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Felix Dahn

Felix Dahn: Felix Dahn - Kapitel 11
Quellenangabe
authorDie Kreuzfahrer. Zweiter Band
titleFelix Dahn
publisherDruck und Verlag von Breitkopf und Härtel
printrunFünfte Auflage
year1888
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161018
projectid155da05e
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Zehntes Capitel.

Friedmuth hatte inzwischen nicht gleich die Ruhe gefunden, die er suchte.

An den Burgherrn, der nach so langer Zeit, unter solchen Umständen, plötzlich zurückgekehrt war, drängten sich allerlei Aufgaben. Sowie die Burgfrau die Halle verlassen, hatte dieselbe Oswin betreten. Er meldete sich mit vielen unabweislichen Geschäften, mit Fragen, die nur Friedmuth entscheiden konnte.

Vor Allem erzählte der gutherzige Herr dem Sohn Alles, was er von Oswalds Ende wußte und verwies ihn an Herrn Walther, – der sich aber nicht sehen ließ, – als Augenzeugen des Todes und der Bestattung.

Darauf eilte Hezilo herzu und hing an des geliebten, todt geglaubten Herrn Halse; der Innerhofer schüttelte ihm die Hand. Rasch erzählten sich die beiden gefangen gewesenen Männer die Geschichte ihrer Befreiung. Dann mußte Friedmuth eine Urkunde unterschreiben, die sich Hezilo vom Marktschreiber zu Meran hatte ausstellen lassen, in der bestätigt ward, daß Hezilo über Jahr und Tag im heil'gen Land gelebt habe. »Grüße mir die Kleine, die glückliche Braut!« sprach der Ritter, nicht ohne Wehmuth, als er den Sigelknauf des Dolches auf das Wachs drückte. »Seid glücklich!« –

Hienach entließ er, reich beschenkt, die Reisigen und Söldner, welche er mit Walther zum Entsatz Frau Wulfheids herangeführt hatte.

Die beiden Vögtlinge von Goyen erbaten und erhielten Erlaubniß, die Burg mit ihren Knechten zu verlassen, und Katharina aus Meran abzuholen, mit der Kunde, die Fehde um die Fragsburg sei zu Ende für immerdar.

Denn Herr Rapoto, der Grimme, lag mit gespaltener Stirn auf seinem Schild im Burghof. Friedmuth verstattete, ja gebot wiederholt acht der Gefangenen, die Leiche und die des im Mauerthor von Frau Wulfheid getödteten Reisigen fortzutragen zur Bestattung in der Burg zu »Naturnes«.

Die andern gefangenen Reisigen und Knechte, etwa dreißig an der Zahl, waren nach Friedmuths früherem Befehl in dem festen Keller unterhalb des Hauptgebäudes der Burg eingesperrt worden, während der Greifensteiner allein in dem schmalen »Verließe« d. h. in dem Erdgeschoße des südlichen Mauerthurmes saß. Der Fragsburger wollte nicht selbst an ihm Rache nehmen, sondern vor dem Kaiser, dem gemeinsamen Lehnsherrn, wegen des argen Friedebruches klagen, bis dahin aber den bösen Nachbar und wenigstens die Mehrzahl der bei dem Überfall gefangenen Knechte als Pfänder zugleich und als lebende Beweismittel in der Hand behalten.

Friedmuth versicherte sich, daß man den Gefangenen Nahrung, den Verwundeten Pflege gereicht hatte, – er selber hatte noch die Lippe nicht genetzt, – wie er gleich nach dem Sieg geboten hatte. Auch überzeugte er sich, daß die festen Eisenthüren beider Gelasse: des Burgkellers und des südlichen Mauerthurmes, wohlverschlossen waren.

Dann ging er mit Oswin in dem ganzen Bau umher, fand, wie ausgezeichnet die Burgfrau all' diese Jahre geschaltet hatte, untersuchte die Schäden, welche die Berennung in der letzten Nacht herbeigeführt, und besprach kurz die Maßregeln, welche zunächst zur Wiederherstellung des zertrümmerten Thores zu treffen waren.

Endlich hatte er den Burgwart entlassen und war durch den Burggarten geschritten, unter schmerzlich ringenden Gedanken die Rosen für Sobeide brechend. –

Vor deren Gemach saßen nun die beiden Freunde in der Burghalle vor ihrem Abend-Wein lange schweigsam.

»Was hast du denn all' die Zeit zu schaffen gehabt?« fragte Walther. –

Friedmuth gab genauen Bericht.

