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Felix Dahn

Felix Dahn: Felix Dahn - Kapitel 7
Quellenangabe
authorDie Kreuzfahrer. Zweiter Band
titleFelix Dahn
publisherDruck und Verlag von Breitkopf und Härtel
printrunFünfte Auflage
year1888
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161018
projectid155da05e
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Sechstes Capitel.

Da schlug er die schönen, offnen, blauen Augen mit dem warmen Blick, die er bisher gesenkt gehalten, auf, sah ihr fest in's Antlitz und sprach:

»Das bedeutet: daß etwas zwischen uns steht.«

»Was? Wer!« fragte sie und wankte gegen den Waffentisch zurück, sich daran haltend. »Oh, ich wußte es!« knirschte sie, bevor er antworten konnte.

»Was? Meine unverschuldete Schuld. Ein Geschöpf, das mich vor grausamstem Qualentod gerettet hat.«

»Ein Mann?« Sie bebte vor Grimm, als sie das höhnisch fragte.

»Nein – ein Weib! – Meine mir anvermählte Ehefrau. Sobeide!« rief er laut.

Da trat aus dem Gang über die Schwelle durch den Vorhang, der den Eingang füllte, jener Ritter mit geschlossnem Helm, an der Hand ein tief verschleiert Weib in halb europäischer, halb morgenländischer Tracht.

»Ein Weib! – Dir vermählt? – So lang ich noch lebe?« schrie Frau Wulfheid. »Haha!« lachte sie gellend auf: und bevor die beiden Männer, die mehrere Schritte weit von ihr entfernt standen, sie hemmen mochten, hatte sie blitzschnell ein langes, scharf geschliffenes Jagdmesser, das ohne Scheide vor ihr auf dem Tische lag, beim Griffe gefaßt und sausend gegen das verhüllte Frauenhaupt geschleudert.

Gerade bevor es das Antlitz erreichte, fing es der fremde Ritter in der mit ehernem Handschuh bewehrten Faust. Er schlug nun das Visier empor: »War scharf gezielt, Frau Wulfheid.«

»Herr Walther!« rief die Wüthende. »Ihr! – Ja, ich hätt' es errathen müssen. Aber nicht athmen soll die Heidendirne länger.« Und sie wollte nach einer andern Waffe greifen.

Jedoch Herr Friedmuth trat nun rasch zwischen den Waffentisch und die Rasende, die hochaufgerichtet, unverwandt, nur auf die Verschleierte blickte, – ihre Nüstern zuckten, ihre Unterlippe bebte.

Sie strich langsam, langsam die langen gelben, blutbefleckten Haarflechten von der linken Wange hinter das Ohr zurück: da überwältigte die Leidenschaft die Körperkraft der Frau. »Ich hab's voraus geahnt – all' diese Jahre! – Ja, schon am Tag der Hochzeit. Jetzt ist's gekommen – wie ich's stets gewußt.«

Mit diesen Worten, die sie halblaut, mehr zu sich als zu Friedmuth, sprach, ließ sie sich auf eine Truhe gleiten, die hinter ihr an der Wand der Halle vor einem Vorhang stand: sie hatte nun die Augen von der Verhaßten gelöst und kopfnickend vor sich hin gesehn. –

»Hört mich in Güte, Wulfheid,« sprach jener, tief erschüttert, »meine volle Unschuld –«

Da schnellte sie wieder empor, sie wollte aufspringen: aber die Füße versagten ihr. So blieb sie an die mit wallenden Decken behangne Wand gelehnt; wild das Haupt in den Nacken werfend schrie sie: »Hör' es, heiliger Herrgott da droben! Seine Unschuld! Und da drüben steht, – vor meinen Augen, – seine Buhle.«

Unwillig trat Herr Walther vor, und rief: »Freund, laß mich dies Kind fortführen.«

»Sie bleibt,« sprach Friedmuth, »Denn nichts, was unschön ist, mag an ihr haften. – Und nun muß Alles, – unter uns dreien Alles, – gesagt sein. – Unschuldig bin ich,« fuhr er fort, »unschuldig ist Sobeide: ich schwör's bei Allem, Frau Wulfheid, was Christenmenschen heilig. – Hört mich an.« –

Herr Walther drückte die Tiefverschleierte sanft auf eine der Bänke nieder, welche die Halle umgaben. Hier saß die schlanke, schmale, noch kindliche Gestalt unbeweglich, nur manchmal leis erzitternd, wann Herr Friedmuth von den Gefahren sprach, die ihn bedroht hatten. Neben ihr blieb der Sänger stehen, auf den Griff des langen Schwertes, das er, gelöst aus dem Wehrgehäng, in der Scheide trug, gestützt: gar wachsam: denn nur um eines Fingers Breite hatte er soeben den sichern Tod abgewehrt von diesem jungen Haupte.

»Daß der alte Oswald Euch aufgebahrt liegen gesehen und Euch für todt verlassen, wißt Ihr selbst. Er brachte mir die Nachricht Eures Todes in die Wüste.«

»Wo ist Oswald,« fragte sie mißtrauisch.

