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Felix Dahn

Felix Dahn: Felix Dahn - Kapitel 19
Quellenangabe
authorDie Kreuzfahrer. Zweiter Band
titleFelix Dahn
publisherDruck und Verlag von Breitkopf und Härtel
printrunFünfte Auflage
year1888
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161018
projectid155da05e
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Achtzehntes Capitel.

»Ja, wahrlich,« fuhr der von Salza fort, »wen nicht ein tief heiliger Drang, ein zwingender Ernst der Seele dahin lädt – der folge mir nicht. – Das Land ist heute noch das ärmste, elendeste, ödeste, das man im Abendlande kennt. Undurchdringbare Wälder, mit Bär und Wolf und reißendem Gethier und dem gewaltigen Elch, dem Roßhirsch mit den Schaufelhörnern, und alle Schrecknisse des Urwaldes drohen. – Noch trostloser ist der unermeßliche Sumpf, das tückische Moor, das meilenweit sich dehnt, oft unter dünner Schicht von Heide-Sand versteckt, und unerbittlich Roß und Mann verschlingt. Ja, dort giebt es Strecken, die, wechselnd, bald Meer, bald Moor, bald Sand, bald Sumpfland und bald Heide sind. Durch Mark und Bein bohrt der grimmige Ostnordost, der aus den eisbedeckten Wüsteneien eines unerforschten Steppenlands der Sarmaten braust. Furchtbar kracht es durch die stille Nacht des öden Landes, meilenweit vernehmbar, wann das manchen Fuß dicke Eis der Wyssel oder der Nogat sich im mächtigen Eisgang über einander thürmt und splitternd bricht. Acht Monde Eis und Schnee, oder – schlimmer als beide – schneekaltes Wasser, das Alles überzieht: eine flüssige Decke von Eis-Mus, zu dünn, den Schlitten oder auch nur den Menschentritt zu tragen, zu dick, vom Schiff durchfurcht zu werden!

Und vertheidigt wird diese Wüste des Sumpfes und des Waldgestrüpps von einem tapfern, aber unaussprechlich rohen Volk, das in dem Deutschen seinen Todfeind sieht und so stumpf ist, – ärger als das Vieh. Sie bringen alle Töchter in jedem Hause um bis auf Eine. Der Christen Zahl aber ist so kläglich schwach, daß je ein Ritter mit ein par Knechten, in einem schmalen, nur von Holz gebauten Thurm hausend, oft viele hundert Stunden keinen befreundeten Speer nahe hat und gegen Hunderte, ja Tausende von Feinden ausdauern muß, viele Tage lang, Wochen lang – wie der einsame Wanderer im winterlichen Föhrenforst, umheult von Rudeln hungertoller Wölfe, – bis – vielleicht! – Entsatz ihn rettet: oder bis er, preisgegeben, vergessen von allen Glücklichen, den wüthenden Wölfen verfällt.

Die »Reisen« aber, wie sie's nennen, die Kriegszüge in das Innere, sind nur möglich in der allerstrengsten Winterzeit. Denn nur dann gefrieren die unzähligen Seen und Sümpfe, in denen die Eingebornen sich verstecken, zu jeder andern Jahreszeit so unerreichbar für den fremden Feind, als das Sumpfhuhn, das nur außer Pfeilschußweite im Schilf des Moores nistet. Man sagt, dort zu Lande kann man den Krieg suchen, ohne ihn zu finden, weil er in den Sumpf entschlüpft.

Nur wenige schmale Furten, die blos der Sohn des Landes kennt, sind zwischen Seen, Teichen und Sümpfen zu beschreiten. Ein Schritt daneben ist der sichere Tod. Und wer bei solcher Fahrt auf dem Heimweg ermattet zurückbleibt, von allbezwingender Müdigkeit herabgezogen in den weichen Schnee: – ein Glück für ihn, wenn ihn die Wölfe vor den Preußen finden.«

»Und Ihr glaubt, – all' diese Opfer sind nicht umsonst gebracht?«

»Wahrlich nein! Sonst wär' es Frevel, sie zu fordern. Nicht aus meine Weisheit hin würd' ich's wagen: aber der gewaltige Kaiser Friedrich ist ein Mann, der denkt auf viele Geschlechter der Menschen hinaus über das Wohl und Wehe der Staten. Und mein großer Kaiser war es, der, nachdem er sich lange gesträubt, endlich mir auf die Schulter schlug und rief: ›Ich hatte Unrecht! Eigensucht, Eitelkeit hatte meine Blicke geblendet: – ich wollte euch im Morgenlande festhalten für mein zweites Kaiserreich, – du, Hermann, hast ein großes Werk erdacht! Wer mit dir geht, der baut da, wo's am schwersten – und zugleich am nöthigsten, – am Reich.‹«

Da trat Friedmuth ganz in den Eingang des Gemaches, kaum hielt er sich noch zurück: – sein Antlitz war ruhig, fest, von edelstem Entschlusse verklärt.

