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Felix Dahn

Felix Dahn: Felix Dahn - Kapitel 13
Quellenangabe
authorDie Kreuzfahrer. Zweiter Band
titleFelix Dahn
publisherDruck und Verlag von Breitkopf und Härtel
printrunFünfte Auflage
year1888
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161018
projectid155da05e
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Zwölftes Capitel.

Er eilte so sehr, daß die Frau Mühe hatte, ihm zu folgen.

»Leise, leise!« mahnte sie rasch, – unhörbar.

Er warf einen Blick auf die Fenster im obern Stock: – die drei Bogenfenster der Burghalle lagen im Dunkel. –

Und nun glitten beide über die Steine des Hofes, – vorbei an des Hofbrunnens mit dem Porphyrgrand friedlichem Gießen, – über die Stufen der Freitreppe, – in das große Burgthor, – durch die Halle des Erdgeschosses, – die innere Burgtreppe hinauf: – erst hier holte Wulfheid den Eilenden ein. Auf der obersten Stufe machten beide athemholend Halt; sie lauschten: – Alles still.

»Jetzt! – Hier hinein!« hauchte Wulfheid, und schob den Vorhang bei Seite.

Das Mondlicht fiel in vollem Strom herein und zeigte deutlich Friedmuth, der auf der südlichen, der Kapelle entgegengesetzten Seite der Halle, vor dem Wandvorhang, auf der Holzbank lag, er schlief: – seine tiefen Athemzüge waren hörbar in dem todten Schweigen.

Auf dem Eichen-Tisch mitten im Zimmer lagen bei seinem Schwert und seinem Dolch zwei Schlüssel. – »Nur zwei?« dachte Frau Wulfheid. »Der Thurmschlüssel und der Kellerschlüssel! Wo ist der dritte, der zur Kellertreppenthür? Den trägt er also im Wamms!«

Die Frau wies auf seine beiden über der Bank-Decke übereinander gelegten Hände.

Sie hielt rasch ihrem Genossen im hellen Mondlicht einen Strick vor die Augen, den sie zu einer Schlinge geschürzt hatte: – »Ich schiebe das sacht unter seine Hände,« flüsterte sie, – »du ziehst's zusammen: – da: – oberhalb der beiden Knöchel.«

Aber Griffo hatte einstweilen Andres erwogen und den Abstand wohl gemessen: – einen Schritt schlich er noch vor: – dann, Frau Wulfheid stehen lassend, wo sie stand, holte er plötzlich gewaltig mit dem Schwert aus zu einem mörderischen Streich auf des Schlafenden Haupt. –

Da rauschte der dunkle Vorhang, der hinter Friedmuths Bank die über mannshohen Waffen-Trophäen bedeckte. »Mörder!« schrie eine dröhnende Stimme, und ein Mann, aus dem Vorhang springend, schmetterte einen sausenden Hieb dem Nahenden über das Haupt, daß er stürzte: das Schwert entfiel ihm.

Friedmuth war bei dem Schrei aufgesprungen. Er starrte, aus tiefstem Schlaf verstört, einen Augenblick vor sich hin. Da erkannte er am Boden den Greifensteiner. Aber er sah auch Walther dicht vor dem Kapellenvorhang stehen, mit vorgestrecktem Schwert den Eingang wehrend einer zweiten Gestalt. Friedmuth griff nach der nächsten erreichbaren Waffe: es war sein Dolch, der auf dem Tische lag. Er faßte ihn, er sprang hinzu: o Gott, es war sein Weib, die klirrend eine Klinge mit der Herrn Walthers kreuzte! –

Aber schon fiel ihre Waffe auf den Estrich: und ihre beiden Arme und Hände schienen plötzlich wie gelähmt. Friedmuth stand nun vor ihr: er sah sie sich verzweifelt gegen eine Schlinge sträuben, die Herr Walther eisern fest hielt.

Keiner der Drei beachtete es, daß jetzt der Vorhang der Kapelle gelüftet ward und eine weiße, schlanke Gestalt, ein entsetztes Antlitz aus den Falten spähte.

