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Felix Dahn

Felix Dahn: Felix Dahn - Kapitel 18
Quellenangabe
authorDie Kreuzfahrer. Zweiter Band
titleFelix Dahn
publisherDruck und Verlag von Breitkopf und Härtel
printrunFünfte Auflage
year1888
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161018
projectid155da05e
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Siebzehntes Capitel.

»Euch beiden,« fuhr der Hochmeister fort, »bestätigte ich damals nur, was ihr euch beide schon selbst gesagt: daß in dem Morgenland, in der Wüste Alles vergeudet und verloren ist, – für's Reich und Volk, – was von deutschem Blut, von deutscher Arbeit dort aufgewendet wird.«

Walther nickte und summte vor sich hin:

»Nicht fürder mehr im Wüstensande ...«

»Franzosen, Italiener sind – aus gar manchen Gründen – dort in der Vorhand. Ihre Mutterländer liegen viel näher, wir Deutschen werden niemals das Mittelmeer mit unsern Schiffen beherrschen. Schon Luft und Leben in der Levante ertragen wir Nordländer viel schlechter.

Unser deutscher Orden kann da drüben auf die Dauer nicht das Feld behaupten wider die Templer. Nicht, weil sie uns an Reichthum, an Gold, Land und Menschen und durch zahllose Privilegien der Päpste überlegen, – sind sie doch stärker, als gar manches Königreich! – sondern weil wir es an Ruchlosigkeit mit ihnen nicht aufnehmen können: – und sollen. Aber diese Frevel stecken an. Mir bangt oft um meine Ritter: sie verwildern und verderben dort leicht: die deutschen Tugenden verlieren sie, die Laster der Pullanen, – der entarteten Mischlinge. – nehmen sie an.

Deßhalb suchte ich schon lange unsere Burgen und Casalien im Morgenlande zu verkaufen und für den Erlös im deutschen Reich Gebiete zu erwerben.«

»Also deßhalb! Mit Staunen fand ich auf meinen Fahrten im Reich, wie ihr nicht nur an Donau und Etsch und Rhein und Main und Lahn, auch an Pegnitz, Saale und Elbe wachsend Land und Leute gewonnen habt in diesen Jahren.«

»Und damals schon hatt' ich erkannt, daß ganz wo anders als am Jordan für uns ein weites Land liegt, in welchem wir Dauerndes schaffen können. Damals aber dachte ich nur daran, durch eine deutsche Mark in jenen Landen die Wenden in später Zukunft einmal zu verdrängen. Jetzt aber ruft uns ein dringender Hilfeschrei zur Abwehr – sofort, soll dort nicht alles verloren sein. –«

»Wie das?« fragte Walther erstaunt.

»Jene Pruzzen und Samaiten, ehedem gar friedlich und ungefährlich, haben jetzt, gereizt durch blut'ge Thaten der Christen, das heißt der Polaben und der Pommern, Thaten, die ich – bei Gott! – nicht loben will, furchtbare Vergeltung geübt, und drohen nun, angreifend, in wilder Wuth Alles zu zerstören, was von Christenthum, von mildrer Sitte, von deutschem Fleiß in ihren Nachbarlanden mühsam empor gebaut wurde seit Jahrhunderten.

Erhoben haben sich die Heidenstämme in allen Landschaften des Preußenlandes – Nicht alle Namen hab' ich im Gedächtniß: – Nadrauen und Schalauen, Galinden und Barten, Samland, Warmien, Pogesanien. – Vernichtet haben sie alles Christenthum im Culmer- und Dobrinerland, in Lubovien und Lansanien, Masovien und Cujavien sind verheert. Der wildeste Haufe, geführt von einem Rückfälligen, Warputus, –«

»Den Namen,« meinte Walther nachsinnend, »hab' ich schon einmal im Leben gehört, – aber wann und wo?«

»Ist über die Wyssel gedrungen, weit über das geplünderte Danzig hinaus, und hat den Bischof des christlich gewordenen Preußenlandes, Herrn Christian, und viele Mönche gefangen fortgeschleppt. Der Cistercienser waldumrauschten Sitz, Kloster Oliva, haben sie verbrannt, ja das deutsche Reichsland Pommern furchtbar heimgesucht. Deutsche Mädchen haben sie, zum Hohne mit Blüthen bekränzt, in den Schauern ihrer Eichwälder zu Romowe im fernsten Nadrauen, unter den Schlägen des weißen Zauberstabes ihres Oberpriesters, des Kriwe, in den Opferbränden ihrer Holz-Götzen, zu Tode gequält.

Verzweiflungsvoll strecken Herzog Konrad von Masovien, Bischof Günther von Ploczk, die schwerbedrängten Ritterbrüder von Dobrin. –«

»Ah, die mit dem rothen Schwert und Stern auf weißem Mantel?« rief Walther.

