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Felix Dahn

Felix Dahn: Felix Dahn - Kapitel 6
Quellenangabe
authorDie Kreuzfahrer. Zweiter Band
titleFelix Dahn
publisherDruck und Verlag von Breitkopf und Härtel
printrunFünfte Auflage
year1888
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161018
projectid155da05e
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Fünftes Capitel.

»Vorwärts, Frau Wulfheid zum Entsatz!« rief der Sieger und eilte in den Burghof. Seine Begleiter, – darunter ein Ritter mit geschlossenem Helm, Helmzier und Schildzeichen mit der ledernen Mouve verhüllt, – folgten ihm nach.

Aber der Kampf war zu Ende.

Denn aus ihrem Thurme waren Hezilo und der Innerhofer, den Herrn und seine starke Schar gewahrend, ausgebrochen und hatten die Bedränger des Nord-Thurmes im Rücken gefaßt. Die Meisten – alle, welche den nahenden Entsatz erschaut hatten, – warfen die Waffen weg und gaben sich gefangen. Dem Greifensteiner, der sich tapfer mit der Streitaxt wehrte, fiel Hezilo mit seiner heilen Linken in den Arm: der Ritter ward von der Überzahl bewältigt und gebunden.

All das war gleichzeitig mit Herrn Rapotos Fall geschehen.

Herr Friedmuth, jetzt im Burghof stehend, sah wie auf der Mauer so auch im Hofe den Kampf beendet, steckte das Schwert ein und gab kurz ein par Befehle über Verwahrung der Gefangenen.

Er gebot, die Schwerverwundeten zu pflegen – es war sein erstes Wort nach dem Sieg, – und Herrn Griffo in das Verließ des südlichen Mauerthurms zu führen.

Die unverwundeten Gefangenen wurden, getrennt von dem Ritter, in dem Kellergewölbe unter der Burg eingesperrt, die Leichtverwundeten, welche gehen konnten, mit dem Befehl entlassen, Herrn Rapotos Leiche und den von Frau Wulfheid zerschmetterten Reisigen nach Naturn zu geleiten, zur Bestattung; – das waren die beiden einzigen Todten: die Belagerten hatten nur Verwundete.

Einstweilen war Frau Wulfheid auf die Mauerkrone hervorgetreten; sie hatte die Fackel weggeworfen und das Schwert eingesteckt.

»Seht ihr's? Ich hatte Recht, wie immer! Er lebt! Ich hab' es stets gesagt!« rief sie, erhob beide Arme triumphirend gen Himmel und – blickte starr auf Herrn Friedmuth, der nun erst vom Hof aus die Walltreppe hinauf stieg: gar langsam und sehr zögernd, so däuchte ihr. Ein Strahl warmer Freude, ja beinahe der Liebe war in den kalten herben Augen aufgelodert. Aber nun sofort wandelte sich deren Ausdruck: ihre Züge versteinten. Sie konnte nun deutlich sein Antlitz sehen: das war nicht froh der Heimkehr und des Sieges. Eine schwere, schwere Wolke tiefen Wehs, qualvollen Kummers lag auf seiner offnen Stirn.

Ihn mit scharfem Blicke messend, zog sie die Hand, welche sie ihm schon halb entgegen gestreckt hatte, plötzlich argwöhnisch zurück: »Friedmuth!« hatte sie rufen wollen: aber sein Auge suchte sie nicht, – es mied sie eher.

»Fragsburger,« sprach sie nun, heiseren Tones, und trat dräuend einen Schritt vor, »was ist mit dir? Was –?«

Er aber schüttelte ernst das Haupt – er schloß halb die Augen: – »Nicht hier. Nicht vor allen Ohren! Geh voraus, in die Burghalle! Dort erwarte mich! Ich komme gleich nach. Dort sollst du Alles hören.«

Dem Ritter im geschlossnen Helm aber, der, vor der Mauertreppe stehend, zu ihm empor blickte, rief er zu: »In der Burghalle! Ihr kommt, wann ich rufe.«

Der Ritter ging aus dem Hof und schritt zurück nach dem Wald, unter dessen vordersten Bäumen nun auch mehrere Pferde: Streitrosse und Reiserosse, sichtbar wurden.

Friedmuth wandte sich, die Mauertreppe hinunter eilend, Hezilo, dem Innerhofer und den andern, zur Fragsburg gehörigen Leuten zu, welche ihn jubelnd umringten und begrüßten.

An diesem dichten Ringe vorbei schritt Frau Wulfheid, mit finster drohendem Blick ihres Gatten alle überragende Gestalt messend.

