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Felix Dahn

Felix Dahn: Felix Dahn - Kapitel 27
Quellenangabe
authorDie Kreuzfahrer.Erster Band
titleFelix Dahn
publisherDruck und Verlag von Breitkopf und Härtel
printrunFünfte Auflage
year1888
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161018
projectid0efacea9
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Zwölftes Capitel.

»Ja, von dir und deinen Fahrten! Aber,« forschte der Bauer, »was ist denn nun bei all der Müh' des Kaisers und seines Heers herausgekommen für die Christenheit? – Kam neulich ein Bettel-Mönch durch den Markt Meran, bettelte und predigte dabei und verfluchte den Kaiser: denn der habe Freundschaft mit dem Heidensultan geschlossen.«

»Das ist wahr.«

»Er sei sogar – ganz im Geheimen – selbst zu dem Abgott Mohamed übergetreten.«

»Das ist gelogen,« riefen Hezilo und Böppele zusammen.

»Wenn's im Geheimen war, woher weiß es denn der Pfaff?« fragte der Schwabe pfiffig.

»Und,« fuhr der Bauer fort, »die Franciscaner haben nicht nur auf den Kanzeln, sie haben auf der Landstraße, in den Herbergen, wo irgend nur ihnen die Gaffer zuhören mochten, den Herrn Kaiser so arg verlästert, als sei er schlimmer als mein böser Fuchshengst. Ich hab' es nicht viel geachtet. Aber ist es denn wirklich wahr, daß der Kaiser alles Recht der Christen im heiligen Lande schimpflich aufgegeben hat?«

»Das ist aber einmal so arg gelogen,« rief Böppele giftig, »daß ich mich schäme, je Pfaffenkleid getragen zu haben.«

»Hat dir nicht viel geschadet, noch genützt,« meinte Hezilo.

»Vielmehr ist unsere Kreuzfahrt mit Ruhm also zu Ende gegangen. Bald nachdem ich dem Kaiser die Heiden-Burg hatte stürmen helfen, kam der lang verhandelte Friede mit dem Sultan Kamil von Ägypten zu Stande. Und dieser Friede ist eine wahre Victoria für die ganze Christenheit! So sagten mir Herr Hermann von Salza und Herr Walther und der Herr von Freyberg. Oder vielmehr: sie redeten darüber mit einander, während ich ihnen Wein zutrug; denn sie waren oft bei mir zu Gast im Lager. Nie vorher hat eine Kreuzfahrt mit den mächtigsten Heeren so viel erreicht wie unser kluger Kaiser durch seines Geistes Kraft allein: denn wir zählten nicht elftausend Helme in Allem! Und diese zehntausend achthundert hatten ihm bis auf Wenige den Gehorsam versagt, nachdem des Papstes Verbot verkündet war. Eine Zeit lang sah's aus, als verließen ihn Alle, außer den Deutschen. Da aber hielt er eines Abends eine lange Zwiesprach mit Herrn Hermann, der ihm einen großen Brief geschrieben hatte. Und am Morgen darauf verkündeten die Lagerherolde, der Herr Kaiser habe, dem Gebot des heiligen Vaters folgend, den Heerbefehl gehorsam abgegeben, aber nicht an die vom Papst ernannten zwei Stellvertreter, sondern an unsern Herrgott droben im Himmel: der sei doch noch mehr als der Papst und alle Stellvertreter des Papstes. Und richtig: von da ab erließ er alle Befehle nicht mehr im eignen Namen, sondern im Namen Gottes, und der Christenheit: – und nun gehorchten wieder Alle: die Templer scheinbar auch. Der Sultan aber erschrak, als der Kaiser nun gegen ihn aufzubrechen drohte, schloß Frieden und überließ dem Kaiser Jerusalem, Bethlehem, Nazareth, Rama und alles Land zwischen Jerusalem, Sidon, Tyrus und Akkon, das ganze alte Reich Jerusalem, wie es einst bestanden hatte, aber längst an die Heiden verloren war. Und nun zog der Kaiser alsbald feierlich ein in Jerusalem.