»Sie sind nur noch Ein einziger Convict.«

»Was? Nur zwölf Ritter noch und ein Comthur!«

»Von der Heidenfluth ringsher umbrandet, darin gar bald ihr Stern versinken kann: – sie alle strecken am Rande des Unterganges die Arme flehend nach uns aus.

Da hab' ich ihn denn endlich durchgesetzt bei Kaiser und Papst, meinen Plan, den ich lange vergebens bei beiden betrieben: – erst die Noth hat sie zu meinem Willen gezwungen. Denn des Papstes, wie des Kaisers Aufruf an alle Christenheit, den Bedrängten zu helfen, – sie verhallten fast ungehört.

Geduld genug hat es gekostet: Klugheit, ja, wenn ich mich selbst so rühmen darf, Weisheit! bis ich alle die vielen Häupter, die da das Recht hatten, nein zu sagen, oder doch die Macht, mich schwer zu stören, bis ich sie alle, die unter einander Hadernden, unter den Einen Zwang meines starken Willens gebracht hatte. Jetzt aber stelle ich nicht nur meine Kraft – das wäre wenig! – stelle ich die ganze Heldenschaft der Meinen in den Dienst dieses großen Werkes. Schon hab' ich Herrn Hermann Balka, den tapfern Niedersachsen, vorausgesandt: der Orden der deutschen Herrn, – er siedelt über nach Preußenland. Der Kaiser hat uns alles Land, das wir dort erobern, als ein Fürstenthum, als Reichslehen verliehen. Gerade von hier, von der Fragsburg aus, zieh' ich gen Preußen.«

Da rauschte es ganz leise in dem Vorhang der Kapelle.

Die beiden bemerkten es wohl, und Hermann fuhr fort: »Aber nicht wie die Hetzpfaffen meine ich diesen Krieg! Nicht, um alle Heiden mit Gewalt zu taufen. Wir haben's erfahren im Morgenland: es giebt gar wackre Herzen unter den Heiden. Wahrlich – was brauchen wir weiter Zeugniß? da drinnen – jenseit des Vorhanges – liegt eine stumme Zeugin: – eine unvergleichliche! Sobeide schon, nicht erst Frau Demuth, hat viel mehr als ihr Leben daran gesetzt, den Unschuldigen vom Qualentod zu retten.«

Da zuckte tiefste Rührung über des Lauschenden Antlitz; die Falten des Vorhangs fielen zu.

»Wohl predigen wir auch das Kreuz und die Erlösung: aber nicht um deßwillen vertausche ich den Jordan mit der Wyssel.

Wir schützen mit den Waffen deutschen Besitz und Christenglauben: und wir erobern soviel jenes Landes, als nöthig ist, für immerdar jenen Besitz zu wahren. Nicht Mörder und glaubenstolle Pfaffen, – Ritter und Helden führ' ich in jenes Land zu einem Kampf, der wahrlich ein heil'ger ist. Denn es gilt, wie Christus dem Herrn, so der deutschen Macht, es gilt dem Reich, und seiner Hut und Ehre.«

Er hielt inne. Schweigen entstand: – ein tiefer, starker Athemzug aus voller Brust drang aus der Kapelle.

»Aber,« wandte Walther nach einer Weile ein, »ihr werdet auch mit der bisherigen Macht eures Ordens nicht viel ausrichten.«

»Leider,« seufzte der Hochmeister. »Auch die Schwertbrüder an der Düna, in Livland. Esthland und Curland, fühlen es, daß sie viel zu schwach. Auch sie rufen um Hilfe. Als Wahrzeichen bitterster, blutigster Drangsal sandten Herr Albert von Buxhövden, der Hochmeister, und Herr Volkwin, der Landmeister jenes Ordens, mir ihre beiden weißen, zerhackten und zerschossenen Mäntel: o heilige Jungfrau! Sie waren so getränkt von Blute, daß das rothe Schwert und das rothe Kreuz auf beiden nicht mehr kenntlich waren! Beredter als laute Zeugen sprachen diese stummen Boten! Deßhalb drängt mich harte Noth, neue, frische Kräfte zu werben! Wird es aber erst ruchtbar, welche Gefahren, welche Entbehrungen, – welche Schrecknisse jenes Land birgt, – so kommt uns vollends niemand mehr. In's märchenhafte, reiche Morgenland, über's blaue Mittelmeer, zieht es die Abenteurer immer noch: aber nach Preußenland!«

»Ja, ja,« meinte Walther, seufzend und unwillkürlich einen schmerzlichen Blick nach der Kapelle werfend. »Ein Jugendgenoß von mir – dorthin verschlagen – Herr Ralf vom Rhein – der hat es schon gesagt: ›Wer still, wer einsam sterben will, der zieht gen Preußenland.‹«

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