienst« als volkswirthschaftliche Kategorie. Nach seiner Lehre liegt der Faktor und Maßstab des Werthes nicht in der zur Produktion des Gegenstandes erforderlichen und aufgewendeten Arbeit, sondern in der dem Konsumenten durch Ueberlassung des Gegenstandes »ersparten« Arbeit, in welcher Ersparung eben der »Dienst« besteht. Lassalle fragt, ob etwa eine Eisenbahndirektion als Preis ihres Fahrbillets eine Summe fordern kann, die der Mühe, dem Zeitverlust und den Unkosten entspricht, welche der Reisende gehabt haben würde, falls er die Strecke zu Fuß oder zu Wagen hätte zurücklegen müssen.

Im Gegensatze hierzu lehrt Lassalle mit Marx: Arbeit ist Thätigkeit, also Bewegung. Aber alle Quanta von Bewegung sind – Zeit. Die Auflösung aller Werthe in Arbeitsquanta und dieser in Arbeitszeit ist Ricardo's Verdienst. Aller Werth löst sich also in die zur Herstellung des Produktes erforderliche Arbeitszeit auf. Ist diese Arbeitszeit nun individuelle Arbeitszeit? Mit Rücksicht auf das arbeitende Subjekt scheint sie es zu sein; faßt man aber den hervorgebrachten Gegenstand ins Auge, so wäre sie es nur in dem Falle, wenn ich reale Nutzobjekte für meinen persönlichen Bedarf arbeitete. Schaffe ich jedoch Tauschwerthe, d. h. Gebrauchswerthe für alle Welt, so habe ich wirklich in meiner Arbeit allgemeine oder gesellschaftliche Arbeit verrichtet. Was wirklich in meinem Produkte geronnen ist, ist nicht meine individuelle Arbeitszeit, sondern allgemeine gesellschaftliche Arbeitszeit und diese bildet die Maßeinheit des im Produkte geronnenen Quantums. Die allgemeine gesellschaftliche Arbeitszeit hat aber ihr selbständiges Dasein als – Geld. Geld ist vergegenständlichte gesellschaftliche Arbeitszeit, gereinigt von jeder individuellen Bestimmtheit der besonderen Arbeit (als Arbeit in Stecknadeln, Holz, Sinnen etc.) Nur durch den Salto mortale der Waare in Geld bethätigt sich die Waare daher als Das, was sie sein soll, als »Dasein gesellschaftlicher Arbeitszeit«. Say's Satz, daß Produkte nur gegen Produkte getauscht werden können, daß das Kapital eines Landes nur in seinen Produkten bestehe, nicht in Geld, und daß Geld nicht Kapital sei, ist eine Wahrheit, welche darin besteht, daß von allen wirklichen konkreten Bestimmtheiten des ökonomischen Processes abstrahirt wird. In der Wirklichkeit tauschen sich Produkte nie gegen Produkte, sondern immer gegen Geld, und so lange diese Produkte den Salto mortale ins Geld nicht gemacht haben, sind sie nicht Kapital; sie haben nur die Möglichkeit, dazu zu werden.

Der Pulsschlag des Kapitals, der durch den bürgerlichen Produktionsproceß hindurchgeht, intermittirt, und in diesen seinen Pausen heißt er Produkt. Kommt dieser Pulsschlag wieder in Fluß, so wird wieder das Produkt aufgehoben und zu weiterer Produktion verzehrt. Die Produktion ist also ein Fluß, dessen bewegende Macht das Kapital bildet, und der im Produkte zum Stehen gebracht ist. Soll das Produkt wieder zum Kapital werden, so kann es Dies nur, indem es aus seinem Geronnensein herausgerissen und von Neuem in den Fluß der Produktion geworfen, d. h. aber als Produkt aufgehoben wird (sei es als Lebensmittel oder als Rohstoffsunterlage einer weiteren Arbeit). Es giebt nur ein einziges Produkt, in welchem dieser Pulsschlag niemals intermittirt, sondern stets in lebendiger Blutwärme vorhanden ist – nämlich das Geld. Das Geld ist darum das Kapital par excellence.

Geborgt wurde im Alterthum und im Mittelalter wie bei uns, aber zu bloßen Konsumtivzwecken, d. h. um das Darlehn zu verbrauchen. Daher kam es, daß hohe Zinsen, ja Zinsen überhaupt zu nehmen, oft als schmachvoll betrachtet wurde; man ging davon aus, daß ein zu bloßem Konsumtivzweck gemachtes Darlehn, durch welches der Borger keineswegs reicher ward, nicht den Ausleiher bereichern dürfe. Es galt mit anderen Worten für schändlich, die persönliche Noth und Verlegenheit eines Menschen zur Ausbeutung desselben benutzen zu wollen. Bei uns Modernen spielt dagegen nicht dies Darlehn, sondern das Produktiv-Darlehn die Hauptrolle, wo das ganze Bedürfniß des Borgers das Bedürfniß, reicher zu werden, ist, ein Bedürfniß, das der Ausleiher innigst mit ihm theilt; das Darlehn ist daher ökonomisch Antheil am Geschäftsertrag. Die Reichthümer und das Gold der antiken Welt waren nur der Kapital-Embryo, noch nicht das Kapital selbst. Unter dem beginnenden Welthandel des Mittelalters wird der Embryo allmählich zum Kind und Jüngling, aber erst nachdem die französische Revolution alle Fesseln der freien Konkurrenz gesprengt hat, steht das Kapital als ein reif entwickeltes Wesen da. Von jetzt an sind alle rechtlichen Bedingungen der Produktion zusammen gesunken in die eine rein thatsächliche Bedingung, den erforderlichen Vorschuß zur Produktion, das Kapital, in Händen zu haben. Während der Preis der Produkte im Mittelalter zum großen Theil von der Entschließung des Producenten abhing – er konnte z. B. auf einen standesmäßigen Gewinn halten, – wird jetzt der Preis der Produkte durch die Erzeugungskosten bestimmt. Denn unter der nivellirenden Herrschaft der freien Konkurrenz unterbietet Jeder den Andern, um dessen Absatz an sich zu reißen. Dies giebt einen realen Vortheil für den Konsumenten: die Billigkeit. Allein diese erfordert wieder eine Produktion auf größerem Fuße, also großen Vorschuß, großes Kapital. Folglich hat alles Kapital unter dieser Gesellschaftsordnung eine naturgemäße Attraktion zum großen Kapital, welches das kleine an sich zieht und aufschlingt.

Man könnte die Werthmesser des Produkts, d. h. die Quanta von Arbeitszeit, die zur Herstellung desselben erforderlich sind, das Gewissen der bürgerlichen Produktion nennen. Wird nun auch freilich dies Gewissen nothwendigerweise beständig verletzt (in den oscillirenden Pendelschwingungen der Marktpreise zwischen einem Zuviel und Zuwenig), so hat dies doch nur für den einzelnen Kapitalisten Bedeutung. Für das Kapital selbst gleichen sich jene Pendelschwingungen in das bestimmende Gesetz derselben, die Arbeitszeit, aus. Wie der Preis aller anderen Waaren, so wird auch der Preis der Arbeit (der Arbeitslohn) durch das Verhältniß von Angebot und Nachfrage bestimmt. Allein diesen Preis jeder Waare bestimmen wieder ihre nothwendigen Erzeugungskosten. Was kostet es im Durchschnitt, einen Arbeiter zu erzeugen? Die übliche Nothdurft für seinen und einer Familie Lebensunterhalt, d. h. die Erzeugungskosten der Arbeit sind eben die Erzeugungskosten des Arbeiters. Wohin kämen die Waarenverkäufer, wenn sie nicht im Stande wären, einige Wochen einer in ihrem Preise zu niedrigen Nachfrage gegenüber zurück zu halten? Der Verkäufer der Waare »Arbeit« ist hiezu nicht im Stande. Er muß losschlagen, exekutirt vom Hunger. Was die Physiognomie unserer bürgerlichen Periode specifisch bestimmt, ist das kalte, unpersönliche Verhältniß des Unternehmers um Arbeiter als zu einer Sache, einer Waare, die, wie jede andere Waare auf dem Markte, nach dem Gesetze der Produktionskosten erzeugt wird. Es zeigt sich denn auch auf diesem Wege, daß der durchschnittliche Arbeitslohn nothwendig auf den volksüblich für unerläßlich gehaltenen Lebensbedarf reducirt bleibt. Aller Ueberschuß des Arbeitsertrages über diesen nothwendigen Lebensbedarf fällt somit auf das Kapital in seinen verschiedenen Formen, – ist Kapitalprämie.

In der Unproduktivität der Arbeit liegt also das Geheimniß der Produktivität des Kapitals. In dem Unterschied der Arbeitsquanta, die im Preise der Produkte bezahlt werden, und der Arbeitslöhne liegt sowohl der auf das Kapital fallende Profit, die Kapitalprämie, als auch die sich durch sich selbst vermehrende Kraft des Kapitals oder seine Produktivität, die durch die freie Konkurrenz endlich zum Durchbruch gekommen. Der Kapitalprofit ist nicht, wie man gesagt hat, der Lohn für die geistige Leitung der Arbeit; um diese Ansicht zu widerlegen, braucht man nur den Unterschied zwischen dem Gehalt, den ein Geschäftsführer erhält, und der Kapitalprämie zu vergleichen. Der Arbeitslohn steigt auch nicht mit der Zunahme der jährlichen Produktion, denn die größere Gesammtsumme von Arbeitslohn vertheilt sich nur auf eine größere Arbeitermasse. Mit anderen Worten: es giebt nach Lassalle's Anschauung unter dieser Gesellschaftsordnung keinen Thaler, d. h. keinen Schweißtropfen eines Arbeiters, der nicht morgen dem Arbeiter einen neuen unfruchtbaren Schweißtropfen und dem Kapital einen neuen Thaler erzeugt. Das Arbeitsinstrument (das Kapital) ist in seiner Trennung vom Arbeiter selbständig geworden, hat mit seinem Saugrüssel alle Produktivität der Arbeit an sich gerissen, und die Arbeit auf den Ersatz Dessen, was während der Arbeit nothwendig an Lebenskraft verzehrt worden ist, beschränkt, sie also unproduktiv gemacht. Was ist also das Kapital? Es ist das Arbeitsinstrument, welches selbständig geworden ist, und mit dem Arbeiter die Rollen vertauscht, ihn, den lebendigen Arbeiter, zum todten Arbeitsinstrumente herabgesetzt, und sich selbst, das todte Arbeitsinstrument, zum lebendigen Zeugungsorgane entwickelt hat. Will man eine strengere Definition haben, so ist Kapital der unter Theilung der Arbeit, bei einer in einem System von Tauschwerthen bestehenden Produktion und bei freier Konkurrenz, geleistete Vorschuß vorgethaner Arbeit, welcher zum Lebensunterhalt der Producenten bis zur Verwerthung des Produkts an den definitiven Konsumenten erforderlich ist, und zur Folge hat, daß der Ueberschuß des Produktionsertrages über diesen Lebensunterhalt auf Denjenigen, resp. Diejenigen sich vertheilt, welche den Vorschuß geleistet haben. Es ist also freilich wahr, was die Gegner sagen, daß im Preise der Produkte keine andere als die menschliche Arbeit bezahlt wird, aber sie wird nicht den Arbeitern bezahlt, sondern von dem Kapitalschwamme eingesaugt. »Das Eigenthum ist Fremdthum geworden.«

Die reinste Offenbarung des heutigen Gesellschaftszustandes mit seiner Unsicherheit und Unberechenbarkeit findet Lassalle daher in der Agiotage und der Börse, in der Vermögensanlage in Aktien, Staats- und Kreditpapieren überhaupt. Durch jedes Ereigniß in der Türkei und in Mexico, durch Krieg und Frieden, ja durch jede öffentliche Meinung, durch jede verlogene Depesche, durch jede Anleihe in Paris oder London, durch die Getreideernten am Mississippi und die Goldminen in Australien, kurz, durch jedes objektive Ereigniß, durch lauter rein objektive Bewegungen der Gesellschaft als solcher, sei es auf politischem, finanziellem, merkantilischem Gebiete, wird täglich aus der Börse das Mein und Dein der Individuen bestimmt und festgestellt. Lassalle fragt: wie würde man den Socialismus definiren? Doch offenbar so: Vertheilung des Eigenthums von Gesellschaftswegen. Allein dieser Zustand besteht gerade heute. Gerade heute herrscht ein anarchischer Socialismus unter dem Scheine individueller Produktion. Was also der regulirende Socialismus aufheben will, ist nicht das Eigenthum, sondern die Anarchie. Er will gerade individuelles, auf die Arbeit gegründetes Eigenthum erst einführen. Marx, der ein noch starrerer Anhänger des Hegel'schen Rhythmus und der Hegel'schen Symmetrie in der Philosophie der Geschichte als Lassalle ist, hat drei ökonomische Hauptperioden. In der ersten ist der Arbeiter Privatbesitzer seiner Produktionsmittel und treibt für eigene Rechnung ein kleines Geschäft. Die Anhäufung des Kapitals in der nächsten Periode beruht, wo sie nicht direkt aus der Umwandlung von Sklaven und Leibeigenen in Lohnarbeiter folgt, nur auf der Expropriation des unmittelbaren Producenten, d. h. auf der Auflösung des auf der eigenen Arbeit begründeten Privateigenthums. Aber diesem ersten Uebergang vom zersplitterten Privateigenthum zu dem auf der Gesellschafts-Ausbeutung der Produktionsmittel beruhenden kapitalistischen Privateigenthum entspricht das Uebergehen dieses letzteren in Gesellschaftseigenthum als dritte Periode, als Negation der Negation. Das erste Mal handelte es sich um die Ausbeutung der Volksmasse durch wenige Usurpatoren, jetzt um die Expropriirung weniger Usurpatoren zum Besten der Volksmasse. Allein während der erste Uebergang Jahrhunderte beansprucht hat, bildet Marx in seinem abstrakten Radikalismus sich ein, daß der letzte so leicht und schnell wie in der spekulativen Konstruktion auf einen einzigen Schlag, durch eine plötzliche Umwälzung geschehen kann, – eine sehr unhistorische Anschauungsweise.

