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Felix Dahn

Felix Dahn: Felix Dahn - Kapitel 25
Quellenangabe
authorDie Kreuzfahrer.Erster Band
titleFelix Dahn
publisherDruck und Verlag von Breitkopf und Härtel
printrunFünfte Auflage
year1888
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161018
projectid0efacea9
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Zehntes Capitel.

Nämlich eines Morgens war wieder ein ganzer Schwarm von Kriegern und andern Pilgern ausgeschifft worden in Joppe; und nachdem sie sich von der Seefahrt erholt, verlangten sie eine Predigt. Waren viele Deutsche darunter. Da mußte eben der Böppele wieder dran! Und zwischen der Stadt und dem Lager stand ein Palmbaum: unter den hatten sie mir ein hoch Faß Wein geschoben – leider war es so leer und dürr und durstig wie die Wüste! – und ein altes Steuerruder quer drüber gelegt. Und war das schon oft meine Kanzel gewesen. Diesmal hatte ich eine besonders fromme Hörerschaft: denn Wirzburger waren's und Rothenburger von der Tauber. Und auch viele Weiber waren darunter, aber meistens recht reife. Denn die jungen sind minder fromm: an Main und Tauber wie anderwärts. Und sehr bald, nachdem ich angefangen, zu lehren und zu mahnen und nur ein Weniges über die Schlechtigkeit der Welt gescholten hatte – gar nicht arg: nur wie's sich halt gut macht, von der Kanzel her – da fing ein altes Weiblein aus dem Dorfe Hedingsfeld bei Wirzburg, das dicht vor mir saß, zu weinen an. Das hatte ich bisher nie erzielt! Gar nie noch! Es gefiel mir. Nein: es rührte mich selber. Und nun fing ich an, die Farben greller zu mischen, und dicker aufzutragen als sonst – sowie etwa auf den Kreuzwegen an den Bildstöcken die Höllenflammen aufgemalt sind: – bald weinte die zweite, dritte! Es freute mich, es machte mich stolz! Ich ward immer eifriger. – Da sah ich auch einen alten Mann, einen Pilger, mit weißen Haaren, der sich die Augen wischte. Und scharf schaute ich nun dessen Nachbar an. Das war ein junger Bursch, ein Pfeilschütz, mit langem Bogen und Köcher; der wollte noch durchaus nicht weinen, sah vielmehr ganz munter drein. Da ärgerte ich mich. Und nun schilderte ich das unschuldige Leiden und Sterben des edeln Jünglings Sebastianus so ergreifend – und wie er auch so schlank und so viel schön gewesen: da weinten auch die jüngeren Frauen! – und wie ihn die grausamen Heiden mit ihren Pfeilen langsam zu Tode schossen, bald auf die Schulter, bald auf die Rippen, bald auf die Beine zielend – noch nie hatt' ich's so arg schön gemacht! Da auf einmal weinte und schluchzte und heulte die ganze Versammlung: – auch der hartnäckige Pfeilschütz, auf den ich es besonders abgesehen, wischte sich die Augen und faßte seinen Bogen fester – und eine Frau warf sich an der andern Brust, und den Männern liefen die Zähren langsam, langsam über die bärtigen Wangen. So was hatte ich nie, nie erlebt!

Nun bin ich aber eine gute Seele. Und kann die Menschen nicht weinen sehen noch hören, absonderlich nicht die Weiber. Und sie jammerten mich, die weichen Herzen, die wackern Kerle und braven Frauen: und ich erschrak über all den Erfolg, den ich da angerichtet.

Und heiß fiel mir ein, daß ich, da ich doch nicht geweiht war, gar nicht das Recht hatte, sie überhaupt weinen zu machen!

Und endlich: ich wußte ja die ganze Geschichte nur vom Hörensagen! Der Bergamaske hatte mir das halt so erzählt! Und wie's der alten würdigen Frau vor mir fast das Herz abstoßen will vor Schluchzen, da halt' ich's nicht mehr aus und rufe recht laut: »Amen! – Aber weint doch nicht so, Leuteln. Wer weiß, ob 's wahr ist.« –

Da entstand zunächst ein großes Schweigen! –

Das Weinen hörte auf, wie mit Einem Schlage. – Die Leute dachten offenbar über diese Warnung nach. – Aber nicht lang! – Denn auf einmal ging es durch die Reihen wie ein brausendes Gemurre. Und die Alte aus Hedingsfeld, die am wüstesten geweint hatte, sprang auf, ballte eine Hand voll Sand, schrie: »Was? Du willst uns hier weinen machen und ist vielleicht gar nicht wahr?« Und warf den Sand wider meinen Mund. Und viele lärmten wider mich. Aber doch hätte ich's wohl noch wieder gewendet: denn des Kaisers Saracenen, die kein Wort Deutsch verstanden, aber aus Faulheit dalagen und sich sonnten, und wußten, daß mich der Kaiser gern leiden mochte, die hätten mich geschützt. Aber, aber! Da trat aus der schreienden Menge Einer vor – ich hatte ihn früher nicht bemerkt: – und wie ich den sah, da erbleichte ich.

Denn es war der Bergamaske, der Sebastian.

