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Felix Dahn

Felix Dahn: Felix Dahn - Kapitel 10
Quellenangabe
authorDie Kreuzfahrer. Zweiter Band
titleFelix Dahn
publisherDruck und Verlag von Breitkopf und Härtel
printrunFünfte Auflage
year1888
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161018
projectid155da05e
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Neuntes Capitel.

»Gern, Liebtraute. – Wohl, wohl: ein trauriges! Aber doch nicht so traurig, daß man verzweifeln müßte. Nicht ein schriller Ton, der am Schlusse die Saiten wie das Ohr und das Herz zerreißt. Trauer und Wehmuth und doch – entsagungsvoller Friede! Ich habe so ein Lied – vor Jahren schon – gemacht! Ach nein, ich hab's gelebt. Denn das Ergreifendste – das kann man nicht erfinden – nur erleben. – Auch mein Leben hat ein großer Schmerz durchzogen und geweiht: – auch ich hab's gelernt, ›daß Liebe doch mit Leide stets endlich lohnen muß.‹ Auch mir ward des Herzens Wunsch nicht gewährt. Nein, Holde, laßt nur das abwinkende Händchen ruhn. Es thut mir nicht mehr weh: – oder thut doch zugleich wohl im Wehethun! – Auch werd' ich's Euch nicht erzählen: – ein Lied – und Ihr errathet's selbst. – Es ist nur ein Ritt durch den Wald, den ich vor Jahren einmal von meinem Vogel-Hof aus nach einem Nachbar-Schlosse machte – zu einem erkrankten Kind. – Nach Mitternacht ritt ich zurück und sann und sang:

Gemach, mein Roß, und tritt bedächtig!
Der Glühwurm nur erhellt den Steg:

Schwer reitet sich's im Buschwald nächtig,
Knorrwurzeln laufen über'n Weg.

Tag's trägst du mich: – nun führ' ich dich.
Dir Schritt und Bahn zu zeigen
Mit Schweigen.

Du bebst? Du schnaubst? Ja! Waldnacht-Grausen
Streift eisig auch des Waidmann's Brust:

Die Mächte, die im Nacht-Tann hausen,
Sie schrecken gern mit Schade-Lust.

Schon Mancher zog zu Wald zur Nacht, –
Kam nicht mit heilen Sinnen
Von hinnen.

Gluthaugig faucht und klappt die Eule,
Im Eichstamm ächzt der Waldschrat heiser,

Das Morschholz leuchtet roth in Fäule,
Und raschelnd schlüpft durch dürre Reiser,

Indeß der Schuhu gellend lacht,
Das Wichtelvolk der braunen
Alraunen.

Doch horch! Was johlt dort hoch in Lüften?
Was hallt und tutet wie ein Horn?

Entstiegen aus des Abgrunds Klüften
Hetzt seinen Hengst mit blut'gem Sporn

Der Heidengötter König da
Hoch über Baum und Boden –:
Herr Woden.

Den Schuld'gen wird das Nachtheer hetzen,
Bis er den letzten Hauch gethan.

Uns, Rößlein, darf es nicht verletzen:
Wir ziehn auf guten Werkes Bahn,

Und über uns wacht Gott der Herr,
Der aller Übeln Geister
Bleibt Meister. –

Wer Vöglein pflegt, muß Kräutlein pflegen:
Heilkräft'ger Wurzeln weiß ich viel.

Dem todeskranken Kind zum Segen
Ausritt ich, als der Frühthau fiel

Gerettet konnt' ich noch vor Nacht
Der Mutter und dem Leben
Es geben.

O Mutterauge, wie Du strahltest
In Freudenthränen wundersam!

Mit Deinem Scheideblick Du zahltest,
Was einst von Dir an Weh mir kam.