Wenn wir nun auch, sagt Lassalle, von dem einmal entstandenen Kapitaleigenthum, als in rechtlicher Uebereinstimmung mit den bestehenden Zuständen entstanden, absehen wollen, so haben wir doch jedenfalls das unbestreitbarste Recht, das noch ungewordene Eigenthum der Zukunft durch eine andere Gestaltung der Produktion zum Arbeitseigenthum zu gestalten. Es handelt sich keineswegs darum, mit der Theilung der Arbeit, dieser Quelle aller Kultur, zu brechen, sondern bloß darum, das Kapital wieder zum todten, dienenden Arbeitsinstrumente zu degradiren, und dazu ist nur erforderlich, in der gesammten Produktion die individuellen Produktions-Vorschüsse aufzuheben, die ohnehin gemeinsame Arbeit der Gesellschaft auch mit den gemeinsamen Vorschüssen derselben zu betreiben, und den Ertrag der Produktion an Alle, die zu ihr beigetragen haben, nach Maßgabe dieser ihrer Leistung zu vertheilen.

Das Uebergangsmittel hiezu, das leichteste und mildeste, sind nach seiner Anschauung die Produktivassociationen der Arbeiter mit Staatskredit.

5.

Hier hat man in einem Ueberblick die theoretische Grundlage der Lassalle'schen Polemik. Wir müssen nun noch sehen, welche besonders exponirten oder vorgeschobenen Punkte seiner Theorie während des Kampfes mit seinen Gegnern beständig im Feuer waren, und welche dieser Punkte sich als unhaltbar erweisen. Wir haben eine hastige Revue über seine Truppen gehalten; sehen wir sie jetzt im Gefechte in wechselnder Angriffs- und Vertheidigungsposition.

Erster Streitpunkt: Das Lohngesetz.

An die Spitze all' seiner volkswirthschaftlichen Auslassungen stellte Lassalle sofort das Lohngesetz, das von ihm nicht mit Unrecht so genannte »grausame, eherne« Lohngesetz. Er fordert die Arbeiter auf, zuerst und zuvörderst Jeden, der von Verbesserung ihrer Lage spricht, zu fragen, ob er dies Gesetz anerkenne, oder nicht. Erkenne er es nicht an, so lohne es sich nicht, mit ihm zu verhandeln; denn das Gesetz sei von allen Wortführern der Wissenschaft anerkannt. Erkenne er aber das Gesetz an, so entstehe die zweite Frage: wie er denke, dieses Gesetz beseitigen zu können?

Die damalige Fortschrittspartei glaubte indeß wegen der Konsequenzen, die Lassalle aus dem Gesetze zog, sich auf eine unbedingte Anerkennung desselben nicht einlassen zu dürfen. Offene Ableugnung, zweideutige Bestreitung, Wegerklärung, Hinüberspielung der sachlichen Differenz auf das Gebiet persönlicher Motive – Nichts blieb unversucht. Mit Recht sagt Lassalle, daß die Wuth seiner Feinde, nachdem er jenes Gesetz in seinem »Offenen Antwortschreiben« enthüllt habe, »grenzenlos« gewesen sei. Man schrie gegen ihn, wie im Alterthum gegen einen Priester, der die Geheimnisse der Ceres verrathen. »Wären meine Feinde Römer«, sagt er (»Zur Arbeiterfrage«, S. 2), »sie hätten mich niedergestoßen auf offnem Markte, wie die Patricier einst den Gracchen thaten. Meine Feinde sind aber keine Römer und so haben sie versucht, mich mit Verleumdungen niederzustoßen, statt mit Schwertern.« Lassalle war gerade damals wegen der ruhigen, rein historischen Entwickelungen in seinem »Arbeiterprogramm« zu vier Monaten Gefängniß verurtheilt worden. Die Zeitungen berichteten jetzt bald, daß sein Auftreten gegen die Bourgeoisie seinen Grund in der Hoffnung habe, dadurch eine mildere Behandlung im Gefängnisse zu erlangen, bald daß er ein Renegat, bald daß er ein unwissender Dilettant in der Nationalökonomie sei. Nichts desto weniger gelang es Keinem, das Gesetz im allermindesten weg zu erklären. Es blieb also nur noch der Ausweg übrig, es für ein Naturgesetz zu erklären, das sich als solches überhaupt nicht erschüttern lasse. Dieser letzte Ausweg wurde denn auch versucht.

Lassalle behauptet, daß in Folge dieses Gesetzes alle Bemühungen, dem Arbeiterstande mit Hilfe von Sparkassen, Invaliden-, Vorschuß- oder Krankenkassen zu helfen, ihrer Natur nach absolut vergeblich sind und sein müssen. Handelt es sich darum, den mancherlei Unglücksfällen, Leichtsinn, Krankheit, Alter etc. entgegen zu wirken, durch welche einzelne Arbeitsindividuen zufälliger oder nothwendiger Weise unter das normale Niveau des Arbeiterstandes herab sinken, so haben diese Einrichtungen ihren relativen, wenn auch untergeordneten Nutzen. Für den Stand als Stand bedeuten sie Nichts. Er betrachtet dann die von Schulze-Delitzsch in ähnlicher philanthropischer Absicht gegründeten Konsum-Vereine. Er versucht nachzuweisen, daß der Arbeiter nicht als Konsument, sondern als Producent des Beistandes bedarf; denn als Konsumenten stehen Alle schon heut zu Tage ziemlich gleich; es gilt also dort zu helfen, wo der Schuh drückt. Er wirft einen Blick auf die Kredit- und Rohstoffs-Vereine und bemerkt: da die nothwendige Bewegung der Industrie täglich immer mehr den fabrikmäßigen Großbetrieb an die Stelle des handwerksmäßigen Kleinbetriebs setze, könnten diese Vereine, welche höchstens den unbemittelten Handwerker befähigten, mit dem bemittelten zu konkurriren, nur den Todeskampf des Handwerks mit der Großindustrie unnütz verlängern.

Er macht endlich auf das Täuschende aufmerksam, welches in den immer wieder angestellten Vergleichungen der heutigen Lage des Arbeiters mit seiner Lage in früheren Jahrhunderten liege, wodurch man die eigentliche Frage nur weg eskamotire. Es handelt sich ja nicht um die Lage des Arbeiters im Vergleich mit der Lage des Arbeiters vor dreihundert Jahren, sondern um seine Lage im Vergleich mit den gewohnheitsmäßigen Lebensbedürfnissen anderer Menschen derselben Zeit. So wenig der menschenfressende Wilde dabei entbehrt, wenn er keinen anständigen Rock tragen kann, so wenig entbehrte der Arbeiter vor der Erfindung der Buchdruckerkunst dabei, wenn er ein nützliches Buch sich nicht anschaffen konnte. Auf die Entbehrungen kommt es an. Lassalle zeigt endlich, wie höchst problematisch diese kulturgeschichtlichen Rückblicke sind, da die stets billiger werdenden Industrieprodukte in weit geringerem Grade von dem Arbeiter verbraucht werden, als die Lebensmittel, die keineswegs von der gleichen Tendenz immer steigender Billigkeit beherrscht werden.

Da nun alle herkömmlichen Anschauungen und Hilfsmittel das Lohngesetz unberührt lassen, sind sie nach Lassalle's Ansicht ohne Bedeutung für den Arbeiterstand als Stand. Es bleibt also nach seiner Auffassung nur noch übrig, den Staat einschreiten zu lassen. Hiegegen beriefen sich seine Gegner mit veränderter Taktik darauf, daß das Lohngesetz ein Naturgesetz sei, und daß der Staat gegen ein Naturgesetz nicht kämpfen könne. Lassalle's Antwort war wie wir schon gesehen haben, daß die ökonomischen Gesetze nicht Naturgesetze, sondern historische Gesetze seien.

Und nun eine kurze Erörterung dieses bestrittenen Punktes. Ricardo's Lehre über den Arbeitslohn ist folgende: Jedes Ding hat einen natürlichen Preis und einen wirklichen Preis; so auch die Arbeit. Der »natürliche« Preis besteht in der Arbeitsmenge, die erfordert wird, um ein Gut hervorzubringen. Ist nun das Gut die Arbeit selbst, so ergiebt sich daraus, daß der natürliche Preis der Arbeit in den Kosten besteht, die zur Hervorbringung eines Arbeiters nöthig sind, d. h. in derjenigen Summe, die genau zur Bestreitung des Lebensunterhalts für ihn und seine Familie ausreicht. Der »wirkliche« Preis eines jeden Dinges, oder der Marktpreis, hängt von Angebot und Nachfrage ab, kann sich aber in der Regel nur wenig und nur für kurze Zeit bedeutend vom »natürlichen« Preis entfernen. Was die Arbeit betrifft, so wird eben ein Steigen der Nachfrage nach Arbeit zwar den Lohn vorübergehend erhöhen, aber zugleich auch die vermehrte Zufuhr von Arbeitskräften bewirken; bei verminderter Nachfrage wird durch das Elend der Arbeiter und die daraus folgende Verminderung ihrer Zahl wieder eine Steigerung hergestellt.

Was nun den Punkt anbelangt, unter welchen der Lohn sich nicht herabdrücken läßt, so hängt dieser aufs genaueste mit der gewohnheitsmäßig zur Fristung der Existenz und zur Fortpflanzung erforderlichen Lebensnothdurft ( standard of life) der Arbeiter in einem bestimmten Lande und zu einer bestimmten Zeit zusammen. Als Ursachen, weshalb der Lohn nicht dauernd tief hierunter herabfallen kann, führt Lassalle in seinem Antwortschreiben an das Arbeiter-Komitee Auswanderungen, Ehelosigkeit, Enthaltung von der Kindererzeugung und endlich eine durch Elend erzeugte Verminderung der Arbeiterzahl an.

Von diesen Ursachen ist die letzte die allein entscheidende. Denn die Abhängigkeit der Ehen und Geburten vom allgemeinen Wohlstande, besonders von den Kornpreisen, kann nicht die Lohnschwankungen erklären, welche in viel zu kurzen Zeiträumen erfolgen, als daß die größere oder geringere Zahl der heranwachsenden Jugend einen Einfluß darauf üben könnte. Die Auswanderungen und Wanderungen in das Innere des Landes sind nur eine der Formen, unter welchen das Elend sich äußert. Dies selbst bleibt also der einzige wesentliche Faktor der Regulirung.

Daß dies Lohngesetz auf der niedrigsten Gesellschaftsstufe wirklich als ein ehernes Gesetz sich geltend macht, wird Der nicht in Abrede stellen, der da weiß, welcher Unterschied zwischen der Lebensdauer der Bemittelten und der Unbemittelten existirt, und der da versteht, daß der Mangel, wenn er auch nur gelegentlich einmal tödtet, doch beständig an der Lebenskraft zehrt. Aber an und für sich ist das Lohngesetz nichts für die Arbeiterklasse Eigenthümliches, denn es giebt nur wenig Menschen, deren Einkommen ihre Bedürfnisse übersteigt, und wächst das Einkommen, so wachsen sofort die Bedürfnisse.

Gewiß war es also ein Fehler von den Gegnern Lassalle's, ihm eine Behauptung zu bestreiten, die er so leicht beweisen konnte, nämlich daß alle wissenschaftlichen Autoritäten darüber einig seien, das Lohngesetz als ein gegebenes anzusehen. Eben so sehr hatte er Recht, darauf aufmerksam zu machen, wie trügerisch das Verfahren sei, beständig die heutige Lage des Arbeiters mit seiner Lage in alten Zeiten zu vergleichen. Aber nichtsdestoweniger steht Eine Thatsache fest, die ohne gegen das Gesetz zu sprechen doch die Konsequenzen, die Lassalle aus dessen Bestehen zog, unmöglich macht, nämlich daß der Lohn in der letzten Zeit faktisch gestiegen ist. Das Gesetz schließt nicht aus, daß die Arbeiter mit der durch die Fortschritte der Civilisation gesteigerten Produktivität ihre Lebenshaltung steigern können, und der Umstand, daß unter den jetzigen socialen Verhältnissen Nichts im Stande sei, es zu beseitigen, beweist also durchaus nicht, daß eine Besserung der Lage des Arbeiters in der bestehenden Gesellschaft unmöglich sei. Eine solche Besserung ist trotz des Gesetzes faktisch zu Wege gebracht und Lassalle's Auftreten ist eine im hohen Grade mitwirkende Ursache dazu gewesen. Denn diese Besserung verdankt man zum Theil dem Einschreiten des Staates gegen die ärgsten Mißbräuche, zum Theil der Furcht vor der drohenden Socialrevolution, zum Theil endlich dem Zusammentreten der Arbeiter zur Wahrnehmung ihrer gemeinschaftlichen Interessen, lauter Umstände, die durch die Lassalle'sche Agitation befördert, wenn nicht ins Leben gerufen sind. F. A. Lange: Die Arbeiterfrage, S. 161-172
Lujo Brentano: Das Arbeiterverhältniß gemäß dem heutigen Recht S. 179 ff.

