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Gutenberg > Jacob Christoph Heer >

Felix Notvest

Jacob Christoph Heer: Felix Notvest - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorJ. C. Heer
titleFelix Notvest
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
year1901
printrun7
firstpub1901
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051018
projectid8632c953
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I.

Eine Holzbrücke schwingt sich über die Reif, den krystallklaren Fluß, der zwischen Waldhügeln hervor in die offene Thalmulde plaudert.

Sie verbindet die Abtei und das Dorf Reifenwerd.

Stimmungsreich erhebt das ehemalige Kloster seine Doppeltürme und Giebel südlich vom scheunenthorartigen Eingang der Brücke aus mächtigen Baumkronen, und neugierig ragen die leichten, spitzen Dachreiter über das unregelmäßige Viereck roter Hohlziegeldächer. Unter den weit ausgreifenden Aesten der Linden hindurch sieht man das mächtige, altersgraue Thor mit der kleinen Pförtnerei, und nur wenig zurück erhebt sich, von Strebepfeilern gestützt, die hohe, dreischiffige Kirche, ein einfacher gotischer Bau aus dem dauerhaften Grausandstein der Gegend. Ueber die Ecken der niedrigen Seitenschiffe steigen die Türme, die indessen, nur wenig über den hohen First des Mittelschiffes geführt, nicht in ihrer ursprünglichen Anlage vollendet worden sind, sondern mit Spitzhelmen abschließen, deren blau und weiß glasierte Ziegeldächer hell in die Sonne leuchten.

Aus den Quadern des einen Turmes schaut unmittelbar unter dem Helm ein stark verwittertes Bildnis, das eine Krone trägt, hinüber zur Brücke und zu der Ruine Reifenloh, einem alten Turm mit geborstenen Mauerzähnen, welcher sich auf dem Buchenhügel über der Brücke und den ersten Häusern des Dorfes erhebt. Das verwitterte Bildnis ist die »Frau von Reifenwerd«, der Volksmund sagt, es stelle Agnes, die Königin von Ungarn, dar, die bei den Dominikanerinnen des ehemaligen Klosters den Schleier genommen, es verschönert, mit Gütern bereichert, zur Abtei erhoben habe und darin in hohem Alter gestorben und begraben worden sei.

Seit langen Jahren steht das schicksalsreiche Kloster, von der Sage und Geschichte des Schweizerlandes verklärt, von den alten Linden und Weiden umschirmt, in träumerischer Oede da. Doch dient die Abteikirche den Dörflern von Reifenwerd immer noch als Gotteshaus, der Raum unter den Bäumen vor dem Thor als Kirchhof, und zwei der Klostergebäude, die nächst der Reif an die Mauer gebaute »Mühle«, ein schweres Steinhaus mit gotischen Treppengiebeln, und das hinter der Kirche liegende altertümliche Pfarrhaus, einst das kunstgeschmückte trauliche Heim der Aebtissin, sind noch bewohnt. In den anderen Räumen spinnt die Verlassenheit, und obwohl die Abtei reich an Denkmälern vergangener Zeiten ist, betritt nur selten ein Freund der Geschichte oder der kirchlichen Altertümer aus der nahen Stadt das im Jubel der Glasgemälde warm leuchtende Gotteshaus oder den Kreuzgang, wo mutige Ritter und sanfte Bräute des Himmels unter eingesunkenen Steinen der Auferstehung harren, denn nie ist die Neigung zu geschichtlichen und künstlerischen Studien im Lande geringer gewesen als jetzt. In gedeihlicher Arbeit, doch mit nüchternem Blick geht das Volk durch seine Tage und unterstützt den Wunsch der Regierung, daß die alte unnütze Abtei wieder eine Stätte nützlicher Arbeit werde.

Die dumpfe Klosterglocke läutet in den Sonntagvormittagsfrieden, der weit und breit auf der Maienlandschaft ruht.

Aus dem Klosterthor strömen die Bewohner von Reifenwerd und wandern in losen, bedächtigen Gruppen der gedeckten Brücke zu und hinüber ins Dorf, über dessen Hausdächern der Rauch in blauen Ringeln zerfließt. Die gemächlich Gehenden sind Kernvolk aus dem Bauernstamme des Landes, steif in Leinen gekleidete Leute mit derben, doch gutmütigen Gesichtern, etwas langsam und schwerfällig, aber gesättigt mit der Kraft, welche der Mensch aus der Scholle schöpft.

