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Felix Dahn

Felix Dahn: Felix Dahn - Kapitel 3
Quellenangabe
authorDie Kreuzfahrer.Erster Band
titleFelix Dahn
publisherDruck und Verlag von Breitkopf und Härtel
printrunFünfte Auflage
year1888
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161018
projectid0efacea9
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Zweites Capitel.

Es war eine verwundersame Gestalt, die sich nun langsam durch die Vorhänge des Eingangs hereinschob.

Kaum mittelgroß, behäbig, nicht gerade fett, aber auch wahrlich nicht mager: ein recht wacker gepflegtes, doch nicht unmäßiges Bäuchlein wiegte sich auf etwas zu kurz gerathnen und nicht sehr geraden Beinen. Das vollwangige, beinahe feiste Gesicht strahlte vom Glanz der Gesundheit: die kleinen runden Äugelein blitzten recht lustig, ja verschmitzt in das Leben hinaus; die Nase war von so alteingewurzeltem Roth, daß die kurze Kreuzfahrt auch unter der Sonne der Levante die Farbe unmöglich so tief gesättigt haben konnte. Seltsamen Gegensatz zu dem weltlustigen, pfiffigen Gesicht bildete die frisch geschorene Tonsur in dem dickzottigen und bereits mit Weiß gesprenkelten Braunhaare – die Kapuze und, darüber gebunden, den flachen, breitkrämpigen Sonnenhut trug er auf dem Rücken: – und das halb graue, halb braune Mönchsgewand, das viel zu eng schien für des Trägers gedeihlichen Leib, und der lange Pilgerstab mit den daran klappernden Jordan-Muscheln in den fleischigen dicken Fingern des kreuzfahrenden Bruders.

Mit halb staunenden, halb unwilligen Augen maß ihn der Ritter, ohne die Ehrfurcht, die er sonst Trägern dieses Gewandes, dieser Gelübdezeichen nie verweigerte: »Ihr bringt einen Brief des Herrn Hermann«. rief er ihm kurz entgegen – »Gebt!«

Der Mönch schnaufte. »Verstattet, daß ich mich auf den Schemel niederlasse, den Ihr mir soeben anzubieten – vergaßet. Uff! Der Weg ist weit – und heiß – und es ist ein durstig Land, wo der Herr gewandelt.«

Er blinzte hinüber nach dem Becher, der zu Friedmuths Häupten stand: da er sah, daß derselbe leer war, fuhr er fort: »aber auch dies Dürsten wird uns als ein erheblich Marter-Leiden angerechnet werden am jüngsten Tage.«

»Den Brief!«

»Ja,« schmunzelte der Mönch. Mit dem Ärmel über die heiße Stirne fahrend, »freilich der Brief! – Je nun, so recht im Sinne der Schreiber – einen schriftlichen Brief, was man so gewöhnlich einen Brief nennt, habe ich nicht. Aber –«

»Was?« rief der Ritter, zornig auffahrend. »Als Bringer eines Briefs ließt Ihr Euch doch melden? –«

»Seid klug wie die lieben kleinen glatten Beißwürmer, heißt es in den zehn Geboten. Nicht da? Wirklich nicht? Nun – dann wo anders! Das ist gleich.«

»Ihr seid mir eine sonderbare Art von Mönch!«

»Und ohne solchen Glauben hättet Ihr mich wahrscheinlich abgewiesen.«

»Sehr wahrscheinlich! Und ich sehe: – ich hätte Recht daran gethan! Ihr lügt ja, frommer Bruder.«

»Selten. Und wirklich niemals ohne etlichen Grund. – So auch jetzt! Hört mich an. Ihr wißt – ich bin der Beichtvater der Fürstin von –«

»Weiß ich nicht! Was gehn mich die Sünden fremder Weiber an!«

»Mehr als Ihr ahnt. – Aber ich bin auch bei des Kaisers gewaltiger Person sehr wohl gelitten. Wiederholt traft Ihr mich in seinem Zelte.

»Hat mich jedesmal sehr gewundert.«

Der Mönch lachte. Dann sagte er: »Hört einmal, Schloßherr von der Fragsburg, grob seid Ihr aber schon wie –

»Wie ein Etschthaler,« brummte Friedmuth.

»Ja, zwischen Etschthalern und Isarthalern that dem Teufel einmal die Wahl weh, als sie um den Weltpreis der Unhöflichkeit vor ihm wettschimpften.«

»Welches Stammes seid denn Ihr?« forschte der Ritter. »Ihr sprecht auch mit oberdeutscher Zunge! Ich mein', Ihr seid ein –«

»Gesalbter des Herrn,« fiel der Mönch rasch ein. »Also ich komme im stillen Auftrag des Kaisers und einer gar vielschönen Fraue.«

»Wird wohl wieder gelogen sein,« meinte Friedmuth ganz gutmüthig.

