Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Felix Dahn >

Felix Dahn

Felix Dahn: Felix Dahn - Kapitel 9
Quellenangabe
authorDie Kreuzfahrer. Zweiter Band
titleFelix Dahn
publisherDruck und Verlag von Breitkopf und Härtel
printrunFünfte Auflage
year1888
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161018
projectid155da05e
Schließen

Navigation:

Achtes Capitel.

Es war ein kleines, gar feierlich ernstes Gelaß, das die Beiden betraten: es hatte früher als Kapelle gedient, bis bei einem Umbau der Burg eine geräumigere Schloß- und Gruftkapelle im Erdgeschoß eingerichtet worden war.

Von jener ursprünglichen Bestimmung war aber noch Manches übriggeblieben in dem engen Raum: Kreuze und allerlei einfache Symbole, in Stein gehauen an den Wänden, auch fromme Sprüche aus der Bibel oder aus weltlicher Dichtung, aufgemalt mit weißer und rother Schrift auf blau getünchten Kalkbewurf. – Ein Rundbogen mit ein par roh gemeißelten Heiligen an dem Mittel-Säulchen diente als Fenster, – Marienglas fehlte, – ein dunkelrother Vorhang konnte vor die Öffnung gezogen werden.

In einer flachen Nische, die einst der Altar ausgefüllt hatte, stand ein niedrig Gestell mit einigen Kissen und Polstern, darüber lagen ein par Decken gespreitet. An dem Fenster war ein Klappstuhl, in die Wand eingelassen, angebracht: der Blick über den Burgberg hinab, die Etsch aufwärts und abwärts war wunderschön.

Anmuthvoll dankend löste sich die Fremde von Herrn Walthers Arm, der ihr den langen lichtblauen Reisemantel von der Schulter nahm. Sie hob den Turban ab und den langen dichten Schleier, der darum gewunden war, und ließ sich unhörbar, – alle ihre Bewegungen waren so leicht, so klein, so leise, – auf das Lager niedergleiten, das schöne Haupt, nun ganz unverhüllt, zurücklehnend an die harte Stein-Wand, die großen Augen weit aufschlagend, und nach oben blickend, den Himmel suchend durch das schmale Fenster, aus welchem das Licht, ohne zu blenden, voll auf ihr Antlitz strömte.

Herr Walther setzte sich an dies Fenster auf den »Mauer-Stuhl«, ihr gegenüber und sah sie lange schweigend an.

»Sie ist wunderbar. Nein: sie ist selbst ein Wunder,« sprach er leise zu sich selber. »Nicht gar so arg schön: Frau Gioconda, – wo mag sie jetzt wohl sein? – war ein viel schöner Weib. – Aber sie ist so rührend! – An Antlitz und Gestalt. Da möchte wohl Herr Wolfram singen: »Ihr wisset, wie Ameisen pflegen um die Mitte schmal zu sein? Noch schlanker ist dies Frauelein!« So jung und so unheilbar elend! So hold und so sterbenstraurig! So gut und so unrettbar! So kindlich: – und so todesmuthig kühn in ihrer Liebe! Mädchen-Ehre, Glaube, Vater, Vaterland, Volk, Leben: Alles opfernd! Und nicht um des Geliebten Besitz: – das thäten Viele! – nur um seine Rettung. – Wie eines Kindes, nochmal muß ich's denken, ist all' ihre Art! Diese kleinen Händchen, diese Gelenke, diese Füßlein in den Seidenschuhen, – daß diese sie nur tragen? – Und wie das dunkelbraune Haar, des Vaters Erbe, durchsonnet ist von einem wie verirrten hellen Strahl: 's ist wohl der Mutter lichteres Gelock. Und wie die weiße Haut der Abendländerin von einem Pfirsichduft leicht überflogen ist! Und wie das langgezogene, schmale Antlitz so ergreifend edel ist! Und solch ein feingeschnitten Näslein, – gebogen, doch wie zart! Und solche sanfte rothe Lippen hab' ich nie gesehn! Und ihre Augen! – Ich sah einmal im Morgenland ein köstlich Thierlein – unserm Reh vergleichbar: – aber doch wieder nicht: nur wie einer, der's gar nicht versteht, die Nachtigall, so edelfein, dem guten, aber plumpen Hänfling vergleichen könnte. – Ein solches Thierlein starb, vom Pfeile wund, in meinem Schos: – die Augen waren so groß, so rund, so durchsichtig braun, in einem leisen Blau, statt in Weiß, sanft schwimmend: eine ganze Welt von stummer, vorwurfsvoller Trauer. Solche Augen hat das ›kindjunge‹ Weib! – Geh, schäm' dich, Walther! Schaust sie an, wie ein Träumer, der sie auf Goldgrund malen wollte, – und siehst nicht, welch' hoffnungsloses Weh, welch abgrundtiefer Schmerz in diesen thränenleeren Augen liegt und redest ihr nicht tröstend zu! – Ei, Walther!« schalt er sich.

