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Felix Dahn

Felix Dahn: Felix Dahn - Kapitel 3
Quellenangabe
authorDie Kreuzfahrer. Zweiter Band
titleFelix Dahn
publisherDruck und Verlag von Breitkopf und Härtel
printrunFünfte Auflage
year1888
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161018
projectid155da05e
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Zweites Capitel.

Wohl seit alter Zeit war die Krone dieses Berghanges befestigt gewesen. Bot die Lage auch nicht gerade das Ideal für Burgenbau – einen nur von Einer Seite ersteigbaren Kegel, – so war doch der Aufstieg von der Etsch her, von Westen – denn die Etsch fließt hier beinahe gerade von Nord nach Süd – unmöglich: senkrecht fiel dort der Fels zu Thal und in den Felskern selbst war der Unterbau der Burg gehauen. Auch von Süden war die Schlucht nicht zu ersteigen, welche der damals noch ganz ungebändigte Absturz des Sinach-Bachs in den Stein gegraben hatte. Freilich, im Nordosten vor der Burg lag ein geräumiger Platz: aber der steile Zugang zu diesem, der nur von Norden, von Meran, herführte, war leicht zu vertheidigen. Steinkugeln schleudernde Geschütze, Sturmdächer und Sturmböcke konnte man den schmalen Burgsteig nicht herauf schaffen, wenn die Abwehrer oben ihre Schuldigkeit thaten. Denn dieser Weg, »die Burgstraße« war so schmal, daß nur je ein Reiter Raum fand; an der Stelle, wo er, vom Thal aufsteigend, die Krone des Berges erreichte, sperrte ihn ein hölzern Quer-Verhack – ein »hâmît« – und auf der rechten, der schildlosen Seite war er durch eine »Letze,« das heißt: durch spitze, hohe Palissaden flankirt.

Der Burgbrunnen innerhalb des Hofes gewährte gutes Wasser, das die Belagerer nicht abzugraben vermochten in dem Felsengrund des Baues.

Aber die Lage des Ortes war unbedeutend: – zu hoch oberhalb der Etsch und des Landweges längs des linken Ufers derselben, um die Wasser- oder die Wagenstraße sperren zu können. So erreichte die Befestigung niemals die Ausdehnung auch nur einer »Mittel-Burg«: sie war immer nur ein Kleinbau gewesen, obzwar nicht von den geringfügigsten dieser Gattung.

Es fehlten daher alle Vertheidigungsmittel, welche die damalige Baukunst, nun schon bald anderthalb Jahrhunderte – seit dem ersten Kreuzzug – auch durch die weit überlegene des Orients geschult, für wichtige Burgen, für Festungsstädte anzuwenden gelernt hatte.

Da gab es weder eine Mehrzahl von Mauern hintereinander noch einen »Barbican«: das heißt eine kleine Festung für sich allein, in Gestalt eines kreisrunden, von Gräben umzogenen Vorthurms, mit Zugbrücke, Zinnen und einem zu der Zugbrücke des eigentlichen Mauerthors führenden gedeckten Gang. Auch fehlte die Hauptzugbrücke, über welche allein, bei starken Vesten, das Mauerthor zu erreichen war. Ebenso wenig waren Erdwälle oder tiefe Wasser-Gräben vorhanden: kein »Slegethor,« das heißt Fallgitter, konnten die Belagerten, war das Mauerthor durchbrochen, hinter diesem als eine zweite »Feinde-Wehr« niederlassen.

Auch ein eigentlicher »Bergfried,« ein »Donjon« fehlte: ein solcher mußte, sollte er seinem Zweck, – einer letzten Vertheidigung nach Eroberung aller Vorwerke und des Burghofes selbst – erfolgreich dienen, ganz isolirt, von den andern Gebäuden aus unerreichbar, aufgeführt sein.

Eines solchen Einzelbaues Stelle ersetzte hier nur sehr ungenügend der viereckige Thurm, welcher sich in der Mitte des Hauptgebäudes gerade über dem »Burgthor« zwei Stockwerke hoch erhob und dessen im Inneren des Hauses aufsteigende Holztreppe, war die Besatzung darüber hinauf geflüchtet, von oben leicht aus zwei eisernen Haften gelöst und herabgeworfen werden konnte.