Zweiter Streitpunkt: Selbsthilfe oder Staatshilfe?

Ueber die verderblichen Wirkungen eines Unterstützungssystems und über die Stärke, welche im Grundsatz der Selbsthilfe liegt, war man in Deutschland, seit man nach der verfehlten Revolution von 1848 auf England als das Musterland blickte, so einig gewesen, daß man sich nicht über den Schrei der Entrüstung verwundern kann, welchen das Wort Staatshilfe hervorrief. Lassalle antwortete damit, daß er 1) die Thorheit hervorhebt, unablässig dem einzelnen Arbeiter zuzurufen, er solle sich selbst helfen. Der kapitallose Einzelne ist hilflos, und der Zuruf kommt auf Dasselbe hinaus, als wenn man Jemandem, der mit einem Gewicht von zehn Centnern belastet ins Wasser gefallen ist, zurufen wollte, er möge doch nur schwimmen. Er hebt 2) hervor, daß die Staatsintervention auf keine Weise die sociale Selbsthilfe ausschließt, daß ich nicht Jemand hindere, durch seine eigene Kraft einen Thurm zu ersteigen, wenn ich ihm eine Leiter oder einen Strick dazu reiche, daß der Staat nicht die Jugend daran hindert, sich durch eigene Kraft zu bilden, wenn er ihr Lehrer, Schulen und Bibliotheken hält etc. Er zeigt 3), daß die Manchestermänner selbst so principlos gewesen sind, Staatshilfe zu verlangen, so bald sie keinen Ausweg sahen, ohne dieselbe fertig zu werden, nämlich um der Auswanderung der Arbeiter bei dem Baumwollmangel vorzubeugen, der durch den großen amerikanischen Krieg entstanden war. In diesen allgemeinen Punkten mag er Recht haben. Aber höchst sophistisch geht er zu Wege, wenn er es 4) versucht, das Unternehmen seines Gegners Schulze-Delitzsch, ein Kapital bei den Fabrikanten einzusammeln, um eine (noch heute prosperirende) Bank zu gründen, die den wirklich kreditfähigen Arbeitergenossenschaften Kredit gewähren sollte, so darzustellen, als hätte Schulze hiermit das eigene Princip verlassen und das seinige angenommen. Er fragt, ob es nicht besser sei, die Hilfe vom Staate als in der Gestalt eines Almosens von einzelnen Privatpersonen zu empfangen. Es war aber von keinem Almosen die Rede, sondern von einem streng geschäftsmäßigen Unternehmen.

Der Hauptpunkt seiner Argumentation ist doch der, daß die ungeheure Mehrzahl der Bevölkerung unbemittelt ist, und der Staat in Wirklichkeit Nichts anders ist, als die Association der Bevölkerung. » Weshalb sollte also,« ruft Lassalle den Arbeitern zu, » Ihre große Association, der Staat, nicht befruchtend und fördernd auf Ihre kleineren Associationen einwirken können?« Er kann es nicht allein, er muß es. Seine Aufgabe und Bestimmung ist eben, den Kulturfortschritt der Menschheit zu erleichtern. Das ist sein Beruf; dazu ist er da und ist er immer dagewesen. Ohne die Intervention des Staats sind weder Kanäle, Landstraßen, Eisenbahnen, noch Telegraphen angelegt worden. England verausgabte zwanzig Millionen Pfund Sterling für die Abschaffung der Sklaverei in seinen Kolonien. – Und steht es einmal fest, daß die freie Konkurrenz, wie wir sie besitzen, für den Unbemittelten einem Kampfe mit Nägeln und Zähnen gegen Kanonen und Flinten gleicht, – weshalb sollte dann der Staat nicht auch hier eingreifen können? Vgl. Lassalle: Zur Arbeiterfrage, Offenes Antwortschreiben, Arbeiterlesebuch, Die indirekte Steuer.

Betrachtet man die beiden Stichwörter Selbsthilfe und Staatshilfe historisch, wie sie im Jahre 1863-64 in Deutschland aufgefaßt wurden, so zeigt es sich, daß beide an einer erheblichen Unklarheit leiden. Schulze-Delitzsch hatte in den jüngst verflossenen Jahren aus einem geringen Anfang in seiner Vaterstadt ein ganzes Netz auf »Selbsthülfe« begründeter Rohstoff- und Vorschuß-Vereine zu Stande gebracht, ein Netz, das ganz Deutschland umspannte, und in Verbindung hiemit war allmählich eine Reihe im selben Geiste geleiteter Arbeiterbildungsvereine gestiftet. Dieser Geist war sehr verschieden von dem, welcher in den auf wirklicher Selbsthilfe beruhenden englischen Arbeitervereinen herrscht. Der Arbeiter hatte oder ergriff hier durchaus nicht die Initiative, seine Lage wurde geordnet, seine Bildung patriarchalisch geleitet von Bessergestellten, in deren Interesse es lag, zu verhindern, daß der wirklich vorhandene Unterschied zwischen den Interessen der Fabrikanten und denen der Arbeiter sich zu einem Kampfe gestalte, vielmehr den Widerspruch auf friedlichem Wege zu lösen. Uebrigens alle erdenkliche Sympathie mit den Arbeitern, Vorschußvereine zu Gunsten Derer unter ihnen, welche schon ein kleines Kapital besäßen und sich langsam über ihren Stand hinaus erheben würden, populäre Vorträge über Astronomie, Geographie, Naturwissenschaft und Geschichte, Fischbein und Elektrisirmaschinen, keine Politik. Von selbst würde der Arbeiter sich dann der liberalen Partei anschließen. Das war es, was man »Selbsthilfe« nannte. Denn darüber war man vollständig im Klaren, daß man keine Staatshilfe für die Arbeiter wollte, »keine Staatshilfe von oben, um nicht die konservative Partei zu stärken, keine von unten her errungene oder ertrotzte Staatshilfe, weil man das dazu erforderliche demokratische Selbstgefühl der Arbeiter verabscheute.« F. A. Lange, Die Arbeiterfrage, S, 361.

Hiegegen also richtete Lassalle seine Losung »Staatshilfe«, die in Wirklichkeit gerade darauf ausging, die Arbeiter aufzufordern, durch eine kräftige Initiative sich ernstlich selbst zu helfen. Wir haben gesehen, was er im Allgemeinen zu Gunsten eines Eingreifens des Staates vorbringen konnte, und wie er eine positive Förderung der Kulturzwecke als die Aufgabe und Pflicht desselben betont, eine Anschauung, über die denkende Männer der verschiedensten Schulen nicht erst heutigen Tages einig sind. Aber wir müssen jetzt einen Blick auf seinen bestimmten praktischen Vorschlag werfen.

Dritter Streitpunkt: Produktivvereine mit Staatskredit.

Von einer vom Staat ausgehenden Arbeiter-Association oder von Etwas, das in entferntester Weise den (von den Feinden der Socialisten) 1848 in Paris errichteten Nationalwerkstätten, die mißlangen und mißlingen mußten, gliche, ist bei Lassalle keine Rede. Er will die individuelle freiwillige Association. Nur will er, daß die Associationen, um überhaupt entstehen zu können, das nothwendige Kapital durch eine Kreditoperation vom Staat erhalten sollen. Der Staat soll ihnen durch eine Kreditoperation entgegen kommen, aber er soll sie nicht »organisiren«, nicht selber auf seine Kosten und als Unternehmer arbeiten, er soll umgekehrt durch seinen Kredit die Arbeiter in den Stand setzen, sich selbst zu organisiren und für eigene Rechnung zu arbeiten.

Nicht allein soll nach seinem Projekte ein Kreditverband sämmtliche Arbeiterassociationen umschließen, sondern ein Assekuranzverband soll außerdem sämmtliche Vereine desselben Gewerkzweiges umfassen und dadurch die Verluste zur Unmerklichkeit ausgleichen. Das Risiko des Kapitals existirt also nicht für die Associationen, da die Konkurrenz ausgeschlossen ist. Die einheitliche Organisation aller Associationen im Lande würde mindestens so weit gehen, sich gegenseitig Kenntniß von dem Zustande und den Bedingungen der gesammten Produktion zu geben. In den Geschäftsbüchern sämmtlicher Associationen und den zur Kenntnißnahme derselben niedergesetzten Centralkommissionen wäre die wahre Grundlage für eine wissenschaftliche Statistik des Produktionsbedarfes und hierin also die Möglichkeit gegeben, die Ueberproduktion zu vermeiden. Und selbst so lange Dies noch nicht völlig möglich wäre, würde sich die Ueberproduktion, da diese Associationen bei ihren gewaltigen Mitteln dem Bedürfnisse konkurrirenden Losschlagens enthoben wären, in einfache Vorausproduktion verwandeln. Dadurch wären der Gesellschaft die Krisen der Ueberproduktion erspart. Und hiezu kommt nach seiner Ansicht eine immense positive Bereicherung der Gesellschaft auf diesem Wege. Jeder kennt ja die Kostenersparniß, welche durch die große Produktion bewirkt wird. Es ist z. B. bewiesen, daß das Königreich Sachsen durch Koncentrirung der Brotbäckerei in Fabriken mit ununterbrochenem Betriebe jährlich allein an Brennmaterial mindestens eine Million Thaler ersparen würde. Er schließt also, daß diese großen Associationen nicht nur die Vertheilung umgestalten würden, sondern auch durch die Beseitigung der heutigen zerbröckelten Produktion die Produktion selbst in einem ungeahnten Grade vermehren. Lassalle meint daher, der Weltmarkt werde der Nation gehören, welche sich zuerst zur Einführung dieser socialen Umwandlung entschlösse.

Zu diesem Lassalle'schen Zukunftsvorschlage ist vor Allem zu bemerken, daß es ihm niemals eingefallen ist, denselben für die Lösung der socialen Frage auszugeben, und daß er sich überhaupt niemals den Anschein gegeben hat, dieselbe lösen zu können. Immer wieder hat er betont, daß ihre Lösung ein Werk sei, das Menschenalter, vielleicht Jahrhunderte erfordere. Die Produktivassociation mit Staatshilfe ist bei ihm nur der nothwendige erste Schritt auf dem Wege, auf welchem nach seiner unumstößlichen Ueberzeugung die künftige Zeit fortschreiten werde und müsse.

Hat er hierin recht gesehen? Es giebt Keinen mehr, welcher Das glaubt. Es drängen sich so viele Einwendungen gegen sein Projekt auf, daß man kaum weiß, wo man beginnen, wo enden soll.

Unter dem Vielen in Lassalle's Grundanschauung, was von Hegel stammt, ist auch die Ueberschätzung des Staates als der höchsten sittlichen Totalität, in welcher das Individuum aufgehen kann. Die kosmopolitische Strömung, welche durch Europa zu gehen beginnt, macht es uns unmöglich, uns die geographische Abgrenzung als das letzte und höchste Princip in einem sittlichen Ganzen zu denken.

Für Lassalle mit seiner Liebe zur Macht war es gleichviel, ob die sociale Reform der Gesellschaft durch einen Machtspruch von oben herab aufoktroyirt würde, oder ob sie sich unter einem so großen Maße politischer Freiheit, wie möglich, langsam vollzöge. Wir glauben nicht an die Lebenskraft irgend einer Association, die sich nicht von innen her ordnet, und sich nicht selbständig entwickelt. Eine bureaukratische Organisation von oben herab würde das Unabhängigkeitsgefühl beim Arbeiter eher ersticken als fördern, und darauf kommt es vor Allem an.

Es ist ferner schwer zu begreifen, daß durch die Produktivassociation mehr producirt werden sollte, als jetzt. Nicht so sehr die mangelhafte Vertheilung als die nothwendig beschränkte Produktion ist doch Schuld an dem Drucke, der jetzt auf dem Unbemittelten lastet. Können wir jetzt unter dem Stachel der Konkurrenz, mit ihrer langen Arbeitszeit und mit der zwangsmäßigen Lage der Arbeiter nicht mehr produciren; als der Fall ist, wie sollten wir dann unter der neuen, minder strengen Ordnung dazu im Stande sein?

Sodann ist es höchst unwahrscheinlich, daß der Produktionsverband wirklich durch bloße Beseitigung der Kapitalisten, d. h. der Kapitalprämie, seinen Theilhabern einen sonderlich höhern Ertrag liefern würde, als den jetzigen Arbeitslohn. Angenommen, ein großer Fabrikant hätte 4000 Arbeiter und legte jährlich die enorme Summe von 80 000 Thalern zurück. Betrachten wir die ganze Summe als Kapitalprämie und vertheilen sie, so erhielte jeder Arbeiter per Jahr nur 20 Thaler mehr. Lassalle hat übersehen, daß es der private Grundbesitz ist, dem die durch die Arbeit geschaffenen Mehrwerthe in erster Linie und ohne jegliche Arbeit zu gute kommen, und der vorzugsweise die Frucht der Arbeit einsaugt.