»Mein armes Kind,« begann er nun mit seinem weichsten Ton, – und herzgewinnend konnte diese Stimme tönen. »Frau Demuth,« besserte er – »Nein: laßt mich lieber Euch »Kind« nennen, – könnte ich doch Euer Vater, ja Euer Großvater fast sein! – Und Ihr seid ein Kind: aus goldner Sternenwelt herabgefallen, hilflos und vertrauensselig, in eine Welt, die hartes Erz und – Schlimmres ist! – Mein liebes Kind!« – Und er legte ein Bein über das andre und griff zutraulich, beschwichtend, nach ihrer schmalen, langfingrigen Hand. »Banget nicht, es droht Euch nicht Gefahr.«

»Ich bange nicht und traure nicht um mich! – Seht,« sprach sie schlicht und sanft, »Herr Walther, ich habe nur drei Menschen wahrhaft gekannt. Und diese drei – hab' ich lieb gehabt, so ganz von Herzen lieb: meine Mutter, – ihn – und Euch. Mein Vater war fast nie auf der Burg. Die Araber und das Gesinde, die mich umgaben, blieben mir immer innen im Herzen fremd, fern. Meine Mutter, – o, sie sprach so viel vom Land der Franken, – von ihrer deutschen Heimat! – Sie wußte gar viele Lieder der Minnesänger: auch eigene erfand sie und lehrte sie mich. Und ich behielt die Lieder rascher, fester, als Alles, was ich sonst lernen sollte. Und oft dachte ich dazwischen eigene Gedanken und war ganz erstaunt, – ich schämte mich und erröthete, – daß sie sich manchmal reimten. Und dann kam – er. Und das war Alles: das war mein ganzes Leben. – Aber als ich nun Euch fand, und sah, wie gut Ihr seid: auch gegen Fremde, Arme, zumal Kinder, und gegen alle Thiere, – und wie wir nun alle diese langen Tage zusammen waren, immer nur wir drei – und wie ich Euch erkannte in Worten und Werken: da ging mir etwas auf, was ich nicht gekannt: – Freundschaft und recht herzinnige Verehrung. Und ich konnte nach der Mutter und nach ihm auch Euch tief, tief in meine Seele nehmen; und so sag' ich Euch wahrhaftig: ich traure nicht um mich!«

»Ich weiß!« sprach er. »Denn an Euch selbst habt Ihr von je zuletzt gedacht, Kind Demuth! – Aber um Eins möcht' ich bitten: glaubt mir: nicht alle deutschen Frauen sind – gleich der. Sonst müßt' ich eines meiner liebsten Lieder umdichten!«

»Ihr thut ihr schweres Unrecht! Sie ist im vollen Recht. Laßt sie es brauchen.«

»O wüßtet Ihr doch nur,« – er sprang heftig auf, – »daß sie, – sobald nur Friedel will, – in vollstem Unrecht ist: wenn sich's um Recht und Unrecht wirklich handeln soll, wie's der Richter, der Schöffe und die Fürsprecher verstehen. Aber was hilft's, Euch das sagen! – Ihr müßte man's sagen. Und das hat er verboten!« schloß er grollend.

»Es zieht sich, wie ein glühend Eisen, unablässig dieser Ring von Gedanken um mein Hirn: Friedmuth, – Wulfheid, – Demuth: von diesen drei Menschen kann Einer nicht mehr leben! Das will sagen,« – fuhr sie fort, sich langsam über die Stirne streichend: »diese drei können nicht zusammen das Licht der Sonne schauen. Da Er nun leben muß, – um jeden Preis! – so lang' der Gott der Himmel es vergönnt – und da die strenge Frau in vollem Recht, –«

»So wollt Ihr vielleicht sterben?« lächelte Walther. »Das wäre das Wahre! Nein, – nein! Ihr sollt mir fein leben und Gott den Herrn erfreun, wann er auf Erden schaut. – Ist ihm zu gönnen, dem Milden: muß so viel Unholdes sehn! – Muß man denn gleich sterben

»Ich gehe nicht in's Kloster,« sprach sie ruhig. »Das ist lebendig begraben sein.«

»Ihr – in ein Kloster? Die duftende Rose unter eine Grabplatte!«

»Es bleibt kein Ausweg. – Friedmuth, – Wulfheid, – Demuth: o der eherne Ring, der glühende Ring! – Weh, ich allein hab' alles Unglück über ihn gebracht.«

»Ihr allein habt ihn gerettet.«

»Ja. Aber als wir an jenem Flusse standen, – als er mich fragte: »Was willst du nun beginnen?« – da hätt' ich nicht sagen sollen: »Sterben!« – nein: es thun! – Lautlos, nachdem sein Kahn drüben angelandet, – unter das grüne hohe Schilf gleiten, – das war das Rechte! Und, o Gott der Christen und der Heiden! das ist meine Schuld. Denn wißt, edler Harfenschläger: – wie einem Priester, lieber als einem Priester, beicht' ich Euch: – ich hab's geahnt, – Alles!«