»Todt.«

»Das ist bequem,« lachte sie.

»Frau Wulfheid,« fiel Herr Walther ein: »ich hab' ihn selbst begraben helfen. Er kam zum Herrn von Salza und zu mir, Friedmuths Verschwinden, seinen Tod wohl, zu melden. Er erkrankte am Fieber und starb in unsern Zelten: ich habe den Sand der Wüste mit dieser Hand auf seine Grube gestreut.«

»Und keiner der vielen Boten,« grübelte die Argwöhnische weiter, »die ich ihm nachgesandt mit der Nachricht meiner Genesung, hatte ihn eingeholt?«

»Ja, sind sie denn nicht mit der Meldung wieder zurückgekehrt, daß sie ihn nicht gefunden?«

»Bis auf Einen. Der kam nicht wieder. Der könnte doch, mit oder ohne Oswald, bis zu dir – bis zu Euch gedrungen sein, mit der Nachricht, daß ich lebe.«

»Hezilo wird bezeugen, was Oswald mir gemeldet.«

»Es ist wahr,« raunte die Ungläubige mit sich selber. »Er hat es so berichtet, bevor er wissen konnte, daß sein Herr wiederkehre. Aber doch –«

»Glaubt Ihr Herrn Hermann von Salza?« fragte Walther, »glaubt Ihr mir?«

»Dem Salza? Er ist mein Feind – wie alle seine Freunde! Doch – ja: ich glaub' ihm. – Auch Euch glaub' ich: – viele Fehler habt Ihr, Eurem müßiggängerischen Berufe nach, – aber Ihr lügt nur, wann Ihr dichtet.«

»Wohlan: ich eide, daß der alte Oswald Herrn Hermann und mir Euren Tod berichtet hat, und wie Friedmuth ganz erschüttert davon gewesen sei.«

»Ist's wahr?« fragte sie, und ihre Stimme bebte leise.

Aber Walther fuhr fort: »Herr Hermann wollte in den nächsten Tagen auf dem Wege nach dem Norden hier einsprechen: er hat ein Geschäft mit dem Burggrafen von Tirol. Ich traf ihn, eh' ich Friedel fand, in Roveredo, in dem dortigen Hause der deutschen Herren. Er erfuhr von mir, daß Ihr lebtet. Da sagte er: »Ich will Freund Friedmuths Wittwe aufsuchen: sie soll erfahren, wie sehr ihr vermeinter Tod ihm nahe ging. Das wird ihr wohlthun und sie sänftigen.«

Aber die Grimmige wollte von ihrem Grimm nicht lassen. Sie liebte diesen Zorn: er that ihr tödlich weh: aber es war ihr doch eine Art Wollust, ihren Argwohn, ihre jahrelang gegen eine unbestimmte Nebenbuhlerin gepflegte Eifersucht nun so voll gerechtfertigt zu sehen. Trotzig wandte sie sich gegen Friedmuth:

»Wohl, ich will es glauben. Ihr wähntet mich todt. Schon das zeigt, – wie anders Ihr, wie anders ich unsern Ehebund erfaßt: Ihr glaubt sofort, was Euch ein alter Schwachkopf vorredet.«

»Aber Wulfheid! Er sah Euch auf der Bahre.«

» Ich aber: – obwohl Alle, Alle, nah und fern, Feind und Freund, mich verhöhnen, mich auslachen wegen meiner Herzenstreue. – obwohl mich die Vettern mit Fehde drängen unablässig, Jahr um Jahr, – obwohl ich Jahre lang nichts mehr von Euch höre, – obwohl der Goyener schwört, er sah Euch stürzen und Heiden und Christen hätten um die Wette Euren Tod versichert: – ich bring' es nicht über dies thörige, dumme, dies, wie der Sänger dort es schilt, so harte Herz, an Euren Tod zu glauben! – Ich beharre dabei: mein Friedmuth lebt – mein Friedmuth kehrt mir wieder! – Er aber! – Heute hört er meinen Tod, und morgen freit er, wohl Gott und alle Heiligen und seinen Christenglauben verleugnend, ein Heidenweib: – vermutlich ist sie jünger als die Tochter Herrn Wulfgangs und hat sanfte, verliebte Augen!«

Und mit grimmiger Neugier, voll tödlichen Neides, maß sie die feine, die rührende Gestalt in jenem weißen Schleier.

»Aus eitel Sinnenrausch und Üppigkeit – am andern Tage schon,« fuhr sie laut, fast schreiend, fort, »greift er nach der Sünde.«

»Mit nichten!« sprach Herr Friedmuth, ruhig das Haupt schüttelnd. »Nun höret endlich. Bei'm Sturz in eine Fallgrube, – Hezilo hat Euch das erzählt? – blieb Falka todt: – ich fiel in mein eigen Schwert, das, aus der Scheide gefahren, die Spitze gegen mich reckte: tief war die Wunde! Hart unterhalb der Brünne, unter der letzten Rippe links, viele Zoll lang. Die Spitze, die abgebrochne, stak darin: ich litt recht lang und schwer.«

Leise bebte da der weiße Schleier des Turbans: das verhüllte Köpflein sank gegen den Busen herab.