»Diesmal nicht, wie Ihr einräumen werdet, sobald Ihr Fürst von Paluzzo und Gemahl des prachtvollsten, süßesten, minniglichsten, allerwunderholdesten Weibes seid, das je Frau Sonne grüßte.«

So begeistert, so lebhaft sprudelte er die letzten Worte heraus, daß ihm der Schweiß wieder ausbrach. Er wischte sich die triefende Stirn.

»Seid Ihr toll? Was bedeutet das?«

»Das bedeutet, daß Gioconda von Paluzzo zwanzig Jahr alt ist.« Er schwieg.

»Nun und?«

»Und seit zwei Jahren Wittwe.« – Er schwieg wieder.

»Und?«

»Nun und? Das ist schon viel, recht viel für sich allein! – Da Ihr aber für ein ausgewachsenes Mannsbild erstaunlich fischblütig von Natur und in Folge dessen recht langsam von Ahnung seid, füge ich bei: Wittwe des alten Fürsten von Paluzzo, dem man das Kind »vermählt« hatte. Ihr Urgroßvater konnte er sein, der Treffliche. Frau Berahta verzeihe mir die Sünde, daß ich solchen Gräuel Vermählung nenne.«

»Frau Berahta? Ei, frommer Bruder – was geht Euch die an? Soll ja eine Königin oder Göttin der Heiden gewesen sein! Stünd' Euch besser an, der Jungfrau Maria zu gedenken.«

Und mit einem schönen Blick in die Höhe fügte der Ritter bei: »Gesegnet sei ihr Name für und für.« –

Der Mönch war roth geworden; ungeduldig riß er an dem abgegriffenen Rosenkranz, der von seinem Gürtelstrick herabhing und rief: »Ach, was versteht die von der Minne! Rein gar nichts! Wie wollte sie auch? Ihr aber, Herr Ritter, seid lediglich Laie und habt einen geweihten Priester, einen Geschornen des Herrn, nicht zu meistern, sondern mit ehrdienigem Gehorsam zu ihm auf zu schauen – Also die liebe junge Frau Fürstin! – Ach ist sie schön! Ist sie's etwa nicht?« schrie er zornig. »Habt Ihr je ein so schönes Geschöpf gesehn?«

Nach einigem Nachdenken sagte der Ritter, der Alles sehr streng und genau nahm: »Nein. Ich glaube nicht. Aber es ist mir gleichgiltig.«

Der Mönch sah ihn mit leisem Kopfschütteln von der Seite an: »Erstaunlich!« – sagte er zu sich selbst. »Kurzum,« fuhr er dann laut fort, »ich bleibe nicht mehr Beichtiger der süßen Frau. Ich kann es nicht mehr aushalten. Mein letztes gutes Werk in ihrem Dienst aber ist, daß ich Euch sage, was sie Euch nie sagen würde – eher spränge sie in einen brennenden Kohlenmeiler – und was zu merken Euch der Himmelsherr den Verstand, will sagen die Gnade verweigert hat: sie liebt Euch!« Und befehlend, drohend, fuhr er fort, »und Ihr werdet sie heirathen. Es ist beschlossen, sagen die Moslim, die gar nicht so übel sind.«

»Hoho«, lachte der Ritter laut auf, »dazu gehören zwei: – Dank Gott und den Heiligen!«

»Ja gewiß: Ihr und sie. Sie will. Und Ihr müßt. Bald werdet Ihr sehr wollen, ach wie sehr. – Sagt, Fragsburger, seid Ihr denn wirklich so –, nun ich will's nicht nennen! Habt Ihr denn nichts gespürt unter Euren Rippen, als neulich das Wonneweib, diese Frau Venus – aber dabei jungfräulich wie der Alpenschnee des hohen Ortlers – sich nach der Reiher-Beize von Euch vom Zelter heben ließ und gar den Weg nicht mehr fand aus Euren Armen herab auf die Erde? Und sie will ja nicht, wie so viele schöne, üppige und vornehme Frauen, die das Hoflager des Kaisers füllen –«

»Ja, leider!« zürnte Friedmuth und seine keuschen Augen leuchteten.

»Kurze Lust von Eurem Kuß genießen! – Sie stürbe vor Scham, wüßte sie, was ich Euch verrathe.«

»Also das ist ihr stiller Auftrag durch Euch an mich, Lügenmönch?«

Allein dieser fuhr zornig fort: »Haltet das – Schweigen. Es gilt das Glück des schönsten Erdenweibes. Tausend Lügen lög' ich darum! Aber der Kaiser selbst – macht Eure tauben Ohren auf – hört Ihr?« und er schrie jetzt so, daß über das Gehörtwerden kein Zweifel möglich war – »des römischen Kaisers Majestät, der der schönen Jungfrau wohl näher als durch bloße Vormundschaft verbunden ist – ja, Jungfrau sag' ich! – Denkt nur nicht Übles von Eurem Kaiser, rath' ich! – – und Eures großmächtigen Freundes, Herrn Hermanns, Weisheit – wollen, daß Ihr sie heirathet.«

Der Mönch schnaufte nun gewaltig. Aber er sah nicht widrig, nicht häßlich aus, sondern von ehrlicher Überzeugung fortgerissen; ganz jugendlich machte den wohl bald fünfzigjährigen der Eifer.