Als ich vor zwanzig Jahren sah
Zum Brautaltar Dich schreiten – –
Vom Weiten! –

Er hatte bald das Auge von der Hörerin abgewendet und, wie in Traum versunken, als ob er Alles jetzt erlebe, zu dem Fenster hinausgeblickt, in das Etschthal, das nun prachtvoll im Abendgolde glühte: wie dunkler Wein, so purpurfarbig schimmerte der Porphyr der Bergfelsen. Erst gegen das Ende hatte er vorsichtig den Blick auf das junge Weib zurückgelenkt: das saß vorgebeugt und hielt den weißen Schleier vor das Antlitz: aber über die schmalen Finger glitten Thränen: sie weinte: ganz leise, – aber recht von Herzen. –

Er stand unhörbar auf, trat dicht an sie heran und strich ihr mit der Hand über das edel gewölbte Haupt. –

»So, mein Töchterlein! Weine – weine du nur! Das thut dir besser in der Seele als das Grübeln. Ich wußte wohl, – daß du dies Lied verstehst, daß du empfindest, was es lehrt. Nicht der Besitz ist der Minne höchstes Glück: die Liebe selber ist's. Und, mag der Tod, mag, oft viel grausamer noch, des Lebens Fügung uns den Geliebten nehmen: – er bleibt doch unser unentreißbar – – Siehe da, den schönen Abendstern.« Er hielt, nachsinnend, einen Augenblick inne; dann wies er mit der Hand nach dem Westgewölk und sprach:

»Siehst du den Abendstern am Himmel?
Nimm ihn herunter, wenn du kannst!

So wenig nimmt man dir die Seele,
Die du in Liebe dir gewannst!«

»Ich kenne dich genug,« fuhr er fort, »du tiefes, edles, reines Herz: – du fühlst das so mächtig, ja fühlst es reiner als ich selbst. Drum zage nicht – du kannst ihn nie verlieren: denn ihr liebt euch: das ist ewig.«

»O edler Sänger Waltharius,« sprach das holde Kind, »wie dank' ich Euch! Gewiß, Entsagung ist Trost und Friede. – Aber ach! Ich habe ja niemals um mein Los geklagt! Ich sah ihn, fand ihn, durfte ihn lieben und – o Wonne sonder Ende – er liebt mich! Gern wollt' ich ja spurlos verschwinden – wo es sei, auf oder unter der Erde, – klaglos, voll befriedet. Aber er –«

Sie schwieg, – sie scheute sich, weiter zu sprechen.

»Ja freilich,« seufzte Walther. »Hier ist's was Andres als in meinem Lied. Meine Geliebte hat mich nie geliebt: – sie liebt ihren Gemahl, sie liebt das Kind, das ich ihr rettete. Friedmuth aber –! Und wenn Euch in dieser Stunde der liebe Herrgott empor riefe in seiner holdesten Engelein Reigen, – so lang sie athmet, verzeiht ihm Frau Wulfheid nicht, daß er Euch liebte. Drum ist's auch nichts mit einem Kloster für Euch. Ihr wärt umsonst geopfert! Nicht eine gute Stunde hat der Arme mehr, so lang sie lebt. Nur ihr Tod würde Alles lösen.«

Erschrocken rief Sobeide: »Weh, Herr Walther! Was Ihr denkt, ist schwere Sünde! Leben, langes Leben wünsch' ich ihr. Sie ist im Recht – ich bin die Räuberin! – Mir, nicht ihr, muß man den Tod ersehnen.«

Lebhaft, fast unwillig rief aber jetzt der Sänger: »Ach ja freilich! Und ein gar lieblich Leben wird dann Herr Friedmuth auf der Fragsburg führen mit –! Doch horch: – er ruft mich! – Lieb' Kind, strecket Euch auf's Lager. – Die Sonne ist schon hinabgesunken. – Ich schick' Euch Wein und Obst. Ich habe ja gesehn in diesen Tagen: wie ein kleines Vöglein lebet Ihr: – nur an einer Frucht pickt Ihr zuweilen mit den weißen Zähnchen. Er klopft an den Pfeiler? – Ach ja! – Er schwur, Euch so wenig wie die Burgfrau wieder zu sehen bis –.«

Er trat aus der Thüröffnung durch den Vorhang in die Halle, kam aber gleich zurück, einen frischen Strauß der schönsten Rosen in der Hand: »Von ihm,« sagte er, und bot ihr, nochmal auf sie blickend, die Blumen. Dann schritt er wieder hinaus, traurig das Haupt schüttelnd, eine Thräne in den Augen zerdrückend: »Sie küßt jedes Blatt das er berührt hat! – Arme Demuth!«

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