Da er immer noch gebannt war, wohnte er dem Gottesdienst nicht bei. Herr Hermann von Salza war's, der ihn mit weiser Rede hiervon abbrachte. Aber Tags darauf nahm der Herr Kaiser die Krone des Königreichs Jerusalem, das er erst wieder geschaffen hatte, mit eigner Hand vom Altar und setzte sie sich feierlich auf's Haupt. Und der Hochmeister verlas vor allem Volk eine gar herrliche Vertheidigung des Herrn Kaisers wider alle Angriffe des Papstes. Aber siehe da! Am folgenden Morgen erschien der Herr Erzbischof von Cäsarea und belegte gar lieblich im Namen des Patriarchen Gerold von Jerusalem –«

»Ja, hat man denn diese beiden Mordverräther nicht gestraft?« fragte Hezilo ganz zornig.

»O nein! Denn sie gestanden, was sie nicht leugnen konnten: sie hätten den Kaiser auf jener Burg gefangen nehmen, nicht jedoch ihn morden lassen wollen. Ihn gefangen zu nehmen, – wenn sie nämlich konnten! – seien sie aber sogar verpflichtet, da er mit dem heiligen Vater in offenem Kriegszustand lebe. Nun also, der von Cäsarea belegte das heilige Grab und alle heiligen Örter und die ganze Stadt mit dem Interdict, verwarf den Frieden mit dem Sultan im Namen des Papstes, und erklärte, besser verbleibe das gelobte Land den Heiden, als diesem Hohenstaufen. Sofort weigerten abermals die Templer den Gehorsam: ja sie schrieben dem Sultan von Ägypten, der Kaiser werde demnächst zur Taufstätte Christi an den Jordan wallfahren mit ganz geringer Schar: dort könne man ihn greifen oder tödten. Der Sultan – er und der Kaiser halten fest am Vertrag – schickte das Schreiben dem Kaiser, auf daß er sich vor falschen Freunden hüte. Da gebot unser Herr, daß fortab kein Templer ohne kaiserliche Erlaubniß die heilige Stadt betreten oder verlassen dürfe, baute die Mauern von Jerusalem wieder auf, bestellte der Veste einen tapfern Marschalk und schiffte sich schleunig ein. Denn die Schlüsselhelden des Papstes richteten ihm einstweilen sein ganz apulisch Reich zu Schanden. Und ich war einer der Allerersten an Bord: denn ich hatte genug an dem heiligen Land und übergenug. Und trug große Sehnsucht nach Frau Zahme und nach dem Lindenbaum im Haus-Garten bei meinem Weinschank zu Boblingen.«

»Heilige Jungfrau,« seufzte das Mädchen, »wie schwer ist es doch für alle Christen, wenn Papst und Kaiser widereinander toben! Weißt du, wie ich mir helfe. Hezilo? Ich bete für alle Beide.«

»Daran thust du recht.« sagte dieser. »Aber bete ein Vaterunser mehr für den Papst.«

»Warum? Hältst du's nicht eher mit dem Kaiser?«

»Ebendeßwegen! Bete, daß der Herr den Papst erleuchte und zum Frieden neige sein hartes Herz.«

»Ja, und was ein schlicht Gewissen ganz beruhigt,« sprach der Bauer, »alle Bischöfe und Äbte hier im ganzen Bergland geben dem Herrn Kaiser Recht und dem Herrn Papst Unrecht. Zumal auch unser Oberhirt, Herr Heinrich von Taufers. Seit der zu Brixen waltet, – s'ist noch nicht lang, – wehrt er den Bettelmönchen streng, die wider den Herrn Kaiser predigen wollen: er sperrt sie ein oder überweist sie dem Grafen Albert von Tirol, oder den Andechsern zu Eppan: die sind scharf kaiserlich.«