»Wieder gelogen,« sagte Friedmuth ruhig, »was Herrn Hermann betrifft. Und dem Kaiser sagt, was er nicht weiß, aber was ich Euch hier zeige« – und nicht gerade sehr sanft stieß er ihm den Rücken der rechten Hand gegen die Nase – »kennt Ihr das? Ein Ehering! Ich habe schon ein Weib. Das scheint mir entscheidend.«

Und unmuthig warf er sich auf die andere Seite, Sebastian den Rücken kehrend.

»Meint Ihr?« fragte der Mönch unverzagt weiter. »Da sieht man Eure laienhafte Unwissenheit. Für uns: das heißt für mich, den Kaiser und die Kirche: ist das gar nichts. Ich will diese Ehe, weil – ich an der schönen Fraue was gut zu machen ... – weil ich es nicht aushalte, daß sie liebt, ohne geliebt zu werden. Der Kaiser, weil er – alle Ursache hat, seine herrliche Mündel glücklich zu wünschen. Er wollte sie schon dem Herzog von Österreich vermählen, bis er durch mich der schönen Wittwe Wunsch erfuhr.«

»Das nennt Ihr Beichtgeheimniß?«

»Sie hat mir's nie gebeichtet! Denn so wie sie Euch liebt, darf sie Euch lieben sonder Sünde.«

»Ich habe schon eine Frau!« rief Friedmuth sehr ungeduldig.

»Das ist gerade, was wir bestreiten! – Das heißt: – Ihr habt eine, so lang Ihr wollt. Nur von Euch hängt es ab: – ein Wort, ein Wink, und Frau Wulfheid wird sehr klar gemacht, daß sie keinerlei Recht an Euch, über Euch, gegen Euch hat. – Bitte, laßt mich ausreden und werft mich erst dann aus diesem Zelt. – Es ist ja ganz richtig: Ihr seid vor fünf Jahren in der Capelle des heiligen Albuin zu Brixen mit der Erbtochter der Fragsburg bei Markt Meran im Etschthal getraut worden. Und Ihr heißet seither Ritter von Fragsburg, statt wie ehedem von Schänna. Ich will nun hinunterschlucken, daß die herbe Frau ihre guten sieben Neujahrskerzen mehr geopfert hat – wenn sie nicht zu geizig war! – oder doch opfern konnte, als Ihr. Ich will auch die Kinder hinunterwürgen, die sie Euch nicht geboren hat –«

»Was geht das Euch an!«

»Allerdings, mich weniger als Euch. – Aber man hat, Fleisch und Blut und Menschenart betrachtet, alle Ursache anzunehmen – ›der Most riecht stark nach seinen Trauben‹ – sagen wir Weinschänken.«

»Was?«

»Ich war nämlich,« fuhr Sebastian hastig fort, »im Zustand meiner sündhaften Weltlichkeit jenem feuchten und allerlei Lastern zugänglichen, aber nicht langweiligen Gewerk zugezünftet. – Also, man hat Ursach', anzunehmen, daß –! Nun, Euere nächsten Freunde, Herr Hermann und Herr Walther, haben es dem Kaiser, der Einem Alles aus der Seele Grunde fragen kann, wenn er es mit seinem Adlerblick darauf anlegt, einbekannt, daß recht leichtlich eine andere Frau gefunden werden möchte, die besser zu Euch paßte als des gestrengen Herrn Wulfgang gestrengere Frau Tochter. Ja, man flüstert: noch niemals haben Leute, die euch beide beisammen gesehn, gefunden, Ihr seiet gut gepart. – Nun wohlan: es kostet Euch nur ein Wort – nein, nicht ein Wort, wenn Ihr es nicht gern aussprecht – nur einen Wink – nur ein Blinzeln mit dem einen Auge – mit dem rechten – so! – oder mit dem linken – sehet so! – und sie wird von der Kirche für nichtig erklärt, diese Scheinehe.«

»Scheinehe?«

»Ja, Un-Ehe. Denn Ihr beiden seid vor Eurer Verlobung Pathen des Kindes des Grafen von Tirol gewesen. So ist Eure sogenannte Ehe, sobald Ihr wollt –«

Er konnte nicht vollenden.

Der lang angesammelte Zorn des Ritters brach jetzt los: er schien ihm in die Fäuste gefahren zu sein: wenigstens entlud er sich hier: mit einem kräftigen und wenig ehrerbietigen Stoß schleuderte er den erstaunten Redner an die Eingangslücke des Zeltes; hier blieb der niedere Schemel liegen: sein bisheriger Besitzer flog noch etwas weiter; er ward im Zelt nicht mehr gesehen.

Ein ziemlich ungeistlicher Fluch ward draußen vernehmbar.

Friedmuth warf sich mürrisch auf die andere Seite.

»Alle sagen sie's: wir passen nicht zusammen. Aber wirklich, Alle. – Ach was! Ich habe noch Keine gesehen, die besser zu mir paßte.« –

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