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Felix Dahn

Felix Dahn: Felix Dahn - Kapitel 21
Quellenangabe
authorDie Kreuzfahrer. Zweiter Band
titleFelix Dahn
publisherDruck und Verlag von Breitkopf und Härtel
printrunFünfte Auflage
year1888
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161018
projectid155da05e
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Zwanzigstes Capitel.

Den Rest des Tages verbrachten die drei Freunde in der Berathung wichtiger Beschlüsse.

Besorgt hatte Walther eingewandt: »nur Einer könnte diesen Entschluß hemmen: – der Reichsministerial darf das schwarze Kreuz nicht nehmen ohne des deutschen Königs, des Kaisers Verstattung«.

Da streifte Friedmuth einen Ring vom Finger, mit einem schönen Amethyst, und sprach: »O Hochmeister, ich bitte, schreibe dem Kaiser und schick' ihm seinen Ring zurück. Er ward mir dereinst gegeben, allerlei Güter und Ehren von ihm damit zu erbitten: – jetzt erbitt' ich kraft des Ringes nur die eine Gunst, – allen irdischen Gütern und Ehren entsagen zu dürfen.«

»Er wird sich nicht weigern,« sprach Herr Hermann, und nahm den Ring an sich. »Ich stehe dafür ein.«

Der Hochmeister schrieb nun Briefe – zwei – in der Bücherei des Schlosses. Am Abend noch sandte er gut berittene Boten mit dem einen Schreiben aus. Am andern Morgen schickte er das zweite, einen Bericht der Vorgänge, in welchen die beiden Ritter den Tod gefunden, und des ganzen Schicksals Friedmuths an den Kaiser.

Während er so ämsig arbeitete, schritten Walther und Friedmuth, Arm in Arm verschränkt, durch den Schloßgarten.

»Freund Walther,« sprach der Fragsburger, »schilt nicht den Deutsch-Herrn-Ritter, daß mich noch eine Sorge, eine bange Frage hier festhält.«

»Du bist's noch nicht: erst morgen sollst du das Gelübde leisten und den Mantel anthun.«

»Ja morgen! Dann – ich habe mir's schon so ausgedacht! – Aber die holde Demuth da oben kann ich nicht in der Burggruft bergen.«

»Nein, nicht neben Frau Wulfheids Gesippen wahrlich.«

»Dank dir, daß du das einsiehst, gleich mir. – Glaubst du, Walther, – du bist so viel älter, weiser, als ich, – es schadet ihrem Seelenheil, – wenn sie nicht in geweihter Erde ruht?«

Da blieb der Sänger stehn, legte dem Freunde beide Hände auf die Schultern und sprach: »Die Erde, darin sie ruht, ist geweiht! Sie starb als eine Siegesheldin der Liebe. Wie Viele liegen auf dem Schlachtfeld eingescharrt, auf dem sie fielen, und nur die Treue hat ihnen das blut'ge Feld geweiht! – Ich hab' es schon bedacht,« fuhr er fort, den Freund leise weiter ziehend, – »als ich mit dem Hochmeister im Garten wandelte. – Sieh dort in jener Ecke – unter den Rosen: – sie waren deine letzten Grüße. Dort ist's so schön, wie nirgends sonst im Garten! Ein Vögelein sang heute früh noch in dem blühenden Busch: – wohl ist die Sommersonnwende schon vorbei: aber sie nehmen's nicht so streng mit dem Ablauf der Zeit, in der der liebe Gott sie zu singen verpflichtet hat: – sie singen ihm gern darüber hinaus was vor. – Ein Rothkehlchen war's: – die sind die sinnigsten von allen, sind eigentlich gar keine Vögel: gute Holdchen sind's. – Und da stehen dicht daneben, weiße Lilien: – hier, Friedmuth. wollen wir das Kind begraben.«

Und so geschah's.

Noch am Abend dieses Tages waren Hezilo, der Innerhofer und seine Tochter auf die Burg gerufen worden, das Geschehene und den Beschluß des Vogtes zu vernehmen.

Wohl zuckte der treue Hezilo zusammen: »Nach Preußenland!« stammelte er. »Das ist der Tod! Das ist das Grab. Sie sagen, Keiner kehrt von daher zurück.«

»Ich gewiß nicht, mein lieber Bub',« sprach Friedmuth. »Nein – Katharina, erschrick nicht! Er darf nicht mit: – ich nähm' ihn nicht, – auch wenn er wollte. Auch Oswin nehme ich nicht mit der darum bat. Ich geh' allein. – Für euch ist gut gesorgt.«

»Wer wird nun Vogt?« fragte der Innerhofer bekümmert.