Er verschweigt ferner allzu oft, daß das Kapital auch unmittelbar und direkt das Risiko und den Verlust trägt, während er beständig daran erinnert, daß ihm alle Vortheile unmittelbar und direkt zufließen. Mag sein, daß Risiko und Verlust mittelbar auf den Arbeiter abgewälzt werden: direkt trägt er sie wenigstens nicht. Aber wie sollten die Produktionsverbände, die ja successive zu errichten wären, Verluste ertragen können? Es ist eine gute Eigenschaft des Kapitals, daß der Kapitalist durch einen Verlust nicht decimirt werden kann, er kann von 100,000 Thalern 50,000 verlieren, ohne deshalb ein Bettler zu werden; aber gesetzt, daß 2000 associirte Arbeiter einen ähnlichen Verlust erlitten, Arbeiter, die unmittelbar von der Einnahme leben sollen, welcher Ausweg bliebe ihnen unter solchen Umständen? Lassalle müßte, um seine Produktionsverbände zu sichern, sie alle mit einem Schlage errichten lassen.

Und selbst dann würde die Staatshilfe in dieser Form nicht helfen können, wenn wir nicht den Universalstaat hätten. Denn auch ein Staat kann Verluste erleiden, und keine Assecurranz kann ihn dagegen sichern. Es ist ein Aberglaube, zu wähnen, daß die Konjunkturen sich ausschließen lassen. Gerade im Gegensatze zu Lassalle's Meinung würde der Staat, welcher zuerst die neue Ordnung einführte, am schlechtesten auf dem Weltmarkte gestellt sein, weil er am schwersten Verluste ertragen könnte.

Endlich würde der vom Staat unterstützte Produktionsverband, welcher den Klassenunterschied auslöschen sollte, unvermeidlich einen neuen Klassenunterschied herbeiführen, da er ein neues Privileg mit sich brächte. Dieser Einwand dürfte vor Allem die Lassalle'sche Anschauungsweise in ihrem Mittelpunkt treffen. Sein geschichtliches Streben geht, kurz gefaßt, darauf aus, die Herrschaft des vierten Standes an die Stelle der Herrschaft des dritten zu setzen, indem dieser vierte Stand ihm gleichbedeutend mit der Menschheit ist. Er räumt zwar bereitwillig ein, daß der dritte Stand, als er sich bei der großen französischen Revolution wider die privilegirten, durch Ungleichheit vor dem Gesetz beschützten Stände erhob, in der Begeisterung des ersten Augenblicks seine Sache als gleichbedeutend mit der des ganzen Volkes und der Menschheit auffaßte. (Man denke an die Erklärung der »Menschenrechte«.) Allein er betont zugleich, daß dieser Stand, wie es sich schnell genug zeigte, ein neues Privileg, das Vorrecht des Kapitals, mit sich brachte, und deshalb nothwendig einen neuen unprivilegirten Stand, den vierten, in seinen Falten barg. Erst dieser vierte Stand, der keine ausschließliche Bedingung für die Theilnahme an der Staatsgewalt, weder Adel, noch Grundeigenthum, noch Kapitalbesitz, mehr aufstellt oder aufstellen kann, ist ihm in Wirklichkeit gleichbedeutend mit dem Menschengeschlechte, und seine Freiheit die Freiheit des Menschengeschlechts; »denn wir sind Alle Arbeiter«. Ich will hier nur andeuten, daß der von Lassalle so geschilderte vierte Stand nicht der wirkliche, sondern ein ideeller ist, wie er ihn sich denkt. Selbst wenn dieser Stand kein neues Privilegium, wie Adel, Kapital, Grundbesitz oder Bildung, aufstellen will, würde ihm hinwieder doch der Gedankengang nahe liegen: Weil ich weder reich, noch adlig, noch gebildet bin, habe ich ein Recht darauf, versorgt zu werden und zu regieren. Aber eine viel bestimmtere Gefahr liegt vor. Die successive Errichtung der Produktivverbände mit Staatskredit würde diejenigen Arbeiter, welche davon der Natur ihrer Beschäftigung nach keinen Gebrauch machen könnten, als Gepäckträger, Handlanger, Tagelöhner für verschiedene Arbeiten eine Stufe tiefer sinken und einen fünften Stand bilden lassen. Es würde mithin ganz so ergehen, wie nach der Erklärung der Menschenrechte. Es würde sich zeigen, daß das neue Programm außer Stande wäre, mehr als eine Klasse zu umfassen und etwas Anderes zu bilden, als eine neue Aristokratie. Vgl. F. A. Lange, Die Arbeiterfrage, S. 361 ff.

Auf rein ökonomischem Wege läßt sich dem ökonomischen Status der Gesellschaft nicht entscheidend aufhelfen. Lassalle mit seinem allzu starken Glauben an äußerliche Gewaltmaßregeln übersah, daß nur durch eine moralische und intellektuelle Einwirkung und Erziehung sich eine größere und werthvollere Produktivität erzielen läßt. Er opponirt freilich gegen die Massenproduktion sinnloser und unnützer Luxusartikel, er greift mit Recht die Bourgeoisie wegen der Thorheit an, das Kostspielige mit dem Schönen zu verwechseln; mit anderen Worten: er hat einen offenen Blick für das Ersprießliche des Umstandes, daß der immer stärker gewordene Unterschied zwischen der Lebensweise der niedrigsten und der höchsten Gesellschaftsschichten abnimmt, indem an die Stelle der Erzeugung entbehrlicher Verbrauchsgegenstände eine größere Produktion der unentbehrlichen tritt. Allein man vermißt neben diesem vernünftigen und berechtigten Anpreisen der Gleichheit eine entsprechende, im Interesse dieser Gleichheit höchst nothwendige Betonung der Ungleichheit. Der Gesell soll und muß mehr erhalten, als der Lehrjunge, der Aufseher soll und muß mehr erhalten, als der Gesell und der Meister mehr, als sie Alle. Man vermißt, mit anderen Worten, bei Lassalle in seiner Eigenschaft als Demagog eine Aeußerung, welche den Zweck hätte, Respekt vor der geistigen Macht einzuflößen oder ein moralisches Reizmittel anzuwenden, um seine Zuhörer zur Erstrebung einer immer höheren Bildung anzuspornen. Sie sind ihm schon, wie sie sind, durch ihre Zahl und Masse eine imponirende Macht. Daher kommt es auch, daß er in seinem Eifer, eine andere Vertheilung des Gewinnstes zu erzielen, niemals ein Wort für solche Unternehmungen übrig hat, welche eine Wertherhöhung der Produktion zu Wege bringen, wie vor Allem ein radikal verbesserter Schulunterricht unter den billigsten Bedingungen.

Er wollte zuerst und zuvörderst die Arbeiter politisch heben und benutzen, ehe er daran denken konnte, sie social zu heben und sicher zu stellen.

6.

Man darf, um die von Lassalle erhobene Agitation richtig zu beurtheilen, keinen Augenblick seine Auffassung der politischen Verhältnisse, unter denen sie begann, außer Acht lassen, – Verhältnisse, die heut zu Tage in unendlich ferner Zeit hinter uns zu liegen scheinen, weil in Deutschland seitdem größere politische Umwälzungen stattgefunden haben, als in dem vorhergehenden halben Jahrhundert. Die Regierung stützte sich damals auf die Kreuzzeitungspartei; die jetzigen Nationalliberalen (größten Theils Mitglieder der damals sogenannten Fortschrittspartei) führten seit einem Jahre den anscheinend vergeblichen Kampf gegen die Gewalthaber, der bis 1866 fortgesetzt wurde und erst dann seine Früchte setzte, als die Regierung durch jene große Division nach außen sich Luft schaffte und das Programm der so lange aufs Messer bekämpften Partei zum Theil ausführte. Vor Lassalle's ungeduldigem Geist stand es jedoch, als würde es mit jedem Tage deutlicher, wie sehr es der Fortschrittspartei an politischer Fähigkeit und Energie gebrach. Anfangs 1862 hegte Lassalle anscheinend noch eine schwache Hoffnung, die Opposition ihre Taktik zu verändern und ihren Willen trotzig durchsetzen zu sehen. Vergl. die Rede »Was nun?« Als diese Hoffnung erloschen war, wandte er nothgedrungen seinen Blick anderswo hin. Sein Antwortschreiben an das Arbeiterkomité rief, wie schon erwähnt, die Errichtung eines Allgemeinen deutschen Arbeitervereins mit dem allgemeinen, direkten Wahlrecht als Programm hervor, und das Präsidium ward Lassalle angetragen. Er hatte im Grunde wenig Lust, dasselbe anzunehmen, da die Aussicht zur Erwerbung einer augenblicklichen Macht, durch welche sich etwas Ernstliches ausrichten ließe, so gering war. Wie er in einem seiner Briefe sagt: Bernhard Becker, Enthüllungen über das tragische Lebensende Ferdinand Lassalle's, S. 28. »Politik heißt aktuelle, momentane Wirksamkeit. Alles Andere kann man auch von der Wissenschaft aus besorgen.« Aber er gab dem Zureden der Gräfin Hatzfeldt nach und übernahm die schwierige und aufreibende Aufgabe, einen großen Arbeiterverein unter der leidenschaftlichen, alle Mittel benutzenden Gegnerschaft der herrschenden Klassen zu gründen, zu organisiren und zu leiten.

Lassalle's politischer Zweck bei seiner Agitation läßt sich mit wenig Worten bezeichnen. Er ging, wie Marx, von der Anschauung aus, daß die Geschichte aller uns bekannten Gesellschaften eine Geschichte von Klassenkämpfen sei. Schon in seiner Schrift über den italienischen Krieg hatte er das Unverständige der Ansicht aufgedeckt, daß die französische Revolution von 1789 eine nur politische gewesen sei. Es war eine sociale Revolution, welche darin bestand, daß die moderne bürgerliche Gesellschaft die alte feudale Gesellschaft stürzte. Um die neue Gesellschaftsordnung zu vernichten, verbündete sich das feudale Europa gegen Frankreich; um ihren socialen Inhalt zu verteidigen und zu sichern, gab die Revolution unter Napoleon ihre politischen Formen auf und verwandelte sich in eine Militärdiktatur. Der französische Bürgerstand focht unter Napoleon für einen den Emigrirten abgenommenen Grundbesitz von 12 Milliarden, für die Abschaffung der Monopole, für die freie Konkurrenz. Es handelte sich für die französische Bourgeoisie damals darum, die feudale Produktion in Industrie und Ackerbau zu brechen und die Freiheit des Kapitals zur Geltung zu bringen. »Für diese Zwecke hatte die Bourgeoisie Energie und Feuer.« Die bloß politische Freiheit dagegen vermag nach Lassalle's Ansicht den Bürgerstand niemals zu Opfern zu entflammen, dazu ist sie nicht wichtig genug. Lassalle, Der italienische Krieg, S. 54. – Arbeiterlesebuch, S. 63-65.

Daher war es auch Lassalle's Idee, ein Klassen-Interesse, ein sociales Interesse hinter die politische Freiheit zu werfen, und hier fand er kein anderes als das Interesse der durch ihre Zahl so mächtigen unbemittelten Klassen vor. Er machte die Erkämpfung des allgemeinen Wahlrechts zu einer »Machtfrage« für den Arbeiter. Er fand in den Arbeitermassen die einzig hinlänglich imponirende Macht, welche es mit der schlauen und mit allen Gewaltmitteln ausgerüsteten politischen Reaktion aufnehmen könnte. »Geben Sie mir,« ruft er aus, »500 000 deutsche Arbeiter, die in meinen Verein treten – und unsere Reaktion ist nicht mehr!«

Er wollte imponiren, wollte drohen; scheute selbst nicht die Gefahr, die Macht der Roheit wider die Gesellschaft aufzuhetzen; aber er wollte, wie er es gethan hat, die Massen discipliniren und organisiren, indem er sie mit großen Gedanken erfüllte. »Woher kommt«, fragt er in einer seiner Vertheidigungsreden (»Die Wissenschaft und die Arbeiter«, S. 24 f.) »alle politische Furcht der Bourgeoisie vor dem Volke?« Und er antwortet: »Aus den Erinnerungen vom Frühjahr 1848, wo die Polizeimacht gebrochen war, das Volk alle Gassen und öffentlichen Plätze füllte, und alles Volk ausschließlich in der Hand eines Karbe, eines Lindenmüller und ähnlicher gedankenloser Agitatoren war, Männer ohne Wissen, ohne Bildung, ohne Einsicht, aufgewirbelt vom Sturm, der das politische Leben bis in seine Tiefen peitschte.« Damals hütete die Bourgeoisie ängstlich und scheu das Zimmer. »Wo waren,« fragt Lassalle, »die Intelligenzen Berlins, die Männer der Wissenschaft und des Gedankens? Sie waren nicht feige,« antwortete er, »aber sie sagten sich: das Volk versteht unsere Gedanken, versteht selbst unsere Sprache nicht. Nun, meine Herren,« ruft er aus, »sind Sie so sicher, daß nie wieder eine politische Erschütterung zurückkehren wird? Wollen Sie dann wieder Ihr Leben und Eigenthum in der Hand eines Karbe und Lindenmüller wissen? Wenn nicht, so danken Sie den Männern, die sich der Arbeit gewidmet haben, jenen Abgrund auszufüllen, welcher wissenschaftliches Denken und wissenschaftliche Sprache von dem Volke trennt, – danken Sie jenen Männern, welche auf Kosten ihrer eigenen geistigen Anstrengungen eine Arbeit übernommen haben, deren Resultate dann Ihnen Allen und jedem Einzelnen von Ihnen zu gute kommen! Speisen Sie diese Männer auf dem Prytaneion – und stellen Sie sie nicht unter Anklage!«

Die von Lassalle beflügelte Bewegung trug unmittelbar nichts der monarchistischen Staatsordnung Widerstreitendes in sich. Selbst in seiner frühesten Jugend, da er sich offen vor Gericht als »einen entschiedenen Anhänger der socialdemokratischen Republik« bekannte, hatte er Selbstbeherrschung und Einsicht genug, auf das Allerbestimmteste die Arbeiter von jedem Versuche, eine Staatsumwälzung zu proklamiren, zurück zu halten. Es heißt in seiner ersten »Assisenrede« (S. 29, vgl. S. 4): »Ich wandte mich an die Arbeiter, ich beschwor sie, nicht etwa sich dem Gedanken hinzugeben, die Gelegenheit benutzen zu wollen, um hier die Republik zu proklamiren; Dies hieße einen Verrath an der gemeinsamen Sache begehen, denn es würde den Apfel der Zwietracht in die Reihen der Bürger schleudern, die sich jetzt wie Ein Mann um das beleidigte Gesetz schaaren müssen.« Und hatte er schon 1848 so gesprochen, so versteht es sich von selbst, daß er 1863 noch weiter davon entfernt war, als Republikaner auftreten zu wollen.