»Mein Weib!« rief Friedmuth, den Dolch in den Gürtel steckend. »Gebunden! Womit?«

»Mit der Schlinge, welche sie für deine Hände geschürzt hatte.« –

»Gieb sie los! Sogleich!«

»Ja! – Sogleich!« sprach Walther, das der Rasenden aus der Hand geschlagene lange Messer aufhebend und sorgfältig in seinem Gürtel bergend. Dann streifte er die fest zugezogene Schlinge, sie lockernd, über die beiden Knöchel der gefangenen Frau herab. Sie stand in der Mitte des Sales: – hochaufgerichtet ungebeugt, aber sie athmete stark. Walther stellte sich, ohne umzusehn, gerade vor dem Eingang zur Kapelle auf.

»Was ist geschehen?« fragte Friedmuth.

»Frau Wulfheid hat den Greifensteiner herein geführt, dich zu ermorden.«

»Das ist nicht wahr,« sprach Friedmuth.

»Nein! Es ist nicht wahr!« wiederholte der Schwergetroffene, sich, auf den rechten Arm gestützt, aufrichtend. »Nicht morden – nur binden, zwingen sollte ich Euch, und Eure Hexe ihr einhändigen. – Sie hat nicht Euren Tod gewollt: – ich wollte's gegen ihren Willen.« – Er sank zurück und starb.

Da sprach Frau Wulfheid ganz ruhig: »Ich wollte es nicht! – Mich reut's, daß ich's nicht wollte! – Denn tausendmal hattest du's um mich verdient. Ich wollt' es nicht, weil ich dich stets noch liebe. So sei verflucht vom Wirbel bis zur Sohle, dafür, daß ich dich je geliebt und lieben muß. Hab Acht: – bald sollst du von mir hören.«

»Was willst du thun?«

»Bei Papst und Reich klagen! Die Hexe verbrannt, – der Mann zweier Weiber verbannt, – als Bettler aus dieser meiner Burg gejagt: – rechtlos, friedlos, ehrlos, in ein Kloster gesperrt, bis der Zauber ihm durch Bußen ausgetrieben.«

Da stöhnte ein tiefer, tiefer Seufzer aus dem Vorhang der Kapelle. – Niemand hatte ihn gehört: – die weiße Gestalt verschwand.

»Aus Eurer Burg?« fragte Walther zornig.

»Ja: aus meinem Eigen. Mein ist dies Haus. – Dieser da ist irrsinnig, ist von bösen Geistern besessen: – es ist das Gelindeste, das man von ihm sagen mag! Wahnsinnige, Verhexte haben keinen Willen. Ich übte nur mein Recht, als ich ihn zwingen wollte.«

»Dich reut nicht dieser That?« fragte Friedmuth, jetzt erbleichend.

»Bei'm Himmel, nein! Mich schmerzt nur, daß sie mißlang.«

»Dafür, Frau Wulfheid, war gesorgt. Ich traut' Euch nicht und Eurem wölfischen Blick auf das Kind. Und Friedmuth entblößt die ganze Burg, zwei Thür-Schlössern trauend und Eurer – Ehrlichkeit! Ihn warnen – half nichts! So schlüpfte ich denn wieder aus meinem Kämmerlein, versperrte die Thür, die jene Dreißig sicher einschloß, – da, nimm den Schlüssel, Friedmuth! – und trat hier ein. Wohl hört' ich Euch dann bald darauf meine Kammer verschließen: aber der Vogel, den Ihr fangen wolltet, war draußen, nicht mehr darin! Nun wußt' ich wohl: – Ihr würdet hierher kommen: – diesen Einen Eingang nur hat ja die Kapelle.«

»Wulfheid,« sprach Friedmuth, »wie konntest du das wollen? Ich bitte dich, um deiner Seelen Heil: bereue.«

»Niemals.«

Da barg Friedmuth das Antlitz in den Händen.

