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Felix Dahn

Felix Dahn: Felix Dahn - Kapitel 17
Quellenangabe
authorDie Kreuzfahrer. Zweiter Band
titleFelix Dahn
publisherDruck und Verlag von Breitkopf und Härtel
printrunFünfte Auflage
year1888
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161018
projectid155da05e
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Sechszehntes Capitel.

Unter solchen Gesprächen schritten die Freunde aus dem Schloßgarten hinauf in die Burghalle. Es war nun Mittag geworden. Heiß brannte die Sommersonne aus dunkelblauem Himmel auf die schmalen Wege des Gartens, welche mit dunkelbraunem, fast violettem, grobkörnigem Sande bestreut waren, – dem zermürbten Porphyr- und Jaspis-Gestein dieser Berge.

Um die Rosen und die Lilien, zumal aber um die nun stark duftenden Geißblatt-Blüthen flogen nicht nur die heiteren, hellfarbigen Tagfalter, – der schöne atlasweiße Bergschmetterling mit den rothen Augen, der Apollo heißt, der Segelvogel und der Schillerfalter, – auch die dunkelfarbigen Schwärmer und der Taubenhals und der Wespenvogel schwebten über den Kelchen der Lilien und den Glocken des Agelei, und saugten den Honig mit ihrem langen gewundenen Rüssel. Die Eidechsen sonnten sich auf dem breiten Mauergesimse: – es war hier Alles voll hellen, heißen, üppig strotzenden, heiter strahlenden Lebens.

Den beiden Männern war es, sie beträten eine Gruft, als sie in das in ernster Trauer schweigende leere und kühle Haus zurückkehrten. Alles war still. Die Mägde huschten, verstört, ohne zu reden, ohne zu fragen, was nun werden solle, durch Gänge und Kammern. Und Aller Gedanken waren oben in der Kapelle, bei dem Manne, welcher, ein verödetes Leben vor sich, neben dem stummen, jungen Weibe saß. -

Doch mußte er einmal das Gemach verlassen haben: Oswin öffnete den Gästen den Vorhang der Burghalle und wies auf einen Tisch, von welchem die Waffen hinweggeräumt waren, und der auf weißem Linnen mit buntgestickten Rändern einen hohen Kristallkrug voll rothen Weines, zwei Becher und einen einfachen Imbiß von kalten Speisen trug. »Befehl des Herrn,« flüsterte der Burgwart, und schloß, sie allein lassend, den Vorhang.

»Keine Pflicht, – auch die geringste nicht! – vergißt er,« sprach der Hochmeister.

»Mitten in solchem Weh,« fügte Walther bei.

Er ging mit leisen Schritten bis an den Vorhang der Kapelle und sprach: »Friedmuth, – Lieber: – stört es dich, wenn wir hier weilen und sprechen? Herr Hermann will mir etwas Wichtiges berichten. Sollen wir in ein ander Gemach gehen?«

»Nein! Sprecht nur!« erscholl die ruhige Antwort. »Der Klang eurer Stimmen thut mir wohl.«

Da schoben sie den Tisch und die beiden daran gestellten Stühle näher an den Vorhang der Kapelle und ließen sich nieder; doch blieben Speis und Trank unberührt.

»Wie lang ist's her,« fragte nun mit lauter Stimme Walther, »daß es im Gang ist, dieses große Werk?«

»Die Vorerwägung, die Vorbereitungen gehen viele Jahre zurück. Schon im gelobten Lande, – vielleicht gedenkt Ihr noch, wie wir in unsres armen Freundes Zelt davon sprachen?« –

»Ja wohl gedenk' ich's! Und wie eifrig er Eure Gedanken aufnahm. Was Ihr mit dem Orteisen der Schwertscheide in den Sand der Wüste zeichnetet, – er ließ sich's deutlich weisen.«

»Schon damals hatte ich den Plan gefaßt, durfte ihn aber niemandem mittheilen, – auch euch nicht, – bis Kaiser und Papst ihn gut geheißen: und beide mußten erst versöhnt sein.«

»Ihr habt sie versöhnt?

»Ja, mit schwerer Mühe! Schon zwischen Hammer und Amboß ist schwer Friede machen, – zwischen zwei hauenden Hämmern noch schwerer.

Walther blickte mit Staunen auf den Hochmeister.