Anfangs achtete der Frager wenig darauf, – er hatte nur den Freund ablenken wollen von den schwermüthigen Gedanken. Aber im Verlauf von Friedmuths Angaben ward er aufmerksamer. Er legte, wie er gerne that, ein Bein über das andere, und schmiegte die wohlgebildete Wange in eine Hand.

»Also die mitgebrachten Reisigen und die Leute von Goyen sind fort. – Und die aus den anderen Höfen, die von der Vögtin Aufgebotenen?«

»Die hab' ich noch vor den Goyenern entlassen: sie wohnen ja zum Theil sehr weit von hier.«

»Wohl, wohl! – Ich weiß. Und wieviel Gesinde hauset immer – ständig – in der Burg?«

»Außer den Mägden nur Oswin und drei Knechte. Warum?«

»Warum? – Nun,« fuhr Walther zögernd fort, »dann muß man erst recht sagen: Frau Wulfheid hat sich gegen die Übermacht tapfer gewehrt.«

Jetzt stockte das Gespräch. Beider Gedanken kehrten zu dem schweren Geschicke Friedmuths zurück: nur wenige traurige Worte wechselten die Freunde.

»Wir kommen auf nichts Neues,« seufzte Friedmuth, müde an Gedanken und an Gliedern, den Becher zurückschiebend. »Es giebt kein Mittel.«

»Ja, ja. Eher läßt der üble Höllenwirth eine arme Seele aus dem Abgrund, als dich Frau Wulfheid freigiebt.«

»Sie kann's ja gar nicht, selbst wenn sie wollte! 's ist fruchtlos, daran zu denken. Nein, 's ist keine Rettung.« Dabei seufzte er und stützte das Haupt auf beide Hände.

»Armer Friedilo!« rief Walther und strich ihm tröstend über die Rechte. Da streifte er den Ring an des Freundes Hand: »Des Kaisers Ring! Er schuldet dir noch Erfüllung einer Bitte! Rufe den Kaiser an!«

»Was soll mir da der Kaiser helfen?«

»Er steht, – so hört man, – wieder besser mit dem heiligen Vater: – und der –«

»Der Papst kann mir so wenig helfen wie der Kaiser. Kann er ein Sacrament aufheben?«

»Nein! Aber – es fällt mir da eine Geschichte ein, von der man singt und sagt, – ich weiß nicht, ob sie wirklich sich begeben, – im Thüringerland –«

»Ah, den Grafen von Gleichen meinst du? Der zwei Weiber haben durfte nach des Papstes Machtspruch? Weiß nicht, ob's mehr als eine Fabelmär'. Aber das weiß ich, – wenn's auch dem Papst und jenem Grafen möglich war, – mir ist's nicht möglich!«

»Recht hast du, 's ist unmöglich für einen Christen-Menschen.«

»Für jeden Mann.«

»Nun, die Heiden befinden sich recht wohl dabei,« meinte der Sänger.

»Dafür sind's Heiden. Pfui über solchen Gräuel! Ich bin ein christlicher Rittersmann und hoffe auf Vergebung meiner Sünden: auch dieser meiner ungewollten Schuld. Ich will sie nicht noch mehren! Und der Heiden Weiber sind doch mehr wie schöne Thiere, denn gleichstehende Geschöpfe: Genossinnen des Lagers, nicht der Gedanken.«

»Ja, wenn Sobeide nicht das Frankenblut in den Adern, von ihrer Mutter her die deutsche Art und Sitte in der Seele trüge, du hättest die Minne, die du im Abendlande nie gekannt, auch nicht bei ihr gelernt.«

»Unmöglich ist vor Allem,« fuhr Friedmuth fort, »daß wir drei Menschen unter Einem Dache leben.«

»Gewiß! – Aber wohin soll Sobeide?«

»Weißt du, ich kenne Eine, – die würde ihrer schwesterlich pflegen!«

»Gioconda!«

Friedmuth nickte.

»Ei, mich freut es, daß du von dieser edeln, großen Frau nun auch denkst wie ich von je gethan.«

»Ich hab's gelernt: seit ich die Minne kenne. Ja, diese Herrliche: sie würde –! Aber niemand weiß, wohin sie entschwunden ist.«

»Gleichviel! Sobald als möglich – morgen schon muß –«

»Ja, sicher!« fiel Friedmuth. ein. »Ich habe ja mein Weib – ich habe ja Demuth nur hieher gebracht, weil unter uns drei Menschen einmal im Leben Alles wahr und klar gesprochen werden mußte. Dann, weil ich wirklich, wie du, gehofft hatte« – er seufzte und hielt inne.