Im Gegentheil: eminent praktisch, wie er seiner Anlage nach war, wollte er, weit entfernt, die herrschenden Gewalten fortzustoßen, vielmehr einen Kompromiß mit ihnen schließen und sich, wo möglich, an sie anlehnen; kurz, er rechnete mit allen gegebenen Faktoren und war fest entschlossen, sich so wenig Feinde, wie möglich, zu schaffen.

Hier ist ein Punkt, wo Lassalle sich scharf von Karl Marx unterscheidet. Marx, der sich persönlich so weit von Lassalle entfernte, wie ein schwerfälliger und verbissener Geist sich von einem gewandten und beredten Geiste zu entfernen pflegt, verhält sich theoretisch zu Lassalle, wie das Allgemeine zum Besonderen. Rudolph Meyer, Die bedrohliche Entwickelung des Socialismus und die Lehre Lassalle's. Marx hat die ganze Welt auf einmal vor Augen gehabt, Lassalle nur Deutschland, ja eigentlich nur Preußen. Der Unterschied zwischen ihrer Lehre ist unwesentlich. Marx ist international, Lassalle war national. Marx hält die sociale Gleichberechtigung nur für durchführbar in der social-demokratischen, religionslosen Republik, und sein Ideal ist eine Föderation europäischer Republiken. Lassalle, dessen Anlage weit realistischer und praktischer war, sah ein, daß die Nationen noch rings in Europa fest begründet standen, daß die nationalen Ideen eine sehr bedeutende Macht hatten, daß die Religionen noch lange ein Faktor sein würden, mit denen man rechnen müsse, und hielt es für möglich, auch unter den jetzt existirenden politischen Verhältnissen den ersten Anstoß zu einer Umwandlung der Gesellschaftsverhältnisse zu geben. Er verlangte, wie er so oftmals ausrief, vom Staate nur »den kleinen Finger«. Endlich glaubte er in dem damaligen Ministerpräsidenten, Herrn von Bismarck, einen Mann gefunden zu haben, der das Werk durchzuführen im Stande sei.

Die berechtigtste moralische Anschuldigung, welche man, meiner Ansicht nach, gleich vom Beginn seiner Agitation an wider Lassalle erheben kann, ist die, daß er zuweilen seinen Worten einen rein demagogischen, d. h. durchaus verwerflichen Beigeschmack gab. In seinem »Arbeiterprogramm« schmeichelt er dem Arbeiterstande und richtet gegen die höheren Stände Anschuldigungen, die sich, in dieser Ausdehnung erhoben, absolut nicht vertheidigen lassen. Er mag klar genug nachweisen, daß der juristische Anklageakt gegen ihn voller Albernheiten und Mißverständnisse ist, die moralische Anklage bleibt bestehen. Man versündigt sich, wenn man Arbeitern erzählt, daß die herrschenden Klassen in ihrem eigenen Interesse genöthigt sind, »sich täglich allem Großen und Guten zu widersetzen, sich betrüben müssen über sein Gelingen, über sein Mißlingen sich freuen etc.« (»Arbeiterprogramm«, S. 25.) Denn von wie vielen Einzelnen Dies auch wahr sein mag, so regt man doch den Haß und die Leidenschaften der blinden Menge auf, wenn man ihr ohne Beweis Solcherlei als erweisliche Thatsache in Betreff ganzer Klassen von Mitbürgern berichtet, die im Lauf der Geschichte gezeigt haben, daß sie mehr als ein Mal wohl im Stande gewesen sind, sich über ihr Klasseninteresse zu erheben. Es nützt wenig, daß Lassalle, um seine Aeußerungen über die nothwendige Immoralität der Bessergestellten zu vertheidigen, sich auf die noch stärkeren Aussprüche des Evangeliums beruft; denn das Evangelium war weder für ihn, noch ist es für uns eine Autorität, und das Unrecht desselben giebt Lassalle kein Recht.

Auch läßt sich Lassalle nicht davon freisprechen, indirekt an die brutale Macht bei den Massen appellirt zu haben, da er ihnen nicht ein Wort davon sagt, eine wie niedrige und untergeordnete Kraft diese Macht der Fäuste ist, überall wo es sich um ein Geistiges handelt. Er wollte hiedurch mehr seine Gegner schrecken, als die wirkliche Brutalität wider sie entfesseln; aber er steht in diesem Punkte nicht rein da. Welcher Abstand zwischen der Haltung, welche Lassalle hier der Menge gegenüber einnahm, und derjenigen, welche ein Socialist wie Stuart Mill behauptete, – die Reinheit und der Edelsinn in Person! Dies Verhalten Lassalle's ist das einzige, was mir, als seiner unwürdig, durchaus und völlig zuwider ist. Es hatte seinen Grund darin, daß die Männer des Convents vom Anfange an seine eigentlichen politischen Ideale waren und daß die Macht ihm mehr und mehr Alles ward.

Die Machtrücksicht veränderte auch, zuerst unmerklich, nach und nach aber fühlbarer, den Charakter der Agitation. Sie war als rein demokratisch begonnen worden. Allein die erbitterte und rücksichtslose Fehde, welche sämmtliche Organe der Bourgeoisie sofort gegen Lassalle eröffneten, gab der reaktionären Partei schnell die Witterung davon, daß sich hier eine neue Kraft in der politischen Arena eingefunden hatte, die zum Bundesgenossen zu gewinnen sich wohl verlohnte. Nach einem alten historischen und politischen Gesetz fühlen die extremsten Parteien sich stets zu einander hingezogen, und so kam es, daß alle reaktionären (von Lassalle seitdem als »konservativ« bezeichneten) Organe sich auf seine Seite stellten. Die Liberalen suchten von jetzt an durch das einstimmige Geschrei, daß er die Reaktion stütze und in ihrem Dienst stehe, die Arbeiter von ihm zu entfernen. Das gelang jedoch nur in sehr beschränktem Grade. Zu dieser Zeit lernte Lassalle Bismarck persönlich kennen. Sein erster Besuch bei dem Ministerpräsidenten war, so viel mir bekannt ist, durch das am Schlusse von Lassalle's rheinländischer Rede (»die Feste, die Presse« etc.) abgedruckte Telegramm an Bismarck um Genugthuung für die ihm von den Gensdarmen angethane Gewalt veranlaßt. Bismarck fand, wie er selbst gegen meinen Gewährsmann ausgesprochen, so viel Vergnügen an Lassalle's Unterhaltung und Wesen, daß noch drei bis vier Begegnungen stattfanden. Dies hinderte jedoch in keiner Weise, daß eine Kriminalanklage nach der andern gegen Lassalle angestellt wurde. Zu derselben Zeit empfing Lassalle jedoch noch eine Unterstützung anderer Art, die er aus Klugheitsrücksichten nicht glaubte zurückweisen zu dürfen, die aber durch die Art, wie er sie sich zu Nutze machte, ihn und seine Sache mit Recht in den Augen der frei und ehrlich Denkenden kompromittirte: er ergriff die Hand, welche die Geistlichkeit ihm entgegenstreckte. Sicherlich hat er es nicht gern gethan; Spielhagen hat unzweifelhaft auch in Betreff Lassalle's das Richtige getroffen, wenn er zeigt, wie Leo mit innerem Widerstreben und mühsam überwundenem Ekel am Ende seiner Laufbahn nothgedrungen gemeinschaftliche Sache mit dem hochehrwürdigen Geheimen Rath Urban macht; nichtsdestoweniger hat Lassalle hierdurch einen unauslöschlichen Flecken auf seinen Schild geworfen. Die katholische Geistlichkeit, welche niemals dumm ist und stets den Zeitereignissen aufmerksam folgt, erkannte augenblicklich, daß Popularität und Vortheil dabei zu gewinnen sei, wenn sie Lassalle die ihm gebührende Ehre erwiese und seine Bestrebungen für die Machtstellung der niederen Klassen unterstützte. Es war hierin nichts Zufälliges; es möchte ein lehrreiches Omen für die Zukunft sein. Das allgemeine Wahlrecht scheint logisch in einer unbestimmten Zukunft zur äußersten Demokratie führen zu müssen und die Gefahr liegt nahe, daß die letzte Entscheidung in politischen Sachen den Zahlreichsten unter den Ungebildeten, den Bauern noch viel mehr als den industriellen Arbeitern zufällt. Aber ein solches Regiment ist unter den Kulturverhältnissen der Gegenwart und der nächsten Zukunft in Süddeutschland, Frankreich und anderen südeuropäischen Ländern gleichbedeutend mit der Herrschaft des von den katholischen Pfaffen geleiteten religiösen Fanatismus. Denn während der socialpolitische Agitator zum gemeinen Manne nur von seinen Rechten spricht, pflegt noch jetzt der Pfaffe allein ihm von Pflichten zu sprechen, und nicht die Rechte des Einzelnen, sondern die Pflichten sind das auf die Dauer die Massen vereinigende und bindende Element.

Der Bischof von Mainz, der heutigen Tages so bekannte v. Ketteler, war der Erste, welcher sich offen für ihn aussprach. Und wie stellte sich Lassalle zu diesem neuen Alliirten? Nachdem er in seiner Ronsdorfer Rede mit gewohnter Emphase geltend gemacht hat, daß »die glänzendsten Vertreter deutscher Wissenschaft, die ruhmvollsten Namen, vor denen sich selbst der Staatsanwalt und der Richter in Verehrung verbeugen würden, ihm mündlich und schriftlich die höchste Anerkennung und die begeistertste Sympathie für sein Buch ›Bastiat-Schulze‹ ausgesprochen, fährt er fort: »Ich will Euch aber jetzt einen Beweis vorlegen, der alles Bisherige noch bei weitem übersteigt. Ich werde jetzt einen Namen nennen, der vor jedem rheinischen Gerichtshof nicht mehr mit Verehrung, wie jene anderen Namen, sondern nur mit der höchsten Ehrfurcht wird gehört werden können. Vor Kurzem hat sich Niemand anders, als ein Diener und Fürst der Kirche, der Bischof von Mainz, Freiherr v. Ketteler, in seinem Gewissen gedrungen gesehen, seinerseits das Wort in der Arbeiterfrage zu ergreifen. Es ist dies ein Mann, der am Rhein fast für einen Heiligen gilt, ein Mann, der sich seit langen Jahren mit gelehrten Forschungen abgegeben. Er hat ein Buch veröffentlicht unter dem Titel ›Die Arbeiterfrage und das Christenthum‹, und hier hat er sich Punkt für Punkt für alle meine ökonomischen Sätze und Thesen den Fortschrittlern gegenüber ausgesprochen.«

Daß ein großer Geist aus Politik und Berechnung so tief sinken kann! Wer hätte geglaubt, von Lassalle's Lippen diesen Klimax von Verehrung für die großen Männer der Wissenschaft zur Ehrfurcht vor dem schlauen Pfaffen im Fürstenmantel zu hören! Wer hätte erwartet, Lassalle auf die Unwissenheit des einfältigen Haufens spekuliren zu sehen, der den späteren Vertheidiger des Syllabus, den Vorkämpfer des Obskurantismus und der Verdummung für – einen Heiligen hielt! Was bessert es, daß er hier eine Wendung einschaltet, wie: »Meine Freunde, ich gehöre, wie Euch bekannt ist, nicht zu den Frommen?« Lassalle hatte jenes letzte Stadium der Irritation über Widerstand und Mißgeschick erreicht, in welchem selbst die größten und reinsten Reformatoren der Welt gebrochen worden sind und ihr sittliches Gleichgewicht verloren haben. Ist Renan's Schilderung des Entwicklungsganges in dem Charakter Jesu auch historisch im höchsten Grade unzuverlässig, so behält sie doch ihren Werth als geistvolle und treffende Schilderung einer typischen Reihenfolge von Gemüthszuständen bei Demjenigen, der unter überwältigendem Widerstande eine bestrittene Idee zum Siege zu führen sucht. »Der Messias des neunzehnten Jahrhunderts«, wie Heine Lassalle genannt hatte, erlitt das allgemeine messianische Geschick. Die Symptome herannahenden Unterganges zeigten sich.