Die Kirchgänger sprechen wohl alle über die Predigt des jungen Pfarrverwesers, der an die Stelle des kürzlich gestorbenen Dekans getreten ist und von den Dörflern deswegen eine hoffnungsvolle Teilnahme genießt, weil er der Sohn des Antistes, des ehrwürdigen obersten Vorstehers der Landeskirche, ist.

»Gewiß, gewiß, er ist ein Feuerkopf, aber das Bauerndeutsch hat er noch nicht in seiner Gewalt — ich selbst habe ein wenig genickt und geschnarcht.«

So meint lächelnd der Kommandant, ein hagerer Fünfziger, dessen braunrotes, ehernes Gesicht aus stehendem Hemdkragen schaut, und streift mit der Hand über den ergrauenden Schnurrbart, der ihm mit der straffen Haltung das militärische Aussehen giebt.

»Der Dekan hat allerdings handfester geredet,« versetzt mühsam der breite, gebückt einherschreitende Säckelmeister, dem die mächtigen Bauernpratzen bis unter die Kniee hangen, »in das Geistliche hat der alte Herr immer etwas über die Begebenheiten im Dorf, über das Vieh und den Stand der Reben und Felder gemengt — das versteht der Verweser noch nicht.«

»Begebenheiten im Dorf,« ergreift der behäbige Hirschenwirt, in dessen aufgeblasenem Gesicht zu kleine Aeuglein stehen, das Wort. »Da find ja zwei Neuigkeiten auf einen Schlag. Der Leutnant Ruedi Fürst ist aus England zurückgekehrt — und der alte, lahme David Fürst giebt die Großratsstelle ab. Das ist wohl so gemeint, daß wir den Leutnant an seine Stelle wählen sollen.«

Die kleinen Aeuglein ermessen lauernd den Eindruck der Rede auf seine beiden Begleiter.

Im Auge des Kommandanten sprüht ein Funke auf.

»Der Leutnant soll sich keine Einbildungen machen!« grollt er scharf, »gottlob sind bei uns die Aemter noch nicht erblich. David Fürst hat wohl äußerlich stets noch zu uns Bauern gehalten, aber eine Unterlassungssünde an uns, an unseren Kindern und Kindeskindern ist es doch, daß er uns das Lehrerseminar, das in die Abtei hätte verlegt werden sollen, verloren gehen ließ. Nun hat der Staat von öffentlichen Anstalten nichts mehr zu vergeben als das Zuchthaus. Das kann uns leicht in den Garten wachsen!«

»Das Zuchthaus? Da sei Gott vor!« keucht der Säckelmeister, »nein, da müssen wir eben einen Großrat haben, der sich mit aller Macht dagegen stemmt und wehrt, vor allem nicht den Leutnant, der in den drei Jahren, die er in England gewesen ist, gewiß kein größeres Verständnis für die Bedürfnisse der Gemeinde erworben hat, aber Ihr seid der Mann, Kommandant! Ihr müßt die Last auf Euch nehmen!«

»Ich suche das Amt nicht,« erwidert der hochaufgerichtete, soldatische Bauer fast schroff, »ich meine nur, es gehöre nicht in die Familie Fürst!«

»Die Frau Kommandantin würde der Titel aber freuen, sie hat Sinn für die Ehren,« lächelt der Hirschenwirt verschmitzt, »man muß einer lieben Frau auch etwas zu Gefallen thun.«

Der Kommandant giebt sich den Anschein, als habe er die Bemerkung überhört, und die drei Männer, welche in das Dorf getreten sind, stehen plaudernd vor dem schönen altertümlichen Gasthaus zum »Hirschen«, während sich die übrigen Kirchgänger, Männer und Frauen, langsam in die Häuser zerstreuen. Wie auch Kommandant, Säckelmeister und Wirt auseinandergehen wollen und sich gemächlich »Guten Sonntag!« wünschen, hallen von der Abtei über die Reif herüber ein paar leichte Schüsse in die Stille des Dorfes, an dessen Landstraße man die drei alten steinernen Brunnen singen hört. Ein Flug Tauben stiebt über die roten Giebel des Klosters empor, und einen Augenblick spähen die Männer neugierig über den Fluß.