Aber nicht todt, sondern ganz lebendig war er, und der schwang sich neben mich auf das breite Ruderbrett und sprach zuerst zu mir: »Daß du mich für todt verlassen, – ich bin aber gar nicht gestorben, – verzeihe ich dir. Daß du dich für einen Priester des Herrn ausgiebst, – das geht den Herrn an – nicht mich; daß du meine Predigt hältst, meine beste, fast meine einzige, – verzeih' ich dir auch: – denn der Mensch ist schwach. Daß du aber von meiner Predigt sagst, sie sei vielleicht nicht wahr, – siehst du, Schwab, das verzeih' ich dir nicht! Denn das ist zu stark! Leute,« schrie er nun, »der ist gar kein Pfaff. Alle, die er begraben, getraut und absolvirt, sind nicht begraben und nicht absolvirt und nicht getraut!« – Arg ertobten da viele Weiber. – »Denn er ist gar kein Mönch und kein Priester: er ist ja der Weinschänk von Boblingen!« –

Da war es aus! Ganz aus! Ich hüpfe über Einiges hinüber, was mir nun widerfuhr.

Ich schrieb noch ein par Briefe – einen ließ ich durch einen Saracenen des Kaisers bestellen, den meine Beredsamkeit dem Heidenthum entrissen und dem rechten Glauben zugeführt hatte, – und schied rasch, – recht rasch!«

»Aber, wo wolltet Ihr Euch hinwenden?« forschte der Bauer.

»Nun,« fuhr der Schwabe, nach einigem Zögern, fort, – »bei den Christen war meines Bleibens nicht mehr! – Ich wollt' es nun einmal mit den Heiden versuchen.«

»Aber Böppele!« rief Katharina und ruckte weiter von ihm ab.

»Versteht mich recht! Nachdem ich Einen bekehrt, – konnt' ich ja vielleicht noch mehr Heiden bekehren.

Und dann hatte ich erfahren, daß es bei den Heiden allerlei gute, gemächliche Posten gebe, die ihren Mann nähren, ohne ihn allzu vielen Gefahren auszusetzen. So ritt ich auf meinem Boten-Eselein – es gehörte freilich dem Kaiser, aber der hatte mehr als das Eine! – in die Wüste, den Heiden entgegen, gar nicht böse, falls sie mich griffen. Und sehr bald griffen sie mich! Wohl trug ich weltliche Kleider – der gute Baier aus der Holledau hatte mir sein altes Wamms geschenkt für die letzte Absolution. Er hatte, übrigens aus reinem Versehen, in ganz kleinem Geräufte, einen Tuchhändler aus Arras erschlagen und, nachdem der Arme doch einmal todt war, dessen fein brabantisch Wamms ausgezogen, bevor der unnütz damit begraben würde.

Im Rucksack hatte ich freilich – für alle Fälle, wenn ich nämlich wieder zu den Christen umkehren müßte, – des Franciscaners und des Cisterciensers Gewand. Aber die hätten mich nicht verrathen: ich schwor bei Muhamed und bei Christus, daß beide mir gar nicht gehörten, – die reine Wahrheit! – ich sie nur einmal auf der Straße aufgelesen hätte! Aber die Tonsur! Die verfluchte heilige Scheerung – die gab Zeugniß gegen mich ab, – falsches Zeugniß obenein! O wie verfluchte ich des Bergamasken Scheere, und jenen Spiegel-Bach!

Denn eilfertig rissen sie mir, sobald sie mich gefaßt hatten, den Pilgerhut vom Kopf – sahen die Tonsur – schlugen mich derb darauf, – erklärten, ich sei ein Priester und schleppten mich in die Felsenburg, wo mir aber der heilige Sebastian diesen tugendsamen Jüngling zum Retter vorbestimmt hatte.

Als ich nun – nach recht mühsam verborgner Angst! – auf seine Fürbitte des Lebens gesichert war, sagte ich dem dicken Wälschen Constantino, ich sei ganz gern bereit, zu bleiben. Denn abgesehen von dem Pfählen, und dem lebendig den Geiern geben, von dem sie immer zu mir gesprochen, hatte mir, nachdem ich begnadigt war, Alles, – zumal auch die Verköstigung, – sehr wohl gefallen. Ich sagte ihm also, ich sei eigentlich mit Vorbedacht unter die Heiden gefallen, indem daß ich Aufseher und Wächter des Frauengemaches der Burg werden wolle. Denn dies war mir stets als ein nahrhafter und wenig kämpfereicher Posten geschildert worden. Auch waren zwei Haremswächter, die ich gesehen bei Gesandtschaften, ganz auffallend feist gewesen.

Aber da erfuhr ich, daß der Eintritt in dies Vertrauensamt gar nicht ohne Weiteres Jedermann freistehe, sondern – kurz: sofort brach ich alle Verhandlung ab und ritt sehr rasch aus der Burg. Denn der Renegat meinte lachend, am Ende könnten mich die Heiden beim Wort nehmen und mich zum Wächter machen, ohne mich viel zu fragen, ob mir die Ceremonien dabei gefielen oder nicht. Ich eilte. –

Sie führten mich, auf der Herrin Befehl, zu der Vorhut der Christen. Es waren Ritter vom deutschen Hause; und bei ihnen traf ich auch den milden, den sangesfrohen Mann: Herrn Walther von der Vogelweide.«

»Den segne Gott, – wie ihn die Vöglein segnen,« rief das Trinelein.

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