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Felix Dahn

Felix Dahn: Felix Dahn - Kapitel 4
Quellenangabe
authorDie Kreuzfahrer. Zweiter Band
titleFelix Dahn
publisherDruck und Verlag von Breitkopf und Härtel
printrunFünfte Auflage
year1888
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161018
projectid155da05e
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Drittes Capitel.

Herr Rapoto hatte Recht: die Burg war immerhin so ausgedehnt, daß sie mit den wenigen Vertheidigern gegen mehr als dreifache Überzahl nicht zu halten war. Denn außer den sieben Männern aus den Goyenerhöfen waren, neben einigen Mägden, nur noch drei Reisige in dem Schloß geblieben: die anderen waren mit den Kirchgängern gefangen. Die Nacht, die Dunkelheit begünstigte daher die Vertheidigung, indem sie den Stürmenden die winzige Zahl der Helme auf den Zinnen verbarg.

»Ha sieh,« hatte gleich bei Beginn des Angriffs der Greifensteiner seinen Genossen gefragt, »was geschieht da oberhalb des Thores, zwischen den Vorzinnen?«

»Einen Schild hängt man heraus.«

»Und noch einen – schau, der Fackelschein fällt roth darauf: Herrn Friedmuths drei Sterne sind's – von Schänna her – und der rennende Wolf der Täufers von Fragsburg.«

»Eia, das Weib entbietet uns zum Schildkampf! Wann Thurm und Thor genommen, – noch hinter dem letzten Schild will sie sich wehren! – Nun – wir wollen ihr die Schilde schon abreißen, haben wir nur erst das Thor. Entwischen kann sie nicht: – das Haus hat keine andre als diese Thür.«

»Doch! Es soll ein Hehl-Thürlein in einen geheimen Erdgang führen. Aber es liegt nicht in Frau Wulfheids Art, den Kampf zu fliehen.«

Und wahrlich, so schien es.

Die Burgfrau hatte sich selbst den Wehrbefehl vorbehalten. Nach ihren Weisungen gebot Hezilo den Männern und den Mägden, welche ebenfalls mithelfen mußten, Kessel voll siedenden Wassers und Körbe mit Steinen auf die Mauerkrone tragen, auch wohl das dampfende Wasser aus den Küchen-Eimern auf die Angreifer herab schütten sollten.

Die beiden Ritter hatten die Zahl der Vertheidiger von Anfang überschätzt: und der heftige, erfolgreiche Widerstand, den sie fanden, bekräftigte sie in dem Irrthum, daß wohl über zwanzig Männer da oben kämpften.

Diese Annahme hielt denn auch die Reisigen ab, so dreist an's Werk zu gehen, wie sie's bei richtiger Schätzung der Burgbesatzung gethan haben würden. In manchem regte sich nun auch wieder, bei stockendem Erfolge, das Gewissen: der Angriff, gegen die bei den Heiligen geschwornen Eide gewagt, schien von den Heiligen nicht begünstigt.

So zog sich der Kampf von der späten Abendstunde, in der er begonnen, bis über die Mitternacht hinaus: – der Mond drang nicht völlig durch das ziehende Gewölk: – ja, bis fern im Ost das fahlgraue Dämmerlicht der Frühe, der ersten Morgen-Stunde heraufstieg.

Vergeblich hatten sich die beiden Führer Stunden lang bemüht. Alle Sturmleitern, welche Griffo im Osten und im Norden hatte anlegen lassen, waren immer wieder umgestürzt worden von der Mauer her. Oder die Hinaufkletternden waren durch heißes Wasser, durch schwere Steine, durch Speerwürfe und durch Schwert- und Beilhiebe abgewehrt worden: zwei Leute waren an Gesicht und Hals verbrüht. Einer lag mit verstauchtem Fuß unter zertrümmerter Leiter.

Herr Griffo, der einmal schon den Fuß auf die Mauerkrone gesetzt, war von Hezilo durch einen wuchtigen Schlag mit dem Morgenstern auf den zerspringenden Topf-Helm von Mauer und Leiter hinabgeschlagen worden. Nur die geschuppte Sturmhaube, unter dem Helm, hatte den Schädel gerettet.

Ebensowenig hatte der grimme Rapoto dem festgefügten, durch Eisenstangen vor und hinter dem dicken Eichenholz geschützten Burgthor anzuhaben vermocht.

Einem seiner Reisigen ward mit der alten fürchterlichen Bauernwaffe, dem »Flegelkolben«, dem mit Eisenstacheln gespickten Dreschflegel, von der Thorzinne herunter Holzschild und Schulter zerschlagen, schwer wund ward er zurück getragen. Herrn Rapoto selbst hatten vor einem gleichen Schlage der sausenden Stachelwalze des Innerhofers nur die starken Schulterflügel, dicke Eisenplatten, die auf dem Schuppenpanzer lagen, geschützt.

Es ward nun hell: über sechs Stunden hatten sich die Angreifer ohne Erfolg gemüht. Die Verteidiger schienen allgegenwärtig: wo immer das Erklettern der Mauer versucht ward, da rief die mächtige Stimme der Burgfrau die Männer herbei.

Von selbst, ohne Gebot oder Verstattung der beiden Führer, erlahmte nun der Ansturm; müde des fruchtlosen Ringens wichen ihre Leute außer Speerwurfsweite zurück: widerwillig thaten die beiden Ritter das Gleiche.