Vor dem Thore des Hauptgebäudes angelangt, griff sie, vom Halse her, in ihr Schuppenhemd und zog daraus den mächtigen Thorschlüssel hervor. Sie drückte an der Eisenplatte, welche das Schlüsselloch bedeckte, steckte den Schlüssel hinein, schloß auf, stieß die Thür nach Innen und schritt zögernd über die Schwelle, noch einmal das hoch erhobene Haupt wendend und mit herbem Mißtrauen auf Herrn Friedmuth zurückblickend.

Bald darauf schritt der Burgherr, nachdem er die dringendsten Anordnungen getroffen und im Erdgeschoße die Schußwaffen abgelegt hatte, die Haustreppe hinauf und aus dem lichten Pfeilergang in die große Halle, welche den größten Theil des ersten Stockwerks ausmachte.

Überall, an den Wänden, auf dem Estrich, auf den an den Wänden sich hinziehenden Bänken, auf großen Truhen und langen Tischen waren Schutz- und Trutz-Waffen jeder Art verstreut: – die Vögtin hatte hier die Mannschaften waffnen wollen für die erst in zwei Tagen erwartete Fehde.

Als sie nun hier den Gemahl eintreten sah, mit dem gleichen Ausdruck tiefster Schwermuth, die Augen auf den Boden gerichtet, furchte sie finster die dunkelbraunen, starken Brauen und trat, so weit es der Raum verstattete, von ihm zurück an einen der Waffen-Tische, die geballte Linke darauf stützend, die Rechte in die Hüfte gestemmt.

Sie hatte sich nicht Zeit genommen oder nicht Ruhe gefunden, die kriegerische Gewandung abzuthun: nur die Sturmhaube hatte sie klirrend zu den andern Waffen auf den Eichentisch geworfen: – wirr und wild wogte jetzt das gelbe, ins Röthliche schimmernde Haar in Strähnen, die vom Schweiße des Kampfes, auch vom Blut der Wangenwunde, zusammengeleimt waren, über Gesicht und Schultern. Sie war, bis der ungeduldig und unmuthig Erwartete eintrat, unablässig im raschesten Schritt auf und niedergegangen in der großen leeren Halle, manchmal stehen bleibend, den Kopf schüttelnd: – einmal laut auflachend: »Ha, gewiß! gewiß!« –

Aber nun stand sie mit eisiger Ruhe, ganz in sich zusammen gefaßt, an dem Waffentisch und heftete die großen, runden, graublauen Augen starr auf das tief bewölkte Antlitz ihres Gatten, der nahe der Schwelle, fern von ihrer Seite des Gemaches, stehen blieb. –

Früher als er fand die Frau das Wort.

»Vorerst,« fragte sie mit kühlem Ton, – ziemlich leise, aber unheimlich verhalten sprechend, während ihre Stimme sonst herrisch laut erklang, – »Vorerst das Nächste. Wie kam es, daß du, daß Ihr –«

Friedmuth sah rasch auf, senkte aber die Wimpern sofort wieder.

»So gerade noch zu rechter Zeit kamt? Wie durch Gottes Engel herbeigetragen! Oder etwa« – zweifelte sie mißtrauisch – »durch den übeln Waland der Lüfte, wie Herr Heinrich der Löwe durch die Lüfte aus dem Morgenland nach Braunschweig geführt ward? – Und woher die vielen Reisigen? Und wie, einem Wunder ähnlich, befreitet Ihr meine gefangenen Leute?«

Der Ritter war offenbar froh, von Anderem schweigen zu dürfen und zunächst reden zu können von Dingen, welche nur die Fragerin und die rechtzeitige Errettung betrafen.

»In Regium gelandet, eilten wir – eilte ich der Länge nach durch ganz Wälschland nach Hause. Der große Kaiser – er ist mir sehr huldvoll gesinnt – hat mir, als er zu Anagni, wo ich auf ihn traf, meine Geschicke – das heißt: die im Morgenland! – erfahren, reiche, sehr reiche Gaben gespendet. Wir – ich wollte an deiner Gruft beten: denn Oswald hatte mir berichtet: – aber davon gleich! In Trient stieß ich – zufällig – auf Herrn Walther von der Vogelweide.«

»Ha,« grollte sie, »vor mir hast du den Landfahrer, den Fiedler aufgesucht!«

»Zufällig, sag' ich ja, war's. – Von ihm erfuhren wir,« – er erbleichte, – »daß du lebest, – daß du vom Tod auferstanden!« –

Er schwieg. Ein langer, bohrender Blick ruhte auf ihm.