»Bah!« lacht der Hirschenwirt, »Sigunde Fürst schießt im Rosengarten Tauben,« der Säckelmeister aber schüttelt mißbilligend den dicken Kopf: »Am Sonntag! — Das Teufelsmädchen!«

»Von dem Flattervogel hört man überhaupt schöne Geschichten,« versetzt der Kommandant mit leichtem Hohn. »Um fünf oder sechs Uhr des Morgens gebe sie einem Stadtherrn am Waldbrunnen zur Steige Stelldichein. Mir kämen meine Lony oder Judith mit solchen Geschichten recht, Gott's Strahl!«

»Ihr kennt doch den Herrn, den sie dort trifft; es ist der junge Hohspang, der Sohn des Regierungspräsidenten,« erwidert der Hirschenwirt begütigend. »Sigunde Fürst wie ihr Bruder haben sich die Ziele hochgesteckt!«

Mit einem Schulterzucken verabschiedet sich der Kommandant, der das Gespräch nicht weiter führen will, mit ihm der Säckelmeister, und jenen bewegt eine unangenehme Erinnerung.

Vor bald vier Jahren, als er noch allein sein Bataillon führte, hatte er die beiden Leutnants Rudolf Fürst, den Sohn des Großrates, und Alfred Hohspang, den Sohn des Regierungspräsidenten, wegen ungebührlichen Betragens mit Arrest bestraft. Vielleicht war er dabei etwas hitzig gewesen, genug, David Fürst, sein ehemaliger Jugendfreund, brach wegen der Kränkung des Sohnes mit ihm und durch ein Ränkespiel des Regierungspräsidenten wurde er seiner Stelle als Bataillonskommandant enthoben, obgleich er sich sagen durfte, daß er nicht nur einer der beliebtesten, sondern auch der tüchtigsten militärischen Führer gewesen sei.

Darum darf der aus England zurückgekehrte Leutnant Rudolf Fürst nicht Großrat werden. Eher nimmt er das Amt, das er nicht sucht, selbst auf sich! Mit diesem Gedanken tritt der Kommandant in sein stattliches Heim.

Nicht viel später kommt der junge Pfarrer mit rotem Kopf, schlenkernden Armen und fliegenden Rockschößen ins Dorf gelaufen.

Er hält vor dem schönen, spalierumrankten Bauernhaus, eilt mit zwei Sätzen die Freitreppe empor, klopft und tritt in die Stube, wo eben Lony, die ältere der beiden Töchter, eine kräftige und schöne Gestalt, den linnenbedeckten Bauerntisch zum Mittagessen rüstet, während sich der Kommandant am Schreibpult niedergelassen hat, mit Barry, dem schönen Bernhardinerhunde, scherzt und die ärgerlichen Gedanken beiseite schiebt.

Etwas überrascht, doch freundlich ruhig wendet er sich nach dem eiligen Besuch.

»Herr Kommandant, im Kreuzgang der Abtei werden Tauben geschossen. Kommen Sie doch herüber, Sie sind ja Mitglied des Gemeinderates, verbieten Sie die Grausamkeit, die Tiere haben eben Junge!«

Die Stimme des Pfarrers bebt metallen, ein schönes, jugendliches Entrüstungsfeuer sprüht aus den braunen Augen.

»Ja, das sind die Streiche Ihrer Nachbarin, der Sigunde Fürst, und schicklich sind sie eben nicht – aber ich komme doch nicht mit Ihnen!«

Der Kommandant schaut den Pfarrer mit einem überlegenen, spannungsvollen Lächeln an.

Enttäuscht und verlegen steht der schlanke junge Mann. Er ist noch ein Jüngling, sein Wesen unfertig, aber sein Kopf ist edel und geistreich, besonders der obere Teil, und das warme, braune Augenpaar, die bebenden Flügel der schmalen Nase und die schön gebaute Stirn, welche von dunklem Haar umlockt wird, verraten eine Feuerseele.

Lony, die in ihrer Arbeit innehält, errötet, und die großen blauen Augen bitten den Vater: Gehe mit ihm!