Allein unmittelbar vor dem Untergang sollte er noch einen Triumph erleben, einen Triumph, wie er sich ihn immer geträumt hatte, mit rauschenden Beifallsrufen, mit der Begeisterung Tausender und mit kurzem Genusse der Süßigkeit der Macht. Er hatte sich als Agitator gleich im Besitz der merkwürdigsten Gabe gezeigt, die Massen zu gewinnen. Hingebung, Bewunderung, unbedingter Gehorsam, ja fast reine Anbetung waren die Gefühle, welche die Arbeiter für ihn an den Tag legten. Dies ist um so eigenthümlicher, als Lassalle bisher auf keine Weise in steter Verbindung mit Leuten von der Arbeiterklasse gestanden hatte. Doch hatte ein einzelner begabter Arbeiter, Namens Kichniawy, schon in Düsseldorf sein volles Vertrauen besessen, und zu diesem Manne stand Lassalle während seines ganzen Lebens im freundschaftlichen Verhältnisse. Jetzt aber pflanzte sich die Begeisterung für ihn wie ein Lauffeuer fort. Ich habe schon erwähnt, wie er in Frankfurt, ein zweiter Napoleon, die Truppen gewann, die seine Gegner wider ihn ins Feld geführt hatten. Seine Reise durch die Rheinlande, im September 1863 war weniger eine Agitationsreise, als eine großartige Heerschau. Von Stadt zu Stadt hielt Lassalle Revue über seine Anhänger. Als er in Elberfeld sprach, hatte er 3000 Zuhörer, in Solingen 5000 im geschlossenen Raume, und als die Versammlung unter einem Vorwande von den Gensdarmen aufgelöst wurde und diese Lassalle in ihre Mitte nahmen, begleiteten ihn 10 000 Arbeiter unter ununterbrochenen, donnernden Hurrahrufen aus dem Versammlungslokale zur Telegraphenstation, wo er das Vorgefallene an Bismarck telegraphirte. Die liberale Presse des Rheinlands war zum Theil thöricht genug, diese zu einem Triumphzug gewordene Verhaftung so darzustellen, als hätten die Gensdarmen Lassalle zu seiner eigenen Sicherheit begleiten und ihn »mit vorgestecktem Bajonett gegen das mit Verwünschungen auf ihn eindringende Volk schützen müssen«. Eine derartige Lüge mußte ihre Wirkung auf die zugegen gewesenen Zuschauer verfehlen, und diente nur dazu, jene Hingebung der Entrüstung hervor zu rufen, welche der Lohn und Ersatz des mit solchen Waffen Bekämpften ist. Alle Ovationen jener ersten Heerschau verschwinden jedoch im Vergleich mit den Triumphen, die Lassalle einerntete, als er im Frühjahre 1864 wieder die Rheinlande durchzog und selber zum ersten und letzten Mal den Stiftungstag des Allgemeinen deutschen Arbeiter-Vereins feierte. Es schadete wenig, daß man fast überall die vom Verein gemietheten Lokale geschlossen fand, da die Polizei unter verschiedenen unzweideutigen Drohungen die Wirthe veranlaßt hatte, ihr Wort zu brechen. Man fand mit Leichtigkeit andere Lokale. Ueberall dasselbe Schauspiel: Hunderte von Arbeitern empfingen ihn auf allen Bahnhöfen, ja, begrüßten ihn auf verschiedenen Stationen, begleiteten ihn in Procession zu seiner mit Kränzen und Blumensträußen geschmückten Wohnung und überreichten ihm Ehrengeschenke. In allen Städten, auf allen Wegen Serenaden, Ehrenpforten, Guirlanden, Inschriften, Hurrahrufe ohne Ende, tausendstimmiges Jubelgeschrei. Alte und junge Arbeiter drängten sich, wo er sich zeigte, um seinen immer auf's Neue mit Blumen bedeckten, mit Kränzen und Fahnen geschmückten Wagen, um einen Händedruck oder Gruß von ihm zu erhaschen. Bisweilen folgten ihm an fünfundzwanzig bekränzte Wagen als Ehrengeleite. Um einen genauen Eindruck der Stimmung zu geben, citire ich den Auszug eines aus Ronsdorf, den 23. Mai, datirten Zeitungsberichtes:

»So wie die Wagenburg sich der Ronsdorfer Grenze näherte, konnte man schon aus der Ferne gewahren, daß Alt und Jung auf den Beinen war; denn Kopf an Kopf war die Höhe besetzt. An der Grenze befand sich wieder eine Guirlande mit einem Kranze, der die Inschrift trug:

Willkommen dem Dr. Ferdinand Lassalle
Viel tausendmal im Ronsdorfer Thal!

Mit solchen Guirlanden und Kranzinschriften war überhaupt der ganze Weg reichlich versehen. An der Grenze wurde der Präsidentenwagen, der durch seine Ausschmückung und durch das Transparent »Seid einig!« kenntlich war, plötzlich durch einen Blumenregen überrascht. Arbeiterjungfrauen waren es, die mit schelmischem und sicherem Wurfe plötzlich die Blumen ausgesandt hatten. Hier standen auch die dichten Massen der Solinger und Wermelskircher Arbeiter aufgestellt, um den Präsidenten zu empfangen und sich dem Zuge anzuschließen. Den großen Jubel zu beschreiben, ist kaum möglich. Das Grüßen und die Zurufe nahmen kein Ende bis nach Ronsdorf. Als dann der Weg mit einer Biegung der Chaussee abschüssig ging, bot sich ein höchst interessanter Anblick dar, denn die Masse Volks, welche zum Empfang hinausgeströmt war, suchte jetzt mit dem bergab rollenden Wagen gleichen Schritt zu halten, und stürzte im Galopp theils auf einem Seitenwege, theils auf der Chaussee selbst dem raschen Wagenzuge nach. Und so groß war der Eifer und die Begeisterung, daß auch die Meisten zu gleicher Zeit mit dem Wagen in Ronsdorf eintrafen.«

Man ist an derlei Berichte über die Reisen fürstlicher Personen oder höchster Staatsbeamten gewöhnt, wo die verschiedenartigsten Gefühle, wie unterthänige Loyalität, Beförderungshoffnungen, die Furcht vor Verweisen, die Angst, nicht bemerkt zu werden, leicht der Begeisterung einen Hochdruck geben; aber so spontane Bezeugungen der Dankbarkeit und Begeisterung, wie die hier angeführten, sind bei den ruhigen nördlichen Nationen selten.

Die Rede, welche Lassalle jetzt zum Andenken an den Stiftungstag des Arbeitervereins unter rauschendem Beifall hielt, entsprach denn auch der frohen Stimmung rings um ihn her. Es ist ein ausführlicher und stolzer Rückblick auf die erreichten Resultate, die rasche Verbreitung, das bereitwillige Entgegenkommen des Arbeiterstandes, welche der Verein in allen deutschen Städten und Ländern, von den größten bis zu den kleinsten gefunden, und nachdem Lassalle, wie schon erwähnt, sich noch auf die Zeugnisse der größten Gelehrten und des hochwürdigen Bischofs für seine Sache berufen hat, verweilt er noch mit Emphase bei der Thatsache, daß König Wilhelm I., dessen Vorgänger 1844 die Bajonette gegen die schlesischen Weber kreuzen ließ, dieser Tage eine Weberdeputation aus Schlesien huldreich aufgenommen und ihr direkt versprochen habe, die traurige Lage der Arbeiter in den Tuchfabriken in Betracht zu ziehen. Die Rede Lassalle's kulminirt in dem Ausrufe: »Die Arbeiter, das Volk, die Gelehrten, die Bischöfe, den König haben wir gezwungen, Zeugnis abzulegen für die Wahrheit unserer Grundsätze!«

In dem Augenblick, als Lassalle diese Worte ausrief, stand er auf der Höhe seines Lebens und seiner Macht. Die Worte waren Wahrheit, und diese Wahrheit war eine Macht. »Wohin ich gekommen bin«, sagt er, »überall habe ich von den Arbeitern Worte gehört, die sich in dem Satze zusammen fassen: Wir müssen unserer Aller Willen in einen einzigen Hammer zusammen schmieden und diesen Hammer in die Hände eines Mannes legen, zu dessen Intelligenz, Charakter und gutem Willen wir das nöthige Vertrauen haben, damit er aufschlagen könne mit diesem Hammer«, und kraft der Diktatur der Einsicht hielt er jetzt diesen schweren Hammer in seiner Hand, so glücklich darüber, die Wucht desselben zu fühlen, wie der Gott Thor, als er nach langer Entbehrung wieder seinen Mjölnir in der Hand wiegte. Er hatte, wie der Gott, jetzt das Begehrte und die Waffe errungen, ohne welche er nicht ganz er selber war. Einen Augenblick schwang er sie mit Jubel, als stünde er am Ziele, während er in Gedanken gewiß sein seltsam umhergeschleudertes Leben überblickte, dies Leben, von welchem er zwei ganze Jahre in Gefängnissen verbracht hatte, dies Leben, das fünf neue Kriminalprocesse jetzt zugleich bedrohten, ein Leben, das wie Feuer und Sturm gewesen war, aber doch mit einer unsichtbaren Harmonie, einer Harmonie von dem Schwirren des Bogenstrangs und den Tönen der Leier, – und sein Herz schwoll bei den begeisterten Rufen der dankbaren und hingerissenen Schaar. In demselben Augenblick aber wandte sich das Bild vor seinen Blicken; alle Sorgen, die er seinen Zuhörern gegenüber zurückgedrängt, das drückende Gefühl der Verantwortlichkeit, die drohenden Gefahren und mißlungenen Versuche, die Schlaffheit, der Unwille, der Haß, der Neid, die Roheit, die Gewalt mit denen er zu kämpfen hatte, traten riesengroß vor sein inneres Auge. Das war die Kehrseite der Medaille. Am Tage zuvor hatte ihn die Nachricht erreicht, daß er wiederum in contumaciam zu vier Monaten Gefängniß verurtheilt worden sei, und er wußte, daß das rheinische Gerichtspersonal fast ganz aus Mitgliedern der ihm feindseligen Fortschrittspartei bestand. Er wußte ferner, – daß der Zustand des Arbeitervereins lange nicht so glänzend war, wie er es für klug befand, ihn den wärmsten Freunden desselben zu schildern, und wie er ihn in sanguinischen Augenblicken ansah. Der Verein zehrte Lassalle's Lebenskraft und Vermögen auf, und nahm doch nicht entfernt den erwarteten Fortgang. Bitter klagte er zu dieser Zeit in seinen Briefen, wie ganz anders Alles sein könnte, »wenn die Arbeiter ihre Pflicht gethan hätten,« und wohl wußte er, daß seine Feinde unendlich viel thätiger waren, als seine Freunde. Was Wunder, daß auch der Gedanke an Tod und Untergang in diesem inspirirten und sonnigen Augenblick in seinem Innern emporstieg! Er schließt diese letzte Rede an seine Anhänger mit den Worten: »Nun, ich denke dieser beiden Verurtheilungen noch Herr zu werden, wie schon so vieler anderen. Wie stark aber auch einer sei, einer gewissen Erbitterung gegenüber ist er verloren! Das kümmert mich wenig. Ich habe, wie Ihr denken könnt, dieses Banner nicht ergriffen, ohne ganz genau voraus zu wissen, daß ich dabei persönlich zu Grunde gehen kann. (Große allgemeine Aufregung in der Versammlung). Die Gefühle, die mich bei dem Gedanken, daß ich persönlich beseitigt werden kann, durchdringen, kann ich nicht besser zusammen fassen, als in die Worte des römischen Dichters:

Exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor!

zu Deutsch: Möge, wenn ich beseitigt werde, irgend ein Rächer und Nachfolger aus meinen Gebeinen auferstehen! Möge mit meiner Person diese gewaltige und nationale Kulturbewegung nicht zu Grunde gehen, sondern die Feuersbrunst, die ich entzündet, weiter und weiter fressen, so lange ein Einziger noch von Euch athmet! Das versprecht mir, und zum Zeichen dessen hebt Eure Rechte empor!«

Man sollte glauben, Lassalle hätte, als er diese Worte sprach, eine deutliche Ahnung davon gehabt, daß er selbst drei Monate nachher eine Leiche sein werde. Seine Todtenfeier ward überall von seinen Angehörigen mit einem fanatischen Schmerz und einer Wehklage begangen, als sei ein Heiland gestorben. Was er jedoch wenig ahnte, war, daß, wenn diese »nationale« Bewegung auch nicht mit ihm starb, sie doch als national und monarchisch starb, daß der internationale republikanische Socialismus innerhalb weniger Jahre, die von ihm begonnene Bewegung verschlungen, und ein internationaler Verein sich den von seinen Anhängern und seiner Schule gebildeten angeeignet haben sollte.

Noch ein paar Mal mußte er mit gebrochener Gesundheit in dem gegen ihn zu Düsseldorf anhängig gemachten Processe öffentlich als Redner auftreten. Umsonst machte er, der, ich weiß nicht wie viele gerichtliche Anklagen »wie Glas« zerbrochen hatte, eine letzte Anstrengung, um sich seine Freiheit zu erkämpfen. Das Gericht verurteilte ihn in zweiter Instanz zu sechs Monaten Gefängniß. – Ermattet an Seel' und Leib, begab er sich im Juli an seinen gewöhnlichen Badeaufenthalt Rigi-Kaltbad, und während er hier, wieder mit Arbeit überbürdet, aber mit einer großen Natur vor Augen, seine erschütterte Gesundheit herzustellen suchte, ereilte ihn das Verhängniß, das sein Tod ward.

7.

