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Felix Dahn

Felix Dahn: Felix Dahn - Kapitel 20
Quellenangabe
authorDie Kreuzfahrer. Zweiter Band
titleFelix Dahn
publisherDruck und Verlag von Breitkopf und Härtel
printrunFünfte Auflage
year1888
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161018
projectid155da05e
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Neunzehntes Capitel.

Als sich der Tiefbewegte aus des Freundes Armen gelöst hatte, wankte er auf den Füßen und griff nach dem Tische, sich zu stützen.

Flugs schob ihm Walther seinen Stuhl zurecht, und drückte ihn mit sanfter Gewalt darauf nieder. Besorgt füllte der Hochmeister einen der beiden Becher mit Wein, hielt ihn Friedmuth hin und sprach: »Trink! Trink und lebe! Du darfst mir nicht erliegen – vor der Zeit! Jetzt bist du mein!« Friedmuth trank durstig den Becher leer.

»Thut feierlich Bescheid, Herr Hochmeister!« rief Walther, beide Becher wieder füllend, »Der jüngste Deutsch-Ritter!«

Walther holte einen dritten Stuhl herbei und Friedmuth begann: »Habt Dank, ihr Vielgetreuen. Ich hab' es bald erkannt: mir galt euer Gespräch. Habt Dank auch dafür, daß ihr das so gerichtet und gefügt. Ich hätte Trost, – wie man's wohl nennt – auch Rathschlag nicht ertragen. Ich mußte es selber finden, wenn auch ihr mir's in den Weg gelegt. Es ist das Rechte: ich fühl' es an dem Frieden, der mir die Brust erfüllt, seit ich's erwählt.

Diese Lösung, ihr botet sie mir dar.

Aber daß ich mich aus tiefstem Jammer wieder heben mochte, daß ich sie fassen konnte, die rettende Hand, das dank' ich – nach des lieben Himmelsgottes Fügung! – meiner seligen Mutter und einem frommen Spruch, den sie mich als Kind gelehrt, den ich treulich im Herzen behalten und mir vorgesprochen habe in mancher Fährlichkeit im Abend- und im Morgen-Land.

Heute hatt' ich ihn vergessen! Ach, lange fand ich die Kraft nicht wieder. Immer wieder sagt' ich mir: öd' ist dein Leben, da liegt dein Glück, todt und verstummt! – Und immer fester klammerte ich die Hand um diesen Dolch. Und siedheiß, bitter schmerzend, schoß mir durch mein arm Gehirn, das solcher Fragen ungewohnt: Warum? Warum das Alles? Warum muß Frau Wulfheid, völlig schuldlos, dies erleben? Und warum müssen wir beiden uns ahnungslos so unrettbar verstricken, daß es diese holde Heilige in den Tod treibt, und jene Heißherzige in die Flucht und mich in's Elend des Herzens? Warum hat dies der Himmelsherr verhängt? Oder ist vielleicht gar keiner, wie in Akkon einmal ein gar witziger Templer uns beweisen wollte? Und alles ist blinder Zufall?«

Da schlugen die beiden Hörer voll Entsetzen ein Kreuz: Friedmuth that deßgleichen und fuhr rasch fort:

»Erschrecket nicht vor mir. Verabscheuet mich nicht! – Denn kaum hatte ich das gedacht, da erschrak mein Herz und ich brach in die Kniee und gedachte, wie die liebe Mutter so oft gerade zu dieser Stunde, wann die Abendglocken von Meran heraufklangen nach Schänna, mit mir geknieet und gebetet, und wie sie mir einmal den ersten aufsteigenden Stern im Westen wies und sprach: ›Das ist das Auge Gottes.‹ Und ich erbebte über den Frevel, den ich gedacht, und schaute unwillkürlich empor in den Himmel, den ich gelästert hatte. Da fiel mein Auge auf den Spruch, den ich vergessen: aber die Mutter hatte ihn, als ich diese Burg bezog, mit rother Farbe anmalen lassen, dort, über dem Fensterbogen der Kapelle, und ich las:

Wer Unrecht nimmer thut,
Der steht in Gottes Hut:
Den darf an Leib und Ehren
Nicht Leid noch Übel sehren.

Doch trag Du in Geduld,
Auch Leiden ohne Schuld:
Auch sie schickt Gottes Huld,
Im Himmel sie zu lohnen
Mit sel'gen Martyr-Kronen.

Das rührte mich tief in der Seele: mir war, ich hörte der Mutter liebe Stimme diese Worte leise zu mir sprechen. Und ich betete ein Vaterunser. Und wie ich an die Bitte kam: »vergieb uns unsre Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern« – da fügt' ich bei: ›Strenger Himmelskönig – ich weiß zwar nicht, was Demuth und was ich verschuldet haben. Wir wollten nichts Böses. Strafst du aber auch schuldlose Schuld, – o vergieb sie uns jetzt, und vergieb ihr auch, daß sie aus allzugroßer Liebe für mich starb. Und hör' es: aus tiefstem Herzensgrund verzeih' ich, was Frau Wulfheid etwa gegen sie und mich in dieser Nacht gefehlt.‹ Und da ich dieses Wort gesprochen hatte, da kam ein großer stiller Friede über mich; und ohne Groll konnt' ich der harten Frau gedenken, deren wilde Drohung Kind Demuth in den Tod getrieben hat. Und nun sprach ich zu meinem Herzen: ›Dies holde Geschöpf ist in den Tod gegangen, auf daß ich ohne Schmach und Vorwurf leben kann: – wohlan, ich will leben. Aber wofür? Das Glück ist todt – da liegt's! Was soll ich thun? Wo soll ich leben? Hier, in Wulfheids Haus, in Müßiggang? Niemals! Ein Kloster-Mönch? Ich bin so jung, ach gar so jung. Mein Arm ist stark, – ich bin zum Kampf geboren: – nicht für mich mehr will ich kämpfen, aber wofür soll ich leben?‹

Rathlos saß ich an der Leiche.

Da kamet ihr und euer Gespräch hob an und der Meister sprach: ›Wer mir nachfolgt und unter mir kämpft, der lebt und kämpft nicht mehr für sich – nur für Andre: für Christus und das Reich.‹ – Da sprang ich auf, als sei ein Erzengel vom Himmel mir herab geflogen und habe mit dem Flammenschwert gewinkt: ›Friedmuth, gen Preußenland!‹'

So hat mich Gott der Herr gerettet: durch der Mutter Spruch und durch dich, mein Hochmeister.«

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