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Felix Dahn

Felix Dahn: Felix Dahn - Kapitel 8
Quellenangabe
authorDie Kreuzfahrer. Zweiter Band
titleFelix Dahn
publisherDruck und Verlag von Breitkopf und Härtel
printrunFünfte Auflage
year1888
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161018
projectid155da05e
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Siebentes Capitel.

»Was ist das?« fragte Frau Wulfheid, gleichgiltig, kurz.

»Das will ich Euch gründlich sagen.« ergänzte wieder Herr Walther. »Sie binden einen Menschen, nackt, im glühenden Wüstensand, mit Händen und Füßen an einen Balken, einen nassen Schwamm im Mund, damit er nicht allzu rasch verschmachtet, und lassen ihn liegen in tiefster Einsamkeit. Die Geier kommen angeflogen aus weitester Ferne. Sie wittern scharf: – sie rücken immer näher: – nur den Blick des Auges scheuen sie eine Zeit lang. Senken sich die müden Lider – hui! hauen die ersten beiden Schnabelhiebe die gefürchteten Augen aus, daß sie sich nie mehr aufthun und dann –«

»Haltet ein!« bat Sobeide.

»Und dann?« fragte Frau Wulfheid. »Dann ist er eben todt.«

»O nein, wißbegierige Frau. Es währt oft viele Tage. Denn die Geier kämpfen untereinander um den leckern Fraß. Und dann kommen erst die langsameren Schakale.«

Frau Wulfheid biß die Unterlippe und runzelte die Stirn. Dann lachte sie laut: »Nun! Ihm ist nichts von Alledem geschehen.«

»Und daß ihm nichts geschah, das dankt er – das danket hoffentlich auch Ihr – nur diesem Kind: dieser Heldin von achtzehn Jahren.«

»Ja,« fuhr Friedmuth fort, »der Befehl war gegeben, und mir verkündet. Umsonst hatte Sobeide auf den Knieen um Gnade für mich gefleht. Aus dem luftigen Gemach, in dem ich bisher geweilt, führte mich Dschabir selbst in einen Thurmkeller tief unter dem Burgfelsen. Mancher der Burgleute hatte mich in diesen vielen Monaten liebgewonnen: Dschabir sah Mitleid, Unmuth in ihren Zügen. Da sprach er: »Beim Barte des Propheten: wer es wagt, ihm zur Flucht zu verhelfen, oder seine Qualen in der Wüste abzukürzen, sei es, wer es sei, – und wär's mein eignes Kind, – wird lebendig verbrannt.« Er schloß die Eisenthüre hinter mir.«

»Und das soll Alles wahr sein? Und Ihr lebt doch?«

»Ich lebe doch! Weil dieses Mädchen –«

»Und merkt es wohl, Frau Wulfheid,« fiel Walther ein, » ohne mitentfliehen zu wollen.«

»Sobeide schlich sich in der Nacht in das Schlafgemach des Scheik: sie nahm, zwischen seinem Dolch und seinem Krummschwert heraus, den Schlüssel meines Thurmes. Sie glitt hinein zu mir, – sie führte mich an eine niedere Stelle der Mauer. Ihr Vater hatte ihr einst, da die Burg von den Templern belagert ward, eine seidene Strickleiter gegeben, sich, falls die Feinde eindrängen, hinabzulassen, in einer Schlucht des Schloßberges zu verbergen, und dann auf geheimen Felsen-Pfaden zu entrinnen. Sie schlang die Leiter um eine Zinnenzacke und ließ mich hinab. Aber nie hätte ich, in der Nacht, den bei Tag kaum sichtbaren senkrechten Schwindelsteig, die Felsen herab, gefunden, – Sie führte mich. – Wir liefen die ganze Nacht. Beim Morgengrauen kamen wir an einen Nebenfluß des Jordan.

Eine morsche Fähre mit einem halbzerbrochenen Ruder lag im Schilf.

»Steig ein,« rief sie, »und drüben: stets nach West, der eben aufgehenden Sonne stets den Rücken wendend. Dort stehen die Christen. Fliehe rasch.«

»Und du?« sprach ich, das Ruder fassend. »Du kannst doch nicht zurück in's Schloß!«

»Nein,« sprach sie ruhig.

»Was willst du thun?« fragte ich.