»Bald darauf,« fuhr er, nun rascher sprechend, fort, »kam ein Mann aus Schwaben, der auch im heiligen Land gewesen war, des Wegs – bei Bozen war's. – Er wollte Herrn Walther aufsuchen, ihn zu deiner Hilfe herbeizurufen: denn am Tage nach Peter und Paul, meldete er, drohe dir härteste Fehde durch die Vettern. Rasch entschlossen besendete Herr Walther seine nächsten Freunde: den von Säven, den von Gufidaun und den von Rubein, bat sie um ihre Reisigen und Knechte, um Waffen und Rosse. Ich warb mit des Kaisers mir geschenktem, reichem Gold und – mit arabischem Perlenschmuck« – er erröthete und fuhr schnell fort, – »noch dazu ein Dutzend dienstloser Leute und kaufte Waffen, auch ein par Rosse mehr. Und wir zogen nun die Etsch herauf, sicher, mehrere Tage vor Wiederbeginn der Fehde hier einzutreffen.

Als wir aber heut', nachdem wir in aller Morgenfrühe von Vilpian aufgebrochen, an dem großen Etschweg gegen deine Thalscheune heranritten, fiel mir auf, daß ein par gewaffnete Knechte, die in der Nähe hielten, entsprangen, da sie mein gewahrten. Und als ich nun langsam an der Scheune vorbeiritt, sah ich zwei andre Reisige hinter derselben wegschlüpfen. Zugleich schrie eine Stimme, hoch aus dem Giebelloch des Scheunendaches, flehend, dringend meinen Namen. Ich sah auf und erkannte Oswin, der uns zurief, sie seien, treulos überfallen und gefangen, hier eingesperrt: wir sollten eilen, sie zu befreien und die Burg wieder zu nehmen, die gewiß einstweilen überrumpelt worden sei. Wir brachen ein par Seitenbretter der Scheune los, befreiten die Gefangenen. theilten die Waffen mit ihnen, eilten den Berg herauf und – kamen gerade noch zu rechter Zeit.«

Er schwieg: die lebhafte, fast freudige Bewegung, mit welcher er diese Begebnisse erzählt hatte, wich wieder ganz von ihm: schwermuthvoll sah er vor sich nieder.

Frau Wulfheid hatte ihm ein Wort des Dankes sagen wollen für die Rettung aus höchster Noth.

Aber nun konnte sie es nicht. Finstern, argwöhnischen Blickes maß sie das edel schöne, so tief traurige Antlitz.

»Ihr habt nur Eure Pflicht gethan,« brachte sie rauhen Tones hervor, »und für Euch selbst, für Euren Vortheil gesorgt, da Ihr mein Haus zu retten eiltet. Eiltet! sag' ich,« – sie lachte. »Spät, recht spät seid Ihr gekommen! Noch ein par Augenblicke, und Ihr hättet Euer Ehegemahl todt – verbrannt – gefunden. Diesmal wär' ich nicht wieder »auferstanden«, wie Ihr, wenig erfreut, vorhin das nanntet. Vielleicht, hättet Ihr es geahnt, – Ihr hättet unten am Berg noch kurze Frist verweilt.«

Herrn Friedmuth schoß das Blut in die Wangen in hellem Zorn: doch er bezwang sich und schwieg.

Sie aber trat hastig einen halben Schritt näher und, das Haupt leise senkend und vorstreckend, forschte sie: »Längst ist der Kaiser, längst auch sind alle Ritter der Nachbarthäler zurück, die am Leben geblieben. – Der Bub von Goyen drüben, der unnütze Liebling Eurer Gunst, kam noch früher wieder als Ihr: – Ihr seid der Allerletzte! – Hezilo erzählte mir, er sah Euch fallen: – Ihr seiet wohl lange todt: – Ihr gältet im Heer als verschollen. – Ich weiß nicht, ob ihm zu glauben ist? Er hielt von jeher gegen mich zu Euch – wie von jeher: Alle! – Warum kamt Ihr so spät zurück zu Eurem Weibe?«

»Weil ich gefangen war.«

»Wie der Goyener? Wart ihr beide,« fragte sie lauernd, »beisammen in der Gefangenschaft?«

»Er wird wohl gesagt haben, daß wir nicht beisammen waren!«

»Ha,« lachte sie bitter, »gesagt hat er's wohl: – aber das konnte – das kann ja so beredet sein.«

»Frau Wulfheid!« fuhr der Ritter auf. Aber er beherrschte sich sofort wieder und fuhr in traurigem Tone fort: »Sobald ich frei ward, eilte ich hierher, – so rasch es anging.«

»Aus Sehnsucht nach – nach mir?« fragte sie jetzt ängstlich, hastig, mit weicherem Klang, und ihr Auge ward feucht.

»Euch glaubt' ich ja todt.«

»Also!« lachte sie bitter auf. »Also dem Besitz, dem Sach galt die Eile. Ja ja: man sieht es!« fuhr sie herbe fort. »Fünf Jahre fast ist er fern, der Ehegemahl: endlich kommt er zurück – trifft sein Weib im heißesten Kampfe für sein Recht – und –« sie schüttelte sich, lachend vor Zorn, – »noch nicht einen Händedruck – noch nicht –« Sie brach schroff ab. »Fragsburger, was soll das bedeuten?«

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