Ich habe gesagt, daß er die Fruchtlosigkeit seiner Bestrebungen für den Augenblick empfand. Die Gräfin Hatzfeld hatte ihm geschrieben: »Können Sie sich nicht auf einige Zeit in Wissenschaft, Freundschaft und schöner Natur genügen?« Er antwortete vom Rigi am 28. Juli: »Sie meinen, ich müsse Politik haben. Ach, wie wenig Sie au fait mit mir sind! Ich wünschte Nichts sehnlicher, als die ganze Politik los zu werden, um mich in Wissenschaft, Freundschaft und Natur zurück zu ziehen. Ich bin der Politik müde und satt. Zwar würde ich so leidenschaftlich wie je für dieselbe entflammen, wenn ernste Ereignisse da wären, oder wenn ich die Macht hätte, oder ein Mittel sähe, sie zu erobern – ein solches Mittel, das sich für mich schickt; denn ohne höchste Macht läßt sich Nichts machen. Zum Kinderspiel aber bin ich zu alt und zu groß. Darum habe ich höchst ungern das Präsidium übernommen. Ich gab nur Ihnen nach. Darum drückt es mich jetzt gewaltig. Wenn ich es los wäre, jetzt wäre der Moment, wo ich entschlossen wäre, mit Ihnen nach Neapel zu ziehen. Aber wie es los werden?!« Bernh. Becker, Enthüllungen über das tragische Lebensende Ferd. Lassalle's, S. 28. Die Echtheit der in diesem gemeinen und schmutzigen Pamphlet abgedruckten Briefe ist unbestritten. Einzelheiten sind jedoch an vielen Stellen hinzugefügt, und die Möglichkeit einzelner Fälschungen ist bei solchen unbefugter Weise genommenen Abschriften nicht ausgeschlossen. Das ist nicht die Sprache, welche man zwei Monate nach der Ronsdorfer Rede zu hören erwartete. Aber es ist die Sprache der Ermüdung und Ueberanstrengung. – Drei Tage vor diesem Schreiben hatte Lassalle auf Rigi-Kaltbad einen Besuch von der jungen Dame empfangen, welche die Katastrophe in seinem Leben hervorrufen sollte. Diese Katastrophe, deren sich die gemeine Skandalsucht so ausführlich bemächtigt hat, soll hier nur geschildert werden, in so weit sie aus Lassalle's Charakter hervorgeht und sich durch denselben erklärt.

Lassalle hat in seiner früheren Jugend kein ihm an Alter und Entwicklung ebenbürtiges Weib getroffen, dem er sein Herz ganz hätte schenken können. Er war den Frauen gegenüber, wie es scheint, eroberungssüchtig, unbeständig, war für den Augenblick hingerissen, und empfänglicher für die Triumphe der Eitelkeit, als für die Eindrücke des Herzens. Die junge Dame, welche ihm jetzt so stark entgegen kam, hatte ihn schon längere Zeit in Berlin gekannt, und Beide zeigten sich damals – wenigstens flüchtig – von einander eingenommen. Gleich nach der ersten Begegnung in der Schweiz beschließt Lassalle, um die Hand der jungen Dame anzuhalten, und theilt der Gräfin seinen Vorsatz mit. In seiner Antwort auf ihren abrathenden Brief heißt es: »Wenn Sie in ihrem Briefe sagen, ich sollte doch bedenken, daß ich so eben erst sterblich in eine Andere verliebt war, so entgegne ich, daß erstens ›sterblich verliebt‹ sein bei mir zunächst überhaupt gar kein Begriff ist; sodann aber ... ist es wirklich ein nicht geringes Glück, in einem Alter von doch schon 39½ Jahren ein Weib zu finden, so schön, von so freier und zu mir passender Persönlichkeit, ferner, das mich so liebt, und endlich, was bei mir absolute Nothwendigkeit, ganz in meinem Willen aufgeht.« Man sieht, daß Lassalle in diesem Briefe (vom 2. August) dies Thema (allerdings der Gräfin gegenüber) noch mit relativer Ruhe und Kälte behandelt. Allein schon am folgenden Tage trat ein Ereigniß ein, das eine entscheidende Wendung sowohl in den Gefühlen Lassalle's wie in denen der jungen Dame hervorrief, und dadurch verhängnißvoll wie kein früheres Ereigniß in Lassalle's Leben ward. Fräulein Helene v. Dönniges war die Tochter eines bairischen Diplomaten und Gesandten. Als sie ihre Eltern um deren Einwilligung in ihre Verlobung mit einem Manne bat, der wie Lassalle, auf dem Kriegsfuße mit allen Autoritäten stand, und von der vornehmen Welt wie eine Art Räuberhauptmann betrachtet ward, in dessen Vergangenheit eine Anklage wegen Diebstahls verzeichnet war, antworteten Diese damit, aufs bestimmteste ihre Einwilligung zu einer Verbindung zu versagen, die nach ihrer Ansicht nicht glücklich ausfallen konnte. In ihrer Verzweiflung und durch Lassalle's äußerst determinirte Pläne und Vorschläge erhitzt, verläßt das junge Mädchen das elterliche Haus, eilt zu Lassalle, stürzt in sein Zimmer, giebt sich ganz in seine Gewalt und bittet ihn, sie als sein Weib zu entführen, da sie nicht auf andere Weise sein Weib werden könne. In diesem einen Augenblick seines Lebens war Lassalle nicht Lassalle, nicht er selbst, und Das verzieh er sich niemals. Einerlei, was die psychologisch-physiologische Ursache war, er handelte zum ersten Mal in seinem Leben unentschlossen, spießbürgerlich, konventionell; statt Fräulein v. Dönniges zu entführen, bot er ihr den Arm und führte sie zu ihren Eltern zurück, um auf gesetzliche und bürgerliche Weise um ihre Hand zu werben. Man schloß die junge Dame einige Tage ein, und als Lassalle entdeckte, daß ihm der Zutritt zu ihr versperrt sei, brach seine Verzweiflung über Das, was er seine »Gimpelei« nannte, aus, und zugleich entstand mit dem hartnäckigsten Vorsatze, jetzt Helenen, es koste, was es wolle, zu erobern, eine durch die Schwierigkeiten künstlich zum Aeußersten erhitzte Verliebtheit, deren Stärke ausschließlich auf dem Groll über sich selbst zu beruhen scheint, durch eine schwächliche und spießbürgerlich rechtschaffene Handlung ein Glück, das ihm in die Arme flog, verscherzt zu haben. Während aber Lassalle's Leidenschaft unter dem Eindruck des Vorgefallenen auf den Siedepunkt stieg, war durch eine psychologisch leicht verständliche Konsequenz das Gefühl des jungen Mädchens immer tiefer gesunken. Sie hatte Alles auf Eine Karte gesetzt, sie, die Willensschwache, hatte sich ganz hingegeben und mit einer, ihrem Wesen und ihrer Jugend nicht natürlichen Entschlossenheit gehandelt. Und man war ihrer auf den höchsten Punkt gestiegenen Leidenschaft mit Vernunftserwägungen begegnet. Es war also nicht zu verwundern, daß ihre glühende Schwärmerei für Den, welchen sie ihren »schönen, herrlichen Adler« genannt hatte, ebenfalls Vernunftrücksichten wich von dem Augenblick an, wo der Adler sich in einen gewöhnlichen zahmen Vogel zu verwandeln schien. Sie gab schon am 4. August eine Erklärung, daß sie sich von Lassalle lossage, ab, welche Diesem überbracht ward. Lassalle, der eher alles Andere glauben konnte, als daß die Leidenschaft der jungen Dame für ihn, jetzt, da die seinige für sie bis zum Wahnsinn gestiegen war, erloschen sei, betrachtete die Erklärung als erzwungen, nahm an, daß seine Braut eingesperrt und mißhandelt werde, bestach das Gesinde, um sich mit ihr in Verbindung zu setzen, entwarf juristische Erklärungen, worin sie sich von der Vormundschaft ihres Vaters lossagte, u. s. w., kurz, setzte Himmel und Erde in Bewegung. Bei seiner Vorliebe für die Anwendung gewaltsamer Mittel, selbst, wo gelinde mehr Aussicht geboten hätten, versuchte er durch den Minister, welcher der Vorgesetzte des Herrn v. Dönniges war, bedrohend und einschüchternd auf Denselben einzuwirken, telegraphirte nach Ost und West an seine Freunde, ließ sie mit Herrn v. Dönniges, mit Fräulein v. Dönniges, mit der Dienerschaft des Hauses verhandeln, und sandte die Gräfin v. Hatzfeldt mit der Anfrage zum Bischof v. Ketteler, ob Dieser erbötig sei, Lassalle mit Helenen zu trauen, falls er zur katholischen Religion übertrete, obgleich er nicht verhehlen wolle, daß die Ursache dazu minder seine Ueberzeugung von der Wahrheit des Katholicismus, als der Umstand sei, daß Helene sich zu dieser Konfession bekenne. (In Wirklichkeit war sie protestantisch, aber so hitzig handelte Lassalle, daß er sich nicht einmal Zeit ließ, diesen Umstand zu ermitteln.) Tausend Pläne durchkreuzten sein überreiztes Hirn, während sein stolzes Herz sich immer wieder unter dem Gefühle wand, daß möglicherweise doch Alles an einer wirklichen Veränderung der Gefühle der jungen Dame scheitern könne, – bis kein Zweifel mehr möglich war, da Fräulein v. Dönniges in Gegenwart ihres Vaters und der Freunde Lassalle's auf das Nachdrücklichste erklärte, daß sie ihre Beziehungen zu Lassalle als beendigt ansehe und kein weiteres Gespräch mit ihm darüber wünsche. Zugleich erfuhr er, daß ihr früherer Verlobter, Herr Janko v. Rackowitz, angekommen sei, und daß ihre Vermählung mit ihm beschleunigt werde.

So lange er nur noch einen Zweifel an dem Umschlag in Helenens Gefühlen hegte, war Lassalle völlig zerrissen und verzweifelt. Nicht ein Mal, sondern häufig findet man in seinen Briefen an die Gräfin Worte wie folgende: »Ich bin so unglücklich, daß ich weine, seit fünfzehn Jahren zum ersten Mal! – Sie sind die Einzige, die weiß, was es heißt, wenn ich Eiserner mich unter Thränen winde wie ein Wurm!« Und an Helenen schreibt er: »Ich leide stündlich tausendfachen Tod.« Das Wort »Tod« kommt fast in all' seinen Briefen vor. Lassalle hat das bestimmte Gefühl gehabt: wenn er in dieser Angelegenheit gedemüthigt und geschlagen werde, sei er vernichtet, sein Stolz geknickt, das Selbstgefühl, das ihn unter so vielen harten Kämpfen aufrecht erhalten, gebrochen, und sein Glaube an »seine Sterne« für alle Zeit erloschen. Man beurtheilt ihn zu hart, wenn man die Hauptursache seines Untergangs in einer tödtlich verletzten Eitelkeit sieht. Sein Glaube an andere Menschen, sein Selbstvertrauen war mit demselben Schlage in dem Augenblick gebrochen, wo er die so leidenschaftlich Erstrebte für treulos halten mußte. Es heißt in seinen Briefen (Becker, Enthüllungen etc., S. 71): »Kurz, gehe ich jetzt zu Grunde, so ist es nicht mehr an der brutalen Gewalt, die ich so oft gebrochen habe, sondern an dem grenzenlosen Verrath, an dem unerhörtesten Wankelmuth und Leichtsinn eines Weibes, das ich weit über alles Maaß des Erlaubten hinaus liebe«, und an einer anderen Stelle (ebendaselbst, S. 74) sagt er: »Ich falle dann mit ihrem und durch ihren Willen, ein furchtbares Denkmal davon, daß ein Mann sich nie an ein Weib ketten soll. Ich falle dann durch den entsetzlichsten Verrath, die schnödeste Felonie, welche die allsehende Sonne je geschaut hat«. Die Erbitterung über »das grenzenlose Ridicule«, das auf Lassalle fallen würde, als auf einen Menschen, der ein ganzes Ministerium eines Mädchens halber, das Nichts von ihm wissen wollte, in Bewegung gesetzt, hat ihren Theil au diesen übertriebenen und von der äußersten Verzweiflung eingegebenen Ausbrüchen. Aber, er würde nicht von »Untergang« und »Tod« geredet haben, wenn nicht die Lebenskraft in ihm einen Stoß erlitten, wenn nicht er selbst sein Ich aus den Händen verloren hätte.

So bald die peinliche Ungewißheit endgültiger Gewißheit Platz gemacht hatte, schickte Lassalle eine Herausforderung an Herrn v. Dönniges und ein Billet an Herrn v. Rackowitz, das nothwendig Diesen zu einer Herausforderung aufreizen mußte. Da Herr v. Dönniges den Schauplatz dieses Dramas, Genf, schleunigst verließ, wurde die Herausforderung, welche Lassalle von dem beleidigten Bräutigam als Antwort empfing, die entscheidende. Ein Duell auf Pistolen wurde von den Sekundanten verabredet. Hier die Duellbedingungen:

Punktation.

Fünfzehn Schritt fester Stand. – Schuß innerhalb 20 Sekunden, markirt durch 1, 2, 3, Anfang, Mitte und Ende. – Glatte Pistolen mit Visir und Korn. – Haltung beliebig. – Drei Kugeln pro Mann. – Versagen gilt für Schuß. – Jedesmal ladet derselbe Sekundant beide Pistolen; Sekundanten loosen um die Reihe des Ladens. – Graf Kayserlingk und Herr Dr. Arndt besorgen den Arzt. – Rendezvous: Omnibus-Halteplatz in Carrouge 7½ Morgens, 28. August. – R. 1, A. 2, B. 3. – Jeder Duellant hat in Händen seiner Sekundanten einen Revers, daß er sich selbst erschossen hat, für vorkommende Fälle.

Gregor Graf Bethlen. – W. Rüstow, Oberst-Brigadier. – Graf Eugen Kayserlingk. – Dr. Wilh. Arndt.