»Herr Pfarrer,« fährt der Kommandant väterlich fort, »wenn ich mit Ihnen käme, würde ich Sie vor der Gemeinde bloßstellen. Selbst ist der Mann. Wenn es Ihnen allein gelänge, gegen Sigunde Fürst Ordnung zu schaffen, so können Sie des Beifalls im Dorf sicher sein.«

Zögernd und etwas beschämt über die Belehrung geht der Verweser und hört nur noch, wie Lony sagt: »Ich fürchte, daß Sigunde den Herrn Pfarrer narrt,« doch hat er das Gefühl, daß der Kommandant ihm einen guten Rat gegeben habe. –

Wer ist denn Sigunde Fürst?

Der junge Pfarrer hat sie gleich am ersten Tag, nachdem er seine Stelle zu Reifenwerd angetreten, gesehen. In der Morgenfrühe, als noch der Tau lag, kam sie vom Wald an der Steige her wie eine Walküre auf weißer Schimmelstute einen Feldweg geritten. Da blitzte es von schönen Augen, von weißen Zähnen, da lachte es hell und übermütig und dann – dann sprengte sie mit einem Satz über das hohe Ufer der Reif in den Fluß, der dem Pferd bis an die Kniee reichte, und jenseits durch die Uferbäume empor zur ehemaligen Klostermühle, dem Haus mit den Treppengiebeln, in dem der alte, seit einiger Zeit gelähmte David Fürst eine kleine Fabrik betreibt.

»Eine Heidin, eine Zigeunerin« nennt die Dekanin, welche dem Nachfolger ihres Gatten das Hauswesen führt, die Tochter des Großrats und deutet auf allerlei Streiche, die das lose Fräulein dem seligen Dekan gespielt hat.

Ob ich mit diesem Wildfang wohl fertig werde? denkt der Pfarrer.

Da, wie er von der Brücke gegen die Abtei schreitet und an der Mühle vorbeikommt, tönt es wieder: »Paff, - paff!«

Das Gesicht des Pfarrers verfinstert sich.

Er eilt durch das Thor, er tritt in das große, stille Gotteshaus, von dessen bemalten Scheiben das Licht in bunten Strähnen und Bündeln auf die geschnitzten Stühle fällt, die hohlen Platten des Fußbodens hallen unter seinem Schritt; mit großem, altem Schlüssel öffnet er eine Seitenthüre, die sich knarrend in den Angeln dreht, und dann tritt er in den schönen, romanischen Kreuzgang.

Umsonst späht er nach der Schützin.

Wie ein seliger Gottestraum steht der Kreuzgang im Mittagsstrahl und Schweigen.

Die Bogen zwischen den alten, verwitterten Säulen sind mit glänzend grünem Epheu verhangen, über die Mauergesimse, welche Säule mit Säule verbinden, schlingen sich blühende Jelängerjelieberranken, und im Rosengarten, wie das Volk den von den Bogengängen umschlossenen Gottesacker der Dominikanerinnen nennt, blüht ein Flor hundertblättriger Rosen. Dazwischen wiegen sich blaue und gelbe Schwertlilien und Fliederbüsche in grenzenloser Verwilderung, halb umgesunkene Steine mit erloschenen Inschriften ragen aus dem stillen Bezirk, wo alles in ungezügelter Freiheit wächst und wuchert. Schmetterlinge hangen an den blühenden Kelchen, und ein leises Zirpen erfüllt das unberührte Paradies, in das nur selten ein Fuß treten mag, denn selbst der mächtige Trog des zweiröhrigen Klosterbrunnens schwimmt so voll langer, grüner Pflanzenfäden, daß man nicht in seine Tiefe sehen kann.

Der Pfarrer ergiebt sich dem berauschenden Zauber dieser halbfremden Welt, er denkt beinahe nicht mehr an die Schützin.

Da langt gerade vor ihm eine schlanke, schöne Hand durch das Epheugehänge des Bogenganges, die Ranken rauschen leise, und in der Oeffnung steht ein Menschenbild wie ein Märchen.

Der Pfarrer will den Arm unwillkürlich wie zur Abwehr heben – das kann doch nicht Sigunde Fürst sein?

Das Bild aber lächelt sanft und schalkhaft.

»Herr Pfarrer, suchen Sie mich?« Das Wort tönt nur wie ein Windhauch.