»Hier warten, so lang ich dich noch sehen kann.«

»Und dann?«

»Dann sterben. In diesem Ring ist Gift.«

Da sprang ich aus dem Kahn zurück, faßte die sanft Widerstrebende, trug sie hinein und stieß ab.

Sie sank betäubt auf den Boden des Nachens.

Bald war ich drüben. Ich hob sie empor. Sie schlug die Augen auf: »Du liebst mich!« rief ich vor ihr knieend. Sie senkte das Köpflein: »Ich glaube: ja!« sprach sie.

»Elender,« rief da die Fragsburgerin und sprang auf, »erspare mir die Schilderung eures Glückes – eurer Sünde! Und sie stahl den Schlüssel dem Schlummernden! Und sie verrieth ihr Volk! Und sie ließ den Feind ihres Glaubens entwischen! Nein, sie lief ihm voran! Und ward seine Buhle, wissend, daß er einer Andern gehört!«

»Nein. Ich hatte ihr längst deinen Tod geklagt. Und meine Buhle ward sie nicht in jener Wüsteneinsamkeit. Sondern meine Braut. Wir knieten nieder und wir schlossen ein Verlöbniß vor dem allgegenwärtigen Gott, daß nur der Tod uns solle scheiden.«

»Oder ich!« drohte Frau Wulfheid finster und hob die geballte Rechte.

»Und nach vielen, recht vielen Leiden und Gefahren erreichten wir eine christliche Schar: wackre Hospitaliter waren es: o wie das weiße Kreuz auf ihren schwarzen Mänteln mir gleich dem Sterne der Errettung blinkte! Die nahmen uns, die halb Verschmachteten, auf und labten uns und liehen mir Geld zur Überfahrt. Und auf dem Schiffe ward Sobeide von dem Bischof Eberhard von Salzburg in unserem Glauben unterwiesen, getauft auf den Namen › Demuth‹ und gefirmt. Und in Anagni traf ich auf den Kaiser, der – der mir sehr huldvoll ist – und erzählte ihm meine Geschicke und zeigte ihm – diese da.« – Sein Auge strahlte vor Liebe: aber er faßte sich rasch. – »Sie gefiel ihm – gar sehr.«

»Glaub's von dem heimlichen Heiden! Dem Verfluchten! Dem Verkühlten! Dem Freund der lüsternen Minnesänger!« nickte die Burgfrau grimmig.

»Er richtete selber unsere Hochzeit aus; der Patriarch von Aquileja traute uns. Der Kaiser vergab die Braut und beschenkte uns reich. Und nun zog ich mit meinem jungen Weibe, – mit Demuth,« verbesserte er rasch, »über Florentia nach Verona, von da über Trient hieher. Bei Trient stießen wir auf Walther und erfuhren, daß – daß du lebest.«

Da ging ein tiefer, tiefer Seufzer aus von der verschleierten Gestalt, und sie wankte. Herr Walther sprang hinzu, und barg mitleidig ihr Haupt an seiner breiten Brust.

»Und – gesetzt, ich glaube das Alles, – da hast du sie nicht von dir gestoßen, wie einen gift'gen, eklen Wurm, der dich angekrochen hat im Schlafe? – Du wagst es, – du hast die schamlos freche Stirn der Sünde, – dies Geschöpf hierher, in meine Burg, – an meinen Herd zu führen? Willst du vielleicht zwei Weiber haben? Hast du das ihren heidnischen Gesippen abgelernt? Oder soll ich etwa als Magd dem Püppchen die Schuh' anziehen und euch das Lager rüsten?«

Traurig schüttelte der Gescholtene das Haupt:

»Nichts dergleichen! Wir wollen nur, nachdem dies schwere Geschick über unsere drei unschuldigen Häupter hereingebrochen ist. –«

»Du wagst es, mich mit euch, mit eurer Befleckung in Eine Reihe zu stellen?«

»Wir wollen nun, alle drei, mit Wohlwollen und mit Güte des Herzens, so lange suchen, bis wir finden, was in diesem argen Widerstreit der Dinge zu thun ist.«

»Was zu thun ist? Und du kannst zweifeln? Kannst schwanken zwischen deinem rechtmäßigen Eheweib und dieser hergelaufnen, – nein: schlimmer! – mitgelaufnen Buhle? Hinaus mit ihr, aus meiner Burg! Laß sie zurückgehen, dahin, woher sie – von Niemandem, auch von dir, wie du sagst, nicht gerufen, – kam.«