»Ja, die Bettelmönche!« zürnte der Schwabe. »Wie viele, viele Tausende haben die doch in den heiligen Krieg gehetzt, die meist besser zu Hause geblieben wären. Aber jetzt will's ihnen nicht mehr stark gelingen. Der rechte Hitzeifer für die Fahrt in's Morgenland, auch für die Gaben für's heilige Grab ist den Leuten vergangen: zumal sie oft merken, in welch' unheilige Hände ihre Spenden gelangen. Einer – ein deutscher Ritter aus Frankenland, ein Herr von Aufseß – ist umgekehrt, just in Rom. Seine fromme Frau Mutter hatte das kostbarste Erbstück des Geschlechtes,, einen goldenen Becher, dem Dominicaner gegeben, der gar so kläglich bettelte, zum Einschmelzen. Ungern sah's der heranreifende Sohn. Als er wehrfähig geworden, ruhte die Mutter nicht, bis er das Kreuz nahm. Der junge Ritter kommt nach Rom. Da hört er in einem Reb-Garten vor dem Thore, der dem Cardinal Castus von Albano gehört, Becherklang, Lautenspiel und kicherndes Lachen übermüthiger Weiber. Neugierig guckt der junge Herr über die Steinwand. Da sieht er den Cardinal in einer Rosenlaube sitzen, inmitten von drei Hübschinnen: eine hockt auf des Hochwürd'gen Schos und trinkt ihm zu aus goldenem Becher. Mit einem Satz war der Deutsche über der Mauer, riß der Kreischenden den Erbbecher seiner Ahnen aus der Hand, stieß ihn dem Pfaffen in das rothe Gesicht und sprach: »Ich bin der Kurt von Aufseß! Und ich zieh' hinweg mit diesem Becher. Aber nicht nach Jerusalem, sondern heim, nach Frankenland. Dort mag der heilige Vater mich und den Becher holen, wenn er will.«

»Ich halte mich an meinen Bischof,« sprach der Bauer ernsthaft.

»Und ich mich an Herrn Walther,« rief der Böppele, »der hat ein Lied gemacht, das –«

»Ja wohl,« fiel Hezilo ein, »ich hab's auf den heißen Straßen im Morgenland und in Wälschland gar oft von den deutschen Rittern und Reisigen singen hören. Von Joppe, wo ich die ersten, bis Mailand, wo ich die letzten Verse hörte.«

»Wie lautet's wohl?« fragte das Trinele. »Ich höre gar gern Alles, was Herr Walther singt: – wenn ich's auch manchmal nicht verstehe, es klingt immer so fein.«

»Wurde bald viel gesungen, und abgeschrieben von den guten Pfaffen, von denen, die zum Kaiser stehen, und heißt also.«

Und der Böppele hob an:

»Herr Herzog, nein! Nie werd' ich eigen!
Was Fürstendienst und Hofesruhm!

Frei muß ich singen oder schweigen:
Das Lied kennt nicht Vasallenthum.

In meinem Herzen mahnt ein Klingen:
Freund Walther, bleib' dir selber gleich:

Laß andre Preis den Fürsten singen,
Du sing den Kaiser und das Reich!«

Und Hezilo fiel ein:

»Spart, Cardinal, die fromme Rede:
Die Treu' ist mir die frömm're Pflicht!

Des Staufers Fehd' ist meine Fehde,
Ich fürchte Papst und Hölle nicht.

Wer zagt, daß er des Himmels fehle,
Der beuge sich des Bannes Streich,

Mir ist nicht bang um meine Seele,
Steh' ich zum Kaiser und zum Reich.«

»Das gefällt mir,« sagte der Alte bedächtig.

»Das will ich hoffen,« rief der Schwabe. »Jedoch – die ganze Zeit überleg' ich's – ich meine alleweil' –, ich sollte, – ich denke, – ich könnte doch auch das Meinige thun, Herr Friedmuths Burg zu schützen. Er war zwar ziemlich unsanft gegen mich: er gab mir, da ich ihn zuletzt aufsuchte, gar raschen Abschied. – Aber um Herrn Walthers, seines Freundes willen –«

»Willst du vielleicht an unserer Seite fechten und wieder einen Heiden fangen?« lachte Hezilo. »Die bösen Vettern haben keine Mohren.«

»Nein – aber ich will doch sehen, ob ich nicht, – doch still, ich muß mir's überlegen! Jetzt aber bin ich müde, sehr müde: – der Wein ist auch ausgetrunken: – so weise mir irgendwo eine Lagerstatt auf gutem Stroh, Hezilo! Ich geh' mit dir in deinen Außenhof hinüber. Heb' dich! Nimm Abschied von der Kleinen!« – Und er rückte das knie-kurze Wamms zurecht, schnallte den Gürtel, den er gelockert hatte, fester, und griff nach dem spitzen Filzhut mit der breiten Krämpe, den er auf den Boden geworfen hatte.

»So gehen wir,« rief Hezilo aufspringend. »Zum ersten Mal seit Jahren schlaf ich wieder unter dem eignen Dach! – Gute Nacht, du viel Liebe! Gute Nacht, Vater.« – Und er umarmte die Braut, drückte dem Bauer die Hand und führte den Gast in seinen Hof. –

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