»Sei ohne Bangen: der Größte, Herrlichste im Reich. Du Katharina, komm: dir hab' ich ein hoch Geschäft bestimmt! Du sollst mit deiner kundigen Hand mir das Leichentuch fertigen, in dem wir Frau Demuth zum Grabe tragen.«

»O, wie gerne,« rief das Mädchen mit feuchten Augen. »Hezilo hat mir von ihr erzählt: – wie schön sie war, – wie sie Euch gerettet hat, – wie gut sie war.«

»Ja, sie war gut,« sprach Friedmuth. »Du aber sollst ihr die letzten Ehren von Frauenhand erweisen; du bist es werth: dein Hezilo hat mir berichtet, wie du gern entsagt hättest, gern ihn einer Andern gegönnt, um ihn zu retten. Wie du aber das Leichentuch fertigen sollst, – das sag' ich dir. Ich gebe dir auch den Stoff dazu: – in solchem ward noch nie ein Weib zu Grab getragen.«

Die Nacht über brannte eine Ampel, mildes Licht verbreitend, in der kleinen Kapelle.

An der Leiche wachte und betete still Friedmuth. Manchmal richtete er das Auge von dem edeln bleichen Antlitz hinweg durch das Fenster in den nächtigen Himmel, der voll von Sternen stand: er suchte mit seinen Gedanken, mit seinem Sehnen auf einem dieser Sterne ihre Seele.

Einmal kam, von dem Lichte gelockt, wohl auch vom Duft der vielen Blumen, mit denen Katharina das ganze Todtenlager überschüttet hatte, durch das offene Bogenfenster ein großer, dunkelfarbiger Nachtschmetterling geflogen. Er schwebte über der weißen Stirn, die von Rosen dicht umrankt war, ließ sich, nur einen Augenblick, darauf nieder, und flog leise, leise wieder hinaus: träumerisch schaute der Trauernde seinem Fluge nach, bis der im Dunkel verschwand.

Am frühen Morgen aber – hell glitzerte der Thau auf dem Gras und den Büschen des Gartens – trugen sie die holde Todte hinab aus dem Schlosse, das sie nur betreten hatte, darin zu sterben. Der Reiz des Lieblichen auf diesen sanften Zügen war nicht gewichen: aber der feierliche Ernst und die Marmorblässe des Todes hatten sie wunderbar geweiht, veredelt und verklärt: sie glich einer todten Königin, einer Märtyrin, die im Siege starb.

Weiß war das seltsam lange, breite und schwere Grab-Tuch, in welchem, statt auf einer Tragbahre, die leichte Last geführt wurde. Friedmuth hatte das Haupt und die Schultern gefaßt, seine beiden Freunde die Füße. So schritten sie langsam die Treppe der Burg hinab in den Hof. Hier schlossen sich die Leute von Goyen, die Knechte und die Mägde des Hauses, die Reisigen des Hochmeisters an: aber blos bis zu der schmalen Thüre des Schloßgartens. Durch diese traten nur die drei Träger, gefolgt von Hezilo, Katharina und deren Vater. Bald standen sie an dem Grabe, das Friedmuth ganz allein am Abend des vorigen Tages aus dem Moosrasen ausgehoben und geschaufelt hatte. Keine Glocke klang: aber die Lerchen stiegen, ihre hellen Lieder schmetternd, vom Thalgrund bis zu der Höhe der Burg hinauf und sangen ganz nah' über dem Grabe.

Neben dem offnen Grabe stand der schlichte Sarg, welchen die Burgleute auf Walthers Anordnung schon am Nachmittag vorher gezimmert hatten.

Vorsichtig ward die schmale Gestalt in den Sarg gelegt, indem Friedmuth das lange weiße Wolltuch, auf welchem die Todte getragen worden war, nun unter ihr hervorzog: er breitete es über den nächsten Strauch. Von diesem überhangenden Rosenstrauch streifte der Frühwind einzelne Blätter ab und streute sie über die Leiche, welche Katharina ganz in weiße Leinentücher geschlagen hatte: noch einmal küßte er die edle Stirn. Nun führte ihn der Hochmeister sacht einen Schritt zur Seite. Er sollte nicht sehen, wie Walther und die Männer von Goyen den gewölbten Deckel mit den vier hölzernen Zapfen über der Gestalt schlossen.

Als dies geschehen war, senkten sie leise, schauernd, das leichte Gezimmer in die schwarze Tiefe. Nur noch einmal, als der Sarg dumpf aufstieß auf den Boden der schwarzen Höhlung, und ein par gelöste Erdschollen dumpfen Tones darauf nieder rollten, schrie Friedmuth laut auf in wildem, heißem Weh und warf sich leidenschaftlich auf die Kniee, mit beiden Händen in die Tiefe langend.

Aber sofort faßte er sich wieder.

Er sprang auf und schritt zu dem Strauch, über welchen er das weiße Leichentuch gespreitet hatte: mit rascher Bewegung warf er es um die Schultern: – da zeigte sich ein schwarzes Kreuz auf der linken Seite: das Leichentuch war ein Mantel.

Er wickelte den ganzen Leib fest in die starken Falten, bog das Knie vor Herrn Hermann und sprach: »An diesem Grab sag' ich der Welt für immer ab. In diesem Mantel will ich einst begraben sein: mein Meister, nimm mich hin.«

Und Herr Hermann legte ihm beide Hände auf die Schultern, beugte sich über ihn, küßte ihn auf die Stirn und sprach:

»Friedmuth von Fragsburg, ich nehme dich als Bruder auf. – Nun schwöre mir zu: willst du dem Orden treu sein?«

»Ich schwör's. Bis in den Tod!« sprach Friedmuth.

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