»Zu den Heiden die Christin? Zu meinen Todfeinden meine Retterin? – Ihr droht der Feuertod!«

Aber Frau Wulfheid hörte den Einwurf gar nicht: sie hatte einen andern Gedanken aufgegriffen. »Allein auch, nachdem sie entschwunden, dahin, wohin sie gehört, – in Schmach und Dunkel und Todesstrafe, – mein Herz bleibt doch für immerdar vergiftet. Er hat, verwittwet, ein ander Weib gewählt! Ich, – bei Gottes Rache! – ich hätte nie! nie mehr nach seinem Tode mich vermählt.«

»Das glaub ich' Euch auf's Wort,« sprach Herr Walther ernst. »Aber das kommt daher: Ihr, Ihr habt Friedmuth wirklich geliebt. – Das heißt, was Euere Gemüthsart Liebe nennt und, – so viel oder wenig, so weich oder hart es nun 'mal ist, – an Liebe vermag: das habt Ihr ihm gegeben! Und – in dieser Euren Art – liebt Ihr ihn noch.«

»Ich! Ihn noch lieben!? Ich hass' ihn! Nein, ich verachte den Verruchten.«

»Er aber, – Friedmuth, – hat Euch nie geliebt.«

»So hat er mir denn stets gelogen!«

»Ihr wißt recht gut: er kann gar nicht lügen.«

»Ja, er konnte es nicht! – Er war so wacker, so aufrecht –! Er war mein Glanz und meine Liebe,« – und jetzt klang die unschöne Stimme beinah schön, – »wenn ich auch nicht wie eine girrende Waldtaube davon plappern konnte: ja, er war meines Herzens Stolz und Freude. Jetzt aber, – wer solche Sünde that, – der lernt auch lügen. – Jedoch, eh' er schied, wann er mir da von Liebe sprach, da log er nicht!«

»Gewiß nicht. Er wußte es nicht besser.«

»Nun aber hat er es wohl erst gelernt, was Liebe sei? O hätte doch dieser Schlange bei ihrer Geburt ein Fußtritt den Kopf zertreten.«

»Unholde Frau!« rief da der Sänger heftig. »Ohne ihre todesmuthige Liebesthat wäre Euer Mann in den furchtbarsten Qualen viele Tage lang auf's elendeste verendet, – wär' Euch das lieber?«

»Ja, bei Gottes Zorn, viel! viel, lieber!«

Beide Männer erbleichten, – das junge Weib schauerte zusammen.

»Laß dir nicht grauen, Demuth: 's ist nicht ihr Ernst,« sprach Friedmuth entschuldigend.

»Ha,« fuhr sie auf, »Ihr meint, ich sprach's im Unbedacht? So hört's nochmal in aller kalten Ruhe. Ich schwör's bei diesem Ringe, – meinem Ehering: lieber hätte ich ihn von Geiern und Wölfen der Wüste, Zoll für Zoll, langsam zerreißen gesehen, als einen Gedanken, einen Herzschlag von ihm, als mein Recht an ihm, einem andern Weibe gegönnt.«

»Schweiget, Frau Wulfheid!« mahnte Herr Walther. »Das ist nicht anzuhören!«

Friedmuth trat schaudernd einen Schritt von ihr hinweg: »Sie raset,« sprach er.

»Nein, ich rase nicht. Ihr aber, ihr beiden Männer, ihr scheint ja ganz verzückt von dieser Heuchlerin! – Und,« fuhr sie fort, »wozu die Mummerei? Weßhalb, zuerst, blieb der Sänger im geschlossenen Helm – auch nach dem Kampfe?«

»Ich weiß, wie wenig Gunst Ihr mir tragt,« erwiderte dieser gutmüthig. »Ich sagte Friedmuth: wir wollen die Frau nicht gleich schon durch meinen Anblick reizen, bevor –«

Die Burgfrau machte eine verächtliche Bewegung, trat in die Mitte der Halle und fuhr fort: »Und weßhalb jener Schleier? Ha, sie scheut in ihrer Schmach den Blick der Rächerin!«

»Nicht doch,« sprach Friedmuth. »Aber wir – Walther rieth es, – wir hofften – als ein letztes Mittel gegen Euren Grimm, – so furchtbar hab' ich ihn freilich selber nicht geahnt und nun wird's wenig fruchten! – Wir meinten, wenn Ihr sie, der Ihr mein Leben dankt –«

»Ich dank' ihr's nicht, nachdem's besudelt ist.«

»Wenn Ihr dies Antlitz sähet, – glaubten wir, – es ist gar wundersam – es könnt' Euch milder stimmen.«

Und er schritt rasch hinzu und schlug Sobeide's Schleier zurück.