Lassalle's Sekundant und intimer Freund, der als Kriegshistoriker bekannte Oberst Rüstow, erzählt, daß er am Mittag den 27., als er im Viktoria Hotel Lassalle diese Abrede mittheilte, ihn inständig aufforderte, sich etwas einzuschießen, und ihm einen Ort angab, wo er Gelegenheit dazu habe. Lassalle erklärte das aber für »dummes Zeug«. Sein Gegner war anderer Ansicht, er feuerte an diesem Nachmittag auf dem Schützenstand 150 Uebungsschüsse ab. Ich citire ein Paar Seiten des Rüstow'schen Berichtes über den verhängnißvollen Morgen:

»Um Mitternacht ging ich in Lassalle's Zimmer zu Bette. Schon um drei Uhr des andern Morgens stand ich auf und eilte, nachdem ich mich angekleidet, in meine Wohnung, wo ich mehrere Kleinigkeiten zu holen hatte. Von da ging ich zum Büchsenschmied, fand ihn um vier Uhr bei der Arbeit (eine gesprungene Pistolenfeder zu repariren), nahm gleich die Pistole mit und kehrte ins Viktoria-Hotel zurück. Um fünf Uhr weckte ich Lassalle, der sanft schlief. Zufällig sah er gleich die Pistole. Er ergriff sie, fiel mir um den Hals und sagte: »Da habe ich ja gerade, was für mich paßt!« – Wir fuhren nach Carrouge. Unterwegs hatte mich Lassalle wiederholt gebeten, ich möge doch machen, daß das Duell auf französischem Boden stattfinde, damit er doch in Genf bleiben und die Angelegenheit mit dem alten »Ausreißer« erledigen könnte. So sehr ich mich über seine Sicherheit freute, war mir Das doch etwas zu arg. Ich bemerkte ihm, daß er auf der Mensur nicht allein stehe, und daß jede Kugel treffen könne; man dürfe einen Gegner nie verachten. Aber meine Worte machten keinen Eindruck.

Vor sieben Uhr waren wir in Carrouge, und da die Gegenpartei noch nicht angekommen war, warteten wir. Lassalle, der nicht die geringste Aufregung verrieth, trank eine Tasse Thee. Um 7½ Uhr kamen die Andern. Sie hatten Dr. Seiler bei sich, der einen passenden Ort kannte. Sie fuhren voraus und wir folgten ... In der Nähe des Platzes, den Dr. Seiler im Auge hatte, stiegen wir aus und gingen durch das Gebüsch, bis wir an Ort und Stelle waren.

Ich wurde durch das Loos bestimmt, für den ersten Schuß zu laden und das Kommando zu geben.

Die Parteien wurden nun auf die Mensur gestellt, während ich lud. Man ermahnte mich von mehreren Seiten, ja recht accentuirt und laut zu kommandiren; dieser Ermahnung bedurfte es natürlich nicht. Für jeden Schuß waren zwanzig Sekunden bestimmt, welche von dem ladenden Sekundanten dadurch zu markiren waren, daß er beim Anfang 1, bei zehn Sekunden 2, bei zwanzig Sekunden 3 kommandirte. Ich beobachtete die Vorsicht, vorher noch »Achtung« zu rufen.

Ich gab das Kommando 1. Kaum fünf Sekunden nachher fiel der erste Schuß, und zwar von Seiten des Herrn von Rackowitz. Unmittelbar nachher, es verging nicht eine Sekunde, antwortete Lassalle.

Er schoß vorbei, er hatte den Tod schon im Leibe. Es war ein Wunder, daß er überhaupt noch hatte schießen können.

Nachdem er gefeuert, trat er unwillkürlich zwei Schritte links. Nun erst hörte ich – denn ich hatte auf die Uhr sehen müssen, – wie Jemand, (ich weiß nicht, war es General Bethlen oder Dr. Seiler) fragte: »Sind Sie verwundet?«

Darauf antwortete Lassalle: »Ja.«

Wir führten ihn nun sogleich auf eine Decke, wo man ihn niederlegte und den ersten Verband anlegte.

Während die Gegenpartei sich entfernte, führten Dr. Seiler und ich Lassalle zu einer Kutsche und halfen ihm hinein. Wir Beide fuhren mit ihm und unterstützen ihn unterwegs, so gut es ging ... Ich ließ den Kutscher die Wege einschlagen, wo es kein Pflaster gab. Nur zweihundert Schritte weit hatten wir über Steine zu fahren. Lassalle war unterwegs sehr still; nur als wir über das holprige Steinpflaster kamen, sprach er von dem Schmerze, den ihm die Wunde verursache, und fragte, ob wir bald zu Hause seien.«

Mit sicherem Schritt ging er trotz seiner Schmerzen die Hoteltreppe hinan, um die Gräfin Hatzfeldt, welche auf den Ausgang des Duells harrte, nicht zu erschrecken. Noch bis zum dritten Tage lag er in Schmerzen hin, die man durch Opium zu betäuben suchte. Daß die Wunde tödtlich sei, war vom ersten Augenblick an außer Zweifel. Er verschied am 31. August.

8.

Ein so trauriger und unschöner, ja unwürdiger Tod endete ein Leben, das so groß angelegt und so thatenreich war. Und doch war dieser Tod kein Zufall. Wenn irgend jemals, so gilt es hier, daß der Charakter des Helden sein Schicksal war. Er verdankte sich selbst, keinem äußeren Beistande, Alles, was er im Leben erreicht und vollbracht hatte, und er war selbst seines Unglückes Schmied, er stürzte sich wie mit Absicht ins Verderben. Die Zeilen, welche man auf der Brust des Verwundeten fand:

»Ich erkläre hiermit, daß ich selbst es bin, welcher seinem Leben ein Ende gemacht hat.

28. August 64.
F. Lassalle

diese Zeilen, die letzten, die er geschrieben, und deren Bestimmung es war, eine unschuldige Unwahrheit auszusagen, welche einen Gegner decken konnte, enthalten eine höhere Wahrheit und sprechen Lassalle's ganze Schuld aus. Er selbst allein konnte auf so unwürdige Weise ein Leben zerbrechen, dem er selbst eine so große Bedeutung gegeben und eine so große Verantwortlichkeit auferlegt hatte. Das Unreine, das Problematische in seinem Charakter, welches bewirkte, daß er, wie sehr er sonst aus Einem Gusse war, doch nicht ganz in seiner Sache und seiner Idee aufging, Das war es, was ihn zu Grunde richtete.

Er erlebte es nicht, einen einzigen der Gedanken, für die er gekämpft hatte, verwirklicht zu sehen. Sein Grab liegt am Eingange des blutigen Weges, auf welchem das neue Deutschland mit ungestümer Kraft einem Ziele zugeschritten ist, das unter vielen Anderen auch er im Auge hatte, – seine Einheit und Macht, – das aber durch Mittel erreicht ward, die er wie kein Anderer, anzuweisen Temperament und Intelligenz genug besessen hatte. Es kommt mir wahrscheinlich vor, daß er (wie sein Freund Lothar Bucher) sich in politischer Hinsicht eng an Fürst Bismarck angeschlossen hätte, wenn er noch lebte. In socialer Hinsicht dagegen würde er große Ansprüche an die Regierung gestellt haben, Ansprüche, denen entgegen zu kommen diese nicht zu beabsichtigen scheint. Bis jetzt hat Bismarck auf staatswirthschaftlichem Felde nicht so rücksichtslose Umwälzungen unternommen, wie in der Politik und in der kirchlichen Frage. Auch faßt er jedenfalls nur ein Ziel zur Zeit ins Auge. So viel jedoch ist gewiß, daß die Kälte der preußischen Regierung gegenüber der brennenden socialen Frage mehr als alles Andere dazu beigetragen hat, Lassalle's nationalen Socialismus zu verdrängen, indem die Bedingung fortfiel, welche demselben die Ueberlegenheit sicherte: die leichtere Durchführbarkeit. Noch mehrere Jahre nach Lassalle's Tode stimmten seine Anhänger, wenn sie keinen ihrer eigenen Kandidaten durchzusetzen vermochten, lieber für einen Konservativen, als für ein Mitglied der Marx-Bebel-'schen Partei. So trennten nur unbedeutende persönliche Fragen die beiden socialdemokratischen Gruppen, und man stimmte im Lassalle'schen Arbeiterverein immer, wenn man die Wahl zwischen mehreren hatte, für den politisch radikalsten Kandidaten. Und jetzt sind die beiden Vereine mit einander verschmolzen.

Der Gedanke, welche Zukunft Lassalle würde vorbehalten gewesen sein, wenn er nicht in seinem kräftigsten Alter dahingerafft worden wäre, ist müßig und leer. Jeder trägt in der Geschichte nur den Stempel Dessen, was er gethan und was er gewesen, und Lassalle's Stempel ist deutlicher ausgeprägt, als der jedes Andern.

Wir lernen in der deutschen Litteratur dieses Jahrhunderts Vergl. Brandes, die Hauptströmungen der Litteratur des 19. Jahrhunderts 5 Bände Verlag von H. Barsdorf in Leipzig. drei verschiedene auf einander folgende Geschlechter von Geistern kennen: zuerst die Romantiker, welche das Leben der Gegenwart und die äußere Wirklichkeit fliehen, um die Armuth des äußerlichen Lebens in einer erdichteten Welt zu vergessen; – dann erstehen um die Zeit der Julirevolution die ersten poetisch-politischen Geister, welche, wie Heine und Börne, die Emancipation des Menschengeschlechts von den politischen und konventionellen Fesseln jeglicher Art erstreben, und welche in unbestimmter Allgemeinheit ein Feldgeschrei für die ganze Menschheit bei ihrem Freiheitskampfe wider den Druck der Staatsreligion und des Absolutismus ausgeben. Das »junge Deutschland« setzt diesen mehr humanen als politischen Radikalismus fort. Bei den Hegelianern der Linken, wie dem talentvollen Ruge, bei Dichtern wie Gutzkow, Herwegh, Prutz, Freiligrath, Moritz Hartmann, bei Rednern wie Kinkel behält die Opposition wider das Bestehende, übrigens von reichen poetischen, philosophischen oder oratorischen Gaben getragen, das ideologische oder doktrinäre Element, welches die Gruppe von Freiheitsmännern charakterisirt, die man in Deutschland heut zu Tage die »vormärzlichen« zu nennen pflegt; – dann folgt das dritte, jetztlebende, machtliebende Geschlecht, bei dem das lyrische und ideologische Element verdampft und dessen Kennzeichen ein praktischer, fast brutaler Realismus auf einer breiten, gelehrten theoretischen Grundlage ist, das Geschlecht, welches Bismarck mit dem Prägstocke seines Geistes gestempelt, und welches jetzt ihm gegenüber eine Bewegung unternommen hat, die nicht ohne Analogie mit derjenigen ist, welche die französischen Republikaner von 1793 dem Genie Napoleon's I. gegenüber unternahmen.

Allein ohne Bismarck's Thaten zu erleben, unbeeinflußt von Bismarck's Geiste, zeigte Lassalle, obwohl auch er von 1848 stammt, das ganze geistige Gepräge des neuen Deutschlands: völlige Freiheit von doktrinären Reminiscenzen, den schärfsten Blick für alles Reale, praktische Begabung, auf wissenschaftlicher Kenntniß begründet. Und was die sociale Frage betrifft, so hat er eine geistige Bewegung hervorgerufen und Aufgaben angedeutet, mit deren Lösung die Urgroßkinder der jetztlebenden Generation sich noch abquälen werden, und ist insofern nicht nur ein Geist der Gegenwart, sondern der Zukunft.

Ausgerüstet war er von der Hand der Natur mit guten und großen Gaben, mit Willenskraft wie ein Spartaner, mit Intelligenz und Beredsamkeit wie ein Jüngling aus dem alten Athen. Bogen und Leier! Aber aus der Harmonie zwischen diesen großen Gaben erwuchs nur eine unvollständige persönliche Durchbildung. Ein ungeläuterter Bodensatz von Eitelkeit und Uebermuth, ein »Hybris,« wie die Griechen es nannten, blieb zurück. Und dieser Uebermuth stürzte ihn. Die Verhältnisse gewährten seinen Gaben nur theoretisch, nicht praktisch den Spielraum, den sie verlangten. Er war sein ganzes Leben hindurch – in der Freiheit wie im Gefängnisse – ein Adler in einem Käfig. So stieg und stieg die gereizte Willenskraft in überspannter Stärke, bis sie die übrigen Gaben verdrängte und das Gleichgewicht seines Wesens zerstörte. Die Krankheit, die ihn tödtete, war ein zu trotziger Wille, wie andere an einem zu großen Herzen sterben. Aber der Wille oder das Selbstgefühl, dessen Uebermaß ihn tödtete, war zugleich das Princip, das ihn sein Leben hindurch aufrecht erhielt. Er steht in der Geschichte als ein Willensdenkmal da. Die Romantiker hatten ihrem Selbstgefühl in der willkürlichsten Laune Luft gemacht, die politisch-revolutionären Dichter hatten ihr Selbstgefühl in einem zerstreuten und planlosen Emancipationsgeplänkel befriedigt, Lassalle's Selbstgefühl trieb ihn dazu, seiner Zeit ein großes und unvergeßliches Beispiel einer eigentümlich versprengten und gesammelten persönlichen Energie zu geben.

Aus diesem Grunde wird sich ein, von dem wissenschaftlichen Interesse relativ unabhängiges, psychologisches Interesse dauernd an alles knüpfen, was er hervorgebracht hat.

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