»Ja, weine nur! Ich halte dich gebunden an einer Kette, die nur der Tod zerbrechen soll.«

»Ihr irrt,« rief Walther in aufloderndem Zorn. »Er ist frei, sobald er will. Nur seine Gnade, seine unsinnig zarte Ehre hindert ihn. Nein, Friedmuth, wissen soll sie's, die Unerträgliche: – du brauchst ja nichts zu thun, was dir mißfällt. – Aber wissen soll sie's –! Ein Wort von Friedmuth und Eure Ehe – Ihr seid gar nicht sein Eheweib! – ist nichtig. Ihr beiden seid Pathen desselben Kindes: – Ihr konntet gar keine Ehe schließen. Nur von seinem Willen hängt es ab – und er ist frei. Nur Frau Demuth ist, nach Recht, sein Ehgemahl.«

Bei diesen Worten war eine furchtbare Veränderung in Frau Wulfheids starren Zügen vorgegangen. – Sie erbleichte: – dann schoß glühend Roth in ihre Wangen: – sie zitterte heftig an allen Gliedern.

»Was?« – stammelte sie, – »Mein Recht?«

»Ihr habt gar kein Recht: Ihr heißt sein Weib aus seiner Gnade. Vor Jahren schon – im Morgenland, sollte er – der Kaiser wollte es – sein Recht gebrauchen, Euch abstreifen, herzböse Frau, und ein Weib gewinnen, das viel schöner ist als Alle und auch als das Kind da drinnen.«

»Herr Friedmuth, – ist das wahr? – Das von der Ehe?« Sie brachte die Frage kaum hervor und hielt sich mühsam an dem Tischrand aufrecht.

»Bei Gottes Treue, ja!« sprach dieser ernst.

»Und Ihr habt's nicht gethan? Warum nicht?«

»Ich liebte jene schöne Fürstin nicht. Was wußte ich von Liebe!«

Sie erbleichte und stöhnte!

»Und hätt' ich sie geliebt, so heiß, so ewig, so unaussprechlich, wie ich Sobeide liebe, – ich hätt' es nicht gethan. Ich thu's auch jetzt nicht! – Niemals! – Es wäre feig und ehrlos. Ihr braucht das nie zu fürchten.«

»Aus Gnade?« – stammelte sie langsam. »Aus seiner Gnade? Nicht kraft meines Rechts? – Nein! Nein –!«

Sie wandte sich blitzschnell und eilte zum Vorhang hinaus: man hörte ihren unstäten Gang die Treppe hinauf eilen.

Friedmuth wollte ihr folgen: – in einem ungewissen Bangen vor ihren raschen, wilden Entschlüssen.

Aber da scholl schmetternd – es war nun Tagesanbruch – das Thürmerhorn vom Hauptthurm den Gruß: »Gäste nahen!«

Gleich darauf erschien Oswin, rief von außen, vom Gange, herein und meldete: eine Schar von Reitern sei den Berg hinauf im Anritt.

Friedmuth befahl ihm, einzutreten: der Mann erschrak, wie er den Todten liegen sah.

Der Burgherr erklärte kurz, der Greifensteiner sei aus dem Thurm entwischt. – Oswin schüttelte den Kopf. –

»Der Thurm, beide Thüren, sind fest. Dann haben böse Geister ihn befreit.«

»Mag wohl sein!« fiel Walther ein. »Ruft die anderen Reisigen: tragt den Todten hinaus, zurück in jenen Thurm.«

Da kam schon der zweite Knecht und meldete. »Auf, Herr Friedmuth! Eurem Gast entgegen! Es muß der Kaiser selber sein, der kommt.«

»Unmöglich! Er weilt tief in Wälschland. Weßhalb meinst du?«

»Der kaiserliche schwarze, einköpfige Adler fliegt in der Fahne.«

»Nein!« meldete noch ein dritter Knecht, eintretend. »Zwar der Führer zeigt auch auf seinem Schild den kaiserlichen Adler: aber es ist nicht der Kaiser: Herr Hermann ist's von Salza.«

»Eile, Friedel!« mahnte Walther.

»Gehst du nicht mit?«

»Nein! Ich bleibe hier: – vor der Kapellenthür.«

Während Friedmuth auf den Gang hinausschritt, flüsterte Walther, den grauen Kopf dicht an den Vorhang schmiegend – ohne hinein zu blicken –: »Beruhige dich, lieb Töchterlein! – Das Schlimmste, mein' ich, ist jetzt überstanden: finsterer konnte es nicht mehr werden. Nun wird es lichter, Kind.«

Ein tiefer schmerzlicher Seufzer blieb die einzige Antwort, die ihm ward.

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