Da stieß Frau Wulfheid einen gellenden, gellenden, markdurchdringenden Schrei aus, fuhr mit beiden Händen in ihr Haar hinter den Schläfen, und taumelte ein par Schritte zurück: »Zauber! Zauberei! Hilf, strenger Gott!«

Ängstlich wollte sich die tief Erröthende wieder verhüllen. Aber Herr Walther wehrte ihr: »Seht, Frau Wulfheid,« sprach er weich, »sogar Euch ergreift dies rührende –«

»Nein,« fiel jene, sich wieder aufrichtend ein, »sie rührt mich nicht! Aber nun seh' ich's: das ist Zauberei! Kein Weib auf Erden ist, – ohne schön zu sein, – so hold, so zum Mitleid verlockend, ohne Grund, – wider Recht. So herzgewinnend! Sogar mich wollte der Spuk beschleichen! Das ist der Hölle Werk! Sieht aus, wie ein Kind – ja Kinderaugen hat sie! – Und dieser sanfte Schmerz! Von Lust und Sinnengluth nichts: – ja, das ist Hexerei! Und Hexen –« schloß sie grimmig, frohlockend, – »Hexen muß man verbrennen!«

Da glitt das junge Geschöpf, das kaum vom Kinde zum Mädchen erblüht schien, – nicht einer Ehefrau wahrlich sah sie gleich – leis auf die Kniee nieder, kreuzte beide Arme auf der Brust und hauchte kaum vernehmbar:

»O Herrin! Zürnet nicht so schwer! Ich hab' nur Eine Schuld: daß ich ihn liebe. Ihn retten wollt' ich. Ich will sonst nichts. Ich habe nie auf ihn gehofft. Ich will gehen, wohin Ihr wollt. Am liebsten aber sterben.«

»Und sterben sollst du,« erwiderte jene tonlos, langsam, drohend den Zeigefinger der rechten Hand erhebend. »Die Hexe brennt. – Das ist das Recht im Lande. Und dein Buhle soll dich nicht davor beschützen!«

Da hob Friedmuth die Knieende sanft vom Boden auf: »Steh auf!« sprach er, »kniee nicht vor ihr, Geliebte.«

»Ha, Rache Gottes, vor meinen Augen kost er sie!« rief bei diesem Wort Herrn Wulfgangs Tochter, und abermals faßte sie ein nacktes Schwert und stürmte damit gegen die Feindin vor.

Aber Friedmuth hielt sie gleich auf: – fest griff er ihren Arm. Mit Unmuth ließ sie die Waffe fallen.

»Genug,« rief er, »und lang schon allzuviel! Erschöpft ist unerschöpflichste Geduld. – Ich bin dein Herr, Weib, und Herr dieser Burg, und ich befehle dir: – du gehst sofort in deine Kemenate oben im Söller. Gehorche! oder ich führe dich selbst! – Und du, Sobeide, trittst hier zur Linken in dies Gemach. So harret ihr beide – beide Frauen – bis mein Entschluß gefaßt. – Ich sehe vorher – ich schwör's bei meiner Ehre! – keine von euch wieder.«

Zögernd, trotzig, mit zurückgeworfenem Haupte schritt Frau Wulfheid zorngrimm aus dem Sal. – Sie gehorchte ungern. Aber in Herrn Friedmuths Blick lag etwas, das sie nie gesehn: – die fest entschlossene, ihr weit überlegene Hoheit des Schmerzes: – das brach ihren Widerstand. Sie ging. Drohend hob sie, die Schwelle überschreitend, die geballte Faust gegen die Araberin.

Diese sah es nicht. Nach einem langen, langen, tief wehevollen Blick auf Friedmuth glitt Sobeide, gesenkten Hauptes, in das nur durch einen Vorhang: von der Halle getrennte Gemach. Herr Walther folgte ihr dahin, sie stützend: denn sie wankte.

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