»Wie? Ihr konntet doch nicht ahnen, sein Weib lebe?«

»Gewiß nicht! Aber als er mich so fragend ansah, mit seinen hellen Augen, – da zuckte es durch mein Haupt: ›Folg' ihm nicht! Folg' ihm nicht in seine Heimat. Du bringst ihm Unheil dort – du taugst nicht dorthin – laß ihn allein entrinnen: – schweige und stirb!‹ – Ach! Das war das Wahre, Rechte, das von Gott Gewollte! – Ich schloß damals die Augen: aber ach! (Er hat's verschwiegen – verschweigen müssen, wie er vor ihr sprach): da sprang er auf mich zu: »Sobeide!« rief er. – Und da wußt' ich's – aus diesem Ruf erst lernte ich's: – er liebte mich! So sehr – so sehr! – Und da – leider! – that ich die Augen wieder auf und sah sein Auge – und statt zu fliehen – o Gott im Sternenhimmel! – ich konnt' es nicht. Mir verging die Kraft – ich wankte – ich sank zu Boden. Und als ich erwachte, waren wir drüben: und er lag vor mir auf den Knieen und stammelte Worte süßen Entzückens, holder Verzückung: »O Minne,« rief er, »jetzt erkenn' ich dich!« und küßte mir Füße und Gürtel und Hände. Ach und ich war selig! Und ich folgte ihm. Und doch zuckte mir's auch später noch manchmal durch die Stirne: du bist sein Unheil! – Aber,« und nun ward ihr Lächeln zauberschön, – »er schien – er war so glücklich! Ach so sehr! Er, der ernste Mann, der Held, er lachte, scherzte, spielte wie ein Kind, – er war so wunderhold in seinem Glück. Ich sah's: ich war dies Glück! – Und allmälig vergaß ich jenen jähen Schatten, der mich am Fluß umwölkt hatte, jenen ahnungstiefen Schrecken. Und da der große, der strahlende, der herrliche Kaiser –«

»Ja, Kaiser Friedrich! Ihm gleicht nichts auf Erden!«

»Da der mir die Hand auf das Haupt legte und sprach: »Töchterlein, ich hatt' es anders mit ihm vor. Aber du, Heldenkönigin der Liebe, du hast ein heilig Recht auf ihn: nun soll der arme Mann, der all' sein jung Leben nur Frohn der Pflicht und Arbeitszwang gekostet hat, nun soll er die Minne lernen und das Glück:« da – ich gesteh's – da wich von mir der letzte Schatte: und ach, wie Kinder selig, lachend selig wurden wir. Aber eines Abends« – sie erbleichte – »kam Friedmuth in Trient zurück von der Herberge, wo er Euch, edler Herr, getroffen. Ich erschrak, so war sein Antlitz verwandelt: denn er sah aus, wie wenn sein Herz zu Eis geworden. »Sie lebt,« – sprach er, – » Wulfheid lebt! – Wir beide, Demuth, sind jetzt viel unerreichbarer geschieden, als wärst du auf dem Mond, ich auf der Erde: – es ist unmöglich! Es giebt keine Hilfe für uns in Reich und Kirche, nicht bei Kaiser, nicht bei Papst! Wir sind alle drei so elend, wie nie Menschen waren!« Da weinte ich nicht. Denn er litt und ich mußte ihn trösten. Aber da kam der Schatte von des Flusses Rand wieder über mich, und ich sprach zu mir: du bist sein Fluch! Und alle Lebenshoffnung losch mir aus! – Deine Milde, deine kluge Güte hat in jenen Tagen an mir gethan, – Freund Waltharius, was sonst kein Mensch an mir vermocht: sie richtete mich wieder auf! – Ich war auf jedes Maß von Elend gefaßt: nun aber doch, als ich sie sah, dies mitleidlose, graue Auge sah, und diese Stimme hörte, die, ach sanfter Gott! aus einem Grab zu kommen schien, – da krallte mir das alte Weh das Herz zusammen und ich sprach abermals zu mir: du bist sein Fluch, Sobeide.«

»Armes Kind! Es ist kein Wunder, daß Euch Wahngedanken verwirren. Ihr sein Fluch? Sein Segen seid Ihr und sein einziges, sein erstes Glück. Wahr sprach der Kaiser! Und was Menschenwitz und guter Wille vermag, ihm sein Glück zu erhalten, – das soll geschehn. Wir müssen suchen!«

»Hier ist nichts zu finden! O wie hab' ich, seit ich das Schreckliche erfuhr, mein armes Gehirn zermartert! Es giebt keinen Ausweg! Helfen könnt Ihr nicht, Freund Waltharius! Aber Eines könnt Ihr wunderbar: schon in diesen Tagen – wann nichts mich tröstete und ihn, – dann grifft Ihr wohl zur Harfe und sangt oder auch, vom Roß herunter, spracht Ihr uns ein Lied. Meine Seele ist so durstig des Schönen. O sprecht mir eines Eurer Lieder vor: – so ein trauriges: – das thut dem wunden Herzen wohl.«

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.