»Als ich wieder zu Gedanken kam, lag ich gefangen in Djibrin, dem Bergschloß des Emirs Emid, der mich gefangen genommen. Er hatte seinem eignen heilkundigen Arzt geboten, alle Kunst aufzuwenden, mein Leben zu erhalten.«

»Warum? Für wen?« fragte Frau Wulfheid funkelnden Auges.

»Er glaubte,« – Friedmuth stockte, – »er überschätzte sehr seinen Gefangnen.«

»Weil Friedmuths Wachsamkeit unser ganzes Lager vor den Heiden gerettet hatte,« ergänzte Herr Walther mit einem Blick liebevollen Stolzes auf seinen Freund.

»So hielt er mich denn für weit werthvoller, als ich war: für einen Fürsten unter den ›Franken‹, und hoffte, seinen von den Unsern gefangenen Bruder gegen mich ausgewechselt zu erhalten.

Aber als der weise Ägypter meine Wunde sah, da – so ward mir später berichtet, – sprach er: »Es braucht ein kleines Wunder für den Arzt, ein größres für die Pflege. Wer soll ihn pflegen?«

Da trat des Burgherrn Tochter vor: sie hatte mich, den Sterbenden, in den Burghof tragen, mich unter der Palme Schatten liegen sehen. Erbarmen mit dem Fremden, dem Gefangenen rührte ihr junges Herz. –«

Frau Wulfheid nickte grimmig und sprach leise vor sich hin: »Und schön war er auch, der Gefangene! Sehr schön!«

»Sie pflegte mich viele Wochen, Monate –! Ich wußte lange, lange nichts, – als daß eine milde, weiche Hand mich labte, – als daß ein Auge, –« Er brach ab. »Endlich war ich genesen: ich erfuhr vom Arzte: nicht er, – sie habe mich gerettet. Ich dankte ihr: – wir schlossen Freundschaft.«

Da schlug Frau Wulfheid eine grelle Lache auf: »In welcher Sprache? Auf Heidnisch oder auf Deutsch? Ihr verstandet euch ja gar nicht. Ha, die Seelen hatten wohl wenig zu thun mit dieser Freundschaft? –«

Aber ruhig fuhr der Erzähler fort: »Sobeidens Mutter war eine Abendländerin, eine Christin, eine Deutsche: Elisabeth, Tochter des Grafen von Wied, die der Emir auf ihres Vaters Pilgerfahrt gefangen und sich vermählt hatte. – Sobeide ward im Glauben des Vaters, aber von der Mutter in deren Sprache, deren Sitte auferzogen, bis sie durch den Tod dem Kind entrissen ward. – Ich mach' es kurz. Der Emir verließ die Burg mit einem Auftrag des obersten Sultans der Heiden an den Kaiser. An seiner Stelle übernahm den Befehl Scheik Dschabir: ein wilder Heide, voll von Haß gegen Christen und Abendländer. Ich fühlte, er hätte mich am liebsten beim ersten Anblick ermordet. Nur der strenge Befehl, mich gut zu halten, schützte mich. Aber in einer Nacht –«

Sobeide bebte leise.

»In einer Nacht kam der Befehl des obersten Sultans, alle gefangnen Christen zu tödten.« Er hielt inne.

Mit Spannung blickte Frau Wulfheid auf ihn.

Herr Walther fiel ein: »Die Templer nämlich, diese ruchlosen, obzwar tapfern Frevler, hatten, vielleicht aus bloßer tempel-ritterlicher Gier, vielleicht aber auch um den vom Kaiser gerade dem Abschluß nahe gebrachten Friedensvertrag zu zerreißen, – eine große Karawane der Heiden, welche mit Gold, mit edeln Rossen und zumal mit schönen Frauen von Bostra nach Jerusalem zog, mitten im Schutz der Waffenruhe mit niederträcht'gem Treubruch überfallen. Die Schätze, siebzig Kamele, wurden geraubt, zweihundert Männer, darunter des Sultans Lieblingssohn, Achmed, wurden erschlagen, die edeln Frauen und die Mädchen geraubt. – »Gieb,« sagt ein Sprichwort im Morgenland, »ein schönes Weib lieber in des Teufels als in des Templers Gewalt!« –

»Da befahl,« fuhr Friedmuth fort, »der Sultan blutige Vergeltung. Die Art der Tödtung war nicht vorgeschrieben. Aber Dschabir – er hatte eine Tochter bei jener Karawane gehabt – gebot –«

»O schweige!« flüsterte Sobeide leise.

Jedoch Friedmuth hatte sie nicht gehört und fuhr fort:

»Er hatte befohlen, mich den Geiern zu geben.«

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