»In Anagni nahm ich Urlaub vom Kaiser, nachdem ich ihn mit dem Papst ausgesöhnt: – ich allein ward von beiden zu ihrer Unterredung und dann zur Tafel gezogen. Schon hatte ich Verona erreicht, da traf mich ein Bote, der mir dies Schwert als Geschenk des Kaisers zum Angedenken an sein Abschiedswort überreichte.«

Der Hochmeister erhob sich und holte aus dem Waffengestell an der Wand die edle Waffe, sammt der Scheide und der darüber gewundenen Schwertfessel sie auf den Tisch legend.

»Eia, welch' reiche Scheide! Und erst die breite, schöne Klinge: bester Stahl von Biscaya und Arbeit von Toledo. Und wie lautet hier das Schwert-Mal?«

»Mit diesem Grabscheit scharf und stark
Stich ab dem Reich die neue Mark.
Mit diesem Hammer sollst du hau'n,
Da, wo's am schwersten ist, zu bau'n.«

»Darum,« fuhr der Hochmeister fort, »soll mir nur folgen, wer jeder Lust des Lebens, jedem Genuß der heitern Stunde entsagt, wer auf Weib und Kind und Heimat und Besitz und Alles sonst verzichtet, was beglückt. Wer mein Genosse werden will, der darf nur der Pflicht, der allerschwersten Pflicht des Ritters, des Deutschen, des Christen leben. Nur wer ganz entsagt, für Andere lebend, nicht für sich, getreu' bis in den Tod, nur solche Männer kann ich brauchen.«

Friedmuth trat unhörbar über die Schwelle.

»O Hochmeister,« rief Walther, »wie ist das schön! Gerne zög' ich selber mit.«

»Bleibt Ihr in Euren grauen Haaren in wohlverdienter Ruh', Ihr habt dem Reich genug gedient.«

»Wie ist das heldenhaft! Viel schöner als mein armes Lied.«

»Sagt mir dies Lied, ich bitte, Herr Walther.«

Und der Sänger sprach mit starker, lauter Stimme:

»Nicht fürder fern im Palmenlande
Verschwendet edle, deutsche Kraft,

Wo in der Wüste Wirbel-Sande
Nicht Schwert, nicht Pflug sich Heimat schafft.

Lang hielten Wacht wir träumend weiland
Am heil'gen Grab mit treuem Speer: –

Wir fanden's endlich aus: der Heiland
Braucht keinen Schutz: sein Grab ist leer! –

Nein, wer begehrt nach Heiden-Streichen,
Wer nach des Pfluges edlerm Streit:

Ein Schlacht- und Brach-Feld ohne Gleichen
Liegt nah' der Heimat ihm bereit.

Wo jetzt die Nogat und der Pregel
Durch herrenlose Sümpfe schleicht.

Wo kaum im Haff, vor selt'nem Segel,
Der Möven zahllos Volk entweicht,

Wo des Perkunos Steine ragen,
Von Urwald-Fichten schwarz umsäumt,

Wo wilde Steppenhengste jagen
Und im Gestrüpp der Rohr-Wolf heult, –

Dort, statt am Jordan zu vergeuden
Des Ritters Muth, des Bauers Kraft,

Dort sollt ihr fechten, bau'n und reuden
Mit Axt und Grabscheit, Schwert und Schaft.

Auf! rasche Franken, zähe Sachsen,
Ihr Schwaben klug, ihr Baiern stark:

Gen Preußenland! – Aus Sumpf erwachsen
Soll Deutschland eine neue Mark.

Gen Preußenland! – Brecht, stät im Siegen,
Mit Schwert und Pflug die Wege klar

Und hoch ob euren Häuptern fliegen,
Weissagend, soll des Reiches Aar.«

Da, mit dem letzten Worte des Sängers, trat Friedmuth dicht an Herrn Hermann heran, bog das Knie, drückte die Linke, welche eine weiße Rose gefaßt hielt, auf die Brust, streckte die Rechte gegen den Freund empor und sprach feierlich, mit weicher Stimme:

»Hochmeister Hermann. – nimm mich auf in deine heilige Schar: – gieb mir das schwarze Kreuz. – Ich ziehe mit dir gen Preußenland. Darf ich?«

Die beiden Männer sprangen auf: Herr Hermann öffnete die Arme und zog den Knieenden an seine Brust: »Mein Friedmuth – ja! – Gewiß, ich hab's ja gewollt! – Du darfst: – du sollst.«

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