»Durch ihren Anblick, der jedes Auge rührt, auch Herrn Wulfos Tochter zu erweichen? Ich darf dich nicht drum schelten: – ich rieth es zuerst. Aber es war doch sehr thörig! Was wir als Arznei geben wollten, ward das tödlichste Gift.«

»Und doch! – Selbst Wulfheid ward ergriffen.«

»Ja: und gerade das hat sie erst recht erbost. Meinst du, es ist ihr Ernst mit ihrer Hexenklage?«

»Gewiß!«

»Du: dann gieb Acht! Dann hören wir bald mehr hiervon. Ihr Oheim, der Bischof, ist gar ein scharfer Hexenwitterer: und unser Landrecht, unsere Weisthümer –! Sei nicht zu sorglos! Ein rachewüthig Weib und ein Pfaff, der gerne Feuer sieht! – Kind Demuth auf dem Scheiterhaufen!«

»Sie sollen kommen und sie holen!« sprach Friedmuth ruhig, aber sehr grimmig.

»Freund, schließlich ist das heil'ge römisch-deutsche Reich doch stärker als dein tapfres Schwert. Aber sage doch der zorntobenden Frau, – was du mir mitgetheilt. Denn ich weiß zwar: du wirst niemals dich darauf berufen –«

»Schweig, Walther! Ehrlos wär's und niederträchtig,« brauste der Ritter auf.

»Willst du mich nicht zu Ende hören?« grollte der. »Du sollst es ja nicht thun, aber –«

»Genug davon! – Ach laß uns enden! – Meine Gedanken drehen sich im Ring. Ich muß in Einem fort wiederholen: Demuth – Wulfheid – Friedmuth. Der Ring ist unzerbrechbar.«

»Just wie die Kleine,« sagte Walther und erhob sich von der Bank. »Sie reden wirr – Beide, die Armen! – Nun laß uns die Lager suchen: – vielleicht den Schlaf.«

»Ich werde schlafen,« sprach Friedmuth. »Ich schlief nun so viele Nächte nicht. Und dieser Tag hat mir auch den Leib gemüdet.«

»Wo wirst du schlafen?« fragte Walther.

»Hier, in der Halle.«

»So? Hier,« sprach Walther langsam. »Aber wo denn?«

»Dort drüben, vor dem großen Wandvorhang. Ich habe mir dort auf jener Wandbank Decken spreiten lassen.«

»Gut! Und wo schlaf' ich?«

»Auf diesem Gange, links, schräg gegenüber, habe ich dir die Kammer bereiten lassen. – Ich führe dich –«

»Nein, bleibe hier, bleibe. Ich seh's ja!« Und Beide schritten nun auf die Schwelle und schlugen den Vorhang zurück, der allein den Zutritt von dem Gang in die Halle schloß. »Da drüben: – nicht? Wo der Schlüssel in der Eichenthüre steckt?«

»Ja: dort, – ich will –«

»Nicht doch! Du bleibst! Und – diese Thüre – da, rechts, am andern Ende des langen Ganges, – wohin führt die? Nicht auf die Kellertreppe?«

»Jawohl! – Hast du noch Durst?« fragte Friedmuth.

»Nein! Ich mein', ich höre Hezilo,« lächelte der Sänger. »Ich wollte nur sehn, ob mein Ortsgedächtniß mir noch treu geblieben. Gute Nacht! Schlafe ruhig!«

Friedmuth verschwand hinter dem Vorhang. Walther trat nun auf den Gang hinaus. Nach allen Seiten sah er sich um: links, neben dem ihm angewiesenen Gemach, führte eine schmale Holztreppe in den obern Stock. Er blieb stehen und lauschte: Alles war still. In der ganzen Burg rührte und regte sich kein Laut, obzwar es noch nicht spät war.

»Die Fragsburg schläft schon,« sagte Walther laut. »Ei ja, sie hat die vorige Nacht gefochten, statt zu schlafen.«

Er ging an die ihm bezeichnte Thür, öffnete sie, ließ sie laut klirrend in das Schloß fallen und trat ein. Das vergitterte, schmale, glaslose Fenster blickte in jähen Abgrund.

Vor seinem Lager brannte an eisernem, rechtwinkligem Hakenarm eine niedrige Öl-Ampel vor einem kleinen, auf Gold gemalten Heiligenbild, das in die Wand eingefügt war: andächtig sprach er, mit lauter Stimme, sein Nachtgebet. – Es scholl durch das enge Gemach und hallte draußen in dem Gange weithin wieder. Dann schlug er ein Kreuz, blies die Ampel aus und warf sich auf das Lager.

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