Die schmiegsame, schlanke Gestalt, die so im Grünen steht, trägt ein helles Kleid, das am Halsansatz in einen leichten Flor übergeht, und auch die Aermel sind nur durchsichtiges Gespinst, so daß Hals und Arme wie Marmor und Pfirsich durch das Kleid schimmern. Ein frischer, üppiger Mund lächelt, die Augen aber blicken kühl, es sind graue, ins Grünliche spielende, fremde Augen, die unter schön geschwungenen Brauen ein Geheimnis bergen. Und in die weiße Stirn hängt eine widerspenstige Locke des reichen, goldblonden Haars, auf dem sich ein Blumenhut so leicht wiegt, als habe ihn eben der Wind dahin geweht.

Eine leise Röte steigt dem ungezwungen dastehenden Mädchen in die Wangen.

»Sind Sie Fräulein Sigunde Fürst?« stammelt der Pfarrer.

»Sie haben mich in der Kirche vermißt?« erwidert sie mit schalkhafter Verlegenheit und tritt mit einer gewandten Bewegung vollends aus dem Versteck hervor. »Der alte Herr Dekan hat so trocken und langweilig gepredigt, da habe ich den Kirchenbesuch etwas verlernt – aber zu Ihnen komme ich vielleicht lieber!«

Sie lächelt jetzt mit einem Zug des Uebermutes und reicht ihm unbefangen die weiche Hand, durch deren weiße Haut eine blaue Ader schimmert.

»Nein,« erwidert der Pfarrer, »wie Sie es mit der Kirche halten wollen, das tragen Sie ganz mit sich selber aus. Ich wollte Sie nur bitten, Fräulein, daß Sie das Taubenschießen einstellen, es ist ein grausames Vergnügen!«

Sie senkt die forschenden Augen betroffen.

Aber sie faßt sich rasch wieder. »Die Tierchen müssen ja doch sterben – in einigen Wochen wird die Abtei eine Fabrik!«

Da prallt der junge Pfarrer zurück und wird blaß.

»Fräulein, was sagen Sie?« fragt er tonlos.

»Die Abtei wird eine Fabrik, eine Spinnerei. Besuchen Sie uns, und ich zeige Ihnen die fertigen Pläne. In diesen Räumen wird alles anders, selbst in der Kirche – mein Bruder Rudolf hat das Kloster in tiefer Stille von der Regierung gekauft.«

Da wird es dem Pfarrer schwarz vor Augen, er schwankt.

»Was ist Ihnen?« fragt das Fräulein verwundert und teilnahmvoll, »ist Ihnen Ihre Kirche schon so lieb?«

»O, es ist nicht meinetwegen,« antwortet der junge Mann in bebender Bewegung; »aber, was ist das für eine Regierung, was ist das für ein Volk, das seine Heiligtümer verschachert?! – Sind wir so weit? – Die Abtei Reifenwerd eine Fabrik!«

Verständnislos steht das Fräulein bei dem Schmerzens- und Zornausbruch des jungen Mannes, aber sie spürt doch, daß es der Notschrei eines feinen Herzens und eines tiefen Gemütes ist.

Sie staunt.

Was war ihr in den langen Jugendjahren das Kloster? Nichts als eine unheimliche, beklemmende Nachbarschaft, in welcher die Fledermäuse hausen, die Käuzchen klagen, wo es manchmal geisterhaft knistert und knarrt, ohne daß man weiß, warum. – Und seit langer Zeit hat sie heute den Rosengarten zum erstenmal wieder betreten. Als der Bruder seine Gewehre prüfte, nahm sie eine der Flinten und wollte an den Tauben versuchen, ob sie eine gute Schützin sei. Sonst kümmert sie die Abtei nichts.

Hier aber steht einer, dem die Glieder über dem Gedanken erzittern, daß das Kloster untergehe!

Der junge Verweser ist ein merkwürdiger Mann!

Sie betrachtet ihn neugierig, sie zaudert einen Augenblick, dann sagt sie: »Es ist schon über Zwölf – auf Wiedersehen, Herr Pfarrer, Sie müssen ja auch zur Frau Dekanin essen gehen!«

Sie reicht ihm leicht die Hand, zieht das Vogelrohr aus dem Epheu hervor und wandelt davon. Sie öffnet ein Pförtchen, das gegen die Mühle geht, und schaut noch einmal neugierig nach dem in Gedanken Versunkenen zurück.

Eine Weile später geht auch er.

Gottesfrieden webt über der blühenden Wildnis des Rosengartens. Ein Pfauenauge gaukelt von Dolde zu Dolde.

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