»Dies Weib hat sieben Unholde im Leibe,« grollte der Naturner, sich auf den Schaft des langen Schlachtbeils stützend.

»Ich sah sie, – beim übeln Feind! – zugleich rechts und links vom Thor meine Leitern umwerfen,« meinte der Greifensteiner, warf die Schuppenhaube in den Nacken und strich sich das schwarze, seidenweiche Haar hinter das Ohr.

»Viermal hab' ich Feuer an das Thor gelegt, und viermal hat sie selber mit heißen, dampfenden Wassergüssen gelöscht, – mit eigner Hand die Eimer herabschüttend: – ich erkannte sie im Gluthschein der Flamme.«

»Wissen möcht' ich nur, woher sie diese Menge von Knechten aufgetrieben hat? Zwanzig haben wir ihr abgefangen: – und ich schätzte, viel mehr habe sie nicht auf allen ihren Hufen. – Nun sind wohl nochmal zwanzig auf den Wällen! Sollte die Sparsame Söldner geworben haben?«

»Gleichviel! Wir müssen hinein. Gieb Acht! Nun wird es hell! Man kann die Leute schärfer sehen. – Jetzt soll uns Bogen und Pfeil die Zinnen säubern. Zwölf Mann, die besten Bogenschützen, stellen sich nah, – nur außer Speerwurfsweite – von der Mauer: sie haben keine Bogenschützen, scheint es: ich merkte nichts von Pfeilen! –«

»Ich auch nicht.«

»Seltsam genug, wenn wirklich so viele Helme da drinnen sind. Diese zwölf schießen unablässig auf die Vertheidiger, indeß wir stürmen. Siehst du! die Sonne steigt! Schon leuchtet's hell her über's Vöraner Joch. Nun werden wir sie bald zwingen.«

Und wirklich ward's nun bittrer Ernst.

Mit lautem Staunensruf zählten Führer und Reisige, während die Sonne ihre ersten, rothgoldigen Strahlen auf die Burg warf, die geringe Zahl der Leute auf der Mauerkrone, welche so lange dem Angriff getrotzt hatten.

»Sie brauchen jeden Arm! Stehen doch vier Mägde neben der Vögtin! Jetzt zielt scharf, ihr Schützen!«

»Aber nicht auf die Frau,« mahnte Griffo.

»Bah,« gebot der Naturner, »man sieht's jetzt deutlich: sie trägt, wie ein Mann, Brünne, Helm und Schild, sie wirft Sperre wie ein Mann: – sie mag sich nicht beklagen, nimmt Eibenbogen und Lindenpfeil sie für das, als was sie sich giebt. Nun – drauf!«

Und abermals eilten die beiden Ritter gegen die Mauer mit dem Rest der Leute, während die Schützen die Langbogen spannten: es waren nur zwei Armbrustbogen darunter: die waren aus dem gelobten Lande von Kreuzfahrern mitgebracht.

Der Greifensteiner kletterte wieder als der Erste, eine Sturmleiter links vom Thor hinan. Hezilo erwartete ihn mit hocherhobenem Arm, den Morgenstern zum Streich gezückt: nun schien die geschuppte Sturmhaube des Empordringenden erreichbar. Hezilo holte aus, aber mit lautem Schrei ließ er die Waffe fallen: ein Pfeil hatte seinen Schwertarm hart neben dem Schulterloch des ringgegitterten Brust- und Arm-Geflechts getroffen. Im Nu war der Ritter oben und rannte den Jüngling mit dem Schildstachel über den Haufen: der Innerhofer zog ihn nach rechts, – von der Burg aus – gegen den südlichen Mauerthurm hin, aus dem Gefecht.

Im gleichen Augenblick fiel unten der eine Thorflügel krachend nach innen, nachgebend den erneuten Stößen des spitzen, eisenbeschlagenen »Sturmpfahls«, welchen der Naturner und zwei Reisige wider die Mitte des Mauerthors rannten. Die Vertheidiger hatten schon vorher das Holz, bedenklich splitternd, dröhnen gehört: mit wildem Siegesgeschrei sprangen Herr Rapoto und seine Leute jetzt in die klaffende Lücke des Thores.

Einmal noch wurden sie gehemmt.

»Hab' Acht!« schrie der Naturner dem ersten Reisigen zu, der den Sturm-Balken vorn gefaßt hatte. Denn aufblickend hatte der Ritter gesehen, wie Frau Wulfheid, einen mächtigen Porphyrblock hoch mit beiden Händen über ihr Haupt hebend, zielte. Die Warnung kam zu spät: der Mann stürzte: – keinen Laut gab er mehr, – mit zerschmettertem Helmdach und Schädel.

Zornig sprang der Ritter vor und warf den schweren Balken gegen eines Knechtes Schild im Hof: der fiel nach hinten: drei, vier, – schon waren es fünf – Reisige drangen hinter dem Naturner durch das Thor. Der Greifensteiner mit zwei Knechten eilte bereits die schmale Walltreppe von der Mauer in den Hof herab.

»Siego!« rief Herr Rapoto.

»Heilo!« antwortete Herr Griffo.

»Unser ist die Fragsburg!« frohlockten beide.

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