»Herr Hermann,« sprach er, »viel, wahrlich, trau' ich Euch zu. Eures Willens Kraft und Eures Geistes Tiefe. Wie Ihr aber das zuwege schafft, daß Ihr diesen Staufer, diesen gewaltigen, feuerherzigen, immer wieder zum Frieden leitet mit der Kirche, mit dem Herrn Papst, der ihm doch so oft und so bitter Weh und Unrecht angethan, – das kann ich nicht begreifen.«

»Will's Euch sagen, Freund Walther, wie ich's mache: ich sag' ihm die Wahrheit. Ja, ja, staunt nur. Seht, wir Alle, die wir den Herrlichen kennen und lieben, – wir begehen den großen Fehler, immer nur seiner glänzenden, ja blendenden Gaben und all' gewinnenden, begeisternden Vorzüge zu gedenken; auch ich im stillen Herzensgrunde, aber die Andern gar laut – und nicht am wenigsten laut Ihr, wackrer Walther! – Wenn wir von ihm reden, lobpreisen wir ihn: wenn wir dann zu ihm reden, machen wir's auch nicht viel anders. Er hat aber doch wahrlich nicht blos Vorzüge: – er hat auch, untrennbar von ihnen, recht viele und recht arge Fehler.«

»Ist wahr,« sagte Walther kleinlaut und betrübt, und schmiegte die Wange in die Hand, wie er pflegte, wann er über etwas bedächtig »sinnirte«. »Aber verzeih mir's der milde Gott: – mir sind meines Kaisers Fehler viel lieber als des Herrn Papstes beste Tugenden.«

Der ernste Hochmeister lächelte ein wenig: »Das ist des warmen Herzens holde Thorheit; und Keinen geht es an, ob ich's im Stillen nicht ebenso halte. Pflicht aber ist, in Worten und Urtheil gerecht, ja streng zu sein gegen den so heiß geliebten Herrn. Und so groß geartet ist dieser wahrhaft kaiserliche Geist, daß er das gern erträgt, ja selbst verlangt. Manchmal wird ihm des Lobes allzuviel, das nicht aus Schmeichelei, – denn die durchschaut er und verachtet er sofort, – aus wahrer Abgötterei alle Männer und, noch heißer fast, alle Frauen um ihn her ihm spenden. – Er ist ja auch –« und des weisen Mannes Auge leuchtete.

»Er ist ein Wunder, ist des Wunsches Sohn!« rief der Sänger mit nicht mehr zu verhaltender Begeisterung.

»Wird's ihm manchmal zu schwül, vor lauter Ruhm und Lob, dann – ruft er mich zur Zwiesprach. »Komm, mein Gewissen,« schrieb er mir einmal, »schilt mich, spiegle mich, mein Spiegel.« Und wenn ich ihm dann sage, wie an seinem Hof oft eine wahre Heidenwirthschaft übermüthiger Frauen und Troubadoure wuchert, – ohne ein Wort der Abwehr, schweigend, mit mächtigen Schritten, wie ein Löwe, schreitet er dann durch's Gemach auf und nieder. – Zuerst zuckte er lächelnd die Achseln und meinte, die alten Heiden waren gar nicht dumm! – Allein es ergriff ihn zuletzt doch die Scham! – Wenn ich ihm dann vorhalte, wie seine ungestüme Hitze, seine Leidenschaft in Stolz und Zorn und loderndem Hass ihm oft seine weisesten Pläne verdirbt, wie er, in Worten und Werken, das Maß unzähligemal verletzt, wie er durch hastige That, auch wohl durch arge List, die seinem Heißblut nicht immer glückt, sich mindestens eben so oft in's volle Unrecht setzt, gegen die Fürsten, die Lombarden, die Pfaffen, den Papst selbst, – ja, ja, Herr Walther: schüttelt nicht das Haupt! als diese fehlen wider ihn, – dann bleibt er plötzlich vor mir stehen, schaut mir adlerscharf in's Auge und sagt wohl: ›Ja, bei meinem Stern, 's ist Alles so, 's ist wahr. Sage nun, Hermann, wie mach' ich's gut, wie sühn' ich's? – Leg mir was Schweres, was recht Schweres auf – weißt du? – was mich am meisten Selbstbezwingung kostet‹, – dann – dann, Freund Walther, – ist der Augenblick, da dies unbiegsame, unbrechbare, dies herrliche staufische Metall in der Gluth edelster Begeisterung so weich geschmolzen ist, daß er mir freiwillig gelobt, was ihm sonst die Hölle, was ihm – leider! – auch der Himmel nicht abringen könnte. Dann leit' ich ihn, so weit ich es verstehe, zum Guten, zur Versöhnung.«

Walther strich sich rasch mit der Hand über die Augen: »Gott erhalte Euch, Herr Hermann, dem Kaiser und dem Reich, – Ihr seid des großen Staufers guter Geist.«

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