Vielmehr bestand die ganze Burgwehr im Norden, Osten und Süden in einer einfachen, höchstens vier Fuß dicken und etwa zwölf Fuß hohen »Cingel,« das heißt Umfassungsmauer, Ringmauer. Aber hier bildete sie nicht einen Ring, sondern ein Viereck: meist aus Felsstücken, welche, ohne Mörtel ineinandergefügt, selten durch eiserne Klammern zusammengehalten wurden. Nur hie und da war eine Strecke aus Ziegelbau eingeschaltet. Ein Graben vor der Mauer fehlte: er würde, in Ermanglung von Wasser, ihn zu füllen, nicht viel genützt haben.

Die Mauerkrone oben, »die Plateforme,« sprang, erheblich breiter als die Mauer, vor: mehrere schmale Freitreppen von Holz führten von der Innen-Seite des Hofes hinauf.

Die Front- oder Quer-Mauer im Osten, von Nord nach Süd, parallel dem Hauptgebäude der Burg im Westen, enthielt in ihrer Mitte den einzigen Zugang zu dem gesammten Bau, – das starke »Mauerthor«. Gerade über diesem waren die zackigen breiten Zinnen nach außen weit überragend, auf vorstehenden Kragsteinen oder Consolen – Mouch-Arabi, – gebaut, sodaß die Vertheidiger, hinter diesen Vorzinnen gedeckt, auch denjenigen Angreifer, der schon bis an das Thor gelangt war, mit senkrechtem Wurf treffen, oder aus Gießlöchern, »Pech-Nasen«, mit siedendem Wasser und Pech beschütten konnten.

Die beiden Längsmauern, die, von West nach Ost laufend, im rechten Winkel auf das Hauptgebäude im Westen und auf die Quermauer im Osten stießen, waren an den beiden Ecken, wo sie die letztgenannte, die Quermauer mit dem Mauerthor, erreichten, je durch einen kleinen zweistöckigen Mauerthurm abgeschlossen. Diese Thürme, je einen halben Pfeilschuß von dem Mauerthor, verstärkten die Vertheidigung der Quermauer und je einer Langmauer. In beide Thürme führte, wie von dem Burghof, so auch von der Plateforme der Mauer aus je eine Pforte. Von diesen Thürmen aus konnte man die gegen die Querfront Stürmenden von beiden Seiten bestrichen. Und war auch die Quermauer oder eine der Langmauern erstiegen, ja sogar der Hof von den Belagerern gewonnen, so konnten die Belagerten, in die beiden Thürme geflüchtet, immer noch die Eingedrungenen auf der Mauer, ja im Hofe vom Rücken beschießen, wenn diese das dem Mauerthor gerade gegenüber liegende »Burgthor«, das heißt den Eingang des Hauptgebäudes, und dessen Vertheidiger angriffen.

Allerdings war die kleine Fragsburg mit all' diesen Einrichtungen doch recht weit hinter den Fortschritten der Wehrkunst zurück geblieben.

In die beiden Mauerthürme, die nur ein, nicht zwei Stockwerke, das heißt Reihen von Schießscharten, zählten, hätten Fallbrücken führen müssen: und die in den Hof steigenden Treppen hätten nicht frei von der Mauer hinab gehen sollen, sondern innerhalb je eines Thurmes, »des Wic-huses«, Kampf-hauses, angebracht sein müssen, so daß der Feind, ohne möglichen Sprung von der Mauer, erst dann in den Hof gelangen konnte, nachdem er mindestens einen der Thürme erobert.

Doch waren die Steildächer beider Thürme mit Bleiplatten gegen die sehr gefürchteten Brandpfeile gedeckt. Und das Erdgeschoß der Thürme, das vor die Mauer ragte, war halbrund, convex, angelegt und aus den mächtigsten Porphyrquadern geschichtet.

Das Hauptgebäude, mit der Rückseite der Etsch zugewendet, mit der Stirnseite gegen Osten blickend, bestand in Wahrheit aus mehreren im Laufe der Geschlechter allmälig aneinander geklebten, und, – da der schmale Raum wenig Ausbreitung verstattete, – übereinander gethürmten Gebäuden.

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